Der asymmetrische Krieg des George W. Bush


11.09.2006

Bei Kriegsbeginn ist in der Regel der Angreifer im Vorteil. Er bestimmt die Richtung, er entscheidet über die Schlagkraft – und damit überrascht er in aller Regel den Gegner. Das war im Prinzip auch am 11. September 2001 so, und doch war es anders. Der Schlag gegen das World Trade Center und andere Ziele in den USA war nicht als Erst-, sondern als eine Art Solitärschlag gedacht. Ein Überraschungsschlag zwar, aber ihm folgte keine ausgedehnte Offensive. Er sollte seine Wirkung entfalten und tat das auch. Aber er war nicht der Anfang eines Feldzuges, dessen folgende Operationen bereits klar auf der Hand lagen. Auch diese sollten Überraschungsschläge sein, nicht voraussehbar und daher durch Präventivmaßnahmen kaum zu verhindern. Damit begann das, was heute ein asymmetrischer Krieg genannt wird.
Die Amerikaner antworteten darauf jedoch so, wie sie es gewohnt waren – mit einem »symmetrischen« Krieg. Fast genau vier Wochen später eröffneten sie die Schlacht in Afghanistan, wo sie die Hintermänner des 11. September vermuteten Und schienen recht zu behalten, denn nach weiteren gut vier Wochen waren die Taliban aus Kabul vertrieben. Noch vor Jahresende wurde Hamid Karzai, der amerikanische Statthalter, als Regierungschef inthronisiert. Die Zerschlagung von El-Qaida schien damals ebenso nur noch eine Frage der Zeit wie die Ergreifung Bin-Ladens.Beides ist bis heute aber nicht gelungen, und auch der Ausgang des Krieges in Afghanistan scheint derzeit offener denn je. Die USA jedoch glaubten mit solch geradezu religiöser Unbeirrbarkeit an die Schlagkraft ihrer Waffen, an die führende Rolle des Militärischen, dass sie vor Warnungen, Mahnungen, anderen Erwägungen ihr Ohr verschlossen und auf politische oder gar wirtschaftlich-soziale Maßnahmen zur Bekämpfung des Terrorismus weitgehend verzichteten. Die Kriegsmaschinerie würde es schon richten. Ein Jahr nach Nine-eleven verkündete George W. Bush seine neue »Nationale Sicherheitsstrategie«, die weltweite, präventive Militärschläge vorsah. Aber eben die konnten in diesem asymmetrischen Krieg dem Gegner wenig anhaben.

Allerdings war damit auch ersichtlich, dass der Kampf gegen den Terror sehr schnell mit der Durchsetzung eigener politischer und ökonomischer Interessen, zunächst im Nahen Osten, verquickt wurde. Die Gier nach Öl ließ den Blick der US-Administration nach Irak schweifen. Lange schon wollte man dessen Ressourcen unter seine Kontrolle bringen, den – früher durchaus hofierten, inzwischen aber ungeliebten – Diktator Saddam Hussein ausschalten. Also folgte auf die Theorie bald die Praxis: Am 20. März griffen amerikanische und britische Truppen den Irak an – und das alles, wie heute sogar der US-Senat einräumen muss, obwohl Saddam Hussein nie Kontakte zu El-Qaida unterhielt.

Doch zunächst schien wieder alles nach Plan zu gehen. Schon nach drei Wochen war Bagdad erobert. Überall setzten sich die Invasoren fest. Ende 2003 wurde Saddam Hussein in einem Erdloch gefunden. Eine Übergangsregierung wurde gebildet, eine Übergangsverfassung erarbeitet. Alles schien gut, zumindest auf gutem Wege.

Heute wissen wir, dass das ganze Gegenteil der Fall ist. Weniger noch als Afghanistan haben die USA und ihre Verbündeten Irak unter Kontrolle. Trotz der Anwesenheit von 140000 amerikanischen und 7000 britischen Soldaten herrscht in Irak ein Bürgerkrieg, wie jetzt das Pentagon einräumen musste, während Bush es immer noch bestreitet. Bei Anschlägen im Lande wurden in den vergangen fünf Jahren Zehntausende Menschen getötet; allein in Bagdad sollen es nach Angaben des irakischen Gesundheitsministeriums im Juli 3500 und im August 1041 Opfer gewesen sein. Die Zahl der Anschläge wächst ebenfalls unaufhörlich. 800 pro Woche errechnete das Pentagon in seinem aktuellen Bericht. Alle Pläne eines Truppenrückzugs mussten aufgegeben werden; im Gegenteil, der Einsatz der US-Soldaten wurde verlängert. Sie aber haben Mühe, sich selbst zu schützen; offensive Aktionen gegen irakische Kämpfer sind kaum noch möglich und wenn, dann von wenig Erfolg gekrönt. Es ist absehbar, dass die USA eines Tages – wie schon aus Vietnam – in Schimpf und Schande das Land verlassen müssen.

Die Gründe für dieses amerikanische Dilemma liegen vorrangig im schon genannten unerschütterlichen Glauben an militärische Macht. Auch nach Vietnam haben die USA nicht begriffen, dass ein Volk im Kampf gegen fremde Aggressoren und ihre einheimischen Quislinge eine Kraft entwickelt, die selbst mit modernster Militärtechnik und ausgeklügeltsten Computer-Taktiken nicht zu überwinden ist. Das irakische Volk betrauert die Opfer des Bürgerkriegs, doch es sieht keinen anderen Weg, die Invasoren wieder los zu werden.

Aber mehr noch: Die USA sind in Irak – wie generell im Anti-Terror-Kampf – auch deshalb in die Defensive geraten, weil sie mit ihrem Anspruch, auf den Bajonettspitzen die Demokratie zu bringen, total scheiterten. Der Terror ist seit dem 11. September nicht etwa eingeschränkt worden, sondern hat sich erst recht ausgeweitet. 5650 islamistische Angriffe zählten penible Statistiker in den vergangen fünf Jahren. Auch hier liegen die Ursachen im falschen Ansatz bei der Bekämpfung des Terrors – militärische Aggression, Repression und Abbau von Menschenrechten statt Eingehen auf die sozialen und wirtschaftlichen Ursachen der großen Kluft, die weltweit zwischen Arm und Reich entstanden ist. Nicht zufällig hat gerade dieser Tage der frühere US-Präsident Clinton verlangt, den internationalen Terrorismus mehr durch Entwicklungshilfe als durch Kriege zu bekämpfen. 300 Milliarden Dollar habe sich die Regierung allein den Irak-Krieg bisher kosten lassen, doch nur wenig mehr als zehn Milliarden für nichtmilitärische Hilfe in der Welt ausgegeben. Und Ex-Verteidigungsminister Cohen verwies jüngst darauf, wie sehr die USA nach der Tsunami-Katastrophe vor knapp zwei Jahren an Ansehen gewannen, weil ihre Kriegsschiffe in der – islamisch geprägten – Katastrophenregion einmal nicht Raketen abfeuerten und Flugzeuge mit Bomben starten ließen, sondern humanitäre Hilfe leisteten.

Die USA hatten ihre Glaubwürdigkeit hinsichtlich einer »demokratischen Mission« in Irak schon verspielt, als sich ihre Kriegsgründe als lügnerisch erwiesen. Mehr noch aber schlug zu Buche, dass die Vereinigten Staaten und im Prinzip auch ihre Verbündeten im Krieg gegen den Terror viele ihrer anerkannten demokratischen Traditionen verleugneten und über Bord warfen. Vier Wochen nach dem 11. September wurde das »Ministerium für Heimatschutz« geschaffen, das umfangreiche Vollmachten zur Einschränkung demokratischer Rechte erhielt. Am 26. Oktober 2001 unterzeichnete Bush das »Patriot Act«, das das Abhören von Telefongesprächen, die Überwachung von Kommunikation im Internet, den Zugriff auf geschäftliche und persönliche Daten und Hausdurchsuchungen erleichterte. Anfang 2002 wurde das Gefangenenlager in Guantanamo eingerichtet, das Amnesty International als »Gulag unserer Zeit« bezeichnete. Dort, in irakischen und geheimen CIA-Gefängnissen weltweit, die der Präsident jetzt erstmals zugab, wurde gefoltert. Zur gleichen Zeit schränkten auch fast alle europäischen Länder die Recht ihrer Bürger drastisch ein – ohne freilich damit weitere Terroranschläge zu verhindern.

George W. Bush wollte einen »symmetrischen« Krieg führen – und den klar gewinnen. Es ist ihm aber ein asymmetrischer Krieg aufgezwungen worden, der keinen klaren Sieger kennt und deshalb auch nie endet, so lange man auf den konventionellen Wegen bleibt. Militärisch sind die USA in diesem Krieg nicht zu besiegen, aber sie können ihn auch nicht gewinnen und müssen zugleich eine empfindliche Schwächung ihrer internationalen Positionen hinnehmen. Das zeigte sich schon, als sie nur eine lächerliche Truppe von »willigen« Koalitionären gegen Irak mobilisieren konnten. Das zeigt sich jetzt wieder im Nahost-Konflikt, auf den sie faktisch keinen wesentlichen Einfluss mehr nehmen können, weil sie als ehrlicher Makler längst nicht mehr anerkannt sind.

Hinzu kommen die ungeheueren finanziellen Aufwendungen, die der Anti-Terror-Krieg bereits verschlungen hat und die noch zunehmen werden. Neben den 300 Milliarden Dollar, die der Irakkrieg schon verschlang, kostete der Afghanistan-Einsatz bereits bis zu 140 Millionen, und Experten schätzen, dass die Ausgaben an der Billionen-Grenze nicht Halt machen werden. Dies kann auch eine so starke Volkswirtschaft wie die amerikanische auf Dauer schwer treffen und dadurch die soziale Situation im Lande, ohnehin bereits angespannt, weiter zuspitzen. Bush hat zwar schon ganz überwiegend die Welt gegen sich, kann aber derzeit noch auf die Anhängerschaft zu Hause rechnen. Wie lange aber noch, wenn sich die Wirtschaft des Landes auf Talfahrt begibt?

Im asymmetrischen Krieg ist das militärische Schlachtfeld nur die eine, vielleicht nicht einmal wichtigste Kampfzone. Wesentliche Auseinandersetzungen spielen sich anderswo im politischen, ökonomischen, rechtlichen, kulturellen, ethisch-moralischen Raum ab. Damit aber ist die gegenwärtige US-Administration ganz offensichtlich überfordert, was nichts Gutes für die Zukunft verheißt.

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