Wer bedroht die Deutsche Oper?



Der Vorgang scheint beispiellos, ist aber typisch dafür, wie in Deutschland Politik gemacht wird. Da erhält die Intendatin der Deutschen Oper mitten in ihrem Urlaub (Gefahr im Verzuge!) einen Anruf des Berliner Innensenators höchstpersönlich, der ihr mitteilt, nach einem »anonymen Hinweis« setze sie ihr Haus einem »Sicherheitsrisiko von unkalkulierbarem Ausgang für Mitarbeiter und Publikum« aus, wenn sie die Mozart-Oper »Idomeneo« in der Interpretation Hans Neuenfels‘ demnächst wieder zur Aufführung bringe. Und er schlägt auch gleich vor, wie zu verfahren sei: Entweder Änderung der Inszenierung oder Absetzung des Stückes. Kirsten Harms tut das einzig Vernüftige; sie verweigert den Eingriff in die künstlerische Freiheit eines Regisseurs und setzt das Stück ab. Denn Ehrhart Körting hatte mit keinem Wort davon gesprochen, was er als Innensenator zu tun gedenke, um die Bedrohung abzuwehren. Von der Berliner Ordnungsmacht derart allein gelassen, blieb der Intedantin keine andere Wahl.
Es war also nicht zuerst Frau Harms, die vor angeblichen Drohungen zurückwich, sondern die Polizei mit ihrem obersten Dienstherrn. Mehr noch: Körting und seine Leute nutzten den Vorgang, der auf einem einzigen anonymen Telefonanruf beruhte, zu antiislamischer Hetze. Ohne jeden Beweis erweckten sie den Eindruck, Moslems könnten nicht nur die Aufführung des Mozartwerkes stören, sondern gleich das ganze Opernhaus in die Luft sprengen. (Oder wie ist Körtings seltsamer Hinweis zu verstehen, er liebe die Deutsche Oper und wolle, dass sie auch in Zukunft noch an ihrem Ort stehe?) Tatsächlich jedoch hatte es nie eine kritische Bemerkungen von Islamisten gegen »Idomeneo« gegeben. Vielmehr waren Proteste bei der Premiere besonders laut geworden, als die Titelfigur neben den abgeschlagenen Häuptern von Poseidon, Buddha und Mohammed auch jenes von Christus präsentierte. Der logische Schluss darauf wäre gewesen, Gefahren wenn überhaupt, dann durch Ausschreitungen fundamentalistischer Christen zu befürchten; immerhin hatte der Papst bei seiner kürzlichen Reise nach Bayern die Diffamierung die Diffamierung des Glaubens kritisiert.
Aber nicht nur für Körting war der Hintergrund der »Bedrohung« von vornherein klar, auch fast alle anderen Politikern und die meisten Medien zeigten sofort reflexhaft in Richtung Islam. Besonders tat sich Bayerns Innenminister Beckstein hervor, der von »islamistisch-extremistischer Agitation gegen die Meinungsfreiheit in unserer Gesellschaft« sprach. Wie gesagt, ohne jeden Beweis. Durch solche pauschale, diskriminierende Ausgrenzung hier lebender Moslems wird das gesellschaftliche Klima angeheizt und eine Bedrohungssituation erst künstlich geschaffen. Schon ist davon die Rede, dass erst durch die aktuellen Vorgänge die die Bedrohung der Oper »immens gestiegen« sei.

Siehe auch:
Florian Rötzer: Billige Suche nach einem Sündenbock (Telepolis v. 27.09.06)
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/23/23632/1.html

Birgit Walter: Jetzt heißt es: Köpfe retten (Berliner Zeitung v. 28.09.06)
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/print/feuilleton/590261.html
Harald Jähner: „Idomeneo“ soll wieder aufgenommen werden (Berliner Zeitung v. 28.09.06)

Hilfsangebot (Berliner Zeitung v. 28.09.06)
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/print/feuilleton/590258.html

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