Abwicklung nach Treuhandart


Ein Trost ist es für die einst von Abwicklung betroffenen Beschäftigten ehemaliger DDR-Betriebe gewiss nicht, aber die damaligen Methoden sind nun auch im Westen angekommen. Anfang der 90er Jahre hatte die Treuhandanstalt DDR-Unternehmen, darunter durchaus noch gut lebensfähige, für symbolische Summen an neue Investoren verkauft und ihnen in der Regel noch erhebliche »Fördermittel« nachgeworfen. Diese nahmen das Geld gern, doch ihre vollmundigen Zusagen auf Modernisierung der Betriebe und Platzierung im Weltmarkt erwiesen sich schnell als Schall und Rauch. Waren die Treuhandgelder aufgebraucht, stand in der Regel die Insolvenz ins Haus, die Mitarbeiter wurden entlassen, der Betrieb ging kaputt. Und der Käufer hatte sich einer unerwünschten Konkurrenz entledigt.  

Das Muster erlebt dieser Tage Wiederauferstehung – nicht zwischen Elbe und Oder diesmal, sondern im bayerischen München und im Bocholt und Kamp-Lindfort in Nordrhein-Westfalen. Statt der Treuhand agiert der Siemens-Konzern, der im Vorjahr seine defizitäre Handy-Sparte an den taiwanesischen Hersteller BenQ »verkaufte« und noch 250 Millionen Euro dazulegte. »Die Zahlung sehen wir als Investment, um das Geschäft zukunftsträchtig fortzuführen und den Mitarbeitern Chancen für eine positive Zukunftsgestaltung zu geben«, ließ Siemens-Chef Kleinfeld vernehmen – fast bis in die Wortwahl hinein die gleichen Sprüche wie jene der Treuhand vor 15 Jahren.
Und auch was folgte, ist allzu bekannt. Die Mitarbeiter ließen sich auf Arbeitszeitverlängerungen und Lohnkürzungen ein, um ihre Arbeitsplätze zu erhalten. Doch das BenQ-Management hatte ganz andere Pläne, die jetzt, wo das Siemens-Geld verbraucht ist, Realität werden. Die Firma produziert ihre Handys in Asien und meldete für die hiesigen Produktionsstätten Insolvenz an. 3000 Arbeitsplätze stehen zur Disposition.
Hilflos agiert die Politik – so hilflos wie in den 90ern in Ostdeutschland. Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber sieht den »unternehmerischen Anstand« verletzt, und sein nordrhein-westfälischer Kollge Jürgen Rüttgers spricht gar von einer »großen Sauerei«. Vor 15 Jahren haben sie ob der Nöte Tausender abgewickelter Arbeiter im Osten oft nur die Schultern gezuckt und auf die Gesetze der Marktwirtschaft verwiesen. Die sind nun bei ihnen angekommen, und jetzt sagt ihnen der Siemens-Boss, was allein zählt: »Geschäft ist Geschaft.«

Siehe auch:


Kurt Stenger: Wut bei BenQ-Mitarbeitern (Neues Deutschland v. 30.09.06)
www.nd-online.de/artikel.asp
Thomas H.Wendel: »Eine große Sauerei« (Berliner Zeitung v. 30.09.06)
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/print/wirtschaft/591064.html?keywords=BenQ

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