Die finsteren Seiten der Freiheit

Nach dem Amoklauf eines 18-Jährigen an einer Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen haben wieder die Psychologen Konjunktur. Sie sollen erklären, wie es dazu kam – und natürlich tun sie es vor allem vom Täter her, geheimnissen allerhand in seine Biografie hinein und blenden weitgehend aus, dass auch er zuerst und vor allem ein Produkt der Gesellschaft war, in der er lebte. Dabei geht es nicht um Erscheinungen dieser Gesellschaft, also zum Beispiel Gewaltvideos, sondern um ihr Wesen. Gewaltvideos lieferten dem Amokläufer lediglich die Vorlagen, die Anleitungen dafür, wie er das, was bereits in ihn hineingepflanzt war, so wirkungsvoll wie möglich realisieren konnte.

Hineingepflanzt aber worden ist ihm zum Beispiel der Gedanke grenzenloser Freiheit. Dass es nur von einem selbst abhänge, ob man etwas werde und was. Man müsse nur entschlossen seine Chance ergreifen und sie wahrnehmen. Dass dies in der Regel mit unbedingtem Durchsetzungsvermögen, mit Egoismus, mit Rücksichtslosigkeit zusammenhängt, wird meist nicht gesagt, liegt aber in der Natur der Sache. Bastian B. hat diesbezüglich seine Grenzen schnell erfahren; man muss nur seine Texte auf der – inzwischen gesperrten – Homepage lesen, um zu sehen, wie sehr ihn der Widerspruch zwischen dem, was ihm vorgegaukelt wurde und was ihm wirklich möglich war, umtrieb. So griff er zu einem immer beliebter werdenden Mittel, auch ein Stück von der großen Freiheit abzubekommen, zur Gewalt. Seine Tat ist gewiss die Spitze des Eisbergs, aber darunter liegen all die täglichen Gewalttaten, mit denen wir es zu tun haben – Gewalt unter Jugendlichen, gegen Lehrer und Eltern, den Partner, die Kinder, letztlich auch den Staat.

Zur Gewalt greifen in der Regel jene, die ein anderes Mittel zur Änderung ihrer Lage nicht sehen. Auf höheren Ebenen drücken sich Durchsetzungsvermögen, Egoismus, Rücksichtslosigkeit meist anders aus – in Korruption bis hinein in Konzernetagen, in überhöhten Managergehältern, in Steuerhinterziehung, gnadenlosem Konkurrenzkampf, Massenentlassungen, sogar in scheinbar akzeptierten Vorgängen wie der Einführung von Niedriglöhnen oder der Abschaffung des Ladenschlusses.

Auch all dies ist Ausdruck jener grenzenlosen Freiheit, die uns vor allem die Wirtschaft predigt, immer öfter unterstützt von Politikern. Man erinnere sich nur an Angela Merkels Floskel in ihrer Regierungserklärung, man müsse »mehr Freiheit wagen«. Dass die Freiheit der einen stets auch die Unfreiheit der anderen ist, wird dabei übersehen, und wenn sich die Benachteiligten ihr Stück Freiheit auch irgendwie nehmen wollen, sind alle zutiefst betroffen und rufen nach den Psychologen oder dem Gesetzbuch. Vielleicht sollten sie zuerst sich selbst befragen, was für eine Gesellschaft sie propagieren; inwieweit also sie selbst Verantwortung dafür tragen, was um sie herum geschieht.

Siehe auch:

Dunkle Spuren im Netz (Berliner Zeitung vom 21.11.2006)

http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/print/tagesthema/605497.html

Hans Dieter Schütt: Letztes Kapitel: Unglück. Vom Amoklauf zu Ladenöffnungszeiten – ein kühner Schritt?
(Neues Deutschland vom 23.11.2006)

www.nd-online.de/artikel.asp

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