Henrico Frank, der Dissident

Für das Lexikon ist der »Dissident« ein Freidenker, ein Religionsloser, ein Abweichler. In der DDR galten Dissidenten als »feindlich-negative Kräfte« und wurden entsprechend behandelt. Sie wurden in der Regel von ihren Arbeitsstellen entlassen und mussten sich mit Gelegenheitsjobs ihr Dasein fristen, was den Staatsorganen die Chance gab, sie als faul, arbeitsscheu, asozial zu diffamieren. Dass sie sich mit anderen Dissidenten zusammenschlossen, um dem staatlichen Druck zu widerstehen, legte man ihnen als »feindliche Gruppenbildung« aus. Sie wurden als eine Art Fremdkörper im gesunden Organismus der sozialistischen DDR dargestellt, was bei der Bevölkerung einen gewissen Erfolg hatte; selbst in Wendezeiten konnten die nun in ihrer politischen Aktivität nicht mehr behinderten Dissidenten kein besonderes Ansehen erringen, wie besonders exemplarisch die Volkskammerwahlen im März 1990 zeigten. Schließlich wurden Zwangsmaßnahmen gegen Dissidenten ergriffen, wurden sie verhaftet, vor Gericht gestellt, verurteilt und im besten Falle in den Westen abgeschoben.

Im wiedervereinigten Deutschland gab es Dissidenten nicht mehr – schon deswegen, weil nun jeder seine Meinung sagen konnte und dafür nicht verfolgt wurde. Kann es sein, dass sich dies – wie so vieles andere in den vergangenen 17 Jahren – gerade ändert? Am 12. Dezember dieses Jahres wagte es ein 37-jähriger Ex-DDR-Bürger, der jetzt in Hessen wohnt, den SPD-Bundesvorsitzenden Kurt Beck öffentlich dafür verantwortlich zu machen, dass er bereits seit sechs Jahren arbeitslos ist und mühselig vom ALG II lebt. Dieser Mann, Henrico Frank, trug lange Haare, einen ungepflegten Bart und sah auch sonst nicht sehr vertrauenerweckend aus. Also empfahl ihm der erste Sozialdemokrat der Bundesrepublik: »Wwenn Sie sich waschen und rasieren, haben Sie in drei Wochen einen Job.« Dieses Angebot hätte Henrico Frank annehmen können und wäre wohl heute – dank des weit reichenden Einflusses von Kurt Beck – in Lohn und Brot.

Doch Frank entschied sich, Dissident zu werden. Vielleicht erschien es ihm schäbig, aufgrund der Zufallsbekanntschaft mit einem prominenten Politiker an all den anderen Arbeitslosen vorbei in einen Job zu kommen. Vielleicht fühlte er sich korrumpiert, hatte er doch zuvor schon in Arbeitslosen initiativen mitgearbeitet und wollte sich seine Solidarität nicht abkaufen lassen. Vielleicht aber missfiel ihm einfach auch nur die generös-herablassende Art des Kurt Beck ihm gegenüber. Und so verhielt sich Henrico Frank ganz ähnlich wie vor fast zwei Jahrzehnten die Dissidenten in der DDR – und muss nun erleben, dass er teilweise auch so wie diese behandelt wird.

Weil er die Gnade eines SPD-Vorsitzenden und Landes-Ministerpräsidenten nicht zu schätzen wusste, wird ihm nun Faulheit, Abzockerei unterstellt, er als »Zecke«, als der »frechste Arbeitlose« Deutschlands bezeichnet. Wegen seiner Mitarbeit in Arbeitlosenverbänden zeiht ihn ein anderer Sozialdemokrat, der so genannte arbeitsmarktpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Klaus Brandner, zwar noch nicht der »feindlichen Gruppenbildung«, aber er macht ihn doch verantwortlich für eine mögliche weitere Verschärfung der Hartz-IV-Gesetze: »Die Skandalisierung der Arbeitslosenverbände beflügelt diejenigen, die auf härtere Maßnahmen drängen.« Die Botschaft: Verhalte sich ruhig, falle nicht auf – und alles wird gut. Ganz in diesem Sinne wurde auch in der DDR auf Dissidenten »eingewirkt«. Schließlich die Isolierung vom gesunden Volkskörper. War dafür in der DDR eher die Parteiinformation und nur in Ausnahmefällen die Presse zuständig, so übernehmen jetzt einschlägige Medien diese Aufgabe. Und wieder mit Erfolg von FDP bis PDS.Die Linke. Schon sollen sich in der SPD-Zentrale empörte Briefe über Henrico Frank häufen (so wie früher entsprechende Stellungnahmen der Werktätigen beim SED-Zentralkomitee) und »Bild« posaunt: »Das macht Millionen Deutsche sauer«.

Zwar gibt es Zwangsmaßnahmen gegen den Dissidenten Henrico Frank noch nicht, aber die Geschichte ist auch noch nicht zu Ende. Vielleicht ist ja sein zuständiges Polizeireiter schon aufmerksam geworden, vielleicht beobachtet der Verfassungsschutz sein Tun und Lassen. In Zeiten erhöhter Wachsamkeit gegen Terroristen aller Art ist da nichts auszuschlie0en. Denn Dissidenten mag jeder Staat allenfalls bei anderen, nicht jedoch im eigenen Land.

Siehe auch:

Faulenzer! Abzocker! (Bild.de vom 20.12.2006)

www.bild.t-online.de/BTO/news/aktuell/2006/12/20/arbeitsloser-becks-westerwelle/arbeitsloser-beck-westerwelle.html

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