Noël Martin – ein Leben im gewöhnlichen Rassismus

Chronik eines angekündigten Mordes

Heute vor elf Jahren wurde auf den aus Jamaika stammenden Briten Noël Martin in Mahlow bei Berlin ein Anschlag verübt, der ihn zum querschnittsgelähmten Krüppel machte. Am 23. Juli wird Noël 48 Jahre alt, und für diesen Tag hatte er angekündigt, freiwillig aus einem Leben zu scheiden, das für ihn keinen Wert mehr hat. Außer vielleicht einem letzten – mit der Darstellung seines Schicksals möglichst viele Menschen wachzurütteln. Deshalb hat er ein Buch geschrieben, das vor zwei Monaten im von Loeper Literaturverlag erschien: »Nenn es: mein Leben«.Es ist der erschütternde Report nicht nur der Tat von Neonazis in der brandenburgischen Provinz, sondern über ein ganzes Leben im gewöhnlichen Rassismus. Noël wollte nach oben, heraus aus Armut und Erniedrigung. Gelungen ist es ihm trotz eines kleinen Wohlstandes nicht wirklich, und am Ende brach ihm der Rassismus das Genick – nicht nur im übertragenen Sinn. Sein Bericht handelt von Arroganz und Feindseligkeit, Aggressivität und Verachtung der Weißen gegenüber Schwarzen. Und er handelt von Resignation und Verzweiflung, aber auch von Aufbegehren, Mut und Hoffnung. Er ist aktuell weit über Noël Martins Schicksal hinaus.

 

Am Anfang steht ein Angsttraum. Noël ist klein, und der Katcherman verfolgt ihn, auf Jamaika, in seiner Heimat. Der Katcherman ist für den Knirps, was bei uns mitunter noch der »Schwarze Mann« ist, etwas Böses, eine Gefahr. Für Noël aber ist der Katcherman ein »Mann, der völlig weiß ist. So einen Menschen hat Noël noch nie gesehen. Der Mann starrt ihn an, mit Augen, die merkwürdig blau sind – und kalt wie Eis. In seiner Hand hält er ein langes Messer.«
Ein Produkt der Einbildung, vielleicht der Reflexion nach einem Leben schlimmer Erfahrungen mit Weißen? Gewiss nicht nur, denn auch die Cousine Gene rennt davon, und jeder im Dorf weiß von solchen Männern. »Weiße Männer aus Florida, die nach Jamaika kommen und Kinder misshandeln.« Schon hier die Bedrohung durch Leute mir anderer Haut, selbst hier, wo er fast nur unter seinesgleichen lebt. Er spürt sie noch mehr, als seine Mutter nach fünf Jahren aus England zurückkommt – eine Frau, die so anders ist als die geliebte Patentante, seine Onkel und Vettern, die ihn aufzogen und mit denen sie ständig streitet: »Sie rümpft die Nase auf eine Art und Weise, die Noël noch nie gesehen hat. Als ob sie etwas Besseres wäre, weil sie in England gewesen ist.« Sie ist nie zufrieden mit ihm, prügelt ihn, hat kein Mitleid. »Diese Frau aus England, die seine Mutter sein soll, hat alles verändert. Dabei hatte er mit England immer etwas Positives verbunden. Wie kann aus England so ein gemeiner Mensch kommen?«
Die glücklichen Tage auf Jamaika sind vorbei. Als er zehn Jahre ist, nimmt die Mutter Noël mit nach England. Er hat noch immer große Erwartungen in dieses Land, in das die Verwandten ziehen, weil es dort Arbeit gibt, aus dem sie Geld nach Hause schicken … Aber was findet er? »In jedem Hinterhof steht ein Toilettenhäuschen. Er denkt an die schmutzigen asphaltierten Straßen, die er gestern gesehen hat. Das kann nicht England sein, denn England ist so schön wie das Paradies. In England sind die Straßen mit Gold gepflastert … Das hat er jedenfalls gedacht. Wahrscheinlich sind sie noch gar nicht in England. Heute geht die Reise bestimmt weiter.«
Aber die Reise geht nicht weiter. Noël muss die nächsten Jahre seiner Kindheit, den Großteil der Schulzeit in Birmingham verbringen. Hier muss er lernen, in feindlicher Umwelt ums Überleben zu kämpfen. Noël Martin tut es auf seine Weise. Immer, wenn er sich schlecht behandelt fühlt, und das ist oft so, rastet er aus, schlägt zu, wirft mit Steinen, greift gar zum Messer. Immer wieder wird er von der Schule verwiesen, die ihn von Anfang an wie einen hoffnungslosen Fall behandelte. Er landet in einem Heim für Schwererziehbare, wo man die jungen Leute ganz sich selbst überlässt.


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Hier beginnt Noël zu arbeiten, bastelt aus Holzabfällen einen Tisch, verrichtet bei den Erziehern des Heims Handwerksarbeiten, hilft Alten und Gebrechlichen bei Reparaturen. Er arbeitet auf Baustellen, meist umsonst, einfach, um etwas Nützliches zu tun. Das aber soll man sehen. »Er trägt sein Werkzeug in einem Rucksack, den er unten mit Zeitungen ausgestopft hat. Damit das Arbeitsgerät oben herausguckt. Abends, wenn er mit dem Bus nach Hause fährt, sollen die Leute denken: ›Das ist ein Mann, der arbeitet.‹ Das ist ihm Bezahlung genug.«
Noël Martin beginnt etwas aus seinem Leben zu machen. Er sucht sich einen Job und fängt ganz unten an. Er lernt dazu. Verdient bald auch mehr. Er bringt sich – learning by doing – den Beruf des »Gipsers«, des Verputzers bei, besucht dazu die Abendschule. Dann beginnt er mit Pferdewetten – und hat tatsächlich das Glück des Tüchtigen. Pferde haben ihn schon von Kindheit an interessiert, aber für eine intensivere Beschäftigung fehlten ihm bisher Geld und Gelegenheit. Jetzt holt er das nach. »Er studiert ihre Herkunft. Er weiß, welche Böden für welche Pferde am günstigsten sind. Er informiert sich über Jockeys, ihre Pferde und ihre Rennen. Und außerdem hat er einfach Glück.« Soll er mit Pferdewetten sein Geld verdienen? Noël traut dem dauerhaften Glück nicht, aber sich selbst: »Ich weiß hundertprozentig, dass ich durch Arbeit und Fleiß Geld verdienen kann. Also werde ich arbeiten.«
Er arbeitet; nach oben aber kommt er nicht. Auftraggeber betrügen ihn um sein Geld. Dann bezichtigt ihn die Birminghamer Polizei eines Mordes. Er ist schwarz, also muss er schuldig sein. Daraus macht der vernehmende Polizist kein Hehl. »›Sie sind ein Schwar- zer‹, sagt er. ›Sie tragen ein Messer bei sich.‹ ›Im Dschungel oder hier in England?‹, fragt Noël. ›Versu- chen Sie nicht, den cleveren schwarzen Bastard zu spielen‹, sagt der Polizist. ›Sie können mir nicht in die Augen sehen. Sie sind schuldig wie sonst was und wir werden Sie hinter Gitter bringen, genauso wie die anderen Schimpansen … Ihr schwarzen Bastarde denkt, ihr könnt hier ins Land kommen und dann tun, was ihr wollt.‹«
Langsam kommt Noël Martin voran. Er und Jacqui, seine weiße Freundin, arbeiten hart. Sie kaufen ein Haus, vermieten Zimmer. Noël verdingt sich im Ausland, verputzt Häuser in Spanien und Holland. Schließlich nimmt er einen Auftrag in Deutschland an, in Mahlow. Mehrere Wohnblocks sind zu verputzen, eine lukrative Sache. Doch der Rassismus lauert auch hier. »Die Leute auf der Straße starren ihn an, als ob sie noch nie einen Schwarzen gesehen hätten. Noël ignoriert es einfach, wenn er angeglotzt wird. Er weiß, dass er auffällt, wenn er sich zum Ausgehen schick anzieht und mit seinem Jaguar unterwegs ist. Er weiß genau, was die Leute denken: ›Woher hat dieser Neger diese schicken Klammotten? Woher hat er den Wagen?‹ In Ihren Köpfen passt das nicht zusammen. Genauso war es schon in England. Die Weißen dachten immer, dass schwarze Männer in vornehmen Azügen nur Drogendealer oder Zuhälter sein können.«


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Die Weißen – für Noël Martin sind sie Rätsel und Bedrohung zugleich. »Hüte dich vor den Weißen«, hatte ihm bereits der Vater eingeschärft. »Das Töten liegt ihnen im Blut.« Noël mochte es nicht glauben, sah er doch, »dass die meisten Weißen ganz normale Menschen sind, vor denen er keine Angst zu haben braucht«. Aber es gab immer auch die anderen, viel zu viele. »Das Leben auf der Straße hat ihn gelehrt, wachsam zu sein. Sobald er weiße Männer auf sich zukommen sieht, versucht er die Situation einzuschätzen. Wird er mit diesen Typen fertig? Wenn er sich unsicher ist, geht er auf die andere Straßenseite. Wenn die Weißen ebenfalls die Seite wechseln, weiß er, dass er ein Problem hat.«
So auch am 16. Juni 1996. Martin hat seine Arbeit in Mahlow fast beendet, er und seine Kollegen rüsten sich für die Heimreise. In einer Telefonzelle vor dem Bahnhof telefoniert er mit seiner Frau. »Dann sehen sie die Neonazis. ›Nigger, Nigger!‹ Sobald sie die schwarzen Männer bemerkt haben, fangen sie an, sie zu beschimpfen. Arthur und Michael wollen sich mit ihnen prügeln. ›Nein‹, sagt Noël. ›Steigt ein. Wir ignorieren diese Scheißkerle.‹ Er fährt los, an einer Baustelle vorbei. Dort steht ein Mann mit einem Stein in der Hand. Noël denkt sich nichts dabei … Dann rast ein Auto heran und will seinen Jaguar überholen … Er hört ein knacken- des Geräusch und denkt an die Pistole, die er bei den Neonazis gesehen hat. Dann hat ihn der Wagen überholt. Er fährt direkt vor seinem Jaguar auf die rechte Spur … Er kommt von der Straße ab. Die linken Räder des Jaguar drehen durch. Dann läuft ein Film in seinem Kopf ab, schwarz-weiß und im Zeitlupentempo … Er spürt den Schlag in seinen Füßen.«
Er schwebt zwischen Leben und Tod, kommt durch, aber die Diagnose ist beinahe so schlimm wie der Tod: »Er ist vom Hals abwärts gelähmt. Die Wirbelsäule ist im Genick gebrochen … Er fühlt nichts mehr. Er kann sich nicht bewegen.« Zwar werden die Täter gefasst und verurteilt, erhalten Gefängnisstrafen von fünf bzw. acht Jahren. Sie sind längst wieder frei, doch »ihr Opfer bekommt lebenslänglich. Lebenslänglich im Rollstuhl«.
Und Noël Martin bleibt weiter der Mensch zweiter Klasse. Zwar ist er britischer Staatsbürger, doch seine Regierung tut nichts für ihn. Eine private Hilfsorganisation bringt ihn schließlich nach England zurück. Dort muss er lernen, dass auch Behinderung und Pflegebedürftigkeit Gründe für Ausgrenzung sind. »Erst nach langem Hin und Her bekommt er einen Rollstuhl, der perfekt an seinen Körper angepasst ist. Genauso schwierig ist es, ein spezielles Gelkissen, ein geeignetes Bett, eine Rampe für den Rollstuhl, eine Hebevorrichtung und physiotherapeutische Geräte zu besorgen …«
Dann trifft Noël ein weiterer schwerer Schlag. Seine Freundin erkrankt unheilbar an Krebs. Er glaubt, dass Jacquis schmächtiger Körper das Leid nicht verarbeiten konnte. Sie wollen heiraten, doch die Braut liegt im Krankenhaus. »Er sitzt neben ihrem Bett, während der Pfarrer die Hochzeitszeremonie vornimmt. Durch seine Tränen kann er sehen, dass sie seine Hand in ihrer Hand hält. Er kann sie nicht spüren. Er kann seiner Frau keinen Kuss geben, er kann sie nicht in den Arm nehmen, um sie in ihrem Schmerz zu trösten. Zwei Tage später ist sie tot.«


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Was bleibt Noël Martin? »Nicht leben, sondern existieren«, nennt er eins der letzten Kapitel seines Buches, in dem er so akribisch wie schonungslos den Tagesablauf eines bis zum Hals Querschnittsgelähmten schildert. Und doch will er lange diesem »Existieren« noch einen Sinn geben. Als er 2001 zum fünften Jahrestag des Anschlags nach Mahlow eingeladen wird, fliegt er trotz aller Beschwernisse hin und ruft dazu auf, ein Programm ins Leben zu rufen, das Jugendliche aus Birmingham und Mahlow zusammenbringen und ihnen zeigen soll, »wie Menschen verschiedener Herkunft zusammenleben können. Ich möchte, dass sie sehen, dass Schwarze, Weiße, Inder, Chinesen, Muslime, Juden, Christen, Reiche und Arme alle derselben Rasse angehören. Der menschlichen Rasse. Ich möchte, dass sie lernen, dass sie keinen Hass gegenüber einem Menschen haben müssen, der eine andere Hautfarbe hat als sie selbst.«
Der Noël-und-Jacqueline-Martin-Fonds entsteht, und inzwischen sind junge Leute aus Brandenburg dreimal in Birmingham gewesen, junge Briten kamen zweimal hierher. »Straßenfußballturniere für Toleranz« fanden in Birmingham und Potsdam statt. Noël Martin hat noch einmal eine Aufgabe. Er stellt sich ihr. Zum zehnten Jahrestag des Anschlags fand in Mahlow eine Gedenkkundgebung statt. Martin schickte ihr eine Botschaft, die wie ein Vermächtnis klang: »Manche fragen: ›Wurdest du angegriffen, weil du schwarz bist?‹ Da gibt es kein ›Vielleicht‹. Das ist eine Tatsache. Der Rassismus hat mir alles genommen … Rassismus – soll das mein ganzes Leben gewesen sein? Bitte, lassen Sie so etwas nie wieder zu. Und achten Sie bitte darauf, dass Ihre Kinder nie jemandem so etwas antun …«
Da hatte Noël Martin seinen Todesentschluss schon gefasst. Wenn man nicht mehr in Würde und Selbstachtung leben könne, sei es »besser, die Verantwortung für sich zu übernehmen«. Doch Würde und Selbstachtung heißt für ihn auch, noch so viel wie möglich zu erreichen. Er will juristisch absichern, dass sein Besitz auch künftig gemeinnützigen Zwecken dient. Und er will für eine bessere Verwaltung seiner Stiftung sorgen. Den angekündigten Termin in gut fünf Wochen hat er verschoben. Denn Verantwortung bedeute auch: »Wissen, wann deine Zeit um ist.« Noch ist ein Stück Hoffnung in Noël Martin.

Alle Zitate stammen aus Noël Martins Buch
(Veröffentlicht in: Neues Deutschland vom 16.06.2007)

 

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