Kurzer Prozess. Honecker & Genossern – ein Staat vor Gericht? Teil 3

In diesen Tagen vor 15 Jahren fand in Berlin der Prozess gegen Erich Honecker und drei weitere Angeklagte aus der DDR-Führungsriege statt. In zwei Beiträgen wurde bereits an dieses Ereignis erinnert. Heute folgte ein weiteres, das dritte Kapitel – auf der Grundlage des 1993 im Verlag Elefanten Press erschienenen Buches »Kurzer Prozess. Honecker & Genossen – Ein Staat vor Gericht?«, das nicht mehr im Handel ist.

Die Angeklagten

Wenn die Idee zur materiellen Gewalt wird. . .

Am 3. Oktober 1989 war für Erich Honecker und sein Politbüro, die fünf Mitangeklagten des Moabiter Prozesses eingeschlossen, die Welt noch in Ordnung. Man traf sich mit alten Kampfgefährten, mit Widerstandkämpfern und Aktivisten der ersten Stunde, wie es offiziell hieß. An Jahren zumeist nicht jünger als die Gastgeber, riefen diese ergrauten und fast nur noch in ihrer Vergangenheit lebenden Gäste jene Erinnerungen wach, denen man im Alter gern nachhängt und die die schöne, aber auch gefährliche Eigenart haben, darüber die Mühen der Gegenwart zu vergessen. Und ganz in diesem Sinne schwelgte an jenem Abend auch Erich Honecker in Reminiszenzen: »Kaum jemand von uns konnte sich wohl 1949 in vollem Ausmaß vorstellen, welchen Aufstieg unser sozialistischer Staat bis heute nehmen würde – in politischer, ökonomischer, sozialer und geistig-kultureller Hinsicht.« Doch dann fügte er hinzu, vielleicht von dunklen Vorahnungen umgetrieben – und es klang wie das forsche Pfeifen im finsteren Wald: »Damals fehlte es auch nicht an Untergangs-Propheten. Dabei wussten sie ganz genau, dass ihre Prophezeiungen auf Sand gebaut waren.«

Es sollten nur noch wenige Wochen vergehen – und die alten Voraussagen trafen nach nunmehr 40 Jahren doch noch ein. Das allerdings vorauszusehen, fehlte damals nicht nur Honecker und seinem Zirkel die Vorstellungskraft. In seiner Verteidigungsrede vor Gericht am 3. Dezember sagte er: »Ich weiß nicht, ob das alles noch rational zu erklären ist. Vielleicht bewahrheitet sich hier das alte Wort: Wen Gott vernichten will, den schlägt er zuvor mit Blindheit.« Damit meinte er jedoch keineswegs das eigene Schicksal, sondern prognostizierte die Folgen des gegen ihn geführten Prozesses für die jetzt Herrschenden – wie sich zeigte, nicht ganz unzutreffend. Wenn er aber nicht einmal heute begreift, was ihm geschah und warum, wie die Welt heute aussieht und funktioniert, wie konnte er dann 1989 voraussehen, dass er sich lediglich drei Jahre später derart massiven und gravierenden Anschuldigungen ausgesetzt sehen würde, wie es im Gerichtssaal 700 des Berliner Landgerichts der Fall war?

Die Biographien des Ex-Generalsekretärs der SED wie seiner Kameraden auf der Anklagebank offenbaren keinen besonderen Hang zu krimineller Energie. Im Gegenteil: Sie zeigen von Herkunft und früher Entwicklung Menschen, die – zumeist einfach strukturiert, geradlinig und ehrlich – kaum dazu zu taugen schienen, eine nach Ansicht der Anklage verbrecherische Laufbahn einzuschlagen. Später dann weisen die Lebensläufe durchaus Brüche auf, verraten sie Entscheidungen der heute zur Rechtfertigung gezwungenen Männer, die fortschrittlichen und humanistischen Maßstäben nicht immer standhalten. Vieles, was sie dann taten, kann durchaus als Verrat an früheren Idealen interpretiert werden. Manches trägt die Kennzeichen eines erheblichen Wirklichkeitsverlustes – mit allen tragischen Folgen, die daraus für andere dann erwachsen, wenn die Ignoranz mit großer Machtfülle gepaart ist. Schließlich ist einiges schlechthin irrational, im Widerspruch zum gesunden Menschenverstand.

Derlei Phänome bei Honecker und den anderen Angeklagten sind allerdings nicht auf diese beschränkt. Dass das Politbüro der SED mit seinen Apparaten so lange gegen alle Vernunft regieren konnte und selbst im Herbst 1989 nur zögernd in Frage gestellt wurde, ist auch die Schuld der Millionen Mitläufer – in der Partei, bei ihren Blockfreunden, aber auch in Massenorganisationen und vielen anderen gesellschaftlichen Gremien. Auch bei ihnen wirkte offensichtlich ein Faktor, der sie für viele Realitäten blind werden und manches gegen das bessere Wissen tun ließ. Auch sie müssen sich nach dem Warum fragen, nach Ursachen und Hintergründen forschen. Was führte Honecker und seine Genossen auf den Weg des Scheiterns? Wie wurden sie und viele andere, wie sie waren und zum Teil noch immer sind? Was bewirkte Handlungen, die – bei den Angeklagten – zum Gegenstand staatsanwaltschaftlicher Tätigkeit wurden und – bei vielen anderen – tiefe Gefühle der Scham und des Schuldbewusstsein hinterließen?

Die Absichten, die Ideale sowohl der Angeklagten wie vieler, die ihnen folgten, waren ohne Zweifel ehrenhaft. Sie wollten angesichts der Gebrechen der Gesellschaft, in der sie lebten, eine neue Gesellschaft aufbauen. Solange es dabei gegen das Alte ging, war das noch einfach. Die Schwierigkeiten begannen dort, wo an die Stelle des Zerstörten etwas Neues gesetzt werden musste, Konstruktivität und nicht nur Destruktion gefragt war. Hinzu kam, dass sich die alte Welt mit ihrer Teilentmachtung natürlich nicht abfinden wollte. Die Menschen wandelten sich auch nicht so schnell, wie das die ungeduldigen Funktionäre wünschten. Und es fehlten alle praktischen Erfahrungen für den Aufbau des unbekannten Neuen, von dem man nur wusste: Es sollte besser sein als das Hergebrachte.

Der erste, der vor dieser Aufgabe stand, war Lenin. Er stützte sich dabei lediglich auf eine Theorie, die ihm Marx und Engels hinterlassen hatten. Aus der präzisen Analyse der kapitalistischen Gesellschaft zogen diese den – bis heute nicht widerlegten – Schluss, dass sie zur Lösung der schon im 19. Jahrhundert herangereiften Probleme nicht tauge. Weit weniger präzis umrissen die beiden deutschen Bourgeois das Bild jenes Gemeinwesens, das an die Stelle der überlebten Ordnung treten sollte – und dennoch folgten ihrer Lehre bald Tausende, weil sie die Hoffnung hegten, ihr elendigliches Leben könnte sich verbessern. Die Oktoberrevolution 1917 in Russland stieß die alten Produktionsverhältnisse gründlich um und stand nun vor der Aufgabe, aus dem Nichts eine neue Wirklichkeit zu schaffen, die die Erwartungen der Völker erfüllte. Dies aber erwies sich als unmöglich, und Lenin blieb in dieser Situation nichts anderes übrig, als wie alle Umstürzler zu handeln: Er errichtete eine Diktatur, um die soeben errungene Macht festzuhalten, und machte dem Volk Versprechungen auf die bessere Zukunft, verbunden mit dem Aufruf zu selbstloser Arbeit, großen Anstrengungen und unerschütterlichem Glauben an ihn und seine neue Gesellschaft. Wie andere Weltverbesserer vor ihm (und nach ihm) wollte er materielle Defizite durch ideelle Luftschlösser kompensieren. Und dazu nutzte er das positive Beispiel jener Moskau-Kasaner Eisenbahner, die am Sonnabend, dem 10. Mai 1919, eine zusätzliche Arbeitsschicht leisteten und damit »die große Initiative« einleiteten, in der Lenin den Durchbruch zu jener neuen kommunistischen Gesellschaft sah, in der »einfache Arbeiter in selbstloser Weise, harte Arbeit bewältigend, sich Sorgen machen um die Erhöhung der Arbeitsproduktivität, um den Schutz eines jeden Puds Getreide, Kohle, Eisen und anderer Produkte, die nicht den Arbeitenden persönlich und nicht den ihnen >Nahestehenden< zugute kommen, sondern >Fernstehenden<, d. h. der ganzen Gesellschaft in ihrer Gesamtheit, den Dutzenden und Hunderten Millionen von Menschen . . .«

Dieser tragische Irrtum Lenins über die Natur des jahrhundertelang ganz anders erzogenen Menschen stand am Anfang des sozialistischen Experiments, womit – das wissen wir aber erst heute, auch weil wir es lange nicht wissen wollten – sein letztliches Scheitern vorprogrammiert war. Der hohe Rang, den fortan die Ideologie in den Gesellschaftskonzepten des »realen Sozialismus« einnehmen sollte, widersprach dabei der Grunderkenntnis marxistischer Philosophie vom Primat des Materiellen. Die vulgarisierende Interpretation von deren zentraler These »Das Sein bestimmt das Bewusstsein« führte – von Lenin bis Honecker – dazu, vorschnell einen Gleichklang von Produktionsverhältnissen und Bewusstseinsstand zu konstatieren bzw. anzunehmen, die grundsätzliche Übereinstimmung beider mache die Herstellung ihrer vollkommenen Kongruenz zu einer einfach lösbaren Aufgabe der geistigen Erziehung. Tatsächlich jedoch wies Marx selbst darauf hin, dass Bewusstsein des einzelnen in einer Gesellschaft mitnichten die platte Widerspiegelung des materiellen Seins ist, sondern vielmehr der Ausfluss des Denkens der jeweils herrschenden Klasse, also das Sein vermittelt wird durch die Gedanken der Herrschenden und somit seine exakte Widerspiegelung verwässert durch deren Machtambitionen. »Jede neue Klasse nämlich«, schrieb Marx in der »Deutschen Ideologie«, »die sich an die Stelle einer vor ihr herrschenden setzt, ist genötigt, schon um ihren Zweck durchzuführen, ihr Interesse als das gemeinschaftliche Interesse aller Mitglieder der Gesellschaft darzustellen, d. h. ideell ausgedrückt: ihren Gedanken die Form der Allgemeinheit zu geben, sie als die einzig vernünftigen, allgemein gültigen darzustellen.«

Diese Erkenntnis – in der DDR für die bürgerliche wie jede vorhergehende Klassengesellschaft durchaus anerkannt – wurde jedoch für den »realen Sozialismus« geleugnet, obwohl dieser vom Ideal einer klassenlosen Gesellschaft weit entfernt war. Tatsächlich aber galt im Kern auch hier, worin Marx das Elend der Ideologie in seiner Gesellschaft sah, nämlich die Unbedenklichkeit, »ob dieses oder jenes Theorem wahr sei, sondern ob es dem Kapital nützlich oder schädlich, bequem oder unbequem, ob polizeiwidrig oder nicht. An die Stelle uneigennütziger Forschung trat bezahlte Klopffechterei, an die Stelle unbefangener wissenschaftlicher Untersuchung das böse Gewissen und die schlechte Absicht der Apologetik.«

Aus solcher Weltsicht, aus der damit verbundenen Realitätsferne und – damit gepaart – dem Sendungsbewusstsein wahrer oder vermeintlicher Revolutionäre ergibt sich zwangsläufig eine Haltung, die am Ende darauf hinausläuft, den noch unvollkommenen, vor allem ziemlich unverständigen Menschen zu seinem Glücke zwingen zu wollen. Der Politologe Michael Schneider nennt dies »Gewaltidealismus« und schreibt: »Denn intentional wollten die einstigen kommunistischen Avantgarden, auch die führenden Männer der SED, das Beste für ihr Volk. Eben weil sie glaubten, im Besitz der objektiven Wahrheit der Geschichte zu sein, waren sie auch davon überzeugt, im Interesse des Volkes zu handeln.«

Der schwankende Kurs Sowjetrusslands in den ersten Jahren nach der Oktoberrevolution verrät, dass es durchaus Versuche gab, dem Weg eines solchen »Gewaltidealismus« zu widerstehen. Doch der Krieg mit Deutschland, das Ausbleiben des gerade von dort so sehnsüchtig erwarteten Schulterschlusses auf der gleichen revolutionären Basis, dann die Intervention der zuvor verbündeten Westmächte, der Widerstand im Innern, vor allem seitens der Kulaken und zaristischer Garden, zwangen viele Jahre zur Diktatur – zu lange, als dass diese Jahre nur als Episode im Prozess der Umwälzung hätten begriffen werden können. Für viele wurden sie zum Wesen der Revolution, und als Lenin 1921 mit der Neuen Ökonomischen Politik den Versuch unternahm, wohl nicht nur die wirtschaftlichen Schwierigkeiten in den Griff zu bekommen, sondern auch eine offenere Gesellschaft zu schaffen, mochten ihm viele nicht mehr mit innerer Überzeugung folgen. Seine auf dem Totenbett formulierte Warnung vor Stalin und dessen Hang, die in seinen Händen konzentrierte unermessliche Macht nicht vorsichtig genug zu gebrauchen, stieß auf taube Ohren. Als Lenin gestorben war, fiel gerade diesem Stalin die Aufgabe zu, über das weitere Schicksal des sozialistischen Experiments zu entscheiden. – und er tat es im Sinne der diktatorischen Machtausübung, die die ersten Revolutionsjahre möglicherweise objektiv verlangt hatten.

Sowjetrussland wurde zum kommunistischen Avantgardisten, schuf das Beispiel des Sozialismus, dem mangels anderer Entwürfe die Kommunisten aller anderen Länder nun nacheiferten. Auch in Deutschland, wo jetzt Honecker, Mielke und andere ihre ersten Schritte in die Politik taten, wurde das sowjetstalinistsche System zum Modell erklärt, seine Praxis studiert und daraus eine Theorie abgeleitet, die die marxistische Dialektik durch den Dogmatismus eines in sich und nach außen geschlossenen Gedankengebäudes ersetzte. Es war die letzte Jubiläumsfeier zur KPD-Gründung 1918, bei der Erich Honecker am 29. Dezember 1988 jenen Satz sprach, in dem er die DDR als »Zeugnis für die Tragfähigkeit der theoretischen, ideologischen und politischen Fundamente, die die Gründer der KPD legten«, bezeichnete und damit die Rückwärtsgewandheit seiner Politik noch einmal deutlich zum Ausdruck brachte.

Die weitgehend auf Stalins KPdSU fixierte Politik des »Thälmannschen ZK«, später die Jahre des Exils in der Sowjetunion selbst und die Erziehung der Kriegsgefangenen und Überläufer des Krieges gegen die UdSSR prägten diese Funktionäre, ob sie es wollten oder nicht, ganz im Sinne des Generalissimus. Dessen Theorie von der gesetzmäßigen Verschärfung des Klassenkampfes und sein tiefes Misstrauen gegen alle »Feinde« blieben nicht ohne Einfluss auf die heranwachsende deutsche Parteielite – zumal die Bestialität des Faschismus ein augenscheinlicher Beweis für die Gefährlichkeit und Zügellosigkeit des Imperialismus zu sein schien. Und als die deutschen Kommunisten nach 1945 im sowjetisch besetzten Osten ihres Vaterlandes selbst die Macht übernahmen, kannten sie nichts Sozialistisches als die in Stalins Reich gelernte Theorie und gesehene Praxis. An diesem Muster orientierten sie sich.- mehr oder minder sanft geführt von der Besatzungsmacht, die hier und in anderen osteuropäischen Ländern ein Regime nach ihrem Bilde zu etablieren gedachte.

Im Zentrum dieses politischen Konzepts stand stets die Frage der Macht. So war es folgerichtig, dass die 1945 aus Moskau nach Deutschland eingeflogene »Gruppe Ulbricht«, die KPD und die spätere SED ihr Hauptanliegen darin sahen, die Macht im ihrem Zugriff unterliegenden Teil Deutschlands zu erringen. In besagter Rede zum 70. Jahrestag der KPD-Gründung erklärte Honecker: »Alle anderen Errungenschaften des Sozialismus finden in der Macht des Volkes ihre Bestätigung. Niemals haben wir zugelassen, dass die Macht der Arbeiter und Bauern geschwächt wird . . . Deshalb haben wir jederzeit alles getan und tun auch in Zukunft alles, unser Hauptinstrument zur Gestaltung des Sozialismus, unseren Staat, zu festigen.«

Diese Macht sahen Honecker und sein Zirkel ständig bedroht, sowohl von innen als auch von außen. Gerade die jüngsten Äußerungen Honeckers verraten ein großes Misstrauen gegenüber jenem Volk, in dessen Namen er stets sprach. Schon in seinen Gesprächen mit Andert und Herzberg brachte er seine Enttäuschung über das deutsche Volk der 30er Jahre zum Ausdruck: »Aber wir hatten nicht die massenhafte Zustimmung des deutschen Volkes für die Hitlerregierung vorausgesehen.« Der Nationalsozialismus sei »von den Volksmassen bis zur Arbeiterklasse« getragen worden, »weil die Nazis einen Erfolg nach dem anderen an ihre Fahnen heften konnten. Das hat die nationalistische Stimmung geschaffen, die allen den Verstand raubte und dann zu einer massenhaften Zustimmung für die Hitlerregierung führte.« In seiner Erklärung vor dem Moabiter Gericht 1992 wurde er noch deutlicher: »1933 haben bekanntlich sehr viele Deutsche in freien Wahlen die NSDAP gewählt, und der Reichspräsident Hindenburg, der schon 1932 ebenfalls frei gewählt worden war, hat Adolf Hitler dann ganz demokratisch zum Reichskanzler berufen. . . Kaum war Hitler Reichskanzler, erlebte Deutschland sein erstes Wirtschaftswunder. Die Arbeitslosigkeit wurde überwunden, die Anrechtsscheine auf Volkswagen wurden verkauft, die kochende Volksseele führte zur Vertreibung und Ermordung der Juden. Das deutsche Volk war in seiner Mehrheit glücklich und zufrieden. Als der zweite Weltkrieg ausgebrochen war und die Fanfaren die Siege in den Blitzkriegen gegen Polen, Norwegen, Dänemark, Belgien, Holland, Luxemburg, Frankreich, Jugoslawien und Griechenland vermeldeten, kannte die Begeisterung keine Grenzen. Die Herzen fast aller Deutschen schlugen für ihren Kanzler, für den größten Führer aller Zeiten.«

Die Verbitterung über das Volk, das den Rattenfängern folgte und nicht den Kommunisten, bedingte große Skepsis bei Honecker, aber auch vielen anderen Widerstandskämpfern, die sich nach dem Kriege fortsetzte. Und die Entwicklung schien ihnen recht zu geben. Am 17. Juni 1953 wandte sich dieses Volk wieder gegen seine Regierung, die doch nur das Beste wollte, »verscherzte sich deren Vertrauen«, wie es Bertolt Brecht ironisch ausdrückte, um zugleich eine Lösung anzubieten: »Wäre es da nicht einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?«. 1961 dann das gleiche Bild. Die Bundesrepublik hatte aus verschiedenen Gründen ökonomische Überlegenheit erlangt und setzte sie als Köder ein: »Sie nutzte diese vielfache Überlegenheit gegenüber der DDR in jeder Hinsicht, besonders aber dadurch aus, dass sie DDR-Bürgern materielle Vorteile versprach, wenn sie ihr Land verließen. Viele DDR-Bürger erlagen dieser Versuchung und taten das, was die Politiker der BRD von ihnen erwarteten: Sie >stimmten mit den Füßen ab<. Der wirtschaftliche Erfolg verlockte die Deutschen nach 1945 nicht weniger, als er sie nach 1933 verlockt hatte.«

Diese auf der Verdummung des Volkes beruhende Verschwörung musste aus Sicht Erich Honeckers entlarvt und durchkreuzt werden. Eine im September 1961 in den Grenztruppen verbreitete »Argumentation zur verstärkten Sicherung der Staatsgrenze West« entsprach voll und ganz diesem ideologisch geprägten »Feindbild«: »Es muss volle Klarheit darüber herrschen, dass unsere Staatsgrenze nicht eine Grenze zu einem friedfertigen Nachbarn ist, sondern die Grenze zum NATO-Staat Westdeutschland, die Grenze zum räuberischen, abenteuerlichen, verbrecherischen Militarismus. Auf der anderen Seite beginnt der uns feindlich gesinnte Klassenstaat der Imperialisten, der Provokateure, SS- und SA-Leute, Chauvinisten und aufgeputschte Flüchtlinge, Diversanten und Agenten bereit hält, um der DDR und dem sozialistischen Lager Schaden zuzufügen.«

Und wer sich dennoch blenden, von derartigen Verbrechern missbrauchen ließ, hatte Nachsicht – so sahen es auch die unteren Chargen – nicht verdient. Im Befehl Nr.3/1962 des Kommandeurs der 1. Grenzbrigade Berlin vom 15. Januar 1962 hieß es unmissverständlich: »Die Schusswaffengebrauchsbestimmung wird nicht exakt genug eingehalten. Auf Grenzverletzer und andere Banditen, die ihr Unwesen im Grenzgebiet treiben, wird die Schusswaffe nicht so angewandt, dass ein maximaler Erfolg erreicht wird.« Einen Monat später listete die 1. Grenzbrigade auf, dass es 1961 in ihrem Bereich 1191 Grenzdurchbrüche gegeben habe, an denen 2118 Personen beteiligt waren. »45,5 Prozent der Durchbrüche erfolgten nach dem 13. 8. 1961«, hieß es weiter. Und: »Bis auf den Fall L. wurde in keinem der Fälle die Schusswaffe, trotz der neuen Schusswaffengebrauchsbestimmungen, erfolgreich von unseren Grenzposten angewandt.« Schlussfolgernd dann noch einmal: »Von der Schusswaffe wird überhaupt nicht Gebrauch gemacht, was auf große Schwächen in der klassenmäßigen Erziehung hinweist . . .«

Solche Formulierungen, die für Befehle der Grenztruppen zwar nicht typisch, aber auch nicht Einzelfälle sind, verraten etwas über die Wirkung ideologischer Grundmuster. Bei den Kommandeuren der 1. Grenzbrigade bereits verinnerlicht, sollten sie auch den einfachen Grenzsoldaten beigebracht werden. Dazu wurden keine Bemühungen gescheut – nicht im Politunterricht der Truppe und auch nicht bei Auftritten der führenden Parteifunktionäre. Am deutlichsten brachte es wohl der damalige Propagandasekretär des ZK der SED, Albert Norden, bei einem Besuch in einem Berliner Grenzregiment im Herbst 1963 zum Ausdruck: »Ihr schießt nicht auf Brüder und Schwestern, wenn ihr mit der Waffe den Grenzverletzer zum Halten bringt. Wie kann der euer Bruder sein, der die Republik verrät, der die Macht des Volkes verrät, der die Macht des Volkes antastet! Auch der ist nicht unser Bruder, der zum Feinde desertieren will. Mit Verrätern muss man sehr ernst sprechen. Verrätern gegenüber menschliche Gnade zu üben, heißt unmenschlich am ganzen Volk handeln. Und man muss in dieser unserer Zeit an jener Stelle, an der wir stehen, nämlich an der Nahtstelle zwischen den beiden Welten, der Welt des Friedens hier und der Welt des Krieges, um des Friedens willen entschieden handeln.«

Das auf diese Weise theoretisch vermittelte Feindbild und praktische Erfahrungen aus dem Grenzdienst verbanden sich zu einer Einstellung, bei der die Hemmschwelle zum Gebrauch der Schusswaffe bedenklich niedrig angesetzt war. Der anonyme »Grenzverletzer« – konnte er nicht tatsächlich ein Feind sein? Gab es nicht genügend Vorfälle an der Grenze, bei der auch die Soldaten in Gefahr kamen? Sollten sie sorglos sein? Und wenn sie auch für sich keine Gefährdung sahen, stimmte nicht vielleicht doch die Sache mit der Friedenssicherung? War es nicht schon bald nach dem Mauerbau zu einer gewissen Beruhigung in der internationalen Politik gekommen? Hatte nicht die DDR das Recht, ihre Grenzen zu schützen – zumal diese die beiden feindlichen Weltsysteme trennte?

Im ersten Prozess gegen Grenzsoldaten sagte einer der Angeklagten: »Ich habe schon gewusst, dass die Grenzverletzer meist irgendwelche Konflikte hatten, doch ich bin von mir ausgegangen. Wegen persönlicher Konflikte kann man doch nicht solche kriminellen Sachen machen. Jeder hat doch gewusst, dass die Grenze kein Spielplatz ist.« Und entsprechend handelte er. Der Frankfurter Strafrechtsprofessor Herbert Jäger beschreibt dieses Phänomen als »Suspendierung sonst wirksamer Normvorstellungen, Hemmungen und Gewissensreaktionen«.

Wenn derartige Mechanismen schon bei dem einen oder anderen einfachen Grenzsoldaten wirksam waren, um wie viel mehr mussten sie das Denken jener überlagern, die sich aus Staatsräson und Machtkalkül gar nicht erlaubten, andere Überlegungen anzustellen. Honecker, der tatsächlich von jedem Grenzzwischenfall eine Information erhielt, ließ mit seinen Reaktionen wenig erkennen, dass er über die Menschen nachdachte, die ihm da auf unbeteiligtem Papier als tot gemeldet wurden. Noch 1990 hatte er Mitgefühl nur für die »guten« Maueropfer. Auf die Frage von Andert und Herzberg, ob es ihm leid täte, dass an der Mauer etwa 200 Menschen getötet wurden, antwortete er: »Mir tun unsere 25 Genossen leid, die meuchlings an der Grenze ermordet wurden.«

Glaubt man den Akten, dann waren für Erich Honecker andere Vorgänge an der Grenze von Bedeutung. Im Sommer 1967 beauftragte er die ZK-Abteilung für Sicherheitsfragen, mit dem damaligen Chef der Grenztruppen darüber zu beraten, wie »das Zerstören von Staatsemblemen an unseren Grenzsäulen zu verhindern« sei. Sein Abteilungsleiter berichtete ihm damals von den Problemen einer solchen Aufgabe: »Unsere pioniertechnischen Anlagen verlaufen in der Regel in einer Entfernung von 20 bis 50 m und mehr hinter den Grenzsäulen. Da der Posteneinsatz hinter dem Sperrsystem verläuft, ist ein unmittelbares Verhindern der Zerstörung der aus Kunststoff bestehenden Embleme durch die eingesetzten Grenzposten schwer möglich.« Zugleich verwies er aber auf Bemühungen, »die Embleme aus Stahlguß herstellen zu lassen und diese in den Betonsäulen fest zu verankern«.

Für Honecker war die Staatsgrenze der DDR untrennbar mit dem Wohl und Wehe des Landes verbunden. Sie zu überwinden – und sei es auch nur schrittweise und im Gefolge einer durch die Bevölkerung in stärkerem Maße akzeptierten Politik – kam ihm überhaupt nicht in den Sinn. Auch Ausreiseanträge, mit denen das Verlassen der DDR erreicht werden sollte, betrachtete er als Verrat an der guten Sache, für die er seine ganze Kraft gab. Aus diesem Grunde wies er die SED-Bezirkssekretäre 1976 an, gegen Antragsteller entschlossen vorzugehen. Die Anträge wären nicht nur abzulehnen, sondern die Bürger seien »auf das Ungesetzliche ihrer Handlung hinzuweisen«. Dazu wurde sogar eine juristische Argumentation erarbeitet, in der die ideologische Position zu dieser Frage deutlich zum Ausdruck kam: »Die Auswanderung in einen imperialistischen oder vom Imperialismus abhängigen Staat zu befürworten, bedeutet in jedem Fall, Menschen einem System auszuliefern, das sie ausbeutet und das sie zwingt, einer aggressiven Politik zu dienen, die ihr Existenzminimum gefährdet und sich gegen den Sozialismus und dessen kontinuierlich den Menschenrechten entsprechenden wachsenden Wohlstand richtet.«

Noch im Rückblick, im Frühjahr 1990, sah er zur Mauer keine Alternative: »Wenn ich gefragt wurde, wie lange steht noch die Mauer, habe ich immer ganz frei und offen gesagt, die Mauer wird solange stehen, solange die Voraussetzungen vorhanden sind, die zu ihrer Errichtung führten. . . Auf dem Höhepunkt des kalten Krieges hatte man 1960/61 eine Massenauswanderung von Bürgern der DDR nach der Bundesrepublik Deutschland beziehungsweise nach Westberlin provoziert.« 1989, auf dem Höhepunkt der nächsten Massenauswanderung aus der DDR, schrieb Honecker dieses Phänomen erneut vor allem gegnerischen Provokationen zu und sagte kühn zur Standfestigkeit des Grenzbauwerkes voraus: »Sie wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe noch nicht beseitigt sind.« Doch bis zu ihrem Fall sollten nicht einmal zehn Monate vergehen. . .

Und dann verstand er sein Volk erst recht nicht mehr. Im Interview mit Andert und Herzberg sagte er die bitteren Worte: »>Wir sind das Volk<?, schön und gut, ich liebe das Volk. Aber um welches Volk handelt es sich? Um ein manipuliertes oder eines, dessen Handeln von der Vernunft bestimmt wird? Hier muss man schon frei nach Shakespeare sage: >Sein oder Nichtsein<! Ist es ein aufgeklärtes Volk, ein mündiges Volk? Oder ein Volk, das den Rattenfängern nachläuft? Ja, was noch schlimmer ist, in den Ruf ausbricht: >Steinigt ihn!<« Er hatte sich von diesem Volk schon lange weit entfernt.

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