Auch Israels Mauer hat keinen Bestand

Es waren Bilder wie 1989 in Berlin. Befreite, glückliche Menschen rissen ein Unikum aus Stahl und Beton nieder und stürmten aus ihrem riesigen Gefängnis, in das Israel sie mit dem Segen der USA einsperren wollte – hinter einer Mauer, die Ägypten auf Weisung das nahöstlichen Gendarmen aufrichten musste, und die nun fiel. Wieder einmal mussten Israels Politiker erleben, dass ihr voluntaristisches Vorgehen zwar viel Leid und Elend über unschuldige Menschen bringt, seine anvisierten Gegner wie die Hamas aber kaum bei deren Aktionen stört, sondern ihnen neue Spielräume verschafft. Aus der geplanten totalen Abriegelung des Gazastreifens wurde ein Befreiungsschlag, der der Hamas nicht nur neuen Zulauf bescheren wird, sondern ihr auch ermöglicht, ihre Waffen- und Versorgungsdepots ohne übermäßigen Aufwand aufzufüllen. Und zugleich stand Israel erneut vor der Welt am Pranger; nur das Veto der USA verhinderte seine förmliche Verurteilung durch die Vereinten Nationen, wodurch Bush seine so genannte Friedensoffensive völlig unglaubwürdig machte, endgültig als das entlarvte, was sie wohl immer war: Ein Placebo, um von den arabischen Staaten die Zustimmung zu einem Waffengang gegen Iran zu erhalten.Seit Jahrzehnten hat Israel gegen Gewalt nur eine Antwort: Eigene Gewalt gegen die Palästinenser. Dieses »Konzept« ist lange gescheitert, und mit jeder Gewalttat wird die Lage für Israel prekärer. Nun soll Ägypten den Gazastreifen übernehmen, was auch nur ein Schuss in den Ofen wäre. Oder glaubt Israel, Ägypten mit seiner wachsenden Islamistenbewegung würde die Hamas disziplinieren? Im Gegenteil, schon bald wird Ägypten eine ähnliche Position einnehmen wie Syrien. Auch der Schachzug, Abbas und die Fatah gegen die Hamas in Stellung zu bringen, brachte nichts und wird nichts bringen, weil Israel glaubt, es bekäme alle seine Wünsche erfüllt, ohne selbst etwas zu geben. Es lässt den Bau illegaler Siedlungen im Westjordanland zu und schützt sie anschließend noch mit seinem Militär; kein palästinensischer Führer kann dies akzeptieren, soll er von der eigenen Bevölkerung ernst genommen werden.

Doch die israelische Gewaltpolitik ist auch dabei, die eigene Gesellschaft zu zerstören. Wer Konflikte allein mit Gewalt lösen will, verroht selbst, kennt auch keinen Respekt vor Schwächeren im eigenen Land. Reihenweise sind Regierungsmitglieder mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert. Ein Staatspräsident betrachtete seine weiblichen Untergebenen als Freiwild. Auch in der israelischen Armee kommt es immer wieder zu Übergriffen. Und in rassistischer Manier haben rechte Politiker um Avigdor Lieberman eine Kampagne gegen arabische Juden entfacht.

Vernunft ist bei den politischen Führern Israels nicht zu erkennen – und auch nicht bei jenen, die sie immer wieder wählen. Der weitere Weg in den Abgrund ist vorgezeichnet. Jetzt ist wieder eine Mauer gefallen. Die Geschichte zeigt uns, was daraus werden kann …

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