Ein Film als Parabel auf den entfesselten Kapitalismus

Gewonnen hat »There Will Be Blood« trotz vieler Vorschusslorbeeren auf der Berlinale zwar nicht, aber ein würdiger Sieger wäre der 158-Minuten-Streifen allemal gewesen. Und zwar sowohl filmkünstlerisch, weil er sich meilenweit von vielen oft zwar handwerklich perfekt inszenierten, aber inhaltlich hohlen »Blockbustern« abhebt, vor allem aber gerade in dieser Sinnhaftigkeit, seiner Aussage über sonstigen gefühligen oder gar abstrusen Hollywood-Seelenschmalz hinaus. Viele sehen in »There Will Be Blood« eine Parabel auf kapitalistisches Aufstiegs- und Herrschaftsstreben, vorgeführt am – nach wie vor aktuellen – Kampf um Öl, hier in seinen Ursprüngen vor zirka 100 Jahren in den USA, wie sie der scharfsichtige Gesellschaftskritiker Upton Sinclair beschrieb.

All das, was Regisseur Paul Thomas Anderson am Beispiel des »Ölmanns« Daniel Plainview (Daniel Day-Lewis) zeigt, sind Verhaltensweisen eines entfesselten Kapitalismus – angefangen bei der eigenen übermenschlichen Anstrengung und Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst, die bei Erfolg schnell umschlägt in entsprechende Unbarmherzigkeit gegen andere, über Lug und Betrug, Skrupellosigkeit, den absoluten Vorrang des Geschäfts vor allen menschlichen Bindungen bis hin zur irrationalen Raffke-Mentalität und Machtgier. Für jede einzelne Handlung Plainviews findet man Beispiele in Geschichte und Gegenwart des herrschenden Wirtschaftssystems zuhauf, und den letzten Beweis, wie enthüllend »There Will Be Blood« von der kapitalistischen Klasse empfunden wird, lieferte der Feuilletonchef der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung«, der schnell erschrocken konstatiert: »Nein, Anderson betreibt hier keine Kapitalismuskritik.« und dazu als Beleg gerade jene Szenen aufruft, in denen diese Kritik am deutlichsten wird. Dort nämlich, wo der Film gnadenlos sichtbar macht, dass der Kapitalismus von einem bestimmten Punkte an keine Logik mehr kennt, nicht mit dem Kopf agiert, sondern irrational, ohne Antizipation der Folgen. Damit ist der Film vollkommen in der Gegenwart der USA und ihres globalen Vorgehens, das rational schon lange nicht mehr zu erklären ist.

Und er ist es auch mit der Geschichte des so fanatischen wie bigotten Predigers Eli (Paul Duno), der beizeiten seinen Anteil vom schwarzen Gold will und darum hartnäckig kämpft, bis sich Plainview – auch nur um eines Geschäfts willen, auf das er der Pipeline zum Meer wegen nicht verzichten kann – ihm für einen Augenblick unterwirft. Diese Schwäche verzeiht sich der »Ölmann« nie und rächt sie später, als Eli nun seinerseits dem Gott, den er bis dahin wie eine Monstranz vor sich her trug, um eines Stücks vom Höchstprofit willen abschwört, aufs Grausamste. Anderson verweist damit auf die wechselseitige Bedingtheit von ökonomischer Macht und religiöser Attitüde, die die amerikanische Geschichte bis ins Heute durchzieht, auf ihr Zusammenspiel, das mal offensichtlicher ist und ein andermal schamhaft verborgen wird.

Inwieweit der Regisseur derartige Absichten bewusst verfolgte, steht dahin, und es kommt darauf auch nicht an. Wichtig ist allein, dass ihm in historischem Gewande eine künstlerische Widerspiegelung der Wirklichkeit dieser Jahre gelang, eine gültige Interpretation gegenwärtigen Geschehens.

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