Die ungewollte Selbstkritik des Wolfgang Böhmer

Im Grunde liegt Sachsen-Anhalts CDU-Ministerpräsident Wolfgang Böhmer nicht falsch, wenn er von einer »leichtfertigen Einstellung zu werdendem Leben« spricht; er hat seine Botschaft nur falsch adressiert, wenn er DDR-Praktiken dafür verantwortlich machen will. Abgesehen davon, dass es jüngst Kindstötungen auch in westlichen Bundesländern gegeben hat, sind die jungen Frauen, die zu solch verbrecherischem »Mittel der Familienplanung« (O-Ton Böhmer) griffen, originäres Produkt der heutigen kinderfeindlichen Gesellschaft, die hierzulande seit fast zwanzig Jahren existiert – schon weil sie zu Zeiten der DDR allenfalls Schulkinder waren.

Während sich in der DDR keine Frau irgendwelche Sorgen um die Betreuung ihres Kindes machen musste, sie dort finanzielle Sicherheit ebenso genoss wie vielfältige Unterstützung bei der Erziehung ihres Kindes, ist das seit den 90er Jahren nicht mehr selbstverständlich. Arbeitslosigkeit, Armut, die Reduzierung von Kinderbetreuungsplätzen, deren hohe Kosten sind die Ergebnisse seither betriebener Politik, die vor allem junge Mütter treffen – nicht zuletzt in Sachsen-Anhalt, wo die PDS lange um den Erhalt eines hohen Standards der Kinderbetreuung kämpfte, der dann von der CDU im Verein mit der SPD doch sukzessive abgesenkt wurde.

Dazu kommt, dass Wirtschaft, Werbebranche und Unterhaltungsindustrie jungen Leuten Lebensentwürfe anbieten, die auf hemmungslosen Konsum, Dauerspaß und »Selbstverwirklichung« auf niedrigem Niveau abzielen und in denen Kinder kaum Platz haben. Dazu kommt aber auch die Brutalisierung des öffentlichen Lebens und ihre intensive mediale Verbreitung, die einer »leichtfertigen Einstellung« nicht nur zu werdendem Leben Vorschub leistet.

Aus diesen Entwicklungen sind zunehmende Kindstötungen viel eher erklärbar als aus Nachwirkungen der längst verblichenen DDR; dass sie im Osten öfter vorkommen als im Westen, verweist nur einmal mehr auf die soziale Schieflage zwischen alter Bundesrepublik und Beitrittsgebiet. Insofern ist es also eine unbewusste – und natürlich ungewollte – Selbstkritik, die Böhmer äußerte. Schließlich hat er mit seiner Partei wesentlich zu dieser Fehlentwicklung beigetragen. Er hat schon ein richtiges Gespür, doch verbietet ihm ebenso wie dem niedersächsischen Kriminologen Christian Pfeifer, der Böhmers Thesen als willkommene Hypothese betrachtet, ideologische Befangenheit, dies zutreffend zu verorten. Warum auch eine – zeitlich wie sachlich – naheliegende Hypothese wählen, wenn man doch die von anderen zu verantwortende Vergangenheit für die eigenen Defizite haftbar machen kann.

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2 Antworten zu “Die ungewollte Selbstkritik des Wolfgang Böhmer”

  1. olaf61 sagt:

    Es liegt am System, wie mein Geschichtslehrer sagen würde.

  2. Ostap Bender sagt:

    was für ein grandiöser schwachsinn