Fremde Heilsbringer in Tibet wie in Afghanistan

Glauben sollte man, was Tibet betrifft, weder der einen noch der anderen Seite. China kanalisiert natürlich die Informationen über die Krise, ähnlich wie wir das aus der DDR kannten. Deshalb war jetzt von friedlichen Demonstrationen tibetischer Mönche nichts zu sehen, sondern nur von gewaltsamen Ausschreitungen, die in jedem Land der Welt mit der geballten Macht der zuständigen Kräfte beendet werden, auch hierzulande selbstverständlich. Westliche Medien wiederum bagatellisieren diese Gewalt und rücken das drakonische Vorgehen von chinesischer Polizei und Militär in den Vordergrund, beklagen die Verletzung von Menschen – und Freiheitsrechten. Damit ideologisieren sie den Konflikt in bewährter Manier, obwohl die Ursachen für die Auseinandersetzungen viel tiefer liegen.

China hat in den vergangenen Jahrzenten das einst fast mittelalterliche Tibet wirtschaftlich entwickelt und modernisiert. Das ging einher mit einer »Chinesierung« des Landes; Normen und gesellschaftliche Regeln des riesigen Nachbarn wurden auf die kleine Bergrepublik mit ihrer ganz eigenen Kultur übertragen, dazu kamen Tausende Einwanderer, die bald das Wirtschaftsleben beherrschten. Zwangsläufige Folge war die Minderung der Rolle der Religion, die bis dahin durch den Dalai Lama auch die weltliche Macht verkörperte. Im Ansatz verfolgte China damit eine ähnliche Politik in Tibet wie zum Beispiel die USA in der islamischen Welt – nämlich einer anderen Kultur die eigene Sichtweise aufzuzwingen, sie an das eigene Bild anzugleichen, zu assimilieren, um sie dadurch beherrschen zu können. China versuchte das allerdings viel konsequenter als die USA durch ökonomische Entwicklung – man denke nur an die kürzlich vollendete Tibet-Bahn – und bislang weniger durch Gewalt oder gar Krieg, das bevorzugte US-amerikanische Instrument.

Im Ergebnis jedoch fühlen sich viele Tibeter von fremden Heilsbringern dominiert, ihrer eigenen Kultur entfremdet und lehnen sich dagegen auf. Darin ähneln sie durchaus den Afghanen, für die noch die militärische Brutalität hinzukommt, zu der China nun offensichtlich auch greift. Auch die Afghanen wollen nicht an eine andere Kultur angepasst leben, sondern ihre eigenen – und seien es überholte Traditionen, so sehr ihnen die Rückwärtsgewandtheit der Taliban zuwider sein mag. Sie haben – wie Tibet – das Pech, das große Mächte sie in ihrem strategischen Spiel haben, ihnen bleibt nur der Widerstand, letztlich auch in seiner blutigen Form.

Damit aber stellt sich in Tibet wie Afghanistan eine Grundfrage gesellschaftlicher Entwicklung: Inwieweit ist es sinnvoll oder überhaupt möglich, unterschiedliche Kulturen im Zuge der Globalisierung zu vereinheitlichten? Kann man den Menschen, indem man ihnen ein wenig den Geldbeutel füllt, die kulturelle Identität abkaufen? Offensichtlich nicht, weder mit Gewalt noch mit Entwicklung. Es bedarf vielmehr des Respekts vor der Seele der Menschen – ein Faktor, den die global player, gleich welcher Couleur, allerdings nicht auf ihrer Rechnung haben.

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