Dutschke und die Direktoren

Heute vor vierzig Jahren wurde in Westberlin auf Rudi Dutschke geschossen. Er überlebte zwar das Attentat, erholte sich aber nie von dessen Folgen, die 1979 dann doch zu seinem Tode führten. Er wurde von einem Rechtsextremen getroffen, doch dessen Hass auf den radikalen Studenten teilten auch viele beauftragte wie selbsternannte »Ordnungshüter«, die nicht akzeptieren mochten, dass er ihre Ordnung störte oder gar überwinden wollte. Das war schon so vor seinen Westberliner Jahren, in der DDR, und auch noch lange nach seinem Tod, im nun dem Westen angeschlossenen Osten . Daher soll heute auch daran erinnert werden, dass Rudi Dutschke bei Mächtigen jedweder Couleur gleichermaßen als Feind galt und wohl noch immer gilt – mit einem Beitrag, der am 18. 05. 1996 im »Neuen Deutschland« erschien.

Ein „Historikerstreit“ in Luckenwalde zeigt, wie schwer Zivilcourage zu lernen ist

Dutschke und die Direktoren

 

 Von PETER RICHTER

Ohne Schuldirektor Schöckel würden heute vielleicht nur wenige einen Rudi Dutschke kennen. Der Abiturient des Jahres 1958 hatte sich an der Gerhart-Hauptmann-Oberschule in Luckenwalde vor allem als Sportler einen Namen gemacht. Er lief die 100 Meter unter zwölf Sekunden, sprang 1,71 Meter hoch und mehr als sechs Meter weit. Noch heute steht hinter Schulrekorden sein Name. Sportjournalist wollte der Schüler Dutschke werden, an der Leipziger Karl-Marx-Universität studieren, aber dieser Traum war ein halbes Jahr vor dem Abitur schon zu Ende. Denn 1956 war in der DDR die Nationale Volksarmee gegründet worden. Es gab zwar noch keine Wehrpflicht, aber die dringende Empfehlung an alle jungen Männer, zwei Jahre freiwillig den »Ehrendienst« zu leisten – vor allem dann, wenn sie ein Studium vorhatten.

 

Dutschke wollte studieren, aber auch die eigene Meinung behalten: »Wenn ich auch an Gott glaube und auch nicht zur Volksarmee gehe, so glaube ich dennoch, ein guter Sozialist zu sein«, schrieb er an seinen Direktor. Schöckel sah das anders. »Im Gegensatz zu den meisten Schülern seines Abiturjahrganges hat es Jugendfreund Dutschke offen abgelehnt, nach seinem Abitur den freiwilligen Dienst bei der NVA anzutreten«, sagte er in einer Versammlung in der Schulaula und forderte Stellungnahme, was Stellungswechsel meinte.

 

Doch der Schüler stellte Fragen. »Warum haben wir vor wenigen Jahren noch als Kinder die Spielzeugwaffen auf den Müll geworfen und sollen jetzt an richtigen Waffen ausgebildet werden?« fragte er unter verhaltenem Beifall. Und er erinnerte an seinen Onkel, der einen Volltreffer auf seinen Panzer nicht überlebt hatte und von dem nichts blieb als die dürre Nachricht »Gefallen für Führer und Reich.« Er argumentierte, wie er es bis dahin gelernt hatte: »Es soll nicht noch einmal heißen: ›Gefallen‹. Meine Mutter hat uns vier Söhne nicht für den Krieg geboren.« Damit, so befand der Direktor, entspricht sein Gesamtverhalten »nicht den gesellschaftlichen Anforderungen zum Gesamtprädikat ›gut‹«. Rudi Dutschke, mit drei Einsen und sechs Zweien auf dem Reifezeugnis, war für ein Studium nicht geeignet.

 

Dutschke fügte sich zunächst: »Ich glaube auch zu wissen, was ich dem Staat, der mir den Besuch der Oberschule ohne finanzielle Opfer ermöglichte, schuldig bin. Ich werde in der Produktion so arbeiten, dass ich mithelfe, unseren Staat zu stärken und zu festigen.« Er nahm eine Lehre auf, schoss sie mit »Sehr gut« ab und hoffte weiter aufs Studieren – vergeblich. So pendelte er schließlich ins 40 Kilometer entfernte Westberlin, holte dort das Westabitur nach und begann ein Soziologiestudium an der Freien Universität. Als die Mauer gebaut wurde, war ihm der Rückweg abgeschnitten. Er blieb im Westen, wohin sich übrigens noch rechtzeitig auch sein einstiger Direktor Schöckel abgesetzt hatte.

 

*

 

Von dorther kehrte der Name Dutschke bald via Rundfunk und Fernsehen nach Luckenwalde zurück. Er war zum radikalen Studentenführer geworden, der mit dem Schlachtruf »Ohne Provokation werden wir überhaupt nicht wahrgenommen« auf die Westberliner Straßen ging, eine »Subversive Aktion« gründete, eine Zeitschrift »Anschläge« herausgab – alles Taten, die heute immer noch oder schon wieder justitiabel sein dürften.

 

Solche Radikalität erschreckte – mindestens genauso wie die Bundesrepublik – auch die DDR, der eigentlich der antiimperialistische Impetus ihres Sohnes hätte gefallen müssen. Während Dutschke im Westen zum »Volksfeind Nr. 1« gestempelt wurde, schwieg die DDR seine Herkunft tot. »Wir haben im Geschichtsunterricht gehört, dass Luckenwalde in einem Urstromtal liegt und sich auf einer Endmoräne in Richtung Berlin bewegt«, erinnert sich Kornelia Wehlan, jetzt für die PDS im Stadtrat, »aber von Rudi Dutschke kein Wort.« Und Elfi von Faber, Englischlehrerin am Gymnasium, musste 1981 erleben, dass selbst Dutschkes Neffe über ihn nicht sprechen wollte: »Das Thema war ihm unangenehm.«

 

Die Mutter verstand den Sohn nicht, der so ganz anders geworden war, als sie ihn erzogen hatte. »Rudi, hast du vergessen, was Mutti dir, als du klein warst, gelernt hat: Ist die Habe noch so klein, dankbar musst du immer sein«, schrieb sie ihm einmal. Und 1968: »Bist du ganz vom Bösen besessen, hast du kein Verantwortungsgefühl mehr für Deine Frau und für Dein kommendes Kind?«

 

Helmut Dutschke jedoch, Arbeiter in Teltow, bewunderte den kleinen Bruder. Manchmal erwartete er ihn an der Friedrichstraße, wenn Rudi mit dem Tagesvisum einreiste und fuhr ihn dann – nach DDR – Vorschriften illegal – zum Kurzbesuch bei den Eltern. Das bekam nicht einmal die Staatssicherheit mit, die ansonsten während seiner seltenen offiziellen Besuche im Elternhaus jeden Schritt minutiös festhielt. »Weiterhin wäre zu erwähnen, dass ›Quelle‹ ständig eine Baskenmütze trug, die er selbst beim Baden aufbehielt und nur beim Duschen absetzte, sie aber anschließend sofort wieder aufsetzte«, notierte im August 1970 ein Späher. Da lag das Attentat auf Dutschke schon zwei Jahre zurück; seine Kopfverletzung zwang ihn zu dieser Vorsichtsmaßnahme.

 

Auch andere erinnerten sich des geheimnisvollen Luckenwalders. Als sich in der 80er Jahren manche das »Schwerter-zu Pflugscharen-Denkmal« auf den Parka nähten, tauchte in der märkischen Kleinstadt die Porträt des schwarzhaarigen Rebellen auf. Zwölf Aufnäher wurden hergestellt, vier getragen. Solche Zivilcourage war selten, denn jeder kannte das Risiko.

 

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Mit der Wende wird alles anders, dachte Bruder Helmut. Er schlug nun der Oberschule, die 1973 nach Lenin benannt worden war und diesen Namen schnell vom Portal gemeißelt hatte, vor, des frühen Widerständlers zu gedenken. Eine schlichte Tafel sollte es wenigstens sein, in der Aula angebracht, wo Rudi Dutschke seine ungelenke, aber mutige Rede gehalten hatte. Vielleicht aber könnte man sogar die Schule nach ihm benennen.

 

Dem neuen Direktor Michael Kohl, Mathelehrer aus Jüterbog, der gewiss widerspruchslos seinen NVA-Dienst geleistet hatte und später Lehrer an der Kinder- und Jugendsportschule geworden war, ging es jedoch wie Kornelia Wehlan und Elfi von Faber. Dutschke? Woher sollte er von ihm wissen? Kühl sein Bescheid: »Die 68er Bewegung gehört zu Westdeutschland. Was haben wir damit zu tun?« So ähnlich muss es auch bei der Schulkonferenz angekommen sein, denn ohne große Diskussion wurde eine Gedenktafel abgelehnt, vom Schulnamen gar nicht erst zu reden. Ein später Sieg der DDR-Geschichtsschreibung, überdauerte doch die Quarantäne, mit der sie den ungeliebten Sohn belegt hatte, ihr eigenes Leben.

 

Aber nicht alle in Luckenwalde wollten es dabei bewenden lassen. Eine Handvoll Schüler fragte nach und fand, dass sie sehr viel mit Rudi Dutschke zu tun haben. »Der erste Schuss fiel an unserer Schule«, meinten sie und produzierten unter diesem Titel eine feuerrote Sonderausgabe ihrer Schülerzeitung. Einige ihrer Eltern unterstützten sie, die Sache kam vor die Stadtverordnetenversammlung, die von der Entscheidung des Gymnasiums erst aus der Zeitung erfahren hatte. Die Stadt konnte und wollte in die Kompetenz der der Kreisverwaltung unterstehenden Schule nicht eingreifen, aber Bürgermeister Peter Blohm hatte eine listige Idee: Wie wäre es mit einer Tafel vor der Schule, auf städtischem Territorium?

 

Die Schüler jubelten: »Juhu – Wir kriegen eine Gedenktafel!« Aber der Direktor und viele seiner Lehrer ließen nun erkennen, dass sie Rudi Dutschke nicht aus Unwissenheit ablehnten, sondern gerade weil sie von ihm genug zu wissen glaubten. Zum Teil das, was sich in DDR-Zeiten diffus festgesetzt hatte und woran sich auch Bürgermeister Blohm erinnert: »Für mich war er ein Revoluzzer und Schreihals, einer mit ziemlich großer Klappe und schriller Stimme.« Dazu die neue Lesart, wie sie Direktor Kohl verkündete: »Als der ›Ho-Chi-Minh‹ auf dem Kudamm gerufen hat, sind die Russen in Prag einmarschiert.« In Leserbriefen an die örtliche Presse wurde man noch deutlicher. Da war Dutschke wieder ein »jämmerliches Schwein«, ein »Chaot und Linksläufer«, »ein machtbesessener Polemiker«. Und schließlich: »Wenn sich einer von der ›Rudi-Dutschke-Schule‹ irgendwo zum Studium bewirbt, wird er doch gleich in die rote Ecke gestellt.« Unausrottbarer vorauseilender Gehorsam. »Die sollen sich nicht schämen für mich in Luckenwalde«, hatte Dutschke einmal gesagt. Er könnte es heute wiederholen.

 

Denn der Direktor schickte der Stadtverordnetenversammlung einen vierseitigen Brief, um sie von ihrem Vorhaben abzubringen. »Wir wollen nicht den nun losgewordenen Herrn Lenin durch Herrn Dutschke ersetzen und den erneuten Personenkult praktizieren«, verlangte er, aber die Abgeordneten stimmten – quer durch alle Parteien – fast einmütig der Aufstellung einer Tafel zu. Aus Einsicht? Oder nur, weil sie den sich in der Kreisverwaltung breit machenden Zossenern – »Bei uns bestimmen Wessis und Zossis«, sagt man in Luckenwalde – eins auswischen wollten?

 

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Auf jeden Fall war es ein kleiner Sieg im örtlichen »Historikerstreit«, aber Helmut Dutschke und ein Häufchen Schüler wollten mehr. Juliane Schiller, Karla Weigt, Nadine Weidner, Kerstin Reinhold, Maik Göring und einige andere taten sich zusammen, um für eine Ausstellung zu arbeiten. Sie reisten umher, schrieben Briefe, studierten Archive, sammelten Zeitdokumente. Einer musste das koordinieren, in produktive Bahnen lenken. Acht oder neun Geschichts- und Politiklehrer arbeiten am Gymnasium – aber alle winkten ab. Keine Zeit, keine Vorkenntnisse, kein Interesse. Die Englischlehrerin Elfi von Faber sagte sich schließlich: »Wenn junge Leute schon mal etwas Vernünftiges tun wollen, kann es doch nicht am Desinteresse der Lehrer scheitern.« Sie nahm sich der Sache an, vielleicht auch ein wenig aus Trotz, weil sie merkte: »Wer früher besonders linientreu war, ist jetzt am meisten gegen Dutschke.« Zivilcourage war und bleibt verdächtig.

 

Seit einigen Wochen – und noch bis zum 26. Mai – läuft die Ausstellung in Luckenwalde. Mit heruntergezogenen Mundwinkeln machte letztlich auch die Schule gute Miene; Direktor Kohl kam sogar zur Eröffnung. Ob er inzwischen anders über Dutschke denkt, behält er für sich. Vom Kreisschulamt, so heißt es, seien böse Anrufe gekommen, wenn er in einem Interview mal ein »falsches« Wort gesagt habe. Deswegen wohl verweigert er nun jede Stellungnahme.

 

Und übt sich in Wohlverhalten. An die Stadtverordneten hatte er vor einem Jahr noch geschrieben: »Von jeher wurde die Schule für die einseitige politische Erziehung missbraucht.« Er nannte die Erziehung zu »Treue und Pflichterfüllung zum Kaiser«, den Nationalsozialismus, die sozialistische Erziehung in der DDR. Auch deshalb »sollten Schulnamensgebungen mit Personen des politischen Lebens nicht mehr stattfinden«. In Bälde wird das Luckenwalder Gymnasium wieder einen Namen haben. Eine Umfrage habe eine Mehrheit für seinen ersten Namenspatron Friedrich den Großen erbracht. Keine Person des politischen Lebens?

 

Helmut Dutschke, mit seinen blitzenden Augen und heftig gestikulierenden Armen ein wenig das ergraute Abbild des Bruders, erinnert an den Wahlspruch, der im Gymnasium steht: »Durch Bildung zur Freiheit. Ihr seid das Saatkorn einer neuen Zeit.« Dafür müsse man etwas tun. Es gehe um Ehrlichkeit. Heute brauche man doch keine Angst mehr zu haben, könne sich positionieren. »Scheiß auf die Verbeamtung«“, bricht es aus ihm heraus. Und die düstere Ahnung, dass 1968 und 1989 keine singulären Ereignisse waren: »Da sollte sich keiner ausruhen. Das kann wieder explosionsartig passieren, wenn manche nicht aufpassen.«

 

Die Sätze könnten von Rudi sein. Doch schon ihm war – von der FAZ – »beneidenswerte Realitäts- und Politikferne« bescheinigt worden. Dennoch ist er nicht vergessen. Und Geschichte ist nie zu Ende.

 

 

 

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