Selbstverordneter Antifaschismus

Letztes Wochenende schien die Welt wieder in Ordnung. Der Frevel der Madame Tussaud Nachfahren, ausgerechnet Adolf Hitler dem Berliner Publikum als simplen und vielleicht gar bemitleidenswerten Schreibtischtäter vorzuführen, war getilgt. Mit dem lange nicht so laut und deutlich Vernommenen Kampfruf »Nie wieder Krieg!« hatte ein mutiger Antifaschist endlich ein gelungenes Attentat auf den »Führer«, wie hernach sogar das Fernsehen würdigte, unternommen. Und er war sogar Polizist gewesen, der wegen der Behandlung von Demonstranten einst den Dienst quittiert hatte; das ließ zusätzlich hoffen, dass der Fortschritt ganz im Gegensatz zum äußeren Augenschein nun wohl doch in die Mitte der Gesellschaft vorrückte. Kam denn da nicht inzwischen auch die Linkspartei an, während die Konservativen wieder und wieder weinerlich verlorenes Terrain beklagten? Reifte nicht vielleicht angesichts der allgemeinen Verelendung mit neuer Armut und wachsendem Prekariat eine revolutionäre Situation heran, die die Ewig-Gestrigen das Blut in den Adern gefrieren lassen würde? Am Wochenende konnte man ob solcher Aussichten wieder einmal ruhig durchschlafen. No pasarán! – Sie kommen nicht durch!

Am Montag aber, schon immer der schlimmste, weil erste Tag der neuen Stresswoche, brach das so intensiv rot irrlichternde Kartenhaus restlos zusammen. Nicht in intensiver Vergangenheitsaufarbeitung erworbene Überzeugung war es, die den modernen Hitler-Attentäter zur Tat schreiten ließ, sondern das profane Geltungsbedürfnis eines gescheiterten Staatsdieners. Am Biertisch hatte er sich gebrüstet, als menschliche Guillotine in Erscheinung treten zu wollen, was dort nur Hohnlachen hervorrief und ihn erst recht dazu veranlasste, sich selbst eine gehörige Portion Antifaschismus zu verordnen. Und so trennte er den Hitlerkopf vom Volkskörper, als der er sich selbst verstand. Etwa so, wie wir vielleicht in unserer pubertären Sturm- und Drangzeit darum wetteten, in zwanzig Minuten sieben Bier zu schlucken, was dann schon in 18 Minuten gelang – aber nur, weil wir so schneller nach draußen stürzen konnten, um den Gerstensaft samt sonstigem Mageninhalt wieder los zu werden.

Für die Graf-Stauffenberg-Karikatur werden die Folgen vergleichsweise nicht schlimmer sein, doch bei Millionen ehrlicher Antifaschisten und tatsächlicher Friedenskämpfer, die gleichwohl nicht einmal den Mut zu einer derartigen Wette haben dürften, ist die Enttäuschung grenzenlos – fast so wie nach dem Endspiel der Fußball-Europameisterschaft. Und das nicht nur der Billigkeit des tatsächlichen Anliegens des Wachsfigurenhenkers wegen; viel schwerer wiegt die Zerstörung einer großen Illusion, die Zertrümmerung der Hoffnung auf eine würdige antifaschistische Identifikationsfigur, an die wir alle uns hätten anlehnen können, die Verhohnepiepelung des dringend gebotenen Widerstandes gegen die braune Restauration. Was bis ins Mark schmerzt, ist der Sieg der Spaßgesellschaft über ein großes Anliegen unserer Zeit.

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2 Antworten zu “Selbstverordneter Antifaschismus”

  1. Hempel sagt:

    Dass der Autor
    sich zu diesem brisanten Vorgang äußern würde, war naheliegend für jeden, der seinen Blog kennt.
    Was er allerdings zum Gegenstand seiner politischen Betrachtung – wie immer mit einer gewissen Brillanz formuliert -machte, erstaunt doch:
    Wenngleich es durchaus Sinn gibt, sich auch der Übernacht-Wandlung eines vermuteten „Antifaschisten“ zum „Biertisch-Attentäter“ und damit dem Sieg der Spaßgesellschaft über ein großes Anliegen unserer Zeit zu widmen, so scheint mir doch der Kern der Angelegenheit tiefer zu liegen:

    Und zwar in dem Umstand, dass die Hitlerfigur dort überhaupt gezeigt werden soll(te).
    Unter der scheinbar gesicherten Begründung „Figur der Zeitgeschichte“ wurde ein Marketing-Effekt produziert, dessen, wenn auch nicht alleiniges so aber doch letztendliches Ziel der „Besuchermagnet Hitler“ sein soll(te). Umsatzdenken contra verantwortungsvolles Geschichtsverständnis.
    Und das vor dem Hintergrund einer mit den Jahren zunehmenden flächendeckenden Propagierung des 3.Reiches und ihrer Protagonisten. Die letztendlich in breiten Schichten des deutschen Volkes mit einer Relativierung ihrer Verbrechen und bis heute ihrer Bewußtseinseintrübung verbunden ist:
    An diesem ambivalenten Prozeß waren und sind bedeutend mehr Deutsche aktiv, passiv oder fahrlässig beteiligt – seinerzeit sowohl in der Alt-BRD wie auch in der damaligen DDR und nun auch noch, bezogen auf die älteren Generationen, im wiedervereinigten Land.

    Das erklärt partiell auch die entsprechenden Reaktionen auf die Frage: soll er oder soll er nicht – wieder aufgestellt (hingesetzt) werden?

    Aus meiner Sicht steht eine Fehlentscheidung zu befürchten.

    Die möglicherweise erst dann korrigiert wird, und damit wären wir wieder bei Peter Richters „Selbstverordnetem Antifaschismus“ mit seiner vor dem Tod endenden Freiheit, wenn der nächste – dann vielleicht ein „echter Linker“ -ein weiteres und dann wahrscheinlich letztes Attentat auf diese Unperson der Zeitgeschichte verübt hat…

  2. Markus sagt:

    Und der „Sieg der Spaßgesellschaft“ mit ihren nach persönlicher Geltung strebenden und öffentliche Aufmerksam suchenden nicht selten wirtschaftlich bedrohten und existenziell verunsicherten psychisch labilen“Superstars“ ist nur wieder ein allzu guter Nährboden für rechtsextremistische Umtriebe in der von „Reformen“ gebeutelten und beträchtlich an Ansehen verlierenden Demokratie auf deutschem Boden.

    Hatten wir so eine ähnliche Situation nicht schon einmal in diesem Land mit einer daniederliegenden wirtschaftlichen und sozialen Gesamtlage? Vor dem Untergang der Weimarer Republik der „Demokratie ohne Demokraten“ wurde in den „wilden zwanziger Jahren“ von den „Reichen und Schönen“ aber auch kräftig gefeiert und „auf den Putz“ gehauen. Kann sich Geschichte in gewissem Sinne doch wiederholen? Und wie ist es um die Lernfähigkeit und Einsichtsfähigkeit der führenden Eliten in Deutschland bestellt, um derartige gesellschaftliche Fehlentwicklungen aufzuhalten?

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