Georgien zeigt Grenzen amerikanischer Macht

Dass George W. Bush aus seinem ersten Vornamen den Schluss gezogen habe, er sei der eigentlich geborene Gebieter über Georgien, ist eine ehe kabarettistisch-harmlose Begründung für das offenbar weitgehende Wohlwollen der USA gegenüber ihrem unberechenbaren örtlichen Statthalter Saakaschwili. Die Wirklichkeit dürfte weitaus beunruhigender sein und von dem amerikanischen Streben zeugen, um den einstigen wie heutigen Rivalen Russland einen Kordon eigener Vasallen zu ziehen, um von da aus das große eurasische Reich zu kontrollieren. Inwieweit angesichts des Scheiterns dieses Konzepts an einem nicht unwichtigen Ort, dem im Zentrum mehrerer divergierender Strömungen liegenden Kaukasus, zu Beunruhigung Anlass ist, bleibt abzuwarten; auf jeden Fall aber stellen die Vorgänge die erste strategische Niederlage der USA seit dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems dar.

Denn Washington spielte bislang im kaukasischen Vier-Tage-Krieg so gut wie keine Rolle, obwohl doch mit einem seiner engsten Verbündeten, den es – unter anderem – mit 130 Militärberatern im Verteidigungsministerium und einem waschechten Ami als Leiter des Präsidentenbüros unterstützt, ziemlich unsanft umgegangen wurde. Einige der Apologeten der westlichen Supermacht wollten dies mit einer Täuschung durch Moskau begründen. Es habe die USA falsch informiert, und eigene Beobachter habe man im Kampfgebiet nicht gehabt. Eine ziemlich lächerliche Verteidigungslinie, denn seit wann vertraut Bush auf das Wort Putins? Und geben nicht ansonsten die USA mit ihrer weltweiten Satellitenüberwachung an, mit der sie das Geschehen überall auf dem Erdball metergenau abzubilden vermöchten? Wahrscheinlicher ist da schon die Version, dass der US-Präsident durchaus die Satellitenbilder vom fast völlig durch georgischen Artilleriebeschuss zerstörten Zchinwali kannte und sich scheute, dem Angreifer uneingeschränkt Rückendeckung zu geben. Erst als die russische Armee weit nach Georgien einrückte und vor allem den Hafen Poti, wohin die Ölpipeline aus Aserbeidschan abzweigt, einnahm, wurden die USA wach; zudem konnten sie nun natürlich auf die Kriegführung Russlands verweisen und den ursprünglichen Aggressor als Opfer darstellen.

Viel mehr als propagandistische Schläge gegen Moskau hat Washington seither dennoch nicht zustande gebracht – und das trotz der dringenden Hilferufe aus dem »neuen Europa«, das mit einer Mischung aus Angst und Ohnmacht auf die Geschehnisse schaut und dabei verdrängt, dass einer der Ihren dem gemeinsamen russischen Nachbarn die Möglichkeit gab, seine Macht zu demonstrieren. Russland hat diese Chance gnadenlos genutzt und ist dabei ein überschaubares, weil zuvor sorgfältig kalkuliertes Risiko eingegangen. Die USA befinden sich derzeit im Wahlkampf, in dem Kriegsmüdigkeit angesichts der anhaltenden Kämpfe in Irak und Afghanistan und der sie fast täglich fordernden Opfer auch an amerikanischen Soldaten eine große Rolle spielt. Zudem lädt die Erfolglosigkeit der gewaltigen US-Kriegsmaschinerie in beiden Kampfgebieten nicht gerade zur Eröffnung eines neuen Schlachtfeldes ein. Und drittens hat die EU – zumindest zu einem Teil, der jedoch schnell die Meinungsbildung im europäischen Bündnis bestimmte – überraschend entschlossen das Heft des Handelns in die Hand genommen und zunächst einmal dafür gesorgt, dass Saakaschwili keinen weiteren Schaden anrichtet, und dann auch Russland zu einem Waffenstillstand bewegt, ihm dabei aber – bewusst oder unbewusst – nicht alle Handlungsmöglichkeiten genommen. Um die Auslegung dieses Sechs-Punkte-Plans tobt jetzt zwar die Diskussion, doch mit Sicherheit werden sich die weitgehend progeorgischen Positionen der USA nicht durchsetzen, weil es darüber in Europa keinen Konsens gibt.

Der Vorgang zeigt deutlich die Grenzen amerikanischer Macht, die sich Washington durch sein weltweites Agieren inzwischen selbst gezogen hat. Und es zeigt die neue Stärke Russlands, die – auch wenn das Geschehen um Georgien, in dem Russland schließlich weitaus erfolgreicher war als die USA bei ihren Kriegen in Afghanistan und Irak, etwas anderes suggerieren könnte – nicht mehr zuerst auf militärischem Potential, sondern auf wirtschaftlicher Stabilisierung, hervorgerufen vor allem durch die immensen Rohstoffressourcen, beruht. Letzteres lässt vor allem in Europa viele zögern, die Verbindungen nach Moskau zu belasten; dass dadurch neben weiterer Entfremdung gegenüber den USA die inneren Gegensätze im EU-Bündnis wachsen, dürfte der Kreml auch nicht ungern sehen.

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Eine Antwort zu “Georgien zeigt Grenzen amerikanischer Macht”

  1. Markus sagt:

    Ist das vielleicht eine spiegelverkehrte Welt? Aber hat nicht einst die UdSSR sich einen Gürtel aus Satellitenstaaten um den Bauch gebunden, der den sowjetischen Machtanspruch nach Westen ausdehnen und manifestieren sollte? Und heute versuchen die USA im tiefen Osten, es dem früheren „Reich der Bösen“ etwa gleichzutun?

    Wenigstens etwas beruhigend ist es ja, in der gegenwärtig stark angespannten brenzligen Konfliktlage im Kaukasus zu wissen, daß die Sowjetrussen mit ihren strategischen Machtinteressen letztlich kläglich gescheitert sind. Der voreiligen Schlußfolgerung, daß man aus der Geschichte lernen kann, steht jedoch die geschichtswissenschaftliche Tatsache entgegen, daß sich Geschichte nicht wiederholt.

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