Vor 20 Jahren – Ossietzky-Schüler als »antisozialistische Plattform im Blauhemd«

In diesen Tagen vor 20 Jahren gab es in der DDR immer mehr Anzeichen wachsenden Protestes gegen die bestehenden Verhältnisse. Vor allem junge Leute wollten sich nicht mehr den Mund verbieten lassen und ihre Meinung zu inneren wie äußeren Entwicklungen des Sozailismus sagen – mit dem Ziel, dadurch Debatten über notwendigeVeränderungen anzuregen. Großes Aufsehen erregten zum Beispiel Aktivitäten der Schüler eines Berliner Gymnasiums, der Erweiterten Oberschule „Carl von Ossietsky“. Sie diskutierten freimütig an einer Wandzeitung aktuelle Themen und starteten auch einige an und für sich unspektakuläre Aktionen, die jedoch für die DDR an absolutes Novum darstellten und deshalb unverzüglich staatliche Gegenmaßnahmen auslösten, die für die Schüler mit Schulverweis oder anderen Strafmaßnahmen endeten, ohne aber den Jugendprotest damit beenden zu können. Im Gegenteil, er weitete sich noch aus.

Dieses Ereignis ist Gegenstand eines Textes, der im Sommer 1990 entstand. Zwar ist heute das Geschehen vor 20 Jahren gründlicher erforscht als damals, nur Monate danach; dennoch kann diese bislang unveröffentlichte Darstellung neben ihrem dokumentarischen Teil einiges zur seinerzeitigen Atmosphäre zu einer Zeit aussagen, die sich später als das Ende einer Epoche erwies.

Ossietzky-Schüler als »antisozialistische Plattform im Blauhemd«
Die Jugendproteste des Jahres 1988 offenbarten das wachsende Ablehnungspotential, das sich damals in der DDR bereits herausgebildet hatte. Ohne dass die Bürgerrechtsgruppen an seiner Formierung direkt aktiv beteiligt waren, wuchs hier allmählich die Massenbasis für die späteren großen Aktionen heran. Indirekt haben die Bürgerrechtler mit ihrem mutigen Auftreten dabei gewiss eine inspirierende Rolle gespielt. Das gilt noch mehr für den Widerstand, der sich immer häufiger an den Schulen zeigte und der weit über das Artikulieren solch einfacher Bedürfnisse wie das Hören der geliebten Musik hinausging. Die Äußerungen kluger, Anspruch und Realität des SED-Regimes vergleichender junger Leute waren ohne Zweifel durch die Ideen der Bürgerrechtsbewegung beeinflusst. Dass diese jetzt aber immer öfter und immer entschiedener vertreten wurden, bewies auch, dass sich eine Situation herausbildete, in der die oppositionellen Gruppen ihren Zulauf – beinahe ohne eigenes Zutun – verstärken konnten.

Deutlich zeigte sich das insbesondere an den Vorgängen in der Pankower Erweiterten Oberschule »Carl von Ossietzky« im Herbst 1988. Dort hatten sich einige Schüler entschlossen, zur Kundgebung am Gedenktag für die Opfer des Faschismus, dem 11. September, auf dem Bebelplatz mit eigenen Losungen zu erscheinen. Sie lauteten zum Beispiel »Gegen faschistische Tendenzen« und »Neonazis raus«, womit vor Erscheinungen nazistischer Propaganda in der DDR, die in der Öffentlichkeit verschwiegen wurden, gewarnt werden sollte. Diese Losungen wurden von den Ordnungskräften moniert, nur kurzzeitig zugelassen und schließlich aus der Kundgebung entfernt.

Doch die Schüler – es handelte sich vor allem um Shenja-Paul Wiens, Philipp Lengsfeld, Benjamin Lindner, Kai Feller, Katja Ihle, Ulrike Laitko und Alexander Krohn – ließen sich nicht beirren. An ihrer Schule gab es seit längerem eine sogenannte Speaker’s Corner, eine Wandzeitung, an der sie ohne vorherige Zensur ihre Meinungen zu aktuellen Fragen anbringen und auch untereinander diskutieren konnten. Dort hing am 12. September 1988 ein Beitrag zur aktuellen Entwicklung in Polen, der auch kritische Bemerkungen zur DDR-offiziellen Berichterstattung darüber enthielt. Dies stieß bei der Schulleitung und den Volksbildungsbehörden des Stadtbezirks auf Ablehnung; die Meinungen wurden als »staatsfeindlich« disqualifiziert. Nur Tage später aber äußerten die Schüler an der Wandzeitung ihre Meinung zur für den Nationalfeiertag am 7. Oktober geplanten Militärparade und diskutierten deren Sinn in einer Zeit, da Abrüstung und Entspannung zu Zielen der internationalen Politik geworden waren. Diesen Artikel unterschrieben sogar 37 Schüler und leiteten ihn als Eingabe weiter.

Das brachte offensichtlich das Fass zum Überlaufen, und nun griff die Schulbehörde massiv ein. Zugleich trat auch die Staatssicherheit auf den Plan und »enttarnte« in der Carl-von-Ossietzky-Oberschule eine »staatsfeindliche Plattform«. In ihrem Bericht hieß es: »Bei den initiierten Vorkommnissen, wie z. B. während der Gedenkkundgebung zur Ehrung der Opfer des Faschismus auf dem, Bebelplatz am 11. 9. 1988, handelt es sich nach unserer Kenntnis nicht um spontane Reaktionen, sondern um intensiv vorbereitete, langfristig angelegte Aktivitäten. Die Vorgehensweise wurde in der Gruppe diskutiert. Dabei orientierte man sich zielgerichtet auf ein provokatorisches, diskussionsauslösendes Handeln. Im Mittelpunkt der Gruppe stehen als Initiatoren die Schüler Wiens, Lengsfeld und Feller. Alle drei Jugendlichen nehmen ideologisch auf Opposition gegen die DDR gerichtete Haltungen ein. Die Ursprünge dieser Position ist in der Wirkung der Erziehung durch die Eltern dieser drei Schüler zu sehen, Bei der Mutter des Lengsfeld handelt es sich um die bekannte Exponentin des politischen Untergrundes Vera Wollenberger, die sich nach den Ereignissen um den 17. 1. 1988 zeitweilig im NSA (nichtsozialistisches Ausland – d. A.) aufhält. Die Mutter des Feller (alleinstehend) nutzte eine Reise in dringenden Familienangelegenheiten im August 1988 zum ungesetzlichen Verlassen der DDR. Sie war Lehrerin an der 1. Hilfsschule Berlin-Mitte. Die Eltern des Wiens, Maja-Michaela und Andreas Wiens, sind beide freischaffende Schriftsteller. Sie unterhalten enge Kontakte zu führenden Exponenten des politischen Untergrundes, wie z. B. zu den bekannten Familien Wollenberger und Templin ,und beteiligten sich u.a. an den Ereignissen um die Umweltbibliothek im November/ Dezember 1987 und an den feindlichen Aktivitäten am 17. 1. 1988 in der Hauptstadt. Wiens, Andreas ist Wehrdienstverweigerer. Der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Berlin liegen interne Einschätzungen vor, wonach der Schüler Wiens, obwohl er sich bei den Aktivitäten weitgehend im Hintergrund hält, der geistige Initiator der Gruppe sein soll. Die Mutter des Wiens hatte konkrete Kenntnis von den Plänen der Schülergruppe und unterstützte ihren Sohn direkt bei der Fertigstellung eines negativen Wandzeitungsartikels zur Situation in der VR Polen. Darüber hinaus ist bekannt, dass 1975 gegen den Vater des Lindner, Otto-Wilhelm Lindner, ein Ermittlungsverfahren wegen Staatsverleumdung durchgeführt wurde.« Und abschließend wurde das bis dahin offensichtlich als zu lasch empfundene Vorgehen der Schulleitung kritisiert: »Nach unserer Kenntnis hat die Schulleitung der EOS die politische Tragweite, insbesondere des ersten Vorkommnisses, Wandzeitungsartikel zur Situation in der VR Polen, in dem u. a. für die ›Solidarnosc‹ Partei ergriffen wurde, nicht erkannt. Es erfolgte keine offensive Auseinandersetzung mit diesem Vorkommnis. Eine Fallmeldung wurde nicht realisiert. In einer Beratung mit der Stadtbezirksschulrätin, Genossin Dr. Voß, mit dem Lehrerkollektiv wurde deutlich, dass seitens des Lehrerkollektivs Meinungen vertreten wurden, die einen klaren parteilichen Standpunkt zu einer Auseinandersetzung mit den Schülern über die Vorkommnisse nicht erkennen ließen.«

Diese Information löste schlagartig drakonische Maßnahmen gegen die Schüler aus. Sie wurden zu »Aussprachen«, die eher Verhören ähnelten, geladen, mussten »Stellung nehmen«, sollten »Selbstkritik üben« und vor allem ihre – im Westen vermuteten – Hintermänner nennen. Auch Eltern mussten sich erklären, und ein großer Teil der Schüler nahm die Unterschrift unter die Eingabe zurück. Eine kleine Gruppe, zu denen die oben genannten gehörten, blieb standhaft. Als Benjamin Lindner für zwei Tage von der Schule beurlaubt wurde, solidarisierten sie sich mit ihm. Nun wurden in allen Klassen außerordentliche PDJ-Versammlungen angesetzt. Darüber berichteten die »Umweltblätter« am 16. Oktober 1988: »Zugegen waren jeweils etwa 50 % erwachsene ›Gäste‹, unter anderem von der Kreisleitung der FDJ, von der Parteileitung des Patenbetriebes Bergmann-Börsig, ganz abgesehen vom Direktor und Parteisekretär der Schule. Die Vorwürfe waren grotesk. Man könne, meinten die Erwachsenen, ›eher mit Skins und Grabschändern reden als mit solchen Personen‹. Die vergangenen Ereignisse seien der ›Versuch, eine antisozialistische Plattform im Blauhemd‹ zu schaffen.«

Im Ergebnis wurden schließlich am 30. September vier Schüler – Philipp Lengsfeld, Benjamin Lindner, Kai Feller und Katja Ihle – relegiert. Dazu mussten sich alle Schüler in der Aula versammeln, und die vier wurden – in einer Art Schauprozeß – angeklagt und schließlich zum sofortigen Verlassen der Schule aufgefordert. Die Vollstreckung des »Urteils« folgte auf dem Fuße: Die Türen der Aula wurden geöffnet, und die »Deliquenten« mussten ziehen – vor den Augen aller ihrer Mitschüler. Gegen Alexander Krohn und Shenja-Paul Wiens wurden strenge Verweise ausgesprochen; letzterer musste ebenso wie eine weitere Schülerin die Schule wechseln. Vera Wollenberger, die diese Ereignisse nur aus der Ferne, aus ihrem unfreiwilligen Exil in Großbritannien beobachten konnte, sah in dem Ganzen – was ihren Sohn Philipp betraf – eine gezielte Aktion des MfS. Denn schon als dieser sich um einen Platz an der EOS bewarb, intervenierte die Staatssicherheit massiv und forderte vom Direktor der Polytechnischen Oberschule (POS) »Wilhelm Pieck« die Rücknahme der Delegierung. Dies war aber aufgrund der Leistungen des Jungen schwer zu vertreten. Daher schloss Vera Wollenberger im nachhinein nicht aus, dass die »Speaker’s Corner« eine Falle war, um Material gegen missliebige Schüler, nicht zuletzt gegen Philipp, zu sammeln,.

Die Rekonstruktion der Ereignisse, wie sie später in einer Fernsehdokumentation und dem Buch »Urteil ohne Prozeß« von Jörn Kalkbrenner erfolgte, läßt klar die unheilige Allianz des damaligen Volksbildungsministeriums unter seiner Regentin Margot Honecker, mit der SED auf den verschiedenen Ebenen, der FDJ und der Stasi erkennen. Nachdem Margot Honecker über die »Untaten« der Schüler informiert worden war, ergriff sie sofort entschlossene Maßnahmen, um diese »antisozialistische Plattform im Blauhemd« zu zerschlagen. Sie stützte sich dabei nicht nur auf die eigene Behörde, sondern schaltete alle denkbaren Stellen ein, um den Erfolg ihres Vorgehens zu garantieren.

Dennoch erzielten ihre Aktivitäten eine gegenteilige Wirkung,. Die Eltern der Gemaßregelten, aber auch viele Freunde der Schüler und dazu zahlreiche völlig Unbekannte nahmen die Strafmaßnahmen – anders als oft früher – nicht widerspruchslos hin. Die Eltern schrieben Eingaben, deren Bearbeitung jedoch abgelehnt wurde, weil sie »verleumderisch und staatsfeindlich« seien. Sie wandten sich gleichzeitig in vielfältiger Weise an die Öffentlichkeit. Das MfS berichtete darüber: »Immer deutlicher kristallisieren sich Maja-Michaela Wiens und ihr Ehemann (beide freischaffende Schriftsteller) als Initiatoren der gegen die staatlichen Maßnahmen – Relegierungen und Diszjplinarmaßnahmen – gerichteten Aktivitäten heraus. 1. Maja-Michaela Wiens trifft häufig mit dem betroffenen Schülerkreis zusammen. 2. versuchte sie, Teile der Kulturszene, wie Stefan Hermlin, Heiner Müller, Volker Braun, Jan Koplowitz, Stefan Heym, Günter de Bruyn, Christoph Hein, Christa Wolf, Vera und Klaus Küchenmeister sowie Jürgen Kuczynski und Günter Görlich, zu gewinnen, sich für die Schüler zu verwenden. 3. wandte sich ihr Ehemann mit Schreiben an die ›Weltbühne‹ und ›Elternhaus und Schule‹. 4. unterhält sie Kontakt zur zeitweilig im westlichen Ausland aufhältigen Vera Wollenberger, der Mutter des regierten Schülers Philipp Lengsfeld. (Bei der Wollenberger handelt es sich um eine bekannte Exponentin des politischen Untergrundes, die im Zusammenhang mit den Januar- Ereignissen in Haft war.) 5. bemüht sie sich, solange die Relegierungen nicht durchgesetzt sind, die Westmedien herauszuhalten und 6. die Kirche in die Sache einzuschalten. Das Ehepaar Wiens selbst stand Kräften des politischen Untergrundes nahe, wie z. B. dem Ehepaar Templin.«

Solche Bemühungen hatten – zumindest teilweise – Erfolg und lösten eine Solidarisierungswelle vor allem der Kirchen aus, die diese aber zunächst zu begrenzen suchten. Der Pfarrer der Zionsgemeinde, Hans Simon, erinnerte sich später, dass eine seiner Konfirmandinnen ihn bat, sich für ihre Freundin, die zum Kreis der Gemaßregelten gehörte, einzusetzen. Die oppositionellen Gruppen verlangten Protestandachten in der Zionskirche, aber der Gemeindekirchenrat zögerte. Auch Konsistorialpräsident Dr. Stolpe warnte vor spektakulären Aktionen, die stille Bemühungen der Kirche hätten stören können. In einem Brief an die Gemeinden erklärte er am 20. Oktober: »Die DDR-Staatsorgane lassen sich gegenwärtig bei ihren Entscheidungen offenbar sehr stark von der Überlegung leiten, dass Anfängen von Unruhe und Spontaneität massiv gewehrt werden muss. Dementsprechend ist die Neigung unverkennbar, auf öffentliche Proteste negativ zu reagieren. Dagegen haben vertrauliche Bemühungen durchaus Aussicht auf Erfolg …« Er mahnte: »Wir gehen davon aus, dass die Maßnahmen gegen die EOS-Schüler viel Verärgerung ausgelöst haben und die Neigung zu Protesten wachsen wird. Hierbei muss auch berücksichtigt werden, wie die Eltern und die Betroffenen selbst denken, mit denen der Bischof und ich in Verbindung stehen.«

Diese zurückhaltende Position war für die Gruppen unbefriedigend. Sie verminderten ihren Druck auf die Kirche nicht. Und so wurde in der Zionskirche eine Fürbittandacht mit Ibrahim Böhme und Gerd Poppe vorbereitet. Die Kirchenleitung versuchte diese – wie auch ähnliche Vorhaben in anderen Kirchen – zu unterbinden, aber – so Pfarrer Simon – nach einer Intervention bei Bischof Forck stimmte dieser schließlich zu.

Am 28. Oktober begannen wöchentliche Andachten und Fürbittgottesdienste, die am 20. November mit einem Informations-Gottesdienst in der Lichtenberger Erlöserkirche ihren Höhepunkt fanden. Vor etwa 1000 Kirchenbesuchern riet hier zunächst Generalsuperintendent Krusche zu Mäßigung. Das MfS, das über diese Veranstaltung detailliert berichtete, stellte seine Ausführungen so dar: »Von den Gruppen angestrebte öffentliche Aktionen würden die Situation der Schüler nur negativ beeinflussen und die Weiterführung der Verhandlungen der Kirche erschweren. Krusche hoffe, dass durch Vernunft und Mäßigung den Betroffenen Gerechtigkeit widerfahre.« Stolpe hingegen hatte sich zu diesem Zeitpunkt – auch beeinflusst durch die totale Unnachgiebigkeit staatlicher Stellen – zu einer kompromisslosen Haltung entschlossen, die er in der Erlöserkirche offen zum Ausdruck brachte. Auch hier Auszüge aus dem »Protokoll« der Staatssicherheit: »Stolpe äußerte, dass er seit 25 Jahren Verhandlungen mit dem Staat führe, jedoch in den letzten 10 Jahren keine so harte Haltung des Staates wie im Falle der EOS ›Carl von Ossietzky‹ erlebt habe. Den Schülern sei bisher keine Gerechtigkeit widerfahren. Die Kirche soll und will nicht in die Politik eingreifen, wenn es aber um die Gerechtigkeit gehe, müsse sie politisch werden. Um positive Ergebnisse zu erreichen, müssten sich die Gruppen für alle Christen einsetzen. Da der Staat den Vorwurf der Außensteuerung erhoben habe, sei es notwendig, von Gruppenaktivitäten Abstand zu nehmen. Statt dessen sollten zahlreiche Einzelaktivitäten durchgeführt werden. Stolpe äußerte weiter, dass der Staat eine Hinhaltetaktik verfolge und weitere Entscheidungen erst im Mai 1989 treffen wolle. Zu diesem Zeitpunkt hätten die relegierten Schüler die Möglichkeit, sich für eine Wiederzulassung zum Abitur zu bewerben. Diese Aussage des Staates sei für Stolpe nicht glaubwürdig und auch nicht akzeptabel. Auf das System der sozialistischen Volksbildung eingehend brachte Stolpe zum Ausdruck, dass nach Meinung der Kirche Reformen unumgänglich seien. Unter sozialistischen Verhältnissen sei die Kirche aus der Schule verbannt und ihre jahrhundertealten Erfahrungen im Bildungswesen wurden durch den Staat ignoriert. Er forderte die Teilnehmer auf, die bestehenden Probleme weiterzutragen und andere Personen zur Meinungsäußerung anzuregen.«

Bei diesem Gottesdienst wurde auch ein Aufruf verlesen, der die Entwicklung der Affäre um die EOS »Carl von Ossietzky« darstellte und zu einem DDR-weiten Aktionstag am 27. November aufrief. Auch in diesem Aufruf gingen dessen Verfasser – Bürgerrechtler und andere Oppositionelle Kräfte – über das konkrete Ereignis hinaus und forderten grundlegende Veränderungen im Bildungswesen. Ihre Forderungen lauteten im einzelnen:

» – Um die Erziehung zu selbständig denkenden und handelnden Menschen zu gewährleisten, die fähig und bereit sind, das Leben der Gemeinschaft zu gestalten, ist es notwendig, die Inhalte aller Bildungspläne neu zu erarbeiten.
Entsprechend dieser allgemeinen emanzipatorischen Ansprüche sind die Lehr- und Erziehungsmethoden so zu gestalten, dass Initiativen und Kreativität aller möglich werden.
Die Demokratisierung der Erziehungs- und Bildungseinrichtungen ist zu gewährleisten durch die Wählbarkeit von Direktoren und Lehrern, durch das Mitbestimmungsrecht von Schüler- und Studentenräten.
Eine höhere Qualifikation und Kompetenz der Lehrer ist notwendig.
Die Reform des Bildungssystems muss sich von der Vorschulerziehung bis zur Hochschulausbildung erstrecken.«

Auch die Vorgänge um die EOS »Carl von Ossietzky« zeigten, dass Einzelaktionen angesichts der Lage im Land schnell zu grundsätzlichen Forderungen führten und eine gewisse Massenbasis erreichten. Das singuläre Ereignis der Relegierung von vier Schülern führte zu Fragestellungen, die die gesamte Bildungspolitik der damaligen DDR betrafen. Das war umso bemerkenswerter, als die SED damals bereits den IX. Pädagogischen Kongress einberufen hatte, der vor dem 40. Jahrestag der DDR natürlich eine positive Bilanz ziehen und den bisherigen Weg bestätigen sollte. Gerade
die Strafaktionen gegen unangepasste Schüler führten aber dazu, die gesamte sozialistische Pädagogik in Zweifel zu ziehen. Das MfS bestätigte diese Tendenz mit seiner abschließenden Wertung des Falles: »Die Vorkommnisse an der EOS ›Carl von Ossietzky‹ wurden seitens der Evangelischen Kirche und Kräften der politischen Untergrundtätigkeit zum Anlass genommen, Fragen der Volksbildung massiv aufzugreifen. Bildungs- und Erziehungsfragen sollten langfristig thematisiert werden mit dem Ziel, auf Veränderungen/Umgestaltungen innerhalb der sozialistischen Gesellschaft hinzuwirken.(Streng intern wurde bekannt, dass der ›Arbeitskreis Bildung und Erziehung‹ der Gethsemanekirche Aktivitäten gegen den IX, Pädagogischen Kongress beabsichtigt, ohne jedoch bisher konkrete Pläne zu haben. Im Gespräch ist ein ›Gegenkongress‹ analog dem Vorgehen feindlicher Kräfte im Zusammenhang mit der ›IWF-Tagung‹ im September 1988 in Westberlin.)«

Tatsächlich setzten sich die Aktivitäten der Bürgerrechtler auch in den folgenden Monaten fort. Besonders engagiert trat die »Initiative Frieden und Menschenrechte« in Erscheinung. In Erklärungen des Herbstes 1988 und dann wieder im März 1989 forderte sie gerade auf dem Bildungsgebiet grundlegende Veränderungen. Sie sehe »als besonders wichtiges Aufgabenfeld eine grundsätzliche und seit langem überfällige Reform des Bildungs- und Erziehungswesens in der DDR. Den vielfältigen und komplizierten Problemen der nächsten Jahrzehnte kann nur begegnet v/erden, wenn jede Generation als eine mündige und sich selbst verantwortlich einer für sie offenen Zukunft entgegengehen kann.«

Die staatliche Reaktion auf all diese Postulate blieb unnachgiebig und hart. Wie auf anderen Gebieten, so bereiteten sich SED und Staat bereits intensiv auf den 40. Jahrestag ihrer Republik vor, und da wurden solche legitimen Forderungen nur als störend und sogar konterrevolutionär empfunden. Die Signale, die daraus abzulesen gewesen wären, wurden missachtet. Die falsche Politik gegenüber der Jugend wurde unbeirrt fortgesetzt. Honecker selbst sah noch auf dem 7. Plenum des Zentralkomitees der SED am 1. Dezember 1988 die Jugend dabei, das Banner der Errungenschaften des Sozialismus auf deutschem Boden über die Schwelle des neuen Jahrtausends zu tragen und unter allen Bedingungen standhaft die Ideale des Sozialismus zu vertreten.« Welch eine grandiose Fehleinschätzung!

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Eine Antwort zu “Vor 20 Jahren – Ossietzky-Schüler als »antisozialistische Plattform im Blauhemd«”

  1. Markus sagt:

    Dieses zeitgeschichtiche Dokument ist m.E. auch insofern interessant, als es zeigt, wie es dem Realsozialismus in der DDR in seiner Endphase nicht mehr gelang, auf die Belange der Menschen und ihrem Bedürfnis nach freier Meinungsäußerung einzugehen und ihre kritische Grundhaltung konstruktiv ins bestehende Gesellschaftssystem zu integrieren.

    Immerhin dies scheint den kapitalistischen Gesellschaften besser zu gelingen. Ob Kritik und Opposition auch in Zukunft gelitten sein werden, kann mit Bestimmtheit aber nicht gesagt werden. Vielleicht versteht man es „im Westen“ aber auch nur geschickter, Fundamental- und Systemkritik mit „repressiver Toleranz“ sich – weitgehend folgenlos – an den Widerspüchen der Profitmacherei abarbeiten zu lassen.

    Bemerkenswert ist übrigens auch irgendwie, daß die „aufmüpfigen“ Schüler von einer Schule stammen, die den Namen Carl von Ossietzkys trägt.

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