Braucht der Kapitalismus den Sozialismus zum Überleben?

Selten hat man so viel Kritisches über den Kapitalismus gelesen wie eben jetzt. Selbst seine glühendsten Verfechter können ihn angesichts der harten Tatsachen nicht mehr glorifizieren und flüchten sich in die Defensive, aus der heraus sie freilich gleich wieder die Offensive organisieren: So sei er nun einmal, der Kapitalismus, aber gerade darin liege seine Stärke. »Kapitalismus als soziale Ordnung ist durch und durch unwahrscheinlich: eine Ordnung, deren Wesen die unablässige Selbsttransformation ist«, räumt gerade Wolfgang Streeck, Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln und Professor für Soziologie an der dortigen Universität, in einem lesenswerten Essay in der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« ein Für menschliche Wesen sei das schwer zu begreifen. »Sie wollen wissen, wohin sie gehören und wer sie bleiben können. Wandel als Dauerzustand ist unmenschlich. Vielleicht ist das der Grund, weshalb wir auch in den modernen Kapitalismus eine vormoderne Stabilität hineinphantasieren, die er nicht zu bieten hat. Als ob der Kapitalismus dafür erfunden worden wäre, dass wir es in ihm gemütlich haben!« Starker Tobak, fürwahr, aber noch vor dieser Kritik stand im Essay der Freispruch: »Der Kapitalismus ist das dynamischste Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, das die Menschheit erfunden hat. Stabilität gibt es in ihm nur als Wille und Vorstellung. Kapitalismus ist das unablässige Bohren hochmotivierter und hoch kreativer Individuen an sozialen Ordnungen, in die andere sich gerne einleben würden. Ruhe wird nicht gegeben, denn die größten Gewinne macht, wer etwas Neues, noch nie Dagewesenes macht: ein iPhone oder ein Zertifikat. Feiern wir nicht den kapitalistischen Unternehmer als den unkonventionellen Menschen par excellence, den größten Neuerer aller Zeiten, der uns alles gibt, was wir wollen, auch wenn wir nie geahnt hätten, dass wir es je wollen würden?«

So ist der Kapitalismus vor bald 200 Jahren entstanden und hat sich schnell zu einem System entwickelt, das alle menschlichen Werte mit seinem Profitstreben niederwalzt. Marx und Engels haben das so klar und überzeugend dargestellt, dass es bis heute seine allgemeine Gültigkeit behalten hat. Und sie beschrieben auch die Gegenkraft, die sich bildete, zwangsläufig bilden musste, weil sich dieses System als unmenschlich erwies: den Sozialismus. Als er als Idee erstarkte, dachte man bald sogar in diesem neuen System über Zügel für das kapitalistische Raubtier nach, die es sich natürlich nicht anlegen lassen wollte. Etwa 100 Jahre währte der Kampf und endete gesetzmäßig – in der ersten großen kapitalistischen Krise.

Als diese 1929 die gesamte Weltwirtschaft in schwere Turbulenzen versetzte, war das ein gewaltiger Schub für den Sozialismus, auf den das Kapital allerdings mit dessen Missgeburt antwortete – dem Nationalsozialismus. Mehr als eine Atempause verschaffte der blutige Homunculus nicht; dann setzte sich der Sozialismus so weit durch, dass er ein eigenes Weltsystem schaffen und damit den Kapitalismus zügeln konnte. Die 50er und 60er Jahre gelten auch Streeck als »goldenes Zeitalter«, als »Glücksfall«, wenngleich er noch immer rätselt, »warum ein System, das so unwahrscheinlich ist wie der moderne Kapitalismus, nicht längst wieder in eine Krise geschlittert ist wie Anfang der dreißiger Jahre«. Natürlich kann er den Sozialismus als Ursache nicht in Betracht ziehen, weil er damit das kapitalistische System grundsätzlich in Frage stellen würde. Doch waren es gerade der Aufschwung des Sozialismus nach dem zweiten Weltkrieg, der Zusammenbruch des Kolonialsystems, das machtpolitische Patt zwischen den Blöcken, die den Kapitalismus zur Selbstregulierung zwangen, damit aber auch stabilisierten und damit – vertrackte Dialektik – fit machten für eine neue Kampfrunde gegen den Sozialismus. Denn natürlich gehört es zum Selbstverständnis des Kapitalismus, keine Kraft zu dulden, die ihm Fesseln anlegt.

Und es gelang ihm tatsächlich, die Zügel abzustreifen, weil der Sozialismus – nicht nur, aber vor allem aus ökonomischen Gründen – in die Knie ging. Jetzt konnte sich das Kapital wieder ungebremst entwickeln, der Kapitalismus seine so dynamischen wie zerstörerischen Eigenarten exzessiv ausleben – bis hin zu jener Grenze, die ihm niemand mehr zog und die er damit als nicht existent betrachtete. Das Resultat können wir jetzt besichtigen; eine Situation, 1929 vergleichbar, ist entstanden, doch keiner ist zu sehen, der stark genug wäre, dem Kapitalismus wieder Zügel anzulegen. Der bürgerliche Staat, längst von ihm usurpiert, dürfte es kaum können, jedenfalls nicht nachhaltig, was neue Turbulenzen erwarten lässt. So ist die Geschichte offen wie seit langem nicht; das kann tödliche Bedrohung bedeuten – aber auch unerwartete Hoffnung.

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Eine Antwort zu “Braucht der Kapitalismus den Sozialismus zum Überleben?”

  1. Markus sagt:

    Gerade weil der Kapitalismus wie ein wildes Tier ist, aber auch genauso dynamisch und energiegeladen, braucht es dringend einen „Dompteur“, der die rohen Kräfte in humane und soziale Bahnen lenkt. Und das nicht zuletzt auch, um die kapitalistisch dominierte Welt vor der gesellschaftlich, ökologischen und kriegerischen Selbstzerstörung zu bewahren.

    In diesen Tagen der größten Finanzkrise seit den Zeiten der Großen Depression in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts könnte die Völkergemeinschaft wieder an einem Scheideweg stehen, der nicht am kleinlichen Vorteilsgeschacher zerstrittener Nationen scheitern dürfte. Das Gegeneinander der kapitalistischen Konkurrenzweise schafft leider nicht (wie Adam Smith noch dachte und die neoliberalistischen Heilsprediger heute noch glauben) von selbst eine für alle bessere Welt, sondern bedarf der umsichtigen und konsequenten Planung und Kontrolle.

    Wie zackige Kapitalismus-Freunde sogleich aufmerken werden, könne dies ja wohl nicht die Wiederbelebung des gescheiterten Sozialismus bedeuten. Wenn es mit dem Sozialismus alter Prägung nicht recht funktioniert hat, könnte man es aber mit einem Kapitalismus der anderen Art versuchen. Dazu fällt mir der m.E. zu Unrecht in der allgemeinen Debatte ins Hintertreffen geratene John Maynard Keynes ein. Immerhin war der englische Ökonom Keynes „sozialistisch“ genug eingestellt, um die blinde Profitmacherei des kapitalistischen Wirtschaftens zu verachten, aber auch kapitalistisch genug, um die möglichen Vorteile dieses Wirtschaftssystems nicht unerkannt zu lassen.

    Wenn man die Freiheit der Wirtschaftssubjekte als durchaus wünschenswert akzeptiert, aber diesen eine die gesamtwirtschaftliche Ebene berücksichtigende „Sozialisierung der Investitionen“ zur Seite stellt, wie von Keynes einst gefordert, um der instabilen Marktwirtschaft die benötigte Nachfrage auf Vollbeschäftigungsniveau zu verschaffen, wäre eventuell ein Anfang für die Zivilisierung des „Raubtierkapitalismus“ gemacht und den Spekulanten an den internationalen Finanzmärkten das nötige „Spielgeld“ vorerst entzogen.

    Nach einer Keynesschen Renaissance sieht es derzeit trotz globaler Finanzkrise zwar nicht aus, aber vielelicht wird man sich noch an Keynes und seine wirtschaftsreformerischen Ideen erinnern müssen. Die Frage ist nur, welchen Schaden die zählebigen „Freiheitstrommler“ der Kapitalwirtschaft bis dahin angerichtet haben werden.

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