Zensurminister Tiefensee

Man könnte fast boshaft werden: Wer aus dem Osten kommt, hat offenbar Zensur gleichsam mit der Muttermilch eingesogen und kann davon sein Leben lang nicht lassen. Das gilt für Ex-Stasis wie den Linken-MdB Lutz Heilmann ebenso wie für Ex-Bürgerrechtler, in diesem Fall Wolfgang Tiefensee, heute Bundesminister und zuständig für den Aufbau Ost. Der eine wollte die eigene Biografie vor fremder Interpretation schützen, der andere will gleich ein ganzes Geschichtsbild der nach seiner Ansicht einzig richtigen Deutung unterwerfen. Eine Münze jedenfalls, die die Vereinigung von SPD und KPD zur SED in der damaligen sowjetischen Besatzungszone unbewertet benennt, muss aus seiner Sicht verboten werden, gar eingeschmolzen; sollte man nicht auch noch die bereits verkauften 1000 Sammlerstücke zurückverlangen?

Geschichtsschreibung, das weiß man längst, unterliegt stets der Ideologie des jeweiligen Siegers. Sie machte aus der SED-Gründung in der DDR eine Heldentat und macht sie heute zur Untat. Beides verbindet sich in seiner Holzschnittartigkeit. Früher verbot die SED jede andere als die ihr genehme Interpretation, heute tut der SPD-Minister Tiefensee im Kern das Gleiche; freilich kann man jetzt hier und anderswo darüber öffentlich räsonnieren, was sich in der DDR nicht empfahl.

Und noch etwas anderes ist tröstlich: So wie Lutz Heilmann vom so genannten Streisand-Effekt eingeholt wurde, durch den gerade jene biografischen Daten, die er zu tilgen wünschte, tausendfache Verbreitung fanden, kann nun landauf, landab überall jene für Tiefensee »skandalöse« Münze mit den Konterfeis Wilhelm Piecks und Otto Grotewohls betrachtet werden; zuvor hätte davon kaum jemand Notiz genommen. Und mehr noch. Während die anderen – politisch korrekten – Prägestücke der Geschichtsserie nur auf geringes Interesse stoßen, erzielt die politisch unkorrekte Münze bereits Höchstpreise im Internet. Es ist eben immer gerade das besonders attraktiv, was die Obrigkeit verbietet.

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Eine Antwort zu “Zensurminister Tiefensee”

  1. Markus sagt:

    Daß Wolfang Tiefensee einmal Bürgerrechtler in der DDR war, muß einem „Wessi“ aber auch erst einmal gesagt werden, sonst hätte man`s kaum für möglich gehalten. Bei Tiefensee scheinen sich aber auch so einige Merkwürdigkeiten anzusammeln. Denn seine Rolle als Bundesverkehrsminister bei der Bahn-Privatisierung oder auch doch nicht Privatisierung, bei den beschlossenen Bonuszahlungen für den Bahnvorstand und bei so einer Kleinigkeit wie dem inzwischen wieder zurückgenommenen Vorhaben bezüglich der Einführung einer kundenfeindlichen Servicepauschale am Bahnschalter läßt kritische Fragen und peinliche Zweifel aufkommen – aber man muß ja nicht alles für „bare Münze“ nehmen, was der „Bürgerrechtler“ Tiefensee bei seinem Fischen in trüben Wassern so macht!