Erika Steinbach und die Relativierung der Kriegsschuld

Mit dem (vielleicht nur vorläufigen) Verzicht Erika Steinbachs auf einen Sitz im Stiftungsrat des geplanten Dokumentationszentrums gegen Vertreibungen ist vielleicht eine Schlacht gewonnen, aber noch lange nicht der Krieg. Denn den werden nicht nur der Bund der Vertriebenen (BdV) hartnäckig fortsetzen, sondern auch interessierte Kreise aus CDU und CSU – ob mit oder ohne Erika Steinbach.

Um sie als Person ging es nämlich in der jüngsten Debatte am wenigsten. Sie diente nur als Symbol für eine politische Agenda von BdV-Funktionären und konservativen Unionspolitikern, die auf die Relativierung der Schuldfrage des zweiten Weltkrieges ausgerichtet ist. Auch Steinbach hatte nach der deutschen Wiedervereinigung – wenn auch mit erheblicher Zeitverzögerung – begriffen, dass die alten, offen revanchistischen Forderungen des BdV nicht mehr durchsetzbar waren; daher orientierte sie nun in der Deutung von Kriegsursachen und Kriegsfolgen darauf, den Polen in gleicher Augenhöhe entgegenzutreten. Sie leugnete nicht die deutsche Täterschaft beim Ausbruch des zweiten Weltkrieges, rechnete sie aber mit angeblich alliierter und damit auch polnischer Schuld an der Vertreibung auf.

Natürlich hat es bei der erzwungenen Umsiedlung von Millionen aus Polens Westgebieten nach Nachkriegsdeutschland viel Leid und auch Verbrechen gegeben, doch ändert das nichts daran, dass der Ausgangspunkt des Leids und dieser Verbrechen die deutsche Aggression gegen Polen war. Gerade die Biografie Erika Steinbachs liefert dafür den schlagenden Beweis. Hätte ihr Vater nicht mit der deutschen Wehrmacht Polen besetzt, wäre sie nie zur »Vertriebenen« geworden. Ihr so genannter Opferstatus entspringt direkt aus der väterlichen Täterschaft.

Diesen Kurs einer Relativierung der Kriegsschuld werden Vertriebenenverband und die Mehrheit von CDU/CSU, Angela Merkel eingeschlossen, auch weiterhin verfolgen. Mit Polen hat er im Grunde nur am Rande zu tun, denn er folgt im Kern machtpolitischem Kalkül. Die konservative Union – und die Kanzlerin kann man, vielleicht weniger aus Überzeugung als aus Pragmatismus, getrost dazu rechnen – glaubt, dass Deutschland die angestrebte führende Rolle in Europa und der Welt nur dann spielen kann, wenn es aus der Vergangenheit nicht mehr angreifbar ist, wenn kein Staat diesbezüglich mehr Erwartungen gegenüber Deutschland formulieren kann. Helmut Kohl hatte mit dieser Politik bereits begonnen, als er zum Beispiel die Kriegsschuld gegenüber Frankreich relativierte. Er nutzte dazu Angriffsflächen, die französische Kollaboration bot und die er – letztlich auch hier gegen die historische Wahrheit in ihrer Komplexität – entsprechend ausschlachtete.

Merkel hat nun gegenüber Polen Ähnliches versucht und musste vorerst zurückstecken. Das Ziel jedoch haben sie und ihre Parteigänger nicht aufgegeben; sie werden es bei nächster Gelegenheit erneut anvisieren. Die für genanntes Dokumentationszentrum zustände Stiftung »Flucht, Vertreibung, Versöhnung«, in deren Namen nicht zufällig der ganz an den Anfang gehörende Begriff »Aggression« fehlt, dürfte ihnen dafür den nötigen Resonanzboden liefern – mit oder ohne Erika Steinbach.

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3 Antworten zu “Erika Steinbach und die Relativierung der Kriegsschuld”

  1. Markus sagt:

    Der Bund der Vertriebenen und konservative Teile der CDU machen nicht nur eigenständig Politik der bewußten Relativierung der deutschen Kriegsschuld, sondern greifen den auch heute noch bei nicht wenigen Vertriebenen gehegten Groll gegenüber der nicht verwundenen polnischen Verteibung auf.

    Zu einer Versöhnung in dieser heiklen Frage trägt jedoch auch die strikte Haltung auf polnischer Seite nicht unbedingt bei. Und das betrifft nicht nur die deutschfeindlichen Zwilligsbrüder in der polnischen Innen- und Außenpolitik.

  2. Gerhard Jeske sagt:

    • Hamburg, den 17.09. .2010

    Steinbach steinigt die Geschichte..
    Frau Steinbach und andere Ostland – Reiter, ignorieren, dass von 1772 – 1793 Polen durch Preußen – Rußland und Oestereich von der Landkarte ausradiert wurde. In Berlin, Moskau und Wien saßen drei deutsche Herrscher, die Polen beseitigten. Frau Stenbachs Geschichtsbild geht immer noch von den drei Teilungen Polens aus. Bei ihren Äußerungen zu Polen, erkenne ich nicht, dass der Staat Polen vor 1772 wieder erstehen musste. Es liegt nahe, anzunehmen, dass Frau Steinbach und Ihre Ostideologen noch immer die Teilung Polens anerkennen und von dieser politischen Maxime ihre Politik ableiten..
    Ich erinnere daran, dass Danzig und das Ermland bis 1772 nicht zum Deutschen Reich gehörten, ebenso auch nicht Preußen östlich der Oder. Ostpreußen kam erst 1881, als Teil Preußens zum neuen Deutschen Kaiserreich. Die Geschichte interessiert die Steinbachs- Kohorte nicht,

    Mit ihrem Hinweis, dass Polen im Frühjahr Mobilgemacht hatte, unterschlägt sie, dass es eine Teilmobilmachung war, eine Vorsichtsmanahme, gegen einen möglichen Überfall auf Danzig.
    Die Besetzung der Tcheches- Slowakei, des Memellandes, der Anschluss Öestereichs, deuteten daraufhin, dass Hitler und seine Vasalen mit Polen ebenso brutal verfahren würde.
    Polen hatte für einen Angriffskrieg keine Chance. Ein 25 Millionen Volk, dass schlecht gerüstet war- konnte gegen 75-80 Millionen Deutsche, mit ihrer modernen Armee und den paramilitärischen Verbänden keinen Krieg wagen, zumal es eine Rundumverteidigung durchhalten musste. Auch das wird niemals erwähnt. Im Osten lauerten Litauen und die Sowjetunion, im Süden die Tschechen und Oesterreich, Im Nordosten war Finnland ein Partner Hitlers, Auf keinem Wege durch Europa konnte Nachschub nach Polen transportiert werden. Die Deutsche Kriegsmarine war mit den schweren Kreuzern, den Zersörern und U-Booten in der Lage die Ostsee zu blockieren. Das halbe dutzend polnische Kriegsschiffe war nicht in der Lage die Seewege freizuhalten.
    Diese Zusammenhänge werden in den Diskussionen kaum berührt.
    Gerhard Jeske
    weitere Beiträge, einfach bei Google aufmachen: Gerhard Jeske oder gerhard Jeske Danzig

  3. Gerhard Jeske sagt:

    Hamburg,den 26.10.2010
    Erika Steinbache im Auditorium der privaten BUCERIUS LAW Schul-Hamburg.
    Der RCDS (RING CHRISTLICHER DEMOKRATISCHER Studenten) hatte am 25.10.2010 Frau Erika Steinbach eingeladen, zu einem Vortrag mit dem Thema “Heimat in Spannungsverhalten zwischen Flucht und Vertreibung“ um 18,30 Uhr fand der Vortrag statt.
    Vor dem Eingang der Bucerius Law Schul versammelte sich eine Protestgruppe, hauptsächlich von Studenten, zu einer Mahnwache für die Opfer, des von Deutschland ausgeloesten Krieges 1939.
    Die Begrueßung der Frau Steinbach erfolgte vom Vorsitzenden des RCDS – Landesverband Hamburg. Matthias Schulz, Nach dem Vortrag interviewte er die Rednerin.
    Frau Steinbach wiederholte ihre bekannten Thesen, dass die ganze Geschichte aufgearbeitet werden muss. dazu eben auch die unrechtmaessige Vertreibung der deutschen Bevoelkerung usw
    Während des Interviews fragte Herr Schulz wie es zu den Aeußerungen gekommen ist, die sie über die Mobilmachung Polens vor 1939 gemacht hatte. Frau Steinbach begruendete ihre Aussage damit, dass alle Tatsachen auf den Tisch kommen muessen, eben auch, dass die Mobilmachung in Polen erfolgt war. Wiederholt berief sie sich auf demokratische Verhaltensregeln in der Diskussion darueber. Fuer sie selbst und allgemein ist es doch bekannt, dass Hitler den Krieg entfesselt hatte. Mit dieser Fixierung auf Hitler, klammerte sie den Zusammenhang mit der Industrie, des Militaers und großen Teilen des Volkes aus.
    Nachdem ich endlich das Handmikrophon erhalten hatte sprach ich meinen Beitrag aus.
    Ich bin Gerhard Jeske und als Zeitzeuge 1929 in Danzig geboren. Nach dem die Nationalsozialisten ab 1933 die Herrschaft in Danzig durch Wahlen erhalten hatten erkannten wir bald, dass mit Hass und Terror regiert wurde.
    Dazu gehoerte auch, dass nach dem 1.09 1939 die polnische Minderheit verfolgt wurde. Das polnische Gymnasium wurde geschlossen und einige Schüler kamen zu uns in die Klasse, wohl deshalb, weil ein Elternteil deutsch war, unter ihnen war ein Freund von mir, der nun in der HJ – Uniform mit uns den Dienst mitmachen musste. Mit ihm ´kam ich auch ins KLV Lager. Ich wusste, dass sein Vater schon anfang 1939 ermordet worden war. Nachdem die Wehrmacht die Kaschubei erobert hatte, wurden ungefähr 12 -14 Tausend Kaschuben und andere Bewohner ermordet. Das KZ Stuthoff ist sofort errichtet worden für die Kaschuben, Polen und deutsche Opposition, und nun komme ich zu Ihnen Frau Steinbach, sie sagten, dass alle Fakten auf den #Tisch kommen muessen. Ich hatte bis zum Jahr 2000 die Zeitungen der Vertriebenen Verbaende durchgesucht und keinen Artikel eines juedischen Mitbuergers oder Polen über seinen Leidensweg in Deutschland gefunden. Also es sind nur allgemeine Aussagen darueber gemacht worden, aber kein Angehoeriger der Verfolgten Minderheit erhielt bei Ihnen die Moeglichkeit die eigene Geschichte wiederzugeben. Auch Herr Max Danziger, aus Tel Aviv, bestaetigte mir in einem Interview dass es private Kontakte gibt, aber eine Darstellung ihrer Vertreibung aus Danzig konnten sie nicht veroeffentlichen. Mein Beitrag wurde mehrmals durch lautes Beifallklatschen gewuerdigt.
    Nun fragte Herr Schulz Frau Steinbach, wie es sich mit den emigrierten Juden und dem Verband verhaelt. Frau Steinbach gab eine unfassbare brutale Antwort. Ich erinnere so: „ Der Verband hat keine offiziellen Kontakte mit dem Danziger Heimatverband in Israel, aber viele unserer Mitglieder schickten Pakete zu ihnen, die DANKBAR angenommen wurden..–
    Ich sprang auf und rief Frau Steinbach zu, dass es nicht um Pakete geht, sondern um die fehlende Aufarbeitung der Geschichte, Beweisen sie mir, wann und wo sie über die Vertreibung der juedischen und polnischen Mitbuerger geschrieben haben.“
    Jetzt sprang Herr Schulz auf, eilte auf mich zu und versucht mich auf den Stuhl zu draengen. Ich nahm meine Fototasche an mich und verliess unter Protest das Auditorium.
    Gerhard Jeske Hamburg

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