1989er Geist besiegt das Bombodrom von Wittstock

Von Bertolt Brecht stammt ein Gedicht, in dem er beschrieb, wie die Teppichweber von Kujan-Bulak Lenin ehrten. Statt einer gipsernen Büste verwandten sie das gesammelte Geld für Petroleum, mit dem sie die Fieber verbreitende Mückenbrut in einem nahen Sumpf ausrotteten. »So nützten sie sich, indem sie Lenin ehrten und ehrten ihn, indem sie sich nützten, und hatten ihn also verstanden«, kommentierte der Dichter den Vorgang.

Das Gleiche kann man heute wohl auch von den Bombodrom-Gegnern rund um Wittstock und weit darüber hinaus sagen – mit Blick aufs derzeit allgegenwärtige Gedenken an das Jahr 1989. Mehr als alle Sonntagsreden, wissenschaftlichen Konferenzen, und Würdigungen in Druckerschwärze ehrten die Aktivisten der »Freien Heide« die Wendeakteure der DDR durch ihren friedlichen Widerstand gegen den geplanten Bombenabwurfplatz der Bundeswehr, durch ihre Hartnäckigkeit und Pfiffigkeit, mit denen sie schließlich das unzeitgemäße Projekt zu Fall brachten. Sie bewiesen damit die Lebensfähigkeit und ungebrochene Kraft des Geistes von 1989 – und ihre Nutzbarkeit über alle Systemgrenzen hinweg.

Und sie bewiesen nicht zuletzt die Überlegenheit des 1989er Geistes über Risikoscheu, Anpassung und Obrigkeitsgläubigkeit, wie sie inzwischen nicht wenige Bundesbürger in West, aber auch in Ost an den Tag legen. Wie zum Beispiel der Landrat der Grafschaft Bentheim, wo der ähnlich wie Wittstock gebeutelte Luft-Boden-Schießplatz Nordhorn liegt. Statt sich selbst zu zivilem Ungehorsam, zu eigenem Widerstand aufzuraffen, hofften sie Nordhorner, dass die Flieger nach Wittstock verlegt würden und sie ohne eigenes Zutun auf Kosten anderer die Ruhe geschenkt bekämen. Das ist gründlich schief gegangen, was den Landrat offensichtlich mehr ärgert als die eigene Leisetreterei vor der Bundeswehr. Aber vielleicht beherzigt er künftig die Botschaft, die vom Wittstocker Vorgang ausgeht: Vom Osten lernen, heißt siegen lernen.

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Eine Antwort zu “1989er Geist besiegt das Bombodrom von Wittstock”

  1. Markus sagt:

    Die Parteiendemokratie ist tot, es lebe die basisdemokratische Bürgerbewegung!

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