Vor 20 Jahren – Bürgerbewegung scheitert am Einheitsstreben

Gewiss nicht bewusst geplant, aber doch unleugbar in der Wirkung war die Öffnung der DDR-Grenze heute vor 20 Jahren der letzte Schlag der SED gegen die entstehende innere Konkurrenz, die Bürgerbewegung. Denn mit dem plötzlichen Fall der Mauer waren die alternativen Kräfte in der DDR überflüssig geworden; an die Stelle des abgewirtschafteten DDR-Regimes traten nun Schritt für Schritt die versierten Vertreter des bürgerlichen Staates, die keineswegs geneigt waren, ihre Macht mit irgendwem auf DDR-Boden zu teilen, auch nicht mit den ihnen ohnehin suspekt erscheinenden Bürgerrechtlern. Auch die alte DDR-Elite konnte sich mit solch neuer, ihr durchaus vertrauter Macht viel besser arrangieren als mit der unberechenbaren Alternativszene – zumal sie dieser in der Vergangenheit oft übel mitgespielt hatte.

So trafen sich – insgeheim – die Motive beider Seiten, der alten und der neuen Macht. Nicht organisiert, aber im Ergebnis grenzte diese heimliche Koalition die DDR-Bürgerrechtler schnell aus. Ein Jahr nach der Öffnung der Grenze war ihr Einfluss nur noch minimal. Damals entstand dieser Text, gewissermaßen als Abgesang auf die organisierte Bürgerrechtsbewegung, die sich danach zum Teil resigniert ins neue Establishment eingliederte oder wieder draußen stand, zum Teil sogar in Gegnerschaft zu den neuen Herrschaftsstrukturen. Zwar ist heute das Geschehen vor 20 Jahren gründlicher erforscht als damals, nur Monate danach; dennoch kann diese bislang unveröffentlichte Darstellung neben ihrem dokumentarischen Teil einiges zur seinerzeitigen Atmosphäre am Ende einer Epoche aussagen.

Nach dem Mauerfall: Bürgerbewegung scheitert am Einheitsstreben


Seit dem Herbst 1989 ist mehr als ein Jahr vergangen. Die Aktivisten von damals stehen wieder am Rand. Sie werden nicht verfolgt und drangsaliert, dafür aber oft verlacht und ignoriert. Das ist vielleicht schmerzlicher, weil es die begrenzte Wirksamkeit eigenen Tuns bewusst macht. Auf der Suche nach den Ursachen dieser Entwicklung beklagen die Bürgerrechtler oft, dass sie die Macht nicht im richtigen Äugenblick ergriffen haben. Konrad Weiß von Demokratie jetzt bezeichnete es als Hauptfehler des Herbstes 1989, »dass wir im November/Dezember, als die Macht auf der Straße lag, diese Macht nicht ergriffen haben«. Und weiter: »Wir haben zu sehr vertraut auf die Demokratie, uns auf demokratische Mechanismen verlassen – und sind derweil von machtbewussten und machtgewillten Leuten überrollt worden.« Und auch Werner Fischer (Initiative Frieden und Menschenrechte) meint : »Im Oktober/November 1989 hätten wir schon Regierungsbeteiligung fordern müssen, Wir waren da zu zögerlich. Wir hätten die Machtfrage stellen müssen.«

Der Beweis für die Richtigkeit oder Falschheit dieser Thesen ist heute nur noch theoretisch zu führen, aber sie könnten Bestandteil der Legendenbildung über jene Monate und ihre Exponenten sein, die bereits in vollem Gange ist. Vergleicht man nämlich die Ziele der Bürgerbewegung, die damals wie heute im wesentlichen die gleichen sind, mit den Erwartungen und Hoffnungen des Volkes, dann wäre durchaus auch die Hypothese schlüssig, dass eine Beteiligung an der Macht damals – und um mehr wäre es zu diesem Zeitpunkt nicht gegangen – die Bürgerbewegung mehr diskreditiert statt gestärkt hätte. Denn natürlich hatte sie nicht die schnelle Vereinigung im Sinn, sondern die Verbesserung des bestehenden Systems und damit die Aufrechterhaltung wesentlicher seiner Bestandteile, auch wenn man das Ganze dann nicht mehr Sozialismus genannt hätte.

Aber selbst das wollte die Mehrheit des Volkes nach Öffnung der Mauer nicht mehr. Der Konsum- und Kulturschock durch den »goldenen Westen« und der Vergleich mit den eigenen Lebensumständen weckten den stürmischen Drang, möglichst schnell auch das zu haben, was der äußere Anschein des anderen Systems versprach. Insofern waren die folgenden Wahlergebnisse – ungeachtet aller Anzeichen, die gegen den unverzüglichen Wohlstand sprachen – logisch, und die Schelte des Wählers konnte nur ins Leere gehen. »Wenn man ehrlich ist und wirklich an den mündigen Menschen glaubt«, so Bärbel Bohley, »dann muss man ihn auch in den Augenblicken seiner eigenen Unmündigkeit ernst nehmen, muss man auch akzeptieren, wenn er nicht so reagiert, wie man es vielleicht möchte, wenn er vielleicht nichts weiter als aus der Scheiße raus will.«

Sie verbindet damit aber zugleich ihre große Hoffnung, auch wenn diese auf das berühmte »Bohren dicker Bretter« hinausläuft, durch das allein man in der Politik vorankommt: »Was wir jetzt haben, muss uns nicht deprimieren«, ist das Credo der Mitbegründerin des Neuen Forum. »So schwierig und für manchen unbefriedigend das hier jetzt ist, so hat es doch auch eine große Chance in sich. Auch die alte Bundesrepublik wird sich verändern. Sie denkt vielleicht, sie könnte einfach so expandieren, aber 16 Millionen ehemalige DDR-Bürger sind nicht so einfach zu vernaschen. Insofern ist dieser Aufbruch eben auch eine große Chance. Jetzt begibt man sich in einen Lernprozess, aus dem jeder garantiert anders rauskommt als er reingegangen ist. Ich setze darauf, dass die Menschen lernen, dass sie sich für sich entscheiden lernen.«

In den beiden Jahren vor dem Herbst 1989 hatte die Bürgerbewegung vor allem ein destruktives Ziel – sie wollte das alte System zerstören. Und hinter dieser Fahne konnte sie zunehmend die Masse des Volkes sammeln. Als dieses Ziel aber Wirklichkeit geworden war, mussten die Bürgerrechtler Konstruktives vorweisen, sagen, was nun an die Stelle des Alten treten sollte. Der erste Ansatz lief lediglich auf partielle Veränderungen des Vorhandenen hinaus. Er war zum Scheitern verurteilt angesichts des grundlegenden Systemwandels, der von jenseits der durchlöcherten. Grenze wohlfeil angeboten und aufgedrückt wurde. Dieses Angebot war letztlich rückwärtsgewandt, aber es war in seiner Entschiedenheit paradoxerweise revolutionärer als das, was die Bürgerbewegung unsicher und zaghaft präsentierte. »Der Theoriebedarf der Bürgerbewegung ist immens«, wusste Wolfgang Ullmann von Demokratie Jetzt später. »Wir haben zwar eine bestimmte politische Philosophie, aber die theoretische Grundlage zum Handeln fehlt noch weithin.« Sie fehlte damals erst recht, und so blieb die Praxis vage, zu vage nach dem Geschmack des ungeduldig nach Verbesserung seiner Lage lechzenden Volkes.

Dennoch muss die Bürgerbewegung nicht resignieren. Zwar ist ihr Weg noch lang, aber er wurde schon in Angriff genommen. Die frühere – und heutige – Opposition ist mit all ihren Gruppen legal; sie kann in aller Öffentlichkeit um die Menschen werben. Das gibt ihr ganz neue Möglichkeiten, die sie früher nicht besaß. Nun kommt es darauf an, diese zu nutzen, »Wir werden wohl nie eine Massenpartei«, sagte Vera Wollenberger von den Grünen mit Sinn für Realismus. »Wir haben jedoch die Funktion, das Bewusstsein wach zu halten. Das können wir außerhalb des Parlaments auch, aber dass wir dort vertreten sind, ist schon wichtig,«

Das Selbstverständnis der Bürgerbewegung – so uneinheitlich es im einzelnen auch ist – zielt im Kern auf solche Bewusstseinsänderung und auf Machtzuwachs aus diesem Wandel. Wolfgang Ullmann erkannte in den eigenen Reihen noch viel Naivität bei der Bewertung von Macht und Machtkonstellationen, sah aber zugleich hoffnungsvoll wachsende Lernwilligkeit und Lernfähigkeit: »Die Bürgerbewegung als politische Kraft und als Instrument der Willensbildung steht noch am Anfang.« Die vorsichtig wägende Betrachtung des inzwischen verstorbenen lebenserfahrenen Kirchenhistorikers rieb und ergänzte sich mit der originell-provokativen Sicht einer Bärbel Bohley, die schon der folgenden Generation entstammt. Sie sah ungeachtet der damals aktuellen Wahlergebnisse das erstarrte bürgerliche Parteiensystem am Ende, und sie hatte einen ungebrochenen Optimismus, dass die Ereignisse in der früheren DDR kein dummer Zufall der Weltgeschichte waren: »Warum soll nicht das, was sich hier ereignete, auch in einem anderen System passieren? Es wird anders laufen, aber es ist schon so eine Tendenz … Letztlich wird es dem Kapitalismus so ergehen wie dem Sozialismus. Der Sozialismus hat sich selber aufgefressen, und auch der Kapitalismus wird sich selber fressen. Den Sozialismus haben die angeblichen Sozialisten auf dem Gewissen. Und auch im Kapitalismus können Dinge geschehen, an die wir noch gar nicht denken, die wir in unsere Überlegungen bisher gar nicht einbeziehen. Wer hätte denn gedacht, dass dieses ganze stalinistische System innerhalb von sechs Wochen kippt?«

Die Selbstsicherheit der neuen Macht kollidiert bereits wieder mit dem Behauptungswillen jener Menschen, die sich mit schnellen und einfachen Lösungen nicht zufrieden geben, die tiefer loten und daraus Schlüsse für ihr Handeln ziehen. In der Berliner Mainzer Straße standen sich bei den Auseinandersetzungen um besetzte Häuser Staatsmacht und Bürgerrechtler erneut gegenüber – unter veränderten Bedingungen und in anderer Weise als früher. Doch sie spielten die gleichen – entgegengesetzten – Rollen.

Rosa Luxemburg hatte 1919, kurz vor ihrer Ermordung, zornig und zugleich hellsichtig geschrieben: »Ordnung herrscht in Berlin! Ihr stumpfen Schergen! Eure Ordnung ist auf Sand gebaut.« Das galt damals, auch wenn die Veränderung lange brauchte. Es galt in den 80er Jahren, als die Bürgerbewegung das pseudosozialistische System Zug um Zug matt setzte. Und es gilt wohl weiterhin dort, wo angemaßte Macht glaubt, über die Sehnsüchte und Bedürfnisse, die Interessen und berechtigten Forderungen des Volkes hinweggehen zu können. Eine »formierte« Ordnung – sei sie gegründet auf Repression oder auf der lähmenden Wirkung ausgestellten Wohlstandes – muss scheitern, wenn sie der lebendigen Demokratie die Luft zum Atmen zu nehmen versucht. Denn aus dein »Untergrund«, dorther, wo ihre Wurzeln liegen, bezieht die Gesellschaft den wesentlichen Teil ihrer Kraft, ohne die das obenauf errichtete Gebäude keine Stabilität gewinnt.

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