Die Wohltätigkeit der Diebe

Was da jetzt als honorige Spendenbereitschaft amerikanischer Superreicher daherkommt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen auch nur als Resultat der systemimmanenten Ungerechtigkeit des Kapitalismus. Statt nach den angeblich altruistischen Motiven der Milliardäre zu fragen, die immer noch genug ihres unermesslichen Vermögens, das weder durch reiner Hände Arbeit noch durch noch so kluge Ideen glaubwürdig »verdient« werden kann, behalten, wäre viel wichtiger zu untersuchen, wie es überhaupt sein kann, dass eine kleine Minderheit derartige Gewinne aus der Arbeit der Mehrheit zu ziehen vermag. Zehn Prozent der Bevölkerung weltweit verfügen über 60 Prozent des Vermögens. Die Antwort auf diese Frage führt uns direkt zum Kern- und Angelpunkt jeden kapitalistischen Wirtschaftens, zur Ausbeutung jener 90 Prozent, die – zudem noch sehr unterschiedlich – mit den verbleibenden 40 Prozent des Vermögens zufrieden sein müssen, durch die zehn Prozent Reichen.

Begonnen hatte es damit, dass sich mit dem Aufkommen des Kapitalismus die Eigentümer der Produktionsmittel die Erträge der damit Arbeitenden aneigneten – bis auf den kleinen Rest, der den auf diese Weise abhängig Beschäftigten zur erforderlichen Reproduktion ihrer Arbeitskraft gelassen wurde. Vereinfacht gesprochen, war das nichts anderes als Diebstahl dessen, was andere erwirtschafteten; als Rechtfertigung nahm der Kapitalist dafür die Tatsache, dass er Maschinen, Fabrikhallen und ähnliches bereitstellte, das zur Produktion benötigt wurde. Er ließ den Produzenten jedoch so wenig, dass diese das nicht lange ertragen mochten. Es kam zu sozialen Auseinandersetzungen, die ständig zunahmen und die Kapitalisten schließlich im eigenen Interesse nach langen und harten Kämpfen dazu veranlassten, die »Arbeitnehmer« am Ertrag der Produktion wenigstens so weit zu beteiligen, dass eine gewisse soziale Befriedung eintrat.

Ganz wesentlich trug zu diesem widerwilligen Einlenken gewiss auch bei, dass sich im 20. Jahrhundert eine politische Alternative zum Kapitalismus entwickelt hatte, die letzterer lange ins Kalkül ziehen musste. Die in ihrem Wesen entfesselte Marktwirtschaft zog sich selbst mit dem Zusatz »sozial« gewisse Grenzen. Der Übergang ins 21. Jahrhundert veränderte diese Situation in zweierlei Hinsicht. Zum einen verschoben sich die Gewichte zwischen den beiden Elementen der Produktion, der menschlichen Arbeitskraft und den materiellen Produktionsmitteln. Letztere entwickelten sich derart stürmisch, dass ihre Besitzer immer weniger auf die Arbeitskraft angewiesen waren; sie konnten immer größere Supergewinne mit immer weniger Menschen erwirtschaften. Vor allem aber verabschiedete sich die politische Alternative, wozu neben vielem anderen nicht zuletzt auch die technische und technologische Entwicklung beitrug, die der Kapitalismus viel besser für sich auszunutzen verstand als der Sozialismus. Einlenken gegenüber Arbeitermassen war nun nicht mehr nötig, der Kapitalismus warf die ihm zeitweilig aufgezwungenen Fesseln ab und konnte sich nun wieder entsprechend seinem ureigenen Wesen entwickeln.

Die verheerenden Folgen konnten wir in den letzten Jahren beobachten. Auf der Seite der Reichen häufte sich immer mehr Geld an, das sie immer weniger mit dem Rest der Welt teilen mochten. Das Schwinden der Arbeitsplätze führte weltweit zu wachsender Armut, doch die Begünstigten dieser Entwicklung dachten gar nicht daran, für einen angemessenen sozialen Ausgleich zu sorgen. Sie taten und tun alles, um den Profit allein in die eigenen Taschen zu stecken. Zugleich aber wissen sie überhaupt nicht, was sie mit diesem Geldsegen anfangen sollen. Sie investierten und investieren es nicht in die Realwirtschaft, weil ihnen das angesichts der – von ihnen verursachten – weltweiten Verarmung zu wenig Gewinn verspricht. Sie legten es vielmehr in gewagten Finanzoperationen an, zockten wie im Casino – nur mit dem Geld, das andere erwirtschaftet hatten, und fühlten und fühlen sich für die Folgen nicht verantwortlich.

Der Imageschaden, den der Kapitalismus dadurch erlitt, macht die Klügsten seiner Vertreter inzwischen wieder besorgt. Natürlich denken sie nicht im entferntesten daran, etwas an diesem System und seinen Gesetzmäßigkeiten zu ändern. Eine gerechte Verteilung der – auch durch den technischen und technologischen Fortschritt – ständig wachsenden Werte kommt für sie nicht in Frage, den alleinigen Zugriff darauf wollen sie nicht aus der Hand geben. Statt dessen bieten sie nun »freiwillige« Spenden an, sind bereit, ein wenig von ihrem Reichtum abzugeben, um den Löwenanteil behalten zu können. Es ist ein wenig so, als rücke der Dieb ein paar Stücke seiner Beute heraus – und erwarte dafür noch die Dankbarkeit des Bestohlenen.

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4 Antworten zu “Die Wohltätigkeit der Diebe”

  1. Guardian of the Blind sagt:

    Der Wandel begann ja auch schon früher, seit Ende der 70er Jahre mit der Erstarkung des Neoliberalismus unter Reagan und Thatcher, aber natürlich wurde dies verstärkt durch das Ende des real existierenden Sozialismus. Ja, und dazu kam dann der Finanzmarktkapitalismus, mi der zunehmenden Entkopplung der Gewinne von der Produktion von materiellen Gütern (Gebrauchswerten).

  2. RN sagt:

    Das in Sachsen und der BRD durch Berufspolitiker offenbarte Politikverständnis kann Menschen, die unter “Because we are too many” fallen, also täglich gezeigt bekommen, dass sie überflüssig sind, auf lange Sicht richtig aggressiv machen. Es kommt niemand mit der Gewissheit, später einmal auf Brauchbarkeit, Nutzen oder Unbrauchbarkeit abgeklopft zu werden, auf die Welt. Wer schließlich überdeutlich durch eine Aneinanderreihung von Misserfolgen darauf gebracht wird, dass er/sie zu den Unbrauchbaren zählt, ist nicht unbedingt gut drauf, oder?

    Wo zeigen Politiker der LINKEN in ihrer täglichen Parteiarbeit und gegenüber engagierten Menschen dazu eine Haltung: Wollen wir das eigentlich, dass Leute nicht gebraucht werden? Sind wir insgeheim vielleicht sogar froh, dass wir so gesehen auf der Sonnenseite in unserer Wohlfühl-Kleingruppe gut leben? Was trennt uns von dieser Schattenseite? Ein Unfall? Eine chronische Krankheit?

    Und dann diese Unfähigkeit berechtigte Kritik anzunehmen, diese Selbstbeweih-räucherungen. In Sachsen gibt es jetzt ein Jubiläum: 5 Jahre WASG, 3 Jahre Die Linke, als nichtöffentliche(!) Feierstunde am 27.8. in den Werkstätten Hellerau, kommt bitte alle zahlreich!

    RN
    Mtgl. Emali Sachsen
    LAG FIP Sachsen

    PS:
    Früher gabs für geringqualifizierte Personen noch reichlich Jobs am Fließband, Lager und am Bau. Aber Automatisierung, just in time Lieferung und Professionalisierung am Bau haben diese Leute schlichtweg überflüssig gemacht 🙁 – dies will aber niemand wirklich wahrhaben, dass wir Leute mit mangelhafter Ausbildung und Sprachkompetenz nicht mehr gebrauchen können. Auch nicht in der LINKEN.

  3. Markus sagt:

    Da hier gerade von Dieben und kapitalistischen Wohltätern die Rede ist, und von den genannten spendierfreudigen Millionärsherrschaften sicherlich auch der eine oder andere ein „Lohndieb“ und Niedriglohnausnutzer ist, hier ein unpolemischer, aber sachlicher Artikel aus dem „Vorwärts“ zum Thema:

    http://www.vorwaerts.de/artikel/fass-ohne-boden#kommentieren

  4. oberblogsaenger sagt:

    Es ist tatsächlich noch viel schlimmer mit dem Diebstahl seitens der Kapitaleigner. Sie lassen die Beschäftigten nicht nur nicht an den durch die technische Entwicklung explodierenden Gewinnen aus der Produktion partizipieren, sondern verweigern ihnen auch noch die angmessene Bezahlung ihrer Arbeitskraft. Das schieben sie immer mehr auf den Staat ab, der dafür inzwischen 50 Milliarden Euro aufwenden musste, was wesentlich zu seiner gegenwärtigen Verschuldung beitrug. Tendenz steigend, denn der Staat erträgt das klaglos; schließlich ist er längst zur Beute des Kapitals und seiner Lobbyisten geworden.

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