Was Google und Innenminister de Maizière verbindet – und unterscheidet

Überraschend ist es nicht, dass ausgerechnet Bundesinnenminister Thomas de Maizière eine Lanze für Google bricht, muss er doch befürchten, dass jede gesetzliche Regelung zur Eindämmung der Sammelwut der Suchmaschine auch ihm da und dort die Hände binden könnte. Denn gerade im Ziel, möglichst viel über die Menschen zu wissen und bei der dazu nötigen Datenbeschaffung nicht behindert zu werden, treffen sich der Staat und die kommerziellen Schnüffler.

Damit aber enden schon die Parallelen – und gerade diese wird von der Regierung am wenigsten artikuliert; dafür ereifert sie sich in dem Bemühen, Google zum Sicherheitsrisiko für die Bürger zu erklären. Natürlich mag es manchem nicht gefallen, dass seine Hausfassade – wie übrigens schon lange sein Wohngebäude aus der Vogelperspektive – demnächst weltweit im Netz zu besichtigen ist; eine Gefährdung seiner Sicherheit erwächst daraus jedoch kaum. Diebe, die bei ihm einsteigen wollen, werden sich kaum auf die unscharfen und zudem in der Regel überholten Google-Fotos verlassen. Und Prominente, die um ihre Privatsphäre fürchten, oder auch Bürger, denen einfach nur ein Missgeschick zustößt, müssen sich wohl mehr Sorgen um die »Bild«-Zeitung machen, die zwar Tipps gibt, wie man sich gegen Google Street View wehren kann, ohne – wie kürzlich die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung zutreffend schrieb – zu verraten, »wie man sich dagegen wehren kann, dass man in >Bild< steht«. Vielleicht sollte das Blatt mit gutem Beispiel vorangehen und auch ein Widerspruchsformular ins Internet stellen.

Viel mehr als Google durch das Abfotografieren von Hausfassaden herausbekommen kann, weiß es längst über viel intimere Geheimnisse seiner Nutzer. Da jede Suchanfrage monatelang gespeichert wird, erfährt die Suchmaschine sehr viel über Interessen, Wünsche, Vorlieben und damit auch Meinungen und Einstellungen jedes einzelnen, der am Computer sitzt – und greift darauf zurück, um zum Beispiel gezielt Werbung einzusetzen Natürlich könnte sie auch Persönlichkeitsprofile erstellen, die umso tiefgründiger wären, je mehr der Google-Nutzer über sich selbst schon verraten hat. Daran aber hat die Suchmaschine nur begrenzt Interesse – ganz im Unterschied zum Innenminister und seinen Geheimdiensten. Sie würden liebend gern nicht nur die Google-Erkenntnisse nutzen, sondern noch viel weiter gehen, wie einige der Gesetzestexte aus dem Hause de Maizière bereits verrieten. So weit, dass das Bundesverfassungsgericht schleunigst einige Stoppschilder aufstellte.

Irgendwann einmal fotografierte Hausfassaden, wie sie Google liefert, interessieren Polizei, Geheimdienste und Staatsanwälte kaum; da müssen es schon laufende Bilder aus Überwachungskameras sein, heimliche aufgenommene Polizeivideos und Bewegungsprofile aus dem Handy-Verkehr, die »Verdächtige« in Echtzeit verfolgen lassen. Oder noch besser: Ganze Computerfestplatten, die Aufschluss über den Datenverkehr wie gespeicherte Informationen auf jedem Rechner geben und durch möglichst uneingeschränkte Online-Überwachung beschafft werden sollen. Davon aber ist in der gegenwärtigen Debatte über die Privatsphäre nicht die Rede. Sie entpuppt sich so auch nur als eine Fassade, hinter sich jedoch die tatsächliche und ständig wachsende Ausspähung des Bürgers wunderbar verbergen lässt.

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Eine Antwort zu “Was Google und Innenminister de Maizière verbindet – und unterscheidet”

  1. Markus sagt:

    Das ist heute schon eine vertrackte Sache mit der Überfülle an „Infos“, besonders dann, wenn sie in die falschen Hände gelangen. Manche sprechen gar von einem „Informationscrash“, wie z.B. auch der bürgerliche Ökonom Max Otte. Wo Parallelen zu der Sichtweise des sozialistischen „Oberblogsängers“ liegen und wo diese enden, mag ein jeder vielleicht für sich selbst herausfinden.

    http://www.ullsteinbuchverlage.de/econ/buch.php?id=13283&page=buchaz

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