Anschluss im Block. Vor 20 Jahren arrangierte sich die Ost-CDU mit der neuen »führenden Kraft«

Heute feiert die CDU in Berlin die Wiederkehr des Vereinigungsparteitages mit der gleichnamigen DDR-Blockpartei. In Anwesenheit von Helmut Kohl, dem damit die Kanzlerschaft gerettet wurde.

Fast schien es ein hintersinniger Kommentar zum bevorstehenden 20-jährigen Jubiläum der Vereinigung der christdemokratischen Parteien West und Ost, als kürzlich der vorweggenommene Nachlass Gerald Göttings, des langjährigen Vorsitzenden der CDU in der DDR ans Hallenser Stadtarchiv übergeben und dort freudig entgegengenommen wurde. Da fand sich seine alte Schulmütze von den Franckeschen Stiftungen ebenso wie ein ausführliches Dossier über die Entmachtung Walter Ulbrichts, zahlreiche Orden und Medaillen für die stromlinienförmige »Blockpolitik« des christlichen Politikers und manch Text, den die heutige gesamtdeutsche CDU lieber auf dem Müllhaufen der Geschichte hätte vermodert gesehen.

Denn dieses »Gruselkabinett«, wie die Mitteldeutsche Zeitung schrieb, erinnerte allzu offen daran, wen sich die in der Bundesrepublik regierende Kohl-Partei vor 20 Jahren als Partner im Osten auserkoren hatte, um sich mit ihm gemeinsam die Macht im vereinigten Deutschland zu sichern. Die Blockpartei CDU hatte in der DDR zuletzt 140 000 Mitglieder. Sie wechselte zwar nach dem Mauerfall flugs ihre Spitze aus und unternahm einige Symbolhandlungen, um sich vom Ruch der »Nationalen Front« zu befreien, doch das sonstige Personal blieb – und entsprechend ablehnend war die Haltung des »Demokratischen Aufbruchs« (DA), jener Bürgerrechtsgruppe, die sich vor allem aus DDR-kritischen Pastoren rekrutierte, zur von Bonn gewünschten Zusammenarbeit mit den »Blockflöten«.

Durchhalten konnten dies die Bürgerrechtler freilich nicht, auch wenn sie sich noch Ende 1989 trotzig als eigenständige Partei konstituierten und sich inhaltlich weitgehend der West-CDU anpassten, dazu auch ihre Gründungsmitglieder Friedrich Schorlemmer und Edelbert Richter ob deren »sozialistischer Träumereien« aus ihren Reihen drängten. Schon Anfang Februar 1990 fanden sie sich mit der Ost CDU, die inzwischen Lothar de Maizière führte, und dem CSU-Ableger DSU im Wahlbündnis »Allianz für Deutschland« wieder. Machtpolitisch war die Ost-CDU mit ihrer Mitgliedschaft und Organisationsstruktur für Helmut Kohl unverzichtbar; nach dem Wahlergebnis vom 18. März mit 40,59 Prozent für die Ost-CDU gegenüber 0,92 Prozent für den DA allemal.

Als die Kommunalwahlen 1990 für den DA ebenfalls zum Debakel (0,5 Prozent) wurden, gab er seinen Widerstand gegen ein Zusammengehen mit der Ost-CDU auf. Auch Angela Merkel, die im »Demokratischen Aufbruch« ihre politische Karriere begonnen hatte, wechselte umstandslos in die ehemalige Blockpartei, auch wenn sie später bekannte, darüber nicht glücklich gewesen zu sein. Aber schließlich hatte sie in der DDR gelernt, aus Einsicht in die Notwendigkeit zu handeln. Beim Vereinigungsparteitag von CDU West und Ost wurde sie – damals (noch einige Stunden) stellvertretende Regierungssprecherin der DDR – Helmut Kohl vorgestellt. Bekanntlich der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Für die Ost-CDU begannen nach dem Anschluss im Block die Probleme freilich erst. Denn nun zeigte sich, dass ihr schnell aus der zweiten oder dritten Reihe aufgestiegenes Führungspersonal zumeist ziemlich überfordert war. Von ihr nominierte Ministerpräsidenten wie Josef Duchac (Thüringen), Gerd Gies (Sachsen-Anhalt) oder Alfred Gomolka (Mecklenburg-Vorpommern) scheiterten an ihrer Vergangenheit oder der Instrumentalisierung der Vergangenheit anderer bzw. in innerparteilichen Grabenkämpfen, in denen nicht selten ihre »Parteifreunde« aus dem Westen eine intrigante Rolle spielten. Westpolitiker waren es dann in der Regel auch, die wie Bernhard Vogel in Thüringen, Werner Münch in Sachsen-Anhalt, Jörg Schönbohm in Brandenburg oder Kurt Biedenkopf in Sachsen das Ruder in der Hand nahmen – auch sie nicht immer sehr erfolgreich.

Und selbst neuere Ost-Gewächse scheiterten – wie Berndt Seite in Mecklenburg-Vorpommern, Christoph Bergner in Sachsen-Anhalt oder Dieter Althaus in Thüringen. Zuletzt war es Stanislaw Tillich, der sich aufgrund seiner Anpassungsfähigkeit vor wie nach 1989 als Belastung für die sich so DDR-kritisch gebende sächsische CDU erwies. Zwar konnte die CDU bei Wahlen die SPD im Osten wegen deren opportunistischer Politik teilweise noch auf Abstand halten; zugleich aber trug sie nicht unwesentlich dazu bei, dass die PDS bzw. die Linke zu einer politischen Kraft auf Augenhöhe heranwuchs.

Heute gibt es in den ostdeutschen Ländern einschließlich Berlins keine 60 000 CDU-Mitglieder mehr; von hier stammt – außer Angela Merkel – nur ein Mitglied des Präsidiums und lediglich jedes fünfte des Vorstands. Ihr Einfluss auf die Politik des Bundespartei ist folgerichtig marginal – wie er es in den vergangenen 20 Jahren stets war. Kein Wunder, dass Lothar de Maiziére schon bei der Feier des zehnjährigen Einheitsjubiläums von einer »Gespensterfete« sprach.

Veröffentlicht in: Neues Deutschland vom 01.10.2010

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