Karl Theodor zu Guttenberg und die Auswüchse aggressiver Militärpolitik

Der Vergleich von Politikern mit dem Kaiser ohne Kleider ist mittlerweile inflationär, was aber nicht an Andersens Märchen oder den heutigen Märchenerzählern liegen muss, sondern möglicherweise doch am politischen Personal. Denn allzu oft ist dessen Vertretern das möglichst strahlende Bild in der Öffentlichkeit wichtiger als die Substanz unter den maßgeschneiderten Kleidern, und sie haben inzwischen einer außerordentliche Meisterschaft darin entwickelt, hinter dem schönen Schein ihre weitgehende professionelle Unfähigkeit zu verbergen. Jüngstes, aber schon seit langem absehbares Beispiel dafür ist Freiher Karl Theodor zu Guttenberg, der bundesdeutsche Verteidigungsminister.

Mit einiger Betroffenheit registrieren Guttenbergs mediale Sprachrohre, die ihn in den letzten Monaten zum »Hoffnungsträger« deutscher Politik aufbauten und schon bald im Kanzleramt sahen, wie schnell ihr künstlich beleuchteter Stern verglüht; verzweifelt versuchen sie, seine katastrophale Politik auf ein Informationsdefizit zu reduzieren, das zwar ärgerlich, aber eigentlich doch nicht so schlimm sei. Sie blenden damit aus, dass es nicht das Versagen irgendwelcher subalterner Beamter oder seiner Presseabteilung ist, was ihr zur Debatte steht, sondern die Inkompetenz eines Ministers, der angetreten ist, die Bundeswehr weg von einer Verteidigungsarmee und hin zu einem Interventionsinstrument zu führen – und für dieses Ziel »Kollateralschäden« in der Truppe billigend in Kauf nimmt..

Der Fall des in Afghanistan von einem Kameraden erschossenen Soldaten ist dafür exemplarisch. Er entstand aus der permanenten Stresssituation , der die an den Hindukusch Entsandten ausgesetzt sind und die sie immer weniger bewältigen können, zumal ihnen niemand den tieferen Sinn ihres Einsatzes zu vermitteln vermag. Offenbar sehen sie ihn angesichts eines unsicheren Arbeitsmarktes in Deutschland vor allem, darin, eine Zeitlang ein gutes Stück Geld zu verdienen, das Glück der unversehrten Heimkehr vorausgesetzt. Das gebiert Frust und den Drang, sich irgendwie abzureagieren – und sei es in unreifen Männlichkeitsspielen. Das führt in jeder Armee zu einer hohen Zahl von fahrlässigen Tötungen und Verletzungen; wohl nicht zufällig möchte jetzt der Wehrbeauftragte des Bundestages vom Minister wissen, inwieweit sich die Einsatzbelastung in Afghanistan auf die Einhaltung der Grundsätze der inneren Führung auswirkt.

Da von Guttenbergs »Bundeswehrreform« jedoch darauf abzielt, künftig die Truppe fast ausschließlich in derartige Einsätze zur Sicherung der wirtschaftlichen Interessen und Handelswege Deutschlands zu schicken, liefert der Vorfall am Hindukusch eine Vorahnung der auf die Bundeswehr zukommenden Probleme.Wer junge Menschen zu Söldnern erzieht, denen Verantwortungsgefühl, auch für den Nebenmann, abgeht, weil sie nicht mehr für eine identifikationsfähige Sache kämpfen, sondern nur für sich, muss sich nicht wundern, wenn es zu solchen Fehlentwicklungen kommt. Der Verteidigungsminister aber hat dagegen natürlich kein Mittel – außer jenem, über die hässlichen Nebenwirkungen seiner Politik ganz im Sinne alten Korpsdenkens den Mantel der Verschwiegenheit zu nlegen.

Den gleichen Hintergrund hat auch der Fall der aus der Takelage des Segelschulschiffes »Gorch Fock« gestürzten Kadettin, wobei hier zu Guttenberg die militaristische Traditionspflege der Bundeswehr, die keiner ihrer Minister je ernsthaft in Frage stellte, fortsetzt – nicht zuletzt weil sie kaum im Widerspruch zu seiner Philosophie eines Invasionssoldaten der Zukunft steht. Sowohl die »Gorch Fock« als auch Kadetten sind Relikte eines elitären soldatischen Denkens, das eigentlich mit dem »Staatsbürger in Uniform« der Vergangenheit angehören sollte. Auswüchse solchen Denkens sind jetzt aus den Berichten der »Gorch-Fock«-Zöglinge ablesbar – natürlich mussten auch sie vor der Öffentlichkeit verborgen werden.

Die »Informationsdefizite« haben also System, sie gehören gewissermaßen zu Guttenbergs Konzept, zum Inhalt seiner Politik. Forsch hat er der Bundeswehr ein neues Einsatzkonzept verordnet und – wie bei vielen seiner Entscheidungen aus der Hüfte – die Folgen nicht bedacht. Oder gar ignoriert. Er glaubt, überholte Politik auch noch mit Methoden von gestern durchsetzen zu können – und beweist damit doch nur, dass er weder von seiner Kompetenz noch von seinem Charakter her jener »Kaiser« ist, als der er sich und andere ihn ständig darstellen. Sondern ein Gernegroß, dazu noch nackt.

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Eine Antwort zu “Karl Theodor zu Guttenberg und die Auswüchse aggressiver Militärpolitik”

  1. Markus sagt:

    Ein „adliger Gernegroß“ kommt in den Boulevardmedien natürlich besonders gut an, und beim durch ebendiese Claqueure der Herrschenden in naiver Bewunderung für die „Von-und-Zus“ domestizierten Kleinbürger. – Marsch!