Liebigstraße 14 und die Logik des Kapitalismus

(pri) Es hatte schon etwas Rührendes, wie die letzten 25 Besetzer des Hauses Liebigstraße 14 in Berlin-Friedrichshain und ihre zahlreichen Unterstützer den kreativen, phantasievollen Kampf um ihr buntes Inselchen in einer sich zunehmend vergleichförmigen Stadt führten, wohl wissend, aber dennoch nicht wahrhaben wollend, dass er am Ende aussichtslos ist, weil er schlicht der Logik des Kapitalismus widerspricht. Nicht einmal in einer Stadt, in der die Linkspartei in der Regierung Sitz und Stimme hat, lassen sich dessen Gesetze aushebeln. Sie sind schließlich für ihn und sein Gedeihen gemacht; folglich darf sich das Kapital – mit juristischer Rückendeckung – alles erlauben, der unangepasste Bürger jedoch hat möge sich dorthin begeben, wo er keinen stört.

Liebigstraße 14 am 1. Februar 2011

Diese Erfahrung hatten (West-)Berliner Hausbesetzer schon in den 70er/89er-Jahren gemacht. Damals wie heute folgten Immobilien- investitionen dem Profitprinzip. Solange man mit der Sanierung und dem Neubau von Häusern kein Geld machen konnte, verfiel oft wertvolle Bausubstanz. Junge Leute, die dringend preiswerten Wohnraum suchten, besetzten leerstehende Häuser, hielten sie wenigstens bewohnbar und schufen nicht selten um ihre Objekte herum ein buntes, alternatives Leben, das zwar für kleinbürgerliche Gemüter – vom betuchten Wohnungseigentümer über den kleinen Geschäftsmann, der Kundschaft anlocken und nicht vergraulen wollte, bis hin zum ruhebedürftigen und die eigenen Jugendträume verdrängenden Rentner – unbequem und störend sein kann, aber nichtsdestotrotz das Klima, die Atmosphäre der Stadt mit so Eigenem wie Eigentümlichen bereichert, dass es wesentlich zu deren Lebensqualität beiträgt. Gerade Berlins Ruf als lebendige, fluffige Metropole ergibt sich nicht aus der gleichförmigen Gediegenheit seiner bürgerlichen Vororte, sondern aus dem schrägen Charme, der frechen Unangepasstheit, dem verstörenden Überraschungsfaktor seiner innerstädtischen Quartiere – und dort auch solcher Projekte wie der Liebig 14.

Damit wirbt zwar ein Regierender Bürgermeister, der sein Stadt gern »arm, aber sexy« nennt, gleichzeitig jedoch bringt er seinen Innensenator dagegen in Stellung, sobald sich die Verwertungs

Auch Liebigstraße - noch intakt

bedingungen des Kapitals verändern. Sowohl in den 80er-Jahren als auch um die Jahrtausend- wende wurde Berlin für Immobilien- investoren interessant – damals wegen der politisch gesteuerten Spekulation, die im »Berliner Baufilz« ihren Höhepunkt fand, heute aufgrund wachsender Nachfrage nach luxuriösen Innenstadtwohnungen. Und beide Male musste die Hausbesetzerszene weichen – in der Regel durch den Einsatz staatlicher Gewalt, denn das Recht war beizeiten den Eigentumsverhältnissen angepasst worden.

Wer »in einem Umfeld leben möchte, das zu ihm passt«, wie der Stadtsoziologe Andrej Holm das Anliegen der Hausbesetzer beschreibt, kann das in dieser Gesellschaft nur, wenn er das entsprechende Geld hat. Über die eigene Freiheit entscheidet dasBankkonto – so ist nun einmal das Gesetz des Kapitalismus. Dagegen hilft Protest wenig; nicht einmal die Mitwirkung der Linkspartei an den Regierungsgeschäften kann dagegen etwas ausrichten. Und das nicht nur wegen ihrer Ohnmacht gegenüber den Normsetzungen des bürgerlichen Staates, sondern auch deshalb, weil sie gesellschaftsverändernder Programmatik längst abgeschworen hat und statt dessen von der SPD deren einstige Rolle eines Arztes am Krankenbett des Kapitalismus übernahm. Jüngst hat sie das mit ihren partiellen Ekelbekundungen allein gegenüber dem Wort Kommunismus eindrucksvoll bewiesen.

Liebigstraße 14 am 2. Februar 2011

Bleibt also nur die Resignation? Für viele mag es darauf hinauslaufen, nicht jedoch für die jungen Leute, die in und an der Liebigstraße 14 den Kampf mit dem »System« aufnahmen. Für einige mag er adrenalinausschüttende Folklore gewesen sein, für die meisten aber doch ernstes Anliegen einer Jugend, die sich nicht zu früh an die Vorgaben von Autoritäten, die sie nie gewollt haben, anpassen wollen, sondern noch nach eigenen Wegen suchen, wie sie ihr Leben einmal gestalten. Sie werden weitermachen – ungeachtet aller fehlenden Erfolgsaussichten. Und schon das macht die oft kalte, abweisende, frustrierende Stadt ein ganzes Stück wärmer, vertrauter, sympathischer.

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Eine Antwort zu “Liebigstraße 14 und die Logik des Kapitalismus”

  1. Markus sagt:

    Daß die kreativen Aktivisten der Hausbesetzerszene mit ihrem schrägen Lebensstil nicht jedermanns Fall sind, wird man noch verschmerzen können. Anders sieht es allerdings mit dem Verhalten der „linken Mittäter“ in Regierungsverantwortung aus. Sicherlich, den eisernen und unbarmherzigen Gesetzen der kapitalistischen Profitwirtschaft kann niemand einfach entgehen, aber muß es denn gleich eine völlige Anpassung sein? Ist die Linkspartei nur in der Opposition „hui“, in der Regierungsmitverantwortung aber stets „pfui“? Hoffentlich nicht!

    Die Dekadenz der „Reichen und Schönen“ wird aber wohl weiterhin von vielen unkritisch bewundert werden und damit systemstabilisierend wirken:

    http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/fazit/1381759/