Bretter einer großen Welt

Schier unerschöpflich im Trend ist das Buch-Angebot von Zeitgenossen aus dem öffentlichen Leben – Politik , Wirtschaft,     Wissen­schaft, Kultur und Showgeschäft. Die Autoren wollen, so oder so, Kunde geben von sich, ihren Erinnerungen und damit ihrem Platz unter uns.

Otto Mellies und Giso Weißbach zählen zu ihnen.

Premiere für ein linkes Event

(rhe) Da hatte sich die LINKE etwas wirklich zukunftsweisenden ausgedacht. Sie ruft Ende Januar, in persona ihrer derzeit gut im kontroversen Gespräch befindlichen Co-Vorsit­zenden Gesine Lötzsch, nein, nicht noch einmal den Kommunismus, sondern – nur – eine neue Sen­dungs-Reihe ins Öffentliche. Die dazu beitragen soll, das Karl-Liebknecht-Haus, Sitz der Zentrale in Berlin-Mitte, stärker als bisher mit einem positivem Image zu schmücken.

„geDRUCKtes“ nennt sich, Kürzel für Lesung und Gespräch, die Veranstaltungsreihe, zu der nun monatlich die Große Vorsitzende Prominente aus Literatur und Kunst mit dem Ziel einlädt, für zweckgebundene Aufklärung und zielorientierte Unterhaltung zu sorgen.

Erster Gast in der Reihe ist Otto Mellies. Sein ungebrochener Bekanntheitsgrad im Kreis unübersehbar Gleichgesinnter aus der Fernseh-Ära von „Dr. Schlüter“, „Ich – Axel Cäsar Springer“, „Hannes Trostberg“ oder der Deutschen Theater-Zeit von Lessings „Nathan der Weise“ lässte ich allein schon daran dem ableiten, dass die Stühle im Club hinten und vorne nicht reichen. Gutes Omen für eine Lesung aus dem Buch „An einem schönen Sommermor­gen…“ Die dann aber gar nicht stattfindet.   Sehen wir von den wenigen Zeilen ab, die Mellies mit unverkennbarer Stimme wort­gleich aus dem Buchanfang vorträgt, so gleicht der Rest (der für ihn vorgegebenen 40 Minuten) einer Perlenschnur unterhaltsam erzählter Episoden. Die, mit fortschreitender Zeit, einen Mann sichtbar macht, der souverän und erfolgreich, taktvoll und bescheiden, als einer der herausragenden Mimen unserer Zeit Theater- und Filmgeschichte (mit) geschrieben hat.

Fünfzig Jahre Deutsches Theater

Zur Sprache kommen die schwierige Kindheit und Familienzeit in den Jahren von Krieg und Nachkrieg. Denen im dritten Jahr des Friedens in Schwerin eine Episode folgt, in der die Schauspielerlegende Lucie Höflich nach der Aufnahmeprüfung für Mellies mit den Sätzen „Willst du bei uns anfangen? Wir nehmen dich“ die „einzige alles entscheidende Weiche für mein ganzes langes Lebens stellte.“ Auf Schwerin folgten Gastspiele in Neustrelitz, Rostock und Erfurt. Namen wie die von Hans-Anselm Perthen oder Dieter Mäde sind offensichtlich manchem im Saal noch in Erin­nerung.

1986: als Nathan in "Nathan der Weise" von Lessing, mit Dieter Mann

Sein wichtigster Lehrmeister aber wurde Wolfgang Langhoff, der ihn 1956 ans Deut­sche Theater holte. An eine Spielstätte, der Mellies fünf Jahrzehnte treu bleibt. Schier uner­schöpflich sein Reservoir an Rollen, den „Nathan“ gab er – in der Nachfolge von Paul Wege­ner, Eduard von Winterstein und Wolfgang Heinz  – dreihundertfünfundzwanzig Mal. Hoch­karätig die Liste der Intendanten, zu denen auch Adolf  Dresen, Thomas Langhoff, Friedo Solter und Dieter Mann gehören. In Stücken von Friedrich Wolf, Günter Weisenborn, Hein­rich von Kleist, Wassili Schukschin, Heiner Müller oder Peter Hacks verleiht Mellies seiner Überzeugung Ausdruck, dass schauspielerische Arbeit so etwas wie Dienst an der Rolle sei.

Das alles bietet – nicht der Vorleser – sondern der Erzähler Otto Mellies unterhaltsam, mit viel Humor und (schau)spielerischem Temperament dem Publikum. Das dann seine Reaktion auf „politische Fragen“ von Gesine Lötzsch nach aktuellen Zeitvorgängen, mit Beifall quittiert. Wie der nach dem Krieg in Afghanistan. Nachdenklich, aber bestimmt: Deutsche Soldaten hätten dort nicht zu suchen, davon sei er fest überzeugt.

2011: Mit Gesine Lötzsch beim Signieren im Gespräch

Wie nicht anders zu erwarten, bleibt an diesem Abend noch manches unge- sagt. Über  „po- siti­ve Helden“, aufregende Ent- wicklungs- sprünge, Angst- momente bei Festveranstal- tungen, un­glaubliche Fü- gungen, DEFA-Synchronarbeit, über Reisen in die Sowjetunion oder Gastspiele in Innsbruck. Wer alles wissen wollte, konnte in Birgit Hoffmanns Buchladen ein „Sommermorgen-Exemplar“ erwerben. Und von Otto Mellies signieren las­sen. Mit Gesine Lötzsch an seiner Seite und einem freundlichen Lächeln von beiden…

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Ein Optimist blickt zurück

Während Otto Mellies nicht nur ein brillanter Schaupieler, sondern, wie der Abend im linken Club zeigt, auch ein unterhaltsamer Erzähler ist, versteht sich der zehn Jahre jüngere Giso Weißbach als ein „Sonntagskind“: Weil er an einem Sonn­tag im Jahre 1940 im Erzge­birge, als Sohn eines kaufmännischen Angestellten, das Licht der Welt erblickte. Vom Maga­zin wird Weißbach als „Grand Charmeur“ beschrieben. Ein treffen­der Kommentar. Es ist das unmittelbar neben dem Karl-Liebknecht-Haus gelegene Studiokino Babylon, in dem  die Buchpremiere von „Weil ich ein Sonntagskind bin“ den Beweis dafür liefert.

Die Rollen, die er im Leben, aber auch als Sänger und Musical-Darsteller sowie in DEFA-und Fernsehfilmen ablieferte, sind ohne Zahl. Sie dürften ein solches Urteil rechtfertigen: Giso Weißbach als jugendlicher Held, CIA-Agent, Kleinganove, schräger Vogel oder Bösewicht.

Sein Handwerkszeug hat er von Pike auf an der Staatlichen Schauspiel­schule Berlin-Schöneweide erworben. Dem vorausgegan­gen waren NVA-Dienst und Bedenkzeit, gefolgt sind Engagements an Theatern in Parchim, Neustrelitz und Weimar. Was an dramatisch-ko­mödiantischem Talent in ihm steckt, ist  in den Straßenfegern „Das unsichtbare Visier“ und „Licht der schwarzen Kerze“, ebenso in Polizeirufen 110 oder Indianerfilmen zu besichtigen. Auch in TV-Serien wie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ und auf  Naturbühnen in Ralswiek oder Greifenstein hat Giso die Herzen der Damen höher schlagen lassen. Ein Bildteil liefert dazu im Buch die Bei­spiele.

Ordensträger nach „Härtetest“
von Wolfgang Held

Eine heitere  Episode zeigt,  wie  ein Schauspieler  zu einer Auszeichnung kommen kann, die ihm  im „normalen“ Leben wohl nie verliehen worden wäre: „Es muss im Frühjahr 1978 gewesen sein, als ich nach über fünfzehn Jahren Abstinenz  wieder eine Uniform der Nationalen Volksarmee tragen durfte. Nach dem Roman „Härtetest“ von Wolfgang Held beförderte mich das Fernsehender DDR vom ehemaligen Gefreiten meiner Armeezeit zum Oberleutnant im Film. Wir machten Außenaufnahmen für einen Marsch bei Jena, drehten aber auch in einer Kaserne in Erfurt. Obwohl man uns „Film-Soldaten“ in Drehpausen eine Plakette mit der Aufschrift „Fernsehen der DDR“ an ie Brust heftete, passierte es immer wieder, daß mich Soldaten vorschriftsmäßig grüßten…Dass meine Filmfigur, Oberleutnant Winter, eine Vorbildfunktion für junge Soldaten besaß, war mir beim Drehen nicht bewußt.  Um so estaunter nahm ich zur Kenntnis, dass mich die Leitung des Fernsehens nach der Ausstrahlung für eine Auszeichnung vorschlug. Meine Armeezeit hatte ich mit einem blauen Augen überstanden, doch am 1. März 1979  erhielt ich von Armeegeneral Heinz Hoffmann die „Verdienstmedaille der NVA“ in Silber als Zeichen der Anerkennung für hervorragenden militärische Arbeit verliehen…“

2010: Beim Signieren im Kino Babylon

Der direkte Kontakt mit hochkarätiger Künstler- prominenz war auch bei Giso Weißbach unvermeid­lich. In die­sen episo-denhaft reflektierten Begegnungen spiegelt sich der lebensfrohe Autor mit einem Schuss Selbstironie ausgiebig – man darf es ihm nachsehen. Auf manches eher unbedeutende Detail hätte er allerdings durchaus verzichten können. Sein unorthodoxer permanenter Zei­tenwech­sel fordert den Leser zusätzlich. Ungeachtet dessen: Auch der „Sonntagskind“-Text ist mit Gewinn zu lesen. Gerade in einer Zeit globaler Verunsicherung. Giso Weißbach setzt ihr entgegen: „Meinem Lebensmotto die Treue haltend, bleibe ich – trotz aller Höhen und Tiefen, die das Leben mit sich bringt – ein unerschütterli­cher Optimist!

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Otto Mellies, An einem schönen Sommermorgen…, Erinnerungen, Verlag Das Neue Berlin, 255 Seiten, geb., 19,90 Euro .

Giso Weißbach, Weil ich ein Sonntagskind bin, Er­innerungen; Verlag Das Neue Berlin, 224 Seiten, geb., 16.95 Euro

Fotos: NDB/Archiv; Rudolf Hempel (2)

PS. Heiter geht’s weiter in der Reihe „geDRUCKtes.  Am 16. Februar, 18 Uhr, ist Tatjana Meiss­ner in der Kleinen Alexanderstraße 28 zu Gast. Die Moderatorin und Kabarettistin hat  ihr Buch „Alles außer Sex“ im Gepäck.

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