Nur Frontwechsel oder auch Grenzüberschreitung?

Das MfS und seine Geschichte: Mit der Betrachtung zu neuen und ältere Büchern über eine um­strittene Einrichtung soll vermittelt wer­den, dass Deutschland  sich zwei Jahrzehnte nach dem Anschluss der DDR im­mer noch schwer tut, seine Vergangenheit ausgleichend und gerecht zu beurteilen.

1. Teil: Zum Buch von Werner Stiller „Der Agent“

(rhe) Wie das Leben manchmal so spielt: es war der 22. März. Traditionell nahm der Autor des Beitrages morgens das Frühlingsanfang-Vortags-Blatt vom Abreiß-Kalen­der. Um es – nach schnellem Blick auf den „Spruch des Tages“ – im blauen Plastesack zu platzieren. In dem landet, was des Aufhebens als  unwürdig erscheint.

Der Text des A6-großen Blattes war schon im Blauen versenkt, als dem Abreisser, quasi im Nachhinein,  aufging, was da, signiert mit „Anonym“, zu lesen war:

„Wer glaubt, dass man seine Vergangenheit nicht ändern kann, hat noch keine Memoiren geschrieben“.

Leser mit gutem Gedächtnis werden sich daran erinnern, dass es unmittelbar nach der Wende begann: den öffentlichen Markt dominierte zunehmend eine Flut von Artikeln, Essays, TV-Dokumentationen, Spielfilmen und Büchern, auch Memoiren, in denen mit dem „Schild und Schwert der Partei“, Kurzform „Stasi“, aus dem Blickwinkel eines selbsternannten Siegers der Geschichte abgerechnet wurde. Autoren forschten nach und deckten auf, was lange im Ver­borgenen gewesen zu sein schien oder auch tatsächlich war, Regisseure drehten entspre­chende Filme, Schauspieler unterschiedlicher Güte verliehen den mitunter sogar mehrteiligen Werken mit ihrem  Antlitz fragwürdige optische Präsenz.

Auf dem im Ch. Links Verlag im Herbst vergangenen Jahres erschienenen Buch „Der Agent- Mein Leben in drei Geheimdiensten“  sehen wir das Antlitz eines Mannes, der schon so aus­sieht, wie es der Buchtitel suggeriert – von fragwürdig optischer Präsenz. Er ist inzwischen in die Geschichte des Ministeriums für Staatssicherheit eingegangen. Und zwar von dem Mo­ment an, in dem er, noch ohne Sonnenbrille, Schnauzbart und T-Shyrt, in einer „Blitzaktion“ im Januar 1979, als unifor-mierter Agentenführer der Hauptverwaltung Aufklärung, HV A, ausgestattet mit selbst geschriebenen Reisedokumenten und einem prall gefüllten Koffer mit brisanten Unter-lagen, über den Bahnhof Friedrichstraße in Richtung West-Berlin die Seiten wechselte. Das Entsetzen über Oberleutnant Werner Stiller war auf der einen Seite so groß wie auf der anderen anfängliche Überraschung und nachfolgende Würdigung. Der Verlag präsentiert in diesem Kontext auf der 1.Innenseite des Buchumschlages fünf Zi­tate. Ihre Autoren – alles Personen von Rang, deren Name in der deutschen Geheimdienstbran­che Ost wie West einen guten oder weniger guten Klang hat. Die Zitate lassen – unabhängig von der Perspektive des Verfassers – an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig:

+ „Det Jeschwafel von wejen nich hinrichten und nich Todesurteil… alles Käse, Jenossen. Wenn heute een Verräter unter uns iss, der iss morjen schon tot.“ Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit, 1981

+ „Der weitaus größere Schaden im Falle Stiller bestand nicht im tatsächlichen Wissen des Defektors, sondern in den Vorsichtsmaßnahmen, die wir nach seiner Flucht wohl oder übel ergreifen mussten, in den unzähligen Rückrufen und Rückzügen, die uns in unserer Arbeit schmerzlich zurückwarfen.“  Markus Wolf: Spionagechef in geheimen Krieg. München 1997, S. 302

+ „Stillers Verrat war für die HV A ein schwerer Schlag (…) Ein einziger Überläufer verun­sichert immer den ganzen Dienst. (…) Missrauen und Argwohn nehmen automatisch zu, die Verunsicherung wächst.“ Werner Grossmann: Bonn im Blick. Die DDR-Aufklärung aus der Sicht ihres letzten Chefs. Berlin 2007,

+ „Stiller war wirklich tüchtig. Von seinen Fähigkeiten her war er absolut in der Lage, so eine doppelte Rolle zu spielen – auf der eine Seite der tüchtige MfS-Offizier, der auch noch IMs wirbt, auf der anderen Seite der Mann, der dann sein ganzes Wissen dem BND preis­gibt.“ Volker Foertsch, 1979 Abteilungsleiter im BDN, Interview 2004

+ „Die Operation Stiller war die letzte Großaktion des Kalten Krieges auf deutschem Bo­den“. Heribert Hellenbroich, 1979 Chef der Spionageabwehr beim Bundesamt für Verfas­sungsschutz, 1992

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Wer also ist dieser Werner Stiller? Der, wie der Untertitel suggeriert in drei Geheimdiensten – dem MfS, dem BDN und dem CIA – gelebt haben soll. Der Leser erfährt im Buch die Version des Autors. Der 1947 im Kreis Merseburg geboren wurde, in Leipzig Physik studiert, ab 1972 bei der Auslandsspionage des MfS anheuert und sieben Jahre später erst die Seiten, dann auch den Namen (aus Werner Stiller wird Peter Fischer) wechselt, bereitwillig dem einstigen Klassenfeind mit­teilt, was diesem nützt und seinem vormaligen Auftraggeber schadet.

Soviel scheint festzustehen: In Stillers Lebensentwurf spielen zwar die Fronten, die er mit den konträren Gesellschaftssystemen wechselt, eine entscheidende Rolle. In seinem Selbstver­ständnis aber sieht er sich wohl eher über ihnen stehen. Insofern kollidieren bei ihm Aben­teuer- und Spiellust, Realitätssinn und Risikobereitschaft, unbändiger Drang nach Selbstver­wirklichung auf allen Ebenen und um buchstäblich jeden Preis mit einer Moral, die, bei Ein­schluss von Verrat, weder Grenzen noch Skrupel kennt. Gegenüber Markus Wolf, den er schätzte, äußerte sich der einstmalige SED-Parteigruppensekretär Stiller so: „Ich habe die DDR und den Sozialismus nicht verraten, sondern diejenigen, die die DDR in den Abgrund geführt ha­ben, diejenigen, denen das Dogma der Parteidiktatur über allem stand, die keinerlei Kritik geduldet haben und das Volk entmündigt hatten.“ (Neues Deutschland vom 15. 09. 2010, Seite 3)

Auch an der "Enttarnung" von Markus Wolf im Spiegel (5.März 1979) will der Überläufer mitgewirkt haben. Fotos: Der Spiegel; Ch. Links-Verlag

Diese Rechtfertigungslogik, so realitätsbezogen sie auf den ersten Blick auch zu seien scheint, passt durchaus in die Philosophie eines Mannes mit einer derart komplizierten, letzt­endlich domi-nant Ich-bezogenen Struk-tur. In der Tat wird dem Leser mit dieser Selbstdar­stellung ein erstaunli-ches, aber auch erschre­ckendes Psychogramm eines Mannes von außer­gewöhnlichem Format offe-riert. Für ihn scheinen die Ge-heimdiensten, so abhängig er sich von ihnen zeitweilig auch machen musste, um zu leben und zu überleben, bei allen Unter-schieden im professionellen Detail, nur eine spezielle Art von Spielmaterial zur vergleichenden Betrachtung über das divergier-ende Niveau der Dienste und Arbeitgeber MfS, BND und CIA gewesen zu sein.

Gewinn oder Verlust – wir nehmen, wie es kommt. Diese hinter-fragwürdige Lebenshaltung spielt auch in einem Sektor, zum dem er als Investmentbanker nach seinem Top-Secret-In­termezzo wechselt, eine dominierende Rolle: USA, England, wiedervereinigtes Deutschland Ungarn – Stationen einer Abenteurerlaufbahn als Geschäftsmann und Privatinvestor. Er gewinnt Millionen und verliert sie wieder. Was zählt ist der Kick. Diese Haltung rechtfertigt auch den Verdacht, dass selbst die Familie, seine Kinder und die wechselnde Frauen nur zeitweilig leuchtende Mosaiksteine im seinem Lebenspuzzle sind: geheimnisvoll, besonders, anders als alle Anderen.

Im Übrigen: Vielleicht kennt der eine oder andere Leser Stillers 1986 erschienene Buch „Im Zentrum der Spionage“. Es kann heute als eine Art „Agent“-Vorläufer betrachtet werden, damals dazu ein BND-Propaganda-Ballon: Neben tatsächlichen Vorgängen, mit denen der Überläufer konfrontiert war, fanden auch Desinformationen Eingang in den Text. Zum Bei­spiel über die Dauer seiner Arbeit als Doppelagent unmittelbar vor seiner Flucht Richtung Westen. Nun soll uns, laut Verlag, die „wahre Geschichte“ in 28 Kapiteln, nebst Anhang, Literaturverzeichnis und Personenregister anvertraut werden. Diese Aussage ist mit Vorsicht zu genießen. Wie immer, wenn es beim Geheimdienst um die Wahrheit gehen soll.

„Ob es stimmt“, ist bei Welt online kurz vor Erscheinen des „Agent“ unter „Größter BDN-Erfolg, schwerste Stasi-Niederlage“ nachzulesen, „ist allerdings kaum zu überprüfen. Denn die Akten der beteiligten westlichen Dienste, neben dem BND vor allem dem Bundesamt für Verfassungsschutz und die CIA sind bisher unzugänglich. Wobei ohnehin fraglich ist, ob De­tails einer solch komplexen Operation überhaupt schriftlich festgehalten wurden. Wohin das führen konnte, hatte ja gerade Stiller gezeigt, als er mit seinem Aktenkoffer voller Geheimdo­kumente übergelaufen war.“

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Fakt ist allerdings, Stiller hat im “Agent“ Auszüge von Originalakten zu seiner Story veröf­fentlicht. Er fand sie bei einer Behörde, die zur Recherchezeit noch mit dem Namen Gauck/Birthler verbunden war, die nun mit dem des Ex-Bürgerrechtlers Jahn verkup­pelt ist. Das wäre vor 25 Jahren schlichtweg unmöglich gewesen. Die Zustände, die waren damals (noch) nicht so. Als sie dann aber so zu werden begannen, wie sie nach wechselndem Wandel von Annäherung und Abwendung jetzt sind, war im Berliner Verlag ElefantenPress der (jetzt im Handel nicht mehr verfügbare) Insider-Report „Wolfs Westspione“ herausgekommen.

Hat ein Überläufer an Gesicht gewonnen oder verloren?

Darin räumen zwei Mitarbeiter aus Markus Wolf Eli­tetruppe, Männer also, die es wissen müssen, mit diversen Mythen und Legenden auf. Sie lüften manchen Schleier, der bis dato über der von Geheimnissen umwobenen Hauptverwaltung Aufklärung des MfS lag. Im Kapitel mit der amüsanten Überschrift  „Als ein Stiller zu sprechen begann“ ist minutiös aufgezeichnet, was ab der dritten Januarwoche 1979 mit Blick auf einen Mann, den es im Mielke-Ministerium auf einmal nicht mehr gab, passierte – vielleicht eine Ein­stimmung auf die „Agent“-Lektüre.

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Nachsatz: Das neue Universallexikon/Bertelsmann charakterisiert Memoiren als Lebenserin­nerungen. „Sie sind eine Darstellung der eigenen Erlebnisse, bei der im Gegensatz zur Auto­biografie das Gewicht auf die äußeren Geschehnisse gelegt wird. Memoiren sind zwangläufig subjektiv, geben sie doch sowohl die ganz persönlichen als auch die zeithistorisch miterlebten Ereignisse aus dem ureigenen Blickwinkel wider – eine gleichermaßen intime wie einge­schränkte Perspektive. Die Memoirenschreibung blühte vom 16. bis 18. Jahrhundert in Frank­reich und verbreitete sich dann auch in Deutschland. Berühmte Memoirenschreiber waren u. a. Casanova, Otto von Bismarck, Leni Riefenstahl und Simone de Beauvoir.“

Damit befindet sich Werner Stiller, der im Quellenhinweis betont, bei dem vorliegenden Buch handle es „sich um private Erinnerungen und keine wissenschaftliche Darstellung“, in guter Gesellschaft – was die   hier genannten Personen wie auch den oben zitierten Anonym be­trifft…

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Werner Stiller: Der Agent, Mein Leben in drei Geheimdiensten; Ch. Links Verlag, 256 Seiten, geb., 23 Abb., 19.90 €.

 

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