Linker Osterspaziergang

(pri) Vom Hader befreit sind die linken Genossen

durch des Vorstands letzten, ihn rettenden Trick,

Im Tale grünet Hoffnungsglück;

die junge Garde auf fiebrigen Rossen

zog sich in die schützende Koppel zurück.

Von dort her sendet sie, schnaubend noch,

zögernd Signale von weiterem Fighten;

aber der Vorstand duldet kein Streiten,

überall will er Frieden und Eintracht,

wünscht sich, dass rot die Sonne lacht;

doch an Ideen fehlt’s im Revier,

er nimmt vertraute Parolen dafür.

Kehre dich um, von einstigen Höhen

auf das Land zurück zu sehen!

Zwischen dem schwarz-gelben Furor

dringt ein buntes Gewimmel hervor.

Jeder sonnt sich heute gern ganz

in der Sonne mit eigenem Glanz,

denn längst sind die Wähler auferstanden:

Aus alter Parteien dumpfen Gemächern,

aus Gremien- und Fraktionenbanden,

aus Ideologien mit ihren Giebeln und Dächern,

aus des Minimalkonsens quetschender Enge,

weg von der reinen Lehre lauten Trompeten

sind sie auf die Straße getreten.

Sieh nur, sieh, wie behend sich die Menge

durch die politische Landschaft bewegt,

wie sie, vorwärts stürmend in Breit und Länge,

so manches alte Dogma zerschlägt,

und wie von Menschen überladen

sich immer öfter die Demo erweist,

wie deren Suche nach Lösungspfaden

Politik erfüllt mir frischem Geist.

So höret doch des Volks Getümmel,

es braucht keinen heil’gen Parteienhimmel.

Es wünscht sich den Einsatz für seine Belange.

Wer hier hält zur Stange,

dem sei auch nicht bange.

(Nach Johann Wolfgang von Goethe,  Faust I)

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2 Antworten zu “Linker Osterspaziergang”

  1. Uwe Gerig sagt:

    Markus Wolf war nicht nur ein begnadeter Kochbuch-Autor, er hat seine Untergebenen auch zu Lyrikern ausgebildet, wie an dieser schönen Reimerei zu sehen ist. Wow!

  2. Uwe Gerig sagt:

    Diese Lyrik ist so schön, dass man sie wiederholt loben muss und den Lehrer dazu!

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