Vietnam in Wort und Video – ein Reisebericht

II: Mekong aufwärts – von Ho-Chi-Minh-Stadt bis Chau Doc

 

(pri) Früh 6 Uhr legte das Flussschiff »Lan Diep« in Ho-Chi-Minh-Stadt ab, und die Fahrt auf dem Wasser begann – zunächst 70 Kilometer auf dem Saigonfluss, der parallel zum Mekong ins südchinesische Meer mündet und dann durch den schmalen Cho-Gao-Kanal nach My Tho, womit wir endlich den Mekong erreichten.

 

Schon auf der Fahrt dahin konnten wir das rege Treiben auf dem Fluss wie am Flussufer beobachten. An Land dominieren Bretterhäuser auf Pfählen. Letztere sind nötig, weil der Mekong hier immer noch etwas von den Gezeiten des Ozeans spürt, vor allem aber in der Regenzeit, die den Fluss um in der Regel mehr als zehn Meter anschwellen lässt. Von oben schützen gegen den Regen Wellblechdächer, die ihn ablaufen lassen, wobei der Bewohner bemüht sind, ihn verlustlos aufzufangen, denn das Wasser ist für die kommende Trockenzeit sehr wertvoll als Gieß- und Brauchwasser. Die Blechdächer halten die Häuser weitgehend trocken, doch kommt in der Regenzeit Sturm auf, was nicht selten geschieht, sind sie mitsamt den Behausungen gefährdet. Dann flüchten die Bewohner ins Hinterland und hoffen, nach der Rückkehr noch etwas vorzufinden. Ab und zu finden sich zwischen den hölzernen Pfahlbauten neue Steinhäuser; sie haben einen Betonsockel, so hoch wie die Pfähle, und bieten so mehr Sicherheit, sind aber auch erheblich teurer.

 

Dass sich im vietnamesischen Bauwesen insgesamt einiges tut, zeigte nicht nur der Bauboom in Ho-Chi-Minh-Stadt, sondern kann man auch an der Baustoffgewinnung im und am Mekong beobachten. Allenthalben sieht man Bagger am Werk, die Sand aus dem Fluss heraufholen und auf teilweise gewaltigen Schubpramen aufhäufen. Die kleinen Gebirge ziehen in langer Reihe Richtung Ho-Chi-Minh-Stadt oder auf andere Baustellen. Auf dem Weg nach Chau Doc, der letzten größeren Stadt vor der Grenze nach Kambodscha, findet man an einer Stelle geballt eine beinahe archaische Ziegelproduktion. Aneinander gereiht stehen am Ufer große konische Betonmeiler, in denen die Steine wie zu alten Zeiten gebrannt werden. Beheizt mit Kokospalmenschalen und anderen Abfallprodukten der Natur, stoßen sie schwarzen Qualm aus, während davor in langen Mauern die roten Ziegelsteine stehen – meist, aber nicht immer unter schützenden Dächern.

 

Der Mekong ist Südvietnams Lebensader; vor allem in seinem Delta haben sich die Menschen angesiedelt, er liefert ihnen auch vielfältige Rohstoffe für eine prosperierende Kleinproduktion, die freilich mühsam und wenig lukrativ ist, gerade soviel einbringt, dass sich die Familien buchstäblich über Wasser halten können. Bereitwillig und auch mit einem gewissen Stolz werden dem Besucher die einfachen Produktionsstätten gezeigt, die oft nahtlos in die Wohnräume der Familien übergehen. Hier dominiert die Heimarbeit, die auch den Lebensrhythmus der gesamten Gemeinschaft bestimmt, und nicht selten müssen auch die Kinder schon zum Familienunterhalt beitragen.

 

Was wir hierzulande in den inzwischen zahlreichen Asia-Läden kaufen können, entsteht oft in diesen »Familienbetrieben«, zum Beispiel kandiertes Obst und Gemüse: Ingwer, Zucchini, Lotos als süßes Zuckerwerk. Natürlich auch Erdnüsse und getrocknete Bananen. Wir mussten alles probieren und fanden es sehr lecker, vor allem die Zucchini überraschten mit ihrer Frische, der kandierte Ingwer mit seiner nur leicht verfremdeten Schärfe. Kokosmilch, mit allerlei würzenden Zusätzen langsam eingekocht, bis sie eine braune Masse ist, die die dann ausgerollt, geschnitten, mit durchsichtigem Reispapier bedeckt und schließlich eingewickelt wird – fertig sind Kokos-Toffees als Naturprodukt, wie es authentischer kaum vorstellbar ist.

 

Ähnlich natürlich entsteht Puffreis, indem Sand in einer über offenem Feuer schaukelnden Pfanne stark erhitzt und ihm schließlich Reis zugesetzt wird, der erst zu verkohlen scheint, dann aber puffend »explodiert«, dabei seine Feuchtigkeit abgibt und seine Farbe sekundenschnell von Tiefschwarz zu strahlendem Weiß verändert. Dann wird der Sand ausgesiebt, der Reis bleibt zurück, man setzt und Honig und Gewürze zu, zieht die Masse auf große Bleche, portioniert sie schließlich – und hat schon wieder ein Leckerei, die vor allem bei Kindern sehr beliebt ist.

 

Andernorts wird das hauchdünne Reispapier hergestellt, das die beliebten und bei fast keiner Mahlzeit fehlenden Frühlingsrollen zusammenhält, aber darüber hinaus ein beinahe universelles essbares Verpackungsmaterial ist. Der aus Reismehl angerührte Teig wird hauchdünn auf eine heiße Platte ausgebracht und zwischen Tüchern gebacken. Vorsichtig lösen die Arbeiterinnen den dünnen Plinsen, lassen ihn trocknen und richten dann damit hohe Stapel auf. Jetzt sind elastische Oblaten entstanden, die der Füllung mit Fleisch, Meerestieren, Gemüse und Gewürzen harren. Die meist jungen Mädchen, die hier in der Hitze arbeiten und von denen nicht wenige noch den Eindruck von Kindern machen, erhalten allerdings nur zehn Prozent des Preises, den Besitzer, Zwischenhändler und Händler am Ende erzielen.

 

Einige Häuser weiter wird Reisschnaps gebrannt, um die nächste Ecke sind Sojabohnen in großen Tonbottichen eingelegt, wo sie zu Sojasauce reifen. Oft haben die Häuser zwei Eingänge, der vordere zur Straße, der hintere zum Wasser. Das ermöglicht, mit dem Boot Nötiges heranzuschaffen und auch wieder wegzubringen, während man von der Straße, oftmals nur schmale Lehmwege, die auch hier von hupenden Mopeds bevölkert sind und zudem in der Regenzeit meist noch unpassierbar werden, unabhängig ist. So wird zum Beispiel schmutzig-gelbes Salz aus dem Südchinesischen Meer per Boot herangebracht und in einem Schuppen in großen Wannen gereinigt, geklärt und getrocknet; jetzt ist es reinweiß, wird verpackt und – wieder per Boot – ausgeliefert.

 

Auch wir erkundeten den Mekong mit Booten jeder Größe und Fortbewegungsart. Das schnellste und effektivste Verkehrsmittel sind Motorboote, meist mit einfachen Außenbordmotoren, deren Schrauben an einer langen Stange ins Wasser ragen. Die Boote sind oft klein und wendig, doch der ungeübte Europäer muss den Ein- und Ausstieg auf schwankenden Kähnen erst lernen, dann aber kann er sich schaukeln lassen und die Hände immer wieder im badewannenwarmen Mekong baden. Besonders leicht war das bei einer Art Kanufahrt auf einem schmalen Deltaarm. Jeweils zwei Stakerinnen steuerten die schlanken Boote durch den dichten Uferbewuchs aus Palmen, Bananenstauden, Bambus und anderen tropischen Bäumen und Pflanzen. Das Ganze ähnelte sehr einer Spreewald-Tour, nur eben durch die gänzlich andere Vegetation des Dschungels, dazu schön warm und aufgrund der Stille – Vögel sind hier überraschenderweise kaum zu vernehmen – von einem eigenartigen Reiz und einer geradezu majestätischen Würde.

 

Mit langen, schlanken, blau gestrichenen Boote, die jeweils zehn Personen fassen, fahren wir zu einer Familie, unter deren Haus sich ein großes offenes Fischbassin befindet. Dorthin werden Fische, die vor allem während der Regenzeit in großer Zahl den Mekong bevölkern, gebracht und durch Netze an der Flucht gehindert. Inzwischen verlässt man sich schon nicht mehr auf den zufälligen Zugang, sondern züchtet mit Fischlaich ganz bewusst die Schwärme, die dann unter dem Haus leben. Sie werden regelmäßig gefüttert, und je nach Bedarf entnimmt der Fischer jene, die er zum Verkauf anbietet. Wir erleben solch eine Fütterung, ein wahres Spektakel, denn die Fische von 20 bis 30 cm Länge balgen sich förmlich um die Pellets, so dass das Wasser in der kleinen geöffneten Luke wild aufpeitscht. Fische, die groß genug sind, um nicht durch die Netze zu schlüpfen, werden ca. acht Monate gehalten; dann haben sie die Größe, die den größten Gewinn verspricht. Händler kaufen sie auf und verschicken sie in alle Welt; der hier viel gekaufte Pangasius hat oft im Mekong-Delta seinen Ursprung., denn wir sahen die kombinierten Wohn- und Fischzuchtanlagen immer wieder.

 

Wir besuchten zwei mittelgroße Städte im Mekong-Delta – Cai Be und Chau Doc. Neben den Stätten der Kleinproduktion fanden die Märkte das besondere Interesse, die hier natürlich vor allem mit allerlei Meeres- und Flussgetier bestückt waren – das meiste noch schwach lebendig, wie zappelnde Fische, sich träge bewegende Krebse, zuckende, an den Beinen zusammengebundene Frösche. Man kann die Ware fangfrisch kaufen und an Ort und Stelle schlachten lassen. Auch Geflügel ist oft noch lebendig. Dann liegen Hühner, ebenfalls an den Beinen zusammengebunden, fast reglos am Boden. Anderes Fleisch schmort roh in der Sonne, und man fragt sich, wer es einmal wie essen wird. Der Besuch ist rege, die Nachfrage ebenfalls, aber auch zahlreiche Hunde sind auf dem Markt unterwegs, die auf ihren Anteil hoffen.

 

Chau Doc, unweit der Grenze nach Kambodscha gelegen, kündigt sich zur Rechten mit dem 230 Meter hohen Berg Sam an, dann taucht die Silhouette der Stadt auf, die – von einigen repräsentativen Bauten durchsetzt – fast den Eindruck eines Kurortes macht. Der weiße Turm der katholischen Kirche ragt auf, und danach grüßt schon die neugebaute Anlegestelle für Passagierboote, an die sich das repräsentative Hotel »Victoria« anschließt. Wir legen hier wohl zum einzigen Mal an einer breiten Freitreppe an und können zur Hauptstraße hinauf schreiten; ansonsten mussten wir froh sein, wenn unsere ausfahrbare, wacklige Gangway das oft nur schwer passierbare Ufer des Mekong erreichte und wir trockenen Fußes an Land kamen.

 

Mit Chau Doc lernten wir eine heitere, zwar auch lebhafte, aber nicht hektische Stadt kennen. Wir gingen die Uferstraße mit ihren zahlreichen Läden entlang bis zur Kirche, die jetzt, am Abend, durch grelles Neonlicht auf sich aufmerksam machte und wo gerade ein Gottesdienst stattfindet. Auch hier die unvermeidlichen Mopeds, aber dazwischen noch sehr häufig Fahrrad-Rikschas, die von den einheimischen nicht nur zur Personenbeförderung, sondern auch als Transportmittel für alles und jedes genutzt werden. Oft sind es gewagte Aufbauten, die auf den nicht selten filigranen Rädern durch die Straße gleiten.

 

Am Tag darauf wollten wir eigentlich hinauf auf den Berg Sam, doch dieser heilige Berg ist an diesem Sonnabend, der auf das Ende des Tet-Festes fällt, Tay-An-Pagode,  Ziel Tausender Vietnamesen, die ihn ersteigen wollen, um ihren Göttern zu huldigen. Daher ist der Berg für den Fahrverkehr gesperrt; wir hätten uns also auch zu Fuß auf den Weg machen müssen, begnügen uns dann aber mit der am Fuße des Berges stehenden Tay-An-Pagode und dem nur 50 m weiter sich befindenden Chua-Xu-Tempel. Auch dort schon ein wahres Volksgewimmel, denn die Gläubigen spenden zur Feier des Tages ihren vielfältigen Gottheiten Obst und Gemüse, Zuckersachen und sogar ganze gegrillte Ferkel, die sie – herrlich gebräunt und mit Papierblumen geschmückt – stolz herbeitragen. Dazu entzünden sie ein Bündel Räucherstäbchen, die überall zu kaufen sind, und verbeugen sich damit unter dem Gemurmel von Gebeten vor dem jeweiligen Gott. Trotz der Enge und des Gedränges lassen sie sich nicht stören, einige knien sogar nieder. Anschließend lassen sie einen – oft kleineren – Teil ihrer Gaben bei den Göttern zurück; das wird später an Bedürftige verteilt. Den größeren Rest nehmen sie wieder mit nach Hause, um damit ein Fest zu Ehren ihres Hausgottes zu feiern. So ist allen Genüge getan, und das Ganze wird zu einer ausgelassenen Feier, vielleicht unserem Weihnachten vergleichbar.

 

Der Buddhismus ist die vorherrschende Religion in Vietnam; es gibt ihn in zahlreichen Versionen. In My Tho hatten wir die Vinh-Trang-Pagode besucht, vor deren verschnörkelter Eingangspassage ein riesiger weißer Buddha steht. Hier leben etliche Mönche, die das Anwesen mit seinen gepflegten Gartenanlagen im Bonsai-Stil und zahlreichen ruhigen Meditationsplätzen gut in Schuss halten. Nicht weniger sehenswert war in dieser Stadt der Cao-Dai-Tempel mit seiner farbenprächtigen Fassade. Vor allem die französische Kolonialherrschaft hinterließ zahlreiche katholische Kirchen, deren zumeist hohe Kirchtürme unübersehbar sind, aber man kann auch Moscheen finden, so beim Cham-Volk, das dem Islam huldigt. Die Cham sind sehr arm, leiden auch als Minderheit nicht selten unter Diskriminierung. Kinder bettelten uns mit einem Teller Gebäck, für das sie sich einheitlich einen Dollar wünschten, an.

 

Von Chau Doc aus machen wir uns auf den Weg nach Kambodscha. Wieder ging es vorbei an zahlreichen Pfahlbauten, ehe wir die Grenze erreichten, die für den Außenstehenden aber nicht erkennbar, da im Wasser nicht markiert ist. Der Grenzübertritt gestaltete sich unkompliziert. Mit einem alten Motorboot wurde ein Beamter, erkennbar an einer breiten Schärpe über der Brust, herangebracht. Er holte wohl die schon vorbereiteten Pässe, um die Ausreise aus Vietnam zu dokumentieren. Anschließend kam ein anderes, nicht größeres, aber besser erhaltenes Boot mit dem kambodschanischen Grenzwächter. Zur gleichen Zeit wechselte auf dem Sonnendeck ein Matrose die Flaggen, holt das vietnamesische Rot mit dem fünfzackigen goldenen Stern in der Mitte ein, um es durch das Blau-Rot-Blau mit dem stilisierten Angkor-Tempel Kambodschas zu ersetzen. Nach zwei, drei Stunden schien der Hoheitsakt beendet, und das Flussschiff setzte die Reise nach Phnom Penh, die Hauptstadt des Landes, fort.

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Eine Antwort zu “Vietnam in Wort und Video – ein Reisebericht”

  1. monika peiser sagt:

    heute bin ich auf dem mekong in einer nussschale geschippert , seekrank geworden und weil ich soviel puffreis gegessen hatte , war mir auch wirklich nicht gut. habe mich dann aber bei den vielen buddas bedankt , die mich dennoch beschützt haben. es war wunderbar !

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