Der Ritt in die falsche Richtung – Zum 300. Geburtstag von Preußenkönig Friedrich II.

(rhe) Hans Bentzien, Kulturminister in der DDR, erinnert sich an eine Odyssee des bronzenen Reiterdenkmals „Alter Fritz“. Welches Honecker 1980 wieder in Berlin Unter den Linden aufstellen ließ, nachdem es vorher in Potsdam nur mit Mühe, Not und einiger List vor dem Einschmelzen bewahrt werden konnte.

*** Prolog ***

Das Jubiläum  Friedrich des Großen am 24. Januar ist gegenwärtig in aller Munde. Das Ereignis droht sogar die von der Zeitung mit den VIER Buchstaben losgetretene „Causa Wulff“, eine euphorisch-verlogene mediale Selbstdarstellungskampagne um seinen be­dau­ernswerten „Nachfolger im Amt“, in den Schatten zu stellen. Der umstritten gefeierte Preu­ßenkönig wird in Berlin und Brandenburg mit einem von überschwänglicher Verehrung wie gleichzeitiger Distanzlosigkeit geprägten Veranstaltungsmarathon gewürdigt. Für bundes­weite Aufmerksamkeit sorgen die Medien mit Filmen, Essays, historischen Beiträgen Aus­stellungsreports und Interviews. Das Ge­spräch „Der Ritt in die falsche Richtung“ über die Rettung des Bronzedenkmals, das der Au­tor vor über zwei Jahrzehnten mit Hans Bentzien führte – dieser war von 1961 bis 1965 DDR-Kulturminister – hat bei all dem an historischer Aktualität kaum verloren.

Am Jubiläumstag gibt es einen Festakt der Länder Berlin und Brandenburg im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt, Schinkels Meisterwerk des preußischen Klassizismus. Ob dort Bundes­präsident Wulff wirklich als Grußwortredner auftreten wird, scheint bis dato zumindest frag­lich. Auch an der Ruhestätte in Sanssouci soll es eine Gedenkzeremonie geben. Die Grena­diergarde Nr. 6 von 1740 ist daran aber definitiv beteiligt.

Von Berlin Unter den Linden aus wird auch deswegen der „Alte Fritz“ hoch zu Ross (s)einen kritischen Blick in Richtung Potsdam werfen. Nicht nur, um seine originalgetreu kostümierten Soldaten zu sehen, sondern auch, um zu verfolgten, in welcher Art und Weise man dort ein königliches Vermächtnis von Triumph und Tragödie zu erfüllen gedenkt, das wohl schwerlich mit den wahren Intentionen des Jubi­lars in Einklang zu bringen sein wird.

Er blickt so zu einem Ort, an dem er, Friedrich II., höchst selbst längere Jahre seines Denk­mal-Daseins als Opfer von ideologisch gefärbter kleinkarierter Ignoranz und Verblendung zubringen musste. Im Park von Sanssouci, in den Anlagen von Charlottenhof. Ab Sommer 1950 lag er dort. Eingezäunt, von Eichenlaub und Strohmatten bedeckt. Ab Mai 1963 stand er wieder. Von allem Ballast befreit. In dem von Karl Friedrich Schinkel und Peter Josef Lennè geschaffenen Hippodrom. Und damit für alle sichtbar, die ihn sehen wollten.

Des Königs historisches Gewicht

Das aber begab sich zu einer Zeit, die von der heutigen sehr verschieden war. Insonderheit, was das öffentliche Urteil über Preußen, seine diversen Könige und Kriege, vor allem die von Friedrich II. geführten drei blutigen Schlesischen mit ihren über 400 000 Toten angeht. Die bei seinem eigenen Tod 1786 zur völligen Veränderung der europäischen Landkarte geführt hatten. Und folgerichtig auch den Platz von Preußen in der deutschen und europäischen Ge­schichte neu bestimmten.

Der Potsdamer Denkmals-Aufenthalt begab sich dazu noch unter Umständen, die man, die Kriege eingerechnet, kaum als standesgemäß hätte bezeichnen können. Bezogen auf einen sol­datisch-asketischen Großen, kleinen König, der nicht nur Feldherr, sondern gleichwohl  Re­former, Dichter, Schöngeist, auch Frauenhasser, zugleich aber Toleranzverkünder war. Mit den Markenzeichen Uniform und Dreispitz, Windspiel und Flöte.

Der marxistische Historiker Franz Mehring („Lessing Legende“) kritisierte den im deutschen Kaiserreich pompös begangenen 200. Geburtstag des Preußenkönigs, würdigte zugleich aber auch den Umstand, „dass der Name dieses Königs bei alledem einen gewissen populären Klang behalten hat.“ Mehring: „So müsste man sagen, dass der Einäugige unter den Blinden König ist. Unter dem verkommenen Fürstengesindel seiner Zeit war Friedrich in seiner Art ein ganzer Kerl, und ebenso ragte er über seine Vorgänger und Nachfolger in der Geschichte der Hohenzollern empor…“

Alles in allem ist also das Gewicht dieser historischen Person, ungeachtet der mit ihm ver­bundenen kritikwürdigen Widersprüche, entscheidend größer als das 11,5 Tonnen schwere Reiterdenkmal. Zu dem im Übrigen, außer dem Herrscher von Gottes und seiner selbst Gna­den, noch ein 105köpfiges Gefolge von hohem Rang und Namen, inklusive der bildlich dargestellen Haupttugenden des Königs  – Gerechtigkeit, Stärke, Weisheit, Mäßigung – zu rechnen ist.

Schinkels Entwurf, Rauchs glücklicher Gedanke

Der schon zu Lebzeiten des großen Königs von dessen Generälen angeregt Plan, ihn auf diese Weise zu würdigen, wurde später von König Friedrich Wilhelm III. lebhaft wieder aufge­nommen. Allerdings traten die Freiheitskriege der Ausführung hindernd in den Weg. Im Jahre 1830 beschloss der Provinziallandtag von Brandenburg, durch freiwillige Beiträge aus der Mark und der ganzen Monarchie ein Denkmal zu errichten. Der König eröffnete jedoch den Ständen, dass er das Projekt seiner eigenen Fürsorge vorbehalten wolle.

Schinkel wurde mit dem Entwurf beauftragt, Rauch sollte die Skizzen für die Standbilder her­stellen. Letzterer hatte den glücklichen Gedanken, den König zu Pferde in der Tracht seiner Zeit, mit Hut und Mantel darzustellen, von einem reichen Fußgestell getragen. An welchem die zeitgenössischen Staatsmänner. Feldherren und Geistesgrößen  zu platzieren wären. Der König billigte den Plan. Nachdem Rauchs Modell in der Kunstausstellung von 1839 öffentlich gezeigt worden war, erfolgte im Dezember gleichen Jahres der Befehl zur Ausführung.

Die Grundsteinlegung erfolgte am 31. Mai 1840 anlässlich des 100. Jahrestages der Regie­rungsübernahme durch den damals 28jährigen Kronprinzen. Der König, schon krank und schwach, sah der Zeremonie vom Fenster des gegenüberliegenden Palais zu. Zwei Jahre später war das kolossale Modell zum Reiterbild in Ton vollendet. Am 11. Juli 1846 gegen Mitternacht er­folgte der glückliche Guss des Standbildes.

Die Enthüllung des Meisterwerkes fand am 31. Mai 1851 statt. Seit diesem Tage  zeigt sich der König im Krönungsmantel, mit dem Krückstock am Arm und den Dreispitz auf dem Haupte. Im Auge mit dem Schloss die Stätte seiner Geburt, mit der Linken die Zügel haltend. Friedrich der Große ganz in einer Weise, wie ihn die Bürger und die Straßenjugend von Berlin einst durch die Straßen hatten reiten sehen und als „alter Fritz“ in Erinnerung behielten. Das in zwölfjähriger Arbeit geschaffene 14 Meter hohe und 184 Tonnen schwere, damals 250 000 Taler teuere Monument gilt heute als eine der großartigsten Denkmalsplastiken des 19. Jahrhunderts.

In den Wirren zweier Kriege

Dieses Urteil bewahrte den reitenden König allerdings nicht davor, mit zwei Kriegen konfrontiert zu werden, die von Deutschland ausgegangen waren und dorthin – einer historischen Logik fol­gend – zurückkehrten. Während der Novemberrevolution 1918, die den Ersten Weltkrieg be­endete, trafen das Bronzestandbild über 70 Einschüsse. Hintergrund waren die militärischen Auseinandersetzungen um Weihnachten zwischen Noske-Truppen und Spartakisten hinter Barrikaden, bei denen Artillerie und Maschinengewehre eingesetzt wurden. Die Treffer, u. a. am Königskinn und an der rechten Hinterflanke des Pferdes, wurden Anfang der 20er Jahre repa­riert.

Im Zweiten Weltkrieg mauerte man den Preußenkönig zum Schutz vor Bombenangriffen ein. So stand er bis 1950. Während des Pfingstreffen der FDJ im gleichen Jahr, so die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 1.Dezember 1980 im Beitrag „Alter Fritz, steigt du hernieder“, diente die Luftschutzmauer um das Denkmal zum letzten Mal als Fläche für politische Re­klame – unter dem flaggengeschmückten FDJ-Emblem prangte groß das Wort „Frieden“.

Ein Jahr später wurde Friedrich II. dann aus der DDR-Hauptstadt in Richtung Potsdam verbracht. Und wäre in der Zeit seines dortigen Aufenthaltes beinahe für immer von der Bildfläche und damit als Denkmal von Rang für immer von der historischen Bühne verschwunden.

 ***

Wie der „Alte Fritz“ vor dem Feuertod bewahrt wurde, hat der Kulturpolitiker und Historiker Hans Bentzien in seinem 1991 im Verlag Volk und Welt erschienenen Buch „Ich, Friedrich II. – Das Leben des großen Preußenkönigs“ kurz erwähnt.

Er muss es wissen. Als DDR-Kulturminister (1961bis 1966) lag das Schicksal der majestäti­schen Bronze auch mit in seiner Hand. Im nachfolgenden Interview gibt er Auskunft über Stationen der späten Odyssee des Preußenkönigs hoch zu Ross.

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Weshalb wurde das Reiterstandbild Friedrich II. eigentlich aus Berlin weggebracht?

Die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges hatten 1947 den Beschluss gefasst, Preußen auf­zulösen. Damit hat per Dekret der Staat Preußen, den man als „Hort des Militarismus und der Reaktion“ gewissermaßen für zwei Weltkriege verantwortlich machte, aufgehört zu bestehen. In der Geschichte ein einmaliger Vorgang. Klar war somit aber auch, dass das Reiterstandbild des Königs weg musste. Das Berliner Schloss war 1950 gesprengt worden. Es verschwand auch die lateinische Inschrift an der Deutschen Staatsoper, zu deutsch „Von König Friedrich gewidmet Apoll und den Musen“. Seit der letzten Restaurierung der Oper noch zu DDR-Zei­ten sind die Lettern aber wieder zu sehen.

Wer veranlasste den Abtransport?

Friedrich Ebert. Sein Vater war in der Weimarer Republik zwischen 1919 und 1925 Reichs­präsident, er zum Zeitpunkt des hier beschriebenen Vorgangs SED-Politbüromitglied und Oberbürgermeister im Osten Berlins. Er handelte wohl im Sinne der zahlreichen Preußengeg­ner, die schon 1949 die Vernichtung des Denkmals gefordert hatten. Und zwar mit der Be­gründung „weil er gegen Osten reitet“. Sie bezogen sich damit nicht nur auf die Himmels­richtung, in der das Standbild ausgerichtet worden war.

Den formalen Beschluss zur Verlagerung fasste der Ostberliner Magistrat im Mai 1950. Ebert schenkte das Standbild seinem Amtskollegen Dr. Steinhoff, Ministerpräsident des Landes Brandenburg, und ließ es 1951 nach Potsdam bringen. Ross und Reiter wurden ungesichert und auf der Seite liegend transportiert. Auf dem Alexanderplatz kam es dann noch zu einem Crash. Das Fahrzeug hatte Achsen-bruch.

Steinhoff lehnte das „Geschenk“ jedoch ab. Da war nun guter Rat teuer. So erging Eberts Anweisung, die demontierten Denkmalteile im Park von Sanssouci – von Strohmatten be­deckt, von Brettern umzäunt – zu verstecken. Und zwar auf dem Lagerplatz eines Berliner Baubetriebes gegenüber dem Neuen Palais. Ein Polier dieser Restaurierungsfirma „Stuck und Naturstein“ wurde als Mitglied der dortigen Parteileitung dafür verantwortlich gemacht, dass der Alte Fritz sicher und unbemerkt gelagert werde.

Wo er wahrscheinlich bis zum Ende der DDR ungestört vor sich hingedämmert hätte, wenn er nicht Anfang der 80er Jahre Unter die Linden  zurückbeordert worden wäre. Gab es etwa weitsichtige Genossen in der Führung, die den König nur bis auf  Widerruf  in den Wartestand versetzt hatten?

Vielleicht. Aber wenn es sie gegeben haben sollte, die „Weitsichtigen“ konnten sich nicht durchsetzen. Das Gegenteil war der Fall. Nach einem Jahrzehnt, im Spätherbst 1961, rief eben jener gewissenhafte Fachmann, der an der Demontage des Denkmals beteiligt gewesen war, bei mir im Ministerium an. Der Mann hatte, nachdem in seinem Betrieb ein Tieflader ange­fordert worden war, in Erfahrung gebracht, dass aus dem Berliner Magistrat die Anweisung gekommen sei, jenes von ihm quasi per Parteiauftrag behütete Denkmal zur Schmelze zu bringen.

Was solle er tun? fragte er pflichtbewusst nun den Kulturminister. Immerhin war ich der oberste Denkmalpfleger der Republik und kannte natürlich den künstlerischen Wert dieses Monuments. Wobei ich allerdings bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht gewusst hatte, dass das Standbild in Potsdam versteckt lag. Ungeachtet dessen war ich auf  jeden Fall für die nächsten Schritte verantwortlich.

Wer hatte denn die Anordnung zur Schmelze gegeben?

Es war Paul Verner, Mitglied des Politbüros und 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin. Ulbricht plante zu jener Zeit den Bau sozialistischer Stadtzentren. Wobei das Berliner Zent­rum richtunggebend werden sollte. Ins Gespräch kam dabei auch das Forum Unter den Lin­den. Es liegt auf der Hand, dass sie da irgendwie auf das Denkmal gestoßen sind. Verner, eif­rig wie er war, dachte, wie manch einer heute: Wenn ich das Denkmal vernichten lasse, bin ich das politische Problem los. Also ab mit dem Preußenkönig in die Schmelze.

Verner war ja auch jener Mann, der mit Brachialgewalt gegen den Rat der Fachleute- den Bau des Außenministeriums am damaligen Marx-Engels-Platz durchsetzte. Und das, obwohl die Größe des Hauses die Traufhöhe der Gebäude in der angrenzenden Straße Un­ter den Linden verletzte. Hatte denn ein Kulturminister soviel Macht, dass er sich gegen eine Weisung aus dem obersten Zirkel stellen konnte?

Natürlich nicht. Da half eben nur List, um zu verhindern, dass ein solches Kulturgut vernich­tet wird. Ich beauftragte meinen Abteilungsleiter für Bildende Kunst, Dr. Eberhard Bartke, dem Anruf des Mannes nachzugehen und festzustellen, was an der Sache dran war. Bartke beriet sich mit dem Hauptökonom Dr. Herbert Micklich. Dieser wiederum brachte beim Ma­gistrat in Erfahrung, dass alles die reine Wahrheit sei. Unvorstellbar! Ich sagte, da hilft, nur eins: Wir müssen es machen und gleichzeitig nicht.

Im Klartext: Es mussten ein „Vorgang“ und ein „Schrottbeleg“ her. Bartke bestellte einen Tieflader. Ich organisierte zwei Leute mit der weißen Mütze. Diesbezüglich rief ich im In­nenministerium an, landete aber im VP-Präsidium in der Keibelstraße in Berlin-Mitte  und zufällig bei meinem alten Studienkumpel, VP-Oberst Kranhold. Der begriff sofort und veran­lasste das Notwendige. Der König kam auf den Tieflader, Bartke saß im Fahrerhaus, die Wei­ßen Mäuse sicherten ab. Dann „fuhren sie dort in Potsdam in einer regnerischen Nacht einmal ums Karrè und luden die Fracht an anderer Stelle im Park wieder ab.

Beteiligt an dem Unternehmen war auch der damalige Generaldirektor der Staatlichen Schlös­ser und Gärten Potsdam-Sanssouci. Er wies seinen Gärtner an, Friedrich mit Laub zu bede­cken und dieses nass zu halten, damit der Wind den „Vorgang“ nicht unnötig publik mache.

Es musste aber doch eine Vollzugsmeldung geben…

Die gab es auch. In Berlin stellte mein Ökonom den Schrottschein aus. Der Magistratsange­stellte konnte dann bei Verner Vollzug melden. Das Werk war vollbracht. Übrigens wurde das Friedrichdenkmal im Jahre 1962 dann in dem von Karl Friedrich Schinkel und Peter Josef Linnè geschaffenen Hippodrom des Parkes Charlottenhof aufgestellt, wo ein Reiterstandbild ja hingehört. Auch dieser „Vorgang“ verlief natürlich ohne Presse und Zeremonie. Und offensichtlich ist die Sache der grauen Eminenz, dem „Auftraggeber Einschmelzen“, und seinen Nachfolgern im Amt aus den Augen geraten.

Ende 1980 kehrte der Preußenkönig ungeschmolzen nach Berlin zurück. Wie war es denn nun wirklich dazu gekommen?

Es war quasi eine Reaktion auf die immer sichtbarer werdende Neubesinnung auf Preußen in Westberlin unter dem Regierenden Bürgermeister Stobbe.

Hans Bentzien: "Wir müssen es machen..."!

Dort wurde 1980/81 eine Preußen­ausstellung im Schloss Charlottenburg vorbereitet und veranstaltet. Außerdem war noch frü­her, nämlich 1979, in der DDR Ingrid Mittenzweis Biographie „Friedrich II. und die Preußen“ erschienen. Eine alles in allem differenzierte Sicht auf den König und seinen Platz in der Ge­schichte.

Die Rückführung des Standbildes wurde von Honecker persönlich angeordnet, aus welchen Gründen auch immer. Möglicherweise hing das mit seinem immer stärker werdenden Bemü­hen zusammen, sich als Staatsmann von Rang zu profilieren. Nicht zuletzt spielte dabei aber die Komplettierung des Lindenforums eine Rolle. Diese Aktion ist, soweit ich mich erinnere, von der so genannten Leitung „Sondervorhaben Gießke“, gemeinsam mit denen von Schlös­ser und Gärten, organisiert worden

Man musste doch aber damit rechnen, dass die Rückkehr des Preußenkönigs Staub  aufwirbeln würde…

Das war das Problem. Es gab in DDR-Zeiten zu solchen durchaus brisanten Angelegenheiten kaum eine Diskussion, nie eine wirklich öffentliche Auseinandersetzung, in diesem Falle mit preußischer Geschichte. Was hätte man auch sagen sollen? Hätte man zugebe sollen, dass kurz nach Gründung der DDR einige ihrer führende Kräfte, quasi in Fortführung einer falsch interpretierten antifaschistischen Traditionslinie, für das Preußendenkmal keinen Platz mehr Unter den  Linden sahen?

Ohne vorerst, auch das muss man sagen, die letzte Konsequenz zu ziehen und es vernichten zu lassen. Sicherlich hatten die Emigranten aus der  Sowjetunion in Leningrad gesehen, dass dort sowohl ein Lenindenkmal vor dem Smolny wie auch das Reiterdenkmal des  letzten Za­ren vor dem Rathaus stehen.

Nach dem Bau der Mauer aber glaubte eine Gruppe von einflussreichen Dummköpfen im Zuge der angestrebten Konsolidierung „Symbole reaktionärer Politik“ und damit ein solches Monument deutscher Geschichte beseitigen zu können. Pikanterweise passiert ähnliches  heute wieder, in Berlin wie überall in den neuen Ländern. Und nicht nur mit Denkmälern, sondern auch mit den Namen von Straßen, Plätzen, Kulturhäusern und anderen Einrichtungen.

Honecker immerhin ist in seinen späteren Amtsjahren ziemlich unverkrampft mit dem Preußenkönig umgegangen…

Da mögen Sie Recht haben. Es gibt dazu auch eine hübsche Episode. Am 4. Juli 1980 ge­währte Erich Honecker dem britischen Verleger Robert Maxwell im Zusammenhang mit dem Buch „Aus meinem Leben“ in der Reihe „Leaders of the World“ ein Interview. Das erschien am 26. August 1980 im „Neuen Deutschland“.

Und darin wird von Honecker auf eine ent­sprechende Frage zum Erbe und zur preußischen Geschichte erstmals öffentlich die Formulie­rung »Friedrich der Große“ gebraucht. Ob ihm dieser Begriff, noch von der Schulzeit her, so rausgerutscht ist, weiß ich nicht, halte es aber für denkbar. Die Formulierung trug dann aber dazu bei, dass per ND die Kunde von einem neuen Preußenbild in die Welt kam.

*** Epilog ***

Auf die Erstveröffentlichung des Interviews in der Berliner Zeitung vom 3. August 1991 gab es diverse Reaktionen. Darunter auch die der Leserin Renate G. aus O-1020 Berlin, Karl-Marx-Allee 28. Sie schrieb:

„Sehr geehrter Herr Hempel,

Ihr Gespräch über das Rauchsche Denkmal Friedrich II. mit Hans Bentzien habe ich mit großem Interesse gelesen. Bei dieser Gelegenheit erinnere ich mich der schönen Satire Hermann Kants „Bronzezeit“, enthalten in seinem gleichnamigen Erzählband, 1986 im Verlag Rütten & Leoning erschienen. Dort wird  die Wiederaufstellung des Denkmals künstlerisch „verarbeitet“. Ich habe sie nun noch einmal  und mindestens mit ebenso großem Vergnügen wie vor fünf Jahren gelesen.

Da Hermann Kant in dieser Satire die DDR-Mentalität und auch die Art der DDR-Annäherung an die zuvor geschmähte Vergangenheit so herrlich auf die Schippe genommen hat, lohnt vielleicht ein Hinweis auf sie – damit auch andere Leser diesen Spaß genießen können.

Mit freundlichen Grüßen

+++

Hermann Kant war zwar nicht unter denen, die seinerzeit den Zeitungsbeitrag mit einem Kommentar versahen. Aber er hat im Klappentext zu „Bronzezeit“ dem Leser von folgendem Kennung gegeben: „Nein, nein, dieser Band heißt zwar `Bronzezeit`, handelt aber nicht, wiederhole: nicht, von Hünengräbern, Luren, Fibeln oder älteren Germanen. Er handelt auch nicht von Germanisten oder Journalisten, und erstaunlicherweise kommt kein einziger Schriftsteller (als agierende Person) vor…“

Kant: „Farßmanns Erzählungen aus dem hiesigen Leben eines heutigen Bürgers…“

Erzählende, treibende und erleidende Hauptfigur der hier aufgeschriebenen Vorkommnisse sei ein gewisser Farßmann, Buchhalter seines Zeichens und seit der Geschichte vom dritten Nagel einschlägig bekannt.

Die vierte der fünf Farßmann-Stories spielt im VEB Ordunez, einem volkseigenen Kleinbetrieb zur Herstellung von Orden und Ehrenzeichen. In ihr findet sich auf Seite 127 diese Passage:

„Also der Große Reiter. Den hatten welche, als Preußen per Dekret zernichtet worden war, vorsichtshalber oder aus überschüssigem Eifer oder weil sie diesen Herren nun herrenlos glaubten, von seinem Sockel gehoben und beiseite gebracht…Vom Gerümpel, dass übergenug vorhanden war, türmte man etliches auf die Reiterhälften, denn Bronze hatte ihren Handelswert. Auch zählte es nicht als großes Verdienst, einem bedenklichen Oberpreußen Asyl gegeben zu haben.

Aber als wieder eine Ordnung war im Lande, und der Tiefbau sich anschickte, Ordnung auch auf seinem Lagerplätzen zu schaffen, hat der Geländeverwalter über den Zaun gefragt, ob die Ordensleute Verwendung für ein älteres Denkmal hätten. Als Modell vielleicht. Wenn nicht, drohe die Schmelze…“

Plakette für HB

Etwa ein Vierteljahrhundert später kam Hermann Kant in anderer Form noch einmal auf seine Farßmann-Bronzezeit zurück. Unter dem Vermerk „Plakette für HB“ gratulierte er am 4. Januar 2012 im Neuen Deutschland Hans Bentzien zu dessen 85. in unverkennbar Kantscher Manier:

„Ihm dürfte es nicht leicht gefallen sein, die Amtsnachfolge von Johannes R. Becher und Alexander Abusch anzutreten. Immerhin war der eine Anführer des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller und der andere Chefredakteur der „Roten Fahne“ zu Zeiten, als der Knabe B. aus Greifswald zum ersten Mal etwas vom Abc vernahm. Doch übersahen zeitgenössische Spötter, die sich bei seiner Berufung mit dem Namensschwung von Johannes über Alexander zu Hans begnügten, das dieser nach dem Krieg als Neulehrer zu den Kühnsten der ersten Stunde gehört hatte und als späterer Parteiarbeiter zu den Allerkühnsten gar, indem er Walter Ulbricht in der Leipziger Kirchenabrissfehde widersprach.

Der Generalsekretär wiederum hatte Verwendung für diesen Fürchtenichts, als es galt, dem widerspruchsgeladenen Verwaltungsbereich Kultur einen Verweser zu finden. Auf Zeit. Tatsächlich sprangen während Bentziens Ägide so viele Ringe von den Herzen der Künstler, und tatsächlich schlug die Kultur fortan derart kritische Töne an, dass die hochgestellten Dogmenhüter im Ergebnis des 11.Plenums befanden, der Minister habe `schwere Fehler` begangene und müsse aus dem Amt…“

Kant dankt Bentzien im Weiteren für dessen Anteil am gelungenen „Impressum“-Hebeversuch, um mit dieser Passage seine Laudatio zu endigen: „Er, der ein Erzähler von hohen Graden ist, hat mir die Geschichte des Friedrich-Denkmals Unter den Linden überliefert und mir erlaubt, aus seinem ministeriellen Erlebnis eine literarisches Begebnis zu machen. Mit keinem einzigen Wort klang hernach ein Bedauern an, weil doch alles ganz anders gewesen sei, als von mir in `Bronzezeit` beschrieben. Neben dem Glückwunsch, der allen in seinem Alter gebührt, hat Hans Bentzien wenn nicht gar einen Sockel so doch eine Raritäts-Plakette verdient.“

So also schließen sich die preußisch-deutschen Jubiläums-Kreise um einen König. Und um einen Minister mit historischem Verstand. Daran beteiligt ein Autor von Rang, der auf seine Weise König und Minister auf  (s)eine literarische Reihe bringt. Mit und ohne Sockel.

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2 Antworten zu “Der Ritt in die falsche Richtung – Zum 300. Geburtstag von Preußenkönig Friedrich II.”

  1. christine sagt:

    Mit Interesse habe ich den Beitrag über die Geschichte des Reiterdenkmals gelesen und gestaunt, dass Hans Bentzien so viel Mut und Courage gehabt hat, dieses wertvolle Denkmal der Nachwelt zu erhalten.
    In der Super Illu steht auch ein Artikel über diese Angelegenheit, aber Namen wurden nicht genannt. Dort steht allerdings, dass Helmut Kohl 1990 angeordnet hat, die sterblichen Überreste Friedrichs II. neben seinen geliebten Windhunden am Schloss Sanssouci beizusetzen.

  2. margrit sagt:

    Der Blog-Beitrag zu Friedrichs Geburtstag hat mir gut gefallen. Die Geschichte des bewusst vergessenen Denkmals ist natürlich Klasse. Diese Hintergründe kannte ich gar nicht.
    So könnten wir es ja auch mit Marx und Engels machen, die Bundesbauminister Peter Ramsauer entsorgen möchte.

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