„Stell Dir vor es ist Krieg und alle gehen hin…“

 
(rhe) In der Landeshauptstadt Dresden lädt das neu eröffnete Militärhistorische Museum der Bundeswehr zu einer glanzvollen Begegnung mit 800 Jahren Gewalt und Verderben. Der jüdische Stararchitekt Daniel Libeskind schuf dazu eine umstrittene räumliche Voraussetzung. Wer  auch Jacques Offenbachs Antikriegssatire „Großherzogin von Gerolstein“ in der Dresdner Staatsoperette gesehen hat, denkt über Utopien nach, die das 21. Jahrhundert aber nicht  bieten kann.

Nach sieben Jahren Bauzeit wurde im vergangenen Herbst mit einem ministeriellen Festakt das Militärhistorische Museum der Bundeswehr eröffnet. Als die schon im Vorfeld von den Medien reichlich gewürdigte Schau fürs Publikum seine Pforten auftat, standen die Besucher Schlange. Die Mehrzahl von ihnen gewiss nicht nur, weil die Besichtigung von 800 Jahren Gewalt und Verderben vorerst nichts kostet.

Für ein Dutzend Journalisten aus Spanien, Frankreich, Tschechien, Italien und Deutschland boten die in fünf Etagen auf 19000 Quadratmetern platzierten 10500 Exponate genügend Stoff für Recherche und Urteil. Auch sie sind in die 210 000 Besucher einzurechnen, die bis zum Jahresende der neuen Dresdner Attraktion ihre Aufwartung machten.

Der "Libeskind-Keil" scheidet die Geister, auch die der Journalisten

Man konnte gespannt sein, ob und wenn ja wie die Internetofferten des Veranstalters Bundes-wehr zu einem der größ-ten und modernsten mili-tärhistorischen Museen Europas zu verstehen sind. Zu einem Komplex, dessen Vorläufer von 1972 bis zur Wende das Armeemuseum der DDR mit der Geschichte der NVA und dem ihrer Bündnispartner war.

Im Mittelpunkt stirbt der Mensch

Informativ, multiperspektivisch, kritisch modern, forschungsaktuell wolle sich das brandneue  Angebot präsentieren, mit dem ohne Pathos eine kritische Auseinandersetzung angestrebt werde. Im Mittelpunkt der Dauerausstellung stehe der Mensch „mit all seinen Ängsten, Hoffnungen, Leidenschaften, Erinnerungen, Trieben, mit Mut, Vernunft und Aggressionsbereitschaft.“ Sie zeige Bausteine der Kulturgeschichte von Gewalt und Verderben, dessen Wesen und Ursache. Militär solle nicht nur als Institution, sondern auch als Faktor wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, kulturellen und gesamtöffentlichen Lebens verstanden werden. Verteidigungsminister Thomas de Maizière: „Die Neukonzeption des neuen Museums bietet ungewohnte Lesarten der Militärge-schichte.“ Es provoziere und sei – im besten Sinne – anstößig.

Im medialen Schatten, der über das nach einem Entwurf von Libeskind mit einem Kostenaufwand von 62,5 Millionen Euro um einen Neubau – „den Keil“ – erweiterte historische Arsenalgebäude von 1877 am Olbrichtplatz fiel, finden sich mehr Fragen als Antworten zum Thema Krieg, Gewalt und die Deutschen. Die völlig neu konzipierte Ausstellung zu 800 Jahren deutscher Militärgeschichte erfährt oft wohlwollende Zustimmung, einzeln die kritische Analyse, hin und wider auch konstruktive Vorschläge. Für manche Autoren ist die mit dem Angebot verbundene Zumutung unerklärbar. Nicht wenige Besucher halten im Gästebuch offensichtliche, aber behebbare Mängel in der Präsentation fest. Einzelne lehnen – hoch emotionalisiert – die Schau demonstrativ als unzumutbar ab: „Schade um das viele Geld!“

Dem „braunen Geist“ widmet sich der Leserbrief in einem hauptstädtischen Blatt. Man könne sich in der neuen Ausstellung an Hakenkreuzen satt sehen. „Selbst die in feudaler Manier geschaffenen Ölgemälde eitler Selbstdarstellung der nazistischen Wehrmachtsgrößen wurden vom Müllplatz der Geschichte geholt…“ Die Beiträge des Literaten Kurt Tucholsky zum deutschen Militarismus habe er dort vergebens gesucht, was bei dem Hauptgeldgeber dieser „Histroy Show“, der Bundeswehr, auch nicht verwundern könne. „Wer auf der Suche nach dem braunen Geist in der deutschen Gesellschaft ist, wird hier gewiss fündig“.

Krieg und Gewalt als Touristenmagnet ?

Keine Frage – der  Reporter hat solche Stimmen ernst zu nehmen. Für ihn ist  die von sachkundigen „Gästeführern“ begleitete informative Visite allerdings auch mit hohem Erkenntnisgewinn verbunden: direkte Konfrontation mit einem schwer erklärbaren negativen Phänomen der Menschheitsgeschichte.

Das konzeptionelle Anliegen der  Macher vom militärischen Dienst wird durch die von ihnen gewählten unterschiedlichen Rezeptionsvarianten – thematischer Querschnitt, chronologischer Rundgang –  Herausforderung, Zumutung und Provokation zugleich.  Wie Krieg in unterschiedlichen Erscheinungsformen funktionieren kann, zeigen pompöse Schlachtengemälde, Bilder von zerstörten Städten und Zivilisten,  letzte Briefe  sterbender Soldaten. Memoiren fragwürdiger Kriegshelden, aufhellende Dokumente zur Produktion von Waffen.  Auch Minipanzer für Jugendliche und Kriegsspielzeug für Kinder werden vorgeführt. Verblassen die Schrecken des realen Krieges nicht hinter einer zu großen Zahl glänzend aufpolierter Exponate?

Wohin der Krieg die Menschheit führt und wer die Opfer sind, darüber wird also in Dresden Mitteilung gemacht. Wer aber sind die wirklichen Täter? Wer braucht den Krieg? Für welchen Zweck?  Die Frage aller Fragen: Wer waren über acht  Jahrhunderte  die „Kriegsgewinnler“ und wer sind heute die wirklichen Profiteure? Besteht Aussicht  auf dauerhaften Frieden?

Ob sich die Mehrheit von Besuchern dieser heiligen Hallen des Krieges solche Fragen stellt, bleibt nur zu hoffen. Da die Materie schwierig und die Zusammenhänge oft kompliziert sind, gibt es, wie Presseoffizier Major Alexander Georgi gegenüber Blogsgesang erklärt, bis dato mehr als 750 Gästeführungen – Schulklassen, Soldaten, Vereine, Brigaden, Familien – „die Dialog fördernd Zusammenhänge und Hintergründe sichtbar machen sollen“. Außerdem wären Sonderausstellungen geplant. Beispielsweise im Februar zur Kriegsfotografie von James Nachtway. Der so berühmt wie umstrittene hoch dekorierte Amerikaner wurde gerade bei einem Einsatz für das US-Magazin „Time“ im Irak schwer verletzt.

Im Dezember  soll  der 70. Jahrestag der Stalingrader Schlacht  ins Programm. Um ein Ereignis zu würdigen, das dem Verlauf des Zweiten Weltkrieges eine entscheidende Wende gab. Hitler – dessen Machwerk und „Vorbote“ des Krieges „Mein Kampf“ in diesen Tagen auszugsweise und kommentiert auf den Markt profitorientierter Eitelkeiten kommt – hatte dazu mit „Barbarossa“ (s)einen Plan geliefert. Eine „Erfüllung“ war von der Geschichte nicht vorgesehen. Über den Dresdener „Anteil“ an den über 50 Millionen Toten gibt die Ausstellung Auskunft.

Das Gewehr, aus dem kein Schuss fällt

Eine Antwort anderer Art auf die existentielle Frage Krieg oder Frieden hat Jacques Offenbach mit seiner „Großherzogin von Gerolstein“ gegeben. Der Sensationserfolg der Pariser Weltausstellung von 1867 handelt von einem Krieg, der am Ende gar nicht stattfindet. Im Mittelpunkt steht Grenadier Fritz, der in den drei Opèra-bouffe-Akten von der Großherzogin binnen kurzer Zeit vom einfachen Soldaten zum General und, weil er ihren mannstollen Avancen nicht folgen will, wieder zurück befördert wird.

Das unsterbliche Duo: Großherzogin von Gerolstein und Grenadier Fritz

Mit der turbulenten Hand-lung verbunden sind ein Bündel von Anspielungen. Auf die russische Zarin Katharina II., auch auf die verderbliche Expansions-politik Preußens, das seiner Zeit gerade dabei ist, die Verhältnisse in Europa per Krieg und Gewalt neu zu ordnen.

Die paradoxerweise an der Front spielende Dresdner Inszenierung stellt in Rech-nung, dass absehbar der – nun modernisierte – Krieg auch im 21. Jahrhundert rund um den Erdball als Mittel der Politik zum Zwecke von Machterhalt und Machtgewinn weiterhin seine verdammenswerte unheilvolle Rolle spielt. Insofern wird  dem Besucher hier – Rakete und Flugzeug fehlen nicht! – konsequent ein Panoptikum aller Kriege der Weltgeschichte, auch der zukünftigen, eindrucksvoll in Szene gesetzt. Ungeachtet dessen aber bleibt ein Krieg, der – aus welchen dubiosen Gründen auch immer – nicht stattfindet, weiterhin eine begrüßenswerte Utopie. Die Hoffnung darauf stirbt zuletzt.

Schönste Frau, schönster Milchladen

Hoffnung auf  Frieden kommt auf  bei der Besichtigung von Raffaels Sixtinischer Madonna mit dem Jesuskind im Arm.  Die Galerie Alte Meister folgt dem  Besuch von Militärmuseum und Staatsoperette.  Von diesem weltbe-rühmte Meisterwerk der italienischen Renaissancesollen  sollen Goethe, Ibsen und Hebbel „verzückt“, Dostojewski dagegen eher „enttäuscht“ gewesen sei. Der Reporter steht, inmitten von Touristen aus Japan und Russland, in stiller Andacht vor diesem Werk.

Raffaels Sixtinische Madonna: ein italienisches Meisterwerk seit 250 Jahren zu Gast in Dresden

Welchselbiges eine große Sonder-ausstellung mit insgesamt rund 140 Objekten krönen soll.  Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden feiern vom 26. Mai bis 26. August Raffaels Kultbild unter dem Titel „Die schönste Frau der Welt wird 500“.

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Nicht ganz so spektakulär, dafür aber im Guinness-Buch der Rekorde ge-führt, ist der „schönste Milchladen der Welt“. Im Molkereiladen der Gebrüder Pfund gibt eine Urkunde Auskunft über  den „Rekord schönster Milch-laden der Welt, ausgestattet mit 247,90 Quadratmetern handbemalter Fliesen“. Davon erfahren  die von Dresden Marketing vorzüglich betreu-ten und geführten Journalisten auf der mit 22 Haltestellen ausgewiesenen Sightseeing Bustour. Vom Weißen Hirsch herkommend, in dem Uwe Tellkamps bei Suhrkamp erschienene 1000-Seiten-Familiensaga „Der Turm“ maßgeblich spielt. Eine brisante Passage darin ist  in den achtziger Jahren bei der NVA angesiedelt. Die ausgediente  Armee hat jetzt im neuen Militärmuseum der Bundeswehr ihren historischen Platz…

 

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