Dem Nordpol so nahe

(pri) Verlässt man Island Richtung Norden, kann nur noch das Eis kommen. Bei 66° 33′ nördlicher Breite wird der Polarkreis überquert; hier geht jährlich am 21. Juni, dem Tag der Sommersonnenwende, die Sonne nicht unter, und weiter nördlich dehnt sich die Zeit der Mitternachtssonne immer weiter aus, am Nordpol währt sie schließlich ein halbes Jahr.

Kurs auf Spitzbergen – ein Reisebericht

Davon merkt man auf dem Weg nach Spitzbergen immerhin schon so viel, dass es nicht mehr richtig dunkel wird. Ein fahles Dämmerlicht liegt über dem Meer, und wer gute Augen hat, kann eine halbe Stunde nach Mitternacht, als wir den Polarkreis kreuzen, im Freien die Zeitung lesen. Von Eis ist hier noch nichts zu sehen, es kommt sachte. An Bord herrschen tags drauf noch sommerliche Temperaturen, die Passage des Polarkreises wird mit einem Neptunfest gefeiert, zu dem das Bad im (allerdings 27 Grad warmen) Swimmingpool gehört. Doch dabei liegt der Bademantel schon griffbereit, denn zumindest der steife Wind signalisiert, dass die Temperaturen von Wasser wie Luft allmählich sinken. Das Thermometer steigt bald kaum noch über zehn Grad.

 

Eis zeigt sich zwölf Stunden später, am Abend, als Land in Sicht kommt. Schemenhaft hebt sich aus dem Wasser ein weißer Kegel heraus, von Wolkenfetzen umspielt, kaum sichtbar, immer mal wieder verschwindend, dann erneut auftauchend und am Ende, beim Näherkommen, dann doch erkennbar als wohlgeformter Berg, von einem Eispanzer bedeckt, der zwischen seinen glitzernden Bahnen nur selten kantige Furchen dunklen Gesteins sichtbar werden lässt. Trotz des Eises, das in der Sonne glänzt und sich von blauem Himmel abgrenzt, kein Bild, das Kälte so richtig assoziieren lässt, zumal man selbst mit kurzen Ärmeln und in Sandalen an der Reeling steht; einzig der Wind lässt ahnen, dass bald auch das Meer zu Eis erstarren wird.

 

Der Berg ist der Beerenberg, ein 2277 m hoher Vulkan, der 1985 zum letzten Male ausbrach. Er liegt auf der 373 Quadratmeter großen Insel Jan Mayen, die die meisten, die sie passieren, überhaupt nicht zu Gesicht bekommen. Denn ca. 340 Tage im Jahr liegt sie in mehr oder weniger dichtem Nebel, weil sich genau hier der warme Golfstrom und der eisige Polarstrom treffen und gemäßigtes mit arktischem Klima um die Herrschaft ringt. Dann sieht man hier nur Wolken, Nebel, Regengrau und hat allenfalls die Ahnung eines Felsmassivs …

 

Wir jedoch haben Glück. An diesem Julitag verziehen sich die Wolken, und Insel wie Berg präsentieren sich in gleißendem Sonnenlicht, die Temperatur liegt deutlich über dem Gefrierpunkt, und das Land schaut zwar rau und unwirtlich aus, aber doch auch wieder heimelig, wenn einige helle Holzhütten mit bunten Dächern auftauchen, Unterkünfte für eine Wetterstation und eine Luftsicherungsbasis und ihre kaum 20 Betreiber. Von der zugehörigen anderthalb Kilometer langen Flugzeugpiste ist nichts zu sehen. Früher diente die Insel als Stützpunkt für Walfänger, von denen einer, der Holländer Jacobs May van Schellinkhout, ihr auch den Namen gab.

 

Ein Drittel der Insel ist von Gletschern bedeckt, die sich in fünf Strömen vom Beerenberg hinunter zum Wasser ergießen. Bei der Passage nordwestlich Jan Mayens gibt der größte, der Weyprecht-Gletscher, ein eindrucksvolles Bild ab. Eine Stunde vor Mitternacht liegt er in aller Schönheit vor uns; hier gibt die Mitternachtssonne schon genügend Licht, um das seltene Bild auf Hunderte Kameras zu bannen.

 

*

 

36 Stunden später ist das Wasser auf nahe 0 Grad abgekühlt; nur der Salzgehalt hindert es noch am Gefrieren. Die Lufttemperatur liegt im einstelligen Bereich, trotz Sonne. Und es taucht wieder ein Eiland aus schwarzem Gestein auf, sparsam mit schmalen Bändern von hellen Eisbahnen drapiert. Über allem um diese Morgenstunde tief hängende Wolken, die die Bergspitzen nur ahnen lassen, die dort aber sein müssen. Denn die Insel bezieht von daher schließlich ihren Namen: Spitzbergen.

 

Am Ufer nichts Spektakuläres: Schmutzig-graue Werkhallen, Baracken, einst weiße Stahlzylinder, auf die Rost hässliche braune Muster gemalt hat. Im Wasser allerlei Eisenteile wie auf einem Schrottplatz, dazwischen das eine oder andere Boot. In der Ferne eine Siedlung aus flachen bunten Hütten, zu der ein breiter Schotterweg führt. Alles in allem eine trostlose Landschaft, die kaum zur Erkundung reizt. Christiane Ritter, die sich in den 30er Jahren auf Bitten ihres Mannes auf das Abenteuer eines Spitzbergen-Aufenthalts während der Polarnacht und in einer einsamen Blockhütte eingelassen hatte, empfand damals ganz ähnlich, ließ sich bei Ankunft doch »in der Ferne ein öder, grauer, langgezogener Küstenstreifen erkennen«, der auch beim Näherkommen nicht verlockender wurde. Die Küste wurde »mit zunehmender Deutlichkeit nicht einladender. Ein unübersehbares, flaches, dunkles Land. Ganz unvermittelt liegen darauf drei gewaltige, schwarze Berge, wie hingeschüttete Kohlenhaufen. Bis zur Hälfte sind sie gnädig bedeckt mit Nebel.«

 

Und doch galt ihr und gilt Spitzbergen bis heute als eine Art Sehnsuchtsland. Der holländische Seefahrer Wilhelm Barenzs hatte es Ende des 16. Jahrhunderts hoffnungsvoll das »neue Land« genannt. Für die Wikinger war es 400 Jahre zuvor »Svalbard«, was nicht mehr als »Inseln mit kalten Küsten« heißt, und dieser Name steht den Norwegern noch immer für das gesamte Archipel, das sich über 63000 Quadratkilometer erstreckt und von dem niemand genau weiß, wie viele Inseln dazu letztlich gehören.

 

Die Hauptinsel ist jedoch Spitzbergen, knapp 40000 Quadratkilometer groß und von Barents wegen der schroffen Berggipfel so benannt, da man sie bei der Anfahrt und schönem Wetter als erstes zu Gesicht bekommt. Das gilt besonders für die »Tree Kroners«, die – wie die Orgelpfeifen aufgereiht – jeweils um 1225 hoch sind und die drei skandinavischen Königreiche Dänemark, Schweden und Norwegen symbolisieren sollen.

 

Wir legen trotz des trostlosen Anblicks im vorgelagerten Ny Alesund an, der zweitgrößten Ortschaft auf der Insel. Sie liegt bei 78°56′ nördlicher Breite, also schon in Spitzbergens Nordteil und ist nur noch etwa 1000 Kilometer vom Nordpol entfernt. Zwischen all den unspektakulären Gebäuden fällt dicht am Ufer eine altertümliche Eisenbahn auf, mit einer Dampflok und fünf offenen Waggons. Sie ist Überbleibsel des fast 50-jährigen Kohleabbaus in Ny Alesund, den vor allem Norwegen und die Sowjetunion betrieben. Seit 1962 ruht hier der Bergbaubetrieb, doch anderswo auf Spitzbergen ist er noch im Gange.

 

Lange vor den Bergleuten, deren auch mit einem Denkmal aus stilisierten Gleisen gedacht wird, hatten außer Polarforschern vor allem Walfänger und Jäger die Inselgruppe als Standort genutzt. Sie töteten Robben, Walrosse, Eisbären, Polarfüchse, aber auch viele Vögel. Heute steht die Wissenschaft im Vordergrund, und auch in Ny Alesund dominieren Forschungsstationen.

 

Zunächst aber stoßen wir auf die unentbehrlichen Örtlichkeiten menschlicher Existenz – ein Warenhaus, nicht größer als ein hiesiges Eigenheim, in dem man einst Kaffee, Zucker, Mehl oder Trockenobst kaufen konnte. Heute dient es als Pub; auch der darf nicht fehlen, wo mehr als zwei Menschen zusammenkommen. Das Warenhaus ist ein größeres, jedoch auch nur einstöckiges Gebäude umgezogen; wie es heißt, wird vor der Ankunft von Touristen das Sortiment der »Kongsfjord Butikken« vollkommen umgestellt, denn was sie suchen, braucht keiner der in der Regel nur zeitweiligen Inselbewohner, die zugleich vermeiden wollen, dass ihr wirklicher Bedarf von den Ankömmlingen weggekauft wird. Was beide Häuser gemeinsam haben, ist der farbenfrohe Anstrich in Rostrot und Ocker, wie überhaupt mit Farben heftig gegen die Eintönigkeit der dominierenden Weiß- und Grautöne, auf die sich die Natur hier zumeist beschränkt, angekämpft wird.

 

Auch »Tiedemanns Tobak« schräg gegenüber des »Supermarkts« setzt im vorherrschenden Dunkelrot einen Farbtupfer in die öde Landschaft. Das Haus war früher ein Lagerhaus; heute ist hier ein Informationszentrum mit Museum untergebracht. Man kann sich über Geologie und Klima, Flora und Fauna ins Bild setzen. Man findet Schaufel, Schubkarren und Helme, die die Bergbautradition beschreiben sollen, auch eine Kiste mit Steinkohle im Rohzustand, die vermutlich immer mal aufgefüllt werden muss, denn mancher Tourist fischt sich ein Gratis-Souvenir heraus. Dazu allerlei anderes einfacher Gerät aus Holz und Eisen, ein Wohnzimmer mit Kanonenofen, eine Arztpraxis mit altertümlichem Zahnarztstuhl.

 

Auch ein Hotel hat Ny Alesund zu bieten und natürlich das möglicherweise tatsächlich nördlichste Postamt der Welt, eine hellblaue Hütte mit dem Postwappen des Königreichs Norwegen. Der junge Schaltermann kann die Schlange der Wartenden kaum bewältigen, die bei ihm Briefmarken kaufen und dann die Postkarte abstempeln lassen wollen, mit dem spitzbergenschen Originalsiegel.

 

Dominierend sind jedoch die Forschungsstationen aus aller Welt; selbst China zeigt mit den unvermeidlichen Löwenplastiken links und rechts der Eingangstür Flagge, aber auch England, Frankreich, Schweden, Indien, Südkorea und selbstverständlich Norwegen mit dem größten Gebäude sowie einige andere. Die deutschen Forscher residieren seit 1993 im kräftig-blauen Koldewey-Haus, benannt nach dem Leiter der ersten deutschen Nordpolexpedition 1868. Hinzu kommen Satellitenschüsseln, Wetterstationen und ein Gewächshaus – auch dies vermutlich das nördlichste weltweit. Etwas außerhalb ein Husky-Zwinger. Die Hunde dösen faul vor sich hin, lassen sich von der touristischen Invasion kaum beunruhigen.

 

Ganz im Gegensatz zu den Küstenseeschwalben, die ihre Nester zwischen Geröll und Steinen am Strand oder sogar neben den wenigen Straßen Ny Alesunds anlegen und dort in kleinen Kolonien jeweils ein bis zwei Eier ausbrüten. Jetzt, Ende Juli, sind die Küken schon ziemlich keck, flitzen zwischen den Steinen umher und suchen nach Fressbarem. Die Mutter wacht aufmerksam über ihr Wohlbefinden. Jeder potenzielle Feind, ob Polarfuchs, Raubmöwe oder neugierige Menschen werden sofort angegriffen, indem die 30 bis 40 Zentimeter großen weißen Schwalben im Sturzflug auf sie herniederstoßen und mit ihren spitzen, scharfen blutroten Schnäbeln bearbeiten. Man kann sich vor ihnen nicht retten, nur einen Schirm oder die geballte, behandschuhte Faust hoch über den Kopf halten, denn sie fliegen immer die höchste Stelle des potenziellen Feindes an. Die Küstenseeschwalben brüten auf Spitzbergen aber nur; dann machen sie sich auf, um zwischen 14000 und 30000 Kilometer nach Süden zu fliegen und dort, im antarktischen Sommer, zu überwintern. Für sie geht die Sonne faktisch niemals unter; sie müssen dazu aber die längste Strecke zurücklegen, auf die sich je ein Zugvogel begibt.

 

Vor dem Koldewey-Haus im Zentrum Ny Alesunds steht eine große Bronzebüste des Polarforschers Roald Amundsen. Sie erinnert daran, dass er von hier aus 1925 erstmals den Nordpol mit einem Flugzeug überflog und dies ein Jahr später mit dem Luftschiff »Norge« und dessen Erbauer Umberto Nobile wiederholte. Als Nobile 1928 erneut, diesmal mit dem Luftschiff »Italia«, zum Nordpol aufbrach und im Packeis havarierte, machte sich Amundsen auf, ihn zu retten. Die Rettung gelang, doch Amundsens Wasserflugzeug kehrte nicht mehr zurück; trotz intensivster Suche blieben er und sein Fluggerät bis heute verschollen. Der stählerne Ankermast, von dem aus Amundsen und Nobile zur Nordpol-Tour gestartet waren, ist noch heute am Ufer des Königsfjords zu sehen.

 

Und gleich daneben ein Schild, das an allen Straßen, die aus Ny Alesund herausführen, wiederkehrt. Es zeigt einen Eisbär mit der Aufschrift »Polar bear danger. Do not walk beyond this sign without a weapon« (Eisbärenalarm. Weitergehen nicht ohne Waffe.) Zwar laufen Eisbären nicht allzu häufig in Ny Alesund herum, aber auf der Insel gibt es immerhin 3000 von ihnen, also mehr als Menschen, die hier 2500 zählen. Außerhalb bewohnter Ortschaften sind sie ständig auf Nahrungssuche, zumal es ihnen die Klimaerwärmung schwer macht, ihre Hauptbeute, die Robben, die sie vom Eis aus jagen, zu fangen. Daher war es nichts Ungewöhnliches, dass keine zwei Wochen nach unserem Besuch auf Spitzbergen, eine britische Expedition von einem Eisbär angegriffen wurde. Sie hatten auf einem Gletscher gezeltet und offensichtlich ihr Lager nicht genügend gesichert, so dass der Bär eindringen konnte. Er tötete einen 17-jähringen und verletzte vier weitere Expeditionsteilnehmer, ehe sie den Bären zur Strecke brachten, was nur in höchster Notwehr gestattet ist.

 

Ny Alesund ist nach zwei Stunden gründlich erkundet. Das Schiff legt ab, und am Ufer machen die Forscher ihre kleinen Boote zur Ausfahrt klar. Sie sind froh, dass wieder Ruhe einkehrt und sie ungestört ihrer Beschäftigung nachgehen können. Die Küstenseeschwalben können sich ebenfalls eine Pause gönnen, auch wenn sie ein wachsames Auge auf die zurückgebliebenen Wissenschaftler haben, und am Wasser wagt sich sogar ein Meeresstrandläufer heraus, um mit seinem langen spitzen Schnabel nach Nahrung zu suchen.

 

*

 

Derweil nehmen wir Kurs Richtung Norden entlang der Küste Spitzbergens, die hier von zahlreichen Fjorden und Gletschern geprägt ist. Ziel ist der Magdalenenfjord im Nordwesten, der nicht nur landschaftlich sehr reizvoll, sondern auch gut zu befahren ist. Er liegt mit 79°30′ nördlicher Breite fast schon am magischen 80. Breitengrad. Zehn Kilometer tief schneidet er sich in die Bergwelt ein und ist etwa fünf Kilometer breit. Gesäumt wird er von einer Vielzahl von Gletschern. Fridtjof Nansen, norwegischer Polarforscher und später Politiker, der 1895 von seinem Forschungsschiff »Fram« zu Fuß, mit Kajaks und Hundeschlitten zum Nordpol aufgebrochen war, hatte die letzten Festlandgebiete vor dem Pol so beschrieben: »Überall Gletscher und Schnee und Eis zwischen den Gipfeln und mächtige Moränen nach dem Fjord. Das sind die Urkräfte selbst in ihrer Entfaltung, Wasser und Stein, Schwere und Frost.«

 

Ganz so stellt sich noch heute die dortige Landschaft dar. 60 Prozent Spitzbergens sind Gletscher, knapp 30 Prozent sind Felsen und Geröll; lediglich auf dem kleinen Rest wachsen Pflanzen, wobei der sich aber allmählich ausdehnt. Die Klimaveränderungen bewirken, dass sich zwischen Gletschereis und Polarmeer immer öfter ein Vorland ausbildet, das nur von Bächen aus dem Gletscher durchzogen ist und einen gewissen Lebensraum für Vegetation bietet. Man rechnet damit, dass bis zum Jahre 2100 die Temperaturen auf Spitzbergen um sechs Grad ansteigen und das Land zwar nicht gerade ergrünt, aber doch einen allmählich wachsenden Pflanzenteppich, vorwiegend aus Flechten, bekommt.

 

Noch ist davon allerdings nichts zu sehen. Dunkel und bedrohlich liegen die schroffen Berge hinter dem Ufer, jetzt im Sommer – sieht man von den Gletschern ab – nur spärlich mit Eis bedeckt. Im Wasser treiben grünlich-bläuliche Blöcke, die von jenen Gletschern stammen, die noch über eine Eiskante verfügen, von denen sie im Tauprozess abbrechen. Dieses »Kalben« der Gletscher kann man mitunter beobachten. Unter Ächzen und Krachen versinken dann mehr oder minder große Stücke aus der Gletscherzunge im Wasser und erzeugen – je nach Größe – schon mal eine Wellenbewegung, die allerdings ein Kreuzfahrtschiff nichts ins Schaukeln bringt.

 

Das gilt insbesondere für den Waggonway-Gletscher am Ende des Fjords, der sich sieben Kilometer lang durch die Berge schiebt und die Bucht mit einer eindrucksvollen Eiskante abschließt. Sie ist teilweise bis zu 50 Meter hoch, rissig und in ständiger Bewegung. Ihr Eis ist der in Jahrtausenden gefrorene Regen und Schnee, der sich auf den Bergen absetzte, unaufhörlich wuchs und sich eines Tages zum Wasser hin in Bewegung setzte. Deshalb besteht Gletschereis aus Süßwasser, und noch weiß man nicht, wie sich das beschleunigte Abtauen der Gletscher auf die Zusammensetzung des Wassers in den nördlichen Regionen auswirkt – und damit auch auf Tier- und Pflanzenwelt.

 

Die Kreuzfahrtreedereien jedoch machen das uralte Eis der Gletscher gern zu einer Art Highlight ihrer Polarmeerreisen, eignen seine Brocken sich doch prächtig als »Rocks« im Whiskyglas. Daher gehört es beinahe schon zum Programm der einschlägigen Reisen, dass ein paar wagemutige Besatzungsmitglieder mit dem Schlauchboot zwischen den kleinen Eisbergen navigieren und versuchen, einen von ihnen aufs Schiff zu hieven. Da jedoch Eisberge meist nur ein Zehntel ihres Volumens herzeigen, ist das nicht ganz einfach, gelingt in der Regel aber dann doch. Und ist der Brocken doch so groß, dass die Whisky-Trinker ihn nicht aufbrauchen, freut sich gewiss ein Künstler unter den Besatzungsmitgliedern, der ihn zum Gaudi der Passagiere in eine Eisplastik verwandelt – zumeist eine barbusige Nixe, die im Sonnenlicht funkelt und glitzert, ehe sie langsam dahinfließt.

 

Spitzbergens Eiswelt nimmt solche Späße gelassen. Noch nötigt sie mit ihrer Größe und Kälte dem Besucher reichlich Respekt ab, auch wenn nicht jeder an die Jahrtausende denkt, die sie bereits auf dem Buckel hat. Dass es nicht weitere Jahrtausende werden, ist jedoch gewiss. Der Mensch, so klein und unbeholfen er ihr gegenüber aussieht, ist gerade dabei, ihre Lebenserwartung drastisch zu verkürzen. Und damit wohl auch, falls er sich nicht seiner Vernunftfähigkeit besinnt, die eigenen Lebensgrundlagen zu gefährden.

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3 Antworten zu “Dem Nordpol so nahe”

  1. monika peiser sagt:

    es war wieder richtig schön ,mit euch zu reisen ! aber, wie kann man einfach einen eisbrocken aus dem meer ins whiskyglas tun ? ohne prüfsiegel…!!!!

  2. oberblogsaenger sagt:

    @ monika peiser

    Das Eis ist Tausende Jahre alt. Da gab es noch keine Luftverschmutzung.

  3. Lady Malsch sagt:

    Eines ist mal klar: PRI-Video ist mein Favorit!
    Man könnte meinen, Knut Hamsun hätte die Kamera am Auge und das Mikro an der Lippe gehabt. Und dann diese Musik – welche Dramatik. Da bekommt man Lust in Amundsens alte Klamotten zu steigen. Ich will nach Spitzbergen!

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