Ägypten, Syrien und der mähliche Gang der Geschichte

(pri) Am Sonnabend wird in Ägypten über eine neue Verfassung abgestimmt. Dass darum ein erbitterter Kampf tobt, scheint hierzulande nicht wenige zu verwundern. Sie glaubten wohl, das Morgenland steuere nach dem Sturz Mubaraks unmittelbar in abendländische Verhältnisse. Typisch westliche Arroganz. In Syrien tobt ein noch erbitterterer, weil blutiger Kampf, der bereits 40000 Tote kostete – übrigens derzeit noch weniger, als das militärische Abenteuer von NATO und USA in Libyen auf dem Konto hat. Der Westen kann es gar nicht erwarten, dass der derzeitige syrische Präsident Assad endlich gestürzt wird, ohne zu wissen, was danach folgt. Aber man glaubt offensichtlich auch hier, das diktatorische Regime führe direkt in parlamentarisch-demokratische Verhältnisse.

 

An beiden Orten verläuft die Entwicklung anders, weil die dortige Bevölkerung in ihrer Mehrheit überhaupt kein Verlangen hat, das politische System des Abendlandes eins zu eins zu übernehmen. In ihrem Kampf gegen jene Diktatoren, die der Westen jahrelang hofierte, haben sie ein Selbstbewusstsein entwickelt, das ihnen das Recht und das Mandat gibt, über ihre eigenen Geschicke auch selbst zu entscheiden. Das ist der schwierigere, auch längere, vielleicht blutigere Weg, aber er führt am Ende eher zu einem belastbaren Ergebnis als die Kopie durchaus nicht über jeden Zweifel erhabene westliche Praktiken.

 

Daran ändert auch nichts, dass es in beiden Ländern Kräfte gibt, die diesen kurzen Weg bevorzugen, denn sie sind nicht die Mehrheit. Dass sie dennoch nicht nur vehement für ihre Position eintreten, sondern sogar noch vom Westen fordern, sie – und nicht die Mehrheit – massiv zu unterstützen, in Ägypten mit Geld, in Syrien auch mit Waffen, disqualifiziert sie im Grunde als jene Demokraten, die sie vorgeben zu sein.

 

Die Geschichte ist kein Wünsch-dir-was-Spiel, sondern entwickelt sich entsprechend den jeweiligen gesellschaftlichen Realitäten. Diese können zwar von außen beeinflusst werden – in der Regel negativ, da dieser Einfluss stark von fremden Interessen geprägt ist. Sie können aber auf Dauer nicht von außen verändert werden, sondern nur durch innere Prozesse, die konsequent ausgetragen werden müssen – möglichst friedlich, möglichst gewaltlos, aber eine Garantie gibt es dafür nicht. Noch weniger freilich für die Friedlichkeit und Gewaltlosigkeit eines Eingreifens von außen, die die Opferzahlen zwangsläufig erhöht. Das zeigte der Luftkrieg gegen Libyen, und das zeigt gegenwärtig der Bürgerkrieg in Syrien, während in Ägypten bei aller Zuspitzung bisher überwiegend friedlich demonstriert wird – nicht viel anders als hierzulande, allerdings mit anderem Temperament und Engagement. Da fragt sich dann schon, wer von wem lernen könnte.

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2 Antworten zu “Ägypten, Syrien und der mähliche Gang der Geschichte”

  1. Kai Guleikoff sagt:

    Ägypten ist alleine durch den Suez-Kanal von enormer geostrategischer Bedeutung. Sollte der dauerhaft für den Westen ausfallen, müßte die NATO militärisch intervenieren. Ein großer Krieg im Nahen Osten ist gar nicht mehr so unwahrscheinlich! Deshalb auch die massive Stationierung der PATRIOT-Raketenkomplexe der NATO in der Türkei. Hinter Syrien steht Rußland in einer bedrängten Situation. Mit dem Fall des Assad-Regimes wäre Rußland aus dem Mittelmeerraum entfernt! Der Vormarsch des fundamentalen Islam ist absehbar nicht aufzuhalten, auch nicht in den Südrepubliken der GUS. Ob Rußland eine Konfrontation wagt, wie um Kuba 1962, ist gegenwärtig nicht abzusehen. In seinem Interesse müßte es Moskau tun!

  2. Werner Rahn sagt:

    Ein schlüssiger Überblick über die aktuelle Lage der Nation(en) – mit der Quintessenz „Alles ist offen“.
    Ob wer von wem lernen kann bleibt offen, denn-immer noch gehen die eigenen Interessen vor – jedenfalls solange nicht andere Faktoren stärker sind als die Bewahrung der Macht.
    Was Ägyten angeht scheint die Rückkehr zu einer Mubarak-Variante mit Miliärischen Aspekten unter Einbezug von religiösen Komponenten nicht ausgeschlossen.
    Alles in allem: Die Messen, auch die syrischen, sind gegenwärtig noch lange nicht gesungen…

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