Von Königsberg nach Kaliningrad – Reise in eine gespaltene Geschichte

(pri) Aus dem deutschen Königsberg wurde nach dem zweiten Weltkrieg das sowjetische Kaliningrad. Heute wollen die Bürger der vom Mutterland weit entfernten russischen Exklave ihrer beinahe schon vergessenen Stadt eine neue Identität geben.

 

Bei russischen Brautpaaren ist es Sitte, nach der Trauung Blumen an einem historisch wichtigen Ort niederzulegen – oft am Denkmal für die Gefallenen des zweiten Weltkrieges. Auch Kaliningrad hat ein solches Monument, eine Säule – 28 Meter hoch, aus rotem Granit – auf dem Siegesplatz, der das heutige Zentrum der Stadt bildet. Doch finden nur wenige frisch Vermählte den Weg dorthin; weitaus populärer ist die Kant-Insel, umschlossen vom Flüsschen Pregolja (Pregel), auf der der alte Königsberger Dom in einem kleinen Park thront, weshalb sie viele – wie früher – lieber Dominsel nennen.

 

Er ist als einziges Gebäude der Altstadt Königsbergs übrig geblieben; die einst verwinkelten Gassen um ihn herum fielen englischen Bombenangriffen im August 1944 zum Opfer. Großbritanniens Premier Churchill war damals schon klar, dass die Stadt sowjetisch werden würde, und das sollte nur noch ein Trümmerfeld sein. Auch Hitlers Gauleiter Koch mag so gedacht haben, erklärte er Königsberg doch zur Festung, um die von Februar bis April 1945 ein erbitterter Kampf tobte, der erst am 9. April mit der deutschen Kapitulation endete; da stand die Sowjetarmee ansonsten längst vor den Toren Berlins.

 

Fern vom »Mutterland«

 

Das Ergebnis ist schon bald nach Überqueren der polnisch-russischen Grenze zu sehen: riesige Soldatenfriedhöfe beiderseits der Straße, auf der jetzt russische und deutsche Kriegsopfer friedlich vereint liegen. In den Dörfern ist die Architektur sowjetisch, denn 1945 waren sie fast sämtlich dem Erdboden gleichgemacht. Kirchen, die man in der atheistischen Sowjetunion nicht wollte, wurden nicht wieder aufgebaut; heute erinnern an ihre Standorte allenfalls schlichte Kreuze. Die früher deutschen Namen der Dörfer sind getilgt. Nicht selten heißen sie heute nach hier gefallenen Kriegshelden – wie Mamonowo gleich hinter der Grenze nach Oberstleutnant Mamonow, der jetzt auch der früheren Bismarck-Eiche in Heiligenbiel, wie der Ort in Ostpreußen hieß, seinen Namen gibt.

 

Kaliningrad, das in seinen Außenbezirken mit schmucklosen Zweckbauten, denen die Spuren eines mehr als halben Jahrhunderts anzusehen sind, wenig einladend wirkt, erhielt seinen heutigen Namen eher zufällig. Es sollte wohl seiner Ostseenähe wegen Baltijsk heißen, aber mitten in die Namensfindung hinein starb das nominelle sowjetische Staatsoberhaupt Michail Kalinin, und so verfügte Stalin im Juli1946, dass er, einer seiner treuesten Vasallen, zum Namensgeber wurde und Baltijsk nun nur der vorgelagerte Marinehafen heißt. Die deutschen Einwohner waren geflohen, im Krieg oder in Lagern umgekommen, ausgesiedelt worden. Neue Bewohner aus allen Teilen der Sowjetunion, zu drei Vierteln jedoch aus Russland, erhöhten die 1945 auf 73000 zurückgegangene Bevölkerungszahl allmählich wieder auf 450000 heute. So wurde aus dem vormaligen Königsberg eine russische Großstadt – auch durch ihre Funktion als Standort der baltischen Sowjetflotte und damit militärisches Sperrgebiet.

Nach dem Krieg erfolgte der Aufbau im bekannten sowjetischen Stil; dazu kam es weniger auf Schönheit an als darauf, die Zerstörungen schnell zu überwinden und den Menschen Wohnraum zu geben. Gleichzeitig erfolgte der Aufbau Kaliningrads zögerlich, solange trotz Potsdamer Abkommen die deutschen Ostgrenzen immer wieder in Frage gestellt wurden. Erst die Ostverträge schufen hier eine gewisse Klarheit; Sicherheit jedoch gibt es erst nach der deutschen Wiedervereinigung und dem ausdrücklichen Verzicht auf die »Ostgebiete«.

 

So blieb Kaliningrad lange eine Stadt ohne Vergangenheit. Selbst die sowjetische Geschichte hatte ja erst drei Jahrzehnte nach der Oktoberrevolution begonnen, was die Kaliningrader aber erst als Problem empfanden, als sich ihr Land in den 90er Jahren wieder verstärkt auf die vorsowjetische Zeit zu besinnen begann. Das Zarentum kam in Russland zu neuen Ehren, in Sitten und Gebräuchen, den Schulbüchern, vor allem aber in prunkvollen Bauten, die – in der Russischen Ssozialistischern Föderativen Sowjetrepublik zweckentfremdet oder gar zerfallen – wieder in alter Pracht erstanden.

 

Kaliningrad hatte nichts Vorzeigbares aus russischer Geschichte, denn seit dem 13. Jahrhundert, als der Deutsche Orden eine Feste am Frischen Haff erbaute, gibt es dort nur eine überwiegend preußisch-deutsche Vergangenheit. Und die ist durchaus vorzeigbar, denn als Hafen- und Handelsstadt zwischen Ost und West kam Königsberg schnell zu Reichtum, zog Handwerk und Industrie an, brachte kluge Geister hervor. Berühmtheiten wie Käthe Kollwitz, E.T.A. Hoffmann, der Komponist Otto Nicolai, die Schriftstellerin Agnes Miegel, vor allem aber Immanuel Kant stehen dafür. 1871 wurde Ostpreußen offiziell deutsche Provinz. Nach dem ersten Weltkrieg ereilte es jedoch das gleiche Schicksal, das es heute wieder hat – die räumliche Trennung vom Mutterland. Damals schnitt es der polnische Korridor vom Deutschen Reich ab, heute liegen zwischen dem »Kaliningrader Gebiet« und der Grenze Russlands die baltischen Staaten und beinahe 400 Kilometer – fast so viele wie nach Deutschland.

 

Neugierige Nostalgie

 

So war es kein Wunder, dass nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion viele Kaliningrader auch und gerade die deutschen Wurzeln ihrer Geschichte freizulegen begannen. Erhalten gebliebene, aber oftmals zu Mehrfamilienwohnungen umgebaute Villen, vor allem am Oberteich, aber auch in einigen Vororten wurden im alten Stil saniert, oftmals von reichen Russen aus der Hauptstadt, die damit bereits jetzt gutes Geld verdienen. Man fand alte Schilder, Pläne, Karten. Heute werden dem Touristen überall Nachdrucke Königsberger Stadtpläne und Ansichten angeboten. Am Hotel »Usadba«, einem restaurierten preußischen Herrenhaus, gehört gar eine verbeulte, aber frisch grün angestrichene Mülltonne mit der Aufschrift »Königsberg 1935« zum Inventar. Eine neugierige Nostalgie gegenüber den fremden Wurzeln, denen man aufgepfropft wurde, entwickelte sich.

 

Heute zeigen die Kaliningrader dem Besucher also nicht ohne Stolz, was vom alten Königsberg noch übrig ist, und vor allem in den letzten Jahren bemüht man sich auch seitens der Regions- und Stadtverwaltung um die Erhaltung der noch vorhandenen Bausubstanz. Denn diesbezüglich fand sich noch relativ viel vom mittelalterlichen Königsberg, dazu reichlich Grün, so dass sich zumindest in einigen Bezirken das Bild einer schönen und lebenswerten Stadt offenbarte.

 

Schon bald nach 1991 war der Wille, den Dom wieder aufzubauen, gewachsen, und ein Jahr später gab der Gouverneur des Kaliningrader Gebiets Weisung, ihn als »kulturell-musikalisches Zentrum« der Stadt herzurichten. Beauftragt damit wurde der Offizier und Bauingenieur Igor Odinzow, der fast ohne Mittel begann, aber durch ständig wachsende Spenden das Bauwerk voranbrachte. Odinzow sorgte auch dafür, dass neben dem Dom, in Sichtweite des Kantgrabs, das Denkmal Herzog Albrechts, des letzten Hochmeisters des Deutschen Ordens und ersten Herzogs von Preußen mit Sitz in Königsberg, der viel zur Entwicklung der Stadt tat, wieder aufgestellt wurde und die Glasfenster mit den Wappen der Königsberger Stadtteile heute erneut den Dom zieren.

 

Die Kaliningrader haben Königsberg mit seinen Resten angenommen und führen jetzt eine Diskussion über die Rolle dieser Vergangenheit bei der Gestaltung der städtischen Zukunft. Sie intensivierte sich vor allem 2005, als das 750-jährige Stadtjubiläum gefeiert wurde und viele diese lange, ihnen völlig neue Geschichte kennenlernen wollten. Damals gab es Ausstellungen zum früheren Königsberg, auch eine vom Berliner Schlossverfechter Wilhelm von Boddin organisierte. Nicht nur geschäftstüchtige Architekten witterten die Chance, auch eine Möbelfabrik, eine Brauerei, eine Wodkabrennerei werben längst mit dem alten Stadtnamen oder seiner russischen Version »Kjonigsberg«. Die Stadtväter ahnten ebenfalls, dass aus der Wiederbelebung der Vergangenheit Gewinn zu ziehen sei. Wir könnten Europas Vorposten in Russland sein, sagen die einen – oder ein russischer Brückenkopf nach Europa, die anderen.

 

Künftig »Putingrad«?

 

Doch wie diese Stadt zwischen Ost und West aussehen soll, ist strittig. Wenige wollen sie so deutsch wie im Gestern. Sie haben nichts gegen den sorgsam restaurierten Dom mit der Grabstätte Kants, der heute mehrere Museen beherbergt, auch nichts gegen die Sanierung der alten Stadttore., aber eine »deutsche« Stadt wünschen sie sich nicht – wie der Architekt Arthur Sarnitz erfahren musste, der im Internet mit 3-D-Darstellungen Königsbergs um einen historisch getreuen Nachbau wirbt und dafür überwiegend Kritik erntet. Aber so sowjetisch wie heute soll Kaliningrad auch nicht bleiben. Zwar sind dessen breite Boulevards und Neubaugebiete längst für viele Heimat geworden, aber auf solche Missgeburten wie das »Haus der Räte«, das als grauer Betonklotz an die Stelle der 1968 abgerissenen preußischen Schlossruine gesetzt wurde, ohne den sumpfigen Untergrund ausreichend zu verfestigen, so dass der Koloss bald absank und seit 1971 als ungenutzte Investruine das Stadtbild zusätzlich verunziert, würde man gern verzichten.

 

Die Lösung könnte eine dritte Stadt an der Pregolja sein; sie ist am Ufer des Flüsschens im Entstehen – als »Fischerdorf«. Das sind moderne Bauten, vorwiegend in einem etwas künstlichen maritim-nordischen Stil-Mischmasch: Schmale Hansehäuser mit spitzen Dächern, wie man sie im norwegischen Bergen findet. Oder mit geschwungenen Giebeln, andere mit Balkons zum Wasser hin, ein mehrstöckiger Leuchtturm dazwischen. Auch eine Hochhausfront mit viel Glas und Metall.

 

Noch ist Kaliningrad auf der Suche, auch was den künftigen Namen angeht. Der heutige hat wenig Bezug zur Stadt, der frühere ist vielen zu deutsch, auch zu monarchistisch. Zeitungen riefen immer mal einen Wettbewerb aus, von »Hansestadt« über »Kantgrad« und »Euroberg« bis zu allerlei Königsberg-Variationen reichten die Vorschläge. Auch »Putingrad« war darunter, stammt doch die Ehefrau des russischen Präsidenten aus der Stadt, ist gar ihre Ehrenbürgerin, und Putin selbst zeigte sich spendabel, als dem Dom noch die Orgel fehlte.

 

Aber für die meisten Kaliningrader ist ihre Stadt samt Namen das Ergebnis eines Befreiungskrieges, der viele Opfer forderte. Solange in Kaliningrad noch Kriegsveteranen lebten, komme eine Umbenennung nicht in Frage, sagte kürzlich Oberbürgermeister Alexander Jaroschuk. Und sprach damit für die Mehrheit. »In 20, 30 oder 50 Jahren mag man so eine Entscheidung treffen«, fügte er hinzu, »aber auch dann nur, wenn sich auf Basis eines Referendums die Mehrheit der Bevölkerung dafür entscheidet.«

 (Eine leicht gekürzte Fassung dieses Textes ist in »Neues Deutschland« vom 7. Januar 2013 nachzulesen.)

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4 Antworten zu “Von Königsberg nach Kaliningrad – Reise in eine gespaltene Geschichte”

  1. monika peiser sagt:

    als ich den artikel entdeckte, dachte ich natürlich gleich an die klopse. diese wissen auch nicht genau, wie sie heißen sollen. findet man sie dort auch auf einer speisekarte? wenn ja, mit welchem namen? fest steht, dass sie eine spezialität dieses ortes waren – oder sind? schmecken tun sie, egal mit welchem namen …

  2. Kai Guleikoff sagt:

    Die Stadt Königsberg gehört zum Europäischen Kulturerbe und sollte auch so gestaltet und verwaltet werden. Als Krönungsstadt Preußens und deren zweiter Residenz, sollte sie auch heute den Bewohnern und Besuchern entgegentreten. Russen und Polen, die sich das deutsche Ostpreußen nach dem Zweiten Weltkrieg aufgeteilt haben, fühlen sich durchaus dem Erbe verpflichtet und beweisen das auch an den Baulichkeiten in ihren „Stammgebieten“. Zumindestens die Altstadt sollte wieder, wie beispielsweise in St. Petersburg oder Danzig, in historischer Fassade neu entstehen. Das dann „deutsche Colorit“ ist auch in allen baltischen Staaten sichtbar und zieht die Neu-Einwohner und Touristen magisch an.

  3. oberblogsaenger sagt:

    @ Monika Peiser

    Am wenigstens interessiert zeigen sich die Kaliningrader bei der deutschen Vergangenheit an den „Königsberger Klopsen“. Das Gericht ist in Russland schlicht unbekannt, und als der Gastwirt eines Seebades es der zunehmenden deutschen Touristen wegen auf die Karte setzen wollte, musste er erst herumtelefonieren, um sich das Rezept zu besorgen. Diese Klopse kommen also in und um Kaliningrad eher selten vor, und wenn, dann mit ihrem deutschen Namen, damit sie der Tourist gleich erkennt. Und ob sie schmecken, hängt wohl vor allem von Köchin oder Koch ab.

  4. Häns war in Kaliningrad sagt:

    Königsberg – Kaliningrad, irgendwie immer noch eine Stadt der zwei Welten. Ich mochte es dort, weil es so exotisch ist.
    Ein wunderbarer Platz der Geschichte. Es gibt ja Ideen, das Haus der Räte abzureißen und dort eben wieder das Schloss aufzubauen. Die Russen mögen das Haus der Räte eben auch nicht besonders…

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