Snowden, Manning und der Niedergang einer Weltmacht

(pri) Geschichte wiederholt sich nicht, heißt es, und gemeinhin ist das zutreffend. Mitunter erlaubt sich die Historie aber dennoch ein hintergründiges Déjà-vu – und wie es scheint, erleben wir gerade wieder eine solche Sternstunde des Weltenlaufs. Denn vieles im Agieren der einzigen verbliebenen Supermacht USA erinnert frappierend an die Niedergangsphase der Sowjetunion, als sie immer öfter vom einzelnen herausgefordert wurde und ungeachtet aller militärischen Stärke kein Mittel zur Erhaltung ihrer Macht fand – erst im Ausland und dann auch im Inland.

 

In den 70er und 80er Jahren waren es Namen wie Andrej Sacharow, Alexander Solshenizyn oder Andrej Amalrik, die für sowjetisches Dissidententum standen, weil sie Missstände im Sowjetreich schonungslos aufgedeckt und Veränderungen gefordert hatten. Vom Westen wärmstens unterstützt, ging der Sowjetstaat rigoros gegen sie vor; ihre offene
Kritik wurde bald als Spionage kriminalisiert, ihre Kontakte zum Westen galten als »Unterstützung des Feindes«
. Und doch: Die Dissidenten waren nicht klein zu kriegen. Irgendwann erfuhr die Sowjetunion die Demütigung, sie ziehen lassen zu müssen – und stand damit vor aller Welt, aber auch im Inneren als tönerner Riese da.

 

Die darauf folgende Erosion sowjetischer Macht ist gewiss nicht zuerst dem Wirken der Dissidenten zuzuschreiben, aber ihr wachsendes Selbstbewusstsein erwies sich als wichtiger Indikator der Veränderungen, die im Sowjetreich und darüber hinaus im gesamten »sozialistischen Lager« vor sich gingen. Selbst im bisher beherrschten Ausland wuchs der Widerstand gegen die sowjetische Vormacht, und die dortigen Statthalter mussten dem zunehmend Rechnung tragen. Vor allem Polen und Ungarn suchten nach eigenen Wegen, in anderer Weise auch Rumänien und sogar die DDR.

 

Dem folgten Emanzipationsprozesse im Inneren, die Gorbatschow zwar noch mit Perestroika und Glasnost zu kanalisieren suchte, was aber nicht mehr gelang. Am Ende standen die Auflösung des Sowjetreichs und ein schmerzhafter Prozess der Neubesinnung und Neuformierung im russischen Kernland, der auch heute, nach mehr als 20 Jahren, noch nicht abgeschlossen ist.

 

Dafür scheinen nun die USA die bitteren Früchte zwanzigjährigen Supermachtdaseins zu ernten. Arroganz und hoffärtig sahen sie sich schon als »Sieger der Geschichte« glaubten gar an deren Ende, das ihnen ewige Macht verhieß. Doch nun müssen die Vereinigten Staaten erleben, dass auch sie durch Dissidenten in der besonderen Spielart der Whistleblower verwundbar sind, das »kleine Leute« wie Edward Snowden und Bradley Manning sie herausfordern können, weil die USA plötzlich nicht mehr auf der Seite der Menschenrechte, der Rechtsstaatlichkeit und echter Demokratie stehen, sondern diese ihre einstigen Werte mit Füßen treten.

 

Die US-amerikanischen Dissidenten werden – wie ihre sowjetischen Vorgänger – als »Spione« angeklagt und der »Unterstützung für den Feind« beschuldigt. Aber auch über sie kann die US-Repression nicht mehr uneingeschränkt verfügen. Auch diese erfährt die Demütigung, dass andere Länder ihnen Schutz gewähren, und selbst die hochgerüstete US-Macht kann trotz Einsatz aller Mittel bis hin zu erpresserischem Druck auf souveräne Staaten nicht mehr verhindern, dass sie in Freiheit bleiben. Zwar ist diese – ob im Falle Assange in der britischen Botschaft oder im heutigen Russland bei Snowden – nicht grenzenlos, aber doch dem Schicksal Mannings in rachsüchtiger US-Verwahrung allemal vorzuziehen, und vor der Welt stehen nun die Vereinigten Staaten als tönerner Riese da.

 

Stellt man in Rechnung, dass den USA derzeit außenpolitisch fast nichts gelingt, dass sie nicht nur ihre Kriege in Irak und Afghanistan ohne Sieg beendet haben, sondern auch den Demokratiebewegungen in der islamischen Welt mit all ihrer Widersprüchlichkeit hilflos gegenüberstehen, dass ihre Wirtschaft schwächelt, neue Konkurrenten sie auf dem Weltmarkt in den Schranken weisen und sich auch im Inneren sehr widersprüchliche Bewegungen gegen das Establishment entwickeln, dann könnten sich dereinst die Vorgänge um die Whistleblower als ähnlicher Indikator für den Niedergang einer Supermacht erweisen wie jene vor mehr als einem Vierteljahrhundert um die Dissidenten in der Sowjetunion.

 

Denn auch in der westlichen Welt schwindet die Furcht vor der Vormacht USA – außer bei den engsten NATO-Verbündeten, die nicht über ihren ideologischen Schatten springen wollen oder können. Wieder verstärken sich Emanzipationsbewegungen, die durch eine waffenstarrende Militärmacht nicht aufzuhalten sind. Dass in den USA durchaus die Notwendigkeit zur Neubesinnung über ihre künftige Rolle erkannt wird, zeigte die Wahl des früheren Barack Obama zum Präsidenten. Er ist dabei und bei einer daraus erwachsenden Neuformierung eines modernen Amerika aus einer Reihe von Gründen stecken geblieben. Vielleicht hält die unberechenbare Geschichte für ihn eine ähnlich tragische Rolle bereit wie für Gorbatschow.

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3 Antworten zu “Snowden, Manning und der Niedergang einer Weltmacht”

  1. Kai Guleikoff sagt:

    Jede Weltmacht hat ein Ende. Das ist zu einem Gesetz in der Geschichte der Menschheit geworden. Die Auf- und Abstiege der Mächtigen bewegen die kulturelle Entwicklung vorwärts.
    Andererseits sehe ich die Geschichte auch als ewige Wiederholung auf der jeweiligen Entwicklungsebene ihrer Zeit. Grundsätzlich ist der Mensch sozial lernunfähig! Seine DNA läßt ihn nicht aus seiner biologischen Grundstruktur heraus. Denk- und Verhaltensweisen bleiben dadurch über Jahrtausende unveränderlich.

    Immer gibt es jedoch Menschen, die Ideale zur Veränderung in sich tragen. Zu Lebzeiten gehören sie zu den Verlierern und der „Ruhm der Nachwelt“ ist ungewiß. Snowden und Manning gehören zu dieser Spezies.

    Ob Obama ein Gorbatschow seiner Zeit ist, wird noch nicht erkennbar.

    Gorbatschow war ein Mann des KGB. Sein Entdecker und Förderer war Andropow. Der Versuch, die Systemkrise des Sozialismus von „oben“ zu lösen, schlug fehl. Die alten Eliten mit ihrem großen Einfluß überlebten jedoch in den „friedlichen Revolutionen“ des ehemaligen Ostblocks und bekamen neue Existenzmöglichkeiten in Wirtschaft und Politik.

  2. Bilderfreund sagt:

    Ich frag mich vielmehr was passiert, wenn das US-amerikanische Imperium zusammenbricht. Denken wir nur an das Machtvakuum nach dem Ende der UdSSR…

  3. Kai Guleikoff sagt:

    Der Zusammenbruch des Imperiums der Sowjetunion hat keinen Dritten Wltkrieg ausgelöst, wie einige Prognostiker durchaus erwarteten. Die USA und China haben sich nicht bei der Aufteilung der „Beute“ Sowjetunion ineinander verbissen. Trotz aller Verwerfungen in und um Moskau blieb das russische, atomare Abschreckungspotential wirksam und „kühlte“ die erhitzten Gemüter nachhaltig.

    Das Prinzip „Frieden durch Abschreckung“ würde auch die USA vor derartigen Nachstellungen bewahren. Die Vereinigten Staaten von Amerika müssen sich einfach neu konsolidieren, um weiterhin bestehen zu können.
    Die erfolglosen Kriege nach 9/11 haben den Staat ruiniert, ähnlich wie nach dem verlorenen Vietnam-Krieg.
    Die wirtschaftlich erfolgreiche Clinton-Ära hat andererseits gezeigt, wie schnell sich die USA erholen können, wenn die Kräfte auf das eigene Land konzentriert werden.

    Wir Europäer werden uns allerdings darauf einstellen müssen, daß sich die „Blickrichtung“ der USA von der Ost- zur Westküste verlagern muß (!)
    Die neuen Machtzentren entwickeln sich in Asien: in China und im asiatischen Teil Rußlands.

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