Ukrainischer Kreidekreis

(pri) Etwas zu oft und zu laut wird seitens des Westens der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch als der alleinige Verantwortliche für das jüngste Blutvergießen in Kiew genannt, als dass sich dahinter nicht das eigene schlechte Gewissen versteckt, das nun nach dem bewährten Motto »Haltet den Dieb!« vergessen gemacht werden soll. Denn natürlich waren es die EU und noch mehr die USA, die die Proteste in der Ukraine immer wieder anheizten, den Unzufriedenen auf dem Maidan unerfüllbare Hoffnungen machten und auch die extremen Kräfte unter den Demonstranten gewähren ließen. Sie hatten keineswegs ein kooperatives Verhältnis zur demokratisch gewählten Regierung in Kiew im Sinn, um zwischen ihr und den Demonstranten zu vermitteln,, sondern deren möglichst schnellen Sturz ohne Rücksicht auf die Folgen, um dann dort die Fäden in ihrem Sinne ziehen zu können. Auch die jetzt angedrohten Sanktionen bewirken nichts anderes, als die Fortsetzung und Verschärfung der blutigen Auseinandersetzungen.

 

Damit spielten sie aber letztlich nur Janukowitsch und natürlich auch Wladimir Putin in die Hände, die selbstverständlich auch ihre eigenen Interessen verfolgten und verfolgen, dabei aber von Anfang an die besseren Karten, geografisch, politisch, wirtschaftlich, in der Hand hatten und nur auf die Fehler der anderen Seite warten mussten, die diese in ihrer ideologischen Verblendung auch bereitwillig lieferte. Dabei müsste der Westen Janukowitsch sogar dankbar dafür sei, dass er der beinahe einzigen und bis zum Erbrechen vorgetragenen Forderung der Opposition nach seinem Rücktritt widerstanden und damit das absolute Chaos verhindert hat, auf das sowohl die Amerikaner als auch die Westeuropäer noch weniger vorbereitet sind als auf die aktuelle Entwicklung.

 

Während die USA wohl nur im Untergrund arbeiten, bot und bietet die EU in der Ukraine ein Bild der Hilflosigkeit, des Jammers gar, das vor allem daraus resultiert, dass sie weder politisch ein Konzept hat, das der historischen Entwicklung und der vor allem daraus resultierenden Position des Landes zwischen Ost und West gerecht wird noch ökonomisch bereit und in der Lage ist, zur Lösung der gravierenden finanziellen und sozialen Probleme einen wirksamen Beitrag zu leisten.

 

Noch ernüchternder ist freilich das Agieren der Protagonisten des Westen in der Ukraine, denn weder der total überforderte Amateurpolitiker Vitali Klitschko noch der von more info

Julia Timoschenko, schon einmal gescheiterte Janokowitsch-Gegnerin, ferngesteuerte Arzeni Jazenjuk noch gar der rechtsradikale Oleg Tjagnibok trugen auch nur eine einzige realistische Idee zur Lösung der ukrainischen Probleme bei. Außer auf ihre Anhänger auf dem Maidan verlassen sie sich ausschließlich auf den Westen, der sich gern in diese Komplizenschaft nehmen ließ und damit jeglichen Anspruch auf eine Vermittlerrolle verspielte. Wenn jetzt zum Beispiel der deutsche Außenminister einmal die strengste Bestrafung Janukowitschs fordert, um im nächsten Moment devot an seine Tür zu klopfen, macht er sich nur noch lächerlich.

 

Putin hingegen spielte sich gar nicht erst als Vermittler auf, sondern verwies kühl auf die eigenen Interessen; ansonsten ließ er den Dingen ihren Lauf, wohl wissend, dass die Bilder aus Kiew nicht nur auf die Mehrheit der Russen, einschließlich jener, die auch ihren Präsidenten gern los wären, abschreckend wirken, sondern zugleich motivierend auf seine Anhänger. Sie sähen sich wohl bestätigt, wenn bei ähnlichen Vorfällen, zum Beispiel in Moskau, mit aller Härte dagegen vorgegangen würde. Nun ausgerechnet von Putin Hilfe zur Durchsetzung westlicher Ziele zu erwarten, ist absolut lebensfremd; es sei denn, der Westen geht auf russische Bedingungen ein.

 

Einst hat Bertolt Brecht im »Kaukasischen Kreidekreis« die Geschichte eines fruchtbaren Tales erzählt, das erst Weideland für Ziegenhirten war und dann, in Kriegswirren, Obstbaugebiet wurde. Als die Hirten zurückkehrten und ihre Weidegründe wieder beanspruchten, hätte Krieg geführt werden können, doch mit einer Parabel vom von seiner Mutter, einer reichen Gouverneursfrau, verlassenen und von der armen Magd Grusche aufgezogenen Kind schlichtete ein Volkssänger den Streit. Im Kreidekreis stand das Kind, und Mutter wie Magd sollten es zu sich ziehen. Die Stärkere sollte die »Beute« haben. Grusche ertrug die Schmerzen des Kindes nicht und ließ los. Der weise Dorfrichter Azdak aber entschied für sie, die Menschliche – so wie die Ziegenhirten akzeptierten, dass mit Obstanbau das Tal mehr Nutzen bringt als mit Weidewirtschaft.

 

Wer im ukrainischen Streit Hirte und wer Obstbauer ist, wer Gouverneursfrau und wer Magd, ist noch nicht entschieden und wird es so bald auch nicht sein. Aber dass es statt Besitzdenken und Kriegsgeschrei eines weisen Richters bedarf, der weder Partei für die eine noch für die andere Seite nimmt, sondern für das Vernünftige, das Ausgleichende, das Zusammenführende – das steht außer Frage.

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Eine Antwort zu “Ukrainischer Kreidekreis”

  1. Kai Guleikoff sagt:

    Ähnlich wie Syrien ist nun die Ukraine „Kampfgebiet“ zwischen der NATO und der GUS geworden.

    Nach der (für den Westen) gescheiterten „Orangenen Revolution“ von 2004, wird seit 2013 ein erneuter Anlauf zur „Demokratisierung“ versucht. Das hierfür bereitstehende Dreier-Bündnis Deutschland, Frankreich und Polen stützt sich in der Ukraine auf das Dreierbündnis der Parteien „UDAR Vitali Klitschko“, Allukrainische Vereinigung „Swoboda“ und der Allukrainischen Vereinigung „Vaterland“.
    Diese stellen ein rechts-nationales Bündnis dar, daß eindeutig gegen Rußland gerichtet ist.
    Herr Klitschko von UDAR spielt die Rolle des populären „Frontmannes“, Herr Jazenjuk von „Vaterland“ ist der „Chefideologe“ (und Favorit des Westens) und Herr Tjagnibok von „Swoboda“ ist der „Mann fürs Grobe“ (sprich Straßenkampf, Ausschaltung politischer Gegner und ähnlichen unangenehmen Notwendigkeiten).

    Inzwischen müssen Euro-Millionen geflossen sein (wie bereits 2004), um seit November 2013 zehntausende „Revolutionäre“ bei Laune zu halten. Allein auf dem Kiewer Majdan können ca. 20.000 Menschen in einer Zeltstadt rund um die Uhr verpflegt werden. Eine beachtliche logistische Leistung! Hier sind „Profis“ am Werk.
    Es entsteht auch der Eindruck, daß die „Selbstschutzkräfte“ auf den Barrikaden (in Kampfanzug und Stahlhelm) besser ausgebildet sind als die Belagerer der Miliz-Bereitschaften und der Sonderpolizei Berkut. Deren „altrömische“ Schlachtordnung kann keinen „Erfolg“ zum Ziel haben.

    Das muß für Herrn Janukowitsch ein trauriges Eingeständnis sein!
    Die Revolutionsgeschichte zeigt auch die bittere (Selbst-) Erkenntnis: Wer nun gar scharf schießen muß, hat bereits verloren – früher oder später!

    Die staatliche Existenz der Ukraine steht zur Disposition. Der Frieden in Europa ist bedroht, wie zur Zeit der Sezessionskriege der 1990er Jahre in Jugoslawien. Doch jetzt herrscht in Rußland Putin und nicht Jelzin!
    Hoffentlich beurteilt die NATO diese veränderte Lage realistisch.

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