Wieder wird auf der Krim Weltgeschichte geschrieben

(pri) Am kommenden Wochenende wird eine historisch kurze Phase, die vor 60 Jahren ein sowjetischer Potentat eingeleitet hatte, durch einen anderen, einen russischen Potentaten, so beendet werden, wie sie damals begonnen hatte – durch einen willkürlichen Akt, der nichtsdestotrotz, damals wie heute, kein Zufallsprodukt war und ist, sondern Ausdruck einer übergreifenden Entwicklung, einer Tendenz, die weit über das einzelne Ereignis hinausweist.

 

1954 »schenkte« Nikita Chruschtschow die Krim der Ukraine, was damals keine praktische Bedeutung hatte außer jener, die besonders engen Beziehungen der beiden Länder Russland und Ukraine zu demonstrieren, weitgehend gleichberechtigte Beziehungen im Unterschied zu denen, die Russland in der Regel zu anderen Mitgliedern der Sowjetunion unterhielt. Dies entsprach dem Zeitgeist in dem östlichen Riesenreich, das gerade einen Überlebenskampf hatte führen müssen und durch den – vom Westen erklärten – kalten Krieg bereits in der nächsten Herausforderung stand.

 

Jetzt holt Wladimir Putin die Krim zurück, zunächst aus direkten militärischen Gründen, doch dahinter verbirgt sich viel mehr, was vom Westen nicht begriffen wird, sonst hätte er die jetzige, für ihn ausweglose Situation nicht heraufbeschworen und stünde nicht derart machtlos vor Putins Handeln. Der russische Präsident spielt keineswegs va banque, sondern kalkuliert jeden seiner Schritte, die eben auch darauf abzielen, eine weltpolitische Tendenz in seinem Sinne zu verändern. Schon einmal wurde auf der Krim Weltgeschichte geschrieben, vor bald 70 Jahren, als Stalin dort mit dem amerikanischen Präsidenten und dem britischen Premier die europäische Ordnung nach der Vernichtung des deutschen Faschismus beschloss. Hitlers damaliger Versuch, Sowjetrussland auf seinen asiatischen Teil einzuschrumpfen, endete mit dem Gegenteil, nämlich dem Ausgreifen Moskaus bis weit hinein nach Mitteleuropa.

 

Seitdem plante und organisierte der Westen das roll-back, nicht ohne Erfolg, wie sich in der 1990er Jahren zeigte. Dieser Erfolg bedrohte Russlands Sicherheit und damit seine Rolle in der Welt, woran Putin bereits 2007 missverständlich Kritik übte. Heute sieht er sich damit zunehmend in Übereinstimmung mit immer mehr Staaten der Welt, die die geistige Vorherrschaft des Westens und erst recht die davon abgeleitete politische Dominanz nicht mehr hinzunehmen bereit sind. Von China über den südasiatischen Raum mit dem Islamismus als Kernideologie bis hin nach Lateinamerika, dem ehemaligen Hinterhof der USA, wächst der Widerstand gegen die angemaßte Führungsrolle des Abendlandes. Der große Bluff, US-amerikanische und westeuropäische kulturelle Überlegenheit zu behaupten, sie gewissermaßen als Quintessenz eines imperialen Weltherrschaftsstrebens auf der Basis der kapitalistischen Wirtschaftsordnung erscheinen zu lassen und damit im Sinne einer »historischen Mission« alle Welt beglücken zu wollen, verfängt nicht mehr, zumal die menschenrechtlichen, sozialen und emanzipatorischen Defizite des Westens unübersehbar sind.

 

Wo auch der Westen jüngst intervenierte, ob im Irak, in Afghanistan, in Libyen, hinterließ er verbrannte Erde. Seine kritiklose Unterstützung jedes beliebigen Assad-Gegners in Syrien stürzte das Land in einen blutigen Bürgerkrieg, der auch nach dem Sturz des Diktators nicht enden würde. Und die Westeuropäer vermochten zwar das als sozialistischer Staat florierende Jugoslawien zu zerstören, machten damit aber den Balkan wieder zum sprichwörtlichen europäischen Pulverfass, an dem noch immer die Lunten glimmen.

 

Auch die gegenwärtige Auseinandersetzung um die Ukraine zeigt, dass es den westlichen Staaten nicht im geringsten um Demokratie und Selbstbestimmung geht, sondern um die blanke Macht. Dem setzt Putin das Gleiche entgegen – und findet damit nicht nur den Beifall eines wachsenden teils seiner eigenen Landsleute, sondern hat auch zumindest die klammheimliche Zustimmung eines immer größeren Teils der Welt. Denn es ist immer besser, wenn nicht nur einer bestimmt, sondern zwei sich streiten; dann habe Dritte die Chance, eigene Wege gehen zu können.

 

Wer sich freilich der einen oder anderen Streitpartei unterwürfig andient, wird von ihr ausgenutzt oder vorgeführt und macht am Ende nur noch eine lächerliche Figur. So ergeht es dieser Tage dem deutschen Außenminister, der sich in eitler Selbstüberschätzung als Streitschlichter zu inszenieren versuchte und kläglich scheiterte. Frank-Walter Steinmeier versagte in dem Moment, wo er es zuließ, dass das gerade von ihm und seinen französischen und polnischen Kollegen mit den drei Oppositionsparteien geschlossene Abkommen zerrissen und in den Papierkorb befördert wurde, was einem der Hauptakteure, dem frei gewählten Präsidenten des Landes, nur noch die überstürzte Flucht ließ und damit auch die drei westlichen Unterhändler schlagartig als das entlarvte, was sie im Grunde immer waren: Partei in diesem Konflikt.

 

Steinmeiers Unfähigkeit, die von ihm selbst ausgehandelte Geschäftsgrundlage durchzusetzen, machte ihn für jeden künftigen Vermittlungsversuch untauglich und für die russische Seite zugleich suspekt. Sie musste sich getäuscht fühlen und begegnet nun auch der Bundesrepublik mit größtem Misstrauen. Das Einschwenken Angela Merkels auf den harten, US-amerikanisch vorgegebenen Sanktionskurs bestätigt dieses Misstrauen und macht Deutschland endgültig unglaubwürdig, ein ehrlicher Makler zu sein. Gesenkten Hauptes reisten Steinmeier in die baltischen Länder und die Kanzlerin nach Polen, während zu Hause ein Redeverbot für den Putin-Freund Schröder diskutiert wird  – Demonstration des Einschwenkens in die transatlantische Allianz der Willigen.

 

Die weitere Entwicklung ist schwer voraussagbar, aber wer hysterisch Kriegsgefahr an die Wand malt, kann damit Russland kaum meinen. Putin hat seine Ziele mit minimalstem Militäreinsatz erreicht; es genügte das demonstrative Auftreten einiger undefinierbarer Bewaffneter. Auf der anderen Seite werden Aufklärungsflugzeuge, Düsenjäger und Kriegsschiffe in Marsch gesetzt, aber – wie es im Volksmund heißt – wer auf den Baum klettert, muss auch wieder herunterkommen. Die Zeiten des uneingeschränkten Einflusses der westlichen Welt mit den USA an der Spitze gehen zu Ende, und auch für EU-Europa könnte bald der gern zitierte Satz eines anderen, viel besser als Putin gelittenen Russen aktuell werden: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

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Eine Antwort zu “Wieder wird auf der Krim Weltgeschichte geschrieben”

  1. Kai Guleikoff sagt:

    Im (vorchristlichen) Römischen Reich galt die Aussage: Quod licet Jovi, non licet bovi! (Was Jupiter darf, steht einem Ochsen nicht zu!).
    Die aktuellen Bezüge zur USA, Obama und Putin sind hier schnell hergestellt: Das „Heutige Rom“ befindet sich im Abstieg, Obama ist kein „Jupiter“ mehr und Putin will (bekanntlich) kein „Ochse“ sein.
    Erinnert sei an die Abtrennung des Kosovo von Serbien durch die NATO und die EU.

    Ein weiterer Rückblick in die Geschichte sei gestattet. Erstmalig trat die Krim unter den Schutz des Russischen Reiches am 18. Januar 1654 (Treueid von Perejaslaw).
    Randbemerkung in eigener Sache – ein Guljekow war auch dabei.

    300 Jahre später veröffentlichte – am 12. Januar 1954 – das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion die Thesen zum „300. Jahrestag der Wiedervereinigung der Ukraine mit Rußland“. Der Erste Sekretär des ZK der KPdSU war damals der Ukrainer Nikita Chruschtschow. Auf der Grundlage dieses Parteibeschlusses (!) kam es zu dieser Gebietsübertragung der Krim zur Ukraine.

    Durch die Unabhängigkeitserklärung der Ukraine nach Selbstauflösung der Sowjetunion, fühlte sich nun das ebenfalls unabhängige Rußland an die „Wiederherstellung des Treueides von Perejaslaw“ erinnert.
    Ein emotional wirksamer Anlaß mußte nur noch gefunden werden!

    Den lieferte der Westen durch Erklärungen und Handlungen ihrer ukrainischen Helfer in der Obersten Rada: Die Ukraine (und damit auch die Krim) soll unter den Schirm der NATO und der EU kommen.

    Für uns „geschichtslose“ Deutsche erscheinen derartige Begründungen absurd. Mit dieser Position stehen wir allerdings allein inmitten sehr geschichts- und territoriumsbewußter Völker.

    Moskau wird dagegen sehr feierlich den „360. Jahrestag des Treueides von Perejaslaw“ begehen – und Putin erscheint den Russen als Jupiter.

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