Putins mephistophelische Helfer im Westen

(pri) Glücklicherweise ist Wladimir Putin nach der Moskauer Parade zum Tag des Sieges auf die Krim geflogen und hat dort den jüngsten russischen Sieg gefeiert – und damit zugleich das westliche Feindbild wiederhergestellt, das zwei Tage zuvor durch die Aufforderung des russischen Präsidenten an die Bewohner der Ostukraine, das geplante Referendum über die Selbstständigkeit der Region zu verschieben und die darauf folgende Ablehnung dieses Vorschlags durch die Ukrainer ein wenig unscharf geworden war. Sieht man von den seit Beginn der Krise grassierenden Verschwörungstheorien ab, die dahinter einen neuen teuflischen Plan Putins argwöhnten, war das sonstige Echo ziemlich schmallippig. Der Verfemte hatte überraschend getan, was man von ihm vehement verlangte und damit das westliche Propagandagebäude ins Wanken gebracht; da erwiesen sich nun die Bilder von der Krim als hoch willkommen.

Dabei war Putins Erklärung für all jene keine Überraschung, die die Entwicklung um die Ukraine aufmerksam verfolgt und die wiederholten Signale, dass Russland an einer Wiederholung des Krim-Coups, also der Einverleibung weiterer Teile der Ukraine ins eigene Staatsgebiet keinerlei Interesse hat, nicht aus ideologischer Verblendung ignoriert hatten. Dies zuerst aus ökonomischen Gründen. Die Ukraine ist wirtschaftlich, auch durch die Politik Janukowitschs, total zerrüttet. 17 Milliarden Dollar hält der IWF – gegen drakonische Auflagen – für erforderlich, weitere Milliarden soll die EU bereitstellen, und dennoch weiß keiner, wie lange es dauert, bis die Geldspritzen etwas bewirken. Das weiß natürlich auch Putin, und obwohl Russland ökonomisch aufgrund seiner Rohstoffressourcen und Devisenreserven viel weniger störanfällig ist als der Westen zu suggerieren versucht, will er sich diese Bürde nicht aufhalsen – auch wegen absehbarer politischer Folgen: Ein langes Ausbleiben des wirtschaftlichen Aufschwungs wäre ein andauernder Störfaktor sowohl im abgespaltenen Teil der Ukraine als auch für Russland selbst.

Solche politischen Unwägbarkeiten sind der zweite rationale Grund für die Aufrechterhaltung des Status quo. Denn die politischen Folgen einer lange dauernden ökonomischen Misere gelten natürlich auch für die Ukraine – ungeachtet aller finanzieller Hilfe, zumal diese an einen drastischen Sozialabbau geknüpft ist. Dadurch wird das Land dauerhaft destabilisiert, was zwar auch für das benachbarte Russland nicht ohne Risiko ist, wie bereits die gegenwärtige Entwicklung zeigt. Aber dieses Risiko ist beherrschbar, während das angesichts des hilflosen Agierens der gegenwärtigen Kiewer Autoritäten bei der Ukraine noch nicht sicher vorausgesagt werden kann. Putin hat die Eigendynamik, die sich hinter der russischen Westgrenze entwickelte, wohl erkannt und ihr mit seiner Erklärung zum geplanten Referendum bewusst entgegengesteuert. Übrigens nicht zum ersten Mal; frühzeitig warnte er davor, nach der Rückholung der Krim nicht »übermütig« zu werden.

Hinzu kommen natürlich die außenpolitischen Aspekte. Griffe Russland tatsächlich nach weiteren Teilen der Ukraine, würden die USA scharfe Sanktionen gegen das Land durchsetzen – selbst davon wenig betroffen, aber neben der erhofften Wirkung auf den alt-neuen Systemgegner zum (durchaus willkommenen) Schaden der europäischen Länder. Die USA würden die westliche Welt zu einer Isolationsstrategie gegenüber Russland zwingen – auch um dem beträchtlichen Ansehensgewinn Putins in seinem Land entgegenzuwirken. Denn das zeigen täglich die Fernsehbilder: In Russland und auch auf der Krim ist Putin populär wie nie; davon können westliche Führer nur träumen, und auch amerikanisches Militär ist seit Jahrzehnten nirgends derart enthusiastisch begrüßt worden wie das russische am Schwarzen Meer – ungeachtet aller propagandistischen Übertreibungen russischer Medien.

Und auf der Gegenseite fehlen die Massendemonstrationen gegen die russische Politik. Im Gegenteil, »Putin-Versteher« melden sich immer nachdrücklicher zu Wort und verlangen von Politikern wie Medien ein objektive Wiederspieglung der Ereignisse um die Ukraine. Sie sind nicht bereit, sich unkritisch auf die Seite der Putschregierung in Kiew mit ihren dubiosen Figuren zu schlagen; schließlich sind Bilder von Menschen, die mit bloßen Händen Panzer aufzuhalten versuchten, zuletzt im Peking des Jahres 1989 zu sehen gewesen und wirken dort noch immer als Trauma. Manche begreifen wohl auch, dass die selbstherrliche und arrogante amerikanische Politik gegenüber der ganzen Welt, wie sie sich unter anderem in der NSA-Abhörpraxis zeigt, einen starken Gegenpart verdient hat – damit die USA nicht »übermütig« werden und sich mehr noch als bisher als Weltgendarm gerieren.

Die Kampagne gegen Russland bewirkt auf diese Weise immer mehr das Gegenteil dessen, was mit ihr erreicht werden soll. Nach den Attacken von der Kiewer Regierung und den westlichen Staaten unterstützter rechtsterroristischer Kräfte in Odessa und jüngst in Mariupol wächst die Angst vor brutaler Abrechnung, wenn man im ukrainischen Staatsverband verbleibt; solches Geschehen bestätigt für viele Russischsprachige die Propaganda russischer Medien. Diese Entwicklung dürfte auch das Agieren Putins bestimmt haben. Für ihn sind vielleicht – frei nach Goethe – die USA und ihre willigen Verbündeten bis hin zur Kiewer Regierung »jene Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft«, also gewissermaßen ein »mephistophelischer« Helfer. Das ist nicht ungefährlich, weil natürlich auch Moskau vor Fehleinschätzungen nicht gefeit ist. Es ist an der Zeit, dass Vernunft ins globale politische Handeln zurückkehrt.

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Eine Antwort zu “Putins mephistophelische Helfer im Westen”

  1. Kai Guleikoff sagt:

    PUTIN hat es erreicht: Er gehört bereits zu den Helden der Geschichte Rußlands, beginnend mit dem Waräger RURIK vor mehr als tausend Jahren.
    PUTIN ist gewissermaßen der heutige Heilige Georg, der auf seinem weißen Pferd den (westlichen) Drachen die Lanze in den gierig aufgerissenen Rachen stößt.

    So sehen es mindestens 70 Prozent der Russen in und außerhalb der GUS.
    Die stabile politische und wirtschaftliche Entwicklung Rußlands unter PUTIN bilden dafür die Grundlage: Rohstoff-Autonomie, geringe Staatsverschuldung, große Gold- und Devisenreserven, Streitkräfte mit hohem Abschreckungspotential).
    Der vermeintlichen technologischen Rückständigkeit stehen die hochmoderne, russische Raumfahrt- und Militärtechnik entgegen, die nun wirklich nicht durch einen „humanitären“ Technologietransfer aus den USA oder der EU entstanden sind.

    Die Mehrheit der Russen hat in den 1990er Jahren das „Wirken der entfesselten Marktkräfte“ hautnah durchleben müssen. Dadurch sind sie davon nachhaltig „geheilt“ worden und teilen diese Erkenntnisse (vorerst noch) mit den russischstämmigen Ost-Ukrainern.

    Den vier Apokalyptischen Reitern (NATO, IWF, EZB, EuKo) ist nun auch in Europa der Kampf angesagt worden!

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