Von selektiver Wahrnehmung zu totaler Kriegführung – Gaza und die Ukraine

(pri) Gern verteidigt das hoch gerüstete Israel seinen ungezügelten Krieg gegen den winzigen Landstrich Gaza mit der Frage, was man denn zum Beispiel in Berlin täte, wenn die Stadt dauernd – vielleicht aus Sachsen – von Raketen angegriffen würde und die Menschen der Hauptstadt in ständiger Angst leben müssten. Wie die Antwort auch immer ausfiele, eine wäre wohl niemand in den Sinn gekommen – dass nämlich Sachsen durch Panzer, Artillerie und Bomber dem Erdboden gleichgemacht werden müsste. Aber das nur nebenbei, denn viel aufschlussreicher an der israelischen Frage ist die daraus sprechende selektive Wahrnehmung eines jahrzehntelangen Konfliktes, der zwar auch gelegentlich durch palästinensische Raketenangriffe auf Israel gekennzeichnet ist, aber sich keineswegs darauf beschränkt.

Zweimal gab es bereits palästinensische Volksaufstände gegen eine drakonische Besatzung von Israel widerrechtlich beherrschten arabischen Landes. Immer mehr Palästinenser werden vertrieben, stattdessen Siedlungen für israelische Bürger gebaut. Alle Vorschläge für ein gedeihliches Zusammenleben werden zwar auch von der Hamas, der radikalsten palästinensischen Gruppierung, aber ebenso von der gegenwärtigen Regierung in Tel Aviv abgelehnt, während sich moderate Palästinenser um Mahmud Abbas bis zur Selbstverleugnung um Verständigung bemühten. Auch in Israel gab es verständigungsbereite Politiker, doch die stießen auf erheblichen Widerstand, verloren ihre Ämter oder gar – wie Yitzhak Rabin – ihr Leben durch einen israelischen Fanatiker.

Am Ende stand Abbas mit leeren Händen da, denn die Strategie Israels läuft offensichtlich darauf hinaus, das gesamte Westjordanland dem eigenen Staatsgebiet zu vereinnahmen, Schritt für Schritt Tatsachen zu schaffen, die für Palästinenser keinen Platz mehr lassen – außer vielleicht dem billiger Arbeitskräfte. Die moderaten Palästinenser versuchten zunächst die Weltöffentlichkeit zu gewinnen, bauten ihren Einfluss in UN-Gremien aus – und wurden dafür von Israel, den USA, der EU mit allerlei Schikanen bestraft. Schließlich stellte der tief gedemütigte Abbas das – einst auch auf Wunsch Israels zerstörte – Bündnis mit der Hamas wieder her, und nun brach Israel mit dem Segen seiner westlichen Gönner auch die letzte Scheinverhandlung mit den Palästinensern ab und verschärfte das Besatzungsregime weiter. Damit war der Boden für eine neue Eskalation des Konflikts bereitet.

Wer sich jetzt darüber wundert, dass die Hamas nach langer weitgehender Feuerpause nun zum Angriff übergeht, auch einen »Waffenstillstand« ohne Zugeständnisse Israels ablehnt und dabei die volle Zustimmung der Mehrheit der Palästinenser einschließlich der Bevölkerung des Gazastreifens hat, begreift die totale Verzweiflung des palästinensischen Volkes nicht. An dem elenden Leben, das die Palästinenser zu verlieren haben, liegt ihnen in der Mehrheit nichts mehr. Für viele ist der Tod Erlösung von einer unwürdigen Existenz; ihn im Kampf gegen den brutalen Peiniger zu erleiden, kann ihnen ihre Würde zurückgeben.

Israel begründet mit seiner selektiven Wahrnehmung, die alles vor und neben den Hamas-Raketenangriffen ausblendet, den Übergang zur totalen Kriegführung gegen Gaza. Und der Westen folgt willig der israelischen Argumentation, berichtet nur widerstrebend über den Massenmord an Hunderten Palästinensern. Gleichzeitig diffamiert er den Protest der Öffentlichkeit gegen das israelische Vorgehen unisono als »Antisemitismus«, wobei ihm – auch dies selektive Wahrnehmung – einzelne unerträgliche antisemitische Hetzchöre bei den Demonstrationen in die Hände spielen. Aber Tatsachenfeststellungen wie »Kindermörder Israel«, deren Wahrheitsgehalt man jeden Abend im Fernsehen bestätigt bekommt, werden so auch als »antisemitische Hetze« bestritten, begleitet von Forderungen, das Demonstrationsrecht einzuschränken.

Den Extremisten der einen Seite stehen jene auf der anderen gegenüber, besonders hasserfüllt und hetzerisch in Israel selbst, wo Kritikern der gegenwärtigen Politik bereits zum Verlassen des Landes geraten wird, wollen sie nicht ihr Leben riskieren. Dazu und erst recht nicht zu den Toten in Gaza geht vielen »Israel-Verstehern« nicht eine Silbe des Bedauerns über die Lippen.

Doch selektive Wahrnehmung beschränkt sich nicht auf den Nahostkonflikt; sie bestimmt ebenso den westlichen Umgang mit der Ukraine-Krise. Der Absturz der malaysischen Verkehrsmaschine mit 295 Menschen an Bord, die sämtlich den Tod fanden, wird von Politikern und Medien beider Seiten bislang zur Instrumentalisierung gegen den jeweiligen Feind genutzt. Vorreiter dabei war die gegenwärtige ukrainische Regierung, die bereits wenige Stunden nach der Katastrophe vorgebliche Abhörprotokolle veröffentlichte, die inzwischen jedoch mehr Fragen aufwerfen als sie Antworten geben. Dennoch übernahmen nicht nur fast alle westlichen Medien weitgehend ungeprüft diese dubiose Version, sondern auch die Politiker der USA und der EU.

Beweise dafür fehlen bis heute, obwohl die USA ohne Zweifel die Ukraine und vor allem der Grenze zu Russland penibel beobachten; nicht einmal eine Maus könnte unbemerkt von ihnen die Seiten wechseln. Aber weder zum Flugzeugabsturz noch zum immer wieder behaupteten »massenhaften Einschleusen schwerer Waffen aus Russland in die Ukraine« gibt es bislang den Nachweis; die Nachbeter solcher Verschwörungstheorien verlassen sich allein auf US-amerikanische Behauptungen, über deren Zuverlässigkeit man spätestens seit Powells Lügengebäude im UN-Sicherheitsrat vor dem Irakkrieg Bescheid weiß.

Russland hingegen hat seine Erkenntnisse an Hand von Satellitenaufnahmen und Schaubildern ausführlich dargestellt und ohne eigene Spekulationen Fragen an die ukrainische Führung gestellt, auf die es noch keine Antworten gibt, nur neue unbewiesene Behauptungen gegen Russland. Man muss die russische Version nicht glauben; sie ist genauso zu hinterfragen wie die Verlautbarungen aus Washington und Kiew. Darauf aber wird hierzulande ebenso verzichtet wie auf die Beleuchtung des Zusammenhangs, in dem es zum Flugzeugabsturz kam.

Dass jetzt in der Ost-Ukraine mit schweren Waffen gekämpft wird, ist das Resultat der ukrainischen Militäraktion, die der neue Präsident Poroschenko unmittelbar nach seiner Wahl anordnete. Die Waffen, die dabei eingesetzt werden, sind längst auf ukrainischem Boden. Schließlich war die heutige ukrainische Armee einst ein Teil der Sowjetarmee; auch nach 25 Jahren stehen vor allem viele Offiziere noch unter dem Eindruck ihrer Erziehung zum Sowjetpatriotismus und haben wenig Neigung, für imaginäre »westliche Werte« ins Gefecht zu ziehen. Die hohen Zahlen von Überläufern erst auf der Krim, dann in der Ost-Ukraine sprechen für sich, und manche mögen Waffen und Ausrüstungen mitgenommen haben, um ihren eigenen Kampf gegen die neue Macht in Kiew zu führen. Das könnte für einen Angriff auf das möglicherweise nicht als solches identifizierte Zivilflugzeug sprechen, muss es aber nicht. Und dass für eine solche Situation Putin im fernen Moskau verantwortlich ist, liegt auch nicht so eindeutig auf der Hand, wie uns suggeriert werden soll.

Das aber ficht jene nicht an, die auch in der Ukraine von der selektiven Wahrnehmung zur Kriegführung übergehen. Militärisch die neue Führung in Kiew, ökonomisch, politisch und propagandistisch NATO und EU. Woche für Woche wird die Eskalationsschraube weitergedreht; niemand ist in Sicht, der diesem verderblichen Mechanismus Einhalt zu bieten versucht. Vielleicht sollten die Hitzköpfe rund um die Ukraine einen Blick auf Gaza werfen, um zu sehen, wo eine solche Politik enden kann.

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Eine Antwort zu “Von selektiver Wahrnehmung zu totaler Kriegführung – Gaza und die Ukraine”

  1. Kai Guleikoff sagt:

    Wir haben in Deutschland ein sich immer mehr verfestigendes Meinungs-Kartell der Mainstream-Medien. Kontroverse Diskussionen weichen immer mehr einer „Staatsmeinung“ zu den aktuell-politischen Ereignissen.

    Die Berichterstattungen zum Gaza- und Ukraine-Krieg beweisen diesen Trend. Wir Bürger müssen daher immer mehr auf ausländische Medien-Berichterstattungen und auf das www. zurückgreifen.
    Allein im Bild- und Filmangebot zu diesen Kriegen besteht ein erhebliches Defizit zwischen den deutschen und den ausländischen Berichterstattungen.
    Das schafft natürlich kein Vertrauensverhältnis zum medien-steuerpflichtigen Bürger in Deutschland!

    Gerade im ukrainischen Bürger-Krieg feiern die anti-russischen Vorurteile eine unerwartete Auferstehung. Die primitivsten Gerüchte der Kiewer Regierung und ihrer US-amerikanischen Sponsoren gegen Moskau, werden
    kommentarlos in die deutschen Nachrichten-Sendungen übernommen und ausgestrahlt.
    Es fehlt nur noch auf dem Aufmacher der BILD-Zeitung oder auf dem Titelbild des SPIEGEL die Foto-Montage von Putin mit Budjonny-Helm und Dolch zwischen den Zähnen: Dann würden uns wieder die 1940er Jahre (und ihr Verlauf) eingeholt haben!
    Das Schicksal (oder ein Gott) bewahre uns vor diesem (erneuten) Ausgang.

    Mit Recht beklagen ein Peter Scholl-Latour und ein Egon Bahr die Abwesenheit von Politik in diesem EU-Europa. Die Herrschaft der politischen „Schlafwandler“ (wie vor Beginn des Ersten Weltkrieges) scheint erneut angebrochen zu sein.

    Die Militärgeschichte beweist die Unfähigkeit der Waffen, Konflikte lösen zu können. Es wird lediglich (im günstigsten Fall) eine zeitlich begrenzte „Friedhofsruhe“ erreicht.

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