Estland verfällt der Angsthysterie nicht

(pri) Wer sich in den deutschen »Qualitätsmedien« dieser Tage über das Wahlergebnis in Estland informieren wollte, hatte ausgesprochen schlechte Karten. Erst sprang ihm die Desinformation einer großen Schlappe der für ein vernünftiges Verhältnis zu Russland werbenden Zentrumspartei entgegen. Dann, als dies die tatsächlichen Zahlen Lügen straften, war ziemlich einhellig Schweigen im Walde.

Das estnische Parlament im ehemaligen Schloss von Tallinn Foto: Peter Richter

Das estnische Parlament im ehemaligen Schloss von Tallinn Foto: Peter Richter

Schon im Vorfeld war der interessierte Bürger auf einen Wahlkampf im Zeichen des Ukraine-Konflikts eingeschworen worden, und die prowestlichen Parteien hatten im engen Bündnis mit den USA auch alles getan, um die Stimmung gegen den russischen Nachbarn anzuheizen. Auf ihre Propaganda fielen dann aber weniger die estnischen Wähler als die westlichen Wahlberichterstatter herein. Die »Tagesschau« vermeldete zwar formal korrekt, dass »westliche Parteien« die Wahl gewonnen hatten, verschwieg aber zugleich, dass die bisherige Koalition ihre Mehrheit verlor, also faktisch abgewählt worden war. Etliche Zuschauer zeigten sich konsterniert, erhielten aber keine weitere Aufklärung, zum Beispiel darüber, dass die führende Reformpartei 0,9 Prozent und drei Parlamentssitze einbüßte, ihr Koalitionspartner, die Sozialdemokratische Partei, sogar 1,9 Prozent und damit vier Sitze. Beide müssen nun einen weiteren Partner zum Regieren suchen, und dafür stehen nur deutlich weiter rechts stehende Parteien zur Verfügung. Aber das braucht man hierzulande ja nicht zu wissen.

Noch dreister gebärdete sich freilich die »Welt«, die eine »Schlappe für prorussische Partei in Estland« verkündete, was sich als schlicht gelogen herausstellte. Denn die Zentrumspartei hatte nicht verloren, sondern 1,5 Prozent der Wählerstimmen und damit einen Sitz im Parlament hinzugewonnen. All das wussten die »Welt«-Redakteure, denn ihnen war das Endergebnis bekannt. Dennoch zogen sie es vor, ihrer Leser zu belügen, statt sie wahrheitsgetreu zu informieren.

Wieder einmal haben also die Wähler – diesmal im doch so gefährlich von Russland bedrohten Estland – anders gewählt, als es der hiesige Mainstream für richtig hält. Sie haben sich von der Angsthysterie nicht anstecken lassen. Das aber kann doch nicht sein, weil es nicht sein darf. Also verfälscht man ein wenig die Wirklichkeit.

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Eine Antwort zu “Estland verfällt der Angsthysterie nicht”

  1. Kai Guleikoff sagt:

    Nach der „Wiedervereinigung“ der Krim mit Rußland und der „Landnahme in Neurussland“(Ost-Ukraine) soll Herr Putin nun die Absicht haben, die Republik Estland „Heim ins Reich“ zu holen. So verkünden es die NATO-Medien weltweit!

    Am 94. Unabhängigkeitstag Estlands (24.Februar 2015) fand daher eine demonstrative NATO-Militärparade in der Grenzstadt Narva statt. An der Spitze Radpanzer des 2. US-Kavallerie-Regiments, einer in vielen Kriegen interventionserfahrenen Truppe.
    Die Reaktion der Bevölkerung zeigte sich verhalten, sind doch in der Mehrheit Russen die Einwohner von Narva. Gerade deshalb wurde diese Machtdemonstration am Grenzfluß Narwa zelebriert – 100 Kilometer von St.Petersburg entfernt.

    Säbelrasseln gehört (erneut) wie die das mediale Feldgeschrei zur „Kultur“ des Kalten Krieges 2.0 in Europa. Ob der NATO ein Krieg um ein Land in der Größe der Schweiz wert ist, bleibt dahingestellt.
    Erinnert sei an die (bereits vergessenen) Pläne der Pentagon aus dem ersten Kalten Krieg, nach einer „Invasion des Ost-Blocks“ West-Europa zu räumen (!) und danach durch Atomwaffen zu „neutralisieren.“

    Putin seinerseits hat kein Interesse, im Westen seines Riesenreiches ein Binnen-Staat zu werden. Im Süden konnte er das „Abschneiden“ vom Schwarzen Meer verhindern, im Norden sind durch die NATO-Mitgliedschaft des Baltikums und Polens nur schmale Zugänge zur Ostsee erhalten geblieben.

    Gefragt wäre jetzt eine hochstehende Diplomatie (in der Qualität eines Bismarck zum Ende des 19.Jahrhunderts), diesen geostragischen Interessenkonflikt zu lösen.
    Doch die Qualität der zur Verfügung stehenden Politiker im Westen kann nur mit „mittelmäßig bis schwach“ eingeschätzt werden.
    Die USA bestimmen das politische Klima in West- und Mitteleuropa mit ihren kruden Lagebeurteilungen.

    Wie sagte unlängst ein US-General: unsere erfolglosen Kriege sind darauf zurück zu führen, daß wir nicht diese anderen Völker verstehen können…

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