„Meinst Du, die Russen wollen Krieg?“

„Russenlager und Zwangsarbeit – Bilder und Erinnerungen sowjetischer Kriegsgefangener“

(rhe). Aktuell über die Zeiten – eine Ausstellung, die seit Jahren nicht nur ihre Besucher sondern auch die politische Klasse unseres Landes zum Vor-und Weiterdenken auffordert. In den deutsch-russischern Beziehungen sollte sie als ein Appell der Mahnung zur weiteren Wiedergutmachung verstanden werden. Bis heute sind Bundestag und Bundesregierung trotz mehrerer Petitionen des Vereins „Kontakte-Kontakty“ sowie Bemühungen der Oppositionsparteien Grüne und Linke nicht bereit sowjetische Kriegsgefangene als NS-Opfer anzuerkennen.Gezeigt wurde die richtungweisende Dokumentation u. a. erstmals 2011 an der Humboldt-Universität Berlin, es folgten die Technische Universität und die Freie Universität, das Haus der Wissenschaft in Bremen, eine Einrichtung in Moskau, die Synagoge am Schloßkirchplatz Cottbus, das Museum der Arbeit Hamburg und die Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain (Land Sachsen). Dort ist sie – vor dem Hintergrund des 75. Jahrestages des Überfalls Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion – gegenwärtig zu sehen. In allen regionalen Bereichen gibt es oft schreckliche Bezüge zum Thema des Jahrhunderts, das nachfolgend beleuchtet wird: im historisch-politischen Kontext, der militärischen Dimension und seiner völker-und rassevernichtenden Zielstellung.

Es gibt Daten im Leben eines Menschen, einer Nation, ja eines Kontinents, sogar des ganzen Erdballs, die sind von einem geschichtlichen Gewicht, das über das einzelnes Leben in jenes mehrerer Generationen hineinreicht. Ein solches Datum ist der 22. Juni 1941. Der Tag also, an dem die faschistische Wehrmacht – ohne Kriegserklärung! – in die Sowjetunion einfiel und damit den von Hitler vorgegebenen Plan „Barbarossa“ in Gang setzte. Auf die mit dem 1. September 1939 begonnenen Blitzkriege gegen Polen und Frankreich folgte nun der schon 1925 in „Mein Kampf“ vorgedachte Eroberungskrieg:

„Die Erwerbung von neuem Grund und Boden zur Ansiedlung der überlaufenden Volkszahl besitzt unendliche viel Vorzüge, besonders wenn man nicht die Gegenwart, sondern die Zukunft ins Auge fasst. Schon die Möglichkeit der Erhaltung eines gesunden Bauernstandes als Fundament der gesamten Nation kann niemals hoch genug eingeschätzt werden… Allerdings, eine solche Bodenpolitik kann nicht etwa in Kamerun ihre Erfüllung finden, sondern heute fast ausschließlich nur mehr in Europa. Man muss sich damit kühl und nüchtern auf den Standpunkt stellen, dass es sicher nicht Absicht des Himmels sein kann, dem einen Volk fünfzig mal soviel an Grund und Boden auf dieser Welt zu geben als dem anderen. Man darf in diesem Falle sich nicht durch politische Grenzen des ewigen Rechts abbringen lassen. Wenn diese Erde wirklich für alle Raum zum Leben hat, dann möge man uns also den uns zum Leben nötigen Boden geben. Man wird das freilich nicht gerne tun. Dann jedoch tritt das Recht der Selbsterhaltung in seine Wirkung; und was der Güte verweigert wird, hat eben die Faust sich zu nehmen.“

Wer also wissen wollte, wohin die Reise eines fernen oder nahen Tages gehen würde, der konnte es, wie jener Jungvermählte Rocktäschel und seine Frau aus meiner Geburtsstadt Neustadt an der Orla – nachlesen. Sie hatten eine ungekürzte Ausgabe von „Mein Kampf“ „mit den besten Wünschen für eine glückliche und gesegnete Ehe“ am 2. November 1940, gestempelt und unterschrieben vom Bürgermeister, überreicht bekommen. Ob besagter Jungvermählter das Buch jemals las, ist eher unwahrscheinlich. Denn er musste sich, nicht lange nach der Hochzeit, per Gestellungsbefehl, die „Lebensraum-Ideologie“ im Tornister, zwecks „Erwerbung von neuem Grund und Boden“ in Richtung Osten auf einen Weg machen, von dem er niemals wieder in seine thüringische Heimatstadt zurückkehren sollte. Und dass seine Braut und spätere Ehefrau, dann als Witwe beim Lesen über den Lebensraum, in dem ihr Angetrauter zu Tode kam, Trost hätte finden können, kann wohl ganz und gar als ausgeschlossen gelten.

Düsterstes Kapitel deutscher Geschichte

Auf den Weg machten sich im Morgengrauen des 22. Juni 1941, gegen drei Uhr fünfzehn, 153 Divisionen, 600 000 motorisierte Fahrzeuge, 3580 Panzer, 7481 Geschütze und 2110 Flugzeuge. „Es war“, so Joachim Fest in seiner Hitler-Biografie, „die gewaltigste auf einem Schauplatz vereinte Streitmacht der Geschichte“. Einer Streitmacht, die nach Anfangserfolgen vor Moskau zum Stehen kam, in Stalingrad und bei Kursk vernichtend geschlagen wurde, in Berlin ihr letztes sinnloses Gefecht lieferte, ehe am 8. Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation den Endpunkt hinter einen Krieg setzte, der alle bisherigen Dimensionen sprengte. Der damit zugleich alles überstieg, was der Mensch bisher an Leid und Verbrechen hat ertragen müssen.

Nicht nur Touristen und Direktstudenten, auch "ältere Semester" zählten zu den Besuchern

Nicht nur Touristen und Direktstudenten, auch „ältere Semester“ zählten zu den Besuchern

Blicken wir zurück auf die 117. Sitzung des Deutschen Bundestages am 30. Juni 2011. Gernot Erler von der SPD erinnerte an den „traurigen Gedenktag für eines der düstersten Kapitel deutsche Geschichte“: „Der Krieg gegen die Sowjetunion war ein rassistischer Vernichtungskrieg. Er sollte für die Deutschen Lebensraum im Osten erobern, die Judenherrschaft in Russland brechen, die minderwertige slawische Rasse dezimieren und so weit wie möglich hinter den Ural verdrängen. Die Verbrechen verteilen sich auf vier Jahre zwischen 1941 und 1945. Ihr Ausmaß wird in Zahlen festgehalten, die unsere Vorstellungskraft überfordern: 27 Millionen getötete Menschen in dem überfallenen Land, davon 14 Millionen Zivilisten. Das bedeutete mindestens einen Trauerfall in praktisch jeder Familie. Hinter diesen Zahlen verbergen sich unauslöschliche Erinnerungsbilder von traumatischen Erlebnissen.“

Zur perfiden Logig des Krieges gehöre auch, so Erler, die sofortige Erschießung aller gefangen genommenen Politoffiziere der Sowjetarmee nach dem sogenannten „Kommissarbefehl“ von 1941, der mindestens 7000 Opfer forderte. Der Befehl war zwei Wochen vor dem Überfall erlassen worden: „Die Urheber barbarischer Kampfmethoden sind die politischen Kommissare. Gegen diese muss daher sofort und ohne weiteres mit aller Schärfe vorgegangen werden.“

In diesem Kontext sei hier auf das Buch von Michael Brettin/Peter Kroh/ Frank Schumann „Der Fall Barbarossa. Der Krieg gegen die Sowjetunion in unbekannten Bildern“ verwiesen. (Verlag Das Neue Berlin). Der Band dokumentiert die Verbrechen in der Sowjetunion: Erschießungen, Plünderungen, Brandschatzungen. Unter den von deutschen Propaganda-Kompanien stammenden Fotos finden sich auch Motive von endlosen Schlangen sowjetischer Kriegsgefangener, deren Gesamtzahl mit 5,7 Millionen ausgewiesen ist.

Die hier aufgeführte Verbrechensbilanz wäre unvollständig ohne den Hinweis auf die systematische Liquidierung von 2,5 Millionen Juden in den eroberten Gebieten. Erler: „Im Zuge dieser rassenideologischen Politik wurden schon ab August 1941 ganze Gemeinden ausgelöscht. Die Schlucht von Babi Jar bei Kiew, in der allein am 29. und 30.September 1941 rund 33 000 jüdische Männer, Frauen und Kinder erschossen wurden, steht als *e i n* Erinnerungsort für Hunderte andere.“

Babi Jar, auch Babij Jar oder Babyn Jar (übersetzt Weiberschlucht) – mit diesem Namen ist neben dem fürchterlichen Verbrechen gegenüber den Juden ein Faktum verbunden, auf das wir auch in der Ausstellung stoßen: die Aufhebung der in Deutschland lange Jahre verbreiteten Legende von der „sauberen Wehrmacht“. Sie war schon in dieser frühen Phase des Krieges an Aktionen beteiligt, die keinerleit Rücksicht auf jedwede Konvention nahm. Die als „Vergeltung für Anschläge“ legitimierte Mordorgie an den Juden in der Ukraine forcierte Generalfeldmarschall Reichenau, Verantwortlicher Oberbefehlshaber der 6. Armee, persönlich, wie aus einem Bericht der SS nach Berlin hervorgeht: „Wehrmacht begrüßt Maßnahmen und erbittet radikales Vorgehen.

Sommer 1941: Eine Karte des Schreckens- Lager für sowjetische Kriegsgefangene

Sommer 1941: Eine Karte des Schreckens- Lager für sowjetische Kriegsgefangene

Der israelische Ministerpräsident Jitzschak Rabin bei seinem Besuch im September 1995: „Hier in diesem Höllenschlund endete die Geschichte einer großartigen jüdischen Welt – der Welt der ukrainischen Juden, aus deren Mitte die ersten Träumer von Zion hervorgingen, die besten jüdischen Dichter und Schriftsteller, die großen Pioniere und Wegbereiter des Zionismus.“

Schon Jahre vorher hatte der russische Dichter Jewgeni Jewtuschenko mit einem – von Paul Celan ins Deutsche übertragenen – Poem dem Kampf gegen den Antisemitismus dauerhaften Ausdruck verliehen. Der Komponist Dmitri Schostakowitsch vertonte das Gedicht 1962 in seiner 13. Sinfonie. Über das von den Deutschen verübte große Verbrechen wurden mehrere Filme gedreht. Die Literatur weist eine Vielzahl von Titeln aus, darunter Anatoli Kusznezow „Babi Jar. Ein dokumentarischer Roman“, erschienen 1968 im DDR-Verlag Volk und Welt, sowie Harald Welzer „Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden.“ (S. Fischer Verlag 2005.)

Wie werden aus Menschen Mörder ? Die Beantwortung dieser Frage ist an die Existenz der Menschheit überhaupt gebunden. Deshalb ist sie, wie kaum eine zweite, mit der Ausstellung „Russenlager und Zwangsarbeit“ verbunden. Veranstaltet vom Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion „Kontakte-Kontakty“, ist sie mit Unterstützung der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“ (EVZ) als ein Bürgerengagement von hoher Symbolkraft für vergessene NS-Opfer zustande gekommen.

Der Veteran und die Enkeltochter

Der Veteran und die Enkeltochter

Auf die Frage „Wem verdanken wir diese Ausstellung?“ erfährt der Besucher in einer schriftlichen Mitteilung: „In erster Linie sehr alten Menschen in den Ländern der vormaligen Sowjetunion. Wir baten sie um ihre Erinnerungen, weil ihre Lebensgeschichten in Deutschland unbekannt sind. Wir erklärten, dass ihre Erfahrungen nicht nur eine private Sache seien, sondern als Lehrstück allgemein gegen den Krieg, gegen Rassismus und Rechtsextremismus wirken können. Viele sowjetische Kriegsgefangene haben das schon immer gewusst. Tausende antworten uns. Einige Briefe sind kurz, weil schon die Kraft zum Schreiben fehlt, andere notieren in Fortsetzung ihr ganzes Leben. Dank dieser Briefe und den einprägsamen Portraitaufnahmen des Berliner Fotografen Lars Nickel konnte die Ausstellung entstehen… Die Briefe sind an uns alle gerichtet. Wir sind es ihnen schuldig, ihre Mitteilungen zu lesen und weiter zu verbreiten. Macht mit beim Bürger-Engagement für vergessene NS-Opfer.“ Dieser Appell schließt auch die Möglichkeit ein, den ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen, ihren Kindern und/oder deren Enkeln Gedanken zukommen zu lassen, die in sogenannten „Freitags-Rundbriefen“ veröffentlicht werden.

Briefe als Erinnerungsarbeit

Der Besucher kann sich am Beispiel zahlreicher aussagekräftiger Dokumente und Fotos darüber informieren, wie Krieg und Schicksal das Leben der von Deutschen gefangen genommenen Soldaten der Roten Armee prägten.

Im 250. Freitagsbrief beispielsweise schreibt Marina Jepifanzewa, Enkelin des ehemaligen Kriegsgefangenen Dmitrij Aleksandrowitsch Jepifanzew aus Magnetogorsk:

„In seinem Namen möchte ich Ihnen für den warmherzigen Brief und die humanitäre Unterstützung danken und für die wohltätige Arbeit, die Sie vollbringen. Vielmals hat der Großvater selbst versucht, Ihnen einen Dankesbrief zu schreiben und Kriegserinnerungen mitzuteilen, aber die Versuche endeten mit Herzbeschwerden. Deshalb habe ich beschlossen, ihm zu helfen… Aus seinen Erzählungen entnahm ich, daß er bei Kriegsanbruch in einem Baubataillon diente, das in Schaulja (Lettland) war. Alle Widrigkeiten des Krieges haben ihn von den ersten Tagen betroffen. Bei Nowgorod geriet er in einen Kessel, von dort wurde er ins Todeslager, wie er es nennt, gebracht, das in Sewerodwinsk (Stalag 340 Dünaburg/Daugavpils) war. Sehr viele bittere Stunden hat er in diesem Lager durchlitten. Es schmerzt anzusehen, wie er weint, wenn er sich an diese schrecklichen Tage erinnert. Im Herbst wurde er nach Herten (bei Reckklinghausen) verbracht, in den dortigen Schächten arbeitete er bis Kriegsende. Er hat viele dramatische Augenblicke durchlitten, er erinnert sich jedoch mit Wärme an die freiwillig angestellten Arbeiter, die auf jegliche Weise versuchten, die Lage der hungernden Zwangsarbeiter zu erleichtern… Vielen Dank an Sie für die gute Sache, die Sie organisiert haben. Friede und Wohlergehen für Ihren Verein. “

In einem längeren Brief teilt Jurij Petrowitsch Bartosch aus Tschernigow (Ukraine) mit, daß er, Leutnant des 546. Artillerie-Regiments, die Radio-Bekanntmachung von Molotow über den Beginn des Krieges während eines Aufenthaltes in der Stadt Orjol hörte. Danach schildert der Zugführer Kampfhandlungen, Verwundung, Tod seiner Kameraden, seine Odyssee von Lager zu Lager und damit verbundene unvorstellbare Erlebnisse. Zu Stalag 325 in der polnischen Stadt Zamosc` erfährt der Leser, nachdenkend darüber wie aus Menschen Mörder werden: „Im dortigen Lager war als Gefangener der später von der Gestapo bestialisch ermordete General Karbyschew (bei lebendigem Leibe eingefroren).“

Sein weiterer Weg führte den Kriegsgefangenen nach Hammelburg (Stalag XIIIC), von dort in die Nähe von Nürnberg (Lager Nr. 10021). Immer wieder bleibt dem Leser fast das Herz stehen, wenn er erfährt, mit welchen geradezu unmenschlichen Leiden dieser Weg durch die Hölle für ihn und seine Mithäftlingen gepflastert war. Im April 1945 wurde seine Gefangenenkolonne von den Amerikanern befreit. Sie kamen erst nach Moosburg, dann nach Frankenberg. „Unsere letzte deutsche Stadt war Bautzen, wo wir eine vorläufige Überprüfung durchliefen. Aus Bautzen wurde ich gemeinsam mit anderen in das Dorf Suslonger in der Mari-ASSR gebracht, wo ich nach einer Spezialüberprüfung für immer demobilisiert wurde.“

"Ja, es stimmt- ohne Tränen kann man sich nicht erinnern..."

„Ja, es stimmt- ohne Tränen kann man sich nicht erinnern…“

„Ja, es stimmt. Mein Leben während des Krieges war hart, ohne Tränen kann man sich nicht daran erinnern. Die in der deutschen Kriegsgefangenschaft verbrachte Zeit war eine Ewigkeit. Ich lebte in der Unfreiheit vom Juni 1941 bis Mai 1945, vier Jahre voll von Leid, Erniedrigung und Qual.“ Dieses harte Urteil können wir im 252.Freitagsbrief nachlesen.

Der Krieg der Deutschen gegen die Sowjetunion hatte noch gar nicht richtig begonnen, da war Anton Andrejewitsch Akultschik aus dem Gebiet Gomel (Belarus) schon in Gefangenschaft: „Am 28. Juni kamen wir nach Berlin“. Von dort ging es an die Elbe, dann in die Lüneburger Heide, zuletzt nach Linz in Österreich. Auch diese Odyssee sollte zu einer Reise durch die Hölle werden: „Während der Fahrt gab es weder Wasser noch Nahrung, obwohl wir einige Tage unterwegs waren…Hunderte Menschen starben täglich…In unserer Abteilung befand sich ein Kiefernwald. Jeder Baumstamm stand nackt, das heißt völlig ohne Rinde, alles wurde aufgegessen…In diesen Tagen und Monaten habe ich Gott nur um ein Einziges gebeten, um den Tod. Nein, ich starb nicht. Ich habe überlebt. Vielleicht ist es mein Schicksal. Niemandem wünsche ich das zu erleben, was ich erlebt habe. Gott gebe Ihnen Kraft, Gesundheit und Glück für Ihre Barmherzigkeit. Unsere Völker müssen in Frieden leben.“

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Alles, was wir in diesen Freitagsbriefen nachlesen können, darf, wenn auch aus persönlicher Erinnerung formuliert, als objektives Zeitdokument von hohem Range gelten. Problematischer ist es mit der Literatur von deutschen und russischen Historikern über den Zweiten Weltkrieg. Diese durchliefen einen langen, schmerzhaften Prozess der Wahrheitssuche, Selbstfindung und Offenlegung. Er hält immer noch an. Und schließt den Weg zum 22. Juni 1941 ein.

Als Beispiel dafür kann das vom renomierten, in Jena promovierten, an der Humboldt-Uni habilierten Historiker Kurt Pätzold avisierten Buch von Rolf-Dieter Müller gelten: „Der Feind steht im Osten. Hitlers geheime Pläne für einen Krieg gegen die Sowjetunion im Jahr 1939“ (Ch. Links-Verlag, Berlin).

Pätzold rechnet auch den wissenschaftlichen Direktor am Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam zur „Avantgarde der deutschen Militärhistoriker“ und belegt sein Urteil mit dem Hinweis auf die Schwierigkeit dieser Spurensuche: „Die Aufgabe einer exakten Rekonstruktion der historischen Spur kompliziert sich auch noch dadurch, weil diese später absichtsvoll gelöscht oder verwischt worden ist. Zuerst von jenen Militärs, die ein Interesse daran besaßen, nicht „dabei gewesen“ zu sein. Und dann von Historikern, die den Lügnern Glauben schenkten. Wer nach dem Krieg der faulen Ausrede widersprach, Hitler allein sei es gewesen, auf den stürzte sich eine Meute – am Anfang gar von Juristen. Das erlebte schon der frühere Generalfeldmarschall Friedrich Paulus, als er als Zeuge im Gerichtssaal von Nürnberg 1946 über die Rolle des Heeresgeneralstabes bei der Vorbereitung des unter dem Tarnnamen `Barbarossa`unternommenen Feldzuges sprach, darunter auch über seine eigene.“

Legende von der sauberen Wehrmacht

Kurt Pätzold hat auch selbst, und zusammen mit Manfred Weißbecker und Günter Rosenfeld, wichtige Bücher über die faschistische Diktatur und ihre Repräsentanten wie Hitler und Heß, verfasst. Er könnte darüber hinaus als Kronzeuge auftreten. Als Kronzeuge für die These, daß die gravierenden Unterschiede in Darstellung und Bewertung von Faschismus und Zweitem Weltkrieg nicht von der Existenz zweier deutscher Staaten – BRD und DDR – zu trennen sind.

Dieses Faktum sollte man nicht unbeachtet lassen im Hinblick auf die Bewertung von SPD-Mann Gernot Erler in besagter Rede vor dem Bundestag: „Nach 1945 ist alles, was mit dem Unternehmen `Barbarossa` zusammen hing, lange Zeit verdrängt oder verfälscht worden. Es hat gedauert, bis die so genannte Präventivkriegthese als Lüge entlarvt und widerlegt wurde. Es hat auch lange gedauert, bis die Legende von der sauberen Wehrmacht korrigiert werden konnte. Das geschah in der breiten Öffentlichkeit erst“, so Erler, „mit der berühmten, aber auch umstrittenen Wehrmachtsausstellung nach 1995. Über mehrere Jahrzehnte hinweg schuf der Kalte Krieg für viele ehemalige Täter und Mittäter eine willkommene Legitimation, die alten Feindbilder zu konservieren und dabei von der eigenen Mitverantwortung für die Verbrechen des Krieges gegen die Sowjetunion abzulenken.“

Nach Erler bestünden inzwischen gute gesellschaftliche Voraussetzungen für eine überzeugende Aufarbeitung der Geschichte. Die von den Historikern geleistet werden müsse. Zu dem aber sowohl die politische Klasse, als auch die in den Aufbau von Wehrmacht, materieller Sicherung der Kriegsführung und in die Ausbeutung sowjetischer kriegsgefangener Zwangsarbeiter eng vertrickte Wirtschaft die notwendigen Voraussetzungen leisten muss. Nur so könnten die Zivilgesellschaften beider Länder einander wirklich näher kommen.

Zweifellos sind auf diesem steinigen, von Vorurteilen geprägten und Opfern gesäumten schwierigen Weg, schon Ergebnisse erzielt worden. Dazu zählen, bei allen Irritationen im Detail, das positive Deutschlandbild großer Teile der russischen Bevölkerung, die Wirtschaftsbeziehungen, deutsch-russische Städtepartnerschaften, Jugendaustausch, Kulturevents.

Kanzlerin Merkel, Präsident Medwedew - die Hoffnung stirbt zuletzt: Hat diese schöne Geste der Versöhnung Einfluss auf immer noch ungelöste Fragen?

Kanzlerin Merkel, Präsident Medwedew – die Hoffnung stirbt zuletzt: Hat diese schöne Geste der Versöhnung Einfluss auf immer noch ungelöste Fragen?

Annäherung der Zivilgesellschaften – das um so notwendiger, als von den Hauptakteuren Bundskanzlerin Merkel und Präsident Medwedew auf dem Ehrenfriedhof am Maschseeufer, wo auch an das Schicksal von 154 Sowjetbürger erinnert wird, für die ermordeten Zwangsarbeiter ein Kranz niedergelegt wurde. Kann das als ein Signal von der Kanzlerin an die Kanzlerin selbst gewertet werden? Beim Thema Verantwortung vor der Geschichte auch das hier zur Erinnerung stehende Datum und die damit immer noch verbundenen brisanten offenen Fragen zur Entschädigung sowjetischer Kriegsgefangenen neu zu überdenken?

Verantwortung der Politik

Wie die Zeitung junge welt unter „Merkel und der 22. Juni“, bezug nehmend auf eine Veranstalung im Deutschen Historischen Museum zum 50. Jahrestag des Mauerbaus und 20. Jahrestage vom Endes der „Ära Sowjetunion“ konstatiert, kam das Datum 22. Juni 1941 in der Merkelrede nicht vor: „Das hat bundesdeutsche Tradition. Es lässt sich leichter, vor allem oberflächlicher und verlogener von 1961 und von 1991 reden, wird jenes Datum beschwiegen. Der ursächliche Zusammenhang zwischen den drei Daten ist etwas Fassbares, wird er weggelassen, lässt sich schön über `Unfassbares` historische Esoterik verbreiten. Die wiederum steht ganz in den Traditionen jenes Irrationalismus, der eine ideologische Hauptquelle des Vernichtungskrieges war, den Hitler und seine Generäle praktisch seit der Machtübernahme an die Faschisten vorbereiteten.“

*

Die Vermutung liegt nahe, dass die DDR-sozialisierte Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende Angela Merkel und SPD-Mann Gernot Erler von unterschiedlicher Sicht und Alternativen auf deutsche Geschichte geprägt sind. Vor allem, wenn man bedenkt, was Erler im Bundestag ausführte. Er legte den Finger insofern auf die Wunde, wenn er forderte, „auch über die Schattenseiten“ im Zusammenhang mit dem Überfall auf die Sowjetunion zu berichten. „Sie betreffen die Aufarbeitung des Unrechts, die Entschädigung der Opfer, die Vollständigkeit der Erinnerungsarbeit. Ich spreche hier von den Opfergruppen, die bisher zu wenig gewürdigt wurden. Hier stößt man an erster Stelle auf die 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen, die in doppelter Weise einem grausamen Schicksal unterworfen waren. Ihre Behandlung im deutschen Gewahrsam führte zu der entsetzlichen hohen Verlustquote von annähernd 60 Prozent, während diese zum Beispiel für Kriegsgefangene aus westlichen Ländern 3,5 Prozent an Opfern nicht überstieg“.

Die Russen hätten dann zu Hause zunächst einmal für lange Zeit Ächtung, Ausgrenzung, ja in vielen Fällen sogar eine Fortsetzung der Lagerhaft in dem System des stalinistischen Gulag vorgefunden. Es habe bis zum 24. Januar 1995 gedauert: Präsident Jelzin hat an diesem Tag ein Dekret zur Wiederherstellung der gesetzmäßigen Rechte der russischen Kriegsgefangenen unterzeichnet, wodurch diese wenigstens den Status von Kriegsteilnehmern erhielten und ihre negative Sonderstellung in der Gesellschaft beendet wurde.

*

Hier muss auch darauf hingewiesen werden, dass die ehemaligen Kriegsgefangenen keinen Zugang zu den 1991 und 1993 eingerichteten Stiftungen in Moskau, Kiew, Minsk und Warschau erhielten, in die Deutschland 766 Millionen Euro zur Weitergabe an die Opfer einzahlte. Auch die im Jahre 2000 gegründete Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, blieb ihnen verschlossen. Diese hatte zwischen 2001 und 2007 Auszahlungen in Höhe von 4,4 Milliarden Euro an 1,6 Millionen Opfer in 100 verschiedenen Ländern vorgenommen. Vor allem an Zwangsarbeiter, jedoch aber nicht an die Kriegsgefangenen, deren Leistungsberechtigung in § 11 der Stiftungssatzung ausdrücklich ausgeschlossen wurde.

Als eine mehr als fragwürdige Art der Begründung wird völkerrechtlich darauf verwiesen, dass Kriegsgefangene eben Opfer des so genannten allgemeinen Kriegsschicksals wären und dass Entschädigung insofern die Sache ihrer Herkunftsländer sei, die dafür Mittel aus Reparationszahlungen nutzen müssten. Die Frage ist aber, ob diese Einordnung ins allgemeine Kriegsschicksal tatsächlich auf die sowjetischen Kriegsgefangenen zutrifft, immer auch unter Berücksichtigung ihrer unvergleichbar extrem großen physischen und psychischen Belastungen und der damit verbundenen erschreckenden hohen Zahl von Opfern.

Dringender Appell an den Bundestag

Wieder Erler: „Längst ist erwiesen, dass sich die Unterscheidung von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen auf der einen Seite und Kriegsgefangenen auf der anderen so nicht aufrechterhalten lässt. Das wird auch durch drei neuere Ausarbeitungen des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages aus den Jahren 2010 und 2011 bestätigt, die im Zusammenhang mit Petitionen in Sachen Entschädigung der Kriegsgefangenen erstellt wurden.

Von der Organisation „Kontakte-Kontakty“ wurden 2006 und 2014 Petitionen eingereicht – immer mit dem gleichen Grundgestus:Wiedergutmachung und Anerkennung sowjetischer Kriegsgefangener als NS-Opfer. Rolf Gössner, engagierter Verfechter für die Belange von benachteiligten „Siegern“, die zu Opfern degradiert wurden, hat 2014 in seiner Rede zur Eröffnung der Ausstellung in Bremen auf zwei gravierende Aspekte verwiesen – einen demoskopischen und einen politischen: „Leider ist inzwischen viel Zeit regelrecht vergeudet worden. Von den 20 000 noch lebenden Betroffenen im Jahre 2000 und den rund 10000 im Jahre 2006 sind heute allenfalls noch 2000 bis 3000 am Leben. Ein katastrophales Signal 70 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges.“ Die Hauptverantwortung des Bundestages liege in dieser Angelegenheit seit eh und je und weiterhin bei den Parteien CDU/CSU, die sich mit dem C die christliche Verkündigung auf ihre Fahne geschrieben haben. Sie müssten, so Gössner, „endlich ihre Verweigerungshaltung aufgeben“. Und ihre bisherige Argumentation: Wenn sowjetische Kriegsgefangene entschädigt würden, dann müssten auch deutsche Kriegsgefangene für „unrechtmäßig zugefügte Leiden“ berücksichtigt werden – „einseitige Regelungen“ kämen jedenfalls nicht infrage. Für eine diese Aufrechnung von Leid, für einen solch relativierenden und geschichtsvergessenen Zynismus könne es nun wirklich kein Verständnis geben.

Das sehen im übrigen die Besucher so, deren solidarische Geisteshaltung im HU-Gästebuch als Seismograf historischer Verantwortung festgehalten ist:

+ „Ich schäme mich für die Verbrechen meiner Vorfahren, werde alles tun, damit Menschen die Wahrheit erfahren, damit nie wieder Faschismus in Deutschland möglich wird. Das bin ich den über 50 Millionen Toten des 2.Weltkrieges schuldig…Und nicht Opfer, sondern die Täter waren Deutsche…“

+ „Opferentschädigung muss auf die Tagesordnung der Politiker. Unerträglich, diese armen Menschen. Ihnen gebührt Anerkennung…“

+ „Ich habe das so nicht gewusst. Schrecklich, dieser Hitler…“

+ „Der Krieg macht die Menschen zu Bestien. Wir Deutschen sollten unsere Schuld eingestehen. Es ist unsere verdammte Pflicht, alles für den Frieden auf der Welt zu tun…“

+ „ Für eine Deutsche, Jahrgang 1943, ist es beschämend, dies alles zu lesen und zu sehen. Ich werde eine Spende an KONTAKT geben…“

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Das Gästebuch - Seismograph historischer Verantwortung

Das Gästebuch – Seismograph historischer Verantwortung

Die Chronistenpflicht verweist auch auf die Bereitschaft einer großen Zahl verantwortungs- bewußter Bürger, den ehemaligen Kriegsgefangenen im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten beizustehen. Eine linke Tageszeitung schreibt: „In einem einzigartigen Bürgerengagement wurden Spenden gesammelt. Der Appell, einen Tagessatz des Einkommens diesen Opfern zu geben, wurde nicht nur von Politikern angenommen. Viele Bundesbürger beteiligten sich. An mehr als 7000 ehemalige sowjetische Kriegsgefangene konnten 2,6 Millionen Euro (Einzelbtrag jeweils 300,-Euro ) übermittelt werden – zusammen mit einem Brief, in dem für Verzeihung für erlittenes Unrecht gebeten wurde.“

Nachdenken also ist für den Besucher das Gebot der Ausstellungs-Stunde. Welche verhängnisvolle Rolle hat dieser von Hitler angedachte, von der Wehrmacht und seinen „Begleitkommandos“ geführte, von den Deutschen letztlich tolerierte Krieg zur „Erwerbung von neuem Grund und Boden“ in der Geschichte des deutschen Volkes gespielt? War auch mein eigenes Leben davon betroffen? Was hat der Besucher gedacht und gefühlt? Beim Lesen der niederschmetternden Dokumente aus zurückliegenden Jahrzehnten, beim Entschlüsseln erschütternder Gegenwarts-Texte. Was mag er empfunden haben beim Anblick von „Siegern der Geschichte“? Die, das sagt uns die Ausstellung, die eigentlichen Verlierer waren.

Relevante Informationen zur Aufhellung des Themas verbergen sich auch „hinter“ der Ausstellung, am Ort oder der Region ihrer Präsentation. So war der Vorgänger der TU, die „Königliche Technische Hochschule“ so wie die heutige HU, an der Ausarbeitung des Generalplans Ost beteiligt. Diese theoretischen Konzepte bildeten auf Grundlage der NS-Rassendoktrin die Planung für eine Kolonisierung und „Germanisierung“ von Teilen Osteuropas. Die Planspiele zur deutschen Lebensraumerweiterung beinhalten die Vertreibung, Versklavung und Vernichtung der slawischen Bevölkerung Osteuropas, woran die Wehrtechnische Fakultät V ihren Anteil hatte.

Auch die Geschichte der FU ist, nach AStA („selbst wenn das von offizieller Seite gern verschwiegen wird“) enorm mit dem NS verbunden. So wurde in der Kaiser-Wilmhelm-Gesellschaft Rassen-und Kriegswissenschaft betrieben. Dies geschah nicht erst seit 1933. Bereits durch den Namen des 1926 gegründeten „Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik“ wird deutlich, daß hier schon in der Weimarer Republik eine rassistische Forschungstratition eingerichtet wurde. Denn Eugenik meint nichts anderes als die Reinigung des „Volkskörpers“ von „kranken“ und „unerwünschten“ Elementen, sprich Menschen. Einer der bekanntesten Mitarbeiter des Instituts war dann auch Joseph Mengele, dessen durch experimentellen Mord an Wehrlosen belasteter Name exemplarisch mit den Verbrechen in Auschwitz verbunden ist.

*

Eine befristete Daseinsberechtigung war den sowjetischen Kriegsgefangenen als Zwangsarbeiter zugebilligt. Hundertausende wurden von der Kriegswirtschaft ausgebeutet, für viele war es der Tod auf Raten. Bremer Betriebe wie Borgward, Norddeutsche Hütte, die Franke-Werke und die AG Weser profitierten. Auch Luftschutzbunker und der U-Boot-Bunker Valentin waren laut Einsatzbefehl für die Häftlinge bindend. Auf der Liste stand ebenso als eine von unzähligen jene Stadt, aus der unser Jungvermählter Rocktäschel, mit Hitlers „Mein Kampf“, wenn auch nicht im Tornister, so doch im Küchenschrank, in den Krieg ohne Wiederkehr zog. Dem Heimatgeschichtlichen Wegweiser zu Stätten des Widerstands und der Verfolgung 1933-1945 (Thüringen) ist zu entnehmen, daß von September 1939 bis April 1945 in Neustadt 1200 ausländische Zwangsarbeitskräfte bzw. Kriegsgefangene aus Belgien, Frankreich, Griechenland, Italien, Jugoslawien, den Niederlanden, Polen, der Tschechoslowakei und der Sowjetunion, unter ihnen auch über 150 Kinder und Jugendliche, polizeilich gemeldet waren.

Aus heutiger Sicht unvorstelllbar: Europa als eroberungspolitischer Brennspiegel in einer deutschen Kleinstadt! Der Krieg war also auch hier, und zwar frühzeitig, an seinen Ausgangspunkt zurück gekehrt. Es gab zwar keine „Russenlager“, aber immerhin Lager in der Bismarckstraße, der Fa. Böttcher und der Alten Post; die Stadtverwaltung ordnete den Einsatz an – Unternehmen, Handwerksbetriebe, Haushalte, Bauernhöfe, das Wehrmachts-Reserve-Lazarett waren die „Arbeitgeber“ für jene, die aus den Lagern kamen.

Der Vater des blog-Autors, Gefr. Werner Hempel (3.v.r.) zusammen mit Kameraden aus Neustadt als Angehöriger eines Bewachungskommandos für Kriegsgefangene beim Halt auf einer Bahnstrecke in der thüringischen Region.

In einem Brief aus Possendorf an Erich Nilius, meinen späteren Deutschlehrer in der Abiturklasse, gibt der Angehörige des Kr. Gef. Arb. Kdo. 495 am 9. Mai 41 Informationen über mancherlei Einsatzstationen (Friedrichroda, Eisenach, Bad Sulza, Apolda), wo er „fleißig Wache auf Arbeitsstelle“ und „Posten vor Gewehr“ stand. Von „Russenlagern“ ist in diesem Brief keine Rede, dafür aber von 270 Franz. und 15 jugoslaw. Kr. Gef. Die ja auch bewacht werden mussten. Den Hauptverantwortlichen für Krieg, Lagerhaft, Zwangsarbeit, Wachkommandos und Millionen Tote hatten die meisten Deutschen, wohl auch die Angehörigen des Arb. Kdo 495, bis dato nicht ausgemacht. Dazu war die Zeit noch nicht reif: Militärische Katastrophe und Vergeltung lagen noch in der Ferne. Viel näher lag, was Gefr. Werner Hempel in seinem Brief an Kamerad Erich mitteilte: „In Weimar hatten wir 6 Stunden Aufenthalt und sahen bei der Gelegenheit den gepanzerten Flak- und Sonderzug des Fü. durchbrausen.“

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Zu einem nicht genau bekannten Zeitpunkt wurde der tapfere Wachsoldat-Gefreite in den tödlichen Eroberungskrieg weit in Richtung Osten kommandiert, wo er am 20. April 1942 schon gewesen sein muß, denn an diesem Tag wurde ihm „Im Namen des Fü. und Obersten Befehlshaber der Wehrmacht“ vom Militärbefehlshaber im Generalgouvernement das Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse mit Schwertern verliehen, dem einige Zeit später das Eiserne Kreuz folgte. Als sich der Krieg zwei Jahre später um 180 Grad in Richtung Westen gedreht hatte, halfen dem tapferen Obergefreiten auch seine militärischen Auszeichnungen nichts mehr: Er ist am 1. August 1944 bei schweren Rückzugs-Kämpfen im Raum von Tiltagals, etwa 60 km südlich von Riga, als Angehöriger des Truppenteils 2. LSB 614 4. Gren. Regt. 552 umgekommen. Für „Volk, Führer und Vaterland“, wie es im Schreiben des Kompaniechefs an seine Witwe hieß. In dem auch „Heldentod“, „Deutschlands Zukunft“ und der „Endsieg“ vorkamen.

Der „Endsieg“ wurde am 8. Mai 1945 in Berlin-Karlshorst besiegelt. Die Grabstelle des Obergefreiten W. Hempel in Lettland dagegen war, das ergaben die Nachforschungen zuständiger Instanzen, nicht auffindbar, wie überhaupt offen ist, „ob die deutschen Soldatengräber heute noch oberirdisch zu lokalisieren sind“. Auch der Besuch des blog-Autors vor einiger Zeit in Riga, die Rücksprache mit dortigen Behörden brachte insofern nichts Belastbares als „der Umbettungsdienst noch nicht in diesem Gebiet tätig war“. Und es offen sei, ob überhaupt und wenn ja mit welchem Resultat. Beim Nachdenken über die scheinbar unauflösbare Logik von unbekannter Grabstätte und Russenlager wird deutlich, daß das eine ohne das andere undenkbar ist. Das zeigt übergreifend auch den politischen Kern der Ausstellung: Wäre der deutsche Obergefreite nicht zusammen mit Millionen gläubiger Kameraden einem untauglichen Befehl gefolgt, Lebensraum im Osten zu erobern, die Lager hätte es nicht gegeben.

Linke und Grüne bei Wiedergutmachung vereint

Was der SPD-Mann Gernot Erler vor nunmehr über fünf (!) Jahren vor dem Bundestag forderte, ist immer noch aktuell. Wie aktuell, wurde auf der 178. Bundestags-Sitzung am 22. Juni 2016 deutlich. Dort stand als 4.Tagesordnungspunkt (TOP 4, 01.05 Stunden) der „75. Jahrestag des Überfalls Deutschlands auf die Sowjetunion“ zur Debatte. Erler hätte seinen Text durchaus noch einmal vortragen können. Denn es hat sich – auf den Kern der Sache bezogen – absolut nichts geändert. Die Grünen-Politiker Marieluise Beck und Volker Beck hatten sich in einem Brief an Bundestagspräsident Lammert (CDU) mit der Forderung gewandt, die Rotarmisten als „Opfer der NS-Rassenpolitik endlich anzuerkennen“. Die Zeit laufe ab, und es „wäre beschämend, würde sich der Deutsche Bundestag weiter verweigern, das schwere Unrecht anzuerkennen“. Andererseits wäre der Sinneswandel ein „starkes Signal von deutscher Seite bei angespannter Lage in Richtung Rußland.“

Russenlager1Gregor Gysi von den Linken erinnerte daran, daß diese Debatte überhaupt erst durch die Initiative der Linkfraktion möglich war (!). Er vermisse „einen würdigen Rahmen des Gedenkens für die Millionen sowjetischer Opfer, ob zivil oder in Uniform“. Zugleich kritisierte er das Treiben der NATO, in deren Auftrag Soldaten der Bundeswehr an die russische Grenze verlegt werden. „Wir wissen doch, daß dieses Säbelrasseln nur zu einem neuen Wetttrüsten in Europa nach Überwindung des kalten Krieges führt, bei dem außer den Rüstungskonzernen niemand gewinnen wird, aber alle verlieren werden.“ Es ist bezeichnend, daß in den jahrelangen Diskussionen – und auch diesmal im Juni 2016 – die Rüstungsindustrie außen vor blieb. Krupp und die IG Farben, um nur zwei Namen zu nennen, waren es doch, deren Panzer Richtung Osten gerollt sind, mit deren Giftgas Zyklon B Tausende und Abertausende in Auschwitz vom Leben zum Tode befördert wurden. Die Rüstungskonzerne moderner Prägung sorgen dafür, daß die rund 3300 Bundeswehrsoldaten zu Auslandseinsätzen kommandiert werden konnten, von Afghanistan über Mali bis zum Mittelmeer.

„Deutschland ist bereits zu führen“, so Verteidigungsministerin von der Leyen in offensichtlicher Negierung tatsächlicher militärischer Hierachie. In Osteuropa, aber auch in anderen Regionen, sind die Deutschen, an der Seite von NATO, USA, Großbritannien und Frankreich, gelegentlich auch ohne UN-Mandat, mit und ohne regionale Krisen omnipräsent. Im gerade erschienenen Weißbuch der Bundeswehr (142 S., Glanzpapier) ist nachzulesen, wie die zukünfige Sicherheitspolitik des Bundesregierung aussieht: Die Kosten für Aus- und Aufrüstung gehen ins Astronomische. Ähnlich sieht es mit dem Waffenexport aus. Der hat sich im Zeitraum eines Jahres auf über sechs Milliarden Euro fast verdoppelt, die BRD steht damit auf Platz 3 in der Welt Setzen wir diese horrenden Positionen wie Summen an Menschen, Material und Maschinen in Vergleich zu den Entschädigungskosten für die sowjetischen Kriegsgefangenen – die sich von Jahr zu Jahr ohnehin verringern, weil es immer weniger potentielle Empfänger gibt – dann wird der doppelte Irrsinn, der in dieser Differenz steckt, augenfällig.

Insofern war das Fest der Linken, am 25. Juni auf dem Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin nicht nur schlechthin eine Gedenkveranstaltung anläßlich des 75. Jahrestages des Überfalls auf die Sowjetunion. Es war eine bunte und berührende Manifestation der Freunde des Friedens und der Freundschaft, zu dessen Gelingen u.a. Christiane Reymann, Ben Becker, Gina Pietsch, Anna Thalbach, Dietmar Bartsch, Dieter Dehm, Wolfgang Gehrke, Hans Modrow, aber auch Bertolt Brecht, Hans Eisler, Ernest Hemingway beitrugen. Den stimmungsvollen Höhe-und Schlußpunkt setzte an diesem Tag der Hans-Eisler-Chor mit der von Jewgeni Jewtuschenko 1961 verfassten Frage an die Welt

Meinst Du, die Russen wollen Krieg?

Befrag die Stille, die da schwieg

im weiten Feld, im Pappelhain,

Befrag die Birken an dem Rain.

Dort wo er liegt in seinem Grab,

den russischen Soldaten frag!

Sein Sohn dir darauf Antwort gibt:

Meinst Du die Russen wollen Krieg ?…

Der Hans-Eisler-Chor vor der Volksbühne mit seiner künstlerischen Mahnung

Nicht wenige der Zuschauer auf dem dicht gefüllten Platz vor der Volksbühne sangen die Strophen an das Gewissen der Welt mit. Es war als ob sie, ohne es zu wissen, den jetzt vielleicht noch knapp 2000 Lager-Überlebenden aus den Ländern der vormaligen Sowjetunion Dank sagen wollten. Von dieser solidarischen Geisteshaltung ist die herrschende politische Klasse in ihrer Mehrheit auch nach der Bundestags-Sitzung Nr. 178 immer noch weit entfernt. Eine Haltung ohne historische Verantwortung. Durch Grenzen bestimmt, die das Schicksal der russischen Zwangsarbeiter auf den Kopf stellt – vom Sieger zum Verlierer der Geschichte. Wie konnte das geschehen? Wer trägt die Schuld? Was bleibt zu tun?

(Der Text ist eine aktualisierte Fassung des Posts „Wer sind wir Deutschen wirklich?“ vom 19. Juli 2011. Die Fotos stammen vom Autor Rudolf Hempel.)

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