Neues Nachdenken über die DDR -– der Film »Die Anfängerin«

(pri) Neu ist das Sujet nun gerade nicht: Midlifecrisis, Probleme im Beruf, Scheitern der Ehe, gestörte Mutter-Tochter-Beziehung. Wen all dies heimsucht, flüchtet ins Traumland, das in der Regel in der Jugendzeit liegt. Auch Annebärbel Buschhaus sucht in der Vergangenheit Trost, als sie noch von einer Karriere als Eisprinzessin träumte. Und sie sieht durch Zufall, dass Eiskunstlaufen nicht nur ein Jugendsport sein kann, sondern auch Älteren Spaß macht. Sie wird noch einmal zur »Anfängerin«, im Spielfilm-Debüt der Regisseurin Alexandra Sell, das unter diesem Titel jetzt in den Kinos läuft.

Ein Film also, der eine Geschichte erzählt, die schon oft so oder so über die Leinwand flimmerte, der auch keine großartigen cineastischen Ansprüche erhebt und ab und an nur mühsam der Gefahr entgeht, ins Sentimentale, gar Rührselige abzugleiten. Und der dennoch mehr ist als eine belanglos-heitere »Coming-of-age-Geschichte« und das hängt mit der Szenerie zusammen, in der er spielt. Schauplatz ist nämlich überwiegend die Eishalle des Sportforums im Ostberliner Stadtbezirk Hohenschönhausen, eine der Geburtsstätten der einstigen Sporttriumphe der DDR. Dies verleiht dem Film eine subtil politische Dimension, auch wenn diese die Regisseurin bei einer Diskussion im Berliner Kino »Toni« in Abrede stellt. Sie wollte zwar durchaus auch etwas über die Menschen im Osten, ihre Denk- und Lebensweise sagen, aber »unpolitisch«, was Annekathrin Bürger, eine der Hauptdarstellerinnen, bei der gleichen Veranstaltung hintersinnig ergänzt: »… unpolitisch im heutigen Sinne«.

Das beginnt schon damit, dass bei den Eislaufszenen aus Annebärbels Jugend an der Bande der Eishalle zwar die Reklame für die SED-Zeitung »Neues Deutschland« prangt, dann aber Gut und Böse in der deutschen Geschichte nicht so selbstverständlich verteilt werden wie gemeinhin: Der Drill der jungen Sportlerinnen und Sportler zu Höchstleistungen wird nicht am Beispiel der DDR abgehandelt, wo es ihn natürlich auch gab, sondern bei der aktuellen Talenteförderung der Bundesrepublik, die darauf ebenfalls nicht verzichten kann oder will. Alexandra Sell durchbricht damit das gängige Muster, allgemein Kritikwürdiges bevorzugt der DDR zuzuschreiben, aus der Gegenwart aber auszublenden. Und mehr noch: Die für die DDR startende Eiskunstlauf-Weltmeisterin des Jahres 1974, Christine Errath, erhält im Film eine wichtige Rolle, was durchaus als Verbeugung vor den oft beargwöhnten sportlichen Leistungen der DDR-Sportler gewertet werden kann.

Wichtiger aber noch als solche Details ist der Grundgestus des Films, den man auch als Plädoyer für den Wert von Gemeinsamkeit verstehen kann. Die Gruppe der Senioren-Eisläufer schließt sich zwar ab gegen den anfangs nassforschen, patzigen Eindringling Annebärbel Buschhaus (Ulrike Krumbiegel), öffnet sich jedoch, als diese ihrer Solidarität bedarf. Und die Nachwuchsläuferin Jolina (Maria Rogozina) findet Erfüllung auch beim Synchronlaufen, als sie an ihre Leistungsgrenzen stößt; wie ein Lob des Kollektivs wirkt die Schlussszene, in der die Gruppe als perfekte Formation über das Eis schwebt.

All dies vor dem Hintergrund einer Gesellschaft, in der Egoismus und persönliche Kälte im Umgang präsent sind. Der Film erinnert unaufdringlich daran, dass es auch eine andere Kultur des Zusammenlebens geben kann und sollte. Dies ausgerechnet in Ostberlin anzusiedeln, korrespondiert mit der wachsenden Tendenz, die bislang verschmähten, gar diffamierten Erfahrungen der DDR endlich einer objektiven Bewertung zu unterwerfen – nicht zuletzt angesichts der immer offenkundigeren Unfähigkeit des Kapitalismus, die durch ihn selbst geschaffenen Probleme zu lösen. Vor allem dies macht »Die Anfängerin« zu einem Film, dessen politische Botschaft nicht zu übersehen ist.

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