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	<title>blogsgesang.de &#187; Geschichtsbuch</title>
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	<description>Blog zu Politik, Zeitgeschichte, Kultur und Welt-Anschauung von Peter Richter (pri) und Rudolf Hempel (rhe)</description>
	<lastBuildDate>Fri, 10 Feb 2012 14:04:37 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Das Buch zur DT-Serie</title>
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		<pubDate>Thu, 09 Feb 2012 18:47:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Rahn</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichtsbuch]]></category>
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		<description><![CDATA[Gregor Gysi: Offene Worte im Dienst der &#246;ffentlichen Meinung &#160; (rhe). Vor knapp neun Jahren begann im Deutschen Theater ein „Sonntags-Experiment“, das sich quasi &#252;ber Nacht zu einem Volltreffer entwickeln sollte.  Im Mittelpunkt dieses Volltreffers steht &#8211; oder besser sitzt bequem - mit Gregor Gysi ein sich hier zur&#252;ckhaltender Zeitgenosse, der sonst nicht nur in seiner [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2 style="text-align: center">Gregor Gysi: Offene Worte im Dienst der &#246;ffentlichen Meinung</h2>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>(rhe). Vor knapp neun Jahren begann im Deutschen Theater ein „Sonntags-Experiment“, das sich quasi &#252;ber Nacht zu einem Volltreffer entwickeln sollte.<span id="more-3745"></span></strong></p>
<p style="text-align: justify"> Im Mittelpunkt dieses Volltreffers steht &#8211; oder besser sitzt bequem - mit Gregor Gysi ein sich hier zur&#252;ckhaltender Zeitgenosse, der sonst nicht nur in seiner Funktion als Bundestagsfraktionschef DIE LINKE von sich Aufsehen macht, sondern auch als willkommener Gast diverser Talk-Show – zu welchem Thema auch immer – f&#252;r Furore sorgt. Und nicht selten wegen seiner originellen und tiefsinnigen, in der Regel zutreffenden Antworten und Einw&#252;rfe nicht nur die politisch links gestrickten Lacher auf seiner Seite hat.</p>
<p style="text-align: justify">Erinnern wir uns: Mit 23 Jahren war der 1948 in Berlin geborene Sohn von Klaus Gysi nach einer Ausbildung als Rinderz&#252;chter und dem Jurastudium an der Humboldt-Uni j&#252;ngster Anwalt der DDR. Er z&#228;hlte zu den Organisatoren der inzwischen legend&#228;ren Kundgebung aus dem Alexanderplatz im November 1989. Dann wurde er wurde zu einem der Protagonisten des politischen Umbruchs in der DDR, um bis heute in unterschiedlichen Positionen die linken Kr&#228;fte nicht nur in den f&#252;nf Neuen L&#228;ndern, sondern bundesweit zu repr&#228;sentieren.</p>
<p style="text-align: justify">Im vergangenen Jahr widmete sich Blogsgesang mit dem Beitrag „<strong>Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand…“ </strong>einer Zwischenbilanz des seit dem Fr&#252;hjahr 2003 im DT sonntags um 11 Uhr vor ausverkauftem Haus (mit zwei Sesseln, zwei Karaffen, zwei Gl&#228;sern, zwei Goldfischen und jeweils zwei hochkar&#228;tigen Zeitgenossen) &#252;ber die B&#252;hne gehenden Spektakels. Deren Sinn und Zweck zum Matinee-Auftakt mit Peter Zadek von DT-Intendant Bernd Wilms kurz und treffen mit dem Verm&#246;gen „&#252;ber den Tellerrand zu blicken&#8221; und den vielf&#228;ltigen weiteren Talenten von Gregor Gysi begr&#252;ndet wurde. Der als begnadeter Selbstdarsteller, Buchautor und Hoffnungstr&#228;ger breiter sozialer Schichten bei vielen „einfachen“ Zeitgenossen anerkannt, bei machen Vertretern der herrschenden politischen Klasse durchaus aber auch gef&#252;rchtet ist.</p>
<p style="text-align: justify">Nicht nur die Berliner Medien widmeten diesem Sonntags-Experiment ausf&#252;hrliche Betrachtungen. Je nach Standort wurde die Befragung prominenter Vertreter aus Kultur und Kunst, Politik und Gesellschaft zu deren Sicht auf ihr eigenes Leben, auf die Zeitl&#228;ufte mit ihren kulturellen und politischen Lichtpunkten, Verwerfungen und Herausforderungen zustimmend oder ablehnend kommentiert. Einer der Autoren beschied dem DT-Experiment nur eine kurze Lebensdauer. Diese Prognose sollte sich aber als fundamentaler Irrtum erweisen.</p>
<p style="text-align: justify"><a href="http://www.blogsgesang.de/2012/02/09/das-buch-zur-dt-serie/namen1-gysi-cover-zeitgenossen/" rel="attachment wp-att-3747"><img class="alignright size-medium wp-image-3747" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2012/02/namen1-gysi-cover-zeitgenossen-186x300.jpg" alt="" width="186" height="300" /></a></p>
<p style="text-align: justify">Denn &#252;ber die Jahre waren mehr als 60 „illustre Leute von Format“ der Einladung ins Deutsche Theater gefolgt. Einer der Kommentare zum seinerzeitigen Blogsgesang-Beitrag, der seine &#220;berschrift &#252;brigens von Landesbischofin und EKD-Ratsvorsitzenden Margot K&#228;&#223;mann entlehnte, (es sei, wenn man Schuld auf sich geladen habe, immer einer da, an den man sich wenden kann: Gott) verwies auf den gut recherchierten &#220;berblick. Er anerkannte Aufwand und Sachkenntnis mit dem der Text verfasst sei. Ende der Durchsage: „W&#252;nschens-wert w&#228;re, die Sonntagsgespr&#228;che im Deutschen Theater  in Buchform zu edieren.“</p>
<p style="text-align: justify">Nat&#252;rlich war es nicht der Wunsch von Blogsgesang-Leser Gert Lange allein, der dazu f&#252;hrte, dass im vergangenen Jahr der Verlag Neues Leben in einer Gemeinschaftsaktion mit dem Deutschen Theater Berlin das Buch „offene worte – gysi trifft zeitgenossen“ auf den Markt brachte. Und zwar exklusiv. Die wohl erfolgreichste und langlebigste Gespr&#228;chsreihe an einem deutschen Theater &#252;berhaupt kann man nicht nachh&#246;ren im Internet, weder im Fernsehen noch im Radio verfolgen.</p>
<p style="text-align: justify">Auf der G&#228;steliste standen Namen wie die von Mario Adorf (Ich habe nie darunter gelitten, die B&#246;sewichter zu spielen), Henry H&#252;bchen (Denken allein reicht nicht aus), Wladimir Kaminer (Wir waren alle Hochstapler) und Inge Keller (Ich bin immer noch ein Gl&#252;ckskind). Namen wie Beate Klarsfeld (Ich wollte ein anderes Deutschland repr&#228;sentieren), Kurt Maetzig (Schluss mit den Kompromissen!), Dieter Mann (Ich lasse mir ungern erkl&#228;ren, wie ich gelebt habe), Hans Meyer (Ich hatte in meinem Beruf noch nie Angst), Armin M&#252;ller- Stahl (Ich wollte nicht mit lauter Verbotsschildern im Kopf durch das Abenteuer Leben gehen) und Peter Scholl-Latour (Ich war nie Pazifist). Au&#223;erdem zu Gast waren Hans-Christian Str&#246;bele (Bis ich in Rente gehe, hat die Revolution gesiegt), Katharina Thalbach (Vielleicht bin ich einfach nur altmodisch), Klaus Wagenbach (…weil ich ein unbelehrbarer Linker bin) und Roger Willemsen (Kultur besteht aus &#220;berforderung).</p>
<p style="text-align: justify">Herausgeberin Birgit Rasch, die die Gespr&#228;chsreihe von Anbeginn leitet, hat mit den gut gew&#228;hlten 14 Kapitel&#252;berschriften dem Leser zugleich  aufschlussreiche Einblicke in die Lebensphilosophie der von Gysi befragten Zeitgenossen vermittelt. Die dann mit dem originellen und sachorientierten Spiel ausgew&#228;hlter Fragen und Antworten eine spezielle Art von gewinnbringender Vertiefung erf&#228;hrt.</p>
<div id="attachment_3748" class="wp-caption aligncenter" style="width: 310px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2012/02/09/das-buch-zur-dt-serie/p1020438/" rel="attachment wp-att-3748"><img class="size-medium wp-image-3748" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2012/02/P1020438-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Sonntag, 11 Uhr: Zwei Zeitgenossen im Deutschen Theater</p></div>
<p style="text-align: justify">Es liegt in der Natur der „Gysi-Dinge“, dass die Hausgabe dieses Buches zugleich auch eine intensive Befragung des Zeitgenossen Gysi nach sich ziehen w&#252;rde. Im Deutschen Theater stellte an einem Sonntag um 11 Uhr Freitag-Verleger Jakob Augstein „locker vom Hocker“ seine Fragen zur Person. Es war wie immer, wenn der hier Befragte selbst fragt, unterhaltsam und der Tiefgang sowohl ins Private wie ins Gesellschaftliche betr&#228;chtlich. Die Wochenzeitung selbst, so Augstein gegen&#252;ber dem Reporter,  hatte nicht die Absicht nachfolgend darauf einzugehen.</p>
<p style="text-align: justify">Sie ver&#246;ffentlichte jedoch Ende Dezember das Interview „…aber nicht ohne die Linke“, in dem sich Gregor Gysi ausf&#252;hrlich &#252;ber die Macht des Zeitgeistes, die Fehler seiner Partei im Westen und die Frage, warum die Gr&#252;nen kein Garant f&#252;r einen politischen Wechsel sind &#228;u&#223;ern konnte. Aufschlussreich folgende Passage. Auf die Frage „Ist die Linkspartei denn nun dem Zeitgeist auf der Spur?“ antwortet Zeitgenosse Gysi: „Das gro&#223;e Verdienst von Oskar Lafontaine war, uns von den rein &#246;stlichen Scheuklappen befreit zu haben. Wenn ich Scheuklappen sage, dann sage ich damit nichts gegen den Osten. Aber ich erreiche den Arbeitnehmer in N&#252;rnberg nun mal nicht mit einer Art westpolnischer Partei. Und f&#252;r so etwas &#196;hnliches hat man im Westen die PDS doch gehalten. F&#252;r die Menschen in der DDR war die BRD niemals wirklich Ausland. Aber die DDR war in der Wahrnehmung vieler Westdeutscher vollkommenes Ausland. Da ist mir aufgefallen, was eine kulturelle Differenz bedeuten kann.“</p>
<h2 style="text-align: center" align="center">Sch&#252;tt contra Gysi bei „nd im Club&#8221;</h2>
<p style="text-align: justify">In der Reihe „nd im Club“ f&#252;hrte Feuilleton Chef Hans-Dieter Sch&#252;tt mit Gregor Gysi seine aufschlussreiche Personaldebatte, die er mit dem Signum „Ich habe vier Leben“ versah, in der es ebenfalls im kulturelle Differenzen ging. Zum Signum: „Ich habe vier Leben! Ich bin Politiker und also in den Medien, ich bin Anwalt, ich habe mein Privatleben und darf viertens Publizist und Moderator sein.“</p>
<div class="mceTemp">
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<div id="attachment_3762" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2012/02/09/das-buch-zur-dt-serie/p1020441-5/" rel="attachment wp-att-3762"><img class="size-medium wp-image-3762" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2012/02/P10204414-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Allseits bekannter Zeitgenosse Gysi signiert, die unbekannten Zeitgenossen sind erfreut</p></div>
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</div>
<p style="text-align: justify">Worum ging es noch? Um die Zeitspanne von 24 Stunden, die Gysi gew&#246;hnlich zur Vorbe-reitung auf ein DT-Ge-spr&#228;ch ben&#246;tigt. Es ging auch um die stummen Fische im DT-Aquarium, um h&#246;rbare Widerreden seiner G&#228;ste, auch um Peter Hacks, dessen Anwalt Gysi war. Eine dere Fragen betraf  die „Lieblingsgeschichte“ von Gysis Vater, dem Kultur- und Kirchen-politiker Klaus Gysi. Schlie&#223;lich durfte die Frage nach der Linkspartei nicht fehlen, &#8220;die zur&#252;ck in die Erfolgsspur“ m&#252;sse: „Die Erfolgsspur besteht darin, nahe bei den B&#252;rgerinnen und B&#252;rgern und ihren Problemen zu sein und dadurch die Akzeptanz zu erh&#246;hen. Wenn wir das nicht leisten, sondern uns &#252;berwiegend mit uns selbst besch&#228;ftigen, dann wenden sich die Leute von uns ab.&#8221;</p>
<p style="text-align: justify">Wenn man Gysi beim Plaudern, dem ab und an auch die originellen Akzente nicht fehlen, zuh&#246;rt, dann  ist schwer vorstellbar, dass dieser Mann  selbst in der Lage ist, l&#228;ngere Zeit still zu sein, wenn eine von ihm befragte prominente Person sonntags im Deutschen Theater seine Mitteilung macht. Aber: der Gastgeber kann auch zuh&#246;ren. Und er kann warten, bis die Zeit f&#252;r (s)eine n&#228;chste Pointe gekommen ist.</p>
<p style="text-align: justify">Braucht ein Linker Staatsr&#228;son, fragt Sch&#252;tt. Darauf Gysi: „In der DDR hatten wir verh&#228;ngnisvoll viel davon. Man sollte dem b&#252;rgerlichen Staat gegen&#252;ber offen sein. Man muss ihn nicht m&#246;gen, aber man sollte daran denken, dass er ein wichtiges Instrument und der Garant der demokratischen Praxis und des politischen Einflusses der B&#252;rger ist. Ich z&#228;hle zu denen, die f&#252;r das Primat der Politik &#252;ber die Finanzwelt und die Wirtschaft k&#228;mpfen. Leider bestimmt Ackermann, was Merkel tut. Ich m&#246;chte es umgekehrt. Vielleicht ist das die wahre Staatsr&#228;son…“ Auf die Anfrage wie er mit der Einsamkeit umgehe, kommt: „Die kenne ich bisher nicht.“ Zusatzfrage: „F&#252;rchten Sie denn die Einsamkeit?“ In der Antwort ist  selbstkritische Distanz un&#252;berh&#246;rbar: „Ein bisschen. Ich m&#246;chte nicht erleben, dass ich mich mit mir langweile. Es ist eine gro&#223;e Kunst, von der &#220;berzeugung abzulassen, die eigene Meinung sei der Welt unbedingt mitzuteilen.“</p>
<div id="attachment_3751" class="wp-caption alignright" style="width: 235px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2012/02/09/das-buch-zur-dt-serie/p1020442-2/" rel="attachment wp-att-3751"><img class="size-medium wp-image-3751" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2012/02/P10204421-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Die DT-Reihe und das Buch: Ein Ende ist noch lange nicht in Sicht...</p></div>
<p style="text-align: justify">Was dem Blogsgesang &#8211; Interessenten sonst noch mitzuteilen ist, findet sich im Vorwort des Buches: „Ein Ende der Veranstaltungsreihe ist noch lange nicht in Sicht&#8221;. Des Gastgebers Neugier sei uners&#228;ttlich, immer wieder f&#228;nden sich faszinierende Zeit-genossen, und das Publikum w&#228;re so treu wie zahlreich. &#8220;Ein Publikum, f&#252;r das der Sonntag mit Gregor Gysi und seinen G&#228;sten immer wieder inspirierend ist.“</p>
<p style="text-align: justify">Die Namen &#8220;faszinierender Zeit-genossen&#8221;  nehmen wahrlich kein En-de. Gerade im DT zu Gast waren der Protestant Friedrich Schorlemmer, der auch „nd im Club“ schon die Ehre gab, und die Kabarett-Ikone Dieter Hildebrandt. F&#252;r den 26. Februar hat sich Countertenor Jochen Kowalski angesagt. Nimmt man allein diese drei Namen: Man darf wohl davon ausgehen, dass die Neuerscheinung, die auch Foto und  Vita der Befragten  enth&#228;lt,  nicht die letzte ihrer Art sein d&#252;rfte. Dar&#252;ber werden sich wieder vor allem jene Kulturinteressenten freuen, die sich vergeblich um eine Karte &#8211; zum Einheitspreis von 10,-Euro &#8211; bem&#252;hten.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Gregor Gysi, Birgit Rasch (Hrsg.): Offene Worte. Gysi trifft Zeitgenossen. Verlag Neues Leben. (Eulenspiegel-Verlagsgruppe Berlin). 240 Seiten, brosch., 17,95 Euro </strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: justify"><em> </em></p>
<p style="text-align: justify"> </p>
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		<title>&#8220;Stell Dir vor es ist Krieg und alle gehen hin&#8230;&#8221;</title>
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		<pubDate>Tue, 24 Jan 2012 20:10:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Rahn</dc:creator>
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		<description><![CDATA[  (rhe) In der Landeshauptstadt Dresden l&#228;dt das neu er&#246;ffnete Milit&#228;rhistorische Museum der Bundeswehr zu einer glanzvollen Begegnung mit 800 Jahren Gewalt und Verderben. Der j&#252;dische Stararchitekt Daniel Libeskind schuf dazu eine umstrittene r&#228;umliche Voraussetzung. Wer  auch Jacques Offenbachs Antikriegssatire „Gro&#223;herzogin von Gerolstein“ in der Dresdner Staatsoperette gesehen hat, denkt &#252;ber Utopien nach, die das 21. Jahrhundert [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="mceTemp"> <strong></strong></div>
<div class="mceTemp"><strong>(rhe) In der Landeshauptstadt Dresden l&#228;dt das neu er&#246;ffnete Milit&#228;rhistorische Museum der Bundeswehr zu einer glanzvollen Begegnung mit 800 Jahren Gewalt und Verderben. Der j&#252;dische Stararchitekt Daniel Libeskind schuf dazu eine umstrittene r&#228;umliche Voraussetzung. Wer  auch Jacques Offenbachs Antikriegssatire „Gro&#223;herzogin von Gerolstein“ in der Dresdner Staatsoperette gesehen hat, denkt &#252;ber Utopien nach, die das 21. Jahrhundert aber nicht  bieten kann.</strong> <span id="more-3654"></span></div>
<p style="text-align: justify;">Nach sieben Jahren Bauzeit wurde im vergangenen Herbst mit einem ministeriellen Festakt das Milit&#228;rhistorische Museum der Bundeswehr er&#246;ffnet. Als die schon im Vorfeld von den Medien reichlich gew&#252;rdigte Schau f&#252;rs Publikum seine Pforten auftat, standen die Besucher Schlange. Die Mehrzahl von ihnen gewiss nicht nur, weil die Besichtigung von 800 Jahren Gewalt und Verderben vorerst nichts kostet.</p>
<p style="text-align: justify;"><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/58eb69bd221647c7956bd597fe964b19" alt="" width="1" height="1" />F&#252;r ein Dutzend Journalisten aus Spanien, Frankreich, Tschechien, Italien und Deutschland boten die in f&#252;nf Etagen auf 19000 Quadratmetern platzierten 10500 Exponate gen&#252;gend Stoff f&#252;r Recherche und Urteil. Auch sie sind in die 210 000 Besucher einzurechnen, die bis zum Jahresende der neuen Dresdner Attraktion ihre Aufwartung machten.</p>
<div class="mceTemp">
<div id="attachment_3671" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2012/01/24/stell-dir-vor-es-ist-krieg-und-alle-gehen-hin/foto-presseteam-dresden-6/" rel="attachment wp-att-3671"><img class="size-medium wp-image-3671" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2012/01/foto-presseteam-dresden5-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" /></a><p class="wp-caption-text">Der &quot;Libeskind-Keil&quot; scheidet die Geister, auch die der Journalisten</p></div>
</div>
<p style="text-align: justify;">Man konnte gespannt sein, ob und wenn ja wie die Internetofferten des Veranstalters Bundes-wehr zu einem der gr&#246;&#223;-ten und modernsten mili-t&#228;rhistorischen Museen Europas zu verstehen sind. Zu einem Komplex, dessen Vorl&#228;ufer von 1972 bis zur Wende das Armeemuseum der DDR mit der Geschichte der NVA und dem ihrer B&#252;ndnispartner war.</p>
<p style="text-align: center;" align="center"><strong>Im Mittelpunkt stirbt der Mensch</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Informativ, multiperspektivisch, kritisch modern, forschungsaktuell wolle sich das brandneue  Angebot pr&#228;sentieren, mit dem ohne Pathos eine kritische Auseinandersetzung angestrebt werde. Im Mittelpunkt der Dauerausstellung stehe der Mensch „mit all seinen &#196;ngsten, Hoffnungen, Leidenschaften, Erinnerungen, Trieben, mit Mut, Vernunft und Aggressionsbereitschaft.“ Sie zeige Bausteine der Kulturgeschichte von Gewalt und Verderben, dessen Wesen und Ursache. Milit&#228;r solle nicht nur als Institution, sondern auch als Faktor wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, kulturellen und gesamt&#246;ffentlichen Lebens verstanden werden. Verteidigungsminister Thomas de Maizière: „Die Neukonzeption des neuen Museums bietet ungewohnte Lesarten der Milit&#228;rge-schichte.“ Es provoziere und sei &#8211; im besten Sinne &#8211; anst&#246;&#223;ig.</p>
<p style="text-align: justify;">Im medialen Schatten, der &#252;ber das nach einem Entwurf von Libeskind mit einem Kostenaufwand von 62,5 Millionen Euro um einen Neubau – „den Keil“ &#8211; erweiterte historische Arsenalgeb&#228;ude von 1877 am Olbrichtplatz fiel, finden sich mehr Fragen als Antworten zum Thema Krieg, Gewalt und die Deutschen. Die v&#246;llig neu konzipierte Ausstellung zu 800 Jahren deutscher Milit&#228;rgeschichte erf&#228;hrt oft wohlwollende Zustimmung, einzeln die kritische Analyse, hin und wider auch konstruktive Vorschl&#228;ge. F&#252;r manche Autoren ist die mit dem Angebot verbundene Zumutung unerkl&#228;rbar. Nicht wenige Besucher halten im G&#228;stebuch offensichtliche, aber behebbare M&#228;ngel in der Pr&#228;sentation fest. Einzelne lehnen – hoch emotionalisiert &#8211; die Schau demonstrativ als unzumutbar ab: „Schade um das viele Geld!“</p>
<p style="text-align: justify;">Dem „braunen Geist“ widmet sich der Leserbrief in einem hauptst&#228;dtischen Blatt. Man k&#246;nne sich in der neuen Ausstellung an Hakenkreuzen satt sehen. „Selbst die in feudaler Manier geschaffenen &#214;lgem&#228;lde eitler Selbstdarstellung der nazistischen Wehrmachtsgr&#246;&#223;en wurden vom M&#252;llplatz der Geschichte geholt…&#8221; Die Beitr&#228;ge des Literaten Kurt Tucholsky zum deutschen Militarismus habe er dort vergebens gesucht, was bei dem Hauptgeldgeber dieser „Histroy Show“, der Bundeswehr, auch nicht verwundern k&#246;nne. „Wer auf der Suche nach dem braunen Geist in der deutschen Gesellschaft ist, wird hier gewiss f&#252;ndig“.</p>
<p style="text-align: center;" align="center"><strong>Krieg und Gewalt als Touristenmagnet ? </strong></p>
<p style="text-align: justify;">Keine Frage – der  Reporter hat solche Stimmen ernst zu nehmen. F&#252;r ihn ist  die von sachkundigen „G&#228;stef&#252;hrern“ begleitete informative Visite allerdings auch mit hohem Erkenntnisgewinn verbunden: direkte Konfrontation mit einem schwer erkl&#228;rbaren negativen Ph&#228;nomen der Menschheitsgeschichte.</p>
<p style="text-align: justify;">Das konzeptionelle Anliegen der  Macher vom milit&#228;rischen Dienst wird durch die von ihnen gew&#228;hlten unterschiedlichen Rezeptionsvarianten &#8211; thematischer Querschnitt, chronologischer Rundgang -  Herausforderung, Zumutung und Provokation zugleich.  Wie Krieg in unterschiedlichen Erscheinungsformen funktionieren kann, zeigen pomp&#246;se Schlachtengem&#228;lde, Bilder von zerst&#246;rten St&#228;dten und Zivilisten,  letzte Briefe  sterbender Soldaten. Memoiren fragw&#252;rdiger Kriegshelden, aufhellende Dokumente zur Produktion von Waffen.  Auch Minipanzer f&#252;r Jugendliche und Kriegsspielzeug f&#252;r Kinder werden vorgef&#252;hrt. Verblassen die Schrecken des realen Krieges nicht hinter einer zu gro&#223;en Zahl gl&#228;nzend aufpolierter Exponate?</p>
<p style="text-align: justify;">Wohin der Krieg die Menschheit f&#252;hrt und wer die Opfer sind, dar&#252;ber wird also in Dresden Mitteilung gemacht. Wer aber sind die wirklichen T&#228;ter? Wer braucht den Krieg? F&#252;r welchen Zweck?  Die Frage aller Fragen: Wer waren &#252;ber acht  Jahrhunderte  die &#8220;Kriegsgewinnler&#8221; und wer sind heute die wirklichen Profiteure? Besteht Aussicht  auf dauerhaften Frieden?</p>
<p style="text-align: justify;">Ob sich die Mehrheit von Besuchern dieser heiligen Hallen des Krieges solche Fragen stellt, bleibt nur zu hoffen. Da die Materie schwierig und die Zusammenh&#228;nge oft kompliziert sind, gibt es, wie Presseoffizier Major Alexander Georgi gegen&#252;ber Blogsgesang erkl&#228;rt, bis dato mehr als 750 G&#228;stef&#252;hrungen &#8211; Schulklassen, Soldaten, Vereine, Brigaden, Familien – „die Dialog f&#246;rdernd Zusammenh&#228;nge und Hintergr&#252;nde sichtbar machen sollen“. Au&#223;erdem w&#228;ren Sonderausstellungen geplant. Beispielsweise im Februar zur Kriegsfotografie von James Nachtway. Der so ber&#252;hmt wie umstrittene hoch dekorierte Amerikaner wurde gerade bei einem Einsatz f&#252;r das US-Magazin „Time“ im Irak schwer verletzt.</p>
<p style="text-align: justify;">Im Dezember  soll  der 70. Jahrestag der Stalingrader Schlacht  ins Programm. Um ein Ereignis zu w&#252;rdigen, das dem Verlauf des Zweiten Weltkrieges eine entscheidende Wende gab. Hitler &#8211; dessen Machwerk und &#8220;Vorbote&#8221; des Krieges „Mein Kampf“ in diesen Tagen auszugsweise und kommentiert auf den Markt profitorientierter Eitelkeiten kommt – hatte dazu mit „Barbarossa“ (s)einen Plan geliefert. Eine „Erf&#252;llung“ war von der Geschichte nicht vorgesehen. &#220;ber den Dresdener „Anteil“ an den &#252;ber 50 Millionen Toten gibt die Ausstellung Auskunft.</p>
<p style="text-align: center;" align="center"><strong>Das Gewehr, aus dem kein Schuss f&#228;llt</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Eine Antwort anderer Art auf die existentielle Frage Krieg oder Frieden hat Jacques Offenbach mit seiner „Gro&#223;herzogin von Gerolstein“ gegeben. Der Sensationserfolg der Pariser Weltausstellung von 1867 handelt von einem Krieg, der am Ende gar nicht stattfindet. Im Mittelpunkt steht Grenadier Fritz, der in den drei Opèra-bouffe-Akten von der Gro&#223;herzogin binnen kurzer Zeit vom einfachen Soldaten zum General und, weil er ihren mannstollen Avancen nicht folgen will, wieder zur&#252;ck bef&#246;rdert wird.</p>
<div id="attachment_3656" class="wp-caption alignleft" style="width: 288px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2012/01/24/stell-dir-vor-es-ist-krieg-und-alle-gehen-hin/foto-grosherzogin-von-gerolstein/" rel="attachment wp-att-3656"><img class="size-medium wp-image-3656" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2012/01/foto-gro&#223;herzogin-von-gerolstein-278x300.jpg" alt="" width="278" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Das unsterbliche Duo: Gro&#223;herzogin von Gerolstein und Grenadier Fritz</p></div>
<p style="text-align: justify;">Mit der turbulenten Hand-lung verbunden sind ein B&#252;ndel von Anspielungen. Auf die russische Zarin Katharina II., auch auf die verderbliche Expansions-politik Preu&#223;ens, das seiner Zeit gerade dabei ist, die Verh&#228;ltnisse in Europa per Krieg und Gewalt neu zu ordnen.</p>
<p style="text-align: justify;">Die paradoxerweise an der Front spielende Dresdner Inszenierung stellt in Rech-nung, dass absehbar der – nun modernisierte &#8211; Krieg auch im 21. Jahrhundert rund um den Erdball als Mittel der Politik zum Zwecke von Machterhalt und Machtgewinn weiterhin seine verdammenswerte unheilvolle Rolle spielt. Insofern wird  dem Besucher hier – Rakete und Flugzeug fehlen nicht! &#8211; konsequent ein Panoptikum aller Kriege der Weltgeschichte, auch der zuk&#252;nftigen, eindrucksvoll in Szene gesetzt. Ungeachtet dessen aber bleibt ein Krieg, der – aus welchen dubiosen Gr&#252;nden auch immer &#8211; nicht stattfindet, weiterhin eine begr&#252;&#223;enswerte Utopie. Die Hoffnung darauf stirbt zuletzt.</p>
<p style="text-align: center;" align="center"><strong>Sch&#246;nste Frau, sch&#246;nster Milchladen</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Hoffnung auf  Frieden kommt auf  bei der Besichtigung von Raffaels Sixtinischer Madonna mit dem Jesuskind im Arm.  Die Galerie Alte Meister folgt dem  Besuch von Milit&#228;rmuseum und Staatsoperette.  Von diesem weltbe-r&#252;hmte Meisterwerk der italienischen Renaissancesollen  sollen Goethe, Ibsen und Hebbel „verz&#252;ckt“, Dostojewski dagegen eher „entt&#228;uscht“ gewesen sei. Der Reporter steht, inmitten von Touristen aus Japan und Russland, in stiller Andacht vor diesem Werk.</p>
<div id="attachment_3664" class="wp-caption alignright" style="width: 230px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2012/01/24/stell-dir-vor-es-ist-krieg-und-alle-gehen-hin/blog12-foto-sixtinsiche-madonna-2/" rel="attachment wp-att-3664"><img class="size-medium wp-image-3664" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2012/01/blog12-foto-Sixtinsiche-Madonna1-220x300.jpg" alt="" width="220" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Raffaels Sixtinische Madonna: ein italienisches Meisterwerk seit 250 Jahren zu Gast in Dresden</p></div>
<p style="text-align: justify;">Welchselbiges eine gro&#223;e Sonder-ausstellung mit insgesamt rund 140 Objekten kr&#246;nen soll.  Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden feiern vom 26. Mai bis 26. August Raffaels Kultbild unter dem Titel „Die sch&#246;nste Frau der Welt wird 500“.</p>
<h3 style="text-align: center;">***</h3>
<div class="mceTemp" style="text-align: justify;">Nicht ganz so spektakul&#228;r, daf&#252;r aber im Guinness-Buch der Rekorde ge-f&#252;hrt, ist der „sch&#246;nste Milchladen der Welt“. Im Molkereiladen der Gebr&#252;der Pfund gibt eine Urkunde Auskunft &#252;ber  den „Rekord sch&#246;nster Milch-laden der Welt, ausgestattet mit 247,90 Quadratmetern handbemalter Fliesen“. Davon erfahren  die von Dresden Marketing vorz&#252;glich betreu-ten und gef&#252;hrten Journalisten auf der mit 22 Haltestellen ausgewiesenen Sightseeing Bustour. Vom Wei&#223;en Hirsch herkommend, in dem Uwe Tellkamps bei Suhrkamp erschienene 1000-Seiten-Familiensaga „Der Turm“ ma&#223;geblich spielt. Eine brisante Passage darin ist  in den achtziger Jahren bei der NVA angesiedelt. Die ausgediente  Armee hat jetzt im neuen Milit&#228;rmuseum der Bundeswehr ihren historischen Platz…</div>
<p style="text-align: justify;">
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		</item>
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		<title>Das &#8220;Gr&#252;ne Band&#8221; und seine Perlen lassen nochmals gr&#252;&#223;en&#8230;</title>
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		<pubDate>Tue, 24 Jan 2012 13:19:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Rahn</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichtsbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Kulturbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Bad Rodach]]></category>
		<category><![CDATA[deutsch-deutsche Grenze]]></category>
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		<category><![CDATA[Zweiländermuseum Rodachtal]]></category>

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		<description><![CDATA[Im fr&#228;nkischen Bad Rodach ticken seit &#252;ber zwei Jahrzehnten die Uh­ren wieder einheitlich. Nachtw&#228;chter verk&#252;nden dem Gast die alte und neue Zeit mit ihren oft gar erschr&#246;cklichen Begebenheiten. An der einst deutsch-deutschen Grenze wird sichtbar, wie aktuell regionale Geschichte sein kann. Zu der auch die Stadt Coburg mit ihrer Veste z&#228;hlt. Report von Rudolf Hempel [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Im fr&#228;nkischen Bad Rodach ticken seit &#252;ber zwei Jahrzehnten die Uh­ren wieder einheitlich. Nachtw&#228;chter verk&#252;nden dem Gast die alte und neue Zeit mit ihren oft gar erschr&#246;cklichen Begebenheiten. An der einst deutsch-deutschen Grenze wird sichtbar, wie aktuell regionale Geschichte sein kann. Zu der auch die Stadt Coburg mit ihrer Veste z&#228;hlt.</strong></p>
<p align="center"><strong>Report von Rudolf Hempel aus einer Region mit Vergangenheit und Zukunft – 2. Teil</strong><span id="more-3589"></span></p>
<p style="text-align: justify;">Im vergangenen August erhielt der Blogsgesang-Leser die unter Geschichts­buch/Kulturbuch ver&#246;ffentlichte ganz und gar verwunderliche und bemer-kenswerte Kunde von einer <a href="http://www.blogsgesang.de/2011/08/26/das-grune-band-und-seine-perlen-lassen-grusen/" target="_blank">Reise erlebnisorientierter Berliner Journalisten ins fr&#228;nkischen Bad Rodach</a>. Zu einem Ort jenseits der th&#252;ringischen Grenze, von dem w&#228;hrend der deutschen Teilung die son­derbare Rede ging „Im Norden, Westen und S&#252;den war Osten, nur im Osten war Westen“.</p>
<p style="text-align: justify;"><img src="http://vg02.met.vgwort.de/na/0e070a06d9a148c6913c2c6f65212f23" alt="" width="1" height="1" />Fachwerkromantik, Kurklinik und Thermalbad, ein sch&#246;n aufpolierter Marktplatz mit inhalts­reichem Heimatmuseum, der Runde Turm und die Nachw&#228;chter, eine Waldb&#252;hne in Heldritt, Hotels und Restaurants. Von vielerlei Begegnungen mit gastfreundlichen Menschen, die die­ser Region ihre personelle Pr&#228;gung geben, war des Berichtes erster Teil.</p>
<div class="mceTemp">
<div id="attachment_3601" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2012/01/24/das-grune-band-uns-seine-perlen-lassen-nochmals-grusen/p1020236-2/" rel="attachment wp-att-3601"><img class="size-medium wp-image-3601" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2012/01/P10202361-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Mit Borderland Tours an die Grenze: &quot;Raus aus dem Alltag - rauf auf die Maschine&quot;</p></div>
</div>
<p style="text-align: justify;">Dem nun ein zweiter folgt, der auf seine Weise einen Hinweis vermittelt auch auf die 230 000 j&#228;hrlichen G&#228;ste&#252;ber- nachtungen. Und der uns dorthin f&#252;hren soll, wo die Geschichte einer Region in Franken und Th&#252;ringen sichtbar wird, die 40 Jahre lang geteilt war. „Bad Rodach &#8211; da leb ich gern!“ &#8211; dieser Wegweiser f&#252;hrt in einer sanften, h&#252;geligen Land-schaft zum Zwei­l&#228;ndermuseum Rodach-tal. Dorthin kann man auf vielerlei Art und Weise gelangen. Tou­risten aus ferner Gegend benutzen gern den eigenen PKW, Wanderfreunde gehen auf „Grenz­g&#228;n­gertour“, andere Besucher nehmen das Fahrrad. Es ist aber auch denkbar, sich mit „Border­land Tours“ in eine Region zu begeben, in der sich die Natur – aus Teilungsgr&#252;nden &#8211; lange Zeit weitgehend unber&#252;hrt entwickeln konnte.</p>
<div id="attachment_3592" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2012/01/24/das-grune-band-uns-seine-perlen-lassen-nochmals-grusen/p1020179/" rel="attachment wp-att-3592"><img class="size-medium wp-image-3592" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2012/01/P1020179-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Museum als St&#228;tte der Besinnung</p></div>
<p style="text-align: justify;">Der Rundgang durch die im l&#228;ndlichen Fachwerk errichtete Gedenkst&#228;tte zeigt dem Besucher eine auch in seinem geogra-fischen Bezug darge-stellte Region um das Jahr 1900. Dem gesell­schaftliche, politische, technische und wirt-schaftliche Umw&#228;lzungen bis ins 21. Jahrhundert folgen. Im Zentrum bleibt dabei immer das Erlebnis der Menschen in ihren D&#246;r­fern und kleinen St&#228;dten. Am Beispiel von Fotos, Dokumenten, Bildern, Landkarten und di­versen Unikaten wird sichtbar, wie es im Kaiserreich mit Kindheit und Bildung bestellt war, welche technischen Aspekte den Ersten Weltkrieg begleiteten, wie das „gew&#246;hnliche Volk“ in der Weimarer Republik und im Dritten Reich lebte.</p>
<div class="mceTemp">
<div id="attachment_3621" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2012/01/24/das-grune-band-uns-seine-perlen-lassen-nochmals-grusen/p1020178-4/" rel="attachment wp-att-3621"><img class="size-medium wp-image-3621" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2012/01/P10201783-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Blick auf eine brisante fr&#228;nkische Region</p></div>
</div>
<p style="text-align: justify;">Auf die Planwirtschaft sollte die Markt­wirt­schaft folgen. Mit dieser historischen Logik kommen auch die Friedliche Revolution und die Grenz&#246;ffnung 1989 ins Blickfeld. Ein Foto zeigt Demon-stranten mit einem selbstgebauten Holz-plakat: „Holzhausen liegt am Arsch der Welt, nun wird es Zeit, das die Grenze f&#228;llt!“</p>
<div class="mceTemp" style="text-align: justify;">Wessen Bedarf nach spannungsgeladener Re-gionalgeschichte mit dem Besuch des Muse-ums noch nicht gedeckt ist, kann sich auf die Au&#223;enroute des Zweil-&#228;ndermuseums begeben. Elf Stationen zeigen unterschiedliche Aspekte des Lebens im Sperr-gebiet, vom Aufbau der Grenzanlagen und der Aktion „Ungeziefer“ im Jahre 1952. Auf einer Tafel steht: <strong>„<em>Wanderer, der Du vor&#252;ber gehst, verweile. Gedenke der j&#252;ngsten deutschen Geschichte. / Hier stand seit 1340 das Dorf Billmuthausen – 1978 zerst&#246;rt, seine Einwohner vertrieben“. </em></strong></div>
<p style="text-align: justify;">Ein Gedenkstein zeigt das Foto mit der Bildunterschrift<em>: <strong>Fr&#252;herer Standort der Kirche – Abriss Januar 1965. </strong></em></p>
<p style="text-align: justify;">Dann auf dem Friedhof die Begegnung mit einem &#228;lteren Ehepaar. Angereist von weiter her, pflegen sie das Grab eines entfernten Verwandten. Das Gespr&#228;ch macht unsichtbar sichtbar, dass und wie die Geschichte der Deutschen mitten durch die Familien gegangen ist. Bei Adel­hausen &#252;berquert der Besucher erneut das Gr&#252;ne Band und somit eine der ersten Grenz&#252;ber­g&#228;nge der Region: Hier wurde am 18. November 1989 die alte Verbindungsstra&#223;e zwischen Hildburghausen und Coburg wieder ge&#246;ffnet.</p>
<p style="text-align: justify;">Tafel, Gedenkstein, Zufallsbegegnung und Grenz&#252;bergang r&#252;hren den Besucher an Herz, Gem&#252;t und Gewissen, aber auch an das Verst&#228;ndnis von der Geschichte seines Volkes. An der er – auf die eine oder andere Weise – direkt oder auch nur mittelbar beteiligt gewesen ist</p>
<div class="mceTemp mceIEcenter">
<div id="attachment_3606" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2012/01/24/das-grune-band-uns-seine-perlen-lassen-nochmals-grusen/p1020221-2/" rel="attachment wp-att-3606"><img class="size-medium wp-image-3606" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2012/01/P10202211-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" /></a><p class="wp-caption-text">Das Modell der Veste in der Veste Coburg</p></div>
</div>
<p style="text-align: justify;">Geschichte in reich-lichem Ma&#223;e begegnet den Journalisten aus Berlin auch in Coburg. Nur 17 Kilometer betr&#228;gt die Entfernung von Bad Rodach in die Residenz-stadt des einsti-gen Her­zogtums Sachsen-Coburg und Gotha, die mit einer geschickten Heirats-politik die Herrscher­h&#228;uer Europas eroberte. Als die ber&#252;hmteste Hochzeit gilt die zwischen Queen Victoria von Gro&#223;britannien und Prinz Albert von Sachsen-Coburg geschlossene. Im &#220;brigen spiegeln die Herzogschl&#246;sser Veste Coburg, Ehrenburg, Callenberg und Rosenau die Geschichte mit einer Vielzahl attraktiver Sachzeugen und Dokumente eindrucksvoll wider.</p>
<div id="attachment_3596" class="wp-caption alignleft" style="width: 235px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2012/01/24/das-grune-band-uns-seine-perlen-lassen-nochmals-grusen/p1020229-2/" rel="attachment wp-att-3596"><img class="size-medium wp-image-3596" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2012/01/P10202291-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Mit der Bimmelbahn durch die Stadt zur Burg</p></div>
<p style="text-align: justify;">Mit ihren Geb&#228;uden, T&#252;rmen, Wehrmauern und Bastionen z&#228;hlt Insonderheit die Veste Co­burg zu den gr&#246;&#223;ten Burganlagen Deutschlands. Martin Luther fand hier fast ein halbes Jahr Zuflucht. Allhier arbeitete er an der &#220;bersetzung von Teilen der Bibel, verfasst Bekennt-nisse und Streitschriften. Nat&#252;rlich hat er auch gepredigt – &#252;ber die Osterfeiertage des Jahres 1530 in der Kirche St. Moritz.</p>
<p style="text-align: justify;">Vom Walzerk&#246;nig Johann Strauss geht die M&#228;r, er sei aus Liebe Coburger B&#252;rger geworden. Bedeu-tende Kunstsammlungen &#8211; Gem&#228;lde, Kupferstiche, Waffen, R&#252;stungen, Kutschen. Pup­pen und Spielzeug – ziehen die Besucher an. Das Weihnachtsmuseum und das Europ&#228;ische Museum f&#252;r Modernes Glas nicht zu vergessen. Zu Kriegsende hatte es gegen die Veste Ar­tilleriebeschuss und nachfolgend schwere Bau- und Sachsch&#228;den gegeben. Schon ab 1946 begannen die Instandsetzungs- Restaurierungs- und Konservierungsarbeiten unter Leitung der Bayerischen Verwaltung der staatlichen Schl&#246;sser, G&#228;rten und Seen.</p>
<div id="attachment_3597" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2012/01/24/das-grune-band-uns-seine-perlen-lassen-nochmals-grusen/p1020202/" rel="attachment wp-att-3597"><img class="size-medium wp-image-3597" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2012/01/P1020202-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" /></a><p class="wp-caption-text">Der Markt - Zentrum einer fr&#228;nkischen Metropole</p></div>
<p style="text-align: justify;">Das ganze Jahr &#252;ber macht der Coburger Markt mit seiner Vielzahl von St&#228;nden von sich re­den. Hier werden nicht nur in H&#252;lle und F&#252;lle Obst, Gem&#252;se, Pflanzen und sch&#246;ne Blumen, sondern beispielsweise auch die vorz&#252;gliche fr&#228;nkische Bratwurst angeboten. Als Events der besonderen Art gelten Klo&#223;markt, Zwie-belmarkt, Martinimarkt und Weihnachtsmarkt, nicht zu vergessen die Museumsnacht im Mai. Feste sind dem Fr&#252;hling, den Puppen, dem Vogel­schie&#223;en oder auch der Samba gewidmet &#8211; jeweils im Juli ziehen die T&#228;nze ihr Publikum aus aller Welt in ihren Bann.</p>
<h2 style="text-align: center;" align="center">Die „andere Seite“ von Coburg</h2>
<p style="text-align: justify;">Zur „positiven“ Geschichte Coburgs, &#252;ber die ein Anzahl qualifizierter G&#228;stef&#252;hrer rund um das Jahr Auskunft geben, geh&#246;ren zweifellos all die gl&#228;nzenden Zeugnisse herzoglicher Exis­tenzen, von der auch das eine oder andere Denkmal an zentraler Stelle des Ortes Auskunft gibt.</p>
<div id="attachment_3598" class="wp-caption alignleft" style="width: 218px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2012/01/24/das-grune-band-uns-seine-perlen-lassen-nochmals-grusen/foto-coburg-grunes-band/" rel="attachment wp-att-3598"><img class="size-medium wp-image-3598" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2012/01/foto-coburg-gr&#252;nes-band-208x300.jpg" alt="" width="208" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Ehrung f&#252;r Georg Hansen in Coburg</p></div>
<p style="text-align: justify;">In der &#246;ffentlichen Wahrnehmung weniger beachtet ist ein anderes historische Faktum. In der oberfr&#228;nkischen Stadt stellten die Nazis schon 1929 (!) reichsweit den ersten B&#252;rgermeister und die Mehrheit im Stadtrat. Auf diesen alles andere als r&#252;hmenswerten Umstand macht der Beitrag „Stolz und Wut auf einen Helden“ aufmerksam, ver&#246;ffentlicht am 21. Juli 2011 im Neuen Deutschland. Darin geht es um das schwer ertragbare Erbe von Frauke Hansen als Tochter eines im Zusammenhang mit dem Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 hingerichteten Oberst Hansen.</p>
<p style="text-align: justify;">In diesem Kontext ergibt sich zum Zeitpunkt der Ver&#246;ffentlichung die Frage, ob reicht, was die Stadt Coburg (Ausstellung in der Stadtbibliothek 2010, Stolperstein) unternimmt, um den heimischen Widerstandsk&#228;mpfer zu ehren. Vielleicht tragen die langj&#228;hrigen Nachforschun­gen der Historikerin Franziska Bartl eines Tages dazu bei, „dass es in Coburg doch noch eine Hansen-Stra&#223;e gibt.“ Darauf k&#246;nnten dann die Stadtf&#252;hrer ebenfalls Bezug nehmen.</p>
<p style="text-align: justify;">Auch in diesem „Fall“ geht es also, &#228;hnlich wie im Zweil&#228;ndermuseum Rodachtal, um deut­sche Geschichte und ihre Aktualit&#228;t. Eine Herausforderung auf andere Art nicht geringer.</p>
<p style="text-align: center;">+++</p>
<p style="text-align: justify;">Wem diese Erinnerungen an den Besuch in der fr&#228;nkischen Region nicht ausreichen, der m&#246;ge einen Blick auf das <a href="http://coburg-tourist.de/reiseblog/das-rodachtal/" target="_blank">Reiseblog von f&#252;nf Studierenden der European School of Design</a> aus Frankfurt werfen, die sich f&#252;r einige Tage aufgemacht hatten, die th&#252;ringisch-bayerische Grenzregion und das gesamte Rodachtal zu erkunden und Ihre Eindr&#252;cke und Erlebnisse festzuhalten &#8211; oder  sich vertrauensvoll direkt an eine dort zust&#228;ndige Person wenden. Sie hat ma&#223;geblich zum Erfolg dieser hier nur in Umrissen beschriebenen Exkursion in ein „unbekanntes Gebiet“ beigetragen, das dem Reporter nun um vieles n&#228;her ist: Gabriele Lippmann ThermeNatur, Thermalbadstra&#223;e 18, 96476 Bad Rodach, Tel./Fax: 095649232-20/12; Mobil 0151-12147689. <a href="&#109;&#97;&#105;&#108;&#116;&#111;&#58;&#103;&#97;&#98;&#114;&#105;&#101;&#108;&#101;&#46;&#108;&#105;&#112;&#112;&#109;&#97;&#110;&#110;&#64;&#98;&#97;&#100;&#45;&#114;&#111;&#100;&#97;&#99;&#104;&#46;&#100;&#101;">&#103;&#97;&#98;&#114;&#105;&#101;&#108;&#101;&#46;&#108;&#105;&#112;&#112;&#109;&#97;&#110;&#110;&#64;&#98;&#97;&#100;&#45;&#114;&#111;&#100;&#97;&#99;&#104;&#46;&#100;&#101;</a>. Jeder Besucher ist ihr herzlich willkommen…</p>
<p style="text-align: justify;">
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		<item>
		<title>Der Ritt in die falsche Richtung                        &#8211;               Zum 300. Geburtstag von Preu&#223;enk&#246;nig Friedrich II.</title>
		<link>http://www.blogsgesang.de/2012/01/18/der-ritt-in-die-falsche-richtung/</link>
		<comments>http://www.blogsgesang.de/2012/01/18/der-ritt-in-die-falsche-richtung/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 18 Jan 2012 10:30:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Rahn</dc:creator>
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		<description><![CDATA[(rhe) Hans Bentzien, Kulturminister in der DDR, erinnert sich an eine Odyssee des bronzenen Reiterdenkmals „Alter Fritz“. Welches Honecker 1980 wieder in Berlin Unter den Linden aufstellen lie&#223;, nachdem es vorher in Potsdam nur mit M&#252;he, Not und einiger List vor dem Einschmelzen bewahrt werden konnte. *** Prolog *** Das Jubil&#228;um  Friedrich des Gro&#223;en am 24. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3 style="text-align: center;"><span style="color: #888888;"><em>(rhe) Hans Bentzien, Kulturminister in der DDR, erinnert sich an eine Odyssee des bronzenen Reiterdenkmals „Alter Fritz“. Welches Honecker 1980 wieder in Berlin Unter den Linden aufstellen lie&#223;, nachdem es vorher in Potsdam nur mit M&#252;he, Not und einiger List vor dem Einschmelzen </em></span><span style="color: #888888;"><em>bewahrt werden konnte</em>.<span id="more-3519"></span></span></h3>
<h2 style="text-align: center;">*** Prolog ***</h2>
<p style="text-align: justify;"><img src="http://vg02.met.vgwort.de/na/819d109fc0184590bfc7c1d3e66787cd" alt="" width="1" height="1" />Das Jubil&#228;um  Friedrich des Gro&#223;en am 24. Januar ist gegenw&#228;rtig in aller Munde. Das Ereignis droht sogar die von der Zeitung mit den VIER Buchstaben losgetretene „Causa Wulff“, eine euphorisch-verlogene mediale Selbstdarstellungskampagne um seinen be­dau­ernswerten „Nachfolger im Amt“, in den Schatten zu stellen. Der umstritten gefeierte Preu­&#223;enk&#246;nig wird in Berlin und Brandenburg mit einem von &#252;berschw&#228;nglicher Verehrung wie gleichzeitiger Distanzlosigkeit gepr&#228;gten Veranstaltungsmarathon gew&#252;rdigt. F&#252;r bundes­weite Aufmerksamkeit sorgen die Medien mit Filmen, Essays, historischen Beitr&#228;gen Aus­stellungsreports und Interviews. Das Ge­spr&#228;ch „Der Ritt in die falsche Richtung“ &#252;ber die Rettung des Bronzedenkmals, das der Au­tor vor &#252;ber zwei Jahrzehnten mit Hans Bentzien f&#252;hrte – dieser war von 1961 bis 1965 DDR-Kulturminister &#8211; hat bei all dem an historischer Aktualit&#228;t kaum verloren.</p>
<p style="text-align: justify;" align="center">Am Jubil&#228;umstag gibt es einen Festakt der L&#228;nder Berlin und Brandenburg im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt, Schinkels Meisterwerk des preu&#223;ischen Klassizismus. Ob dort Bundes­pr&#228;sident Wulff wirklich als Gru&#223;wortredner auftreten wird, scheint bis dato zumindest frag­lich. Auch an der Ruhest&#228;tte in Sanssouci soll es eine Gedenkzeremonie geben. Die Grena­diergarde Nr. 6 von 1740 ist daran aber definitiv beteiligt.</p>
<p style="text-align: justify;" align="center"><img class="alignleft" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2012/01/P1020831-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" /></p>
<p style="text-align: justify;" align="center">Von Berlin Unter den Linden aus wird auch deswegen der „Alte Fritz“ hoch zu Ross (s)einen kritischen Blick in Richtung Potsdam werfen. Nicht nur, um seine originalgetreu kost&#252;mierten Soldaten zu sehen, sondern auch, um zu verfolgten, in welcher Art und Weise man dort ein k&#246;nigliches Verm&#228;chtnis von Triumph und Trag&#246;die zu erf&#252;llen gedenkt, das wohl schwerlich mit den wahren Intentionen des Jubi­lars in Einklang zu bringen sein wird.</p>
<p style="text-align: justify;">Er blickt so zu einem Ort, an dem er, Friedrich II., h&#246;chst selbst l&#228;ngere Jahre seines Denk­mal-Daseins als Opfer von ideologisch gef&#228;rbter kleinkarierter Ignoranz und Verblendung zubringen musste. Im Park von Sanssouci, in den Anlagen von Charlottenhof. Ab Sommer 1950 lag er dort. Eingez&#228;unt, von Eichenlaub und Strohmatten bedeckt. Ab Mai 1963 stand er wieder. Von allem Ballast befreit. In dem von Karl Friedrich Schinkel und Peter Josef Lennè geschaffenen Hippodrom. Und damit f&#252;r alle sichtbar, die ihn sehen wollten.</p>
<h3 style="text-align: center;" align="center">Des K&#246;nigs historisches Gewicht</h3>
<p style="text-align: justify;">Das aber begab sich zu einer Zeit, die von der heutigen sehr verschieden war. Insonderheit, was das &#246;ffentliche Urteil &#252;ber Preu&#223;en, seine diversen K&#246;nige und Kriege, vor allem die von Friedrich II. gef&#252;hrten drei blutigen Schlesischen mit ihren &#252;ber 400 000 Toten angeht. Die bei seinem eigenen Tod 1786 zur v&#246;lligen Ver&#228;nderung der europ&#228;ischen Landkarte gef&#252;hrt hatten. Und folgerichtig auch den Platz von Preu&#223;en in der deutschen und europ&#228;ischen Ge­schichte neu bestimmten.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Potsdamer Denkmals-Aufenthalt begab sich dazu noch unter Umst&#228;nden, die man, die Kriege eingerechnet, kaum als standesgem&#228;&#223; h&#228;tte bezeichnen k&#246;nnen. Bezogen auf einen sol­datisch-asketischen Gro&#223;en, kleinen K&#246;nig, der nicht nur Feldherr, sondern gleichwohl  Re­former, Dichter, Sch&#246;ngeist, auch Frauenhasser, zugleich aber Toleranzverk&#252;nder war. Mit den Markenzeichen Uniform und Dreispitz, Windspiel und Fl&#246;te.</p>
<p style="text-align: justify;">Der marxistische Historiker Franz Mehring („Lessing Legende“) kritisierte den im deutschen Kaiserreich pomp&#246;s begangenen 200. Geburtstag des Preu&#223;enk&#246;nigs, w&#252;rdigte zugleich aber auch den Umstand, „dass der Name dieses K&#246;nigs bei alledem einen gewissen popul&#228;ren Klang behalten hat.&#8221; Mehring: &#8220;So m&#252;sste man sagen, dass der Ein&#228;ugige unter den Blinden K&#246;nig ist. Unter dem verkommenen F&#252;rstengesindel seiner Zeit war Friedrich in seiner Art ein ganzer Kerl, und ebenso ragte er &#252;ber seine Vorg&#228;nger und Nachfolger in der Geschichte der Hohenzollern empor…“</p>
<p style="text-align: justify;">Alles in allem ist also das Gewicht dieser historischen Person, ungeachtet der mit ihm ver­bundenen kritikw&#252;rdigen Widerspr&#252;che, entscheidend gr&#246;&#223;er als das 11,5 Tonnen schwere Reiterdenkmal. Zu dem im &#220;brigen, au&#223;er dem Herrscher von Gottes und seiner selbst Gna­den, noch ein 105k&#246;pfiges Gefolge von hohem Rang und Namen, inklusive der bildlich dargestellen Haupttugenden des K&#246;nigs  &#8211; Gerechtigkeit, St&#228;rke, Weisheit, M&#228;&#223;igung &#8211; zu rechnen ist.</p>
<h3 style="text-align: center;" align="center">Schinkels Entwurf, Rauchs gl&#252;cklicher Gedanke</h3>
<p style="text-align: justify;">Der schon zu Lebzeiten des gro&#223;en K&#246;nigs von dessen Gener&#228;len angeregt Plan, ihn auf diese Weise zu w&#252;rdigen, wurde sp&#228;ter von K&#246;nig Friedrich Wilhelm III. lebhaft wieder aufge­nommen. Allerdings traten die Freiheitskriege der Ausf&#252;hrung hindernd in den Weg. Im Jahre 1830 beschloss der Provinziallandtag von Brandenburg, durch freiwillige Beitr&#228;ge aus der Mark und der ganzen Monarchie ein Denkmal zu errichten. Der K&#246;nig er&#246;ffnete jedoch den St&#228;nden, dass er das Projekt seiner eigenen F&#252;rsorge vorbehalten wolle.</p>
<p style="text-align: justify;">Schinkel wurde mit dem Entwurf beauftragt, Rauch sollte die Skizzen f&#252;r die Standbilder her­stellen. Letzterer hatte den gl&#252;cklichen Gedanken, den K&#246;nig zu Pferde in der Tracht seiner Zeit, mit Hut und Mantel darzustellen, von einem reichen Fu&#223;gestell getragen. An welchem die zeitgen&#246;ssischen Staatsm&#228;nner. Feldherren und Geistesgr&#246;&#223;en  zu platzieren w&#228;ren. Der K&#246;nig billigte den Plan. Nachdem Rauchs Modell in der Kunstausstellung von 1839 &#246;ffentlich gezeigt worden war, erfolgte im Dezember gleichen Jahres der Befehl zur Ausf&#252;hrung.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Grundsteinlegung erfolgte am 31. Mai 1840 anl&#228;sslich des 100. Jahrestages der Regie­rungs&#252;bernahme durch den damals 28j&#228;hrigen Kronprinzen. Der K&#246;nig, schon krank und schwach, sah der Zeremonie vom Fenster des gegen&#252;berliegenden Palais zu. Zwei Jahre sp&#228;ter war das kolossale Modell zum Reiterbild in Ton vollendet. Am 11. Juli 1846 gegen Mitternacht er­folgte der gl&#252;ckliche Guss des Standbildes.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Enth&#252;llung des Meisterwerkes fand am 31. Mai 1851 statt. Seit diesem Tage  zeigt sich der K&#246;nig im Kr&#246;nungsmantel, mit dem Kr&#252;ckstock am Arm und den Dreispitz auf dem Haupte. Im Auge mit dem Schloss die St&#228;tte seiner Geburt, mit der Linken die Z&#252;gel haltend. Friedrich der Gro&#223;e ganz in einer Weise, wie ihn die B&#252;rger und die Stra&#223;enjugend von Berlin einst durch die Stra&#223;en hatten reiten sehen und als „alter Fritz“ in Erinnerung behielten. Das in zw&#246;lfj&#228;hriger Arbeit geschaffene 14 Meter hohe und 184 Tonnen schwere, damals 250 000 Taler teuere Monument gilt heute als eine der gro&#223;artigsten Denkmalsplastiken des 19. Jahrhunderts.</p>
<h3 style="text-align: center;" align="center">In den Wirren zweier Kriege</h3>
<p style="text-align: justify;">Dieses Urteil bewahrte den reitenden K&#246;nig allerdings nicht davor, mit zwei Kriegen konfrontiert zu werden, die von Deutschland ausgegangen waren und dorthin – einer historischen Logik fol­gend &#8211; zur&#252;ckkehrten. W&#228;hrend der Novemberrevolution 1918, die den Ersten Weltkrieg be­endete, trafen das Bronzestandbild &#252;ber 70 Einsch&#252;sse. Hintergrund waren die milit&#228;rischen Auseinandersetzungen um Weihnachten zwischen Noske-Truppen und Spartakisten hinter Barrikaden, bei denen Artillerie und Maschinengewehre eingesetzt wurden. Die Treffer, u. a. am K&#246;nigskinn und an der rechten Hinterflanke des Pferdes, wurden Anfang der 20er Jahre repa­riert.</p>
<p style="text-align: justify;">Im Zweiten Weltkrieg mauerte man den Preu&#223;enk&#246;nig zum Schutz vor Bombenangriffen ein. So stand er bis 1950. W&#228;hrend des Pfingstreffen der FDJ im gleichen Jahr, so die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 1.Dezember 1980 im Beitrag „Alter Fritz, steigt du hernieder“, diente die Luftschutzmauer um das Denkmal zum letzten Mal als Fl&#228;che f&#252;r politische Re­klame – unter dem flaggengeschm&#252;ckten FDJ-Emblem prangte gro&#223; das Wort „Frieden“.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein Jahr sp&#228;ter wurde Friedrich II. dann aus der DDR-Hauptstadt in Richtung Potsdam verbracht. Und w&#228;re in der Zeit seines dortigen Aufenthaltes beinahe f&#252;r immer von der Bildfl&#228;che und damit als Denkmal von Rang f&#252;r immer von der historischen B&#252;hne verschwunden.</p>
<h2 style="text-align: center;"> ***</h2>
<p style="text-align: justify;">Wie der „Alte Fritz“ vor dem Feuertod bewahrt wurde, hat der Kulturpolitiker und Historiker Hans Bentzien in seinem 1991 im Verlag Volk und Welt erschienenen Buch „Ich, Friedrich II. – Das Leben des gro&#223;en Preu&#223;enk&#246;nigs“ kurz erw&#228;hnt.</p>
<p style="text-align: justify;">Er muss es wissen. Als DDR-Kulturminister (1961bis 1966) lag das Schicksal der majest&#228;ti­schen Bronze auch mit in seiner Hand. Im nachfolgenden Interview gibt er Auskunft &#252;ber Stationen der sp&#228;ten Odyssee des Preu&#223;enk&#246;nigs hoch zu Ross.</p>
<p style="text-align: center;" align="center">+++</p>
<blockquote>
<p style="text-align: justify;"><strong><em>Weshalb wurde das Reiterstandbild Friedrich II. eigentlich aus Berlin weggebracht?</em></strong></p>
<p style="text-align: justify;">Die Siegerm&#228;chte des Zweiten Weltkrieges hatten 1947 den Beschluss gefasst, Preu&#223;en auf­zul&#246;sen. Damit hat per Dekret der Staat Preu&#223;en, den man als „Hort des Militarismus und der Re<a href="http://www.blogsgesang.de/2012/01/18/der-ritt-in-die-falsche-richtung/buchcover-bentzien-friedirichii-2/" rel="attachment wp-att-3525"><img class="alignleft size-medium wp-image-3525" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2012/01/Buchcover-bentzien-friedirichII.1-184x300.jpg" alt="" width="184" height="300" /></a>aktion“ gewisserma&#223;en f&#252;r zwei Weltkriege verantwortlich machte, aufgeh&#246;rt zu bestehen. In der Geschichte ein einmaliger Vorgang. Klar war somit aber auch, dass das Reiterstandbild des K&#246;nigs weg musste. Das Berliner Schloss war 1950 gesprengt worden. Es verschwand auch die lateinische Inschrift an der Deutschen Staatsoper, zu deutsch „Von K&#246;nig Friedrich gewidmet Apoll und den Musen“. Seit der letzten Restaurierung der Oper noch zu DDR-Zei­ten sind die Lettern aber wieder zu sehen.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong><em>Wer veranlasste den Abtransport?</em></strong></p>
<p style="text-align: justify;">Friedrich Ebert. Sein Vater war in der Weimarer Republik zwischen 1919 und 1925 Reichs­pr&#228;sident, er zum Zeitpunkt des hier beschriebenen Vorgangs SED-Politb&#252;romitglied und Oberb&#252;rgermeister im Osten Berlins. Er handelte wohl im Sinne der zahlreichen Preu&#223;engeg­ner, die schon 1949 die Vernichtung des Denkmals gefordert hatten. Und zwar mit der Be­gr&#252;ndung „weil er gegen Osten reitet“. Sie bezogen sich damit nicht nur auf die Himmels­richtung, in der das Standbild ausgerichtet worden war.</p>
<p style="text-align: justify;" align="center"><a href="http://www.blogsgesang.de/2012/01/18/der-ritt-in-die-falsche-richtung/p1020836/" rel="attachment wp-att-3528"><img class="alignright size-medium wp-image-3528" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2012/01/P1020836-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" /></a></p>
<p style="text-align: justify;" align="center">Den formalen Beschluss zur Verlagerung fasste der Ostberliner Magistrat im Mai 1950. Ebert schenkte das Standbild seinem Amtskollegen Dr. Steinhoff, Ministerpr&#228;sident des Landes Brandenburg, und lie&#223; es 1951 nach Potsdam bringen. Ross und Reiter wurden ungesichert und auf der Seite liegend transportiert. Auf dem Alexanderplatz kam es dann noch zu einem Crash. Das Fahrzeug hatte Achsen-bruch.</p>
<p style="text-align: justify;">Steinhoff lehnte das „Geschenk“ jedoch ab. Da war nun guter Rat teuer. So erging Eberts Anweisung, die demontierten Denkmalteile im Park von Sanssouci &#8211; von Strohmatten be­deckt, von Brettern umz&#228;unt &#8211; zu verstecken. Und zwar auf dem Lagerplatz eines Berliner Baubetriebes gegen&#252;ber dem Neuen Palais. Ein Polier dieser Restaurierungsfirma „Stuck und Naturstein“ wurde als Mitglied der dortigen Parteileitung daf&#252;r verantwortlich gemacht, dass der Alte Fritz sicher und unbemerkt gelagert werde.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong><em>Wo er wahrscheinlich bis zum Ende der DDR ungest&#246;rt vor sich hinged&#228;mmert h&#228;tte, wenn er nicht Anfang der 80er Jahre Unter die Linden  zur&#252;ckbeordert worden w&#228;re. Gab es etwa weitsichtige Genossen in der F&#252;hrung, die den K&#246;nig nur bis auf  Widerruf  in den Wartestand versetzt hatten? </em></strong></p>
<p style="text-align: justify;">Vielleicht. Aber wenn es sie gegeben haben sollte, die „Weitsichtigen“ konnten sich nicht durchsetzen. Das Gegenteil war der Fall. Nach einem Jahrzehnt, im Sp&#228;therbst 1961, rief eben jener gewissenhafte Fachmann, der an der Demontage des Denkmals beteiligt gewesen war, bei mir im Ministerium an. Der Mann hatte, nachdem in seinem Betrieb ein Tieflader ange­fordert worden war, in Erfahrung gebracht, dass aus dem Berliner Magistrat die Anweisung gekommen sei, jenes von ihm quasi per Parteiauftrag beh&#252;tete Denkmal zur Schmelze zu bringen.</p>
<p style="text-align: justify;">Was solle er tun? fragte er pflichtbewusst nun den Kulturminister. Immerhin war ich der oberste Denkmalpfleger der Republik und kannte nat&#252;rlich den k&#252;nstlerischen Wert dieses Monuments. Wobei ich allerdings bis zu diesem Zeitpunkt &#252;berhaupt nicht gewusst hatte, dass das Standbild in Potsdam versteckt lag. Ungeachtet dessen war ich auf  jeden Fall f&#252;r die n&#228;chsten Schritte verantwortlich.</p>
<p style="text-align: center;"><strong><em>Wer hatte denn die Anordnung zur Schmelze gegeben? </em></strong></p>
<p style="text-align: justify;">Es war Paul Verner, Mitglied des Politb&#252;ros und 1. Sekret&#228;r der SED-Bezirksleitung Berlin. Ulbricht plante zu jener Zeit den Bau sozialistischer Stadtzentren. Wobei das Berliner Zent­rum richtunggebend werden sollte. Ins Gespr&#228;ch kam dabei auch das Forum Unter den Lin­den. Es liegt auf der Hand, dass sie da irgendwie auf das Denkmal gesto&#223;en sind. Verner, eif­rig wie er war, dachte, wie manch einer heute: Wenn ich das Denkmal vernichten lasse, bin ich das politische Problem los. Also ab mit dem Preu&#223;enk&#246;nig in die Schmelze.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong><em>Verner war ja auch jener Mann, der mit Brachialgewalt </em>- <em>gegen den Rat der Fachleute-</em> <em>den Bau des Au&#223;enministeriums am damaligen Marx-Engels-Platz durchsetzte. Und das, obwohl die Gr&#246;&#223;e des Hauses die Traufh&#246;he der Geb&#228;ude in der angrenzenden Stra&#223;e Un­ter den Linden verletzte. H</em><em>atte denn ein Kulturminister soviel Macht, dass er sich gegen eine Weisung aus dem obersten Zirkel stellen konnte? </em></strong></p>
<p style="text-align: justify;">Nat&#252;rlich nicht. Da half eben nur List, um zu verhindern, dass ein solches Kulturgut vernich­tet wird. Ich beauftragte meinen Abteilungsleiter f&#252;r Bildende Kunst, Dr. Eberhard Bartke, dem Anruf des Mannes nachzugehen und festzustellen, was an der Sache dran war. Bartke beriet sich mit dem Haupt&#246;konom Dr. Herbert Micklich. Dieser wiederum brachte beim Ma­gistrat in Erfahrung, dass alles die reine Wahrheit sei. Unvorstellbar! Ich sagte, da hilft, nur eins: Wir m&#252;ssen es machen und gleichzeitig nicht.</p>
<div class="mceTemp" style="text-align: justify;">Im Klartext: Es mussten ein „Vorgang“ und ein „Schrottbeleg“ her. Bartke bestellte einen Tieflader. Ich organisierte zwei Leute mit der wei&#223;en M&#252;tze. Diesbez&#252;glich rief ich im In­nenministerium an, landete aber im VP-Pr&#228;sidium in der Keibelstra&#223;e in Berlin-Mitte  und zuf&#228;llig bei meinem alten Studienkumpel, VP-Oberst Kranhold. Der begriff sofort und veran­lasste das Notwendige. Der K&#246;nig kam auf den Tieflader, Bartke sa&#223; im Fahrerhaus, die Wei­&#223;en M&#228;use sicherten ab. Dann &#8220;fuhren sie dort in Potsdam in einer regnerischen Nacht einmal ums Karrè und luden die Fracht an anderer Stelle im Park wieder ab.</div>
<p style="text-align: justify;">Beteiligt an dem Unternehmen war auch der damalige Generaldirektor der Staatlichen Schl&#246;s­ser und G&#228;rten Potsdam-Sanssouci. Er wies seinen G&#228;rtner an, Friedrich mit Laub zu bede­cken und dieses nass zu halten, damit der Wind den „Vorgang“ nicht unn&#246;tig publik mache.</p>
<p style="text-align: center;"><strong><em>Es musste aber doch eine Vollzugsmeldung geben… </em></strong></p>
<p style="text-align: justify;">Die gab es auch. In Berlin stellte mein &#214;konom den Schrottschein aus. Der Magistratsange­stellte konnte dann bei Verner Vollzug melden. Das Werk war vollbracht. &#220;brigens wurde das Friedrichdenkmal im Jahre 1962 dann in dem von Karl Friedrich Schinkel und Peter Josef Linnè geschaffenen Hippodrom des Parkes Charlottenhof aufgestellt, wo ein Reiterstandbild ja hingeh&#246;rt. Auch dieser „Vorgang“ verlief nat&#252;rlich ohne Presse und Zeremonie. Und offensichtlich ist die Sache der grauen Eminenz, dem „Auftraggeber Einschmelzen“, und seinen Nachfolgern im Amt aus den Augen geraten.</p>
<p style="text-align: center;"><strong><em>Ende 1980 kehrte der Preu&#223;enk&#246;nig ungeschmolzen nach Berlin zur&#252;ck. Wie war es denn nun wirklich dazu gekommen?</em></strong></p>
<p style="text-align: justify;">Es war quasi eine Reaktion auf die immer sichtbarer werdende Neubesinnung auf Preu&#223;en in Westberlin unter dem Regierenden B&#252;rgermeister Stobbe.</p>
<div id="attachment_3530" class="wp-caption alignright" style="width: 221px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2012/01/18/der-ritt-in-die-falsche-richtung/blog12-foto-bentzien1a-2/" rel="attachment wp-att-3530"><img class="size-medium wp-image-3530 " title="blog12-foto-bentzien1a" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2012/01/blog12-foto-bentzien1a1-211x300.jpg" alt="" width="211" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Hans Bentzien: &quot;Wir m&#252;ssen es machen...&quot;!</p></div>
<p style="text-align: justify;">Dort wurde 1980/81 eine Preu&#223;en­ausstellung im Schloss Charlottenburg vorbereitet und veranstaltet. Au&#223;erdem war noch fr&#252;­her, n&#228;mlich 1979, in der DDR Ingrid Mittenzweis Biographie „Friedrich II. und die Preu&#223;en“ erschienen. Eine alles in allem differenzierte Sicht auf den K&#246;nig und seinen Platz in der Ge­schichte.</p>
<p style="text-align: justify;">Die R&#252;ckf&#252;hrung des Standbildes wurde von Honecker pers&#246;nlich angeordnet, aus welchen Gr&#252;nden auch immer. M&#246;glicherweise hing das mit seinem immer st&#228;rker werdenden Bem&#252;­hen zusammen, sich als Staatsmann von Rang zu profilieren. Nicht zuletzt spielte dabei aber die Komplettierung des Lindenforums eine Rolle. Diese Aktion ist, soweit ich mich erinnere, von der so genannten Leitung „Sondervorhaben Gie&#223;ke&#8221;, gemeinsam mit denen von Schl&#246;s­ser und G&#228;rten, organisiert worden</p>
<p style="text-align: center;"><strong><em>Man musste doch aber damit rechnen, dass die R&#252;ckkehr des Preu&#223;enk&#246;nigs Staub  aufwirbeln w&#252;rde…</em></strong></p>
<p style="text-align: justify;">Das war das Problem. Es gab in DDR-Zeiten zu solchen durchaus brisanten Angelegenheiten kaum eine Diskussion, nie eine wirklich &#246;ffentliche Auseinandersetzung, in diesem Falle mit preu&#223;ischer Geschichte. Was h&#228;tte man auch sagen sollen? H&#228;tte man zugebe sollen, dass kurz nach Gr&#252;ndung der DDR einige ihrer f&#252;hrende Kr&#228;fte, quasi in Fortf&#252;hrung einer falsch interpretierten antifaschistischen Traditionslinie, f&#252;r das Preu&#223;endenkmal keinen Platz mehr Unter den  Linden sahen?</p>
<p style="text-align: justify;">Ohne vorerst, auch das muss man sagen, die letzte Konsequenz zu ziehen und es vernichten zu lassen. Sicherlich hatten die Emigranten aus der  Sowjetunion in Leningrad gesehen, dass dort sowohl ein Lenindenkmal vor dem Smolny wie auch das Reiterdenkmal des  letzten Za­ren vor dem Rathaus stehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach dem Bau der Mauer aber glaubte eine Gruppe von einflussreichen Dummk&#246;pfen im Zuge der angestrebten Konsolidierung &#8220;Symbole reaktion&#228;rer Politik&#8221; und damit ein solches Monument deutscher Geschichte beseitigen zu k&#246;nnen. Pikanterweise passiert &#228;hnliches  heute wieder, in Berlin wie &#252;berall in den neuen L&#228;ndern. Und nicht nur mit Denkm&#228;lern, sondern auch mit den Namen von Stra&#223;en, Pl&#228;tzen, Kulturh&#228;usern und anderen Einrichtungen.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong><em>Honecker immerhin ist in seinen sp&#228;teren Amtsjahren ziemlich unverkrampft mit dem Preu&#223;enk&#246;nig umgegangen…</em></strong></p>
<p style="text-align: justify;">Da m&#246;gen Sie Recht haben. Es gibt dazu auch eine h&#252;bsche Episode. Am 4. Juli 1980 ge­w&#228;hrte Erich Honecker dem britischen Verleger Robert Maxwell im Zusammenhang mit dem Buch „Aus meinem Leben“ in der Reihe „Leaders of the World“ ein Interview. Das erschien am 26. August 1980 im „Neuen Deutschland“.</p>
<p style="text-align: justify;">Und darin wird von Honecker auf eine ent­sprechende Frage zum Erbe und zur preu&#223;ischen Geschichte erstmals &#246;ffentlich die Formulie­rung »Friedrich der Gro&#223;e“ gebraucht. Ob ihm dieser Begriff, noch von der Schulzeit her, so rausgerutscht ist, wei&#223; ich nicht, halte es aber f&#252;r denkbar. Die Formulierung trug dann aber dazu bei, dass per ND die Kunde von einem neuen Preu&#223;enbild in die Welt kam.</p>
</blockquote>
<h2 style="text-align: center;">*** Epilog ***</h2>
<p style="text-align: justify;">Auf die Erstver&#246;ffentlichung des Interviews in der Berliner Zeitung vom 3. August 1991 gab es diverse Reaktionen. Darunter auch die der Leserin Renate G. aus O-1020 Berlin, Karl-Marx-Allee 28. Sie schrieb:</p>
<blockquote>
<p style="text-align: justify;"><em>„Sehr geehrter Herr Hempel,</em></p>
<p style="text-align: justify;"><em>Ihr Gespr&#228;ch &#252;ber das Rauchsche Denkmal Friedrich II. mit Hans Bentzien habe ich mit gro&#223;em Interesse gelesen. Bei dieser Gelegenheit erinnere ich mich der sch&#246;nen Satire Hermann Kants „Bronzezeit“, enthalten in seinem gleichnamigen Erz&#228;hlband, 1986 im Verlag R&#252;tten &amp; Leoning erschienen. Dort wird  die Wiederaufstellung des Denkmals k&#252;nstlerisch „verarbeitet“. Ich habe sie nun noch einmal  und mindestens mit ebenso gro&#223;em Vergn&#252;gen wie vor f&#252;nf Jahren gelesen. </em></p>
<p style="text-align: justify;"><em>Da Hermann Kant in dieser Satire die DDR-Mentalit&#228;t und auch die Art der DDR-Ann&#228;herung an die zuvor geschm&#228;hte Vergangenheit so herrlich auf die Schippe genommen hat, lohnt vielleicht ein Hinweis auf sie – damit auch andere Leser diesen Spa&#223; genie&#223;en k&#246;nnen.</em></p>
<p style="text-align: justify;"><em>Mit freundlichen Gr&#252;&#223;en</em></p>
</blockquote>
<h2 style="text-align: center;" align="center"><em>+++</em></h2>
<p style="text-align: justify;">Hermann Kant war zwar nicht unter denen, die seinerzeit den Zeitungsbeitrag mit einem Kommentar versahen. Aber er hat im Klappentext zu „Bronzezeit“ dem Leser von folgendem Kennung gegeben: „Nein, nein, dieser Band hei&#223;t zwar `Bronzezeit`, handelt aber nicht, wiederhole: nicht, von H&#252;nengr&#228;bern, Luren, Fibeln oder &#228;lteren Germanen. Er handelt auch nicht von Germanisten oder Journalisten, und erstaunlicherweise kommt kein einziger Schriftsteller (als agierende Person) vor…“</p>
<div class="mceTemp">
<dl class="wp-caption alignleft" style="width: 200px;">
<dt><a href="http://www.blogsgesang.de/2012/01/18/der-ritt-in-die-falsche-richtung/buchcover-kant-bronzezeit-4/" rel="attachment wp-att-3541"><img class="size-medium wp-image-3541  " src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2012/01/Buchcover-kant-bronzezeit3-190x300.jpg" alt="" width="190" height="300" /></a></dt>
<dd class="wp-caption-dd">Kant: &#8220;Far&#223;manns Erz&#228;hlungen aus dem hiesigen Leben eines heutigen B&#252;rgers&#8230;&#8221;</dd>
</dl>
</div>
<p style="text-align: justify;">Erz&#228;hlende, treibende und erleidende Hauptfigur der hier aufgeschriebenen Vorkommnisse sei ein gewisser Far&#223;mann, Buchhalter seines Zeichens und seit der Geschichte vom dritten Nagel einschl&#228;gig bekannt.</p>
<p style="text-align: justify;">Die vierte der f&#252;nf Far&#223;mann-Stories spielt im VEB Ordunez, einem volkseigenen Kleinbetrieb zur Herstellung von Orden und Ehrenzeichen. In ihr findet sich auf Seite 127 diese Passage:</p>
<p style="text-align: justify;">„Also der Gro&#223;e Reiter. Den hatten welche, als Preu&#223;en per Dekret zernichtet worden war, vorsichtshalber oder aus &#252;bersch&#252;ssigem Eifer oder weil sie diesen Herren nun herrenlos glaubten, von seinem Sockel gehoben und beiseite gebracht…Vom Ger&#252;mpel, dass &#252;bergenug vorhanden war, t&#252;rmte man etliches auf die Reiterh&#228;lften, denn Bronze hatte ihren Handelswert. Auch z&#228;hlte es nicht als gro&#223;es Verdienst, einem bedenklichen Oberpreu&#223;en Asyl gegeben zu haben.</p>
<p style="text-align: justify;">Aber als wieder eine Ordnung war im Lande, und der Tiefbau sich anschickte, Ordnung auch auf seinem Lagerpl&#228;tzen zu schaffen, hat der Gel&#228;ndeverwalter &#252;ber den Zaun gefragt, ob die Ordensleute Verwendung f&#252;r ein &#228;lteres Denkmal h&#228;tten. Als Modell vielleicht. Wenn nicht, drohe die Schmelze…“</p>
<h2 style="text-align: center;" align="center">Plakette f&#252;r HB</h2>
<p style="text-align: justify;">Etwa ein Vierteljahrhundert sp&#228;ter kam Hermann Kant in anderer Form noch einmal auf seine Far&#223;mann-Bronzezeit zur&#252;ck. Unter dem Vermerk „Plakette f&#252;r HB“ gratulierte er am 4. Januar 2012 im Neuen Deutschland Hans Bentzien zu dessen 85. in unverkennbar Kantscher Manier:</p>
<p style="text-align: justify;">„Ihm d&#252;rfte es nicht leicht gefallen sein, die Amtsnachfolge von Johannes R. Becher und Alexander Abusch anzutreten. Immerhin war der eine Anf&#252;hrer des Bundes proletarisch-revolution&#228;rer Schriftsteller und der andere Chefredakteur der „Roten Fahne“ zu Zeiten, als der Knabe B. aus Greifswald zum ersten Mal etwas vom Abc vernahm. Doch &#252;bersahen zeitgen&#246;ssische Sp&#246;tter, die sich bei seiner Berufung mit dem Namensschwung von Johannes &#252;ber Alexander zu Hans begn&#252;gten, das dieser nach dem Krieg als Neulehrer zu den K&#252;hnsten der ersten Stunde geh&#246;rt hatte und als sp&#228;terer Parteiarbeiter zu den Allerk&#252;hnsten gar, indem er Walter Ulbricht in der Leipziger Kirchenabrissfehde widersprach.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Generalsekret&#228;r wiederum hatte Verwendung f&#252;r diesen F&#252;rchtenichts, als es galt, dem widerspruchsgeladenen Verwaltungsbereich Kultur einen Verweser zu finden. Auf Zeit. Tats&#228;chlich sprangen w&#228;hrend Bentziens &#196;gide so viele Ringe von den Herzen der K&#252;nstler, und tats&#228;chlich schlug die Kultur fortan derart kritische T&#246;ne an, dass die hochgestellten Dogmenh&#252;ter im Ergebnis des 11.Plenums befanden, der Minister habe `schwere Fehler` begangene und m&#252;sse aus dem Amt…“</p>
<p style="text-align: justify;">Kant dankt Bentzien im Weiteren f&#252;r dessen Anteil am gelungenen „Impressum“-Hebeversuch, um mit dieser Passage seine Laudatio zu endigen: „Er, der ein Erz&#228;hler von hohen Graden ist, hat mir die Geschichte des Friedrich-Denkmals Unter den Linden &#252;berliefert und mir erlaubt, aus seinem ministeriellen Erlebnis eine literarisches Begebnis zu machen. Mit keinem einzigen Wort klang hernach ein Bedauern an, weil doch alles ganz anders gewesen sei, als von mir in `Bronzezeit` beschrieben. Neben dem Gl&#252;ckwunsch, der allen in seinem Alter geb&#252;hrt, hat Hans Bentzien wenn nicht gar einen Sockel so doch eine Rarit&#228;ts-Plakette verdient.“</p>
<p style="text-align: justify;">So also schlie&#223;en sich die preu&#223;isch-deutschen Jubil&#228;ums-Kreise um einen K&#246;nig. Und um einen Minister mit historischem Verstand. Daran beteiligt ein Autor von Rang, der auf seine Weise K&#246;nig und Minister auf  (s)eine literarische Reihe bringt. Mit und ohne Sockel.</p>
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		<title>Der gew&#246;hnliche Rechtsterrorismus und seine Opfer – zum Beispiel Noël Martin</title>
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		<pubDate>Wed, 30 Nov 2011 17:24:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichtsbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Ausländerfeindlichkeit]]></category>
		<category><![CDATA[»Tolerantes Mahlow«]]></category>
		<category><![CDATA[Brandenburg]]></category>
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		<description><![CDATA[(pri) Der Rechtsterrorismus sei ein neues Ph&#228;nomen, sagt Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und beweist damit nur, dass er noch immer auf dem rechten Auge blind ist. Denn Rechtsterrorismus gibt es in Deutschland seit mindestens 20 Jahren; das belegt schon die hohe Zahl seiner Opfer, die sich nach seri&#246;sen Erhebungen der Zahl 200 n&#228;hert. Es dokumentieren [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) Der Rechtsterrorismus sei ein neues Ph&#228;nomen, sagt Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und beweist damit nur, dass er noch immer auf dem rechten Auge blind ist. Denn Rechtsterrorismus gibt es in Deutschland seit mindestens 20 Jahren; das belegt schon die hohe Zahl seiner Opfer, die sich nach seri&#246;sen Erhebungen der Zahl 200 n&#228;hert. Es dokumentieren aber auch die fast w&#246;chentlichen martialischen Aufm&#228;rsche rechtsextremistischer Organisationen, Verb&#228;nde, »Kameradschaften« und einer legalen Neonazi-Partei<span id="more-3454"></span>, die ihre Existenz haupts&#228;chlich dem Zufluss staatlicher Mittel verdankt. Es beweisen die so genannten national befreiten Zonen in vielen Landesteilen und der Psychoterror gegen jene, die sich dem braunen Spuk mutig entgegenstellen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>All diese Vorg&#228;nge, die zwar (noch?) nicht im Umfang, wohl aber in der Art be&#228;ngstigend an vergleichbare Entwicklungen in den fr&#252;hen 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts in Deutschland erinnern, waren und sind allgemein bekannt. Es wurde dar&#252;ber gesprochen und geschrieben – und zugleich verharmlost und bagatellisiert. Die Opfer fanden nur selten Geh&#246;r – nicht bei der Politik, kaum in den Medien, auch nicht bei der Justiz und schon gar nicht in der Polizei und in Geheimdiensten. Dabei haben gerade sie klare und relevante Signale ausgesandt, die jedoch in aller Regel ignoriert wurden. An einige dieser Opfer, die die &#214;ffentlichkeit trotz aller Gefahren nicht scheuten, und jene wenigen, die sich solidarisch an ihre Seite stellten und sich damit Anfeindungen aussetzten, soll noch einmal erinnert werden.</p>
<p>Wie viele andere F&#228;lle, so ist auch der des geb&#252;rtigen Jamaikaners Noël Martin, der nach einem rechtsterroristischen Angriff im brandenburgischen Mahlow zum Kr&#252;ppel wurde, ein Beispiel nicht nur f&#252;r die Brutalit&#228;t der rassistischen T&#228;ter, sondern mehr noch f&#252;r die R&#252;ckendeckung, die sie vom »einfachen B&#252;rger« aus Gleichg&#252;ltigkeit, eigener Angst, Verdr&#228;ngungsabsicht oder gar klammheimlicher Zustimmung erhalten.</p>
<h2>St&#246;rfall im Rollstuhl</h2>
<p><img src="http://vg09.met.vgwort.de/na/2b9498eced894362a3e4b485c2f468af" alt="" width="1" height="1" /></p>
<h4>Mit der R&#252;ckkehr des querschnittgel&#228;hmten Noël Martin stellt sich f&#252;r viele in Mahlow pl&#246;tzlich erneut die Frage, wie sie mit ihrem l&#228;ngst verdr&#228;ngten schlechten Gewissen umgehen sollen</h4>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/11/30/der-gewohnliche-rechtsterrorismus-und-seine-opfer-zum-beispiel-noel-martin/noel-martinkleiner/" rel="attachment wp-att-3460"><img class="alignright size-full wp-image-3460" title="Noel Martin,kleiner" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/11/Noel-Martinkleiner.jpg" alt="" width="336" height="204" /></a>Keiner in Mahlow sagt es direkt, aber viele denken es: Endlich war ein wenig Gras um den Stumpf jener Platane am Glasower Damm ge- wachsen, an der vor f&#252;nf Jahren Noël Martins alter Jaguar zerschellte und sich der geb&#252;rtige Jamaikaner mit britischem Pass die Halswirbels&#228;ule brach, da rei&#223;t er die alten Wunden wieder auf. Kehrt zur&#252;ck, im Rollstuhl, will »den Leuten, die mir das angetan haben, ins Gesicht schauen«. Heute findet in der Kleinstadt am S&#252;drand Berlins ein Sternmarsch statt, der an den rassistischen &#220;berfall im Juni 1996 erinnern soll – und das Opfer Noël Martin ist dabei. Mahlows stellvertretender B&#252;rgermeister Manfred Claus ist fassungslos: »Ich habe nie damit gerechnet, dass jemand, der da so gekennzeichnet, so« – er sucht nach dem richtigen Wort – »so gequ&#228;lt worden ist, nach f&#252;nf Jahren dahin unbedingt zur&#252;ck will.« Aber wenn er denn wolle, wenn er das Gespr&#228;ch mit der Jugend f&#252;hre, sei das nat&#252;rlich eine positive Sache.</p>
<p>Vor f&#252;nf Jahren hatte der damals 36-J&#228;hrige keine Chance zum Gespr&#228;ch. Noël Martin war am 16. Juni 1996 mit zwei Freunden, dunkelh&#228;utig wie er, drauf und dran, Mahlow, wo er zwei Jahre lang Fassaden versch&#246;nert hatte, zu verlassen, weil in Sachsen ein neuer Job winkte. Er rief seine Freundin Jacqueline in Birmingham an, um ihr den Ortswechsel mitzuteilen – von einer Telefonzelle am S-Bahnhof. Er beeilte sich, denn schon bei ihrer Ankunft hatten junge Burschen »Nigger, Nigger« gerufen und den Stinke~ finger gezeigt. Als sie abfuhren, folgte ihnen ein Golf, fuhr fast bis zur Sto&#223;stange auf, &#252;berholte schlie&#223;lich mit 150 Sachen. Ein Fenster am Golf war offen, von dort krachte ein Stein durch die Scheibe. Noël erschrak, verlor die Gewalt &#252;ber sein Auto, das sich &#252;berschlug und gegen einen Baum geschleudert wurde. Seitdem ist er vom Hals an abw&#228;rts gel&#228;hmt, kann mit M&#252;he nur einige Finger bewegen. Er ist lebenslang an den Rollstuhl gefesselt.</p>
<p>F&#252;r die Potsdamer Polizei war sofort alles klar. »Drei britische Staatsangeh&#246;rige &#8230; sind von unbekannten Deutschen beleidigt und bel&#228;stigt worden. Nachdem die unbekannten T&#228;ter &#8230; mit ihrem Pkw weggefahren waren, folgten die Beleidigten ihnen in ihrem Pkw Jaguar &#8230; In H&#246;he des Glasower Damms wurde die Frontscheibe des Pkw Jaguar von einem Feldstein (20 x 15 x 5 cm) getroffen, den ein Insasse aus dem vorausfahrenden VW geworfen hatte &#8230;«, hie&#223; es in deren Bericht – man k&#246;nnte meinen, fast eine Art Notwehr. Die eigentlichen Ermittlungen begannen erst, als nach fast f&#252;nf Wochen die Berliner »Tageszeitung« – ihre Autorin Barbara Bollwahn erhielt daf&#252;r sp&#228;ter den »W&#228;chterpreis der Tagespresse« – die wirklichen Zusammenh&#228;nge aufdeckte. Jetzt wurden die T&#228;ter pl&#246;tzlich unter der ortsbekannten Bahnhofsclique gewaltbereiter Jugendlicher gefunden, die vor allem durch ihre Ausl&#228;nderfeindlichkeit vielen Mahlowern seit langem auffielen – ohne dass freilich ihre Eltern, Kollegen, Lehrer dagegen einschritten. Ebenso wenig wie die Beh&#246;rden. Denen glaubten die Mahlower gern die entlastende Version und wurden erst zornig, als die Medien den Ort zur Bastion von Rechtsradikalen erkl&#228;rten.</p>
<p>Seitdem k&#228;mpft Mahlow um seine Rehabilitierung – vor allem mit dem Mittel der Beschwichtigung. F&#252;r viele hier stellt bis heute nicht die Tat von Mario Poetter und Sandro Ristau, die das Landgericht Potsdam ein halbes Jahr sp&#228;ter zu f&#252;nf bzw. acht Jahren Haft verurteilte, den »St&#246;rfall« dar, sondern die laute Anklage Noël Martins. B&#252;rgermeister Werner la Haine bestritt vom ersten Tag an jeden ausl&#228;nderfeindlichen Hintergrund. Als Zeuge im Prozess wollte er Arbeitslosigkeit und Lehrstellenmangel f&#252;r die Tat verantwortlich machen, und dass viele Ausl&#228;nder in der Gemeinde arbeiteten.</p>
<p style="text-align: center;">*</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Mahlow geh&#246;rt zu dem, was man den Berliner Speckg&#252;rtel nennt. Hier sind die H&#228;user zumeist frisch verputzt. Die Bahnhofsstra&#223;e, an deren Ausgang jetzt die Linden bl&#252;hen, geht bald in Alleen &#252;ber, in denen sich Villen aneinander reihen. Auf der Trebbiner Stra&#223;e entstand eine Mini-Shopping-Meile. Viele, die hier wohnen, verdienen in der Hauptstadt gutes Geld. Von den etwa 20000 Einwohnern der Amtsgemeinde Blankenfelde/Mahlow waren Ende 2000 insgesamt 962 arbeitslos, davon 100 Jugendliche unter 25 Jahren. In Mahlow selbst, dessen Einwohnerzahl sich seit der Wende auf etwa 8500 fast verdoppelte, leben gerade 200 Ausl&#228;nder – 2,3 Prozent. In den Berliner Bezirken Kreuzberg und Wedding sind es hingegen mehr als 30 Prozent</p>
<p>Eine Hochburg der Rechten ist Mahlow nicht. Deren Parteien treten auf kommunaler Ebene gar nicht erst an, bekommen bei Landtags- und Bundestagswahlen nur Stimmen, die an zwei H&#228;nden abzuz&#228;hlen sind. Und dennoch macht der Ort immer wieder Schlagzeilen durch Gewalttaten gegen Ausl&#228;nder, wobei sich viele B&#252;rger weniger &#252;ber die Gewalt als &#252;ber die Schlagzeilen erregen. F&#252;r den B&#252;rgermeister haben vor allem die Medien den Ruf Mahlows ruiniert – eine Meinung, die allerdings nicht jeder im Ort teilt. »Falsch ist das Bild der Schlagzeilen nicht«, sagt Knut Bukowiecki, der f&#252;r die PDS im Gemeinderat sitzt und gleichzeitig ehrenamtlicher Kreisvorsitzender der Partei in Teltow-Fl&#228;ming ist. Manche wollten die Augen davor verschlie&#223;en, dass es in Mahlow eine mehr oder weniger starke rechtsradikale Gruppe gibt. Das gebe es zwar auch anderswo in Brandenburg, was die Sache aber nicht besser mache. »Dagegen hilft nur der klare Widerstand aller, die anders denken.«</p>
<p>Doch schon im Gemeinderat, in dem Bukowieckis Partei zusammen mit den »Parteilosen Mahlows«, zu der auch der B&#252;rgermeister geh&#246;rt, eine Z&#228;hlgemeinschaft bildet, denken nicht alle so wie er – nicht einmal in der eigenen Fraktion. Als Noël Martin vor einem Jahr erstmals den Wunsch &#228;u&#223;erte, noch einmal nach Mahlow zu kommen, zog man dort den Kopf ein. Die Einladung an den Briten sprach schlie&#223;lich das Potsdamer »Aktionsb&#252;ndnis gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit« aus – und notgedrungen schloss sich die Gemeinde an. »Aus eigenem Antrieb h&#228;tten wir das nie gemacht«, so Bukowiecki freim&#252;tig. Und aus eigenem Antrieb konnte sich die Gemeinde auch nicht zur Anmeldung der Demonstration entschlie&#223;en – waren doch damit Kosten f&#252;r Absperrma&#223;nahmen, Toilettenanlagen und die Stra&#223;enreinigung verbunden. »F&#252;r Kinderg&#228;rten ist kein Geld da, aber f&#252;r eine Demo schmei&#223;t ihr es raus«, bekam mancher Gemeindevertreter zu h&#246;ren. Erst nach langen Debatten stimmte der Gemeinderat f&#252;r die Bereitstellung von 15000 Mark und einen siebenzeiligen Aufruf, anl&#228;sslich des »bedauerlichen Unfalls Noël Martins im Ergebnis eines rassistischen &#220;berfalls« an der Demonstration teilzunehmen.</p>
<p>Mancher fragt bang, wie gro&#223; die Resonanz der Mahlower auf Noël Martins Besuch heute sein wird. Vorsichtshalber hat die mit der Abschlusskundgebung beauftragte »Event-Agentur« einen Standort gew&#228;hlt, der zwar 5000 Teilnehmern Platz bietet, aber: »Wenn nur 1000 Besucher kommen, sieht es auch nicht peinlich aus.« Denn nicht wenige Einheimische sehen im Opfer des &#220;berfalls noch immer den eigentlich Schuldigen. Hatte er provoziert? Vielleicht tats&#228;chlich »unsere Jungs« verfolgt? Hatte er getrunken? War er angeschnallt? Zwar hat das Gericht alle diese Fragen durch aufw&#228;ndige Gutachten gekl&#228;rt, aber selbst der stellvertretende B&#252;rgermeister Manfred Claus, zugleich Vorsitzender der PDS-Fraktion, verweist darauf, dass es &#252;ber den Unfall nach wie vor unterschiedliche Auffassungen und widerspr&#252;chliche Informationen gibt.</p>
<p>Zu jenem »h&#246;rbaren Aufschrei der Emp&#246;rung &#252;ber die ausl&#228;nderfeindliche Tat«, den sich der Vorsitzende des Potsdamer Landgerichts in seiner Urteilsbegr&#252;ndung w&#252;nschte, ist es zumindest bei den »Zust&#228;ndigen« in der Gemeinde Mahlow bis heute nicht gekommen. Und viele k&#246;nnen sich bequem dahinter verstecken und damit in ihrer diffusen Fremdenfeindlichkeit verharren, was sie – ob gewollt oder ungewollt – noch immer zu klammheimlichen Komplizen von Mario Poetter und Sandro Ristau macht. An der Aktion »Gesicht zeigen«, bei der man sich in der »M&#228;rkischen Allgemeinen« mit Foto, Name und Wohnort f&#252;r ein gewaltfreies und tolerantes Miteinander mit Fremden erkl&#228;ren konnte, beteiligten sich in Mahlow zwischen 80 und 90 B&#252;rger – was mancher schon als Erfolg wertet. Zwar h&#228;tten mehr das Anliegen als solches begr&#252;&#223;t, aber damit denn doch nicht in die &#214;ffentlichkeit gehen wollen, berichtet Heinz-J&#252;rgen Ostermann, der im Ort f&#252;r die Aktion warb. Man habe schlechte Erfahrungen mit der Presse, m&#252;sse als Gesch&#228;ftsinhaber jeden Kunden bedienen, hie&#223; es. Auch kenne man solche »Stellungnahmen« aus DDR-Zeiten. »Es fehlte wohl das letzte Qu&#228;ntchen Zivilcourage«, so Ostermann, der auch zu h&#246;ren bekam, man habe keine Zeit f&#252;r Spielereien und im &#220;brigen »die Schnauze voll von dem Thema«.</p>
<p style="text-align: center;">*</p>
<p>Ostermann geh&#246;rt zu jenen gut zwei Dutzend Einwohnern, die sich ziemlich spontan zur Arbeitsgemeinschaft »Tolerantes Mahlow« zusammenfanden – auch um, wie ihr Sprecher Uwe Sch&#252;ler ziemlich unverbl&#252;mt sagt, »den Gemeinderat unter Zugzwang zu setzen«. Sie sind &#252;berwiegend aus dem fr&#252;heren Westberlin zugezogen und leiden zweifach unter der »Fremdenfeindlichkeit« manches Alteingesessenen. Zum einen sind auch sie »Fremde«, die in die lange weitgehend geschlossene Dorfgemeinschaft dicht am fr&#252;heren Grenzgebiet »eindrangen«, teils mit Alteigent&#252;merrechten , teils mit solidem finanziellem R&#252;ckhalt. Zum anderen haben diese »Neub&#252;rger« auf Grund der eigenen Sozialisation wenig Verst&#228;ndnis f&#252;r die Distanz vieler Einheimischer gegen&#252;ber Ausl&#228;ndern.</p>
<p>Die Augenoptikerin Martina Dettke ist aus Berlin-Kreuzberg gekommen und traf anfangs statt auf warmherzige Menschen auf einen »kalten Block«, wie sie formuliert. Der schmelze nur langsam, und es sei heute f&#252;r sie schon ein Kompliment, wenn einer ihr bescheinige, er h&#228;tte gar nicht gemerkt, dass sie aus dem Westen komme. Ausl&#228;nder h&#228;tten es noch schwerer, weil der Umgang mit ihnen nicht ge&#252;bt sei. Die Gruppe »Tolerantes Mahlow« wolle zu einem besseren Zusammenleben beitragen, denn nur wenn sich alle im Ort wohl f&#252;hlten, k&#228;men gute Leute her, Investoren – und die brauche Mahlow. Daf&#252;r sei die Demo mit Noël Martin ebenso gut wie das Sportfest zu Pfingsten. Auch Horst Leyer, Personalreferent bei einer gro&#223;en Firma, hofft vor allem auf die positive Au&#223;enwirkung des Martin-Besuchs. »Wir wollen, dass die &#214;ffentlichkeit sieht, es passiert etwas Positives.« Schwieriger scheint ihm die Einflussnahme auf Jugendliche mit rechtsradikaler Tendenz: »Ob wir da etwas machen k&#246;nnen, wage ich zu bezweifeln«, sagt er und l&#228;sst das weitere Wirken der nur lose gekn&#252;pften Arbeitsgruppe im Ungewissen: »Wo die Reise hingeht, wird die Kreativit&#228;t der Gruppe entscheiden.«</p>
<p>Es ist diese Unentschiedenheit, verbunden mit demonstrativem moralischem Anspruch und dr&#228;ngender Ungeduld, was das einheimische Establishment oft auf Distanz zum »Toleranten Mahlow« gehen l&#228;sst. Da werden Eigenm&#228;chtigkeiten ger&#252;gt und seine Vertreter auch schon mal als »Spinner« bezeichnet. Schlie&#223;lich habe die Gemeinde ja einiges geleistet, wie Manfred Claus aufz&#228;hlt: Ein Vereinshaus wurde geschaffen, zwei Turnhallen gebaut, zwei Sportvereine mit 1000 Mitgliedern gef&#246;rdert, dazu ein Radsportverein, ein Judobereich. Der B&#252;rgermeister spreche regelm&#228;&#223;ig mit der »Bahnhofsclique«. Ein Ausl&#228;nderbeauftragter wurde gew&#228;hlt – der in seiner zw&#246;lfk&#246;pfigen Familie zugezogene t&#252;rkischst&#228;mmige Jurastudent Mehmet Oezbek.</p>
<p>Gerade er aber hat in den letzten zweieinhalb Jahren Mahlow in allen seinen Facetten kennen gelernt. Er wurde gejagt, bedroht, beleidigt, die Geschwister verpr&#252;gelt, und alle Beschwerden halfen nichts. Erst als sie an eine Zeitung schrieben und die den Fall aufgriff, fanden sie Gespr&#228;chspartner in der Gemeinde. Seitdem ist es besser geworden, und Mehmet wurde gar Ausl&#228;nderbeauftragter. Doch dass er in dieser Funktion etwas bewegen wollte, irritierte einige im Gemeinderat schon wieder. Lange wurde ihm eine Aufstellung der in Mahlow lebenden Ausl&#228;nder unter Hinweis auf den Datenschutz verweigert. Inzwischen aber haben sie in ihm einen Kontaktpartner, der nicht nur zuh&#246;rt, sondern etwas zu &#228;ndern versucht.</p>
<p>Man kann nicht sagen, in Mahlow habe sich in den letzten f&#252;nf Jahren gar nichts getan. Zumindest hat sich so etwas wie ein labiler Status quo herausgebildet, der darauf fu&#223;t, die Tr&#228;ger fremdenfeindlichen Denkens nicht zu provozieren und dadurch von Gewaltt&#228;tigkeiten abzuhalten. So hatte die Erw&#228;gung, vielleicht die Grundschule gegen&#252;ber der Unfallstelle nach Noël Martin zu benennen, nie eine Chance. Nicht einmal eine Gedenktafel wollte man dort anbringen; dazu sei die Stelle zu schwer kontrollierbar, vielleicht am versteckten Gemeindehaus der evangelischen Kirche. Von sich aus buddelten die Leute vom »Toleranten Mahlow« am Glasower Damm gestern noch schnell eine Skulptur ein, damit Noël Martin nicht auf eine kahle Stelle schauen muss. Eskalation bef&#252;rchtet B&#252;rgermeister la Haine auch von einem Zusammentreffen der »Bahnhofsclique« mit dem Ausl&#228;nderbeauftragten, das Mehmet Oezbek seit langem vorschl&#228;gt. Und mancher wohl auch beim heutigen Besuch Noël Martins. »Man wei&#223; ja gar nicht, was da passiert«, artikuliert Claus seine Sorgen., »ob ich nach dem 16. Juni noch genau so dreinblicke, wie ich heute dreinblicke.«</p>
<p>Noël Martin wird auch heute in Mahlow ein Fremdk&#246;rper sein – zwar geduldet, vielen aber nicht willkommen. Macht er ihnen doch weiter ein schlechtes Gewissen, weil sie selbst mit sich nicht im Reinen sind.</p>
<address> (Ver&#246;ffentlicht in »Neues Deutschland« vom 16.06.2001)</address>
<p> Sechs Jahre sp&#228;ter kehrte Noël Martin noch einmal nach Brandenburg, nach Deutschland zur&#252;ck. Da wurde hier &#8211; vom Landes-Ministerpr&#228;sidenten &#8211; <a href="http://www.blogsgesang.de/2007/06/16/noel-martin-ein-leben-im-gewoehnlichen-rassismus/" target="_blank">sein Buch »Nenn es: mein Leben«</a> vorgestellt, in dem er sein Schicksal schildert. Ein Schicksal, das mit kindlichen Angsttr&#228;umen vor wei&#223;en »&#220;bermenschen« beginnt und auf einer Mahlower Landstra&#223;e beinahe endet. Ein Schicksal also, das Nichtwei&#223;en vielerorts bekannt ist, das f&#252;r sie nahezu »gew&#246;hnlich« wurde &#8211; so gew&#246;hnlich, dass der kleine Schritt von da zum Verbrechen  oft kaum noch wahrgenommen wird.</p>
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		<title>Der gew&#246;hnliche Rechtsterrorismus und seine Opfer – zum Beispiel Ravindra Gujjula</title>
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		<pubDate>Tue, 29 Nov 2011 17:36:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) Der Rechtsterrorismus sei ein neues Ph&#228;nomen, sagt Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und beweist damit nur, dass er noch immer auf dem rechten Auge blind ist. Denn Rechtsterrorismus gibt es in Deutschland seit mindestens 20 Jahren; das belegt schon die hohe Zahl seiner Opfer, die sich nach seri&#246;sen Erhebungen der Zahl 200 n&#228;hert. Es dokumentieren aber auch die fast w&#246;chentlichen martialischen Aufm&#228;rsche rechtsextremistischer Organisationen, Verb&#228;nde, »Kameradschaften« und einer legalen Neonazi-Partei<span id="more-3435"></span>, die ihre Existenz haupts&#228;chlich dem Zufluss staatlicher Mittel verdankt. Es beweisen die so genannten national befreiten Zonen in vielen Landesteilen und der Psychoterror gegen jene, die sich dem braunen Spuk mutig entgegenstellen.</p>
<p>All diese Vorg&#228;nge, die zwar (noch?) nicht im Umfang, wohl aber in der Art be&#228;ngstigend an vergleichbare Entwicklungen in den fr&#252;hen 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts in Deutschland erinnern, waren und sind allgemein bekannt. Es wurde dar&#252;ber gesprochen und geschrieben – und zugleich verharmlost und bagatellisiert. Die Opfer fanden nur selten Geh&#246;r – nicht bei der Politik, kaum in den Medien, auch nicht bei der Justiz und schon gar nicht in der Polizei und in Geheimdiensten. Dabei haben gerade sie klare und relevante Signale ausgesandt, die jedoch in aller Regel ignoriert wurden. An einige dieser Opfer, die die &#214;ffentlichkeit trotz aller Gefahren nicht scheuten, und jene wenigen, die sich solidarisch an ihre Seite stellten und sich damit Anfeindungen aussetzten, soll noch einmal erinnert werden.</p>
<p>Ravindra Gujjula ein Opfer rechter Gewalt zu nennen, mag befremden; schlie&#223;lich war er von 1994 bis 2003 B&#252;rgermeister des Brandeburger St&#228;dtchens Altlandsberg und sp&#228;ter zwei Jahre lang Abgeordneter im dortigen Landtag. Doch vor Ausgrenzung und rassistischen Angriffen sch&#252;tzte auch das nicht.</p>
<h4>Ravindra Gujjula wurde in Indien geboren und im brandenburgischen Altlandsberg B&#252;rgermeister &#8211; und wei&#223; gerade deshalb, da&#223; Ausl&#228;nder in Deutschland noch lange nicht dazu geh&#246;ren</h4>
<p><img src="http://vg06.met.vgwort.de/na/7c6f2144e7a149b192eb63ed77fbd812" alt="" width="1" height="1" /></p>
<h2></h2>
<h2>Der Pa&#223;, das Amt &#8211; und doch kein Morgenland</h2>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/11/29/der-gewohnliche-rechtsterrorismus-und-seine-opfer-zum-beispiel-ravindra-gujjula/gujjulaklein/" rel="attachment wp-att-3440"><img class="alignright size-medium wp-image-3440" title="Gujjula,klein" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/11/Gujjulaklein-300x228.jpg" alt="" width="300" height="228" /></a>Altlandsberg ist eine kleine Weltsen­sation. Aus 25 L&#228;ndern waren be­reits Journalisten und Kamera­teams in dem Flecken nord&#246;stlich Berlins, berichtet der B&#252;rgermeister. Sie kamen aus Frankreich und Italien, aus Indien und der T&#252;rkei, sogar aus El Salvador und Hongkong, auch BBC aus England und CNN aus den USA. Stolz ist Ravindra Gujjula auf solch internationale Anteilnahme an seiner brandenburgischen Kleinstadt, und er hat ein Recht dazu. Denn Altlands­berg verdankt seine Ber&#252;hmtheit vor al­lem ihm.<br />
Der Sohn eines indischen Gewerk­schaftsfunktion&#228;rs ist dort seit 1994 B&#252;r­germeister &#8211; in einer Kleinstadt ausge­rechnet jenes Bundeslandes, das fast Wo­che f&#252;r Woche Schlagzeilen damit macht, da&#223; irgendwo Ausl&#228;nder gejagt wurden, Skinheads Fremde zusammenschlugen, rechte Gewalt eskalierte. Gerade dort wird ein Dunkelh&#228;utiger und Akzentsprechen­der zum Stadtoberhaupt. Selbst die »New York Times« wundert sich: »Deutschland hat viele Gesichter.«<br />
Gujjula k&#246;nnte erg&#228;nzen: Wie Altlands­berg! Denn nat&#252;rlich prangten auch hier schon Hakenkreuze auf der mittelalterli­chen Stadtmauer. »Glatzen« tauchen hin und wieder im kleinst&#228;dtischen Bild auf, am »F&#252;hrergeburtstag« sammeln sie sich zu einer Fete und bedrohen jene, die ih­rem Bild vom »guten Deutschen« nicht entsprechen. Und erst vor einigen Wochen erhielt eine Gruppe Roma in ihrer Wohn­wagensiedlung auf einer Wiese vor den Toren Altlandsbergs unerw&#252;nschten Be­such. Eine Kolonne Autos und Motorr&#228;der brauste durchs Lager, umkreiste die 40 Wagen, einige wollen »Ausl&#228;nder raus!« geh&#246;rt haben. Da titelte die regionale Presse: »Roma versp&#252;ren tagt&#228;glich Aus­grenzung« &#8211; eine ungewohnte Schlagzeile f&#252;r Gujjula und sein Altlandsberg.<br />
In solchen Momenten f&#252;hlt sich der kleine B&#252;rgermeister mit dem Schnauz­bart etwas hilflos. »Wir leben hier nicht auf einer Insel der Seligen«, sagt er dann fast ein wenig schuldbewu&#223;t. Und er be­richtet von anonymen Anrufen, b&#246;sen Briefen, die er an bestimmten symboli­schen Tagen oder nach einem Fernseh­auftritt &#8211; neben viel Zuspruch &#8211; erh&#228;lt. Einmal trat ihm auch einer in den Weg: »Du hast &#252;ber Deutschland Schande ge­bracht!« Zwar glaubt er nicht, da&#223; es Altlandsberger sind, die ihn da beschimpfen, denn 1994 w&#228;hlten ihn immerhin 66 Pro­zent und vier Jahre sp&#228;ter gar 81 Prozent ins B&#252;rgermeisteramt, aber er wei&#223; auch, da&#223; bei der Bundestagswahl vorigen Herbst rechte Parteien im Ort zusammen auf &#252;ber f&#252;nf Prozent kamen und j&#252;ngst bei der Europawahl die Republikaner 2,2 und die NPD 1,2 Prozent erreichten.</p>
<p style="text-align: center;">*</p>
<p>Rene Koht, erster Altlandsberger B&#252;rger­meister nach der Wende, jetzt CDU-Frak­tionsvorsitzender in der Stadtverordne­tenversammlung und zweimal klar un­terlegener Konkurrent Gujjulas bei der B&#252;rgermeisterwahl, orakelt gar: »Hof­fentlich gibt es nicht eines Tages ein b&#246;ses Erwachen, wie in Guben.« Denn viele ou­teten sich nicht als Rechte, allenfalls nach einem tiefen Blick ins Bierglas. Immerhin h&#228;tten bei ihm einige Leute, »die ich mir &#252;berhaupt nicht als Sympathisanten der CDU vorstellen konnte«, angerufen, um bei der Kampagne gegen eine doppelte Staatsb&#252;rgerschaft zu unterschreiben. »&#214;ffentlich praktiziert« habe die CDU die Unterschriftensammlung in Altlandsberg nicht, denn: »Man nimmt R&#252;cksicht auf den B&#252;rgermeister.« Es klingt besorgt, wenn Koht Verdr&#228;ngung beklagt: »Die Deutschen haben ein Problem mit ihrer Geschichte.« Und zur Erkl&#228;rung von der »Bubis-Keule« spricht, deretwegen be­stimmte Dinge nicht offen angesprochen werden. Es schwingt aber auch Bedauern mit, denn letztlich profitiere Gujjula da­von; »mit einem Deutschen« w&#252;rde man sich zum Beispiel im Wahlkampf sch&#228;rfer auseinandersetzen.</p>
<p>Deutscher ist Gujjula seit 1993, in Alt­landsberg lebt er jedoch schon seit 1982. Der heute 45j&#228;hrige kam 1973 in die DDR, um Medizin zu studieren. Nach seiner Ausbildung an der Charite arbeitete er in der Inneren Abteilung des Kreiskranken­hauses in Altlandsberg, wurde Facharzt. Er schrieb an den damaligen DDR-Ge­sundheitsminister, um ihn &#252;ber &#252;ber un­haltbare Zust&#228;nde in der Klinik zu infor­mieren. Mecklinger kam tats&#228;chlich, doch es &#228;nderte sich nichts. Dann wollte der junge Arzt auf der Liste des FDGB bei den Kommunalwahlen 1989 kandidieren, aber da es au&#223;er ihm in Altlandsberg keine Ausl&#228;nder gab, hielt der Kreiswahl­leiter das f&#252;r verfehlt. Jetzt schrieb Gujjula an Honecker und Krenz &#8211; und wurde kurz darauf entlassen. Erst in den letzten Tagen der DDR, als die Fluchtwelle gen Westen die &#196;rzteschaft stark dezimiert hatte, wurde er wieder eingestellt.</p>
<p>All das trug zur Glaubw&#252;rdigkeit des B&#252;rgers Dr. Gujjula im kleinen Altlands­berg bei, der sich hier nach der Wende als frei praktizierender Arzt niederlie&#223;. Ihm half wohl auch, da&#223; er trotz seiner Erfah­rungen vor 1989 nicht in eine Opfer-Atti­t&#252;de verfiel. »Die Erinnerung an die DDR m&#246;chte ich nicht missen«, sagt er noch heute. Was er damals gut fand, mache er nicht nachtr&#228;glich schlecht. Und damalige Fremdenfeindlichkeit? Er blickt ver­st&#228;ndnislos: »Die gab es mit Sicherheit nicht!« Noch 1990, bei der Wiederholung der annulierten Kommunalwahlen des Vorjahres, profitierte er vom DDR-Recht und wurde als Ausl&#228;nder ganz selbstver­st&#228;ndlich ins Altlandsberger Stadtparla­ment gew&#228;hlt. Vier Jahre sp&#228;ter lie&#223; es das inzwischen aus dem Westen &#252;ber­kommene Wahlrecht nicht mehr zu, dass er f&#252;r das B&#252;rgermeisteramt kandidierte. Er mu&#223;te die indische Staatsb&#252;rgerschaft ablegen, um die deutsche zu bekommen -einer der Gr&#252;nde, warum er sich so sehr f&#252;r ein neues Staatsb&#252;rgerschaftsrecht engagiert.</p>
<p>Im Fr&#252;hjahr 1998, also lange bevor es parlamentarische Mehrheiten f&#252;r neue gesetzliche Regelungen dazu gab, setzte er sich mit einigen Gleichgesinnten zusam­men und gr&#252;ndete die »Altlandsberger Initiative«, die f&#252;r die Erleichterung der Einb&#252;rgerung von Ausl&#228;ndern warb und zugleich die B&#252;rger Brandenburgs zu mehr Engagement gegen Fremdenhass und Gewalt aufforderte. Viele Prominente unterzeichneten damals das Papier: Mini­sterpr&#228;sident Manfred Stolpe, die Minister Hildebrandt, Reiche, Peter, auch Bisky und Kutzmutz von der PDS. Nun gibt es ein neues Gesetz, aber Gujjula ist nicht zufrieden. »Es ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung, aber nicht ausrei­chend«, sagt er und bedauert, da&#223; die SPD, der er 1998 beitrat, nicht mehr getan hat, um die B&#252;rger f&#252;r das Projekt zu ge­winnen. »Solange man nicht die Mehrheit der B&#252;rger hat, erreicht man nichts.«</p>
<p style="text-align: center;">*</p>
<p>Also muss er diese Mehrheit immer wieder gewinnen, auch in Altlandsberg mit sei­nen viereinhalbtausend Einwohnern. Die h&#228;tten gern einen privaten Wachdienst zu ihrer Sicherheit, doch Gujjula hat lieber den Bau einer gro&#223;en Mehrzweckhalle durchgesetzt; sie soll den zahlreichen Sportgruppen eine Trainingsm&#246;glichkeit bieten. Manche sagen, damit seien die j&#228;hrlich sechsstelligen Unterhaltungsko­sten nicht hereinzuholen. Zwar mu&#223; auch Rene Koth einr&#228;umen, da&#223; der B&#252;rger­meister das Geld f&#252;r den Bau zusammen­gebracht hat, aber: »Solch ein Projekt ist keine Pflichtaufgabe der Gemeinde. Es gibt kein Betriebskonzept. Keiner wei&#223;, wie es k&#252;nftig zu bezahlen ist.« Der Grafi­ker Johannes Niedlich, als Einzelkandidat in das Stadtparlament gew&#228;hlt, spricht gar von »Populismus«, nachdem er sich zuvor noch &#252;ber herumlungernde Ju­gendliche im Ort beklagt hatte. Gerade die aber k&#228;men von der Stra&#223;e, verteidigt Helmut Friske den Bau. Der pensonierte Pfarrer sieht darin eine Investition f&#252;r die Jugend: »Sie wird besch&#228;ftigt, kommt im Sport, beim Tanzen mit Ausl&#228;ndern zu­sammen.« Er leugnet die finanzielle Bela­stung nicht, doch sei sie durch die Vorteile gerechtfertigt.</p>
<p>Wenn es um solche kommunalen Ange­legenheiten geht, m&#246;chte Ravindra Guj­jula ein ganz normaler B&#252;rgermeister sein, der »nur ein bi&#223;chen anders aus­sieht«. Inzwischen wei&#223; er, da&#223; er es doch nicht kann &#8211; und letztlich auch nicht will. Im Winter fuhr er ins s&#228;chsische Zittau, mit einem Kamerateam, dem er als Demonstrationsobjekt diente. Mit einer schwarzen Pudelm&#252;tze auf dem Kopf trat er an ein Taxi heran &#8211; und h&#246;rte ein hartes Nein-. »Ich fahre Sie nicht.« Es half keine Diskussion, kein Hinweis auf seinen deut­schen Pa&#223;, da&#223; er Arzt sei, nichts. Die Ta­xifahrer schilderten unverbl&#252;mt ihre Er­fahrungen mit Bundesgrenzschutz, Poli­zei, Gerichten, die sie sofort der Kompli­zenschaft mit illegal Eingereisten bezich­tigen, wenn sie jemanden bef&#246;rdern, der »ein bi&#223;chen anders aussieht«.</p>
<p>F&#252;r den promovierten Arzt war es eine schlimme Erfahrung, mitten in Deutsch­land ein Nichts zu sein, nur seiner dunklen Hautfarbe und seiner akzentuierten Spra­che wegen. Ob beim stellvertretenden Landrat, am Polizeiwagen, vor BGS-Be­amten &#8211; nirgends wurde er akzeptiert, ernst genommen, allenfalls f&#246;rmlich be­handelt, mitunter gar verh&#246;hnt und zwi­schendurch auch schon mal unvermittelt geduzt. Unangenehm sei kein Ausdruck daf&#252;r, sagte er, es war viel schlimmer. Dr. Gujjula sch&#228;mte sich &#8211; f&#252;r Deutsche, die ja nun seine Landsleute sind.</p>
<p>Solche Aktionen finden in Altlandsberg ein geteiltes Echo, auch wenn keiner offen Kritik &#252;bt. Allenfalls:  Er hat sich l&#228;cherlich gemacht. Zumeist: Er ist zuviel unterwegs, k&#252;mmert sich nicht genug um die Stadt. Die Leute beschreiben ihn zwar als dr&#228;n­genden, oft ungeduldigen, viel selbst auf den Weg bringenden Mann. Er hat auch einiges zustande gebracht, das ist in Ord­nung. Doch was hat Altlandsberg von sei­nem Einsatz f&#252;r Ausl&#228;nder? »Wenn man als Dorfb&#252;rgermeister die M&#246;glichkeit hat, ins amerikanische Fernsehen zu kom­men, dann mu&#223; auch etwas f&#252;r den Ort herausspringen«, klagt Koht. Kein Inve­stor habe sich gemeldet.</p>
<p>In der Stadt m&#252;ssten Ausl&#228;nder nichts bef&#252;rchten. Den beiden Vietnamesen mit ihrer Imbi&#223;bude auf dem Markt standen die Altlandsberger sogar mit einer Unter­schriftensammlung bei, als sie ausge­rechnet der B&#252;rgermeister der &#196;sthetik wegen in eine Seitengasse verbannen wollte. Hier sei es schlie&#223;lich nicht wie in Kreuzberg, sagt Lothar Struwe, Stadtver­ordneter der W&#228;hlergemeinschaft »B&#252;r­ger f&#252;r Altlandsberg« befriedigt. »Die Ausl&#228;nder f&#252;gen sich ein, sie akzeptieren, was in der Stadt passiert. Wenn ich andere in Ruhe lasse, l&#228;&#223;t man auch mich in Ruhe.« Das PDS-Mitglied steht zu Gujjula: »Er ist schon so lange hier, da wird er gar nicht mehr zur Kategorie Ausl&#228;nder ge­z&#228;hlt.«</p>
<p style="text-align: center;">*</p>
<p>Was dem einen zuviel ist, kann f&#252;r den an­deren nie genug sein. F&#252;r die Branden­burger SPD ist Gujjulas Engagement f&#252;r Toleranz und Verst&#228;ndnis geradezu ein Geschenk des Himmels. Ihr junges Mit­glied spricht auf Foren, bereichert wis­senschaftliche Kongresse mit seiner An­wesenheit und konnte gar als SPD-Wahlmann &#252;ber die Person des neuen Bundes­pr&#228;sidenten mitbestimmen. Immer, wenn die harten Tatsachen zu allzu ung&#252;nstigen Schlagzeilen f&#252;r das Land f&#252;hren, erinnert man sich in Potsdam an den Altlandsberger B&#252;rgermeister. Dann zeigt man auf ihn und seine Karriere und kann sagen: Es gibt nicht nur das b&#246;se Brandenburg, sondern auch noch ein anderes.</p>
<p>Er l&#228;&#223;t es geschehen, wenn er damit et­was bewirken kann, l&#228;&#223;t sich benutzen, um selber benutzen zu k&#246;nnen. Allerdings nicht um jeden Preis. So trat er zur letzten Wahl nicht als SPD-Mitglied, sondern als Einzelkandidat an, und k&#252;rzlich, als die Sozialdemokraten ihre Landtagskandi­daten aufstellten, war er mit dem ihm vom Landesvorstand zugewiesenen aus­sichtslosen Listenplatz unzufrieden. Er forderte einen sicheren Kandidaten her­aus, ausgerechnet den Landesgesch&#228;fts­f&#252;hrer Klaus Ness. Das brachte die Zen­trale ins Dilemma. Nat&#252;rlich sollte der Funktion&#228;r gewinnen, aber doch das »Symbol« nicht verlieren. Gujjula wider­stand all jenen Beredsamen, die ihn von seinem Entschluss abbringen wollten. »Ich habe keinen Respekt vor jemand, der ihn nicht verdient«, begr&#252;ndete er seine Ent­scheidung &#8211; und stand am Ende nicht al­lein. 58 der 150 Delegierten sahen es &#228;hn­lich wie er; nur knapp kam Ness &#252;ber die H&#252;rde. »Nat&#252;rlich h&#228;tte ich gern gewon­nen, aber auch so konnte ich mit erhobe­nem Haupt aufstehen.«</p>
<p>Als der Student Ravindra Gujjula einst in die DDR kam, war das aus indischer Sicht ein Abendland, wenngleich mit der Verhei&#223;ung der Morgenr&#246;te. Sie erf&#252;llte sich nicht, und was blieb, ist harte Arbeit f&#252;r ein vern&#252;nftiges Zusammenleben. Dr. med. Gujjula wei&#223; inzwischen, wie weit der Weg noch ist. Zwar verdr&#228;ngt er gele­gentliche Angst um die eigene Person, aber wenn seine Tochter Prya (Liebe) und der Sohn Rico (Friedensf&#252;rst) zur Disco gehen, d&#252;rfen sie nicht allein nach Hause fahren. Dann holt sie der Vater mit dem Auto ab. Wie lange noch mag er Liebe und Frieden nicht trauen?</p>
<address>(Ver&#246;ffentlicht in »Neues Deutschland« vom 17.07.1999)</address>
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		<title>Der gew&#246;hnliche Rechtsterrorismus und seine Opfer – zum Beispiel Martin Agyare</title>
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		<pubDate>Mon, 28 Nov 2011 22:23:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) Der Rechtsterrorismus sei ein neues Ph&#228;nomen, sagt Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und beweist damit nur, dass er noch immer auf dem rechten Auge blind ist. Denn Rechtsterrorismus gibt es in Deutschland seit mindestens 20 Jahren; das belegt schon die hohe Zahl seiner Opfer, die sich nach seri&#246;sen Erhebungen der Zahl 200 n&#228;hert. Es dokumentieren aber auch die fast w&#246;chentlichen martialischen Aufm&#228;rsche rechtsextremistischer Organisationen, Verb&#228;nde, »Kameradschaften« und einer legalen Neonazi-Partei<span id="more-3399"></span>, die ihre Existenz haupts&#228;chlich dem Zufluss staatlicher Mittel verdankt. Es beweisen die so genannten national befreiten Zonen in vielen Landesteilen und der Psychoterror gegen jene, die sich dem braunen Spuk mutig entgegenstellen.</p>
<p>All diese Vorg&#228;nge, die zwar (noch?) nicht im Umfang, wohl aber in der Art be&#228;ngstigend an vergleichbare Entwicklungen in den fr&#252;hen 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts in Deutschland erinnern, waren und sind allgemein bekannt. Es wurde dar&#252;ber gesprochen und geschrieben – und zugleich verharmlost und bagatellisiert. Die Opfer fanden nur selten Geh&#246;r – nicht bei der Politik, kaum in den Medien, auch nicht bei der Justiz und schon gar nicht in der Polizei und in Geheimdiensten. Dabei haben gerade sie klare und relevante Signale ausgesandt, die jedoch in aller Regel ignoriert wurden. An einige dieser Opfer, die die &#214;ffentlichkeit trotz aller Gefahren nicht scheuten, und jene wenigen, die sich solidarisch an ihre Seite stellten und sich damit Anfeindungen aussetzten, soll noch einmal erinnert werden.</p>
<p>Die Geschichte von Martin Agyare machte 1994 erstmals Schlagzeilen, als er schwer verletzt an einer Bahnstrecke gefunden wurde und sich herausstellte, dass ihn Skinheads verpr&#252;gelt und aus dem Zug geworfen hatten. Sp&#228;ter fand seine Aufnahme bei der Belziger Familie Schr&#246;der weite Beachtung, doch schon im November 1997 musste von einem erneuten rechtsterroristischern Angriff auf ihn berichtet werden. Ein Leben in st&#228;ndiger Gefahr &#8230;</p>
<h2>Schr&#246;ders fremder Sohn weckt die deutsche Provinz</h2>
<p><img src="http://vg06.met.vgwort.de/na/b410cadf563a40458a83ab543d1eae38" alt="" width="1" height="1" /></p>
<h5>Die Odyssee des Ghanesen Martin Agyare ist in Beizig noch nicht zu Ende, aber in der brandenburgischen Kleinstadt hat man immerhin begonnen, sich gegen  Fremdenfeindlichkeit und Gewalt zu bekennen.</h5>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/11/28/der-gewohnliche-rechtsterrorismus-und-seine-opfer-zum-beispiel-martin-agyare/rechte6-001/" rel="attachment wp-att-3378"><img class="alignright size-full wp-image-3378" title="Rechte6 001" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/11/Rechte6-001-e1322571445181.jpg" alt="" width="275" height="167" /></a>Bis dahin waren die Schr&#246;ders eigentlich nicht besonders auf­gefallen. Sie ist Altenpflegerin. arbeitet in einem Heim mit Schwerstbehinderten in Beizig im brandenburgischen Kreis Potsdam-Mittelmark. Er ist Kraftfahrer, mal mit einem Gelegenheitsjob. mal arbeitslos. F&#252;r beide ist es die zweite Ehe. In die Petra Schr&#246;der zwei Kinder mitbrachte. Als das erste, ein M&#228;dchen, geboren wur­de, war gerade der Schlager »Pretty Be­linda« In aller Ohr; also hei&#223;t die heute 18-j&#228;hrige Tochter Belinda. Auch der ein Jahr j&#252;ngere Sohn Pascal erhielt einen Namen, hinter dem sich vielleicht heim­liche Sehns&#252;chte nach der gro&#223;en weiten Welt verbergen.</p>
<p>Die Schr&#246;ders wuchsen in der DDR auf. Sie stammt aus aem katholischen Eichsfeld und ging doch zur Jugendweihe, Sie fand den Beruf einer Krankenschwester sch&#246;n und wurde Laborassistentin &#8211; weil der Vater f&#252;r die Tochter das Beste wollte: einen saueren Arbeitsplatz, geregelte Arbeitszeit wenig Stress. Sie setzte aus, als die Kinder klein waren. Als diese in die Schule kamen, fing sie wieder an. nun doch im Pflegeheim. Der schwere Job ret­tete sie &#252;ber die Wendewirren; heute ver­dient vor allem Petra Schr&#246;der das Geld der Familie.</p>
<p>Dabei hatte Ralf Schr&#246;der sogar ein Fachschulstudium gemacht, das aber in der neuen Bundesrepublik nicht aner­kannt wurde. In der DDR war er zuletzt Fuhrparkleiter. heute schl&#228;gt er sich recht und schlecht durch. Es ist nicht leicht f&#252;r ihn, nur »f&#252;r ein Taschengeld zu arbeiten und nicht f&#252;r den ehelichen Zugewinn«.</p>
<p>Bis vor kurzem wohnten Schr&#246;ders in zwei und zwei halben Zimmern. 69 Qua­dratmeter gro&#223;, in einer Beiziger Plat­tenbausiedlung. Nichts ist auff&#228;llig an ih­nen, nichr die M&#246;bel, nicht die Kleidung, nicht die Nippes in der Schrankwand, nicht die Trockenblumen an den W&#228;nden. Eine Familie wie Millionen andere im Land, nicht &#252;berm&#228;&#223;ig gl&#252;cklich, aber es l&#228;sst sich aushalten. Sie st&#246;rten keinen und wurden nicht gest&#246;rt. So h&#228;tte es bleiben k&#246;nnen, und niemand h&#228;tte das den Schr&#246;ders &#252;bel genommen. Ganz in Gegenteil.</p>
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<p>Aber eines Tages lasen sie in der Zeitung, dass sechs junge Leute &#8211; vermutlich Skins, aber Genaues wei&#223; man nicht, denn sie sind bis heute nicht gefunden &#8211; in der Berliner S-Bahn einen Afrikaner be­schimpften, auf ihn einschlugen und -sta­chen und schlie&#223;lich aus dem fahrenden Zug warfen. Schwerverletzt wurde Mar­tin Agyare In der N&#228;he von Hohen Neu­endorf gefunden. Er hatte einen Sch&#228;­delbruch und Stichverletzungen; ihm mussten der linke Unterschenkel und zwei Zehen des rechten Fu&#223;es amputiert wer­den. Das lasen Schr&#246;ders &#8211; wie Tausende andere auch. Sie hatten &#196;hnliches schon h&#228;ufig gelesen, denn &#220;berf&#228;lle auf Aus­l&#228;nder waren In Brandenburg und an­derswo 1994 schon lange keine Selten­heit mehr. Viele m&#246;gen erschrocken sein ob der Brutalit&#228;t dieser Tat, m&#246;gen den Kopf gesch&#252;ttelt haben &#8211; um dann doch nur hilflos die Schultern zu zucken, mit jenem entlastendem Gedanken von Hun­derttausenden im Hinterkopf: Einer allein kann ja doch nichts machen.</p>
<p>Schr&#246;ders entschlossen sich, Martin Agyare im Krankenhaus zu besuchen. Sie brauchten drei Tage, um zu erfahren, wo er lag, noch l&#228;nger, um die Geneh­migung daf&#252;r zu erhalten. Dann standen sie an seinem Krankenbett. »Da lag ein Fleischklumpen. total zusammengerollt«, erinnert sich Frau Schr&#246;der, »mit Augen wie ein Mensch ohne Seele.« Martin war eingesch&#252;chtert und ver&#228;ngstigt. Er be­griff nicht, was die vielen Menschen woll­ten, die ihn pl&#246;tzlich besuchten. In der S-Bahn waren 15 Augenzeugen gewesen, von denen ihm keiner geholfen hatte, kei­ner sich sp&#228;ter bei der Polizei meldete. Jetzt aber sa&#223;en wildfremde Leute auf seinem Bettrand und bemitleideten ihn, einige auch sich selbst. Wollten sie ihm helfen &#8211; oder sich? Als Schr&#246;ders beim Gehen fragten, ob sie wiederkommen d&#252;rften, nickte er dennoch, Er war allein in einem fremden Land.</p>
<p>Martin Agyare war 1992 aus Ghana geflohen, weil er Flugbl&#228;tter gegen den Milit&#228;rmachthaber Rawlings verfasst und verteilt hatte, sich oppositionell bet&#228;tigte. Gleichwohl wurde sein Asylantrag zwei­mal abgelehnt; ihm drohte die Abschie­bung &#8211; auch jetzt noch, mit seiner schwe­ren Verletzung. Als er nach fast zwei Mo­naten Im Dezember 1994 das Kranken­haus verlassen konnte, kam er erst bei einem Freund, dann bei einer Bekannten unter. Sie konnten ihm, der erst wieder gehen lernen musste, der auch psycholo­gische Betreuung brauchte, kaum helfen. Da war f&#252;r Schr&#246;ders klar, dass sie sich nicht einfach verabschieden konnten. Sie hatten Martin an jedem Wochenende be­sucht, schon war er f&#252;r sie wie ein Sohn, ein Bruder, Und er hoffte auf sie. Die &#8211; anders als die meisten &#8211; immer wieder­gekommen waren. »Wir konnten doch nicht zusehen«, sagt Petra Schr&#246;der, »wie er wieder auf die Stra&#223;e gesetzt wird oder sich mit seiner Prothese im Ausl&#228;nder­heim durchschlagen muss.«</p>
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<p>Die Probleme in der kleinen Wohnung l&#246;sten sie schnell: Belinda gab ihr Zimmer ab. zog mit ins elterliche Schlafzimmer. Man organisierte f&#252;r den ganzen Tag Martins Betreuung, trainierte mit ihm stundenlang das Gehen, den Gebrauch der ungewohnten Prothese. Man wollte ihm seelische Hilfe, ein St&#252;ck Geborgen­heit geben, damit er &#252;ber sich spricht und auch wieder lachen lernt. F&#252;r Schr&#246;­ders etwas Normales, f&#252;r viele ihrer Mit­b&#252;rger nicht&#8230;</p>
<p>Wenn Frau Schr&#246;der oder die Tochter mit Martin Agyare durch die Stra&#223;en gin­gen, bewegten sich erst die Gardinen, dann wechselte man die Stra&#223;enseite. Be­kannte sahen weg und gr&#252;&#223;ten nicht, hat­ten keine Zeit mehr f&#252;r Schr&#246;ders. Sp&#228;ter &#252;berwand die »schweigende Mehrheit« ihre Sprachlosigkeit. »Ich bin wohl im falschen Film«, hie&#223; es erst, dann deutli­cher; »Nigger!«, »Bimbo!«, »Nigger-Schr&#246;der!«, »Nigger-Hure!« Am Telefon drohte einer: »Euch bringen wir um, wir kriegen euch!«</p>
<p>Besonders hatten die Kinder zu leiden. Sie wurden in der Schule verh&#246;hnt, be­spuckt, man sch&#252;ttete Ihnen die Tasche aus, provozierte Pr&#252;geleien. Einige we­nige spielten sich besonders auf, aber von den anderen half ihnen kaum einer. Selbst Lehrer standen nicht selten dabei und schauten weg. Direktor Gerd Ulbrich verwies wenigstens den gewaltt&#228;tigsten Rechten von der Gesamtschule. Obwohl Belinda und Pascal gute Sch&#252;ler waren, wollten sie die Schule nach der achten Klasse verlassen. Viele Gespr&#228;che zu Hause machten ihnen klar, dass das eben­sowenig eine L&#246;sung war wie die kurzzeitig erwogene »Flucht« der gesamtcn Familie zu einer Freundin am Rodensee. Dcutsche Provinz Ist nicht nur in Belzig; sie kamn &#252;berall sein.</p>
<p>Schr&#246;ders schien in der Kleinstadt ein Leben als »Fremde« wegen ihres frem­den Sohns vorgezeichnet. Solidarit&#228;t, Hil­fe erfuhren sie fast nur von anderen »Fremden«, den Bewohnern des Asylbewerberheims. vor allem bosnischen Fa­milien, und jenen, die diese betreuten. Gegen viele Widerst&#228;nde organisierten sie eine Ausbildung f&#252;r Martin, Sie legten sich ein dickes Fell zu, h&#246;rten weg bei den dummen Spr&#252;chen. Sie verdr&#228;ngten ihre Angst und waren doch st&#228;ndig auf der Hut, denn Schutz gab es f&#252;r sie in Belzig nicht. Weder Stadtverwaltung noch Parteien im Ort traten an ihre Seite. Belzig ging es um seinen Ruf als »staatlich anerkannter Kurort«, um sein Image als Touristenziel &#8211; da wollte man doch lieber alles verschweigen, was das gesch&#246;nte Bild h&#228;tte verd&#252;stern k&#246;nnen.</p>
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<p>»Beharrliches Schweigen jedoch er&#246;ffnet neofaschistischen Strukturen neue M&#246;g­lichkeiten.« Was Belzig nicht wahrhaben wollte, stand Im Mai 1997 im lokalen »Fl&#228;ming-Echo« &#8211; wohl eine Art Hilferuf. Denn in dem »Leserbrief« eines »B. B&#252;r­ger, Berlin« ging es schon gar nicht mehr um Martin Agyare. Es ging um nationa­listische Plakate. Aufkleber, anderes Propagandamaterial, das immer h&#228;ufiger in Belzig auftauchte. Es ging um von Rech­ten provozierte Schl&#228;gereien in und um die Kreisstadt, das demonstrative Zeigen des Hitlergru&#223;es beim mittelalterlichen Spektakel auf der nahen Burg Eisenhart, um das Schwenken der Hakenkreuzfahne am 20. April vor dem Jugendzentrum »Pogo« und anderes mehr. »Belzig, du hast eine Neonaziproblem, und niemand soll sagen, er h&#228;tte es nicht gewu&#223;t«, schlo&#223; der Briefschreiber.</p>
<p>Es dauerte dennoch weitere Monate, bis ein Echo von den angesprochenen Stadtpolitik kam. Vielleicht lag es daran. da&#223; Belzig nun ausdr&#252;cklich im bran­denburgischen Yerfassungsschutzbericht als Scherpunkt rechtsextremistischer, gewaltbereiter Jugendcliquen genannt wurde. Und vielleicht war es auch kein Zufall, da&#223; B&#252;rgermeister Peter Kiep erst im Urlaub sein mu&#223;te, ehe sich sein Stell­vertreter Martin Kunze entschlo&#223;, den Stadtverordneten diesen Brief noch ein­mal vorzulesen und zu fragen; Was tun wir dagegen? Kiep hatte bis dahin alle Signale konsequent ignoriert &#8211; selbst dann noch, als er mit Rechten im »Pogo« grillte und diese dabei schon einschl&#228;gige Aufn&#228;her auf ihren Jacken hatten.</p>
<p>Nun aber suchte man sich Verb&#252;ndete &#8211; Carola Stabe von der Regionalen Ar­beitsstelle f&#252;r Ausl&#228;nderfragen (RAA), die mobile Sondereinheit der Brandenburger Polizei und alle, die in Beizig irgendwie betroffen sind: Schuldirektoren, Sport­vereine, Sozialarbeiter, Kirchen, Partei­en. Sie informierten sich zun&#228;chst bei einer ersten Zusammenkunft gegenseitig &#252;ber die Situation, ein wichtiger Einstieg, wie Ordnungsamtsleiter Frank Friedrich findet. »Ich habe mir jedenfalls danach erst einmal die Sachen meines Sohnes angeguckt, ob vielleicht auch er be­stimmte Nazi-Symbole tr&#228;gt, die auf den ersten Blick nicht als solche zu erkennen sind.«</p>
<p>Es folgten eine weitere Beratung und dann ein &#246;ffentliches Forum, zu dem 120 Leute kamen &#8211; Rechte und Linke. Alte und Junge, Betroffene und Neugierige. Auch Schr&#246;ders waren dabei, und alle redeten sich ihren jeweiligen Frust von der Seele. Kahlk&#246;pfige Jugendliche br&#252;ll­ten immer wieder dazwischen, r&#252;lpsten und provozierten, bis einer ihnen den Rausschmi&#223; androhte &#8211; und die Mehrheit applaudierte. Dann meldeten sie sich pl&#246;tzlich brav. Auch Friedrich und ande­re begriffen nun. was die Schr&#246;ders schon lange wu&#223;ten: Man darf sich nicht alles gefallen lassen. Zum Schlu&#223; erkl&#228;r­ten sich immerhin einige Leute bereit, in speziellen Arbeitskreisen t&#228;tig zu sein.</p>
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<p>Martin Agyare war zu diesem Zeitpunkt bereits das zweite Mal &#252;berfallen worden, im Regionalzug zwischen Wannsee und Belzig. Diesmal aber hatte er eine Gaspi­stole in der Tasche und wehrte sich. Cou­ragiertes Bahnpersonal alarmierte die Polizei. Die T&#228;ter wurden gefa&#223;t und vor Gericht gestellt. Man darf sich nicht alles gefallen lassen. Auch in Belzigs »schwei­gender Mehrheit« begann sich etwas zu regen; man wollte die Stadt nicht den rechtsextremistischen Kriminellen &#252;ber­lassen. Im Mai stellte sich der Arbeits­kreis Information des Forums gegen Rechtsextremismus und Gewalt auf dem Marktplatz vor, organisierte seitdem mehrere Veranstaltungen, und er&#246;ffnete im September in Belzigs Hauptstra&#223;e ein Info-Café. Gleichgesinnte gegen Rechts k&#246;nnen das nun mit einem Anstecker de­monstrieren &#8211; einem kleinen roten Win­kel, der seither mehr als 1000mal ver­kauft wurde. »Wir sagen auch den Aus­l&#228;ndern, da&#223; sie sich an jene mit dem roten Winkel wenden k&#246;nnen, wenn sie sich in Gefahr sehen«, erz&#228;hlt Petra Schr&#246;der, die mit ihren Kindern zu den aktivsten Mitgliedern des Forums geh&#246;rt Die Gesamtschule besch&#228;ftigte sich in ei­ner Projektwoche unter dem Motto »Mit­einander leben« intensiv mit der Ausl&#228;n­derproblematik. Sogar eine Besch&#228;fti-gungsinitiative soll ins Leben gerufer werden, bei der sich Jugendliche rechter wie linker Gesinnung gemeinsam um die Sanierung eines alten Hauses k&#252;mmern.</p>
<p>Aber der Weg ist noch weit. Zwar haben die gewaltt&#228;tigen &#220;bergriffe nachgelassen, trauen sich die Asylbewerber an Rande der Stadt schon mal, ihre Unterk&#252;nfte zu verlassen und mit Belzigern zu reden. Die Polizei reagiert schneller auf rechte Schmierereien. Aber nachts, in Schutze der Dunkelheit, lebt der Ungeist noch. Schon zwei Wochen nach Er&#246;ffnung des Info-Cafés flog ein gro&#223;er Feldstein durchs Fenster. Eine Woche sp&#228;ter wurde das andere Fenster mit Kn&#252;ppeln eingeschlagen. Frank Friedrich, der auch Vorsitzender des Vereins »Info-Café« ist, musste erkennen, dass erste Erfolgserlebnisse, so wichtig sie sind, noch nicht das Ende des Kampfes bedeuten. Es ist gut, dass Martin Agyare inzwischen allein durch die Stra&#223;en geht. Wann er das auch ohne Angst und ohne Waffe tun kann, h&#228;ngt weniger von ihm als von uns allen ab.</p>
<address>(Ver&#246;ffentlicht in »Neues Deutschland« vom 24.10.1998 und <a href="http://www.ifex.org/international/1999/03/19/ifjprize_99_a_celebration_of_tolerance/" target="_blank">im Jahre 1999 mit dem Preis f&#252;r Toleranz des Internationalen Journalistenverbandes ausgezeichnet</a>.)</address>
<p> Damit aber war die Geschichte noch l&#228;ngst nicht zu Ende. Immer wieder kehrte rechter Terror nach Belzig zur&#252;ck &#8211; auch weil viele B&#252;rger Rechtsextremen eher Toleranz entgegenbrachten als deren Gegnern.</p>
<h5>Ausl&#228;nderfeindlichkeit</h5>
<h2>An schmucken Mauern zerschellte eine Brandflasche</h2>
<h4>Schmerzhaft erf&#228;hrt Beizig, dass der Kampf gegen Rechtsextremismus und Gewalt nie zu Ende ist</h4>
<h5><strong>Im Vorjahr wurde das Belziger »Forum gegen Rechtsextremismus und Gewalt« mit dem Theodor-Heuss-Preis ausge­zeichnet. Doch im Mai dieses Jahres kam ein b&#246;ses Erwachen: Rechtsextreme Jugendliche aus Belzig ver&#252;bten einen Brandanschlag auf die Wohnung einer vietnamesischen Familie.</strong></h5>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/11/28/der-gewohnliche-rechtsterrorismus-und-seine-opfer-zum-beispiel-martin-agyare/rechte8-001/" rel="attachment wp-att-3379"><img class="alignleft size-medium wp-image-3379" title="Rechte8 001" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/11/Rechte8-001-300x193.jpg" alt="" width="300" height="193" /></a>B&#252;rgermeister Peter Kiep ist gewiss ein redlicher Mann. Er erz&#228;hlt von jener Gruppe Jugendlicher, die er eines Abends durch seine Stadt rennen sah und die er fragte, was das solle, was da los sei. Sie stutzten und suchten nach einer Antwort. W&#228;hrenddessen konnte &#8211; wie Kiep erst sp&#228;ter erfuhr &#8211; sich ihr Opfer, ein Inder, in Sicherheit bringen. Kiep will damit nicht renommieren, meint aber doch, dass ihm pers&#246;nlich Zivilcourage nicht abzusprechen ist. Und deshalb st&#246;rt es ihn, wenn Fernsehleute aus einem langen Gespr&#228;ch vor der Kamera &#252;ber den j&#252;ngsten Brandanschlag auf die Wohnung einer vietnamesischen Familie fast nur jenen einen Satz zitieren: »Es muss irgend­einen Grund gehabt haben.« Vermutung einer m&#246;glichen Provokation durch die Opfer.</p>
<p>Nat&#252;rlich hat Kiep den Anschlag verur­teilt, doch in seiner Wortwahl klang das eher nach einem Werben um Nachsicht. Von »Unliebsamkeiten«, die hin und wie­der auch in Belzig passierten, war da die Rede, von »ein paar P&#252;nktchen, wo auch der Name Belzig auftaucht, «kleinen Ausbr&#252;chen eines Vulkans«, der sich letztlich &#252;ber ganz Europa erstreckt. F&#252;r den B&#252;rgermeister haben gelegentliche ausl&#228;nderfeindliche Aktionen in seiner Stadt etwas von Naturkatastrophen, einer h&#246;heren Gewalt, gegen die man wenig machen kann. »Was wir jetzt tun werden, ist noch v&#246;llig offen«, sagt er denn auch auf die Frage nach Konsequenzen aus der j&#252;ngsten Entwicklung. Seit drei Jahren gibt es in Belzig das »Forum gegen Rechtsextremismus und Gewalt« &#8211; doch Peter Kiep, der nach anf&#228;nglichem Z&#246;gern dessen Leitung faktisch an sich gezogen hatte, zuckt nur hilflos die Schultern.</p>
<h4>Es ist besser geworden, aber &#8230;</h4>
<p>Das Forum wurde gegr&#252;ndet, nachdem sich die Kleinstadt am Fu&#223;e des Hohen Fl&#228;ming Mitte der 90er Jahre zu einer Art Hochburg von Rechtsextremisten entwi­ckelt hatte. Skinheads st&#246;rten Veranstaltungen, griffen Asylbewerberheime am Stadtrand an, bedrohten ausl&#228;ndische Gewerbetreibende. An Hitlers Geburtstag zogen sie mit einer Hakenkreuzfahne durch die Stadt, zeigten den Hitlergru&#223;; immer wieder wurden faschistische Schmierereien gefunden.</p>
<p>Die B&#252;rger schwiegen zumeist dazu, auch die Stadtverwaltung sah lange kein Problem. Man k&#228;mpfte um eine Perspektive f&#252;r die 8000 Einwohner in einem Um­feld ohne arbeitsintensive Industrie und bei schwindender Bedeutung der Land­wirtschaft. Die Kreisstadt wollte Verwal­tungssitz bleiben und zugleich Kurstadt werden. Die Altstadt musste saniert, die zu DDR-Zeiten entstandenen Wohnge­biete sollten wohnlicher werden. Da sah Kiep in all den Berichten &#252;ber Gewalt und rechten Geist in Belzig vor allem eine Imagesch&#228;digung. »Wenn immer nur das &#252;ber Belzig in den Medien steht«, sagt er noch heute, »gehen alle unsere Pl&#228;ne den Bach runter.«</p>
<p>Tats&#228;chlich hat sich das St&#228;dtchen ge­mausert. Um den Marktplatz herum &#252;ber­all frische Farben, sanierte Geb&#228;ude. Schmucke Wohngebiete sind entstanden, auch Parkpl&#228;tze, Spielpl&#228;tze, Gr&#252;nanla­gen. Eine Reha-Klinik wirbt um Kurg&#228;ste, eincThermalbadanlage ist konzipiert. Eine sch&#246;ne Welt, &#252;ber die Peter Kiep lieber spricht als &#252;ber den Ungeist, der in Belzigs Mauern waltet. Und der im Verdr&#228;ngen lange seine B&#252;rger hinter sich hatte &#8211; bis eines Tages jener anklagende Satz im Le­serbrief einer Lokalzeitung stand: »Belzig, du hast ein Neonaziproblem, und nie­mand soll sagen, er h&#228;tte es nicht gewusst.«</p>
<p>Der B&#252;rgermeister war damals krank, und sein Stellvertreter Martin Kunze entschloss sich zum Handeln. Nach einer in­ternen Beratung fand im Dezember 1997 das erste &#246;ffentliche Forum statt, in dem sich endlich jene B&#252;rger zu Wort melde­ten, die schon lange mit Besorgnis auf die Entwicklung in ihrer Stadt blickten. Und sie stellten fest, dass unter dem sichtba­ren, militanten Rechtsextremismus inzwi­schen auch eine wachsende Intoleranz vieler »braver« B&#252;rger gewachsen war. Petra Schr&#246;der berichtete vom Hass, der ihr immer wieder entgegenschlug, weil sie den von Rechten zum Kr&#252;ppel geschlage­nen Martin Agyare in ihrer Familie aufge­nommen hatte. Jugendliche schilderten die beinahe t&#228;gliche Gewalt, der sie sich mit ihrem politischen Bekenntnis aus­setzten. Sogar von einer 65-J&#228;hrigen war die Rede, die den Ausl&#228;nder vom Gehweg scheuchte: »Der ist nur f&#252;r Deutsche da!«</p>
<p>Damals war die Hoffnung gro&#223; &#8211; und auch die Bereitschaft, sich gegen Rechts­extremismus und Gewalt zu engagieren. Zahlreiche B&#252;rger wollten mitarbeiten, mehrere Arbeitsgruppen entstanden. Viele Einwohner zeigten Flagge. Diesen Aufbruch, die Zivilcourage, belohnte die Theodor-Heuss-Stiftung 1998 mit ihrem Preis, denn tats&#228;chlich flauten die rechten Aktionen ab. Die Polizei konstatierte keine besonderen Auff&#228;lligkeiten mehr. »Man w&#228;hnte sich in einer befriedeten Stadt«, sagte Kiep jetzt. Damit aber erlahmten die Initiativen. Immer weniger kamen zu den Zusammenk&#252;nften des Forums. Inzwi­schen arbeiten zwei der Arbeitsgruppen nicht mehr, eine nur sporadisch. Der B&#252;r­germeister fand nichts dabei: »Wenn es nichts mehr zu tun gibt, fragt man sich: Wo sind die Arbeitsaufgaben?«</p>
<p>Am 7. Mai dieses Jahres kam das b&#246;se Erwachen. Drei Jugendliche warfen eine mit Benzin gef&#252;llte Flasche in die Woh­nung eines vietnamesischen Ehepaares mit einem vierj&#228;hrigen Kind. Sofort fing die Gardine Feuer, das nur deshalb schnell gel&#246;scht worden konnte, weil die Bewoh­ner Besuch hatten und noch nicht schlie­fen. Die T&#228;ter waren einschl&#228;gig bekannt und zuvor schon mit unmissverst&#228;ndlichen Rufen durch das Wohngebiet, in dem auch einige Aussiedlerfamilien leben, ge­zogen. Das hatte keinen gest&#246;rt, nicht einmal die Polizei, die sie kontrolliert hatte &#8211; eine Situation fast wie vor drei Jahren. Hatte sich in Belzig gar nichts ge&#228;ndert?</p>
<p>Carola Stabe, Leiterin der Regionalen Arbeitsstelle f&#252;r Ausl&#228;nderfragen (RAA) Potsdam-Mittelmark mit Sitz in Belzig, widerspricht: »Es tat sich einiges.« Im­merhin waren Ausl&#228;nder ermutigt wor­den, sich in die &#214;ffentlichkeit zu begeben. Mit dem durch das Forum begr&#252;ndeten Info-Café »Der Winkel« war ein Treff­punkt nicht nur f&#252;r Asylbewerber, die hier beraten und unterst&#252;tzt werden, sondern auch f&#252;r Jugendliche geschaffen worden, die sich gegen rechtes Denken wandten. Und so provokativ wie vor drei Jahren treten Rechtsextreme in Belzig schon lan­ge nicht mehr auf. Das erste Forum 1997 hatten sie die erste halbe Stunde massiv gest&#246;rt, kaum zu Wort kommen lassen. Das Info-Café wurde immer wieder ange­griffen, und auch jetzt bleiben die Fenster­scheiben nicht lange heil. Doch es arbeitet tapfer weiter, und die Auseinanderset­zung zwischen Rechten und Linken in Belzig findet nicht mehr nur mit F&#228;usten, son­dern mitunter auch mit Worten statt. »Das Klima in der Stadt hat sich schon ver&#228;n­dert«, sagte Carola Stabe, »die Rechten beherrschen nicht mehr die Szene.«</p>
<h4>Labiles Gleichgewicht am Rand der Gewalt</h4>
<p>Aber sie f&#252;rchtet zugleich den R&#252;ckfall in die alten Zeiten, denn eines sei nicht ge­lungen: »Das Forum hat sich nach ersten Erfolgen zu schnell zufrieden gegeben und zu viel Nabelschau betrieben. Es muss je­doch die &#246;ffentliche Meinung in Belzig be­stimmen.« F&#252;r sie w&#228;re nur konsequent, wenn es den Theodor-Heuss-Preis nach den j&#252;ngsten Ereignissen zur&#252;ckgibt und ihn sich neu erk&#228;mpft, eine Idee, die B&#252;r­germeister Kiep absurd findet.</p>
<p>Dabei sind die Defizite auch in der Ar­beit des Forums un&#252;bersehbar. So ist es bisher nicht gelungen, das 1999 von der Stadtverordnetenversammlung in Auftrag gegebene »Konzept f&#252;r ein tolerantes Belzig« in konkrete Ma&#223;nahmen umzuset­zen. Der Versuch, Rechte und Linke &#252;ber ein gemeinsames Projekt ins Gespr&#228;ch zu bringen, scheiterte daran, dass die Stadt kein Haus daf&#252;r fand und kein Geld hatte. &#196;hnliche Versuche im Info-Café zerbra­chen an der Intoleranz beider Seiten, und selbst bei der j&#252;ngsten Veranstaltung des Forums Anfang Juni waren Moderatoren wie Mitglieder darin &#252;berfordert, sachlich auf die Klagen und W&#252;nsche einiger rechter Jugendlicher einzugehen.</p>
<p>Ein labiles Kr&#228;fteverh&#228;ltnis zwischen jenen, die Gewalt ablehnen, und Rechts­extremisten hat sich in Belzig herausge­bildet. Das ist schon mehr als die rechts­lastige Atmosph&#228;re vor einigen Jahren, aber vor Gewalttaten wie gegen die viet­namesische Familie sch&#252;tzt es nicht. »Rechte geh&#246;ren zu unserem politischen Spektrum«, sagt Peter Kiep, »das muss ich respektieren, solange sie nicht zur Gewalt greifen.« Vielleicht beginnt aber da schon unangebrachte Toleranz, die offensicht­lich auch viele Belziger &#252;ben. Sie scheuen die politische Auseinandersetzung mit rechtem Denken und sind betroffen, wenn es sich der Gewalt bedient. Sie wehren nicht den Anf&#228;ngen und erschrecken &#252;ber das Ende. »Wenn ich auf rechte Jugendli­che sto&#223;e, frage ich mich schon, was ich tue«, sagt Kiep. »Ob ich mir vielleicht Schl&#228;ge einhandle oder einen Kratzer mit der Bierdose am Auto.« Es ist der B&#252;r­germeister, der das sagt. Wie erst f&#252;hlen sich Ausl&#228;nder in solch einer Stadt, auf die ihr Oberhaupt ansonsten nichts kommen lassen will?</p>
<address>(Ver&#246;ffentlicht in »Neues Deutschland« vom 27.06.2000)</address>
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		<title>Der gew&#246;hnliche Rechtsterrorismus und seine Opfer – zum Beispiel Otmar Kagerer</title>
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		<pubDate>Sun, 27 Nov 2011 21:10:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) Der Rechtsterrorismus sei ein neues Ph&#228;nomen, sagt Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und beweist damit nur, dass er noch immer auf dem rechten Auge blind ist. Denn Rechtsterrorismus gibt es in Deutschland seit mindestens 20 Jahren; das belegt schon die hohe Zahl seiner Opfer, die sich nach seri&#246;sen Erhebungen der Zahl 200 n&#228;hert. Es dokumentieren aber auch die fast w&#246;chentlichen martialischen Aufm&#228;rsche rechtsextremistischer Organisationen, Verb&#228;nde, »Kameradschaften« und einer legalen Neonazi-Partei<span id="more-3382"></span>, die ihre Existenz haupts&#228;chlich dem Zufluss staatlicher Mittel verdankt. Es beweisen die so genannten national befreiten Zonen in vielen Landesteilen und der Psychoterror gegen jene, die sich dem braunen Spuk mutig entgegenstellen.</p>
<p>All diese Vorg&#228;nge, die zwar (noch?) nicht im Umfang, wohl aber in der Art be&#228;ngstigend an vergleichbare Entwicklungen in den fr&#252;hen 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts in Deutschland erinnern, waren und sind allgemein bekannt. Es wurde dar&#252;ber gesprochen und geschrieben – und zugleich verharmlost und bagatellisiert. Die Opfer fanden nur selten Geh&#246;r – nicht bei der Politik, kaum in den Medien, auch nicht bei der Justiz und schon gar nicht in der Polizei und in Geheimdiensten. Dabei haben gerade sie klare und relevante Signale ausgesandt, die jedoch in aller Regel ignoriert wurden. An einige dieser Opfer, die die &#214;ffentlichkeit trotz aller Gefahren nicht scheuten, und jene wenigen, die sich solidarisch an ihre Seite stellten und sich damit Anfeindungen aussetzten, soll noch einmal erinnert werden.</p>
<p>Ohne jeden Migrationshintergrund ist Otmar Kagerer. Der Steinmetz wurde trotzdem zum Opfer eines rechten Terrorismus, weil er Partei ergriff und sich engagierte. Aber er erfuhr auch Solidarit&#228;t &#8211; nicht vom Staat, sondern von B&#252;rgern, die sich ihren Anstand bewahrt haben.</p>
<h5>Zivilcourage</h5>
<h2>Die ansteckende Kraft der Schwachen</h2>
<h3>Leute wie Otmar Kagerer tun auch ohne »Aufstand der Anst&#228;ndigen« das N&#246;tige gegen rechte Gewalt</h3>
<p><strong> Auf Aufrufe zu Courage und einem zivi­len Umgang mit seinen Mitmenschen -gleich welcher Rasse, Hautfarbe oder Religion &#8211; muss Otmar Kagerer nicht warten. F&#252;r ihn ist Solidarit&#228;t selbst­verst&#228;ndlich, zumal er viele gefunden hat, die auch ihm halfen.</strong></p>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/11/27/der-gewohnliche-rechtsterrorismus-und-seiner-opfer-zum-beispiel-otmar-kagerer/rechte4-001/" rel="attachment wp-att-3377"><img class="alignright size-medium wp-image-3377" title="Rechte4 001" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/11/Rechte4-001-300x200.jpg" alt="" width="290" height="194" /></a><img src="http://vg06.met.vgwort.de/na/72c030aac9b344bf944a217c5cb533c2" alt="" width="1" height="1" />Wie ein »Aufst&#228;ndi- scher« schaut Kagerer nicht aus, ein Anst&#228;ndi­ger ist er gewiss. Ansonsten merkt man, wenn man mit ihm spricht, schnell, dass er am liebsten seine Ruhe h&#228;tte. »Wenn jemand meine Hilfe braucht, bekommt er sie«, sagt er, »aber ich brau­che dazu keine &#214;ffentlichkeit.« Er wei&#223;, dass es neben Leuten, die ihn dabei unter­st&#252;tzen, auch andere gibt, die kein Verst&#228;ndnis daf&#252;r haben. »Dem muss ich mich nicht aussetzen.«</p>
<p>So war es eher ein Zufall, dass der Steinmetz Otmar Kagerer, ein solider Handwerker, vor Jahresfrist in die Medien .geriet. Am 3. Oktober 1999 hatten Rechts­radikale &#8211; so wie am gleichen Tag in die­sem Jahr &#8211; j&#252;dische Einrichtungen &#252;ber­fallen: den j&#252;dischen Friedhof im Berliner Stadtbezirk Wei&#223;ensee, das Denkmal f&#252;r die deportierten Juden an der Putlitzbr&#252;cke in Tiergarten, auch das Brecht-Denk­mal am Schiffbauerdamm. Die T&#228;ter wur­den nie gefunden, die Ermittlungen sind l&#228;ngst eingestellt, aber auf dem Wei&#223;enseeer Friedhof waren 103 Grabsteine umge­worfen, zum Teil demoliert worden. Da half Kagerer, der eines seiner Gesch&#228;fte in Sichtweite des Friedhofs hat. Er half nicht das erste Mal. Er half &#8211; wie immer in sol­chen F&#228;llen &#8211; still, unauff&#228;llig und unent­geltlich, zusammen mit Kollegen aus acht anderen Betrieben. Aber ausgerechnet er wurde von einem Reporter fotografiert. Name und Bild erschienen in der Zeitung. »Seitdem«, so Kagerer, »kam ich mir vor wie im Kino, wie in einem Film, der ei­gentlich nichts mit mir, meinem Leben zu tun hat.«</p>
<h5>Drohanrufe und Vandalismus</h5>
<p>Und der »Film« wurde zum Thriller. Schon am n&#228;chsten Tag klingelte das Te­lefon. »Ihr Judens&#228;ue«, h&#246;rte Kagercrs Frau Johanna eine fremde Stimme. »Wenn Dein Mann die Steine aufstellt, machen wir ihn kalt.« Das wiederholte sich. Viermal drohte der Anrufer. Die Polizei ermittelte, gab Verhaltensma&#223;regeln, &#252;berwachte die Werkstatt. »Mein Handwerkerleben kam v&#246;llig durcheinander.« Kagerer wollte nichts mehr sagen, lie&#223; sich nicht fotografieren. R&#252;ckzug schien ihm die beste Verteidigung. Er sollte sich t&#228;uschen.</p>
<p>Sechs Wochen sp&#228;ter, am 19. November, teilte ihm die Polizei mit, sein Steinelager in Marzahn sei zerst&#246;rt worden. Zwei Jugendliche hatten 150 Steine umgeworfen, teilweise zerkratzt, besch&#228;digt. Auf 57000 Mark wurde der Schaden gesch&#228;tzt. Kagerer war nicht versichert. »Das machte keine Firma, denn solche &#220;berfalle kamen praktisch nicht vor.« Gerade jetzt aber hatte es ihn getroffen. F&#252;r ihn war der Zusammen­hang klar, f&#252;r die Polizei aber nicht. Die Inspektion Marzahn interessierte sich kaum. Ein Beamter schaute kurz &#252;ber den Zaun, erstellte ein Protokoll, vergab eine Schadensnummer, Sache erledigt. Auch der Staatsschutz stellte keine Verbindung zu den Drohanrufen her, veranlasste aber wenigstens die Marzahner Polizei zu wei­terer Besch&#228;ftigung mit dem Fall. »Sie sagten mir, ich solle den Schaden fotogra­fieren und ihnen die Fotos schicken. Sie haben den Tatort nicht betreten, keine Spuren gesichert. Ich habe das Lager dann in Ordnung gebracht.«</p>
<p>Ordnung. Ruhe. Frieden. Kagerer wollte wieder leben wie zuvor, relativ unbelastet, mit seiner Umwelt im Einklang. Der heute 57-j&#228;hrige Steinmetz war zu DDR-Zeiten Bereichsleiter in einer einschl&#228;gigen Produktionsgenossenschaft des Handwerks. Nach der Wende hatte er sich selbst&#228;ndig gemacht und inzwischen vier Filialen, ei­nige Mitarbeiter. Er konnte mit dem Gang der Dinge zufrieden sein &#8211; bis vor einem Jahr, als ihn seine Redlichkeit pl&#246;tzlich zum Opfer rechter Gewalt machte. Dabei ber&#252;hrte Kagerer weniger der materielle Verlust, als vielmehr jenes primitive Den­ken, jener Hass, der die T&#228;ter leitete. »Nie h&#228;tte ich gedacht, dass ich einmal wegen meiner Arbeit, wegen Grabsteinen mit dem Tod bedroht werden k&#246;nnte.« Er hatte Angst, aber einsch&#252;chtern lie&#223; er sich nicht. Er brachte seine Arbeit zu­sammen mit den Kollegen der anderen Betriebe aus ganz Berlin zu Ende. »Und nat&#252;rlich tue ich weiter das, was ich f&#252;r n&#246;tig halte.«</p>
<p>Von den Beh&#246;rden erwartete er nichts. Sie dachten damals in Berlin offenbar schon so, wie es j&#252;ngst der Brandenburger Ministerpr&#228;sident der Kirchengemeindc in Dolgelin schriftlich gab. Dort war einer vietnamesischen Familie vor allem wegen der Schwangerschaft der Mutter Kirchen­asyl gegen eine schnelle Abschiebung ge­w&#228;hrt worden, was Stolpe als nicht rechtm&#228;&#223;ig bezeichnete, weshalb die Ge­meinde die entstehenden Kosten tragen m&#252;sse. Und er f&#252;gte hinzu, gewiss brau­che das Land B&#252;rger, die sich f&#252;r andere einsetzten. Aber solche soziale Verant­wortung und Zivilcourage k&#246;nne sich f&#252;r den Betreffenden auch finanziell auswir­ken. Bei ihm, schrieb darauf Landesbi­schof Huber an seinen Regierungschef, entstehe der Eindruck, dass solches Han­deln »letztlich doch nicht gewollt ist und deshalb erschwert und entmutigt« werde.</p>
<h5>Solidarit&#228;t &#8211; nicht nur mit Geldwert</h5>
<p>Auch Kagerer schien f&#252;r seine selbst­verst&#228;ndliche Hilfe zus&#228;tzlich bestraft zu werden &#8211; bis eines Tages Anetta Kahane bei ihm auftauchte, Kuratoriumsvorsit­zende der Amadeu-Antonio-Stiftung mit dem Untertitel »Initiativen f&#252;r Zivilgesell­schaft und demokratische Kultur«. Erst habe er sie gar nicht ernst genommen, sagte Kagerer. Aber dann habe sie diesen Spendenaufruf erlassen, der ihm helfen sollte. »Sie hat mich wieder optimistisch gemacht.« Und sie w&#228;re es auch gewesen, die ihn davon &#252;berzeugte, dass &#214;ffentlich­keit der beste Schutz sei. Und doch habe er nie mit solch gro&#223;er Resonanz gerechnet. In kaum vier Wochen kamen 60000 Mark zusammen, sein Schaden war ersetzt. »Dass soviel nicht etwa f&#252;r gro&#223;e Welt­probleme, sondern f&#252;r einen kleinen Handwerksmeister gespendet wird« &#8211; er konnte es kaum fassen. Und noch immer gehen auf dem Konto Spenden ein, inzwi­schen noch einmal die gleiche Summe, die f&#252;r andere Opfer rassistischer, antisemiti­scher und rechtsextremer Gewalt ver­wandt wird.</p>
<p>Mehr noch aber als das Geld beein­druckten Otmar Kagerer die einfachen, die spontanen Beweise von Solidarit&#228;t. Wir k&#246;nnen nicht spenden, sind dazu nicht in der Lage, habe ihn jemand ange­rufen. »Aber meine beiden S&#246;hne machen Fitnesstraining, die sind stark, die k&#246;nnen Ihnen vielleicht bei der Reparaturarbeit helfen.« In Jena nahm man bei einem Klassenfest f&#252;r den Kaffee l ,50 statt einer Mark und &#252;berwies den &#220;berschuss. Manche kamen in seine Werkstatt, mit Blumen, oder auch nur f&#252;r einen H&#228;nde­druck. Und einer bot gar sein Grundst&#252;ck als Zufluchtsort an, falls er nicht wisse, wohin vor den Drohungen.</p>
<p>In der DDR, sagt Kagerer, sei man nur zurecht gekommen, weil man sich gegen­seitig geholfen habe. Daran h&#228;tte er fast zehn Jahre nach der Wende schon nicht mehr geglaubt und so auch nicht gehan­delt. »Nat&#252;rlich nimmt man Anteil, wenn jemandem so etwas zust&#246;&#223;t, aber dann so zu helfen, daran h&#228;tte ich selbst nicht ge­dacht.« Heute sagten doch viele: Warum soll ich bei einer Sache helfen, wo ich selbst Schaden nehmen kann? Und der Staat, so Kagerer, w&#228;re schon gar kein Vorbild f&#252;r solidarisches Handeln. Der helfe, so sein Eindruck, eher dem T&#228;ter als dem Opfer.</p>
<h5>Sch&#252;tzende H&#228;nde &#252;ber den T&#228;ter?</h5>
<p>Auch jener Drohanrufer, der Kagerer und seine Familie &#228;ngstigte, scheint sich gr&#246;­&#223;erer Anteilnahme der Beh&#246;rden als der Bedrohte zu erfreuen. W&#228;hrend die Vandalen. die sein Lager verw&#252;stet hatten, bis heute unbekannt sind, wurde er nach ei­nigen Wochen ermittelt. Das Verfahren gegen ihn endete jedoch ohne Verhand­lung mit einem Strafbefehl. Kagerer hatte man abgeraten, als Nebenkl&#228;ger aufzu­treten, weil der Mann ohnehin schon wirt­schaftlich gesch&#228;digt sei. Derzeit ist seine Akte bei der Berliner Justiz unauffindbar, aber er soll wohl mit 120 Tagess&#228;tzen be­auflagt sein, und bei der Amadeu-Anto­nio-Stiftung. die allerdings nie offiziell in­formiert wurde, gehen seit Anfang des Jahres tats&#228;chlich monatlich 200 Mark von einer Person gleichen Familienna­mens ein, die man deswegen schon ein­mal belobigen wollte.</p>
<p>An Kagerers hat der T&#228;ter einen wei­nerlichen Entschuldigungsbrief geschrie­ben; strafmildernde »t&#228;tige Reue« sei das wohl, sagt der Steinmetz achselzuckend. »Ich h&#228;tte ihm gern einmal in die Augen gesehen und seine Stimme geh&#246;rt.« Denn das alles passe nicht so recht zusammen. und vielleicht decke der 62j&#228;hrige nur jemand anderen.</p>
<p>Seine Ruhe will der Handwerksmeister noch immer haben, aber nicht um jeden Preis. »Nach der Spendengeschicnte wollte ich selbst in die &#214;ffentlichkeit, um andere wachzur&#252;tteln.« Er wollte zeigen, wieviel Solidarit&#228;t es trotz allem noch in dieser Gesellschaft gibt, selbstverst&#228;ndli­che Solidarit&#228;t kleiner Leute. Fast wird der Steinmetzmeister zum Philosophen: »Sie tun das, weil sie es f&#252;r richtig und n&#246;­tig halten. F&#252;r sie ist es nichts Besonderes, aber da kommt der wahre Mensch zum Vorschein.« Einst hat Anna Seghers einige Geschichten &#252;ber die »Kraft der Schwa­chen« aufgeschrieben. Wenn auch der Staat kapituliert oder sich gleichg&#252;ltig abwendet &#8211; diese Schwachen sind nicht kleinzukriegen. Sie schreiben fast t&#228;glich neue Kapitel ihrer St&#228;rke.</p>
<address> (Ver&#246;ffentlicht in »Neues Deutschland« vom 23. 10. 2000)</address>
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		</item>
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		<title>Der gew&#246;hnliche Rechtsterrorismus und seine Opfer &#8211; zum Beispiel William Zombou</title>
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		<pubDate>Sat, 26 Nov 2011 17:08:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) Der Rechtsterrorismus sei ein neues Ph&#228;nomen, sagt Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und beweist damit nur, dass er noch immer auf dem rechten Auge blind ist. Denn Rechtsterrorismus gibt es in Deutschland seit mindestens 20 Jahren; das belegt schon die hohe Zahl seiner Opfer, die sich nach seri&#246;sen Erhebungen der Zahl 200 n&#228;hert. Es dokumentieren aber auch die fast w&#246;chentlichen martialischen Aufm&#228;rsche rechtsextremistischer Organisationen, Verb&#228;nde, »Kameradschaften« und einer legalen Neonazi-Partei<span id="more-3355"></span>, die ihre Existenz haupts&#228;chlich dem Zufluss staatlicher Mittel verdankt. Es beweisen die so genannten national befreiten Zonen in vielen Landesteilen und der Psychoterror gegen jene, die sich dem braunen Spuk mutig entgegenstellen.</p>
<p>All diese Vorg&#228;nge, die zwar (noch?) nicht im Umfang, wohl aber in der Art be&#228;ngstigend an vergleichbare Entwicklungen in den fr&#252;hen 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts in Deutschland erinnern, waren und sind allgemein bekannt. Es wurde dar&#252;ber gesprochen und geschrieben – und zugleich verharmlost und bagatellisiert. Die Opfer fanden nur selten Geh&#246;r – nicht bei der Politik, kaum in den Medien, auch nicht bei der Justiz und schon gar nicht in der Polizei und in Geheimdiensten. Dabei haben gerade sie klare und relevante Signale ausgesandt, die jedoch in aller Regel ignoriert wurden. An einige dieser Opfer, die die &#214;ffentlichkeit trotz aller Gefahren nicht scheuten, und jene wenigen, die sich solidarisch an ihre Seite stellten und sich damit Anfeindungen aussetzten, soll noch einmal erinnert werden.</p>
<p>Auf William Zombou stie&#223; ich anl&#228;sslich eines Prozesses, der 1999 im brandenburgischen K&#246;nigs Wusterhausen stattfand.</p>
<h6>Fremdenfeindlichkeit</h6>
<h3>&#8220;Nehmt den Neger von den Autos weg!&#8221;</h3>
<p><img src="http://vg06.met.vgwort.de/na/9ce5bbbda56942b3b1e027d8831f4fcf" alt="" width="1" height="1" /></p>
<h5>Brandeburg: Gericht entscheidet gegen Ermutigung der B&#252;rger zu Zivilcourage</h5>
<p><strong>Das Amtsgericht K&#246;nigs Wusterhausen hat vier Taxifahrer, die einem von Skinheads angegriffenen Afrikaner nicht helfen wollten, frei gesprochen.</strong></p>
<p>Fast ist das hierzulande schon ein normaler Vorgang. Ein Afrikaner, in diesem Fall der damals 27-j&#228;hrige Kameruner William Zombou, kommt an einem Septemberabend 1998, gegen 23 Uhr, auf dem Bahnhof K&#246;nigs Wusterhausen an, weil dort zwei Arbeitskollegen mit dem Auto warten, die den in den Ferien jobbenden Studenten der Wirtschaftswissenschaften mit in ihren Betrieb nehmen wollen. Auf dem Bahnsteig sehen zwei Jugendliche den Dunkelh&#228;utigen, und schon ist er als Opfer auserkoren. Sie schlagen ihm die M&#252;tze vom Kopf, schlagen und treten auf ihn ein, sto&#223;en ihn schlie&#223;lich die Eisentreppe zum Bahnhofsvorplatz hinunter.</p>
<p>Dort sieht Zombou, schon halb benommen, einige Taxis stehen &#8211; und ist erleichtert: Man wird ihm helfen. »Help me!«, ruft er und l&#228;uft auf die Autos zu. Die Schl&#228;ger folgen ihm, pr&#252;geln weiter auf ihn ein. Keiner der Taxifahrer unternimmt etwas; erst als Zombou gegen einen der Wagen gesto&#223;en wird, springt der 58-j&#228;hrige Hans-J&#246;rg F. heraus und ruft »Weg von den Autos!« Man h&#228;tte ja bei der Pr&#252;gelei »einen Spiegel abrei&#223;en« k&#246;nnen, erkl&#228;rte er dem Gericht zur Begr&#252;ndung. F. ist gro&#223; und kr&#228;ftig, die Jugendlichen gehorchen, greifen aber in einiger Entfernung Zombou erneut an. Der wehrt sich nun, weil er wei&#223;, dass er keine Hilfe zu erwarten hat.</p>
<p>Vor Gericht stellte sich das jetzt f&#252;r ihn als belastend heraus, obwohl das &#228;rztliche Gutachten eindeutig die Verletzungen des Kameruners auflistet: Sch&#228;delprellung, H&#228;matom an der linken Augenbraue, geschwollener Lippen. Davon unger&#252;hrt, schilderte der 38-j&#228;hrige Angeklagte Karsten R. seine Beobachtungen: »Ich sah, wie Herr Zombou immer wieder auf den einen Wei&#223;en losging«. Auch der 52-j&#228;hrige Thomas K. will nur gesehen haben, »wie der Afrikaner auf einen am Boden liegenden Wei&#223;en einschlug«. R. h&#246;rte auch ein Krachen, und tats&#228;chlich ist das Nasenbein eines der Schl&#228;ger zu Bruch gegangen – nicht aber durch William Zombou, sondern durch seinen Kumpan, der das eigentliche Ziel verfehlte. Der Afrikaner habe zwar gebeten, dass »endlich jemand mal die Polizei bestellt«, aber man sei sich sicher gewesen, hier handele es sich um eine der &#252;blichen Schl&#228;gereien vor den Bahnhof von K&#246;nigs Wusterhausen; da k&#246;nne man nicht jedes Mal die Polizei rufen.</p>
<p>F&#252;r William Zombou, der mittlerweile sein Studium abgeschlossen hat und in als Wirtschaftsinformatiker arbeitet, war die Erfahrung des totalen Ausgeliefertseins besonders erniedrigend. Dass er mit Angriffen von Skinheads rechnen muss, war ihm bekannt, aber dass ihm Deutsche in seiner Not nicht helfen wollten, h&#228;tte er nicht erwartet. »Bei den Angeklagten handelte es sich nicht um irregeleitete junge M&#228;nner, die ausl&#228;nderfeindliche Parolen rufen, sondern um gutsituierte B&#252;rgerinnen und B&#252;rger von K&#246;nigs Wusterhausen, die einem offensichtlich rechtsextremen &#220;berfall tatenlos zusehen«, sagte dazu Christina Clemm, die Zombou als Nebenkl&#228;ger vertrat, in ihrem Pl&#228;doyer. Denn dass die Angreifer ausl&#228;nderfeindliche Begriffe riefen, ist aktenkundig. »Kanake«, »Ausl&#228;ndersau«, »Negerschwein« hat auch die 45-j&#228;hrige Taxifahrerin Siegrid K. geh&#246;rt, und da habe sie &#252;berlegt, ob das vielleicht Rechte seien. Einer ihrer Kollegen – wer, war im Prozess nicht zu ermitteln – soll die Schl&#228;ger sogar direkt aufgefordert haben, »den Neger weg zu nehmen«, und Karsten R. hatte sich sp&#228;ter im Fernsehen damit gebr&#252;stet, dass er Ausl&#228;nder hasse. Vor Gericht begr&#252;ndete er das damit, dass sie nur Rechte und keine Pflichten h&#228;tten.</p>
<p>All diese Umst&#228;nde des Falls waren f&#252;r Richterin Griehl kein Grund, den Sachverhalt anders als die Angeklagten zu sehen. Sie sprach die vier Taxifahrer frei, weil es offensichtlich zur Normalit&#228;t des Bahnhofsvorplatzes in K&#246;nigs Wusterhausen geh&#246;re, dass dort Schl&#228;gereien stattfinden und f&#252;r die Angeklagten daher eine besondere Gefahren- oder Notsituation f&#252;r William Zombou nicht gegeben war. Auch wenn das Land Brandenburg hinsichtlich des Umgangs mit Ausl&#228;ndern keine besonders r&#252;hmlich Rolle spiele, k&#246;nne doch eine Verurteilung um der Verurteilung willen nicht erfolgen. Eine Straftat jedoch habe die Beweisaufnahme nicht ergeben.</p>
<p>Dabei hatte die Staatsanwaltschaft gr&#252;ndlich ermittelt, nachdem die Polizei zun&#228;chst den Anruf Zombous mit der Bemerkung abtat, da spreche einer so »richtiges Neger-Englisch«. Die Anklage lautete daher nicht nur auf unterlassene Hilfeleistung, sondern auch auf Beihilfe zur schweren K&#246;rperverletzung, die gegen&#252;ber den unmittelbaren T&#228;tern bereits mit Bew&#228;hrungsstrafen von zehn bzw. zw&#246;lf Monaten geahndet worden war. Von letzterem Vorwurf r&#252;ckte der Staatsanwalt bereits in seinen Pl&#228;doyer ab, war doch in der Beweisaufnahme klar geworden, dass den Beschuldigten offensichtlich mehr geglaubt wurde als dem Opfer. Das veranlasste Christina Clemm zu der bitteren Bemerkung, selten habe sie ein Verfahren erlebt, bei dem so offenkundig versucht wurde, die T&#228;ter zu Opfern und das Opfer zum T&#228;ter zu machen. Durchg&#228;ngig verballhornten sowohl die Angeklagten als auch zum Teil ihre Verteidiger den Namen des Opfers, der mal »Zambou«, mal »Zombo«, am liebsten aber »Zombie« genannt wurde. Ein Verteidiger fand, dass Zombou mehr »subjektive Auffassungen als Tatsachen« vorgebracht habe, ein anderer sch&#228;tzte das »Kr&#228;fteverh&#228;ltnis« zwischen ihm und seinen beiden Angreifern »&#228;u&#223;erst ausgewogen« ein, sie alle beklagten die »Vorverurteilung durch die Presse«.</p>
<p>Rein juristisch betrachtet, mag sich die Richterin mit ihrem Urteil, gegen das der Nebenkl&#228;gervertreterin sofort Berufung ank&#252;ndigte, durch das Gesetz best&#228;tigt sehen; politisch und moralisch setzt es allemal ein verheerendes Signal. »Man muss bef&#252;rchten, dass nach diesem Urteil die Leute bei ausl&#228;nderfeindlichen Angriffen erst recht weggucken und nicht einschreiten«, sagt Christina Clemm. F&#252;r sie sei das Urteil ein fragw&#252;rdiges Zeichen »Brandenburger Toleranz« – n&#228;mlich der »Toleranz mit jenen, die Ausl&#228;nder zusammenschlagen«. Auf jeden Fall aber ist es ein erneuter Beleg daf&#252;r, dass eine Justiz, die nicht in der Lage und bereit ist, den Blick auch einmal aus dem Gesetzbuch heraus auf die Gesellschaft und ihre Realit&#228;t zu richten, ihrer Aufgabe nicht gerecht wird.</p>
<address>(Ver&#246;ffentlicht in »Neues Deutschland« vom 12.11.1999)</address>
<p>Zu William Zombou, der seine W&#252;rde gewahrt sehen wollte und Unrecht nicht klaglos hinnahm, sondern wehrhaft f&#252;r seine Rechte eintrat, war aber noch mehr zu sagen. Stand sein Fall doch exemplarisch auch f&#252;r das Versagen vieler Mitb&#252;rger in diesem Land, die die Folgen ihrer Gleichg&#252;ltigkeit und Feigheit jetzt verst&#246;rt, weil sie ahnen, dass sie daran ihren Anteil haben.</p>
<h2>Das zweite Leben des William Zombou</h2>
<h4>Ein Afrikaner in Deutschland &#8211; keine sch&#246;ne und schon gar keine christliche Geschichte</h4>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/11/26/der-gewohnliche-rechtsterrorismus-und-seine-opfer-zum-beispiel-william-zombou/rechte2-001/" rel="attachment wp-att-3364"><img class="alignright size-medium wp-image-3364" title="Rechte2 001" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/11/Rechte2-001-300x199.jpg" alt="" width="300" height="199" /></a>Zombou h&#228;tte tot sein k&#246;nnen. Ausgel&#246;scht weit weg von seiner Mutter, weit weg von der Heimat Kamerun mit dem Tschad-See im Norden und dem Golf von Guinea im S&#252;dwesten, mit ihren weiten Savannen und den Gebirgsmassiven bis 4000 Meter H&#246;he, mit Regenw&#228;ldern und quirligen St&#228;dten. Ausgel&#246;scht auf dem Bahnhofsvorplatz in K&#246;nigs Wusterhausen, Land Brandenburg, Deutschland. Er hatte schon auf der Erde gelegen, sah die Springerstiefel direkt vor den Augen, rappelte sich wieder auf und dachte nur noch: Nicht wieder zu Boden gehen, sie zertr&#252;mmern dir den Sch&#228;del. Er klammerte sich an einen der Angreifer, w&#228;hrend der andere auf ihn eindrosch. Er versuchte den Schl&#228;gen auszuweichen. Er k&#228;mpfte um sein Leben.</p>
<p>William Zombou schaffte es. Er lebt. Er gestikuliert mit den H&#228;nden, die Worte sprudeln, das Erlittene st&#252;rzt ihm von den Lippen, wieder und wieder. Fast schreit er es heraus, denn es soll geh&#246;rt werden. Eindringlich ist sein Bericht, denn er soll eindringen. Er soll h&#228;ngen bleiben wie ein Widerhaken, den der Zuh&#246;rer vielleicht sp&#252;rt, wenn er das n&#228;chste Mal gerade wegsehen, wegh&#246;ren, weggehen will.</p>
<p style="text-align: center;">*</p>
<p>Bis dahin hatte William ein normales Leben gef&#252;hrt &#8211; das normale Leben eine Schwarzen unter Wei&#223;en in Deutschland. Eines Menschen, bei dem schon der erste Augenschein die Vermutung nahe legt, dass er nicht »von hier% kam und deshalb f&#252;r viele auch nicht nach hier geh&#246;rt. 1993 war er nach Deutschland gekommen, wollte Wirtschaftsinformatik studieren und entschied f&#252;r die TU Dresden, weil die einen guten Ruf bis hin nach Kamerun hatte. Der heute 28-J&#228;hrige machte bald andere Erfahrungen und wechselte nach Berlin, in die Anonymit&#228;t der Metropole. Er studierte an der Fachhochschule f&#252;r Technik und Wirtschaft, der fr&#252;heren Hf&#214; in Karlshorst.</p>
<p>Sehr viel anders als in Sachsen war es aber auch in der Hauptstadt nicht. Da wie hier rief man ihm auf der Stra&#223;e »Affe« und»Neger« hinterher, fragte im Haus, wann er zuletzt geduscht habe, und glotzte ungeniert, wenn er mit seiner wei&#223;en Frau &#8211; er hatte 1996 eine Krankenschwester geheiratet &#8211; daher kam. Bei C&amp;A in Dresden musste er seinen Rucksack auspacken, als er den Laden verlassen wollte. Nachdem er anderswo einen Rasierapparat gekauft und schon bezahlt hatte, wurde er auch hier vom Ladendetektiv kontrolliert. Er war mit zwei &#8211; afrikanischen &#8211; Freunden gekommen. Drei Schwarze im Laden &#8211; da war allemal Gefahr im Verzug!</p>
<p>Nicht weniger schlimm sind f&#252;r William Zombou, der au&#223;er Deutsch perfekt Englisch und Franz&#246;sisch spricht, inzwischen sein Diplom gemacht hat und bei einer Software-Firma am Berliner Kurf&#252;rstendamm arbeitet, die subtileren Zeichen von Missachtung. So wenn der Gegen&#252;ber im Gespr&#228;ch radebrecht und zur Zeichensprache &#252;bergeht &#8211; als verst&#252;nde der Fremde kein normales Deutsch. Manche denken noch, sie tun ihm einen Gefallen. Energisch sch&#252;ttelt William den Kopf:. »Die beste Hilfe ist, wenn sie richtig Deutsch sprechen. Dann kann ich etwas dazulernen.«</p>
<p>Zombou ist sensibel geworden f&#252;r die Reaktionen seiner Mitmenschen. Erfahrungen haben ihn misstrauisch gemacht. Er kann nicht immer beschreiben, was ihn st&#246;rt oder kr&#228;nkt. Seine Schwiegereltern aus dem Eichsfeld &#8211; er ist Schulleiter, sie &#196;rztin &#8211; geben ihm keinen Anlass zur Beschwerde. »Sie w&#252;rden mir fast alles schenken, wenn ich es wollte«, sagt er, aber auch: »Doch normalen menschlichen Umgang stelle ich mir anders vor.« Irgendwie l&#228;sst ihn das Gef&#252;hl nicht los, die Schwiegereltern h&#228;tten sich f&#252;r die einzige Tocher etwas »Besseres% gew&#252;nscht. Jetzt liegen seine H&#228;nde schwer auf dem Tisch, leise ist seine Stimme: »Wenn ich sogar da in Frage gestellt werde &#8230;« Doch schnell verscheucht er den traurigen Gedanken, und es klingt trotzig: »Ich habe gelernt,mit meinen Problemen umzugehen. Ich habe kein Problem, das Problem haben sie.«</p>
<p style="text-align: center;">*</p>
<p>Und dennoch &#8211; dass es ihm so schlimm ergehen w&#252;rde in Deutschland, das hatte er nicht erwartet. »Ich dachte, ich habe alles erlebt, was man hier als Ausl&#228;nder erleben kann. Nie h&#228;tte ich erwartet, dass man ohne Grund, einfach so angegriffen und fast zu Tode gepr&#252;gelt werden kann.« Am 18. September 1998 wurde der Kameruner eines Anderen, Schlechteren belehrt. Er hatte in den Semesterferien einen Job in Mittenwalde angenommen, t&#228;gliche Nachtarbeit &#8211; weit weg von seiner Wohnung im Norden Berlins. Er fuhr mit der S-Bahn, von K&#246;nigs Wusterhausen nahmen ihn zwei Kollegen mit. So sollte es auch an diesem Freitagabend sein. Doch als er den Zug verlie&#223;, steuerten drei junge Burschen auf ihn zu, rechte Schl&#228;ger. Sie rissen ihm die M&#252;tze vom Kopf, schlugen und traten auf ihn ein, jagten ihn &#252;ber den Bahnhofsvorplatz. Er sah eine Reihe Taxis, rannte auf sie zu. Sie w&#252;rden ihm helfen. Zwei Skinheads, der Dritte hatte von ihm abgelassen und in den sp&#228;teren Prozessen als Zeuge ausgesagt, folgten und lauerten: Wie w&#252;rden die Taxifahrer reagieren? »Erst als sie merkten, dass sie mich wegschicken, sogar dazu aufforderten, mich von den Autos wegzunehmen, haben sie weiter geschlagen.« Nun wusste William, dass er allein war, nur noch sich selbst helfen konnte. Er k&#228;mpfte um sein Leben..</p>
<p>Und er ist davon gekommen. Damit k&#246;nnte die Geschichte zu Ende sein &#8211; f&#252;r William Zombou ist sie es nicht. Der gl&#228;ubige Katholik denkt auch an jene, die nicht mehr leben. An Amadeu Antonio, den Angolaner, der schon 1990 in Eberswalde zu Tode getreten wurde. An Jorge Joao Gomundal, den man 1991 in Dresden aus der Stra&#223;enbahn warf, woran er starb. An Omar ben Noui, der in Guben zu Tode gehetzt wurde. Und an jene, die bleibende Sch&#228;den davon trugen: Martin Agyare, der 1994 aus der Berliner S-Bahn geworfen wurde, ein Bein verlor und den man drei Jahre sp&#228;ter erneut angriff. Orazio Giamblanco, den Skins 1996 in Trebbin zum Kr&#252;ppel schlugen. Noel Martin, dem in Mahlow ein Stein ins Auto geschleudert wurde, worauf er gegen einen Baum fuhr und seitdem querschnittgel&#228;hmt ist. »Ich bin ein Opfer wie sie«, sagt Zombou, »aber ich durfte weiterleben, meine Gesundheit behalten. Ich darf mich f&#252;r sie &#246;ffnen, darf die &#214;ffentlichkeit alarmieren.« Er versteht sein &#220;berleben wie ein Verm&#228;chtnis, einen Auftrag, damit sich &#196;hnliches nicht so leicht wiederholen kann. »Weil ich noch lebe, kann und muss ich etwas tun.« Ein zweites Leben &#8211; damit vielleicht andere das ihre nicht verlieren.</p>
<p>Der Afrikaner hatte sich auch vorher immer gewehrt. Er verlangte das Beisein der Polizei, wenn ihn Ladenbesitzer ohne Grund kontrollieren wollten, zeigte sie sogar wegen Verleumdung und Freiheitsberaubung an. Er stellte die Detektive zur Rede, wenn sie allein seine Hautfarbe als zureichenden »Anfangsverdacht« ansahen. Er brachte seinen Wohnungsnachbarn vor Gericht, als der betrunken &#252;ber ihn her fiel und ihn w&#252;rgte. Es wollte damit seine W&#252;rde wahren, selbstbewusst signalisieren, dass er sich nicht alles gefallen l&#228;sst. Er wollte aufkl&#228;ren, warnen, alarmieren. Nicht nur die eigentlichen T&#228;ter sollten bestraft werden, er wollte auch jenen, hinter denen sie sich verstecken, unbequeme Fragen stellen, sie zum Nachdenken zwingen &#8211; und vielleicht zum Handeln ermutigen. »Wer erkennt und bekennt, dass er nicht richtig gehandelt hat, ist schon auf dem Weg. Wer das nicht einmal will, wird sich nicht &#228;ndern.«</p>
<p>Er verklagte die Taxifahrer von K&#246;nigs Wusterhausen wegen unterlassener Hilfeleistung. Sein erster Anwalt glaubte, Zombou sei vor allem auf eine Entsch&#228;digung aus und begriff seinen Mandanten nicht. Die Kreuzberger Rechtsanw&#228;ltin Christin&#228; Clemm, die dann den Fall &#252;bernahm, und der brandenburgische Verein »Opferperspektive«, vor allem Kai Wendel und Gabi Jaschke, waren hilfreichere Partner. William Zombou weigerte sich auch, jenes Tonband herauszugeben, auf dem sein Anrufbeantworter den Dialog der Polizisten wiedergab, die seinen Fall ermitteln sollten: »Richtiges Neger-Englisch spricht der. Da hat er Pech gehabt. Wir haben hier keinen Dolmetscher«, und lachten. Die Polizei wollte das Beweisst&#252;ck gern haben, sogar von Beschlagnahme war die Rede. Zombou nutzte es in den Prozessen gegen die Schl&#228;ger und die Taxifahrer nicht. »Das hat keinen Sinn«, begr&#252;ndet er. »In meiner Lage kann ich es mir nicht jahrelang mit der Polizei verderben. Wichtig ist, dass so etwas in die &#214;ffentlichkeit kommt.« F&#252;r ihn steht zumindest die Polizei in K&#246;nigs Wusterhausen auf Seiten der T&#228;ter &#8211; wie jene Richterin, die die Taxifahrer frei sprach und damit auch all jene, die Gewalt gegen Fremde klammheimlich tolerieren.</p>
<p>William Zombou versteckt sich nicht, aber die Angst bleibt. Er w&#252;rde gern weggehen, doch seine Frau m&#246;chte Deutschland nicht verlassen. Er liebt seine beiden T&#246;chter &#8211; und bleibt. »Nach den Regeln der Statistik passiert mir das nicht noch einmal!« Mit Scherzen bek&#228;mpft er die Angst, immer hat er sein Handy, manchmal auch ein Abwehrspray dabei. Doch am meisten verl&#228;sst er sich auf seine schnellen Beine. »Am Besten ist: Wegkommen!« Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen? Das gilt hier nicht f&#252;r jeden. Manche sind Fl&#252;chtlinge im eigenen Land.</p>
<address> (Ver&#246;ffentlicht in »Neues Deutschland« vom 24.12.1999)</address>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Weiter auf Sonjas Spuren&#8230;</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Sep 2011 07:39:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Rahn</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<h3 style="text-align: justify">(rhe) Vielleicht erinnert sich der geneigte „Blogsgesang“-Leser noch an den im Mai ver&#246;ffentlichten, jetzt im Geschichtsbuch abgelegten Ruth-Werner-Beitrag „Auf Sonjas Spuren“.<span id="more-3216"></span> Das war der Einstieg:</h3>
<h3 style="text-align: justify">„Wir leben in einer Zeit, in der zunehmend in Vergessenheit ger&#228;t, woran sich eine geschichtsbewusste Gesellschaft erinnern sollte. Dazu z&#228;hlen auch Per­so­nen mit umstrittener Lebens-leistung. Eine von ihnen ist Ruth Werner. Ihr 104. Geburtstag und der 66. Jahrestag von Befreiung und Sieg sollen Anlass sein, sie zu ehren: Gedenkwanderung in Berlin-Treptow, Ausstellung des Ruth-Werner-Vereins in Carwitz bei Feldberg, Familien-treffen im Ausland&#8221;.</h3>
<p style="text-align: justify">Der Text l&#228;uft auf die vorweg genommene Wanderung am 9. Mai hinaus. An deren Ende der Blogs&#228;nger den &#252;ber 40 Getreuen mitteilt, dass sie sich ab sofort im Internet dar&#252;ber informie­ren k&#246;nnen, was in den zur&#252;ckliegenden Stunden zwischen Pl&#228;nterwald und Spreeufer im Wortsinn „abgelaufen“ sei. Den Hinweis auf diesen, journalistisch gesehen, eher ungew&#246;hnli­chen Vorweg-bericht, quittieren die Empf&#228;nger erstaunt und verst&#228;ndnisvoll zugleich. Erinnerte sich mancher an &#228;hnliche Vorg&#228;nge in l&#228;nger zur&#252;ck liegenden DDR-Zeiten?</p>
<p style="text-align: justify"><img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/e399e34c0f4941d1bcc33ca2e1febd52" alt="" width="1" height="1" />Die Wanderung auf Sonjas „Lieblings“-Spuren, &#252;ber die nicht ohne Grund erst jetzt berichtet wird, beginnt also an diesem sonnigen Maimontag auf dem Vorplatz des S-Bahnhofes Pl&#228;n­terwald. Eine Freiluftkneipe erm&#246;glicht letzte (fl&#252;ssige) St&#228;rkung vor einem Rundgang, von dem noch keiner der Teilnehmer wei&#223;, wie er verlaufen und wann genau er zu Ende sein w&#252;rde. Nur das Ziel war bekannt: Rosengarten an der Puschkinallee. Denn dort sollten am Nachmittag die „Siegesfeierlichkeiten“ &#252;ber die B&#252;hne gehen.</p>
<p style="text-align: justify">Die Stimmung ist wie das Wetter. Wenn sich Freunde und Genossen, gute alte Bekannte, Gleichgesinnte im Geiste Ruth Werners treffen, die sich Antifaschismus und Solidarit&#228;t in schwerer Zeit auf ihre Fahne schreiben, geht’s meist heiter zu. Man trifft sich aus gutem Grunde.</p>
<div class="mceTemp mceIEcenter">
<div id="attachment_3221" class="wp-caption aligncenter" style="width: 310px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/p1010821-3/" rel="attachment wp-att-3221"><img class="size-medium wp-image-3221" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/P10108212-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Das ukrainisch-sowjetische Trio SCHO auf dem Lieblingsweg von Sonja und Len</p></div>
</div>
<p style="text-align: justify">Den musikalischen Auftakt liefert das ukrainisch-sowjetische Trio SCHO, wie sich heraus stellen soll, perfekte Stra&#223;enmusikanten. Mit Geige, Gitarre, Akkordeon und Gesang verlei­hen sie dem politischen Anlass ihre unterhaltsame Note. Hans Erxleben, in diesem Kreise als engagierter, ideenreicher und abgeordneter LINKER der Region bekannt, wird seinem Ruf gerecht. Indem er, spontan (und ohne vorherige R&#252;cksprache mit den Gremien!), einen „Freundeskreis Ruth Werner“ ins Leben ruft.</p>
<address><strong>Ein unerkl&#228;rtes</strong></address>
<address><strong>Ordens-Geheimnis</strong></address>
<p style="text-align: justify">Er verwendet dazu eine farbige Urkunde. Darauf das Abbild des Rotbanner-Ordens mit der Nr. 944. Ihn bekam Ruth Werner als Sonja 1937 in Moskau von Staatsoberhaupt Michail Ka­linin. Ein weiteres Mal wurde ihr der gleiche Orden 25 Jahre sp&#228;ter in Berlin als Ursula Beurton vom sowjetischen Botschafter Pjotr Abrassimow &#252;berreicht. &#220;ber der zweiten Ver­leihung hing am diesem 9. Mai 2011 (immer) noch der Schleier eines unerkl&#228;rten Geheimnis­ses. Das erst ein paar Wochen sp&#228;ter in Carwitz seine endg&#252;ltig Aufkl&#228;rung durch einen ehe­maligen Aufkl&#228;rer erfahren sollte. Durch einen, der es wissen muss. Denn er war dabei, als der Orden an Sonja und weitere Auserw&#228;hlte verliehen wurde. Sein Name ist bekannt. Er wird im Beitrag „Immer noch auf Sonjas Spuren&#8230;“ &#246;ffentlich gemacht, der bis Anfang Oktober bei „Blogsgesang“ erscheinen soll.</p>
<div class="mceTemp">
<div id="attachment_3223" class="wp-caption alignleft" style="width: 235px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/p1010813-2/" rel="attachment wp-att-3223"><img class="size-medium wp-image-3223" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/P10108131-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Hans Erxleben ruft spontan zur Gr&#252;ndung des &quot;Freundeskreises Ruth Werner&quot;</p></div>
</div>
<p style="text-align: justify">Zur&#252;ck zum Gr&#252;ndungsvorschlag. Ihm wurde – ohne wenn und aber &#8211; zugestimmt. Von de­nen, die aus den umliegenden Berliner Stadtbezirks-Regionen kamen ebenso wie von Sonjas 1942 in England geborenem Sohn Peter Beurton, der aus dem mecklenburgischen Carwitz herbei geeilt war. Auch Klaus Eichner, Spezialist f&#252;r britische und US-Geheimdienste,  Autor, und Heraus-geber mehrerer B&#252;­cher zum Thema, ebenso einer der Autoren von „funkspr&#252;che an sonja“, hob die Hand. Er war mit seiner Frau aus dem brandenburgischen Dorf Lentzke ge-kommen. Mi­chael Hamburger, der 1930 in Shanghai geborene Sohn von Sonja konnte seine Hand nicht heben, er galt wegen einer wichtigen PEN-Veranstaltung im S&#252;den Deutsch-lands ebenso als „entschuldigt“ wie die 1936 in Warschau auf die Welt gekommene Tochter Janina Blankenfeld. Sie fehlte krankheitsbedingt, lie&#223; aber herzlich gr&#252;&#223;en.</p>
<address><strong>Gegen die Arroganz</strong></address>
<address><strong>von  Macht und SED-Spitze</strong></address>
<p style="text-align: justify">Ersten Halt gibt es an der Stele f&#252;r den im Oktober 1944 ermordeten Kommunisten und Wi­derstandsk&#228;mpfer Erich Lodemann.</p>
<p style="text-align: justify"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/p1010820/" rel="attachment wp-att-3231"><img class="alignleft size-medium wp-image-3231" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/P1010820-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" /></a></p>
<p style="text-align: justify">Vor diesem optischen Hintergrund erinnert ein Teilneh­mer an Steffi Spira. Sie lebte zwanzig Jahre in Adlershof. Ihr zu Ehren regten der dortige B&#252;rgerverein und das Festkomitee eine Gedenktafel an. Die Volksschauspielerin hatte am 4. Novem-ber 1989 auf dem Alexander­platz vor 500000 Demonstranten mit erhobener Faust gegen die Arroganz der Macht das Wort ergriffen, f&#252;r die Abl&#246;sung der SED-Spitze pl&#228;diert.  Nachdem die BVV Treptow-K&#246;penick nach einer aufgeregten Debatte eine Gedenktafel f&#252;r die 1995 in Friedrichs­felde beigesetzte Verstorbene ablehnte (Der Tagesspiegel schrieb in einem Nachruf &#8220;Sie lebte einen Kommunismus des Herzens&#8221;), wird, der Monatsszeitschrift der LINKEN &#8220;Bl&#228;ttchen&#8221; nach,  eine Ehrung weiterhin erwogen. Sie k&#246;nnte im Oktober erfolgen.</p>
<div id="attachment_3246" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/p1010819/" rel="attachment wp-att-3246"><img class="size-medium wp-image-3246" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/P1010819-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Innehalten am Denkmal - &#252;ber einen neuen Vorschlag nachdenken</p></div>
<p style="text-align: justify">In diesem Kontext soll hier auch mitgeteilt wer-den, dass f&#252;r die in Wien 1908 geborene, vor den Nazis emigrierte Schau- spielerin (DT, Volks-b&#252;hne, BE), die in Kurt Maetzigs 1954 gedreh-tem Film <em>&#8220;Ernst Th&#228;l-mann &#8211; Sohn seiner Klas- se&#8221; </em>die Clara Zetkin spielte, am Haus Bonner stra&#223;e 9 in Berlin-Wilmersdorf  eine Tafel angebracht wurde. Ihre Kernaussage ist system-&#252;bergreifend: <strong>„So, wie es ist, bleibt es nicht!“</strong></p>
<p style="text-align: justify">Als der in lockerer Gruppierung wandernde Trupp am Dammweg 73 ankommt &#8211; das Haus schm&#252;ckt ebenfalls eine Gedenktafel &#8211; ist ein weiterer Blick zur&#252;ck wohl angebracht: auf Dora Schaul (1913-1999). Sie k&#228;mpfte w&#228;hrend des Zweiten Weltkrieges in Frankreich unter dem Namen Rènne Fabre in der Rèsistance gegen die Nazi-Akkupation, woran in Brens bei Toulouse seit dem Jahre 2006 mit einem Stra&#223;ennamen erinnert wird.</p>
<div id="attachment_3234" class="wp-caption alignright" style="width: 160px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/nd06-3-strasse-schaul-foto2-strasenschild-fur-dora-schaul-in-brens/" rel="attachment wp-att-3234"><img class="size-thumbnail wp-image-3234" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/ND06-3-strasse-schaul-Foto2-Stra&#223;enschild-f&#252;r-Dora-Schaul-in-Brens-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Stra&#223;ennamen f&#252;r Dora in Frankreich</p></div>
<div id="attachment_3233" class="wp-caption alignleft" style="width: 160px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/p1010822-2/" rel="attachment wp-att-3233"><img class="size-thumbnail wp-image-3233" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/P10108221-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Blumen f&#252;r Dora in Deutschland</p></div>
<p style="text-align: justify">Vor dem Schaul-Haus erinnert sich Peter Beurton erst einmal an seine mit Doras Sohn Peter in den f&#252;nfziger Jah-ren in Carwitz ver-brachten Ferien. Aber auch an sp&#228;-tere Gespr&#228;che mit dessen Vater Hans Schaul, einst Chef-redakteur der „Einheit“. Bei denen sei es oft „um schwierige Fragen gegangen, die es ja in der DDR auch gab.“ Schaul habe ihm „so und so gesagt, und das war dann gut f&#252;r mich.</p>
<address><strong>Trag&#246;die eines Unschuldigen:</strong></address>
<address><strong>Walter Hollitscher </strong></address>
<p style="text-align: justify">Weniger gut war es – wir sind zur Stra&#223;enreihe, die mit der Nr. 35 endet, gekommen – in den gleichen f&#252;nfziger Jahren einem Mann namens Walter Hollitscher ergangen. Der &#214;sterreicher sei Vormieter von Beurtons gewesen, war zu erfahren. Diese h&#228;tten erst ein paar H&#228;user wei­ter gewohnt. W&#228;ren dann aber wegen der guten Lage, des etwas gr&#246;&#223;eren Gartens und der etwas niedrigeren Miete &#8211; „nicht 93,- Mark, sondern nur 90,- Mark“ &#8211; umgezogen. Gekauft wurde das Haus dann aber nicht, obwohl es Angebote gegeben habe.</p>
<p style="text-align: justify">Was nun den Vormieter angeht: der marxistische und kommunistische Philosoph war 1949 als Gastprofessor nach Berlin gekommen und wurde zwei Jahre sp&#228;ter Direktor des wiederbe­gr&#252;ndeten Philosophie-Instituts an der Humboldt-Universit&#228;t. Er galt wegen seiner wissen­schaftlichen Leistung sowie dem kollegialen Umgang mit Kollegen und Studenten als hoch anerkannt. F&#252;r diese war es dann im Fr&#252;hjahr 1953 merkw&#252;rdig, geradezu unerkl&#228;rlich, wes­halb es pl&#246;tzlich eine angeblich bruderparteiliche verabredete Zur&#252;ckrufung Hollitschers nach Wien gegeben haben soll.</p>
<p style="text-align: justify">Es ist hier nicht der Platz ausf&#252;hrlich zu referieren. Nur soviel sei angemerkt: Im Schicksal des „Vormieter von Dammweg 35“, Walter Hollitscher, spiegelt sich nicht nur schlechthin die Trag&#246;die eines aufrechten, ehrlichen, parteigl&#228;ubigen Mannes j&#252;disch-b&#252;rgerlicher Herkunft. Sondern in gewissem Sinne etwas von der Trag&#246;die einer Partei, der SED, selbst. Und hier auch des in ihrem Auftrag handelnden MfS.</p>
<p style="text-align: justify">Zugegeben: die Zeit war hochbrisant, von Wider­spr&#252;chen gepr&#228;gt, „Gegner“ hatte es wirklich gegeben, „Feinde“ gab es leibhaftig. Sie waren alles andere als Erfindung oder Einbildung in einer Zeit des sich rasant zuspitzenden Kalten Krieges. Zwischen den sich jetzt diametral gegen&#252;ber stehenden Alliierten, noch wenige Jahre zuvor erfolgreich verb&#252;ndet im Kampf gegen den Hitler-faschismus.</p>
<p style="text-align: justify">Diese, historisch gesehen, durchaus belastbaren Faktoren k&#246;nnen aber weder Arroganz, Selbst&#252;berhebung, unbegr&#252;ndetes Misstrauen noch haltlose Vorw&#252;rfen, schon gar nicht die Erniedrigung von Gleichgesinnten wie Hollitscher, rechtfertigen. Die Ironie (oder die Logik?) des Schicksal will es, dass unser Mann aus Wien und dann wieder in Wien ab 1966 „be­suchsweise“ in das Land zur&#252;ck kehren kann, in dem man ihm schweres Unrecht angetan hat. Die Karl-Marx-Universit&#228;t Leipzig verleiht ihm 1971 die Ehrendoktorw&#252;rde, f&#252;nf Jahre dar­auf wird er von der Regierung der DDR sogar mit dem Stern der V&#246;lkerfreundschaft in Gold ausgezeichnet!</p>
<p style="text-align: justify">Wer Weiteres &#252;ber den „Vormieter“ und die ihm unterstellten angeblichen „Vergehen“ er­fahren will, dem sei die Lekt&#252;re des Neuen Deutschland empfohlen. In der Ausgabe vom 14./15. Mai 2011 erschien anl&#228;sslich des 100. Geburtstages Walter Hollitschers der auf neue­ren Aktenfunden basierende aufhellende Beitrag von Hans-Christoph Rau „Verd&#228;chtigt. Ge­dem&#252;tigt. Ausgewiesen&#8221;.</p>
<address><strong>R&#252;ckblick auf  Sonjas</strong></address>
<address><strong>gef&#228;hrlichen Weg</strong></address>
<p style="text-align: justify">Zur&#252;ck zum verdienten Dank der Franzosen f&#252;r die Antifaschistin Dora Schaul. Ein solcher ist der Antifaschistin Ruth Werner nach der Wiedervereinigung von den Deutschen bislang versagt geblieben. Sie war, die Mehrzahl der „Spazierg&#228;nger“ wei&#223; es, im Jahre 1930 mit ihrem Mann, einem Architekten, als Ur­sula Hamburger nach Shanghai gegangen. Um dann, von Richard Sorge als „Sonja“ f&#252;r die sowjetische Milit&#228;raufkl&#228;rung der Roten Armee (GRU) gewonnen, &#252;ber zwei Jahrzehnte in der Mandschurei, Polen, der Schweiz, zuletzt England unter Gefahr f&#252;r Leib und Leben, auch das ihrer Kinder, zu wirken. Sie leistet, nicht nur als Funkerin von „Atomspion“ Fuchs, Frie­densarbeit. Die sie, im R&#252;ckblick, immer wieder als „bescheidenen Beitrag“ bezeichnet. Was auf Gesinnung und Charakter schlie&#223;en l&#228;sst.</p>
<p style="text-align: justify">Vor dem Hintergrund des Prozesses gegen Klaus Fuchs war sie 1950 von London nach Berlin, in die DDR, gekommen. Hat, zusammen mit ihrem Mann Len Beurton als Schriftstellerin Jahrzehnte in Baumschulenweg gewohnt. Mit ihrem 1977 im Verlag Neues Leben erschienenen Bestseller „Sonjas Rapport“ sorgt sie, keine &#220;bertrei­bung, weltweit f&#252;r Aufsehen.</p>
<p style="text-align: justify">Die nun schon Jahre dauernden Bem&#252;hungen linker Kr&#228;fte, in der Treptower Region eine Stra&#223;e oder einen Weg nach ihr zu benennen, sind bis dato gescheitert. Die Gr&#252;nde f&#252;r eine Ablehnung durch die BVV Treptow-K&#246;penick aus &#8211; alles in allem &#8211; ambivalenten Gr&#252;nden &#8211; erinnern Zeitzeugen bei diesem Spaziergang mit (R&#252;ck)-Blick auf deutsche und deutsch-deutsche Geschichte oft auch in Vier-Augen-Ge­spr&#228;chen.</p>
<div id="attachment_3235" class="wp-caption alignleft" style="width: 235px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/p1010824/" rel="attachment wp-att-3235"><img class="size-medium wp-image-3235" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/P1010824-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Blumen f&#252;r Hollitscher, Sonja und Len</p></div>
<p style="text-align: justify">Vorarbeit und Entstehen von „Sonjas Rapport“ sind, wie k&#246;nnte es anders sein, eng mit dem Reihenhaus Dammweg 35 verbunden. Wollte man, allein unter diesem Aspekt, die Ge­schichte des Hauses &#8211; Bewohner und Besucher – recherchieren und schreiben, w&#228;re eine Edi­tion vom Umfang her vielleicht der DDR-Rapport-Ausgabe vergleichbar. Eine „Geschichte hinter der Geschichte“. In deren Mittelpunkt steht, was nur die Autorin wusste. Aber – aus Gr&#252;nden ihres Selbstverst&#228;ndnisses von Beruf und Berufung oder angeordnet von &#252;bergeord­neter Berliner oder Moskauer Instanz – dem Leser nicht mitteilt. Auch in der 2006 erschiene­nen „Ersten voll-st&#228;ndigen Ausgabe“ nicht. Die nun das Kapitel &#8211; Markus Wolf war damals daf&#252;r, Honecker dagegen &#8211; &#252;ber den „Atomspion“ Klaus Fuchs enth&#228;lt.</p>
<address><strong>Schweigsam bis &#252;ber</strong></address>
<address><strong>den Tod hinaus </strong></address>
<p style="text-align: justify">Was Sonja nicht will oder darf, teilt sie Niemandem mit. Selbst ihrem Bruder J&#252;rgen Kuc­zynski nicht. Der ihr immerhin in London den Kontakt zu Klaus Fuchs herstellte. Und mit dem sie im Dammweg 35 mehrere Jahre im Monatsrhythmus bei Tee und Geb&#228;ck &#252;ber Gott, Partei, Familie und Welt – meist, aber nicht immer &#8211; einvernehmlich redet. Dessen Rat sie sch&#228;tzt, den sie aber vor Informationen, „die er nicht unbedingt wissen muss“, sch&#252;tzt.</p>
<div id="attachment_3247" class="wp-caption alignright" style="width: 209px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/blog11-foto-ruth-mit-93jahren/" rel="attachment wp-att-3247"><img class="size-medium wp-image-3247" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/blog11-foto-ruth-mit-93jahren-199x300.jpg" alt="" width="199" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Das letzte Foto von Ruth Werner alias Sonja entstand am 15. Mai 2000 zu ihrem 93. Geburtstag</p></div>
<p style="text-align: justify">Gleiches trifft &#8211; ausnahmslos &#8211; auf die Kinder zu. Die sich im Gespr&#228;ch „Die Forderung der Zeit verstehen“, Bestandteil der zitieren Nachwende-Ausgabe, ausf&#252;hrlich &#252;ber ihre Mutter &#228;u&#223;ern. Peter Beurton, bezogen auf Sonja als Kundschafterin: „Meine Mutter war ein Mensch, der in allen Dingen, die ihre illegale T&#228;tigkeit betrafen, geradezu von einer Obsession betrof­fen, also absolut verschwiegen war. Uns gegen&#252;ber verlor sie lange Zeit kein einziges Wort, auch nicht indirekt.“</p>
<p style="text-align: justify">Diese hier von Beurton ihm und seinen Geschwistern gegen&#252;ber bezogene Haltung nahm Ruth Werner &#252;brigens auch gegen&#252;ber ihrem fr&#252;heren Auftrageber ein. So seltsam das f&#252;r den ersten Moment auch klingen mag. Andeutungsweise Auskunft dar&#252;ber gibt ein Dokument, auf das der Blogs&#228;nger bei seinem Recherchen zum Buch „funkspr&#252;che an sonja“ in jener Be­h&#246;rde stie&#223;, die nach Gauck und Birthler mit Jahn nun den Namen eines Ex-B&#252;rgerrechtlers tr&#228;gt und in der Karl-Liebknecht-Stra&#223;e in Berlin-Mitte ihren Sitz hat.</p>
<p style="text-align: justify"><em>            „Die Genn. (1) machte bisher nur verh&#228;ltnism&#228;&#223;ig allgemeine Angaben &#252;ber ihre  fr&#252;here T&#228;tigkeit als Kundschafterin. Sie lie&#223; sich ausdr&#252;cklich versichern, dass ihre   bisherigen Angaben f&#252;r keine Berichte oder &#228;hnliche Unterlagen Verwendung finden. Ausf&#252;hrlichere Angaben m&#246;chte sie ausschlie&#223;lich pers&#246;nlich schriftlich niederlegen.  Aus den angef&#252;hrten Gr&#252;nden k&#246;nnen bisher zu den im folgenden dargelegten Problemen keine weiteren  Details angegeben werden</em>.</p>
<p style="text-align: justify">Der „Bericht &#252;ber die bis Januar 1968 durchgef&#252;hrten Befragung von U.B. (4 Ex.)“ mit der Kennung MfS – HA IX/11, FV 98/66 Bd. – Nr. 15 ist aufschlussreich in mehrfacher Hinsicht.</p>
<address><strong>Das Dokument, seine</strong></address>
<address><strong>drei guten Gr&#252;nde</strong></address>
<p style="text-align: justify"><strong>Erster Grund</strong>: Entgegen diverser Ver&#246;ffentlichungen macht seine Existenz deutlich, dass zwischen den ersten Gespr&#228;chen mit der Kundschafterin, an denen anfangs auch Vertreter der sowjetischen Seite beteiligt waren, und dem Erscheinen von „Sonjas Rapport“ mehr als ein Jahrzehnt liegt. In diese Zeitspanne flie&#223;t eine weitere ein. Die zwischen dem, nach Meinung Ruth Werners, druckreifen Manuskript und dem Termin seiner schlussendlichen Freigabe.</p>
<p style="text-align: justify">Es dauert Jahre (!), kostet die Autorin schlaflose N&#228;chte und graue Haare bis die &#252;bergeord­neten Berliner, vor allem aber Moskauer Instanzen ihr okay geben. Noch unver&#246;ffentlichte Beh&#246;rden-Dokumente geben Auskunft &#252;ber „Vorschl&#228;ge“ hoher sowjetischer GRU-Vertreter, die das Projekt in seiner Endphase fast noch scheitern lie&#223;en. Und Ruth Werner zeitweise an den Rand der Verzweiflung brachten. Weniger &#252;ber sich und ihren Text als &#252;ber die nach ihrer Meinung unrealisierbaren „W&#252;nsche“ der sowjetischen Seite.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Zweiter Grund: D</strong>er Bericht enth&#228;lt einen Schl&#252;ssel von in der Geheimdienst-Szene gut be­kannten Namen, die alle in den von Ruth Werner bei den Befragungen gegebenen Antworten auftauchen. Fast zwei Dutzend Personen. Jede f&#252;r sich bietet oder bot ausreichend Stoff f&#252;r Buch (und Legende!) mitunter schon mehrfach: <strong>Rudolf Hamburger, Agnes Smedley, Dr. Ri­chard Sorge, Prof. Gerhart Eisler, Max Clau&#223;en, Rudolf Herrnstadt, Ilse St&#246;be, Alexander Foote, Rado, Anton Ruh, Erich Henschke, Olga Benario…</strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Dritter Grund</strong>: Die hier unvollst&#228;ndig ver&#246;ffentlichte Liste enth&#228;lt unter (8) einen Namen, mit dem vergleichsweise wahrscheinlich nur wenige Leser etwas anfangen k&#246;nnen. Obwohl dieser Mann f&#252;r das „private Leben“ von Kundschafterin Sonja, vor allem w&#228;hrend ihrer Aus­bildung bei Moskau und dem Einsatz in Mukden, wichtig werden sollte. Im „vollst&#228;n­digen“ Rapport kann man &#252;ber das komplizierte, spannungsgeladene Verh&#228;ltnis der beiden ab Seite 131 nachlesen. Erf&#228;hrt, dass sie ein Kind von ihm erwartet. Und- entgegen der guten Ratschl&#228;ge des (zuk&#252;nftigen) Vaters und ihres (noch) Mannes &#8211; darauf besteht, das Kind zu bekommen. Schon nachdem Michael in Shanghai zur Welt gekommen war, stand f&#252;r sie - den Familienmenschen kuczykischer Pr&#228;gung &#8211; fest, er sollte nicht ihr Einziger bleiben.</p>
<p style="text-align: justify">Die im Wortsinn merk &#8211; w&#252;rdige Geschichte nahm ihren Lauf. Sonjas Vorgesetzten, Beruf Seemann, Deckname „Ernst“, verschlug es sp&#228;ter nach S&#252;damerika. Mit den Jahren bekam er „Heimweh“ via Deutschland. Wusste aber nicht genau nach welcher der beiden Republiken. Nahm, auch deshalb, &#252;ber Mittelsm&#228;nner Kontakt mit Ruth Werner auf. Und in den siebziger Jahren, an einem sch&#246;nen, kalten Januartag stand Ernst an der T&#252;r von Dammweg 35, klingelte und ward von Sonja will­kommen gehei&#223;en. Tochter Janina war nicht dabei. Sie  erfuhr erst sp&#228;ter vom Treffen und damit erstmals von der Existenz ihres  &#8221;wirklichen&#8221; Vaters. Sie hat es ihrer Mutter aber, so Blogsgesang gegen&#252;ber, „nicht &#252;bel genommen, dass es so war, es war eben so.“</p>
<p style="text-align: justify">Willkommen gehei&#223;en wurden im Dammweg 35 von Sonja beispielsweise auch – nat&#252;rlich – <strong>Markus Wolf. </strong>Der hat das Rapport-Buchprojekt ja angeregt und f&#252;r „funkspr&#252;che“ den Bei­trag „Sonja zum 100.“ verfasst. Hin und wieder kam <strong>Hermann Kant</strong>, ihr Schriftstellerver­bandspr&#228;sident, er schrieb f&#252;r sie „Gestern mit Ruth und Len“. Auch <strong>Eberhard Panitz</strong> war da. Seine „Morgenstunde bei Ruth Werner“ beginnt so:</p>
<p style="text-align: justify"><em>            „Es ist dasselbe Reihenhaus in der N&#228;he des Pl&#228;nterwaldes, der Gartenweg zur T&#252;r, der schmale Flur und das Wohnzimmer mit dem Blick in den Garten, wo ich oft gewesen bin in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten. `Viel zu selten l&#228;sst du dich sehen`, sagte mir Ruth Werner zu dieser Morgenstunde l&#228;chelnd in der T&#252;r. Sie sei  jetzt nicht mehr so beweglich und habe zwar die Kinder und Kindeskinder um sich, die  sich lieb um sie k&#252;mmerten, doch sie vermisse die alten Freunde und Genossen sehr, die sie sonst allenthalben bei Versammlungen und anderen Gelegenheiten getroffen habe. So genau wisse sie es ja nicht wie viel Zeit ihr noch bleibe. In ein paar Tagen wird sie 93 Jahre. Und sie habe uns vielleicht noch dies und jenes zu sagen…“</em></p>
<div id="attachment_3238" class="wp-caption aligncenter" style="width: 310px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/p1010833/" rel="attachment wp-att-3238"><img class="size-medium wp-image-3238" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/P1010833-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Blogs&#228;nger &#252;ber &quot;funkspr&#252;che an sonja&quot; - ohne die Besuche in Baumschulenweg undenkbar</p></div>
<p style="text-align: justify">Oder eben auch nicht, wie wir wissen. Auch dem <strong>Blogs&#228;nger</strong> &#246;ffnete Ruth Werner hin und wieder die T&#252;r. Dass erste Mal im Fr&#252;hjahr 1978. Aber nicht ihretwegen, sondern weil ihr Mann Len Beurton im Milit&#228;rverlag an der Storkower Stra&#223;e &#252;ber seine Zeit im Spanienkrieg berichtet hat und Blogs&#228;nger, damals Kul­turredakteur der Wochenzeitung Volksarmee, dar&#252;ber ein Seite fabrizierte, die er mit Beurton vergleichend abstimmen will: die Daten, die Fakten, die Fotos. Da seine Frau den Tee serviert, au&#223;erdem ihr Rapport bereits &#246;ffentlich ist, ergibt sich zwangsl&#228;ufig ein von gegenseitigem Interesse und Respekt getragenes „Rand­gespr&#228;ch“. Beginn einer vertrauensvollen Beziehung, die lange h&#228;lt, die &#8220;Kinder&#8221; einbezieht,  und auch nach Sonjas Tod nicht endet. Insofern ist die Gedenk­wanderung ein weiterer Mosaikstein im bunten Tableau dauerhafter Freundschaft &#252;ber Leben und Zeitl&#228;ufte hinaus.</p>
<address><strong>Drei gute Namen:</strong></address>
<address><strong>Franke, Grossmann, Holfert</strong></address>
<p style="text-align: justify">Eine, die gern einmal am Haus mit der Nr. 35 geklingelt h&#228;tte, weil sie „die B&#252;cher von Ruth Werner alle immer las“, ist <strong>Ute Franke</strong>. F&#252;r sie begann die Wanderung schon vor dem 9. Mai. Als sie noch einmal in den „Ausk&#252;nften &#252;ber Ruth Werner“ nachschlug, dem Buch, das zum 75. Geburtstag der Autorin 1982 herauskam. Dort fand sie den Brief der Mutter an Tochter Janina. Und las ihn nun den „Sonja-Wanderern“ vor:</p>
<p style="text-align: justify"><em>                                                                                                                9. Mai 1975</em></p>
<p style="text-align: justify"><em> „Liebe Nuschka,                                                                             </em></p>
<p style="text-align: justify"><em>            gestern zur Kranzniederlegung am Sowjetischen Ehrenmal in Treptow. Wei&#223;t Du noch,  dass das unser erster Spaziergang in der DDR vor f&#252;nfundzwanzig Jahren war? Ich zeigte Euch – Du vierzehn und Peter sieben Jahre alt – das Ehrenmal, wir a&#223;en in einem winzigen Restaurant Nudelsuppe, und in der zerbombten Innenstadt wohnend,   beneidete ich gl&#252;hend die Leute, die in dieser Gegend lebten. Es ist wie ein Wunder, dass es gerade diese Gegend f&#252;r uns wurde und nun schon f&#252;nfundzwanzig Jahre ist.“</em></p>
<p style="text-align: justify">Gewiss, ein paar Zeilen nur. Aber sie sprechen B&#228;nde. &#220;ber Sonja und ihre Lebensphilosophie. Aber auch &#252;ber die Vorleserin. Die f&#252;r die Volkssolidarit&#228;t Busfahrten organisiert, denn „man sollte, wenn man kann, doch noch was N&#252;tzliches tun.“</p>
<div class="mceTemp mceIEcenter">
<div id="attachment_3240" class="wp-caption aligncenter" style="width: 310px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/sonja-treptow-quintett2-plus-31420003-2/" rel="attachment wp-att-3240"><img class="size-medium wp-image-3240" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/Sonja-treptow-quintett2-plus-314200031-300x198.jpg" alt="" width="300" height="198" /></a><p class="wp-caption-text">Bei einer Lesung von &quot;Sonjas Rapport&quot; in einer Treptower Schule wurde von Jutta Matuschek (MdA) das Stra&#223;ennamen-Projekt angeregt. Das Quintett der Kinder und Freunde auch dar&#252;ber in guter Stimmung: Eberhard Panitz, Nina Blankenfeld, Michael Hamburger, Peter Beurton, Markus Wolf (v.l.)</p></div>
</div>
<p style="text-align: justify">W&#228;hrend der nun vergangenen gut zwei Stunden, dominieren vor allem die individuellen Gespr&#228;­che am Rande des Weges. Immer neue Fragen und Antworten, die gro&#223;en und kleinen The­men rund um Sonja. <strong>Gert</strong>, sein Fahrrad schiebend, w&#252;rde gerne mehr &#252;ber die Frau erfahren, als sie noch Ursula Kuczynski hie&#223;. Und ihre Kinderfilmrolle im Streifen „Dreim&#228;derlnhaus“. Dabei kann es sich nicht um den Film von Ernst Marischka mit Karlheinz B&#246;hm, Gustav Knuth und Magda Schneider handeln, der 1958 entstand. Sondern es muss der vierzig Jahre fr&#252;her von Richard Oswald gedrehte sein. Dieser Regisseur, dessen Film „Das Eisernes Kreuz“ 1915 we­gen pazifistischer Tendenzen verboten wurde, erlangte Ber&#252;hmtheit durch Streifen wie „Im Wei&#223;en R&#246;&#223;l“ und „Gr&#228;fin Mariza“. Da er aber auch als Begr&#252;nder des so genannten Sit­ten-und Aufkl&#228;rungsfilms gilt, w&#228;re es in der Tat interessant zu wissen, ob die elfj&#228;hrige Ur­sula in seinem „Dreim&#228;derlnhaus“ wirklich mitwirkte.</p>
<address><strong>Wann werden die Karten</strong></address>
<address><strong>neu gemischt?</strong> </address>
<p style="text-align: justify">Mitgewirkt an der Ehrung hat auch <strong>Victor Grossmann</strong>. Als Stephen Wechsler desertierte der heute 83-J&#228;hrige, als in Bayern stationierter GI der US-Army 1952 &#252;ber Linz, die Donau durchschwimmend, zum sowjetischen Haupt-quartier in Baden bei Wien. Und von dort in die DDR. Wohin er eigentlich gar nicht wollte, denn er hatte „erstmal genug von den Deutschen“ – dann aber bis &#252;ber ihr Ende hinaus blieb. Am 9. Mai 2011 kam er aus Richtung Friedrichshainer Karl-Marx-Allee nach Treptow. Sein abenteuerliches Leben, das Internet gibt dazu mancherlei Auskunft, ist auf andere Weise mit dem von Sonja durchaus vergleichbar. „Vielleicht“, so sagt er, „kann ich &#252;ber diese Wanderung etwas in der linken amerikanischen Presse unterbringen.“</p>
<div id="attachment_3242" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/p1010844/" rel="attachment wp-att-3242"><img class="size-medium wp-image-3242" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/P1010844-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Sch&#246;ne Begegnung nach langer Zeit -zwei alte Freunde erinnern sich: Victor Grossmann (l.), Peter Beurton</p></div>
<p style="text-align: justify">Untergebracht hat mitt-lerweile einer den „Ruth Werner Gedenkspazier-gang“. Man sollte dazu <strong>Helmut Holferts</strong> Web-site „Meine Pr&#228;sentation – ganz privat &amp; enga-giert“ anklicken. Da be-gegnet dem Betrachter ein gro&#223;er Bilderbogen sch&#246;ner Motive, kurz,  pr&#228;gnant und famili&#228;r kommen­tiert. Gar keine Frage: auch Sonja wird sich freuen.</p>
<div class="mceTemp mceIEcenter" style="text-align: justify"> Die Spree, der „Zenner“ und damit das Ende der Tour, sind erreicht. Noch einmal spielt das Trio auf, noch einmal nimmt Hans Erxleben das Wort: Dank den tapferen Mitl&#228;ufern. Erin­nerung an damals, an die 150 Freunde und Sympathisanten, die sich f&#252;r eine Namensgebung am Ufer der Spree in Bewegung setzten. Wenn auch &#8211; vorerst &#8211; noch ohne durchschlagenden Erfolg. „Aber der Kampf geht weiter. Am 18. September stehen in Berlin die Wahlen ins Haus, auch in der BVV. Noch ist der Ausgang offen. Wir sind gespannt auf das Ergebnis. Vielleicht werden die Karten f&#252;r Ruth und ihren Weg dann neu gemischt.“</div>
<dl>
<dt></dt>
</dl>
<p style="text-align: center"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/blog11-foto-sonja-weg1a-nsmail-61-2/" rel="attachment wp-att-3243"><img class="aligncenter size-medium wp-image-3243" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/blog11-foto-sonja-weg1a-nsmail-611-300x201.jpg" alt="" width="300" height="201" /></a></p>
<div style="text-align: justify">
<dl>
<dt></dt>
<dd><strong>Rund 150 Sonja-Fans, unter ihnen Jutta Matuschek (Mitte, lesend), am 15. Mai 2007 anl&#228;&#223;lich des 100. Geburtstages von Ruth Werner auf der &#8220;Promenaden-Wanderung&#8221; f&#252;r einen Stra&#223;ennamen am Spree-Ufer </strong></dd>
</dl>
</div>
<p style="text-align: justify">Noch im Juni findet die Ehrung von Treptow ihre Fortsetzung. Mit dem Besuch einer Gruppe des neuen „Freundeskreises“ bei dem vor gut einem Jahr gegr&#252;ndeten Ruth-Werner-Vereins in Carwitz bei Feldberg. Nach investigativen Recherchen, auch unter Anwendung der von Sonja hinterlasssenen geheimdientlicher Erfahrungswerte, scheint gesichert, dasss es sich bei dem Carwitzer Verein um den ersten dieser Art weltweit &#252;berhaupt handelt.  &#220;ber ihn, sein bisheriges Engagement, den Besuch einer von Berlin aus per Busfahrerausbildungs-Bus vorgefahrenen &#8220;Freundeskreis&#8221;-Abordnung, dem eine Visite &#228;hnlich motivierter Freunde  von Sonja aus Dresden voraus-gegangen war, wird  der Blog-Beitrag „Immer noch auf Sonjas Spuren&#8230;“  im Oktober Auskunft geben.</p>
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