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	<title>blogsgesang.de &#187; Maxibuch</title>
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	<description>Blog zu Politik, Zeitgeschichte, Kultur und Welt-Anschauung von Peter Richter (pri) und Rudolf Hempel (rhe)</description>
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		<title>Dem Nordpol so nahe</title>
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		<pubDate>Thu, 09 Feb 2012 15:44:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[(pri) Verl&#228;sst man Island Richtung Norden, kann nur noch das Eis kommen. Bei 66° 33&#8242; n&#246;rdlicher Breite wird der Polarkreis &#252;berquert; hier geht j&#228;hrlich am 21. Juni, dem Tag der Sommersonnenwende, die Sonne nicht unter, und weiter n&#246;rdlich dehnt sich die Zeit der Mitternachtssonne immer weiter aus, am Nordpol w&#228;hrt sie schlie&#223;lich ein halbes Jahr. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) Verl&#228;sst man Island Richtung Norden, kann nur noch das Eis kommen. Bei 66° 33&#8242; n&#246;rdlicher Breite wird der Polarkreis &#252;berquert; hier geht j&#228;hrlich am 21. Juni, dem Tag der Sommersonnenwende, die Sonne nicht unter, und weiter n&#246;rdlich dehnt sich die Zeit der Mitternachtssonne immer weiter aus, am Nordpol w&#228;hrt sie schlie&#223;lich ein halbes Jahr.</p>
<h2>Kurs auf Spitzbergen &#8211; ein Reisebericht</h2>
<p>Davon merkt man auf dem Weg nach Spitzbergen immerhin schon so viel, dass es nicht mehr richtig dunkel wird.<span id="more-3722"></span> Ein fahles D&#228;mmerlicht liegt &#252;ber dem Meer, und wer gute Augen hat, kann eine halbe Stunde nach Mitternacht, als wir den Polarkreis kreuzen, im Freien die Zeitung lesen. Von Eis ist hier noch nichts zu sehen, es kommt sachte. An Bord herrschen tags drauf noch sommerliche Temperaturen, die Passage des Polarkreises wird mit einem Neptunfest gefeiert, zu dem das Bad im (allerdings 27 Grad warmen) Swimmingpool geh&#246;rt. Doch dabei liegt der Bademantel schon griffbereit, denn zumindest der steife Wind signalisiert, dass die Temperaturen von Wasser wie Luft allm&#228;hlich sinken. Das Thermometer steigt bald kaum noch &#252;ber zehn Grad.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Eis zeigt sich zw&#246;lf Stunden sp&#228;ter, am Abend, als Land in Sicht kommt. Schemenhaft hebt sich aus dem Wasser ein wei&#223;er Kegel heraus, von Wolkenfetzen umspielt, kaum sichtbar, immer mal wieder verschwindend, dann erneut auftauchend und am Ende, beim N&#228;herkommen, dann doch erkennbar als wohlgeformter Berg, von einem Eispanzer bedeckt, der zwischen seinen glitzernden Bahnen nur selten kantige Furchen dunklen Gesteins sichtbar werden l&#228;sst. Trotz des Eises, das in der Sonne gl&#228;nzt und sich von blauem Himmel abgrenzt, kein Bild, das K&#228;lte so richtig assoziieren l&#228;sst, zumal man selbst mit kurzen &#196;rmeln und in Sandalen an der Reeling steht; einzig der Wind l&#228;sst ahnen, dass bald auch das Meer zu Eis erstarren wird.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Berg ist der Beerenberg, ein 2277 m hoher Vulkan, der 1985 zum letzten Male ausbrach. Er liegt auf der 373 Quadratmeter gro&#223;en Insel Jan Mayen, die die meisten, die sie passieren, &#252;berhaupt nicht zu Gesicht bekommen. Denn ca. 340 Tage im Jahr liegt sie in mehr oder weniger dichtem Nebel, weil sich genau hier der warme Golfstrom und der eisige Polarstrom treffen und gem&#228;&#223;igtes mit arktischem Klima um die Herrschaft ringt. Dann sieht man hier nur Wolken, Nebel, Regengrau und hat allenfalls die Ahnung eines Felsmassivs &#8230;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><iframe src="http://www.youtube.com/embed/xuIg72N3r-k" frameborder="0" width="560" height="315"></iframe><img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/48c328c5788b4ff1906857bca503851f" alt="" width="1" height="1" /></p>
<p>Wir jedoch haben Gl&#252;ck. An diesem Julitag verziehen sich die Wolken, und Insel wie Berg pr&#228;sentieren sich in glei&#223;endem Sonnenlicht, die Temperatur liegt deutlich &#252;ber dem Gefrierpunkt, und das Land schaut zwar rau und unwirtlich aus, aber doch auch wieder heimelig, wenn einige helle Holzh&#252;tten mit bunten D&#228;chern auftauchen, Unterk&#252;nfte f&#252;r eine Wetterstation und eine Luftsicherungsbasis und ihre kaum 20 Betreiber. Von der zugeh&#246;rigen anderthalb Kilometer langen Flugzeugpiste ist nichts zu sehen. Fr&#252;her diente die Insel als St&#252;tzpunkt f&#252;r Walf&#228;nger, von denen einer, der Holl&#228;nder Jacobs May van Schellinkhout, ihr auch den Namen gab.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ein Drittel der Insel ist von Gletschern bedeckt, die sich in f&#252;nf Str&#246;men vom Beerenberg hinunter zum Wasser ergie&#223;en. Bei der Passage nordwestlich Jan Mayens gibt der gr&#246;&#223;te, der Weyprecht-Gletscher, ein eindrucksvolles Bild ab. Eine Stunde vor Mitternacht liegt er in aller Sch&#246;nheit vor uns; hier gibt die Mitternachtssonne schon gen&#252;gend Licht, um das seltene Bild auf Hunderte Kameras zu bannen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: center;">*</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>36 Stunden sp&#228;ter ist das Wasser auf nahe 0 Grad abgek&#252;hlt; nur der Salzgehalt hindert es noch am Gefrieren. Die Lufttemperatur liegt im einstelligen Bereich, trotz Sonne. Und es taucht wieder ein Eiland aus schwarzem Gestein auf, sparsam mit schmalen B&#228;ndern von hellen Eisbahnen drapiert. &#220;ber allem um diese Morgenstunde tief h&#228;ngende Wolken, die die Bergspitzen nur ahnen lassen, die dort aber sein m&#252;ssen. Denn die Insel bezieht von daher schlie&#223;lich ihren Namen: Spitzbergen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Am Ufer nichts Spektakul&#228;res: Schmutzig-graue Werkhallen, Baracken, einst wei&#223;e Stahlzylinder, auf die Rost h&#228;ssliche braune Muster gemalt hat. Im Wasser allerlei Eisenteile wie auf einem Schrottplatz, dazwischen das eine oder andere Boot. In der Ferne eine Siedlung aus flachen bunten H&#252;tten, zu der ein breiter Schotterweg f&#252;hrt. Alles in allem eine trostlose Landschaft, die kaum zur Erkundung reizt. Christiane Ritter, die sich in den 30er Jahren auf Bitten ihres Mannes auf das Abenteuer eines Spitzbergen-Aufenthalts w&#228;hrend der Polarnacht und in einer einsamen Blockh&#252;tte eingelassen hatte, empfand damals ganz &#228;hnlich, lie&#223; sich bei Ankunft doch »in der Ferne ein &#246;der, grauer, langgezogener K&#252;stenstreifen erkennen«, der auch beim N&#228;herkommen nicht verlockender wurde. Die K&#252;ste wurde »mit zunehmender Deutlichkeit nicht einladender. Ein un&#252;bersehbares, flaches, dunkles Land. Ganz unvermittelt liegen darauf drei gewaltige, schwarze Berge, wie hingesch&#252;ttete Kohlenhaufen. Bis zur H&#228;lfte sind sie gn&#228;dig bedeckt mit Nebel.«</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Und doch galt ihr und gilt Spitzbergen bis heute als eine Art Sehnsuchtsland. Der holl&#228;ndische Seefahrer Wilhelm Barenzs hatte es Ende des 16. Jahrhunderts hoffnungsvoll das »neue Land« genannt. F&#252;r die Wikinger war es 400 Jahre zuvor »Svalbard«, was nicht mehr als »Inseln mit kalten K&#252;sten« hei&#223;t, und dieser Name steht den Norwegern noch immer f&#252;r das gesamte Archipel, das sich &#252;ber 63000 Quadratkilometer erstreckt und von dem niemand genau wei&#223;, wie viele Inseln dazu letztlich geh&#246;ren.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Hauptinsel ist jedoch Spitzbergen, knapp 40000 Quadratkilometer gro&#223; und von Barents wegen der schroffen Berggipfel so benannt, da man sie bei der Anfahrt und sch&#246;nem Wetter als erstes zu Gesicht bekommt. Das gilt besonders f&#252;r die »Tree Kroners«, die – wie die Orgelpfeifen aufgereiht – jeweils um 1225 hoch sind und die drei skandinavischen K&#246;nigreiche D&#228;nemark, Schweden und Norwegen symbolisieren sollen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><iframe src="http://www.youtube.com/embed/iKoYYL3iDh0" frameborder="0" width="560" height="315"></iframe></p>
<p>Wir legen trotz des trostlosen Anblicks im vorgelagerten Ny Alesund an, der zweitgr&#246;&#223;ten Ortschaft auf der Insel. Sie liegt bei 78°56&#8242; n&#246;rdlicher Breite, also schon in Spitzbergens Nordteil und ist nur noch etwa 1000 Kilometer vom Nordpol entfernt. Zwischen all den unspektakul&#228;ren Geb&#228;uden f&#228;llt dicht am Ufer eine altert&#252;mliche Eisenbahn auf, mit einer Dampflok und f&#252;nf offenen Waggons. Sie ist &#220;berbleibsel des fast 50-j&#228;hrigen Kohleabbaus in Ny Alesund, den vor allem Norwegen und die Sowjetunion betrieben. Seit 1962 ruht hier der Bergbaubetrieb, doch anderswo auf Spitzbergen ist er noch im Gange.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Lange vor den Bergleuten, deren auch mit einem Denkmal aus stilisierten Gleisen gedacht wird, hatten au&#223;er Polarforschern vor allem Walf&#228;nger und J&#228;ger die Inselgruppe als Standort genutzt. Sie t&#246;teten Robben, Walrosse, Eisb&#228;ren, Polarf&#252;chse, aber auch viele V&#246;gel. Heute steht die Wissenschaft im Vordergrund, und auch in Ny Alesund dominieren Forschungsstationen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Zun&#228;chst aber sto&#223;en wir auf die unentbehrlichen &#214;rtlichkeiten menschlicher Existenz – ein Warenhaus, nicht gr&#246;&#223;er als ein hiesiges Eigenheim, in dem man einst Kaffee, Zucker, Mehl oder Trockenobst kaufen konnte. Heute dient es als Pub; auch der darf nicht fehlen, wo mehr als zwei Menschen zusammenkommen. Das Warenhaus ist ein gr&#246;&#223;eres, jedoch auch nur einst&#246;ckiges Geb&#228;ude umgezogen; wie es hei&#223;t, wird vor der Ankunft von Touristen das Sortiment der »Kongsfjord Butikken« vollkommen umgestellt, denn was sie suchen, braucht keiner der in der Regel nur zeitweiligen Inselbewohner, die zugleich vermeiden wollen, dass ihr wirklicher Bedarf von den Ank&#246;mmlingen weggekauft wird. Was beide H&#228;user gemeinsam haben, ist der farbenfrohe Anstrich in Rostrot und Ocker, wie &#252;berhaupt mit Farben heftig gegen die Eint&#246;nigkeit der dominierenden Wei&#223;- und Graut&#246;ne, auf die sich die Natur hier zumeist beschr&#228;nkt, angek&#228;mpft wird.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Auch »Tiedemanns Tobak« schr&#228;g gegen&#252;ber des »Supermarkts« setzt im vorherrschenden Dunkelrot einen Farbtupfer in die &#246;de Landschaft. Das Haus war fr&#252;her ein Lagerhaus; heute ist hier ein Informationszentrum mit Museum untergebracht. Man kann sich &#252;ber Geologie und Klima, Flora und Fauna ins Bild setzen. Man findet Schaufel, Schubkarren und Helme, die die Bergbautradition beschreiben sollen, auch eine Kiste mit Steinkohle im Rohzustand, die vermutlich immer mal aufgef&#252;llt werden muss, denn mancher Tourist fischt sich ein Gratis-Souvenir heraus. Dazu allerlei anderes einfacher Ger&#228;t aus Holz und Eisen, ein Wohnzimmer mit Kanonenofen, eine Arztpraxis mit altert&#252;mlichem Zahnarztstuhl.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Auch ein Hotel hat Ny Alesund zu bieten und nat&#252;rlich das m&#246;glicherweise tats&#228;chlich n&#246;rdlichste Postamt der Welt, eine hellblaue H&#252;tte mit dem Postwappen des K&#246;nigreichs Norwegen. Der junge Schaltermann kann die Schlange der Wartenden kaum bew&#228;ltigen, die bei ihm Briefmarken kaufen und dann die Postkarte abstempeln lassen wollen, mit dem spitzbergenschen Originalsiegel.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Dominierend sind jedoch die Forschungsstationen aus aller Welt; selbst China zeigt mit den unvermeidlichen L&#246;wenplastiken links und rechts der Eingangst&#252;r Flagge, aber auch England, Frankreich, Schweden, Indien, S&#252;dkorea und selbstverst&#228;ndlich Norwegen mit dem gr&#246;&#223;ten Geb&#228;ude sowie einige andere. Die deutschen Forscher residieren seit 1993 im kr&#228;ftig-blauen Koldewey-Haus, benannt nach dem Leiter der ersten deutschen Nordpolexpedition 1868. Hinzu kommen Satellitensch&#252;sseln, Wetterstationen und ein Gew&#228;chshaus – auch dies vermutlich das n&#246;rdlichste weltweit. Etwas au&#223;erhalb ein Husky-Zwinger. Die Hunde d&#246;sen faul vor sich hin, lassen sich von der touristischen Invasion kaum beunruhigen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ganz im Gegensatz zu den K&#252;stenseeschwalben, die ihre Nester zwischen Ger&#246;ll und Steinen am Strand oder sogar neben den wenigen Stra&#223;en Ny Alesunds anlegen und dort in kleinen Kolonien jeweils ein bis zwei Eier ausbr&#252;ten. Jetzt, Ende Juli, sind die K&#252;ken schon ziemlich keck, flitzen zwischen den Steinen umher und suchen nach Fressbarem. Die Mutter wacht aufmerksam &#252;ber ihr Wohlbefinden. Jeder potenzielle Feind, ob Polarfuchs, Raubm&#246;we oder neugierige Menschen werden sofort angegriffen, indem die 30 bis 40 Zentimeter gro&#223;en wei&#223;en Schwalben im Sturzflug auf sie herniedersto&#223;en und mit ihren spitzen, scharfen blutroten Schn&#228;beln bearbeiten. Man kann sich vor ihnen nicht retten, nur einen Schirm oder die geballte, behandschuhte Faust hoch &#252;ber den Kopf halten, denn sie fliegen immer die h&#246;chste Stelle des potenziellen Feindes an. Die K&#252;stenseeschwalben br&#252;ten auf Spitzbergen aber nur; dann machen sie sich auf, um zwischen 14000 und 30000 Kilometer nach S&#252;den zu fliegen und dort, im antarktischen Sommer, zu &#252;berwintern. F&#252;r sie geht die Sonne faktisch niemals unter; sie m&#252;ssen dazu aber die l&#228;ngste Strecke zur&#252;cklegen, auf die sich je ein Zugvogel begibt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Vor dem Koldewey-Haus im Zentrum Ny Alesunds steht eine gro&#223;e Bronzeb&#252;ste des Polarforschers Roald Amundsen. Sie erinnert daran, dass er von hier aus 1925 erstmals den Nordpol mit einem Flugzeug &#252;berflog und dies ein Jahr sp&#228;ter mit dem Luftschiff »Norge« und dessen Erbauer Umberto Nobile wiederholte. Als Nobile 1928 erneut, diesmal mit dem Luftschiff »Italia«, zum Nordpol aufbrach und im Packeis havarierte, machte sich Amundsen auf, ihn zu retten. Die Rettung gelang, doch Amundsens Wasserflugzeug kehrte nicht mehr zur&#252;ck; trotz intensivster Suche blieben er und sein Flugger&#228;t bis heute verschollen. Der st&#228;hlerne Ankermast, von dem aus Amundsen und Nobile zur Nordpol-Tour gestartet waren, ist noch heute am Ufer des K&#246;nigsfjords zu sehen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Und gleich daneben ein Schild, das an allen Stra&#223;en, die aus Ny Alesund herausf&#252;hren, wiederkehrt. Es zeigt einen Eisb&#228;r mit der Aufschrift »Polar bear danger. Do not walk beyond this sign without a weapon« (Eisb&#228;renalarm. Weitergehen nicht ohne Waffe.) Zwar laufen Eisb&#228;ren nicht allzu h&#228;ufig in Ny Alesund herum, aber auf der Insel gibt es immerhin 3000 von ihnen, also mehr als Menschen, die hier 2500 z&#228;hlen. Au&#223;erhalb bewohnter Ortschaften sind sie st&#228;ndig auf Nahrungssuche, zumal es ihnen die Klimaerw&#228;rmung schwer macht, ihre Hauptbeute, die Robben, die sie vom Eis aus jagen, zu fangen. Daher war es nichts Ungew&#246;hnliches, dass keine zwei Wochen nach unserem Besuch auf Spitzbergen, eine britische Expedition von einem Eisb&#228;r angegriffen wurde. Sie hatten auf einem Gletscher gezeltet und offensichtlich ihr Lager nicht gen&#252;gend gesichert, so dass der B&#228;r eindringen konnte. Er t&#246;tete einen 17-j&#228;hringen und verletzte vier weitere Expeditionsteilnehmer, ehe sie den B&#228;ren zur Strecke brachten, was nur in h&#246;chster Notwehr gestattet ist.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ny Alesund ist nach zwei Stunden gr&#252;ndlich erkundet. Das Schiff legt ab, und am Ufer machen die Forscher ihre kleinen Boote zur Ausfahrt klar. Sie sind froh, dass wieder Ruhe einkehrt und sie ungest&#246;rt ihrer Besch&#228;ftigung nachgehen k&#246;nnen. Die K&#252;stenseeschwalben k&#246;nnen sich ebenfalls eine Pause g&#246;nnen, auch wenn sie ein wachsames Auge auf die zur&#252;ckgebliebenen Wissenschaftler haben, und am Wasser wagt sich sogar ein Meeresstrandl&#228;ufer heraus, um mit seinem langen spitzen Schnabel nach Nahrung zu suchen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: center;">*</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Derweil nehmen wir Kurs Richtung Norden entlang der K&#252;ste Spitzbergens, die hier von zahlreichen Fjorden und Gletschern gepr&#228;gt ist. Ziel ist der Magdalenenfjord im Nordwesten, der nicht nur landschaftlich sehr reizvoll, sondern auch gut zu befahren ist. Er liegt mit 79°30&#8242; n&#246;rdlicher Breite fast schon am magischen 80. Breitengrad. Zehn Kilometer tief schneidet er sich in die Bergwelt ein und ist etwa f&#252;nf Kilometer breit. Ges&#228;umt wird er von einer Vielzahl von Gletschern. Fridtjof Nansen, norwegischer Polarforscher und sp&#228;ter Politiker, der 1895 von seinem Forschungsschiff »Fram« zu Fu&#223;, mit Kajaks und Hundeschlitten zum Nordpol aufgebrochen war, hatte die letzten Festlandgebiete vor dem Pol so beschrieben: »&#220;berall Gletscher und Schnee und Eis zwischen den Gipfeln und m&#228;chtige Mor&#228;nen nach dem Fjord. Das sind die Urkr&#228;fte selbst in ihrer Entfaltung, Wasser und Stein, Schwere und Frost.«</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><iframe src="http://www.youtube.com/embed/NYQplJMvxFw" frameborder="0" width="560" height="315"></iframe></p>
<p>Ganz so stellt sich noch heute die dortige Landschaft dar. 60 Prozent Spitzbergens sind Gletscher, knapp 30 Prozent sind Felsen und Ger&#246;ll; lediglich auf dem kleinen Rest wachsen Pflanzen, wobei der sich aber allm&#228;hlich ausdehnt. Die Klimaver&#228;nderungen bewirken, dass sich zwischen Gletschereis und Polarmeer immer &#246;fter ein Vorland ausbildet, das nur von B&#228;chen aus dem Gletscher durchzogen ist und einen gewissen Lebensraum f&#252;r Vegetation bietet. Man rechnet damit, dass bis zum Jahre 2100 die Temperaturen auf Spitzbergen um sechs Grad ansteigen und das Land zwar nicht gerade ergr&#252;nt, aber doch einen allm&#228;hlich wachsenden Pflanzenteppich, vorwiegend aus Flechten, bekommt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Noch ist davon allerdings nichts zu sehen. Dunkel und bedrohlich liegen die schroffen Berge hinter dem Ufer, jetzt im Sommer – sieht man von den Gletschern ab – nur sp&#228;rlich mit Eis bedeckt. Im Wasser treiben gr&#252;nlich-bl&#228;uliche Bl&#246;cke, die von jenen Gletschern stammen, die noch &#252;ber eine Eiskante verf&#252;gen, von denen sie im Tauprozess abbrechen. Dieses »Kalben« der Gletscher kann man mitunter beobachten. Unter &#196;chzen und Krachen versinken dann mehr oder minder gro&#223;e St&#252;cke aus der Gletscherzunge im Wasser und erzeugen – je nach Gr&#246;&#223;e – schon mal eine Wellenbewegung, die allerdings ein Kreuzfahrtschiff nichts ins Schaukeln bringt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Das gilt insbesondere f&#252;r den Waggonway-Gletscher am Ende des Fjords, der sich sieben Kilometer lang durch die Berge schiebt und die Bucht mit einer eindrucksvollen Eiskante abschlie&#223;t. Sie ist teilweise bis zu 50 Meter hoch, rissig und in st&#228;ndiger Bewegung. Ihr Eis ist der in Jahrtausenden gefrorene Regen und Schnee, der sich auf den Bergen absetzte, unaufh&#246;rlich wuchs und sich eines Tages zum Wasser hin in Bewegung setzte. Deshalb besteht Gletschereis aus S&#252;&#223;wasser, und noch wei&#223; man nicht, wie sich das beschleunigte Abtauen der Gletscher auf die Zusammensetzung des Wassers in den n&#246;rdlichen Regionen auswirkt – und damit auch auf Tier- und Pflanzenwelt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Kreuzfahrtreedereien jedoch machen das uralte Eis der Gletscher gern zu einer Art Highlight ihrer Polarmeerreisen, eignen seine Brocken sich doch pr&#228;chtig als »Rocks« im Whiskyglas. Daher geh&#246;rt es beinahe schon zum Programm der einschl&#228;gigen Reisen, dass ein paar wagemutige Besatzungsmitglieder mit dem Schlauchboot zwischen den kleinen Eisbergen navigieren und versuchen, einen von ihnen aufs Schiff zu hieven. Da jedoch Eisberge meist nur ein Zehntel ihres Volumens herzeigen, ist das nicht ganz einfach, gelingt in der Regel aber dann doch. Und ist der Brocken doch so gro&#223;, dass die Whisky-Trinker ihn nicht aufbrauchen, freut sich gewiss ein K&#252;nstler unter den Besatzungsmitgliedern, der ihn zum Gaudi der Passagiere in eine Eisplastik verwandelt – zumeist eine barbusige Nixe, die im Sonnenlicht funkelt und glitzert, ehe sie langsam dahinflie&#223;t.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Spitzbergens Eiswelt nimmt solche Sp&#228;&#223;e gelassen. Noch n&#246;tigt sie mit ihrer Gr&#246;&#223;e und K&#228;lte dem Besucher reichlich Respekt ab, auch wenn nicht jeder an die Jahrtausende denkt, die sie bereits auf dem Buckel hat. Dass es nicht weitere Jahrtausende werden, ist jedoch gewiss. Der Mensch, so klein und unbeholfen er ihr gegen&#252;ber aussieht, ist gerade dabei, ihre Lebenserwartung drastisch zu verk&#252;rzen. Und damit wohl auch, falls er sich nicht seiner Vernunftf&#228;higkeit besinnt, die eigenen Lebensgrundlagen zu gef&#228;hrden.</p>
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		<title>Zwei Wahrheiten in Syrien</title>
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		<pubDate>Sun, 05 Feb 2012 21:30:01 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[(pri) Die seit Monaten andauernde Kampagne westlicher Politiker und der auf sie eingeschworenen Medien gegen Syrien tr&#228;gt inzwischen alle Z&#252;ge des originalgetreuen Remakes eines Thrillers aus der Hochzeit des kalten Krieges. Ideologietreu und starrsinnig zogen sich die USA und ihre Verb&#252;ndeten in flink erneut ausgehobene Sch&#252;tzengr&#228;ben zur&#252;ck und lassen sich daraus durch nichts vertreiben – [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) Die seit Monaten andauernde Kampagne westlicher Politiker und der auf sie eingeschworenen Medien gegen Syrien tr&#228;gt inzwischen alle Z&#252;ge des originalgetreuen Remakes eines Thrillers aus der Hochzeit des kalten Krieges. Ideologietreu und starrsinnig zogen sich die USA und ihre Verb&#252;ndeten in flink erneut ausgehobene Sch&#252;tzengr&#228;ben zur&#252;ck und lassen sich daraus durch nichts vertreiben – weder durch den gesunden Menschenverstand<span id="more-3709"></span>, der den auch von vielen westlichen Beobachtern nach einer Intervention von NATO und den reaktion&#228;rsten arabischen Regimen in Syrien f&#252;r unausweichlich gehaltenen ausgedehnten Regionalkonflikt im Nahen Osten in seinen Folgen f&#252;r unkalkulierbar erachtet, noch durch die absehbaren <a href="http://www.fr-online.de/meinung/einspruch-gegen-christian-bommarius--waren-40-000-tote-die-beseitigung-gaddafis-wert--,1472602,11465190.html" target="_blank">Opferzahlen eines solchen Waffengangs</a><img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/35a1815e38c040d0b3e0a4f13f8c79a9" alt="" width="1" height="1" />, die jene des gegenw&#228;rtigen B&#252;rgerkrieges innerhalb Syriens noch bei weitem &#252;bertreffen w&#252;rden.</p>
<p>Gegen den gesunden Menschenverstand spricht aus Sicht westlicher Strategen die vage wahrgenommene Chance einer grundlegenden Ver&#228;nderung der Kr&#228;ftebilanz im Nahen Osten, also ein typisches Denkmuster aus den Zeiten des kalten Krieges. Die <a href="http://www.badische-zeitung.de/nachrichten/ausland/der-umbruch-in-der-arabischen-welt-steht-noch-am-anfang--54691101.html" target="_blank">revolution&#228;ren Bewegungen in verschiedenen arabischen L&#228;ndern</a> haben ein machtpolitisches Vakuum geschaffen, weil sich die neuen, progressiven Kr&#228;fte noch nicht sammeln, formieren und zukunftsweisende Konzepte entwickeln konnten, die eine Massenbasis finden. Diese Ungewissheit &#252;ber die Zukunft und die Kr&#228;fte, die sie gestalten k&#246;nnten, ist &#252;brigens eine direkte Folge der bisherigen westlichen Politik, die die diktatorischen Machthaber im Nahen Osten ausnahmslos mit Geld und Waffen unterst&#252;tzten und oft auch deren Kampf gegen die innere Opposition Vorschub leisteten. Der Westen verhinderte somit das Erstarken neuer, volksverbundener Gruppen und Pers&#246;nlichkeiten, was ihm jetzt insofern zugute kommt, dass er Einfluss auf die Entwicklung in seinem Sinne nehmen kann – was im Prinzip hei&#223;t, die alte Politik der Unterwerfung und &#246;konomischen Auspl&#252;nderung dieser L&#228;nder fortzusetzen.</p>
<p>Dabei st&#252;tzen sich USA und Europ&#228;ische Union vor allem auf die noch verbliebenen reaktion&#228;ren Diktaturen. Es sind Saudi-Arabien und die arabischen Emirate, also teilweise noch mittelalterlich regierte Staaten, in denen weder Menschenrechte geachtet werden noch Meinungsfreiheit herrscht, die als die neuen Verb&#252;ndeten des Westens in der arabischen Welt firmieren. Beide Seiten eint der Hass gegen fortschrittliche Entwicklungen im Nahen Osten – sei es im Inneren, wo die K&#246;nige, Scheichs und Emire solche Entwicklungen m mit allen Mitteln zu verhindern suchen, sei es von au&#223;en, sobald diese L&#228;nder mit neuem Selbstbewusstsein die Beachtung ihrer politischen und &#246;konomischen Interessen einfordern. Dass der Iran beanspruchen k&#246;nnte, die Atomenergie f&#252;r sich zu nutzen, m&#246;glicherweise einschlie&#223;lich des Baus einer Bombe, wird ihm vor allem von jenen verwehrt, die bereits Atomm&#228;chte sind, darunter in vorderster Front Israel, das seit langem und als einziges arabisches Land &#252;ber die Bombe verf&#252;gt. Dass Syrien die bisherige politische Architektur im Nahen Osten mit ihrer Dominanz prowestlicher Regierungen und Israels nicht anerkennen will, machte das Land schon unter George W. Bush zu einem »Schurkenstaat«, der mit allen Mitteln bek&#228;mpft wurde.</p>
<p>Obama mag angesichts des totalen Scheiterns seines Vorg&#228;ngers in Irak zwischenzeitlich etwas zur&#252;ckhaltender aufgetreten sein, doch nun sp&#252;rt auch er die Gelegenheit, angesichts der Schw&#228;che des »arabischen Fr&#252;hlings« die alten Machtverh&#228;ltnisse auf neue Weise zu etablieren. Deshalb haben er und die NATO den Versuch der Arabischen Liga, durch eine Beobachtermission und Dialog f&#252;r eine friedliche L&#246;sung in Syrien zu arbeiten, torpediert, indem sie Saudi-Arabien und die Emirate zum Verlassen der Beobachtermission veranlassten. Deshalb haben sie im Weltsicherheitsrat das libysche Szenario wiederholen und Russland und China zwingen wollen, ihnen freie Hand f&#252;r einen erneuten Milit&#228;reinsatz zur Durchsetzung der eigenen Ziele zu geben.</p>
<p>Denn einzig Russland und China widersetzen sich – aus guten Gr&#252;nden – dem erneuten Versuch des Westens, als ein Weltgendarm aufzutreten, der anderen V&#246;lkern die Regimes aufzwingt. Bei Libyen ist das noch gelungen, weil weder Russland noch China offensichtlich mit der westlichen Unverfrorenheit rechneten, eine vage UN-Resolution einseitig in ihrem Sinne auszulegen und als Basis f&#252;r seinen bewaffneten Angriff auf ein UN-Mitglied zu missbrauchen. Dieser Pr&#228;zedenzfall soll sich am Objekt Syrien nicht wiederholen. Sie wollen nicht zulassen, dass der Westen gemeinsam mit der monarchistisch-arabischen Reaktion die Herrschaft &#252;ber den gesamten Nahen Osten erlangt – wobei sie nat&#252;rlich zuerst an den eigenen Nachteil denken, aber objektiv auch einer nachteiligen Entwicklung f&#252;r die arabischen V&#246;lker und ihrer Hoffnungen auf eine Verbesserung ihrer Lebenslage entgegenwirken.</p>
<p>Die erste Wahrheit zu Syrien besteht in dieser machtpolitischen Gemengelage; sie hat mit Menschenrechten und Verhinderung von Opfern unter der Zivilbev&#246;lkerung nicht das Geringste zu tun, sondern allein mit den Interessen des Westens, der zu ihrer Durchsetzung &#252;brigens unger&#252;hrt &#252;ber Leichen geht. Man erinnere sich des Libyen-Abenteuers, f&#252;r das mit so hohem wie hohlem Pathos der Schutz von Menschenleben beschworen wurde – so wie jetzt im Falle Syrien. Doch dass der Libyen-Krieg der NATO nach unverd&#228;chtigen Sch&#228;tzungen im Lande <a href="http://www.welt.de/debatte/kommentare/article13619539/Libyens-extremer-Blutzoll-und-wenige-schauen-hin.html" target="_blank">35000 Tote kostete</a>, vermutlich sogar mehr, wird fast v&#246;llig totgeschwiegen; ebenso wie  die1500 arabischen und afrikanischen Fl&#252;chtlinge, <a href="http://www.afrika-travel.de/libyen-news/0771-1500-migranten-2011-auf-dem-weg-nach-europa-ertrunken.html" target="_blank">die im Mittelmeer ertranken</a>, weil ihnen die europ&#228;ischen Menschenfreunde nicht helfen wollten.  Dass ein Angriff auf das viel verteidigungsf&#228;higere Syrien noch weit mehr kosten w&#252;rde, ist ebenfalls kein Thema, w&#228;hrend beinahe t&#228;glich willk&#252;rliche Zahlen &#252;ber die dortigen B&#252;rgerkriegsopfer in die Welt gesetzt werden. Wobei man auch da unterschl&#228;gt, dass es Opfer der Kriegf&#252;hrung beider Seiten sind, denn nat&#252;rlich schie&#223;en die <a href="http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/politik/unruhen/2934244/syrische-deserteure-griffen-geheimdienst.story" target="_blank">Deserteure, die sich zur »Freien Syrischen Armee« erkl&#228;rt haben</a>, auch nicht mit Platzpatronen.</p>
<p>Ebenso wenig interessiert die westlichen Politiker und die meisten Medien, dass ihre neuen Verb&#252;ndeten gegen Syrien erst vor wenigen Monaten die Opposition in den eigenen L&#228;ndern blutig niedergeschlagen haben. Saudi-Arabien, das mit immer wieder aufflackernden Unruhen im eigenen Land zu k&#228;mpfen hat, schickte sogar Panzer und Soldaten ins benachbarte Bahrain, als dort eine Erhebung des absolutistische Regime hinwegzufegen drohte. In Jemen, wo seit fast einem Jahr die Entmachtung des Pr&#228;sidenten Ali Abdallah Saleh gefordert wird, ist er noch immer im Amt. Niemand im Westen verlangt einen UNO-Beschluss, um ihn endlich zum R&#252;cktritt zu zwingen. Auch in Kuwait, Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten kommt es immer wieder zu Protestaktionen, &#252;ber die hierzualnde nicht einmal berichtet wird. Die Handy-Videos der dortigen Opposition finden kein Echo.</p>
<p>Nat&#252;rlich gibt es in Syrien auch eine zweite Wahrheit, n&#228;mlich jene von der Ablehnung des brutalen Assad-Regimes durch eine wachsende Zahl von Syrern. Der von einer Bev&#246;lkerungsminderheit getragene Pr&#228;sident repr&#228;sentiert gro&#223;e Teile seines Volkes nicht mehr; ob es tats&#228;chlich schon eine Mehrheit ist, kann kaum jemand zuverl&#228;ssig sagen. Aus diese Situation eine neue politische Konstellation zu machen, ist nicht Sache &#228;u&#223;erer Kr&#228;fte, sondern allein des syrischen Volkes. Wenn dort eine Mehrheit den Wechsel will, helfen auch brutale Unterdr&#252;ckungsma&#223;nahmen nicht mehr. Tunesien und &#196;gypten haben dies bereits bewiesen, wobei die Entwicklung im Land am Nil zeigt, dass ihre fortschrittliche Tendenz nicht nur der inneren Reaktion, sondern auch den westlichen Staaten nicht passt. Obwohl der dortige Milit&#228;rrat mit &#228;hnlicher Brutalit&#228;t wie Assad gegen die &#228;gyptischen Revolution&#228;re vorgeht, auch dort Schl&#228;gertrupps losgeschickt werden, um die konsequente Opposition niederzuschlagen, sind dazu aus den USA, der EU und den meisten ihrer Medien nur lendenlahme Erkl&#228;rungen zu h&#246;ren, keinerlei Forderungen nach Beendigung dieser Praxis durch die herrschenden Milit&#228;rs. Auch die libysche Entwicklung, wo dem Volk die Revolution aus eigener Kraft verwehrt worden ist und nun die Repression samt <a href="http://www.augsburger-allgemeine.de/politik/Libysche-Haeftlinge-sind-Ziel-von-Folter-id18491671.html" target="_blank">Folter von den Schergen der neuen Machthaber</a> fortgesetzt wird, &#252;bergeht man im Westen weitgehend mit Schweigen. Das Blut, das man in diesen F&#228;llen durch Kollaboration an den eigenen H&#228;nden hat, will man nicht sehen; daf&#252;r zeigt man umso heuchlerischer auf das Blut, das nun angeblich an den H&#228;nden der Russen und Chinesen klebe.</p>
<p>Dabei ist klar, dass nat&#252;rlich auch Moskau und Peking bei ihren Entscheidungen vor allem die eigenen Interessen im Auge haben. Sie beobachten mit gro&#223;em Argwohn die geostrategischen Verschiebungen, die die USA und die NATO intensiv anstreben; die USA haben sie gerade mit der <a href="http://www.heute.de/ZDFheute/inhalt/0/0,3672,8469280,00.html" target="_blank">Verk&#252;ndung einer neuen Milit&#228;rdoktrin</a> durchblicken lassen. Russland unterh&#228;lt in Syrien einen Milit&#228;rst&#252;tzpunkt – wie die USA einen in Bahrain. China braucht das &#214;l des Iran – wie der Westenn das Saudi-Arabiens. Russland wie  China sind an der Erhaltung eines starken Gegenparts zu Saudi-Arabien interessiert – wie die USA und die EU am Bollwerk gegen Iran. So spielen beide Seiten ihren Part – wie vor mehr als zwanzig Jahren. Eine gewiss unerfreuliche Entwicklung, f&#252;r die man nur eine Seite – wie gegenw&#228;rtig praktiziert – nun wahrlich nicht verantwortlich machen kann.</p>
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		<title>Christian Wulff, der Fensterredner vom Schloss Bellevue</title>
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		<pubDate>Fri, 13 Jan 2012 11:57:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[(pri) Der Bundespr&#228;sident will trotz aller Vorw&#252;rfe im Amt bleiben – was immer es dann noch wert ist. Schlie&#223;lich hat er sein Leben dem unbedingten Aufstieg nach ganz oben gewidmet. Doch politische Beliebigkeit, Drang ins Rampenlicht und Skandaltr&#228;chtigkeit machten Christian Wulff zu einem Pr&#228;sidenten des Boulevard. Bellevue – das war es wohl, was Christian Wulff [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) Der Bundespr&#228;sident will trotz aller Vorw&#252;rfe im Amt bleiben – was immer es dann noch wert ist. Schlie&#223;lich hat er sein Leben dem unbedingten Aufstieg nach ganz oben gewidmet. Doch politische Beliebigkeit, Drang ins Rampenlicht und Skandaltr&#228;chtigkeit machten Christian Wulff zu einem Pr&#228;sidenten des Boulevard.<span id="more-3511"></span></p>
<p><strong>Bellevue – das war es wohl, was Christian Wulff das Angebot von Angela Merkel annehmen lie&#223;. Die »sch&#246;ne Aussicht« auf ein Leben in Glanz und Gloria, finanziell abgesichert bis zum letzten Tag. Freilich nach provinziellen Ma&#223;st&#228;ben – anderes kannte er nicht.</strong><img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/0609777aafea4465af439f7749db3784" alt="" width="1" height="1" /></p>
<p>Aufgewachsen in schwierigen Verh&#228;ltnissen, musste er schon mit 14 Jahren seine Mutter – sowohl sein leiblicher Vater als auch der sp&#228;tere Stiefvater trennten sich von ihr – pflegen, als sie an multipler Sklerose erkrankte. Auch um die Schwester k&#252;mmerte er sich. Heimlich fuhr Wulff mit dem Rad in die Villa des Vaters. Er wollte heraus aus der Entbehrung, dem Verzicht, der Enge. Dorthin, wo die Reichen lebten und die Sch&#246;nen posierten.</p>
<p>Er studierte Jura und arbeitete schon w&#228;hrend des Studiums an einer politischen Karriere in der CDU, der er 1975, 16-j&#228;hrig, beigetreten war. Als er sich 1990 als Rechtsanwalt in seiner Heimatstadt Osnabr&#252;ck niederlie&#223;, war er zugleich Mitglied im CDU-Landesvorstand Niedersachsen, Vorsitzender seines Bezirksverbandes, CDU-Fraktionsvorsitzender im Stadtrat und ein Jahr sp&#228;ter schon Mitglied der CDU-Grundsatzkommission – also optimal vernetzt f&#252;r den weiteren Aufstieg.</p>
<p>Der freilich lie&#223; auf sich warten. Zwar trat Christian Wulff 1993 erstmals gegen Gerhard Schr&#246;der zur Landtagswahl an und eroberte trotz vernichtender Niederlage ein Jahr sp&#228;ter Landes- wie Fraktionsvorsitz der nieders&#228;chsischen CDU, aber vier Jahre sp&#228;ter verlor er noch deutlicher. Ihn retteten schlie&#223;lich der Aufstieg Schr&#246;ders zur Kanzlerschaft und die Schw&#228;che von dessen Nachfolgern in Hannover, Gerhard Glogowski und Sigmar Gabriel. 2003 war Wulff endlich Ministerpr&#228;sident.</p>
<p>Gl&#252;cklich wurde er in diesem Amt nicht. Die Haushaltskonsolidierung erkaufte er vor allem mit massivem Sozialabbau, u.a. der Streichung des Blindengeldes, und Einsparungen bei der Bildung wie Abschaffung der Lehrmittelfreiheit, K&#252;rzung bei Hochschulen und Einf&#252;hrung von Studiengeb&#252;hren, was die W&#228;hler 2008 mit einem Minus von fast sechs Prozent bestraften. Schon da stellten sich Frust und Amtsm&#252;digkeit ein; &#252;berraschend zog sich Wulff vom CDU-Landesvorsitz zur&#252;ck und begann, Gefallen am Repr&#228;sentativen zu finden. Als Ministerpr&#228;sident schaltete er um auf Wohltaten, wurde aber durch die Finanzkrise gebremst. Die M&#252;hen der nieders&#228;chsischen Ebene setzten ihm zu, was den Drang nach H&#246;herem nur noch verst&#228;rkte.</p>
<p>Inzwischen hatte er sich in der Bundes-CDU eine solide Stellung erarbeitet. Bereits 1998 war er stellvertretender Parteivorsitzender geworden und galt vor allem nach seinem Wahlsieg als Anw&#228;rter auf h&#246;here Weihen. Einem Machtkampf mit Angela Merkel wich er jedoch aus. Wulff unterst&#252;tzte sie und erkl&#228;rte sogar, ihm fehle »der unbedingte Wille zur Macht und die Bereitschaft, dem alles andere unterzuordnen«. M&#246;glicherweise hatte ihn die harte K&#228;rrnerarbeit als Regierungschef ern&#252;chtert, suchte er – wie mancher Empork&#246;mmling – nach einer Aufgabe, in der Ansehen und &#228;u&#223;erer Glanz leichter zu haben waren. Er hoffte auf den Ruf der Kanzlerin und wartete auf ein Schn&#228;ppchen.</p>
<p>Doch 2009 ging die Regierungsbildung ohne ihn &#252;ber die B&#252;hne. Erst Horst K&#246;hlers R&#252;cktritt als Bundespr&#228;sident brachte ihn wieder ins Spiel, denn nun trafen sich seine Interessen mit denen Angela Merkels, die erneut einen Bundespr&#228;sidenten auszuw&#228;hlen gedachte, der keine eigene Macht neben ihr oder gar gegen sie aufbauen konnte. Sie wollte wieder eine schwache Figur im h&#246;chsten Staatsamt, die ihre Kreise nicht st&#246;rt, sondern vielleicht zur St&#252;tze werden kann, wenn sie es braucht. F&#252;r sie ist das Staatsoberhaupt nur ein R&#228;dchen im Regierungsgetriebe; die von ihr Ausgew&#228;hlten m&#252;ssen – wo auch immer – funktionieren. Ihr geistiges Format interessiert sie, wie der Fall Guttenberg zeigte, wenig.</p>
<p>Daher war es auch kein Hindernis, dass Christian Wulff sich in Niedersachsen sehr eng an die dortige Wirtschafts- und Finanzkamarilla angeschlossen hatte, die von seinem Vorg&#228;nger Schr&#246;der zu ihm gewechselt war. Wulff nutzte die Feriendomizile der Familie Geerkens in Spanien und Florida, des Versicherungsunternehmers Baumgartl in Italien, lie&#223; sich vom Air-Berlin-Chef bei einer Flugreise in die USA samt Familie kostenlos in die Business Class umsetzen. Der Finanzdienstleister Carsten Maschmeyer bezahlte mit einer f&#252;nfstelligen Summe Anzeigen f&#252;r Wulffs Buch »Besser die Wahrheit« und auf Maschmeyers Mallorca-Landsitz machte Wulff noch nach seiner Wahl zum Bundespr&#228;sidenten Urlaub.</p>
<p>Gleichzeitig bem&#252;hte sich Christian Wulff intensiv um ein gutes Image vor allem bei den Boulevard-Medien; was seine zweite Ehefrau Bettina bereitwilligst unterst&#252;tzt. Diese »neue Liebe«, die Scheidung von seiner ersten Frau, die glanzvolle Hochzeit, gefeiert in Geerkens&#8217; Penthouse, das gemeinsame Baby – alles wurde von »Bild« und »Bunte« in sch&#246;ner Aufmachung verbreitet. Schon zuvor hatte er sich eine Aura als Saubermann zugelegt. Als Johannes Rau 2000 wegen einer Flugaff&#228;re in die Kritik kam, fand Wulff es »tragisch«, dass Deutschland »keinen unbefangenen Bundespr&#228;sidenten hat, der seine Stimme mit Autorit&#228;t erheben kann«. Nach dem R&#252;cktritt Glogowskis 1999 – wegen Vorw&#252;rfen im Zusammenhang mit freundschaftlich-vorteilhaften Beziehungen zu Unternehmern – forderte Wulff eine Untersuchung, sei doch »der Schein von Abh&#228;ngigkeiten &#8230; ein Problem f&#252;r die W&#252;rde des Amtes«.</p>
<p>Er produzierte sich als integrer Mann, der stets eine tadellose Figur zu machen versteht, nett und umg&#228;nglich ist und mit seiner jungen Frau gar so etwas wie h&#246;fischen Glanz verbreitet. Und gab es nicht beim britischen K&#246;nigshaus eine Hannoversche Linie?</p>
<p>Dieses Image pflegte Wulff auch und gerade im Schloss Bellevue. Es gab Phasen in seiner nun anderthalbj&#228;hrigen Pr&#228;sidentschaft, da drangen aus dem Amtssitz neben d&#252;rren Protokollmeldungen vor allem solche Bilder des Paares – von der Frisur &#252;ber die Kleider bis zur Strumpfnaht. Das Staatsoberhaupt fand nichts dabei, sich sein Amt vom Boulevard definieren zu lassen. Politisch Wegweisendes hingegen h&#246;rt man von ihm nur selten. Und wenn, dann wurde es vor dem Hintergrund der Glamours nicht sonderlich ernst genommen.</p>
<p>Dazu trug bei, dass durchaus wichtige und richtige Worte nicht als Agenda erkennbar wurden, beliebig statt nachhaltig zu sein schienen. Wulff nannte Deutschland eine »bunte Republik« und erkl&#228;rte, dass dazu auch der Islam geh&#246;re, doch hat er das Thema nicht weiter verfolgt. Selbst nach Bekanntwerden der rechtsterroristischen Mordserie an t&#252;rkischen und griechischen Einwanderern raffte er sich nur zu einem vertraulichen Treffen mit Angeh&#246;rigen der Opfer auf, konnte sich nicht zu einer aufr&#252;ttelnden Positionsbestimmung durchringen.</p>
<p>Zur Finanzkrise fand er deutliche Worte, kritisierte Konsumtion und Spekulation auf Kosten von Bildung und Forschung, den Teufelskreis von Bankenrettung und Sozialabbau, die Unterwerfung von Politik unter die Finanzm&#228;rkte. Sie d&#252;rfe sich nicht »am Nasenring durch die Manege f&#252;hren lassen, von Banken, von Rating-Agenturen oder sprunghaften Medien. Politik hat Gemeinwohl zu formulieren, auch mit Mut und Kraft im Konflikt mit Einzelinteressen«, sagte Wulff im Sommer vor Nobelpreistr&#228;gern. Auch das blieb eine Fensterrede von jemandem, der noch unl&#228;ngst selbst Politik so betrieben hatte und jetzt nicht Mut und Kraft zur Formulierung von Alternativen findet, sondern schweigend absegnet, was ihm die Regierung vorlegt.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund ist die derzeitige Aff&#228;re um seine Verschleierungstaktik beim Hauskredit und den Eingriff in die Pressefreiheit keine sonderliche &#220;berraschung – was auch zahlreiche B&#252;rger so sehen, sonst wollten nicht so viele Gnade vor Recht ergehen lassen. Man hat von einem Bundespr&#228;sidenten, der sich dergestalt zelebriert, kaum anderes erwartet und sich damit arrangiert. Es passt in die aktuelle politische Landschaft. Und ist dabei von solch niederem Niveau, dass sich daran sogar die »Bild«-Zeitung als K&#228;mpferin f&#252;r Anstand und W&#252;rde profilieren kann.</p>
<address><a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/215497.der-fensterredner-vom-schloss-bellevue.html" target="_blank">Gedruckt in: Neues Deutschland vom 13. 01.2012</a></address>
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		<title>Mit Links gegen Rechts – ein unnat&#252;rliches B&#252;ndnis</title>
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		<pubDate>Mon, 12 Dec 2011 22:04:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[(pri) Als Gro&#223;britanniens Premierminister Winston Churchill im M&#228;rz 1946 im amerikanischen Fulton eine Rede hielt, die allgemein als der Beginn des »kalten Krieges« interpretiert wird, stellte er damit die Welt wieder vom Kopf auf die F&#252;&#223;e. Denn es war im Grunde ein zutiefst unnat&#252;rliches B&#252;ndnis, das einige Jahre zuvor als »Anti-Hitler-Koalition« in die Welt trat. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) Als Gro&#223;britanniens Premierminister Winston Churchill im M&#228;rz 1946 im amerikanischen Fulton eine Rede hielt, die allgemein als der Beginn des »kalten Krieges« interpretiert wird, stellte er damit die Welt wieder vom Kopf auf die F&#252;&#223;e. Denn es war im Grunde ein zutiefst unnat&#252;rliches B&#252;ndnis, das einige Jahre zuvor als »Anti-Hitler-Koalition« in die Welt trat.<span id="more-3481"></span> Ein B&#252;ndnis, bei dem sich solch klassisch kapitalistische Staaten wie die USA und England, an die Seite ihres eigentlichen Todfeinds, der sozialistischen Sowjetunion, stellten – gegen Deutschland, trotz des irref&#252;hrenden Namens seiner Staatspartei einer der ihren, der den Kapitalismus sogar besonders effizient, wenn auch mitunter zu offen brutal zu verwalten verstand.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Daher brauchte es auch ziemlich lange zu diesem B&#252;ndnis, und auf dem Weg dahin mussten einige aus dem kapitalistischen Lager das Opfer der Unterwerfung unter den St&#228;rksten von ihnen bringen: &#214;sterreich, die Tschechoslowakei, Polen, sogar Frankreich. Diese Nachsicht gegen&#252;ber dem staastlichen Rechtsterrorismus im Herzen Europas beruhte auf einer so klaren wie zutreffenden Erkenntnis: Der Faschismus stellte f&#252;r das kapitalistische System keine Gefahr dar. Ganz im Gegenteil zur sozialistischen Linksdiktatur, die nicht verhehlte, ihn abschaffen zu wollen. Also schien ersterer n&#252;tzlich, um die zweite zu stoppen; man atmete auf, als sich die deutsche Kriegsmaschinereie endlich gen Osten wandte, die Grenzen des Sowjetreichs &#252;berschritt, und sie fand tausende Ausfl&#252;chte, weshalb man dem neuen Opfer nicht zu Hilfe kam.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Stattdessen fanden sofort nach dem deutschen &#220;berfall auf die Sowjetunion britisch-deutsche Geheimverhandlungen statt, denen sich sp&#228;ter auch die USA anschlossen. Lange wurde die Er&#246;ffnung einer zweiten Front im Westen hinausgez&#246;gert, und noch vor Kriegsende, im April 1945, gab Churchill seinem Oberbefehlshaber die Anweisung, deutsche Waffen sicherzustellen, »so dass sie leicht den deutschen Soldaten wiedergegeben werden k&#246;nnten, mit denen wir zusammenzuwirken h&#228;tten, wenn die Sowjets ihren Vormarsch &#252;ber die vereinbarte Demarkationslinie hinaus fortsetzen«.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erst als sich also abzeichnete, dass die Sowjetunion es m&#246;glicherweise allein schaffen k&#246;nnte, die faschistische Bestie niederzuringen und dadurch territorial wie ideell betr&#228;chtlich an Macht gewinnen w&#252;rde, war aus Sicht des kapitalistischen Westens wirklich Gefahr im Verzuge. Im Sommer 1944 landeten die Westallierten an der franz&#246;sischen K&#252;ste, um europ&#228;isches Gebiet zu sichern und jene Zonen, die unter sowjetische Hrrschaft zu fallen drohten, &#252;berzogen sie mit einem zerst&#246;rerischen Bombardement. Wie ein Trittbrettfahrer verb&#252;ndete man sich jetzt mit dem absehbaren Sieger, um ihm nicht allein das Feld zu &#252;berlassen. Und wendete sich so schnell wie m&#246;glich wieder gegen den kurzzeitigen Verb&#252;ndeten, um ihn zu schw&#228;chen und den gerade noch gemeinsamen Gegner zu st&#228;rken – weil der eben Fleich von ihrem Fleische und Blut von ihrem Blute war.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die darauf folgende Geschichte der Bundesrepublik l&#228;sst sich unschwer als nahtlose Fortsetzung dieses Kurses lesen, ist sie doch gekennzeichnet einerseits vom schonenden Umgang mit Nazikriegsverbrechern und auf der anderen Seite von der w&#252;tenden Verfolgung jeglicher als links verstandener Bewegung. Von der Wiederverwendung eines Hans Globke und Tausender anderer seines Geistes beim Aufbau eines »demokratischen« Deutschland &#252;ber die Reinwaschung der NS-Justiz bis hin zur Kultivierung rechten Gedankenguts als ein Standbein des Adenauerschen Konservatismus reicht die Vers&#246;hnung des bundesdeutschen Kapitalismus mit seinem ungeb&#228;rden Nazi-Kind, das er zwar ein wenig eingehegt hat, ansonsten aber gew&#228;hren l&#228;sst.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ganz im Unterschied zu allem, was als links verd&#228;chtigt wird. Nicht nur wurden 1956 die KPD verboten und die T&#228;tigkeit ihrer Funktion&#228;re r&#252;ckwirkend ab 1951 f&#252;r strafbar erkl&#228;rt, was zu einer Vielzahl von Anklagen und Verurteilungen f&#252;hrte. Auch andere Kritiker der bundesrepublikanischen Entwicklung wurden dem antilinken Feindbild zugeordnet . So der CDU-Politiker Wilhelm Elfes, der Adenauers Politik offen kritisiert hatte und daraufhin als »Dissident« nicht einmal mehr einen Pass bekam, weil er »die innere oder die &#228;u&#223;ere Sicherheit oder sonstige erhebliche Belange der Bundesrepublik Deutschland« gef&#228;hrdete. So Mitglieder des »Westdeutschen Friedenskomitees«, die allein deshalb zu Haft- und Geldstrafen verurteilt wurden, weil in der Organisation auch KPD-Mitglieder mitgearbeitet hatten. Und so der sp&#228;tere Bundespr&#228;sident Gustav Heinemann, der als Innenminister 1950 aus dem Adenauer-Kabinett zur&#252;cktrat, 1952 auch die CDU verlie&#223; und die Gesamtdeutsche Volkspartei gr&#252;ndete und danach von Verfassungsschutz und BND observiert wurde.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der <a href="http://www.dw-world.de/dw/article/0,,15596569,00.html" target="_blank"><img src="http://vg06.met.vgwort.de/na/db206dd9dae641d797c3525909ffde04" alt="" width="1" height="1" />gnadenvolle Blick nach rechts</a> und die grelle Ausleuchtung des linken Lagers haben die Zeitl&#228;ufte &#252;berstanden, was sich auch oder gerade nach der Vereinigung der deutschen Staaten nicht &#228;nderte. In diesem Sinne erzogene Politiker, Juristen, Sicherheitsexperten setzten nur fort, was ihre gel&#228;ufige Praxis war: Freiraum nach rechts zu schaffen und zugleich linke Gegenkr&#228;fte politisch, juristisch und polizeilich zu behindern. Sie taten und tun dies, weil sie eine Gefahr f&#252;r ihr Systems zu Recht von rechts nicht bef&#252;rchten, w&#228;hrend sie auf der Linken, wo man die bestehende Gesellschaftsordnung f&#252;r ver&#228;nderbar h&#228;lt und daf&#252;r streitet, die eigentliche Bedrohung ortet.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Bundestrojaner, das IM-System des Internetzeitalters</title>
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		<pubDate>Thu, 13 Oct 2011 19:17:39 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) Als das Bundesverfassungsgericht vor gut dreieinhalb Jahren den Sicherheitsbeh&#246;rden die Online-Durchsuchung gestattete, sie aber durch allerlei Auflagen zur seltenen Ausnahme zu machen versuchte, war bereits klar dass damit dem Zugriff auf die Computer aller B&#252;rger T&#252;r und Tor ge&#246;ffnet wurde. <span id="more-3320"></span>&#220;brigens auch dem <a href="http://www.bundesverfassungsgericht.de/entscheidungen/rs20080227_1bvr037007.html" target="_blank"><img src="http://vg08.met.vgwort.de/na/3d0a65f64a4849779c6fcfb0f650c4f7" alt="" width="1" height="1" />Gericht selbst, das warnend den Zeigefinger hob</a>: »Wird ein komplexes informationstechnisches System zum Zweck der Telekommunikations&#252;berwachung technisch infiltriert (,Quellen-Telekommunikations&#252;berwachung‘), so ist mit der Infiltration die entscheidende H&#252;rde genommen, um das System insgesamt auszusp&#228;hen. Die dadurch bedingte Gef&#228;hrdung geht weit &#252;ber die hinaus, die mit einer blo&#223;en &#220;berwachung der laufenden Telekommunikation verbunden ist.« Es wusste also: Wenn eine T&#252;r auch nur einen Spalt weit ge&#246;ffnet wird, reicht das in aller Regel aus, um sie sukzessive immer weiter aufzusto&#223;en – bis hin zum sprichw&#246;rtlichen Scheunentor.</p>
<p>Dass sich die mit dem Verfassungsgerichtsurteil vom 27. Februar 2008 freigegebene Entwicklung in diesem Sinne vollzog, ist also keine &#220;berraschung; erstaunlich ist allenfalls, mit welcher Selbstverst&#228;ndlichkeit vor allem <a href="http://www.zdnet.de/news/41557123/vier-bundeslaender-geben-trojanernutzung-zu.htm" target="_blank">konservative Innenminister</a> und ihre Ermittler den Fu&#223; oder gleich den Polizeistiefel in den T&#252;rspalt schoben oder sie gar ganz auftraten. Sie erkannten offensichtlich sehr schnell, dass ihnen mit der Schn&#252;ffel-Software des Bundestrojaners ein Instrument nicht grunds&#228;tzlich verboten wurde, das in seinen M&#246;glichkeiten einem IM-System, wie es das Ministerium f&#252;r Staatssicherheit der DDR noch m&#252;hsam aufbauen musste, nicht nur nahe kommt, sondern es teilweise &#252;bertrifft. Vor allem aber ist es hinsichtlich des Einsatzes von Mitteln und Personen wesentlich effizienter und weniger st&#246;ranf&#228;llig.</p>
<p>Der <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/ein-amtlicher-trojaner-anatomie-eines-digitalen-ungeziefers-11486473.html" target="_blank">vom Chaos Computer Club enttarnte Bundestrojaner</a> erm&#246;glicht die l&#252;ckenlose &#220;berwachung der gesamten Online-Aktivit&#228;ten eines B&#252;rgers vor allem dadurch, dass er in schneller Folge Bildschirmfotos des Computers liefert, aus dem die jeweilige Aktivit&#228;t des Nutzers abgelesen werden kann. Bei f&#252;nf Eins&#228;tzen des Trojaners in Bayern wurden, so musste das Innenministerium zugeben, 29589 solche Bildschirmfotos (Screenshots) »geschossen«, bei Bedarf alle 30 Sekunden eins. »Wie bei einem Daumenkinoheftchen k&#246;nnen die &#220;berwacher dem Entstehen von Text gewordenen Gedanken, Kalkulationen, Notizen und E-Mails zuschauen – ein Bildschirmfoto nach dem anderen. Auch niemals versendete Nachrichten, die der Verfasser wieder gel&#246;scht hat, statt sie abzuschicken, landen so auf dem &#220;berwachungsserver. Viele Menschen haben es sich angew&#246;hnt, ihre Gedanken und Gef&#252;hlen digital festzuhalten, die sie dann aber nicht unbedingt verschicken &#8230; Nun landen sie mittels der Autorisierung einer einfachen Telekommunikations&#252;berwachung in den Handakten der Ermittler und Geheimdienste.«, stellt dazu die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung« fest. Hinzu kommt, dass der Trojaner alle &#252;bers Internet gef&#252;hrten Telefongespr&#228;che aufzeichnen konnte, aber – nachdem er das am Computer angeschlossene Mikrofon aus der Ferne angeschaltet hatte – auch s&#228;mtliche sonstigen Gespr&#228;che in dessen Umfeld und sogar – nach Aktivierung der Webcam, wiederum auf Befehl aus den Wolken – alle Bilder aus dem Raum,also die Personen und ihre Verrichtungen.</p>
<p>Um ein solches Ergebnis zu erreichen, bedurfte es bei der Stasi eines ganzen Netzes dicht an der verd&#228;chtigen Person platzierter und aussagewilliger Lauscher, und selbst dann erfuhr sie nur ein Bruchteil dessen, was der infizierte Computer zu liefern vermag. Denn er vermerkt auch, was der/die Verd&#228;chtige allein tut, allein schreibt und auf der Festplatte abspeichert. Der Intimbereich jeden menschlichen Lebens ist somit entschl&#252;sselbar, der von den Verfassungsrichtern als unantastbar bezeichnete »Kernbereich privater Lebensgestaltung« liegt offen vor den staatlichen Ermittlern.</p>
<p>Und noch mehr. Der Bundestrojaner kann, so wie er Befehle erteilt, Computerinhalte an vorgegebene Adressen zu senden, auch veranlassen, dass Computerinhalte jeglicher Art auf dem infizierten Rechner abgelegt werden. Auch das ist von der Stasi bekannt. Wollte sie einen Verd&#228;chtigen aus dem Verkehr ziehen, wurden schon mal kompromittierende Belege in seinem Umfeld platziert, wozu sie auch auf IM zur&#252;ckgriff oder in die Wohnung einbrach. Jetzt gen&#252;gt ein Mausklick, um das Kompromat auf dem Computer unterzubringen – &#252;brigens auch, um es bei Bedarf wieder r&#252;ckstandsfrei zu entfernen.</p>
<p>Und so wie in der DDR das IM-System beinahe nach Gutd&#252;nken zum Einsatz kam, wird der Bundestrojaner auch heute schon beinahe als Standardmethode angewandt. Jedenfalls war in keinem der aus Bayern, Baden-W&#252;rttemberg, Niedersachsen, Hessen und Brandenburg bekannt gewordenen F&#228;lle ein »&#252;berragend wichtiges Rechtsgut« in Gefahr. Denn dies definiert das Bundesverfassungsgericht so: »&#220;berragend wichtig sind Leib, Leben und Freiheit der Person oder solche G&#252;ter der Allgemeinheit, deren Bedrohung die Grundlagen oder den Bestand des Staates oder die Grundlagen der Existenz der Menschen ber&#252;hrt.« Den <a href="http://www.welt.de/print/die_welt/politik/article13657847/Der-Skandal-hinter-dem-Trojaner.html" target="_blank">bayerischen Beh&#246;rden</a> gen&#252;gte der Verdacht illegalen Handels mit Bet&#228;ubungsmitteln, um die Online-Total&#252;berwachung gegen einem Pharmah&#228;ndler einzusetzen; sogar das Landgericht Landshut befand das als unrechtrm&#228;&#223;ig.</p>
<p>Ganz anders freilich die zust&#228;ndigen Innenminister, die in keinem Fall einen Rechtsbruch sehen wollten – eine weitere Parallele zum Vorgehen in totalit&#228;ren Staaten, die den Schriftsteller <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/ueberwachung-kontrolle-ausser-kontrolle-11487833.html" target="_blank">Dietmar Dath</a> bereits von einem »neuen Typ des Totalitarismus« sprechen lie&#223;. F&#252;r sie gen&#252;gt eine richterliche Best&#228;tigung, also das Plazet durch eine einzige Person, die in der Regel eng mit dem Ermittlungsapparat verbunden ist, um bedenkenlos alles das auszuforschen, was nur auszuforschen ist. Denn nat&#252;rlich kann – eine Grundregel jeglicher Polizeiarbeit – alles einmal von Bedeutung sein. Diese Informationsfetischisten empfanden das Urteil des Bundesverfassungsgerichts weniger als Grenzziehung denn als ein Niederrei&#223;en st&#246;render Schlagb&#228;ume.</p>
<p>Das Bundesverfassungsgericht w&#252;rde es allerdings wohl als ehrenr&#252;hrig empfinden, unterstellte man ihm, es sei von den Sicherheitsbeh&#246;rden &#252;bert&#246;lpelt worden. Tats&#228;chlich wurde es wohl auch in dieser Sache – und die genannte selbstkritische Warnung belegt es – im Sinne seines &#252;bergeordneten Auftrags t&#228;tig, <a href="http://www.blogsgesang.de/2010/03/04/das-bundesverfassungsgericht-stabilisator-staatlicher-macht/" target="_blank">die Handlungsf&#228;higkeit des Staates jederzeit zu gew&#228;hrleisten</a> und mit genau diesem Ziel f&#252;r die jeweils erforderliche Interpretation des Grundgesetzes zu sorgen. Die Risiken und Nebenwirkungen eines solchen Vorgehens zugunsten der Staatssicherheit nahm es als eine Art Kollateralschaden in Kauf; inwieweit dessen Ausma&#223; nun vielleicht doch zu einigem Unbehagen bei den h&#246;chsten Verfassungsrichtern f&#252;hrt, wird abzuwarten sein.</p>
<p>Zwar muss nicht jeder B&#252;rger von vornherein damit rechnen, dass auf seinen Computer ein Bundestrojaner eingeschleust wird; schlie&#223;lich ist es schon die riesige Datenmenge, die Innenministern und Ermittlern Grenzen setzt. Dennoch sollte sich der »unbecholtene« B&#252;rger nicht allzu sicher f&#252;hlen, kann er doch – von wem und warum auch immer – »bescholten« werden. Und dann sein Leben in k&#252;rzester Zeit nackt und blo&#223; auf den Bildschirmen der Polizei bereitliegen.</p>
<p>Daher gibt es f&#252;r das Problem eigentlich nur eine L&#246;sung: das totale Verbot jeglicher Online-Durchsuchung, so wie in der Verfassung auch das Brief-, das Post- und Fernmeldegeheimnis f&#252;r unverletzlich erkl&#228;rt worden sind (Art. 10). Es gibt keinen Grund, in diesem Falle anders zu verfahren – erst recht nicht nach der Enttarnung des Bundestrojaners.</p>
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		<title>Schwarz-Gelb auf dem Tiefpunkt</title>
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		<pubDate>Tue, 04 Oct 2011 18:31:19 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[(pri) Am 27. September 2009 konnten sich Union und FDP &#252;ber ihre Erfolge bei der Bundestagswahl und die bevorstehende schwarz-gelbe Wunschkoalition freuen. Von Freude ist zwei Jahre sp&#228;ter zur Halbzeit der Regierung nichts mehr zu sp&#252;ren: Die FDP steht am Abgrund, die Union hat ein massives Problem, ihren W&#228;hlern die politischen Kehrtwenden zu erkl&#228;ren und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) Am 27. September 2009 konnten sich Union und FDP &#252;ber ihre Erfolge bei der Bundestagswahl und die bevorstehende schwarz-gelbe Wunschkoalition freuen. Von Freude ist zwei Jahre sp&#228;ter zur Halbzeit der Regierung nichts mehr zu sp&#252;ren: Die FDP steht am Abgrund, die Union hat ein massives Problem, ihren W&#228;hlern die politischen Kehrtwenden zu erkl&#228;ren und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) gelingt es nur noch m&#252;hsam, die einstigen Traumpartner zusammenzuhalten.<span id="more-3306"></span></p>
<h2><a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/208058.schwarz-gelb-auf-dem-tiefpunkt.html" target="_blank">Schwarz-Gelb auf dem Tiefpunkt</a><img src="http://vg06.met.vgwort.de/na/aec68746bcb847dcbb67263c95c79439" alt="" width="1" height="1" /></h2>
<h4>Angela Merkels Wunschkoalition steckt in der Krise, weil sie an den Erwartungen der B&#252;rger mehr denn je vorbei regiert</h4>
<h5>Nach zwei Jahren Schwarz-Gelb haben CDU/CSU und FDP »fertig«. Sie sind moderne Antworten auf die Herausforderungen einer sich schnell wandelnden Welt schuldig geblieben, halten aber stur an der Macht fest.</h5>
<p>Die als Drohung gemeinte, von vielen aber durchaus als Verhei&#223;ung empfundene Ank&#252;ndigung, ohne »Kanzlermehrheit« in der Frage des Griechenland-Rettungsschirms sei die Koalition gescheitert, war nie ernst gemeint. Sie diente allein der am Ende gelungenen Disziplinierung der eigenen Fu&#223;truppen; aber dass sowohl Wolfgang Sch&#228;uble f&#252;r die Union als auch FDP-Fraktionschef Br&#252;derle mit allerlei Relativierungen f&#252;r den Ernstfall vorgebaut hatten, zeigt nur den desolaten Zustand des einstigen »Traumb&#252;ndnisses«.</p>
<p>Denn auch wenn Union und Freidemokraten ihre Mehrheit zusammenbekamen und nat&#252;rlich bis zum bitteren Ende weiterregieren wollen faktisch sind sie bereits abgew&#228;hlt. Acht Landtagswahlen haben seit dem bundesweiten Urnengang vor zwei Jahren stattgefunden, sechsmal verlor die Union an Stimmen zwischen 3,7 und 20,7 (!) Prozent.</p>
<p>Nur zweimal konnte sie leicht zulegen, in Rheinland-Pfalz und Berlin; da war sie wohl die einzige Alternative f&#252;r einige verdrossene Ex-W&#228;hler der FDP, die in beiden L&#228;ndern aus dem Parlament flog. Das Gleiche widerfuhr den Freidemokraten mit drei weiteren Landtagen; &#252;berall war sie von den 14,6 Prozent der Bundestagswahl weit entfernt.</p>
<p>Zwar hatten Bundeskoalitionen schon h&#228;ufiger nach dem Wahlsieg mit Stimmenschwund in den L&#228;ndern zu k&#228;mpfen, doch nicht in solchem Ausma&#223;. Es verweist darauf, dass die schwarz-gelbe Regierung nicht nur ein indiskutables Erscheinungsbild abgibt, sondern auch in der Sache nicht ann&#228;hernd liefert, was sie angek&#252;ndigt hatte. Au&#223;er im Falle der Mehrwertsteuersenkung f&#252;r Hoteliers schon in den ersten Regierungswochen, doch war das nur ein Geschenk f&#252;r den neuen Partner, der sich daf&#252;r mit hochfahrender Schelte gegen Hartz-IV-Empf&#228;nger bedankte und so wohl einen betr&#228;chtlichen Beitrag zur CDU/FDP-Wahlniederlage in Nordrhein-Westfalen leistete. Kurz darauf ging Horst K&#246;hler, Merkels und Westerwelles Ziehkind auf dem Bundespr&#228;sidentenstuhl, frustriert von Bord. Die &#228;hnlich ausgekungelte Nachfolgel&#246;sung Christian Wulff wurde zu einer Zitterpartie.</p>
<p>Danach rief die Koalition einen »Herbst der Entscheidungen« aus; er m&#252;ndete in die Desaster dieses Fr&#252;hjahres: Nach dem Fukushima-Super-GAU wurde die gerade beschlossene AKW-Laufzeitverl&#228;ngerung wieder kassiert und mit dem Atomausstieg in ihr Gegenteil verkehrt. Merkels forsches Eintreten f&#252;r den Bahnhofsneubau in Stuttgart endete mit einem gr&#252;n-roten Wahlsieg in Baden-W&#252;rttemberg. Und trotz ihrer Ehrenerkl&#228;rungen f&#252;r den smarten Plagiator Karl-Theodor zu Guttenberg musste dieser als Verteidigungsminister unehrenhaft abmustern. Schlie&#223;lich konnte die Kanzlerin angesichts widerstreitender Auffassungen zwischen und in den Koalitionsparteien zur Finanzkrise um Griechenland nur m&#252;hsam den Crash verhindern und ist damit noch lange nicht am Ende.</p>
<p>Wortreich verweisen die Koalition&#228;re auf ihre »Erfolge«, zum Beispiel die Arbeitslosenzahl auf unter drei Millionen gedr&#252;ckt zu haben, verschweigen jedoch, dass dies nur unter Beibehaltung der Schr&#246;derschen Hartz-IV-N&#246;tigung gelang und die meisten der so entstandenen Arbeitsverh&#228;ltnisse nicht genug einbringen, um davon leben zu k&#246;nnen. Als Erfolg wird auch gewertet, dass es um Deutschland nicht ganz so schlecht steht wie um andere europ&#228;ische L&#228;nder. Man verdr&#228;ngt damit die anhaltenden Debatten &#252;ber Altersarmut, Pflegenotstand, Zwei-Klassen-Medizin und Mietenexplosion. Gut stellt sich das Land nur f&#252;r die Verm&#246;genden dar, w&#228;hrend die Masse der Bev&#246;lkerung die soziale Ausd&#252;nnung Tag f&#252;r Tag deutlicher sp&#252;rt.</p>
<p>Und sich zugleich um die W&#228;hrung sorgt, weil die Regierung weder willens noch in der Lage ist, gegen die Ausw&#252;chse der Finanzbranche wirksam vorzugehen. Zwar hat auch sonst niemand ein &#252;berzeugendes Rezept dagegen, aber die Ratlosigkeit und Zerstrittenheit in dieser Sache findet sich in vielen anderen Fragen wieder, sei es die Wahlrechtsproblematik um die &#220;berhangmandate oder der Streit um die Vorratsdatenspeicherung. Sei es die Zukunft des Gesundheitswesens oder die der Pflegeversicherung, die Sicherung der Altersvorsorge oder das uns&#228;gliche Steuersenkungsthema. Handeln auf Sicht und Zuruf ist zum Markenzeichen dieser Regierung geworden, und es gibt wenig Anzeichen, dass sich daran etwas &#228;ndert.</p>
<p>Da verwundert es nicht, wenn die B&#252;rger von der Koalition nicht mehr viel erwarten. 83 Prozent bewerteten j&#252;ngst in einer Forsa-Umfrage deren Zusammenarbeit als mangelhaft, und 54 Prozent glauben nicht, dass sie bis 2013 noch durchh&#228;lt. Selbst unter Unionsw&#228;hlern rechnet jeder Dritte mit ihrem vorzeitigen Ende, bei der FDP sind es gar 37 Prozent.</p>
<h2><a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/208057.politik-aus-dem-vorigen-jahrhundert.html" target="_blank">Politik aus dem vorigen Jahrhundert</a></h2>
<h4>Nur schwer kann sich das »b&#252;rgerliche« Lager von Inhalten und Ritualen der Vergangenheit verabschieden</h4>
<h5>Seit ihrem Bestehen macht die Regierungskoaltion keine gute Figur. Daf&#252;r verantwortlich sind Konzeptionslosigkeit und das Verschlafen gesellschaftlicher Entwicklungen.</h5>
<p>Mit Parteien ist es fast wie mit den Leuten auch. Je &#228;lter sie werden, desto schwerer tun sie sich mit Neuem. Und trauern gern vergangenen, (vermeintlich) gl&#252;cklicheren Zeiten nach. Auch die verbliebenen Anh&#228;nger von Schwarz-Gelb blicken derzeit melancholisch dahin zur&#252;ck, wo die Union und die Freidemokraten das Land unangefochten regierten also die 20 Jahre nach Gr&#252;ndung der Bundesrepublik und die 16 Jahre unter Helmut Kohl. Sie sehnen sich nach solcher &#220;bersichtlichkeit und k&#246;nnen nicht begreifen, dass ihre »christlich-liberale Koalition« vom ersten Tag ihres Bestehens an ein solch jammervolles Bild abgibt.</p>
<p>Da die weitgehend zahnlose Opposition daf&#252;r der Grund nicht sein kann, suchen sie ihn in Personen und deren unprofessionellem Agieren, im Profilierungsdrang der »Partner«, die oft gegeneinander, mehr noch aber gegen die gemeinsame Sache wirken, auch schon mal diffus in den allgemeinen Zeitl&#228;uften, die ein »ordentliches« Regieren beinahe unm&#246;glich machten.</p>
<p>Den Hauptgrund ihres Niedergangs sowohl als Koalition als auch als einzelne Parteien wollen jedoch weder die Union noch die FDP sehen. Er ist inhaltlich begr&#252;ndet, ergibt sich daraus, dass sie verlernt haben, die Zeichen der Zeit richtig zu deuten und in neue, moderne Konzepte umzusetzen. Ihre Krise ist eine Krise der Programmatik, die weitgehend auf alten Fundamenten stehen geblieben ist und sich neuen Herausforderungen nur ungen&#252;gend zu stellen vermochte.</p>
<p>Dabei gibt es zwischen den Koalition&#228;ren durchaus Unterschiede. Die Union als Volkspartei nimmt das Defizit an moderner L&#246;sungskompetenz deutlicher wahr als die FDP, was sie partiell zu Ver&#228;nderungen f&#228;hig macht. Ihr Problem: Diese Ver&#228;nderungen setzen sich eher spontan durch, als dass sie das Produkt einer gediegenen Gesellschaftsanalyse und darauf fu&#223;ender Ideen w&#228;re. Angela Merkel sp&#252;rt den Wind des Wandels und h&#228;ngt ihr M&#228;ntelchen gern in die Brise, aber sie gestaltet Neues lustlos, als Getriebene, wodurch sie ihre konservativ denkende Partei &#252;berfordert und verwirrt.</p>
<p>Die Folge sind Entt&#228;uschung, Unmut und Abkehr. Sinnvolle Entscheidungen wie zur Unterst&#252;tzung berufst&#228;tiger Frauen, die Aussetzung der Wehrpflicht, die Abschaffung der Hauptschule und vor allem der Atomausstieg nach gerade verf&#252;gter AKW-Laufzeitverl&#228;ngerung sind das Ergebnis &#228;u&#223;eren Drucks, dem die Kanzlerin nicht aus &#220;berzeugung, sondern aus taktischem Kalk&#252;l folgt, ohne bei CDU und CSU daf&#252;r zu werben. Ihr lakonisches »Wenn sich Dinge &#228;ndern, m&#252;ssen wir Antworten finden« verunsichert die konservative Unionsw&#228;hlerschaft noch immer stark auf Adenauer und Kohl fixiert mehr, als dass sie sie beruhigt; sie versteht die Welt nicht mehr.</p>
<p>Die FDP-F&#252;hrung hingegen ist total in den 90er Jahren stecken geblieben, hat ein Dutzend Jahre gesellschaftlicher Entwicklung verschlafen und bringt daher nichts anderes in die Regierungsarbeit ein als Papiere aus dem vorigen Jahrhundert, ein Parteiprogramm sogar aus den 1980er Jahren. Ihre einst auf verschiedenen Feldern durchaus liberale Politik hat sich heute auf kruden Wirtschaftsliberalismus verengt. Wirkte sie fr&#252;her in einer Koalition als Korrektiv gegen&#252;ber manchem &#220;berschwang des gr&#246;&#223;eren Partners, so muss heute ihre Irrationalit&#228;t korrigiert werden. Eine Aufgabe, die die Kanzlerin allerdings vom ersten bis in diese Tage ignorierte und damit selbst zu den Problemen beitrug, mit denen sie heute zu k&#228;mpfen hat.</p>
<p>Beide, CDU/CSU wie FDP, aber haben sich vor allem ungen&#252;gend auf das wachsende Dr&#228;ngen der B&#252;rger auf Teilhabe an den &#246;ffentlichen Angelegenheiten eingestellt. Machtsicherungsrituale, die sich in ihren Augen bew&#228;hrt haben, bestimmen unausrottbar die politische Arbeit von Union und FDP und nicht nur von ihnen. Der W&#228;hlerzulauf zu den Gr&#252;nen, vor allem aber der Berliner &#220;berraschungscoup der Piratenpartei zeigen jedoch, dass die B&#252;rger von den Parteien etwas ganz anders erwarten n&#228;mlich in Inhalt wie Umgang eine weitreichende &#214;ffnung zu ihnen hin.</p>
<pre></pre>
<address>(Ver&#246;ffentlicht in:  Neues Deutschland vom 04. Oktober 2011)</address>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Nicht einmal Bundestagsabgeordnete sind frei</title>
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		<pubDate>Sun, 02 Oct 2011 20:59:36 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) Wolfgang Bosbach geh&#246;rte stets zu den treuesten Bundestagsabgeordneten der CDU. Was auch immer die Medien ihn fragten, er stand stets unersch&#252;tterlich zur politischen Linie seiner Partei. Das wurde von den Parteioberen wohlwollend registriert, gab ihm aber nicht das Recht, auch einmal die eigene Meinung zu sagen und im Parlament zu Protokoll zu geben. Als er das jetzt in der Frage der Griechenland-Hilfe dennoch tat, wurde er binnen Stunden zum Auss&#228;tzigen<span id="more-3295"></span> in seiner Fraktion. Der <a href="http://newsticker.sueddeutsche.de/list/id/1213229" target="_blank">Kanzleramtsminister aus seiner Partei </a><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/5e46cda30ee44d799c0d32b4f88161bb" alt="" width="1" height="1" />erkl&#228;rte ihm, »seine Fresse« nicht mehr sehen, »seine Schei&#223;e« nicht mehr h&#246;ren zu k&#246;nnen.</p>
<p>Nun ist die Emp&#246;rung gro&#223;, obwohl Bosbach lediglich widerfuhr, was in den Bundestagsparteien gang und g&#228;be ist. Keine Fraktion l&#228;sst zu, dass im Plenum jemand das Wort ergreift, der nicht die vorgegebene Position der Partei vertritt. Und wenn jemand anders als die Mehrheit der eigenen Leute abstimmen will, wird er unverz&#252;glich in die Mangel genommen, in der die Walzen immer enger gestellt werden – bis hin zur Drohung, f&#252;r folgende Wahlkandidaturen die Unterst&#252;tzung zu versagen. Dann bekommen die W&#228;hler einen anderen, der Parteif&#252;hrung genehmeren Kandidaten vorgesetzt.</p>
<p>Bundestagspr&#228;sident Norbert Lammert wollte diese Praxis, die sogar die <a href="http://www.bild.de/news/standards/bild-kommentar/unterworfenes-gewissen-20258462.bild.html" target="_blank">BILD-Zeitung </a>zu einem von ihr selten gebrauchtem Vergleich veranlasste, durchbrechen und erteilte kraft seines Amtes zweien der Andersdenkenden in der Regierungskoalition das Wort, was nicht nur in deren Fraktionen, sondern <a href="http://www.ftd.de/politik/deutschland/:nach-euro-votum-lob-fuer-rederecht-fuer-efsf-kritiker/60110954.html" target="_blank">in ausnahmslos allen Parteien heftige Proteste</a> ausl&#246;ste. Das ganze System breche zusammen, wenn solche Freiheiten &#252;blich w&#252;rden, lie&#223; Unions-Fraktionschef Volker Kauder verlauten – und hat damit wohl recht. Wirkliche Freiheit bringt auch dieses System in Gefahr. Und zwar so sehr, dass selbst die einst alternativ denkenden Gr&#252;nen ihrem »Abweichler« <a href="http://www.nachrichten.de/panorama/Mitteldeutsche-Zeitung-Euro-Krise-Stroebele-lobt-Lammert-fuer-Entscheidung-Abweichler-im-Bundestag-aid_7690380382504648156.html" target="_blank">Hans-Christian Str&#246;bele </a>die Darlegung eigenst&#228;ndiger Gedanken im Bundestag verweigern – ganz zu schweigen von der SPD.</p>
<p>Deren parlamentarischer Fraktionsgesch&#228;ftsf&#252;hrer Thomas Oppermann w&#252;nschte sich zwar mit Blick auf den politischen Gegner: »In einem demokratischen Prozess ist es wichtig, das ganze Spektrum in einem vern&#252;nftigen Verh&#228;ltnis zur Geltung kommen zu lassen.« Doch auch die politische Praxis der SPD ist eine ganz andere. Davon k&#246;nnte zum Beispiel deren sachsen-anhaltinische Bundestagsabgeordnete Waltraud Wolff berichten, die 2003 bei der Abstimmung &#252;ber Schr&#246;ders »Agenda 20120« eine andere Meinung als ihre Parteif&#252;hrung hatte. Damals wurde sie zur »Dissidentin« und geriet prompt in ein Dilemma, das im folgenden noch einmal nachgezeichnet werden soll.</p>
<p>&nbsp;</p>
<blockquote>
<h2>Das Dilemma einer »Dissidentin«</h2>
<h4>Wenigstens diskutieren will die SPD-Bundestagsabgeordnete Waltraud Wolff, ehe sie eine schmerzhafte Entscheidung trifft</h4>
<h5><strong>Der SPD-Sonderparteitag hat die »Agenda 2010« gebilligt. Das Mitgliederbegehren steht vor dem Scheitern. Nun geht es um die eigene Mehrheit der Koalition im Bundestag – f&#252;r das kleine H&#228;uflein der Aufrechten gegen Sozialabbau in der SPD-Fraktion eine schwierige Situation.</strong></h5>
<p>Wenn es um den Steuersatz beim Agrardiesel geht, dann hat Waltraud Wolff selbstverst&#228;ndlich das Wort. Auch zur Organisation der landwirtschaftlichen Sozialversicherung meldet sich die agrarpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion. Und entschlossen k&#228;mpft sie f&#252;r die Aufrechterhaltung des Branntweinmonopols – bei besonderer W&#252;rdigung hochprozentigen gebrannten Korns, den sie gern zu einem &#228;hnlichen Markenzeichen im Spirituosensektor machen w&#252;rde, wie es Grappa, Ouzo, Cognac oder Tequila f&#252;r ihre Herkunftsl&#228;nder sind. So weit, so gut und lobenswert, meinen ihre sozialdemokratischen Bundestagskollegen, aber als nahe an der Schnapsidee m&#252;ssen es offensichtlich einige dann empfunden haben, dass sich die Wolmirstedter Sonderschullehrerin in diesem Fr&#252;hjahr in die Reihe jener »Dissidenten« stellte, die an des Kanzlers »Agenda 2010« herumm&#228;kelten.</p>
<h4>Aufm&#252;pfig aus Erfahrung</h4>
<p>Mit acht anderen Parlamentariern und weiteren linken Sozialdemokraten brachte Waltraud Wolff im April ein Mitgliederbegehren auf den Weg, das – unter anderem – K&#252;rzungen bei Arbeitslosengeld, Arbeitslosenhilfe, Sozialhilfe und Krankengeld verhindern und stattdessen die Verm&#246;genssteuer wieder einf&#252;hren wollte – Forderungen, die die Parteif&#252;hrung sofort strikt ablehnte. Und so war auch der Gegenwind in der Fraktion betr&#228;chtlich. Nach der Osterpause schlug den neun Aufm&#252;pfigen, zu denen sich inzwischen drei weitere gesellt hatten, ein frostiger Wind entgegen. Selbst als es um die Frage ging, wer in der n&#228;chsten Bundestagssitzung das Spezialthema der »Modulation von Direktzahlungen im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik« behandeln sollte, hielten einige das Mitglied im Bundestagsausschuss »Verbraucherschutz, Ern&#228;hrung und Landwirtschaft« pl&#246;tzlich f&#252;r nicht mehr geeignet: »Was denn, so eine darf noch im Plenum reden?«</p>
<p>Dabei ist Waltraud Wolff gerade f&#252;r Sozialfragen au&#223;erordentlich kompetent, kommt sie doch aus Sachsen-Anhalt, jenem Land mit der bundesweit h&#246;chsten Arbeitslosigkeit. »Ich konnte gar nicht anders«, sagt sie, »das Krankengeld privatisiert, noch mehr private Altersvorsorge, das Arbeitslosengeld auf Sozialhilfeniveau, ABM zur&#252;ckgefahren, Wegbrechen der Qualifizierungsma&#223;nahmen – mit all dem konnte ich nicht mehr guten Gewissens durch meinen Wahlkreis gehen.« Nach der Wende arbeitete sie als Leiterin der Gerhard-Sch&#246;ne-Schule in ihrer Heimatstadt, einer Sonderschule f&#252;r geistig Behinderte. Sie kennt die Probleme der Schw&#228;chsten in der Gesellschaft, sie wei&#223;, wie schwierig es gerade f&#252;r sie ist, ein w&#252;rdevolles Leben zu f&#252;hren. Auch ihre Schule musste und muss um jeden Euro k&#228;mpfen, oft betteln. Viel Fantasie bringen Lehrer wie F&#246;rderer allein daf&#252;r auf; erst k&#252;rzlich organisierten sie ein Benefiz-Fu&#223;ballturnier, um einen Schulbus finanzieren zu k&#246;nnen. Auch der Namensgeber der Schule, der Liedermacher Gerhard Sch&#246;ne, war dabei, sang seine Lieder, die oft die »kleinen Leute« zum Thema haben, aber auch ihre Kraft, ihren Mut.</p>
<p>Kraft und Mut brauchte auch Waltraud Wolff, nachdem sie nun zum »dreckigen Dutzend« in der 251-k&#246;pfigen Fraktion, wie deren F&#252;hrung die »Abweichler« nennt, geh&#246;rte. Denn sie ist ein sozialer Mensch, m&#246;chte gern mit ihrer Umwelt in Frieden und Harmonie leben. »Jeder braucht ein Umfeld, auch zur eigenen Selbstgewissheit«, sagt sie. »Da merke ich schon, wenn die Kollegen reservierter sind, und es ist mir nicht einerlei.«</p>
<p>Es ist f&#252;r sie auch nicht die erste Erfahrung dieser Art. Schon im August 2001, als es um den Einsatz deutscher Soldaten in Mazedonien ging, hatte sie im Bundestag Nein gesagt. Die evangelische Christin war immer gegen Krieg und Milit&#228;r gewesen; jahrelang geh&#246;rte sie zu den treuesten Teilnehmern der monatlichen Aktionen gegen den Truppen&#252;bungsplatz in der Colbitz-Letzlinger Heide. »Schon da fand ich damit nicht nur Beifall«, erinnert sie sich, »sogar absolutes Unverst&#228;ndnis. ›Du bist f&#252;r die SPD in den Bundestags gegangen‹, h&#246;rte ich, ›da musst du deren Entscheidungen mittragen‹. Doch andererseits hatte ich in dieser Frage einen Riesenr&#252;ckhalt bei meinen W&#228;hlern.« Wie sollte sie sich verhalten? Immerhin hatten 43,3 Prozent sie 1998 direkt gew&#228;hlt, vier Jahre sp&#228;ter sogar 45,1 Prozent. Damals hatte sie dar&#252;ber nachgedacht, ob sie wirklich im Parlament bleiben kann, denn sie ahnte, dass es immer wieder zu schwierigen Entscheidungen kommen w&#252;rde.</p>
<p>Aber Waltraud Wolff blieb, denn sie lernte allm&#228;hlich die sozialdemokratischen Tugenden. »Ich bin zwar von 45 Prozent gew&#228;hlt worden«, sagt sie heute, »aber ich kann nicht nur das tun, was sie wollen.« Und nat&#252;rlich sei sie keine grunds&#228;tzliche Gegnerin der »Agenda 2010«, sondern wollte mit den anderen nur erreichen, dass die SPD sie nicht nur einfach abnickt und basta, sondern dar&#252;ber diskutiert. »Die Partei sollte wieder sprachf&#228;hig werden«, sagt sie, und das sei schlie&#223;lich doch erreicht worden. Der Sonderparteitag, urspr&#252;nglich abgelehnt, habe stattgefunden. Jetzt gingen die Debatten im Bundestag weiter. Der turnusm&#228;&#223;ige Parteitag im November werde wichtige Probleme erneut beraten. Und auch inhaltlich habe es Fortschritte gegeben, so zus&#228;tzliche Ma&#223;nahmen zu Bildung und Qualifizierung im Osten, Sonderregelungen f&#252;r &#252;ber 55-j&#228;hrige Arbeitslose in strukturschwachen Gebieten, eine nur schrittweise Absenkung des Arbeitslosengeldes auf Sozialhilfeniveau, die Fortsetzung der Diskussion &#252;ber eine Ausbildungsplatzumlage: »Das sind abrechenbare Erfolge, die so in der urspr&#252;nglichen Agenda nicht standen.«</p>
<p>Immer wieder verweist Waltraud Wolff auf die Notwendigkeit der Diskussion: »Das muss die SPD auszeichnen, sonst gibt es nur L&#228;hmung, Wut und Resignation. Wir m&#252;ssen uns streiten und Kompromisse finden, denn nat&#252;rlich kann nicht jeder seine reine Lehre durchsetzen. Alle m&#252;ssen kompromissf&#228;hig sein.« Da ist die Abgeordnete schon ganz nah bei Eduard Bernstein und seinem oft kolportierten Wort von der Bewegung, die alles sei, das Ziel dagegen nichts. Und nat&#252;rlich auch bei ihrem Vorsitzenden Gerhard Schr&#246;der, der sich beim 140-j&#228;hrigen Parteijubil&#228;um ausdr&#252;cklich zu dem reformistischen Denker bekannte. Bernstein nannte das Rechtsgef&#252;hl, das Streben nach Gleichheit und Gerechtigkeit »das dauernde Element in der Bewegung, das alle Wandlungen der Doktrin &#252;berlebt, aus dem sie zu allen Zeiten immer wieder neue Kraft sch&#246;pft«. Ein Satz, den Waltraud Wolff wohl lieber auf sich beziehen w&#252;rde als das b&#246;se Wort vom »Unsicherheitsfaktor«, das ihr und den elf anderen in der Fraktion angeh&#228;ngt wurde. Schlie&#223;lich h&#228;tten sich die »Dissidenten« auf sozialdemokratische Grundwerte besonnen, »und der Parteitag zeigte doch, dass unsere Klagen in die richtige Richtung gingen«.</p>
<p>Besonders unverst&#228;ndlich ist ihr die Haltung ihres sachsen-anhaltischen Landesverbandes, der sie hart kritisierte, dann aber in einem eigenen Antrag f&#252;r den Sonderparteitag die Sachforderungen des Mitgliederbegehrens aufgriff. »Legen Sie diesen Antrag und das Mitgliederbegehren nebeneinander – und Sie werden staunen!«, erkl&#228;rt sie kopfsch&#252;ttelnd. 1991 war sie, die zuvor politisch Abstinente, in die SPD eingetreten, seit 1994 sitzt sie im SPD-Landesvorstand Sachsen-Anhalt, seit 1995 ist sie Vorsitzende des Kreisverbandes Ohrekreis. Da schmerzte es schon, dass ihre Genossen zwar ihre Forderungen aufgriffen, ihren Weg aber, wie der Landesvorsitzende Manfred P&#252;chel, f&#252;r falsch erkl&#228;rten. Und es tut zugleich gut, wenn sie andererseits bei ihren W&#228;hlern gewachsenen Respekt sp&#252;rt, einer sie vor dem Sonderparteitag sogar in Berlin auf der Stra&#223;e ansprach und best&#228;rkte: »Machen Sie weiter so!«</p>
<h4>Abw&#228;gen bis zur letzten Sekunde</h4>
<p>Und das hat Waltraud Wolff auch vor. Zwar pl&#228;dierte sie daf&#252;r, nicht mehr viel Kraft f&#252;r das absehbar zum Scheitern verurteilte Mitgliederbegehren aufzuwenden, doch nun gelte es, &#252;ber die ins Plenum eingebrachten Gesetze zu streiten, gegenw&#228;rtig die Vorlage zur Gesundheit. »Bis zur letzten Sekunde m&#252;ssen wir die Chance nutzen, Ver&#228;nderungen herbeizuf&#252;hren.« Nicht nur sie, auch die Fraktionsf&#252;hrung solle kompromissbereit sein. Daher sei ihr Abstimmungsverhalten im Bundestag nach wie vor offen. »Wir m&#252;ssen noch einmal genau hingucken, und dann werden wir sehen«, sagt sie unbestimmt.</p>
<p>Sie spricht es zwar nicht aus, sieht sich aber wohl doch in einem Dilemma. Denn weder m&#246;chte sie einen Blankoscheck ausstellen noch von vornherein die Ablehnung verk&#252;nden. Aber auch nicht, dass Zustimmung zu den Gesetzesvorlagen nach allem, was aus ihrer Sicht erreicht worden ist, als Einknicken ausgelegt wird. Der Druck der Fraktionsmehrheit ist bei ihr wie den anderen »Dissidenten« nicht ohne Folgen geblieben. »Die Herde zusammenzuhalten«, hat der bayerische Fraktionsvize Ludwig Stiegler als Losung ausgegeben, und auch Waltraud Wolff r&#228;umt ein, dass das Klima unter den sozialdemokratischen Mandatstr&#228;gern rauer geworden ist. Doch an ein Aufgeben des Mandats denkt sie diesmal nicht. »Meine W&#228;hler wollen, dass ich im Bundestag bleibe«, sagt sie. »Ich diene ihnen nicht, wenn ich aufgebe.« Was das aber hei&#223;t, wird man immer erst dann wissen, wenn der Bundestagspr&#228;sident zur Abstimmung ruft.</p>
<address>(Ver&#246;ffentlicht in: Neues Deutschland vom 25.06.03)</address>
</blockquote>
<p>Man kann sich schon wundern: In der freiheitlichen Bundesrepublik sind nicht einmal die obersten Volksvertreter wirklich frei.</p>
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		<title>Weiter auf Sonjas Spuren&#8230;</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Sep 2011 07:39:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Rahn</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<h3 style="text-align: justify">(rhe) Vielleicht erinnert sich der geneigte „Blogsgesang“-Leser noch an den im Mai ver&#246;ffentlichten, jetzt im Geschichtsbuch abgelegten Ruth-Werner-Beitrag „Auf Sonjas Spuren“.<span id="more-3216"></span> Das war der Einstieg:</h3>
<h3 style="text-align: justify">„Wir leben in einer Zeit, in der zunehmend in Vergessenheit ger&#228;t, woran sich eine geschichtsbewusste Gesellschaft erinnern sollte. Dazu z&#228;hlen auch Per­so­nen mit umstrittener Lebens-leistung. Eine von ihnen ist Ruth Werner. Ihr 104. Geburtstag und der 66. Jahrestag von Befreiung und Sieg sollen Anlass sein, sie zu ehren: Gedenkwanderung in Berlin-Treptow, Ausstellung des Ruth-Werner-Vereins in Carwitz bei Feldberg, Familien-treffen im Ausland&#8221;.</h3>
<p style="text-align: justify">Der Text l&#228;uft auf die vorweg genommene Wanderung am 9. Mai hinaus. An deren Ende der Blogs&#228;nger den &#252;ber 40 Getreuen mitteilt, dass sie sich ab sofort im Internet dar&#252;ber informie­ren k&#246;nnen, was in den zur&#252;ckliegenden Stunden zwischen Pl&#228;nterwald und Spreeufer im Wortsinn „abgelaufen“ sei. Den Hinweis auf diesen, journalistisch gesehen, eher ungew&#246;hnli­chen Vorweg-bericht, quittieren die Empf&#228;nger erstaunt und verst&#228;ndnisvoll zugleich. Erinnerte sich mancher an &#228;hnliche Vorg&#228;nge in l&#228;nger zur&#252;ck liegenden DDR-Zeiten?</p>
<p style="text-align: justify"><img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/e399e34c0f4941d1bcc33ca2e1febd52" alt="" width="1" height="1" />Die Wanderung auf Sonjas „Lieblings“-Spuren, &#252;ber die nicht ohne Grund erst jetzt berichtet wird, beginnt also an diesem sonnigen Maimontag auf dem Vorplatz des S-Bahnhofes Pl&#228;n­terwald. Eine Freiluftkneipe erm&#246;glicht letzte (fl&#252;ssige) St&#228;rkung vor einem Rundgang, von dem noch keiner der Teilnehmer wei&#223;, wie er verlaufen und wann genau er zu Ende sein w&#252;rde. Nur das Ziel war bekannt: Rosengarten an der Puschkinallee. Denn dort sollten am Nachmittag die „Siegesfeierlichkeiten“ &#252;ber die B&#252;hne gehen.</p>
<p style="text-align: justify">Die Stimmung ist wie das Wetter. Wenn sich Freunde und Genossen, gute alte Bekannte, Gleichgesinnte im Geiste Ruth Werners treffen, die sich Antifaschismus und Solidarit&#228;t in schwerer Zeit auf ihre Fahne schreiben, geht’s meist heiter zu. Man trifft sich aus gutem Grunde.</p>
<div class="mceTemp mceIEcenter">
<div id="attachment_3221" class="wp-caption aligncenter" style="width: 310px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/p1010821-3/" rel="attachment wp-att-3221"><img class="size-medium wp-image-3221" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/P10108212-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Das ukrainisch-sowjetische Trio SCHO auf dem Lieblingsweg von Sonja und Len</p></div>
</div>
<p style="text-align: justify">Den musikalischen Auftakt liefert das ukrainisch-sowjetische Trio SCHO, wie sich heraus stellen soll, perfekte Stra&#223;enmusikanten. Mit Geige, Gitarre, Akkordeon und Gesang verlei­hen sie dem politischen Anlass ihre unterhaltsame Note. Hans Erxleben, in diesem Kreise als engagierter, ideenreicher und abgeordneter LINKER der Region bekannt, wird seinem Ruf gerecht. Indem er, spontan (und ohne vorherige R&#252;cksprache mit den Gremien!), einen „Freundeskreis Ruth Werner“ ins Leben ruft.</p>
<address><strong>Ein unerkl&#228;rtes</strong></address>
<address><strong>Ordens-Geheimnis</strong></address>
<p style="text-align: justify">Er verwendet dazu eine farbige Urkunde. Darauf das Abbild des Rotbanner-Ordens mit der Nr. 944. Ihn bekam Ruth Werner als Sonja 1937 in Moskau von Staatsoberhaupt Michail Ka­linin. Ein weiteres Mal wurde ihr der gleiche Orden 25 Jahre sp&#228;ter in Berlin als Ursula Beurton vom sowjetischen Botschafter Pjotr Abrassimow &#252;berreicht. &#220;ber der zweiten Ver­leihung hing am diesem 9. Mai 2011 (immer) noch der Schleier eines unerkl&#228;rten Geheimnis­ses. Das erst ein paar Wochen sp&#228;ter in Carwitz seine endg&#252;ltig Aufkl&#228;rung durch einen ehe­maligen Aufkl&#228;rer erfahren sollte. Durch einen, der es wissen muss. Denn er war dabei, als der Orden an Sonja und weitere Auserw&#228;hlte verliehen wurde. Sein Name ist bekannt. Er wird im Beitrag „Immer noch auf Sonjas Spuren&#8230;“ &#246;ffentlich gemacht, der bis Anfang Oktober bei „Blogsgesang“ erscheinen soll.</p>
<div class="mceTemp">
<div id="attachment_3223" class="wp-caption alignleft" style="width: 235px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/p1010813-2/" rel="attachment wp-att-3223"><img class="size-medium wp-image-3223" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/P10108131-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Hans Erxleben ruft spontan zur Gr&#252;ndung des &quot;Freundeskreises Ruth Werner&quot;</p></div>
</div>
<p style="text-align: justify">Zur&#252;ck zum Gr&#252;ndungsvorschlag. Ihm wurde – ohne wenn und aber &#8211; zugestimmt. Von de­nen, die aus den umliegenden Berliner Stadtbezirks-Regionen kamen ebenso wie von Sonjas 1942 in England geborenem Sohn Peter Beurton, der aus dem mecklenburgischen Carwitz herbei geeilt war. Auch Klaus Eichner, Spezialist f&#252;r britische und US-Geheimdienste,  Autor, und Heraus-geber mehrerer B&#252;­cher zum Thema, ebenso einer der Autoren von „funkspr&#252;che an sonja“, hob die Hand. Er war mit seiner Frau aus dem brandenburgischen Dorf Lentzke ge-kommen. Mi­chael Hamburger, der 1930 in Shanghai geborene Sohn von Sonja konnte seine Hand nicht heben, er galt wegen einer wichtigen PEN-Veranstaltung im S&#252;den Deutsch-lands ebenso als „entschuldigt“ wie die 1936 in Warschau auf die Welt gekommene Tochter Janina Blankenfeld. Sie fehlte krankheitsbedingt, lie&#223; aber herzlich gr&#252;&#223;en.</p>
<address><strong>Gegen die Arroganz</strong></address>
<address><strong>von  Macht und SED-Spitze</strong></address>
<p style="text-align: justify">Ersten Halt gibt es an der Stele f&#252;r den im Oktober 1944 ermordeten Kommunisten und Wi­derstandsk&#228;mpfer Erich Lodemann.</p>
<p style="text-align: justify"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/p1010820/" rel="attachment wp-att-3231"><img class="alignleft size-medium wp-image-3231" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/P1010820-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" /></a></p>
<p style="text-align: justify">Vor diesem optischen Hintergrund erinnert ein Teilneh­mer an Steffi Spira. Sie lebte zwanzig Jahre in Adlershof. Ihr zu Ehren regten der dortige B&#252;rgerverein und das Festkomitee eine Gedenktafel an. Die Volksschauspielerin hatte am 4. Novem-ber 1989 auf dem Alexander­platz vor 500000 Demonstranten mit erhobener Faust gegen die Arroganz der Macht das Wort ergriffen, f&#252;r die Abl&#246;sung der SED-Spitze pl&#228;diert.  Nachdem die BVV Treptow-K&#246;penick nach einer aufgeregten Debatte eine Gedenktafel f&#252;r die 1995 in Friedrichs­felde beigesetzte Verstorbene ablehnte (Der Tagesspiegel schrieb in einem Nachruf &#8220;Sie lebte einen Kommunismus des Herzens&#8221;), wird, der Monatsszeitschrift der LINKEN &#8220;Bl&#228;ttchen&#8221; nach,  eine Ehrung weiterhin erwogen. Sie k&#246;nnte im Oktober erfolgen.</p>
<div id="attachment_3246" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/p1010819/" rel="attachment wp-att-3246"><img class="size-medium wp-image-3246" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/P1010819-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Innehalten am Denkmal - &#252;ber einen neuen Vorschlag nachdenken</p></div>
<p style="text-align: justify">In diesem Kontext soll hier auch mitgeteilt wer-den, dass f&#252;r die in Wien 1908 geborene, vor den Nazis emigrierte Schau- spielerin (DT, Volks-b&#252;hne, BE), die in Kurt Maetzigs 1954 gedreh-tem Film <em>&#8220;Ernst Th&#228;l-mann &#8211; Sohn seiner Klas- se&#8221; </em>die Clara Zetkin spielte, am Haus Bonner stra&#223;e 9 in Berlin-Wilmersdorf  eine Tafel angebracht wurde. Ihre Kernaussage ist system-&#252;bergreifend: <strong>„So, wie es ist, bleibt es nicht!“</strong></p>
<p style="text-align: justify">Als der in lockerer Gruppierung wandernde Trupp am Dammweg 73 ankommt &#8211; das Haus schm&#252;ckt ebenfalls eine Gedenktafel &#8211; ist ein weiterer Blick zur&#252;ck wohl angebracht: auf Dora Schaul (1913-1999). Sie k&#228;mpfte w&#228;hrend des Zweiten Weltkrieges in Frankreich unter dem Namen Rènne Fabre in der Rèsistance gegen die Nazi-Akkupation, woran in Brens bei Toulouse seit dem Jahre 2006 mit einem Stra&#223;ennamen erinnert wird.</p>
<div id="attachment_3234" class="wp-caption alignright" style="width: 160px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/nd06-3-strasse-schaul-foto2-strasenschild-fur-dora-schaul-in-brens/" rel="attachment wp-att-3234"><img class="size-thumbnail wp-image-3234" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/ND06-3-strasse-schaul-Foto2-Stra&#223;enschild-f&#252;r-Dora-Schaul-in-Brens-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Stra&#223;ennamen f&#252;r Dora in Frankreich</p></div>
<div id="attachment_3233" class="wp-caption alignleft" style="width: 160px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/p1010822-2/" rel="attachment wp-att-3233"><img class="size-thumbnail wp-image-3233" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/P10108221-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Blumen f&#252;r Dora in Deutschland</p></div>
<p style="text-align: justify">Vor dem Schaul-Haus erinnert sich Peter Beurton erst einmal an seine mit Doras Sohn Peter in den f&#252;nfziger Jah-ren in Carwitz ver-brachten Ferien. Aber auch an sp&#228;-tere Gespr&#228;che mit dessen Vater Hans Schaul, einst Chef-redakteur der „Einheit“. Bei denen sei es oft „um schwierige Fragen gegangen, die es ja in der DDR auch gab.“ Schaul habe ihm „so und so gesagt, und das war dann gut f&#252;r mich.</p>
<address><strong>Trag&#246;die eines Unschuldigen:</strong></address>
<address><strong>Walter Hollitscher </strong></address>
<p style="text-align: justify">Weniger gut war es – wir sind zur Stra&#223;enreihe, die mit der Nr. 35 endet, gekommen – in den gleichen f&#252;nfziger Jahren einem Mann namens Walter Hollitscher ergangen. Der &#214;sterreicher sei Vormieter von Beurtons gewesen, war zu erfahren. Diese h&#228;tten erst ein paar H&#228;user wei­ter gewohnt. W&#228;ren dann aber wegen der guten Lage, des etwas gr&#246;&#223;eren Gartens und der etwas niedrigeren Miete &#8211; „nicht 93,- Mark, sondern nur 90,- Mark“ &#8211; umgezogen. Gekauft wurde das Haus dann aber nicht, obwohl es Angebote gegeben habe.</p>
<p style="text-align: justify">Was nun den Vormieter angeht: der marxistische und kommunistische Philosoph war 1949 als Gastprofessor nach Berlin gekommen und wurde zwei Jahre sp&#228;ter Direktor des wiederbe­gr&#252;ndeten Philosophie-Instituts an der Humboldt-Universit&#228;t. Er galt wegen seiner wissen­schaftlichen Leistung sowie dem kollegialen Umgang mit Kollegen und Studenten als hoch anerkannt. F&#252;r diese war es dann im Fr&#252;hjahr 1953 merkw&#252;rdig, geradezu unerkl&#228;rlich, wes­halb es pl&#246;tzlich eine angeblich bruderparteiliche verabredete Zur&#252;ckrufung Hollitschers nach Wien gegeben haben soll.</p>
<p style="text-align: justify">Es ist hier nicht der Platz ausf&#252;hrlich zu referieren. Nur soviel sei angemerkt: Im Schicksal des „Vormieter von Dammweg 35“, Walter Hollitscher, spiegelt sich nicht nur schlechthin die Trag&#246;die eines aufrechten, ehrlichen, parteigl&#228;ubigen Mannes j&#252;disch-b&#252;rgerlicher Herkunft. Sondern in gewissem Sinne etwas von der Trag&#246;die einer Partei, der SED, selbst. Und hier auch des in ihrem Auftrag handelnden MfS.</p>
<p style="text-align: justify">Zugegeben: die Zeit war hochbrisant, von Wider­spr&#252;chen gepr&#228;gt, „Gegner“ hatte es wirklich gegeben, „Feinde“ gab es leibhaftig. Sie waren alles andere als Erfindung oder Einbildung in einer Zeit des sich rasant zuspitzenden Kalten Krieges. Zwischen den sich jetzt diametral gegen&#252;ber stehenden Alliierten, noch wenige Jahre zuvor erfolgreich verb&#252;ndet im Kampf gegen den Hitler-faschismus.</p>
<p style="text-align: justify">Diese, historisch gesehen, durchaus belastbaren Faktoren k&#246;nnen aber weder Arroganz, Selbst&#252;berhebung, unbegr&#252;ndetes Misstrauen noch haltlose Vorw&#252;rfen, schon gar nicht die Erniedrigung von Gleichgesinnten wie Hollitscher, rechtfertigen. Die Ironie (oder die Logik?) des Schicksal will es, dass unser Mann aus Wien und dann wieder in Wien ab 1966 „be­suchsweise“ in das Land zur&#252;ck kehren kann, in dem man ihm schweres Unrecht angetan hat. Die Karl-Marx-Universit&#228;t Leipzig verleiht ihm 1971 die Ehrendoktorw&#252;rde, f&#252;nf Jahre dar­auf wird er von der Regierung der DDR sogar mit dem Stern der V&#246;lkerfreundschaft in Gold ausgezeichnet!</p>
<p style="text-align: justify">Wer Weiteres &#252;ber den „Vormieter“ und die ihm unterstellten angeblichen „Vergehen“ er­fahren will, dem sei die Lekt&#252;re des Neuen Deutschland empfohlen. In der Ausgabe vom 14./15. Mai 2011 erschien anl&#228;sslich des 100. Geburtstages Walter Hollitschers der auf neue­ren Aktenfunden basierende aufhellende Beitrag von Hans-Christoph Rau „Verd&#228;chtigt. Ge­dem&#252;tigt. Ausgewiesen&#8221;.</p>
<address><strong>R&#252;ckblick auf  Sonjas</strong></address>
<address><strong>gef&#228;hrlichen Weg</strong></address>
<p style="text-align: justify">Zur&#252;ck zum verdienten Dank der Franzosen f&#252;r die Antifaschistin Dora Schaul. Ein solcher ist der Antifaschistin Ruth Werner nach der Wiedervereinigung von den Deutschen bislang versagt geblieben. Sie war, die Mehrzahl der „Spazierg&#228;nger“ wei&#223; es, im Jahre 1930 mit ihrem Mann, einem Architekten, als Ur­sula Hamburger nach Shanghai gegangen. Um dann, von Richard Sorge als „Sonja“ f&#252;r die sowjetische Milit&#228;raufkl&#228;rung der Roten Armee (GRU) gewonnen, &#252;ber zwei Jahrzehnte in der Mandschurei, Polen, der Schweiz, zuletzt England unter Gefahr f&#252;r Leib und Leben, auch das ihrer Kinder, zu wirken. Sie leistet, nicht nur als Funkerin von „Atomspion“ Fuchs, Frie­densarbeit. Die sie, im R&#252;ckblick, immer wieder als „bescheidenen Beitrag“ bezeichnet. Was auf Gesinnung und Charakter schlie&#223;en l&#228;sst.</p>
<p style="text-align: justify">Vor dem Hintergrund des Prozesses gegen Klaus Fuchs war sie 1950 von London nach Berlin, in die DDR, gekommen. Hat, zusammen mit ihrem Mann Len Beurton als Schriftstellerin Jahrzehnte in Baumschulenweg gewohnt. Mit ihrem 1977 im Verlag Neues Leben erschienenen Bestseller „Sonjas Rapport“ sorgt sie, keine &#220;bertrei­bung, weltweit f&#252;r Aufsehen.</p>
<p style="text-align: justify">Die nun schon Jahre dauernden Bem&#252;hungen linker Kr&#228;fte, in der Treptower Region eine Stra&#223;e oder einen Weg nach ihr zu benennen, sind bis dato gescheitert. Die Gr&#252;nde f&#252;r eine Ablehnung durch die BVV Treptow-K&#246;penick aus &#8211; alles in allem &#8211; ambivalenten Gr&#252;nden &#8211; erinnern Zeitzeugen bei diesem Spaziergang mit (R&#252;ck)-Blick auf deutsche und deutsch-deutsche Geschichte oft auch in Vier-Augen-Ge­spr&#228;chen.</p>
<div id="attachment_3235" class="wp-caption alignleft" style="width: 235px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/p1010824/" rel="attachment wp-att-3235"><img class="size-medium wp-image-3235" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/P1010824-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Blumen f&#252;r Hollitscher, Sonja und Len</p></div>
<p style="text-align: justify">Vorarbeit und Entstehen von „Sonjas Rapport“ sind, wie k&#246;nnte es anders sein, eng mit dem Reihenhaus Dammweg 35 verbunden. Wollte man, allein unter diesem Aspekt, die Ge­schichte des Hauses &#8211; Bewohner und Besucher – recherchieren und schreiben, w&#228;re eine Edi­tion vom Umfang her vielleicht der DDR-Rapport-Ausgabe vergleichbar. Eine „Geschichte hinter der Geschichte“. In deren Mittelpunkt steht, was nur die Autorin wusste. Aber – aus Gr&#252;nden ihres Selbstverst&#228;ndnisses von Beruf und Berufung oder angeordnet von &#252;bergeord­neter Berliner oder Moskauer Instanz – dem Leser nicht mitteilt. Auch in der 2006 erschiene­nen „Ersten voll-st&#228;ndigen Ausgabe“ nicht. Die nun das Kapitel &#8211; Markus Wolf war damals daf&#252;r, Honecker dagegen &#8211; &#252;ber den „Atomspion“ Klaus Fuchs enth&#228;lt.</p>
<address><strong>Schweigsam bis &#252;ber</strong></address>
<address><strong>den Tod hinaus </strong></address>
<p style="text-align: justify">Was Sonja nicht will oder darf, teilt sie Niemandem mit. Selbst ihrem Bruder J&#252;rgen Kuc­zynski nicht. Der ihr immerhin in London den Kontakt zu Klaus Fuchs herstellte. Und mit dem sie im Dammweg 35 mehrere Jahre im Monatsrhythmus bei Tee und Geb&#228;ck &#252;ber Gott, Partei, Familie und Welt – meist, aber nicht immer &#8211; einvernehmlich redet. Dessen Rat sie sch&#228;tzt, den sie aber vor Informationen, „die er nicht unbedingt wissen muss“, sch&#252;tzt.</p>
<div id="attachment_3247" class="wp-caption alignright" style="width: 209px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/blog11-foto-ruth-mit-93jahren/" rel="attachment wp-att-3247"><img class="size-medium wp-image-3247" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/blog11-foto-ruth-mit-93jahren-199x300.jpg" alt="" width="199" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Das letzte Foto von Ruth Werner alias Sonja entstand am 15. Mai 2000 zu ihrem 93. Geburtstag</p></div>
<p style="text-align: justify">Gleiches trifft &#8211; ausnahmslos &#8211; auf die Kinder zu. Die sich im Gespr&#228;ch „Die Forderung der Zeit verstehen“, Bestandteil der zitieren Nachwende-Ausgabe, ausf&#252;hrlich &#252;ber ihre Mutter &#228;u&#223;ern. Peter Beurton, bezogen auf Sonja als Kundschafterin: „Meine Mutter war ein Mensch, der in allen Dingen, die ihre illegale T&#228;tigkeit betrafen, geradezu von einer Obsession betrof­fen, also absolut verschwiegen war. Uns gegen&#252;ber verlor sie lange Zeit kein einziges Wort, auch nicht indirekt.“</p>
<p style="text-align: justify">Diese hier von Beurton ihm und seinen Geschwistern gegen&#252;ber bezogene Haltung nahm Ruth Werner &#252;brigens auch gegen&#252;ber ihrem fr&#252;heren Auftrageber ein. So seltsam das f&#252;r den ersten Moment auch klingen mag. Andeutungsweise Auskunft dar&#252;ber gibt ein Dokument, auf das der Blogs&#228;nger bei seinem Recherchen zum Buch „funkspr&#252;che an sonja“ in jener Be­h&#246;rde stie&#223;, die nach Gauck und Birthler mit Jahn nun den Namen eines Ex-B&#252;rgerrechtlers tr&#228;gt und in der Karl-Liebknecht-Stra&#223;e in Berlin-Mitte ihren Sitz hat.</p>
<p style="text-align: justify"><em>            „Die Genn. (1) machte bisher nur verh&#228;ltnism&#228;&#223;ig allgemeine Angaben &#252;ber ihre  fr&#252;here T&#228;tigkeit als Kundschafterin. Sie lie&#223; sich ausdr&#252;cklich versichern, dass ihre   bisherigen Angaben f&#252;r keine Berichte oder &#228;hnliche Unterlagen Verwendung finden. Ausf&#252;hrlichere Angaben m&#246;chte sie ausschlie&#223;lich pers&#246;nlich schriftlich niederlegen.  Aus den angef&#252;hrten Gr&#252;nden k&#246;nnen bisher zu den im folgenden dargelegten Problemen keine weiteren  Details angegeben werden</em>.</p>
<p style="text-align: justify">Der „Bericht &#252;ber die bis Januar 1968 durchgef&#252;hrten Befragung von U.B. (4 Ex.)“ mit der Kennung MfS – HA IX/11, FV 98/66 Bd. – Nr. 15 ist aufschlussreich in mehrfacher Hinsicht.</p>
<address><strong>Das Dokument, seine</strong></address>
<address><strong>drei guten Gr&#252;nde</strong></address>
<p style="text-align: justify"><strong>Erster Grund</strong>: Entgegen diverser Ver&#246;ffentlichungen macht seine Existenz deutlich, dass zwischen den ersten Gespr&#228;chen mit der Kundschafterin, an denen anfangs auch Vertreter der sowjetischen Seite beteiligt waren, und dem Erscheinen von „Sonjas Rapport“ mehr als ein Jahrzehnt liegt. In diese Zeitspanne flie&#223;t eine weitere ein. Die zwischen dem, nach Meinung Ruth Werners, druckreifen Manuskript und dem Termin seiner schlussendlichen Freigabe.</p>
<p style="text-align: justify">Es dauert Jahre (!), kostet die Autorin schlaflose N&#228;chte und graue Haare bis die &#252;bergeord­neten Berliner, vor allem aber Moskauer Instanzen ihr okay geben. Noch unver&#246;ffentlichte Beh&#246;rden-Dokumente geben Auskunft &#252;ber „Vorschl&#228;ge“ hoher sowjetischer GRU-Vertreter, die das Projekt in seiner Endphase fast noch scheitern lie&#223;en. Und Ruth Werner zeitweise an den Rand der Verzweiflung brachten. Weniger &#252;ber sich und ihren Text als &#252;ber die nach ihrer Meinung unrealisierbaren „W&#252;nsche“ der sowjetischen Seite.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Zweiter Grund: D</strong>er Bericht enth&#228;lt einen Schl&#252;ssel von in der Geheimdienst-Szene gut be­kannten Namen, die alle in den von Ruth Werner bei den Befragungen gegebenen Antworten auftauchen. Fast zwei Dutzend Personen. Jede f&#252;r sich bietet oder bot ausreichend Stoff f&#252;r Buch (und Legende!) mitunter schon mehrfach: <strong>Rudolf Hamburger, Agnes Smedley, Dr. Ri­chard Sorge, Prof. Gerhart Eisler, Max Clau&#223;en, Rudolf Herrnstadt, Ilse St&#246;be, Alexander Foote, Rado, Anton Ruh, Erich Henschke, Olga Benario…</strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Dritter Grund</strong>: Die hier unvollst&#228;ndig ver&#246;ffentlichte Liste enth&#228;lt unter (8) einen Namen, mit dem vergleichsweise wahrscheinlich nur wenige Leser etwas anfangen k&#246;nnen. Obwohl dieser Mann f&#252;r das „private Leben“ von Kundschafterin Sonja, vor allem w&#228;hrend ihrer Aus­bildung bei Moskau und dem Einsatz in Mukden, wichtig werden sollte. Im „vollst&#228;n­digen“ Rapport kann man &#252;ber das komplizierte, spannungsgeladene Verh&#228;ltnis der beiden ab Seite 131 nachlesen. Erf&#228;hrt, dass sie ein Kind von ihm erwartet. Und- entgegen der guten Ratschl&#228;ge des (zuk&#252;nftigen) Vaters und ihres (noch) Mannes &#8211; darauf besteht, das Kind zu bekommen. Schon nachdem Michael in Shanghai zur Welt gekommen war, stand f&#252;r sie - den Familienmenschen kuczykischer Pr&#228;gung &#8211; fest, er sollte nicht ihr Einziger bleiben.</p>
<p style="text-align: justify">Die im Wortsinn merk &#8211; w&#252;rdige Geschichte nahm ihren Lauf. Sonjas Vorgesetzten, Beruf Seemann, Deckname „Ernst“, verschlug es sp&#228;ter nach S&#252;damerika. Mit den Jahren bekam er „Heimweh“ via Deutschland. Wusste aber nicht genau nach welcher der beiden Republiken. Nahm, auch deshalb, &#252;ber Mittelsm&#228;nner Kontakt mit Ruth Werner auf. Und in den siebziger Jahren, an einem sch&#246;nen, kalten Januartag stand Ernst an der T&#252;r von Dammweg 35, klingelte und ward von Sonja will­kommen gehei&#223;en. Tochter Janina war nicht dabei. Sie  erfuhr erst sp&#228;ter vom Treffen und damit erstmals von der Existenz ihres  &#8221;wirklichen&#8221; Vaters. Sie hat es ihrer Mutter aber, so Blogsgesang gegen&#252;ber, „nicht &#252;bel genommen, dass es so war, es war eben so.“</p>
<p style="text-align: justify">Willkommen gehei&#223;en wurden im Dammweg 35 von Sonja beispielsweise auch – nat&#252;rlich – <strong>Markus Wolf. </strong>Der hat das Rapport-Buchprojekt ja angeregt und f&#252;r „funkspr&#252;che“ den Bei­trag „Sonja zum 100.“ verfasst. Hin und wieder kam <strong>Hermann Kant</strong>, ihr Schriftstellerver­bandspr&#228;sident, er schrieb f&#252;r sie „Gestern mit Ruth und Len“. Auch <strong>Eberhard Panitz</strong> war da. Seine „Morgenstunde bei Ruth Werner“ beginnt so:</p>
<p style="text-align: justify"><em>            „Es ist dasselbe Reihenhaus in der N&#228;he des Pl&#228;nterwaldes, der Gartenweg zur T&#252;r, der schmale Flur und das Wohnzimmer mit dem Blick in den Garten, wo ich oft gewesen bin in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten. `Viel zu selten l&#228;sst du dich sehen`, sagte mir Ruth Werner zu dieser Morgenstunde l&#228;chelnd in der T&#252;r. Sie sei  jetzt nicht mehr so beweglich und habe zwar die Kinder und Kindeskinder um sich, die  sich lieb um sie k&#252;mmerten, doch sie vermisse die alten Freunde und Genossen sehr, die sie sonst allenthalben bei Versammlungen und anderen Gelegenheiten getroffen habe. So genau wisse sie es ja nicht wie viel Zeit ihr noch bleibe. In ein paar Tagen wird sie 93 Jahre. Und sie habe uns vielleicht noch dies und jenes zu sagen…“</em></p>
<div id="attachment_3238" class="wp-caption aligncenter" style="width: 310px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/p1010833/" rel="attachment wp-att-3238"><img class="size-medium wp-image-3238" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/P1010833-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Blogs&#228;nger &#252;ber &quot;funkspr&#252;che an sonja&quot; - ohne die Besuche in Baumschulenweg undenkbar</p></div>
<p style="text-align: justify">Oder eben auch nicht, wie wir wissen. Auch dem <strong>Blogs&#228;nger</strong> &#246;ffnete Ruth Werner hin und wieder die T&#252;r. Dass erste Mal im Fr&#252;hjahr 1978. Aber nicht ihretwegen, sondern weil ihr Mann Len Beurton im Milit&#228;rverlag an der Storkower Stra&#223;e &#252;ber seine Zeit im Spanienkrieg berichtet hat und Blogs&#228;nger, damals Kul­turredakteur der Wochenzeitung Volksarmee, dar&#252;ber ein Seite fabrizierte, die er mit Beurton vergleichend abstimmen will: die Daten, die Fakten, die Fotos. Da seine Frau den Tee serviert, au&#223;erdem ihr Rapport bereits &#246;ffentlich ist, ergibt sich zwangsl&#228;ufig ein von gegenseitigem Interesse und Respekt getragenes „Rand­gespr&#228;ch“. Beginn einer vertrauensvollen Beziehung, die lange h&#228;lt, die &#8220;Kinder&#8221; einbezieht,  und auch nach Sonjas Tod nicht endet. Insofern ist die Gedenk­wanderung ein weiterer Mosaikstein im bunten Tableau dauerhafter Freundschaft &#252;ber Leben und Zeitl&#228;ufte hinaus.</p>
<address><strong>Drei gute Namen:</strong></address>
<address><strong>Franke, Grossmann, Holfert</strong></address>
<p style="text-align: justify">Eine, die gern einmal am Haus mit der Nr. 35 geklingelt h&#228;tte, weil sie „die B&#252;cher von Ruth Werner alle immer las“, ist <strong>Ute Franke</strong>. F&#252;r sie begann die Wanderung schon vor dem 9. Mai. Als sie noch einmal in den „Ausk&#252;nften &#252;ber Ruth Werner“ nachschlug, dem Buch, das zum 75. Geburtstag der Autorin 1982 herauskam. Dort fand sie den Brief der Mutter an Tochter Janina. Und las ihn nun den „Sonja-Wanderern“ vor:</p>
<p style="text-align: justify"><em>                                                                                                                9. Mai 1975</em></p>
<p style="text-align: justify"><em> „Liebe Nuschka,                                                                             </em></p>
<p style="text-align: justify"><em>            gestern zur Kranzniederlegung am Sowjetischen Ehrenmal in Treptow. Wei&#223;t Du noch,  dass das unser erster Spaziergang in der DDR vor f&#252;nfundzwanzig Jahren war? Ich zeigte Euch – Du vierzehn und Peter sieben Jahre alt – das Ehrenmal, wir a&#223;en in einem winzigen Restaurant Nudelsuppe, und in der zerbombten Innenstadt wohnend,   beneidete ich gl&#252;hend die Leute, die in dieser Gegend lebten. Es ist wie ein Wunder, dass es gerade diese Gegend f&#252;r uns wurde und nun schon f&#252;nfundzwanzig Jahre ist.“</em></p>
<p style="text-align: justify">Gewiss, ein paar Zeilen nur. Aber sie sprechen B&#228;nde. &#220;ber Sonja und ihre Lebensphilosophie. Aber auch &#252;ber die Vorleserin. Die f&#252;r die Volkssolidarit&#228;t Busfahrten organisiert, denn „man sollte, wenn man kann, doch noch was N&#252;tzliches tun.“</p>
<div class="mceTemp mceIEcenter">
<div id="attachment_3240" class="wp-caption aligncenter" style="width: 310px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/sonja-treptow-quintett2-plus-31420003-2/" rel="attachment wp-att-3240"><img class="size-medium wp-image-3240" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/Sonja-treptow-quintett2-plus-314200031-300x198.jpg" alt="" width="300" height="198" /></a><p class="wp-caption-text">Bei einer Lesung von &quot;Sonjas Rapport&quot; in einer Treptower Schule wurde von Jutta Matuschek (MdA) das Stra&#223;ennamen-Projekt angeregt. Das Quintett der Kinder und Freunde auch dar&#252;ber in guter Stimmung: Eberhard Panitz, Nina Blankenfeld, Michael Hamburger, Peter Beurton, Markus Wolf (v.l.)</p></div>
</div>
<p style="text-align: justify">W&#228;hrend der nun vergangenen gut zwei Stunden, dominieren vor allem die individuellen Gespr&#228;­che am Rande des Weges. Immer neue Fragen und Antworten, die gro&#223;en und kleinen The­men rund um Sonja. <strong>Gert</strong>, sein Fahrrad schiebend, w&#252;rde gerne mehr &#252;ber die Frau erfahren, als sie noch Ursula Kuczynski hie&#223;. Und ihre Kinderfilmrolle im Streifen „Dreim&#228;derlnhaus“. Dabei kann es sich nicht um den Film von Ernst Marischka mit Karlheinz B&#246;hm, Gustav Knuth und Magda Schneider handeln, der 1958 entstand. Sondern es muss der vierzig Jahre fr&#252;her von Richard Oswald gedrehte sein. Dieser Regisseur, dessen Film „Das Eisernes Kreuz“ 1915 we­gen pazifistischer Tendenzen verboten wurde, erlangte Ber&#252;hmtheit durch Streifen wie „Im Wei&#223;en R&#246;&#223;l“ und „Gr&#228;fin Mariza“. Da er aber auch als Begr&#252;nder des so genannten Sit­ten-und Aufkl&#228;rungsfilms gilt, w&#228;re es in der Tat interessant zu wissen, ob die elfj&#228;hrige Ur­sula in seinem „Dreim&#228;derlnhaus“ wirklich mitwirkte.</p>
<address><strong>Wann werden die Karten</strong></address>
<address><strong>neu gemischt?</strong> </address>
<p style="text-align: justify">Mitgewirkt an der Ehrung hat auch <strong>Victor Grossmann</strong>. Als Stephen Wechsler desertierte der heute 83-J&#228;hrige, als in Bayern stationierter GI der US-Army 1952 &#252;ber Linz, die Donau durchschwimmend, zum sowjetischen Haupt-quartier in Baden bei Wien. Und von dort in die DDR. Wohin er eigentlich gar nicht wollte, denn er hatte „erstmal genug von den Deutschen“ – dann aber bis &#252;ber ihr Ende hinaus blieb. Am 9. Mai 2011 kam er aus Richtung Friedrichshainer Karl-Marx-Allee nach Treptow. Sein abenteuerliches Leben, das Internet gibt dazu mancherlei Auskunft, ist auf andere Weise mit dem von Sonja durchaus vergleichbar. „Vielleicht“, so sagt er, „kann ich &#252;ber diese Wanderung etwas in der linken amerikanischen Presse unterbringen.“</p>
<div id="attachment_3242" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/p1010844/" rel="attachment wp-att-3242"><img class="size-medium wp-image-3242" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/P1010844-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Sch&#246;ne Begegnung nach langer Zeit -zwei alte Freunde erinnern sich: Victor Grossmann (l.), Peter Beurton</p></div>
<p style="text-align: justify">Untergebracht hat mitt-lerweile einer den „Ruth Werner Gedenkspazier-gang“. Man sollte dazu <strong>Helmut Holferts</strong> Web-site „Meine Pr&#228;sentation – ganz privat &amp; enga-giert“ anklicken. Da be-gegnet dem Betrachter ein gro&#223;er Bilderbogen sch&#246;ner Motive, kurz,  pr&#228;gnant und famili&#228;r kommen­tiert. Gar keine Frage: auch Sonja wird sich freuen.</p>
<div class="mceTemp mceIEcenter" style="text-align: justify"> Die Spree, der „Zenner“ und damit das Ende der Tour, sind erreicht. Noch einmal spielt das Trio auf, noch einmal nimmt Hans Erxleben das Wort: Dank den tapferen Mitl&#228;ufern. Erin­nerung an damals, an die 150 Freunde und Sympathisanten, die sich f&#252;r eine Namensgebung am Ufer der Spree in Bewegung setzten. Wenn auch &#8211; vorerst &#8211; noch ohne durchschlagenden Erfolg. „Aber der Kampf geht weiter. Am 18. September stehen in Berlin die Wahlen ins Haus, auch in der BVV. Noch ist der Ausgang offen. Wir sind gespannt auf das Ergebnis. Vielleicht werden die Karten f&#252;r Ruth und ihren Weg dann neu gemischt.“</div>
<dl>
<dt></dt>
</dl>
<p style="text-align: center"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/blog11-foto-sonja-weg1a-nsmail-61-2/" rel="attachment wp-att-3243"><img class="aligncenter size-medium wp-image-3243" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/blog11-foto-sonja-weg1a-nsmail-611-300x201.jpg" alt="" width="300" height="201" /></a></p>
<div style="text-align: justify">
<dl>
<dt></dt>
<dd><strong>Rund 150 Sonja-Fans, unter ihnen Jutta Matuschek (Mitte, lesend), am 15. Mai 2007 anl&#228;&#223;lich des 100. Geburtstages von Ruth Werner auf der &#8220;Promenaden-Wanderung&#8221; f&#252;r einen Stra&#223;ennamen am Spree-Ufer </strong></dd>
</dl>
</div>
<p style="text-align: justify">Noch im Juni findet die Ehrung von Treptow ihre Fortsetzung. Mit dem Besuch einer Gruppe des neuen „Freundeskreises“ bei dem vor gut einem Jahr gegr&#252;ndeten Ruth-Werner-Vereins in Carwitz bei Feldberg. Nach investigativen Recherchen, auch unter Anwendung der von Sonja hinterlasssenen geheimdientlicher Erfahrungswerte, scheint gesichert, dasss es sich bei dem Carwitzer Verein um den ersten dieser Art weltweit &#252;berhaupt handelt.  &#220;ber ihn, sein bisheriges Engagement, den Besuch einer von Berlin aus per Busfahrerausbildungs-Bus vorgefahrenen &#8220;Freundeskreis&#8221;-Abordnung, dem eine Visite &#228;hnlich motivierter Freunde  von Sonja aus Dresden voraus-gegangen war, wird  der Blog-Beitrag „Immer noch auf Sonjas Spuren&#8230;“  im Oktober Auskunft geben.</p>
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		<title>Wie die Zersetzung von Wikileaks organisiert wird</title>
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		<pubDate>Tue, 06 Sep 2011 17:57:07 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[(pri) Die Stasi war nicht der erste Geheimdienst und erst recht nicht der letzte, der diese Methode gegen Andersdenkende anwandte. Zersetzung steht im Inventar der Schlapph&#252;te ganz vorn, und wie es scheint, war sie auch bei der Operation Wikileaks wieder erfolgreich. Und das ohne dass es besonderer Kreativit&#228;t bedurfte, denn an der verdeckten Front sind [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) Die Stasi war nicht der erste Geheimdienst und erst recht nicht der letzte, der diese Methode gegen Andersdenkende anwandte. Zersetzung steht im Inventar der Schlapph&#252;te ganz vorn, und wie es scheint, war sie auch bei der Operation Wikileaks wieder erfolgreich. <span id="more-3204"></span>Und das ohne dass es besonderer Kreativit&#228;t bedurfte, denn an der verdeckten Front sind die Assange und Domscheit-Berg eben doch nur Amateure.</p>
<blockquote><p>»Mit der Zersetzung«, so hei&#223;t es im W&#246;rterbuch der Staatssicherheit, »wird durch verschiedene politisch-operative Aktivit&#228;ten Einfluss auf feindlich-negative Personen, insbesondere auf ihre feindlich-negativen Einstellungen und &#220;berzeugungen in der Weise genommen, dass diese ersch&#252;ttert und allm&#228;hlich ver&#228;ndert werden bzw. Widerspr&#252;che sowie Differenzen zwischen feindlich-negativen Kr&#228;ften hervorgerufen, ausgenutzt oder verst&#228;rkt werden.</p>
<p>Ziel der Z. ist die Zersplitterung, L&#228;hmung, Desorganisierung und Isolierung feindlich-negativer Kr&#228;fte, um dadurch feindlich-negative Handlungen einschlie&#223;lich deren Auswirkungen vorbeugend zu verhindern, wesentlich einzuschr&#228;nken oder g&#228;nzlich zu unterbinden bzw. eine differenzierte politisch-ideologische R&#252;ckgewinnung zu erm&#246;glichen &#8230;</p>
<p>Hauptkr&#228;fte der Durchf&#252;hrung der Z. sind die IM. Die Z. setzt operativ bedeutsame Informationen und Beweise &#252;ber geplante, vorbereitete und durchgef&#252;hrte feindliche Aktivit&#228;ten sowie entsprechende Ankn&#252;pfungspunkte f&#252;r die wirksame Einleitung von Z.-Ma&#223;nahmen voraus.</p>
<p>Die Z. hat auf der Grundlage einer gr&#252;ndlichen Analyse des operativen Sachverhaltes sowie der exakten Festlegung der konkreten Zielstellung zu erfolgen. Die Durchf&#252;hrung der Z. ist einheitlich und straff zu leiten, ihre Ergebnisse sind zu dokumentieren.</p>
<p>Die politische Brisanz der Z. stellt hohe Anforderungen hinsichtlich der Wahrung der Konspiration.«</p></blockquote>
<p>Die Methode der Zersetzung kommt vor allem dann zum Einsatz, wenn offen repressive Ma&#223;nahmen keinen Erfolg versprechen oder aber juristisch wie praktisch nicht m&#246;glich oder zweckm&#228;&#223;ig sind. Sie sollen die als feindlich eingesch&#228;tzte Gruppierung von innen heraus zerst&#246;ren, also zersetzen. Dazu werden die Hauptakteure der Gruppe in geschickter Weise kompromittiert, meist mit schwer widerlegbaren Ger&#252;chten und Unterstellungen ohne politischen Hintergrund; bevorzugt werden finanzielle oder sexuelle Verfehlungen angedeutet. Beliebt ist auch das Sch&#252;ren von Rivalit&#228;ten zwischen einflussreichen Personen innerhalb der Gruppe, meist mit erfundenen, gleichwohl aber nicht unglaubw&#252;rdigen Behauptungen. Ist das Misstrauen erst einmal geweckt, ist es oft ein Leichtes, es durch in die Gruppe geschleuste oder aus ihr herausgeworbene IM zu vertiefen. Am Ende ist die Arbeit der Gruppe vollkommen gel&#228;hmt, sie ist als Gegner des Staates paralysiert.</p>
<p>Mit all diesen Ph&#228;nomenen hat dieser Tage Wikileaks zu k&#228;mpfen, jene Gruppe, die <a href="http://www.heise.de/newsticker/meldung/Wikileaks-Gruender-Wir-haben-alle-Versprechen-gehalten-1337769.html" target="_blank"><img src="http://vg09.met.vgwort.de/na/74327f09ce374ef58166294194161788" alt="" width="1" height="1" />die staatlichen Geheimdienste der Welt, insbesondere die der USA, herausforderte</a> und von diesen schon mal als ein <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/1208/tagesthema/0037/index.html" target="_blank">Feind, vergleichbar mit Osama bin Laden</a>, bezeichnet wurde. Das gesamte Arsenal der Zersetzung kann man gewisserma&#223;en exemplarisch an diesen Fall studieren, einschlie&#223;lich seiner Wirkungen, denn Erfolg kann man der Operation nicht absprechen.</p>
<p>Es war gewiss kein Zufall, dass schon kurz nachdem Julian Assange die Ver&#246;ffentlichung Tausender US-Botschaftsdepeschen angek&#252;ndigt hatte, die ersten Vergewaltigungsger&#252;chte auftauchten; seine Empf&#228;nglichkeit f&#252;r amour&#246;se Abenteuer war schlie&#223;lich bekannt, in Zeiten sexueller Freiz&#252;gigkeit aber auch nicht unnormal. Deshalb wohl hielt die schwedische Justiz zun&#228;chst wenig von Ermittlungen, dann aber wurden sie ihr pl&#246;tzlich so wichtig, dass sie Assange international zur Fahndung ausschrieb, <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/1208/tagesthema/0010/index.html" target="_blank">»in Gesellschaft von russischen Gangstern und mexikanischen Drogenbossen«</a>, wie eine Zeitung schrieb. Nur aus eigenem Antrieb?</p>
<p>Assange stellte sich den britischen Beh&#246;rden und sitzt dort seither in Hausarrest. Das war aber nur der Auftakt, denn der Hauptschlag sollte sich gegen die Organisation selbst richten. Die ersten Ma&#223;nahmen kamen <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/1206/politik/0017/index.html" target="_blank">panikartig</a>, erinnerten an die Methoden totalit&#228;rer Regimes in vergleichbaren Situationen und l&#246;sten dadurch in der &#214;ffentlichkeit eher Solidarit&#228;t als die erhoffte Abscheu aus. Es war jene Lage eingetreten, aus der nur noch die Zersetzung von Wikileaks selbst helfen konnte. Und tats&#228;chlich kamen aus der bis dahin total intransparenten Internetplattform schon bald erste Nachrichten &#252;ber interne Auseinandersetzungen. In ihrem Mittelpunkt stand Daniel Domscheit-Berg, Assanges Repr&#228;sentant in Deutschland. Mit dem unbewiesenen Vorwurf, Assange k&#246;nne die Sicherheit der Informationen nicht gew&#228;hrleisten, kopierte er wichtige Dateien und trennte sich mit anderen unter Mitnahme dieser Informationen sowie der Software, &#252;ber die Informanten, die so genannten Whistleblower, Daten an Wikileaks &#252;bermitteln konnten, von der Organisation und ging seither seine eigenen Wege.</p>
<p>Das war allein schon ein schwerer Schlag gegen Wikileaks, ob nun dabei jemand im Hintergrund die F&#228;den zog oder nicht. Doch er l&#228;hmte die Arbeit der Plattform nicht. Denn Assange hielt sich strikt daran, die Botschaftsdepeschen nur nach sachkundiger Begutachtung durch seri&#246;se Journalisten freizugeben. Dazu hatte er Kooperationsvertr&#228;ge mit solchen Redaktionen wie der »New York Times«, dem britischen »Guardian« und dem »Spiegel« abgeschlossen und sich damit auch f&#252;r die amerikanischen Geheimdienste ziemlich unangreifbar gemacht, denn gegen diese Zeitungen konnten sie nur schwer direkt vorgehen. Es galt also, diese Kooperation zu zerst&#246;ren, was bei der »New York Times« und dem »Spiegel« ziemlich ger&#228;uschlos gelang. Denn sie schienen bald das Interesse an dem Material zu verlieren, aus welchen Gr&#252;nden auch immer.</p>
<p>&#220;brig blieb der »Guardian«, das von den Dreien am weitesten links stehende Presseorgan. Einer seiner Reporter, <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2011/0903/politik/0048/index.html" target="_blank">David Leigh</a>, zeigte besonderes Interessen an den Botschaftsdepeschen. Im Juli 2010 drang er in stundenlangen Debatten darauf, dass Assange ihm das Passwort nennt, unter dem die US-Botschaftsdepeschen im Netz abgelegt sind. Assange l&#228;sst sich schlie&#223;lich &#252;berreden. Dennoch gelingt es Leigh zun&#228;chst nicht, die Datei zu &#246;ffnen. Noch in der Nacht f&#228;hrt er erneut zu Assange, der ihm weiterhilft. Leigh schilderte das ausf&#252;hrlich in einem Buch; vor allem aber nannte er dort das komplette Passwort, angeblich weil er glaubte, es habe sich um einen tempor&#228;ren, also nur zeitlich begrenzt g&#252;ltigen Code gehandelt – f&#252;r einen investigativ arbeitenden Journalisten eine erstaunlich naive Erkl&#228;rung.</p>
<p>Dennoch wurden die Botschaftsdepeschen vorerst nicht publik, weil ihr Vorhandensein nicht allgemein bekannt war und man deshalb nicht gezielt danach suchte. Geheimdienste unterschiedlicher Couleur d&#252;rften jedoch schon damals auf den Vorgang aufmerksam geworden sein und sich Zugang zu dem Material verschafft haben. Offensichtlich jedoch gab es auch ein Interesse, die Informationen, &#252;ber deren angeblich brisanten Inhalt zwar viel spekuliert wird, aber tats&#228;chlich so gut wie nicht bekannt geworden ist, in die breite &#214;ffentlichkeit zu bringen – um damit m&#246;glicherweise die Unzuverl&#228;ssigkeit von Wikileaks zu belegen. Genau diesen Vorwurf erhob denn auch Daniel Domscheit-Berg, nicht ohne zuvor das seine getan zu haben, um m&#246;gliche Interessenten auf die Spur der Datei mit den Botschaftsdepeschen zu f&#252;hren. Pikant ist dabei, dass Daniel Domscheit-Berg inzwischen offensichtlich direkt mit Geheimdiensten in Kontakt steht. Assange hatte ihm dies seit l&#228;ngerem vorgeworfen, und Domscheit-Berg hatte es stets bestritten. J&#252;ngst jedoch sah man ihn bei einem <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2011/0831/medien/0042/index.html" target="_blank">gemeinsamen Auftritt mit August Hanning</a>, bis 2005 Chef der Bundesnachrichtendienstes und danach Staatssekret&#228;r im Innenministerium.</p>
<p>In der Sache der US-Botschaftsdepeschen gab Domscheit-Berg jedenfalls, als sein Streit mit Assnage eskalierte, kaum verh&#252;llt Hinweise auf Fundort und Passwort. Er nutzte dazu die – ebenfalls linke – <a href="http://www.freitag.de/politik/1134-nerds-ohne-nerven" target="_blank">Wochenzeitung »Freitag«</a>, die er sich als Partner f&#252;r sein Konkurrenzunternehmen Openleaks auserkoren hatte, ohne ihr bisher auch nur eine Information zukommen zu lassen. Jetzt jedoch steckte er dem »Freitag« die <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2011/0902/politik/0027/index.html" target="_blank">Geschichte von den US-Botschaftsdepeschen samt jener mit dem Codewort</a>, das der »Guardian« in Erfahrung gebracht hatte und lie&#223; durchblicken, wie man im Netz beides zusammenf&#252;hren k&#246;nne.</p>
<p>Assange erfuhr von der geplanten Ver&#246;ffentlichung und intervenierte bei »Freitag«-Herausgeber Jakob Augstein, der abwiegelte und auf eine Ver&#246;ffentlichung nur verzichten wollte, wenn Assange selbst sich in seinem Blatt dazu &#228;u&#223;ere, was dieser ablehnte; f&#252;r ihn steht der »Freitag« im Lager seines Gegners Domscheit-Berg. Die drohende Ver&#246;ffentlichung vor Augen, <a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,783694,00.html" target="_blank">informierte Assange die US-Regierung</a> &#252;ber die bevorstehende freie Verf&#252;gbarkeit der bisher von Wikileaks unter – allerdings sehr losem – Verschluss gehaltenen Daten. Und nach der Ver&#246;ffentlichung im »Freitag« stellte Wikileaks vergangene Woche selbst <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2011/0903/politik/0017/index.html" target="_blank">den gesamten Datensatz mit 251 287 Botschaftsberichten ins Netz</a>. Assange wollte wohl nicht, dass »sein« Material durch andere verbreitet wird. Zu retten war ohnehin nichts mehr.</p>
<p>F&#252;r all jene, die den freien Fluss von Informationen nur dann guthei&#223;en, wenn er ihnen n&#252;tzt und anderen schadet, ansonsten aber mit einem strenge Kontrollregime die eigenen Daten sch&#252;tzen wollen, war dies der Auftakt zu einer geradezu chorischen Kampagne gegen Wikileaks. All diese Bedenkentr&#228;ger von <a href="http://www.welt.de/print/welt_kompakt/webwelt/article13579738/Wikileaks-ist-tot.html" target="_blank">Rechts</a> bis <a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/205910.systematisches-problem.html">Links</a> bedienten sich dazu der <a href="http://www.focus.de/politik/weitere-meldungen/wikileaks-schwere-kritik-an-wikileaks_aid_661619.html" target="_blank">Argumente der US-Administration</a>, die das Bekanntwerden der Informationen als Auftakt zu einem Blutbad skandalisiert. Zwar gibt es daf&#252;r keinerlei Beleg, obwohl die einschl&#228;gigen Dienste schon seit Monaten Zugriff auf das Material haben, aber sie alle beten die Horrorszenarien des State Department, des einzigen Gesch&#228;digten der Wikileaks-Aktion nach. Einige sehen sogar die Whistleblower gef&#228;hrdet, weil deren Klarnamen bekannt w&#252;rden – so als &#252;berreichte man die Daten in einem Briefumschlag, auf dem der Absender steht. Sie aber sind allemal professionell genug, die eigene Identit&#228;t zu verbergen; nicht ohne Grund stie&#223;en die riesigen US-Geheimdienste auf einen der Wikileaks-Informanten trotz intensivster Suche erst dann, als er selbst prahlerisch dar&#252;ber berichtete.</p>
<p>Was die in den Botschaftsdepeschen genannten Namen von Informanten angeht, handelt es sich dabei in ihrer Mehrzahl um <a href="http://www.zeit.de/digital/internet/2011-09/wikileaks-assange-auftritt/komplettansicht">Zutr&#228;ger der US-Geheimdienste</a>, die in ihren diplomatischen Vertretungen so genannte legale Residenturren unterhaltten, also Strukturen, die der heimlichen Ausforschung des Gastlandes dienen. Es sind inoffizielle Mitarbeiter dieser Geheimdienste, IM, die anderswo nicht gr&#252;ndlich genug enttarnt werden k&#246;nnen, f&#252;r den eigenen Gebrauch aber beinahe zu Helden stilisiert werden. Zu ihnen geh&#246;ren eifrige Plauderer wie ein <a href="http://www.tagesschau.de/ausland/wikileaksfdp100.html" target="_blank">fr&#252;herer B&#252;roleiter Guido Westerwelles</a>, der die US-Botschaft br&#252;hwarm &#252;ber die Verhandlungen zur Bildung der schwarz-gelben Koalition ins Bilde setzte, aber auch jene <a href="http://www.faz.net/artikel/C32315/westliche-geheimdienste-und-libyen-alte-akten-neue-belastungen-30497509.html" target="_blank">libyschen Geheimagenten</a>, die westliche Dienste wie die CIA oder den britischen MI6 &#252;ber einheimische Oppositionelle informierten und daf&#252;r <a href="http://weltereignisse.blogspot.com/2011/09/gestern-verbundeter-heute-schurke.html" target="_blank">Amtshilfe in ihrem Kampf gegen eben diese Opposition</a> erhielten.</p>
<p>F&#252;r Wikileaks ist die geschilderte Entwicklung ohne Zweifel ein Desaster, mit dem allerdings zu rechen war. Er die einzig verbliebene Supermacht derart herausfordert, musste mit einer entsprechenden Antwort rechnen, auf die die Organisation in keiner Weise vorbereitet war. Sie konnte vorerst nur den K&#252;rzeren ziehen, doch ein Ende der Idee von der Transparenz von Informationen, die von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung sind, bedeutet dies keineswegs. Sie ist in der Welt und wird – ungeachtet der Hoffnungen im politischen Establishment – nicht mehr totzukriegen sein. Denn gewiss finden sich immer neue Whistleblower – vielleicht demn&#228;chst auch zur Aufkl&#228;rung der Vorg&#228;nge um die Organisation der Zersetzung von Wikileaks.</p>
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		<title>Wirklich ernst hat Westerwelle seine Libyen-Abstinenz nicht gemeint</title>
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		<pubDate>Mon, 29 Aug 2011 20:38:59 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[(pri) Fast kann einem Guido Westerwelle schon leid tun. Erst ist es ihm gelungen, einen fulminanten Wahlerfolg innerhalb weniger Monate so total zu verspielen, dass er als FDP-Parteivorsitzender und Vizekanzler – v&#246;llig zu Recht – zur&#252;cktreten musste. Nun wackelt auch noch sein Ministersessel; das allerdings wegen einer Entscheidung, bei der ihm nichts vorzuwerfen ist – [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) Fast kann einem Guido Westerwelle schon leid tun. Erst ist es ihm gelungen, einen fulminanten Wahlerfolg innerhalb weniger Monate so total zu verspielen, dass er als FDP-Parteivorsitzender und Vizekanzler – v&#246;llig zu Recht – zur&#252;cktreten musste. Nun wackelt auch noch sein Ministersessel; das allerdings wegen einer Entscheidung, bei der ihm nichts vorzuwerfen ist – au&#223;er dass er jetzt unter dem Druck eines bellizistischen Politikverst&#228;ndnisses opportunistisch davon abr&#252;ckte.<span id="more-3191"></span></p>
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<p>Denn die damalige Position des Au&#223;enministers, sich in der UNO einer Resolution zu enthalten, die mit milit&#228;rischen Mitteln in den inneren Konflikt in Libyen einzugreifen beabsichtigte – seinerzeit &#252;brigens<a href="http://www.ftd.de/politik/international/:nato-aktion-in-libyen-westerwelle-will-nicht-in-krieg-gezogen-werden/60024290.html" target="_blank"><img src="http://vg09.met.vgwort.de/na/cf811aca4c9b4bd8bc90e8c77add4f42" alt="" width="1" height="1" /> unterst&#252;tzt von der gesamten Bundesregierung</a> – war nicht nur damals v&#246;llig richtig. Sie ist es auch heute noch, weil sich die Geb&#252;hrlichkeit von Au&#223;enpolitik nicht zuerst an ihrem Erfolg oder Misserfolg bemisst, sondern an der Orientierung am internationalen Recht und der in ihm ausgedr&#252;ckten Verantwortung f&#252;r ein gedeihliches Zusammenleben der V&#246;lker.</p>
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<p>Unter diesem Gesichtspunkt war und ist nicht zu billigen, wenn ein Staat oder eine Staatengruppe sich anma&#223;en, &#252;ber die K&#246;pfe der Menschen in welchem Land auch immer hinweg zu entscheiden, was f&#252;r sie gut oder schlecht ist und davon ausgehend dann auch noch das vermeintlich Gute herbeizubomben. Es ist noch weniger zu billigen, wenn sich diese Politik nassforsch &#252;ber Geist und Buchstaben einer UNO-Resolution hinwegsetzt, indem sie sie so auslegt, dass die eigenen Interessen damit durchgesetzt werden k&#246;nnen – und das dann auch umgehend tut. Das Libyen-Abenteuer der NATO war und ist in diesem Sinne eine <a href="http://www.blogsgesang.de/2011/03/19/westen-eroeffnet-neuen-krieg-in-der-arabischen-welt/" target="_blank">direkte Fortsetzung der Invasionspolitik</a>, wie sie gegen&#252;ber Afghanistan und Irak betrieben wurde; es ist zu erwarten, dass sie ein &#228;hnlich unr&#252;hmliches Ende nimmt. Auch am Hindukusch f&#252;hlte sich die westliche Allianz angesichts anf&#228;nglicher Erfolge schon als Sieger, und im Irak verk&#252;ndete George W. Bush mit stolzgeschwellter Brust, die Mission sei erf&#252;llt. Beides hat sich als Trugschluss erwiesen.</p>
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<p>Man h&#228;tte erwarten k&#246;nnen, dass der Westen aus diesen beiden Niederlagen lernt und sich k&#252;nftig von einem Denken, das den Krieg als Instrument zur L&#246;sung eines Konflikts nicht nur favorisiert, sondern beinahe als alternativlos erkl&#228;rt, abwendet – aus prinzipiellen Erw&#228;gungen zum Schutz der Menschenrechte, deren oberstes die Erhaltung des Lebens und der k&#246;rperlichen Unversehrtheit ist, und eben der schlechten Erfahrungen wegen. Man hatte gehofft, dass die Entscheidung der Bundesregierung, die fatale UNO-Resolution zu Libyen nicht mitzutragen, aus solchen &#220;berlegungen erwachsen ist und damit ein<a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2011/0829/meinung/0043/index.html" target="_blank"> neues Element in die internationalen Beziehungen</a> bringt, das – wie unter anderem die Abstimmung in New York zeigte – eben nicht nur von Russland und China, sondern auch von neuen M&#228;chten wie Brasilien, Indien und S&#252;dafrika angestrebt wird.</p>
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<p>Tats&#228;chlich aber setzte sich in der NATO zun&#228;chst das alte Denken in &#252;berholten Ost-West-Kategorien durch. Und auch die Bundesregierung hat mit ihrem faktischen Abr&#252;cken von der damaligen Entscheidung bewiesen, dass sie damit keine au&#223;enpolitische Innovation im Sinn hatte, sondern einfach nur – in der Endphase wichtiger Landtagswahlk&#228;mpfe – auf die gro&#223;e Mehrheit in der Bev&#246;lkerung reagierte, die eine Kriegsteilnahme deutscher Soldaten in Libyen ablehnte. Dies wird inzwischen als »innenpolitisches Kalk&#252;l« diffamiert; es ist aber ungeachtet der fragw&#252;rdigen Motive der schwarz-gelben Koalition allemal eine bessere Entscheidung als die Unterwerfung deutscher Au&#223;enpolitik unter Interessen, die von Staaten diktiert werden, die noch immer in altem bellizistischem Denken befangen sind. Denn immerhin ging es dabei um die Vermeidung sinnloser Kriegsopfer – und das nicht nur auf deutscher Seite, sondern auch in Libyen selbst, wo nach dem Terror der Gaddafi-Truppen <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2011/0830/meinung/0068/index.html" target="_blank">nun jener der »Sieger« droht</a>, unter den fest verschlossenen Augen der NATO .</p>
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<p>Nun mag der Diktator Mohammed al-Gaddafi ein ziemlich ungeeignetes Objekt daf&#252;r sein, einen solchen globalen Paradigmenwechsel zu begr&#252;nden oder gar zu vollziehen, aber auch er ist nicht vom Himmel gefallen, sondern in gewisser Weise <a href="http://www.blogsgesang.de/2011/03/17/lernen-bei-gaddafi/" target="_blank">Produkt langj&#228;hriger westlicher Politik</a>. Als er einst antrat, vertrat er in der &#252;berwiegend feudalistisch gepr&#228;gten arabischen Welt durchaus fortschrittliche Ziele, wollte sein Volk aus den Fesseln mittelalterlicher islamistischer Rituale befreien und am &#214;lreichtum des Landes partizipieren lassen. Damit st&#246;rte er die Kreise nicht nur der arabischen Potentaten, sondern auch der westlichen &#214;lkonzerne – und von beiden wurde er alsbald zum Schurken erkl&#228;rt, was ihn folgerichtig in die Arme des anderen Weltsystems trieb. Gaddafi lehnte sich fortan an die sozialistischen L&#228;nder an, was den westlichen Zorn auf ihn noch verst&#228;rkte.</p>
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<p>Nat&#252;rlich erkannte der junge Herrscher schnell die M&#246;glichkeiten, die ihm die &#246;stliche R&#252;ckendeckung bot. Er vergalt dem Westen manche fr&#252;here Dem&#252;tigung, provozierte ihn mit brutalen Terrorakten und konnte sich dabei immer auf den Schutz aus dem Osten verlassen, der ihn auch milit&#228;risch aufr&#252;stete. Als sich nach 1989 diese Situation abrupt wandelte, verstand es Gaddafi, sich schnell dem Westen anzudienen, ihm den Zugriff auf das libysche &#214;l zu erm&#246;glichen und gleichzeitig westliche Erwartungen hinsichtlich der Unterbindung von Fl&#252;chtlingsstr&#246;men effizient zu erf&#252;llen; daf&#252;r nahmen sie ihn nun – wenn auch widerwillig – in den Kreis ihrer Verb&#252;ndeten auf, einschlie&#223;lich der Versorgung mit Kriegsmaterial. Die Waffen, die jetzt durch ausgedehnte Luftschl&#228;ge zerst&#246;rt wurden, stammten zwar nicht nur, aber doch zu einem wesentlichen Teil aus westlicher Produktion.</p>
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<p>Sie hofierten ihn derart, dass er glaubte, sich weiterhin dem&#252;tigende Symbolhandlungen erlauben zu k&#246;nnen, was die Geduld seiner neuen Freunde arg strapazierte. So nahm es nicht wunder, dass sie die erste beste Gelegenheit ergriffen, sich seiner zu entledigen, ohne sich freilich daf&#252;r zu interessieren, was sein Volk dar&#252;ber dachte. Viele Libyer waren zwar seiner auch l&#228;ngst &#252;berdr&#252;ssig, zumal das anf&#228;ngliche Bem&#252;hen um sozialen Ausgleich l&#228;ngst der Anh&#228;ufung von Reichtum bei einer kleinen, ihm treu ergebenen Kaste untergeordnet worden war, verbunden mit der brutalen Verfolgung jeder Kritik. Das hat den Osten wie auch lange den Westen nicht interessiert. Der Widerstand gegen Gaddafi war nicht erst seit j&#252;ngstem im Volk verwurzelt, aber nat&#252;rlich bedeutet dies keine Unterordnung unter westliche Interessen und Erwartungen, im Gegenteil. Und schon gar nicht sagt es etwas dar&#252;ber, wie die verschiedenen politischen Kr&#228;fte in Libyen sich die Zukunft ihres Landes vorstellen; hier wird der Westen demn&#228;chst noch manche &#220;berraschung erleben. Und sp&#228;testens dann d&#252;rfte sich r&#228;chen, dass altes, &#252;berholtes Denken in den Kategorien des Krieges Ma&#223;stab westlichen Handelns war. Und dass auch der deutsche Au&#223;enminister seine Libyen-Abstinenz nicht wirklich ernst gemeint hat.</p>
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