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	<title>blogsgesang.de &#187; Suchergebnisse  &#187;  feindlich</title>
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	<description>Blog zu Politik, Zeitgeschichte, Kultur und Welt-Anschauung von Peter Richter (pri) und Rudolf Hempel (rhe)</description>
	<lastBuildDate>Fri, 14 Jun 2013 22:36:32 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Hans-Peter Friedrich &#8211; der Brandstifter als Biedermann</title>
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		<pubDate>Wed, 19 Dec 2012 19:49:00 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[(pri)Lange wusste Hans-Peter Friedrich mit dem Amt des Bundesinnenministers wenig anzufangen. Im beginnenden Wahlkampf zum bayerischen Landtag und zum Bundestag jedoch f&#252;gt er sich zunehmend in die traditionell rechtskonservative Linie der Union ein und verf&#228;hrt nach den alten rechtslastigen Feindbildern der CSU &#8211; unter Verwendung von Weichzeichnern. Mit seiner ersten &#196;u&#223;erung als Bundesinnenminister am 3. [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h5>(pri)Lange wusste Hans-Peter Friedrich mit dem Amt des Bundesinnenministers wenig anzufangen. Im beginnenden Wahlkampf zum bayerischen Landtag und zum Bundestag jedoch f&#252;gt er sich zunehmend in die traditionell rechtskonservative Linie der Union ein und verf&#228;hrt nach den alten rechtslastigen Feindbildern der CSU &#8211; unter Verwendung von Weichzeichnern.<span id="more-4096"></span></h5>
<p>Mit seiner ersten &#196;u&#223;erung als Bundesinnenminister am 3. M&#228;rz 2011 schien Hans-Peter Friedrich in die Fu&#223;stapfen der Hardliner der Union in diesem Amt zu treten. »Der Islam geh&#246;rt nicht zu Deutschland«, sagte er apodiktisch und setzte sich damit in Gegensatz zum damaligen Bundespr&#228;sidenten Christian Wulff, der das Gegenteil erkl&#228;rt hatte. Seine CSU-Klientel d&#252;rfte zufrieden gewesen sein &#8211; ungeachtet oder gerade wegen des kritischen Echos, das der promovierte Jurist damit ausl&#246;ste, gef&#228;llt sich doch die CSU in der Rolle des Wadenbei&#223;ers auch gegen Berlin. Aber Friedrich setzte zur allgemeinen &#220;berraschung nicht sofort nach. Er trat nicht mit Sturmhaube auf, wie SPD-Mann Otto Schily, und betete auch nicht t&#228;glich das Mantra vom Einsatz der Bundeswehr im Innern, wie Wolfgang Sch&#228;uble von der CDU.</p>
<h4>Moderat, zivil und ohne Klamauk</h4>
<p><img alt="" src="http://vg03.met.vgwort.de/na/69d60334448d4c30bd5b2288b887239b" width="1" height="1" />Friedrich gab sich moderat, zivil, »ohne Klamauk«, wie er selbst sagte. Freund wie Feind wussten lange nicht, was sie von ihm halten sollten. In der Koalition galt er als schwache Besetzung, was sich verst&#228;rkte, als er im Skandal um den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) das Versagen der Sicherheitsbeh&#246;rden einr&#228;umen musste und dabei in der Regel eine schlechte, weil hilflose Figur abgab. Sie ist freilich die Konsequenz seiner Taktik, die kritische Debatte um Verfassungsschutz, Bundeskriminalamt und Polizei auszusitzen und zugleich diese Beh&#246;rden so umzubauen, dass sich an den bestehenden Strukturen mit ihrer stark ideologisch gepr&#228;gten Ausrichtung im Kern nichts &#228;ndert.</p>
<p>&nbsp;</p>
<div class="wp-caption alignright" style="width: 334px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2012/12/19/hans-peter-friedrich-der-brandstifter-als-biedermann/attachment/67716/" rel="attachment wp-att-4098"><img alt="" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2012/12/67716-300x204.jpg" width="324" height="221" /></a><p class="wp-caption-text">Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich zielt von sich aus am liebsten nach links.Foto: dpa/Bernd Settnik</p></div>
<p>Der Innenminister kann diese Linie nur unzureichend verschleiern, und zunehmend deutlicher wird in seiner Amtsf&#252;hrung auch die christsoziale Handschrift. Erkennbar war diese schon bei seinen Auftritten in der bayerischen Provinz. Vor seinesgleichen redet er Klartext. Da beschw&#246;rt er den internationalen Terrorismus als »gr&#246;&#223;te Bedrohung«, will »Gegnern des freiheitlichen Staates aus dem linken Lager« das Handwerk legen und empfiehlt die CSU als Vork&#228;mpferin gegen Rechtsextremismus, denn sie sei die »Antwort auf ein gottloses Regime« und sch&#252;tze die W&#252;rde des Menschen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der CSU geh&#246;rt der 55-J&#228;hrige seit seinem 17. Lebensjahr an; ein Jahr zuvor hatte er beim Aufbau der Sch&#252;ler-Union in seiner oberfr&#228;nkischen Heimat geholfen. Seine Parteikarriere begann nach dem Studium der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften sowie nach ersten Berufsjahren im Bundeswirtschaftsministerium 1991 als Mitarbeiter der Bundestagsfraktion, in der er schnell aufstieg &#8211; vom Referenten des Landesgruppenchefs Michael Glos 1993 bis 2009 zum Landesgruppenchef selbst. 2011 wurde Friedrich CSU-Bezirkschef in Oberfranken; sein Vorg&#228;nger war Karl-Theodor zu Guttenberg, den er &#252;ber seinen R&#252;cktritt hinaus als Opfer von »ma&#223;loser Kritik« und Hass bezeichnete. Dessen Sturz verdankte er indes das Innenministerium, weil Thomas de Maizière von dort ins fr&#252;her Guttenbergsche Verteidigungsressort wechselte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Hier gab sich der unauff&#228;llige Staatsbeamte nach der Islam-Schelte als Biedermann, der jedoch seinen &#220;berzeugungen treu blieb. So funktionierte er die von Wolfgang Sch&#228;uble initiierten Islamkonferenzen zu Veranstaltungen um, die weniger der Integration der Muslime als dem Aufsp&#252;ren potenzieller Terroristen dienen sollen. Er trat f&#252;r die Vorratsdatenspeicherung ein, konnte sich aber gegen das Bundesverfassungsgericht und Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger bisher nicht durchsetzen. Daf&#252;r erreichte er gegen den Widerstand letzterer die Verl&#228;ngerung der nach dem 11. September 2001 erlassenen, versch&#228;rften Sicherheitsgesetze und profilierte sich als Verfechter der Abschiebepraxis gegen Asylbewerber. Er forderte sogar die Aufhebung der Visafreiheit f&#252;r die EU-Kandidaten Serbien und Mazedonien, um den verfolgten Sinti und Roma den Weg in ein sicheres Asyl zu verwehren.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Bez&#252;glich des Rechtsextremismus warnt Friedrich wieder mehr als vor dessen Ideologie und Gewaltbereitschaft vor einer vorgeblichen Beeintr&#228;chtigung der Arbeit der Sicherheitsorgane. Das Verlangen der NSU-Untersuchungsaussch&#252;sse nach r&#252;ckhaltloser Aufkl&#228;rung schw&#228;cht in seinen Augen den Sicherheitsapparat. Er schickte seinen Staatssekret&#228;r Klaus-Dieter Fritsche vor, sich bei seiner Vernehmung im Ausschuss &#252;ber »bei&#223;ende Kritik, Hohn und Spott &#252;ber einen ganzen Berufszweig von Polizisten und Verfassungssch&#252;tzern« zu beklagen. Der Verfassungsschutz, bei dem Fritsche in den Jahren der Mordserie Vizepr&#228;sident war, erf&#252;lle eine »einzigartige Funktion f&#252;r alle B&#252;rger dieses Landes«.</p>
<h4>Rechts von der CSU darf es keine Partei geben</h4>
<p>Friedrich liegt allein daran, die Umtriebe der Rechten zu kennen, zu kontrollieren, um eingreifen zu k&#246;nnen, wenn sie so aus dem Ruder zu laufen drohen, dass sie den Ruf Deutschlands im Ausland gef&#228;hrden. Unterhalb dieser Schwelle sieht er keinen Grund, entschlossen durchzugreifen, weil der Rechtsextremismus von der Union als ideologisch integrierbar verstanden wird. Es ist ein gefl&#252;geltes Wort der CSU, dass es rechts von ihr keine demokratisch legitimierte Partei geben d&#252;rfe, was einschlie&#223;t, das rechtsextreme Gedankengut grunds&#228;tzlich in der eigenen Programmatik zu verankern. Ausl&#228;nderfeindlichkeit, Law-and-order, Umgang mit von der konservativen »Norm« abweichenden Lebensentw&#252;rfen, Kampf gegen linke Ideen finden sich bei Rechtsextremen wie Christsozialen; bei letzteren freilich in der Regel sprachlich gemildert.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Deshalb auch sieht Friedrich in der Bundesrepublik »eins der sichersten L&#228;nder der Welt« &#8211; ungeachtet der zehn Morde, die Rechtsterroristen unbehelligt ausf&#252;hren konnten, ungeachtet von insgesamt etwa 200 Toten durch rechtsterroristische Anschl&#228;ge seit 1990, ungeachtet von 110 fl&#252;chtigen Rechtsextremisten, von denen mindestens 18 als politisch gef&#228;hrlich eingestuft werden, ungeachtet der NPD, die aggressiv Rassismus und Gewaltanwendung propagiert. F&#252;r ihn und seine Partei bedeutet dies keine Gefahr f&#252;r die Ordnung in der Bundesrepublik &#8211; eine beunruhigende Parallele zu Konservativen in der Weimarer Republik, die im Nationalsozialismus weniger ein Risiko f&#252;r den Kapitalismus sahen als vielmehr eine effiziente Herrschaftsform zur Durchsetzung der eigenen Ziele.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Vor allem daraus ergibt sich Friedrichs kaum verhohlene Ablehnung eines NPD-Verbots. CSU-Chef Horst Seehofer widerspricht ihm hierbei, weil er sich sorgt, dass die NPD seiner Partei bei der Landtagswahl im Herbst Stimmen wegnehmen k&#246;nnte, welche die CSU f&#252;r die absolute Mehrheit ben&#246;tigt. Friedrich braucht als Bundesminister auf diese taktischen Erw&#228;gungen keine R&#252;cksicht zu nehmen. Er zweifelte erst die Stichhaltigkeit der f&#252;r ein Verbot sprechenden Belege an. Dann pl&#246;tzlich habe es nie eine »bessere Materialsammlung« als die von den L&#228;ndern gegeben, aber die NPD sei »eine am Boden liegende Partei«, die durch das Verbotsverfahren wiederbelebt werde.</p>
<h4>Die LINKE als politisches Feindbild</h4>
<p>Strenger urteilt Friedrich &#252;ber die LINKE, die »als Partei in Teilen gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung arbeitet«, indem »sich Teile der LINKEN nicht abgrenzen von linksextremistischer Gewalt &#8230;, dass ihre Programmatik darauf gerichtet ist, einen marxistischen Staat zu errichten &#8230;, auch dass sie sich nicht distanzieren vom Unrechtsstaat der DDR, auch dass sie das kubanische Unrechtssystem offensichtlich ganz toll finden«. Dieses »S&#252;ndenregister« kann Friedrich m&#252;helos erweitern, und sollten dazu Aktenbestandteile durch Informationen der L&#228;nder zu LINKE-Politikern angeliefert werden, dann, so Friedrich im Deutschlandfunk, »schmei&#223;t man die nicht weg, sondern dann werden die zu den Akten genommen«. Einige Akten &#252;ber Rechtsextremisten wurden hingegen w&#228;hrend der Ermittlungen zum NSU s&#228;ckeweise in dem Innenministerium unterstehenden Dienststellen zerschreddert.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Kein Wunder, dass das mit viel Brimborium Ende 2011 geschaffene »Gemeinsame Abwehrzentrum Rechtsextremismus/Rechtsterrorismus« Monate sp&#228;ter faktisch wieder aufgel&#246;st wurde und sich nun auch um Linksextremismus, einen imagin&#228;ren Linksterrorismus, Ausl&#228;nderextremismus bzw. -terrorismus und Spionage k&#252;mmern soll. Friedrich r&#252;stet den Sicherheitsapparat gegen solche »Bedrohungen« auf. Der Sohn eines Verwaltungsangestellten gibt sich als Biedermann, der daf&#252;r sorgt, dass der Staat &#252;ber das n&#246;tige Repressionspotenzial verf&#252;gt. Doch der Biedermann wird zum Brandstifter, wenn sein ideologischer Standort dazu f&#252;hrt, dass jene, die Hass und Gewalt praktizieren, nicht in die Schranken gewiesen werden.</p>
<address> Gedruckt in: <a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/807755.der-brandstifter-als-biedermann.html" target="_blank">Neues Deutschland vom 19. Dezember 2012</a></address>
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		<title>Julian Assange und Pussy Riot</title>
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		<pubDate>Mon, 20 Aug 2012 21:52:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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				<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) So unterschiedlich die Geschichten auch sind, haben sie doch einen gemeinsamen Kern: Wenn sich staatliche Macht, ganz gleich wo, gef&#228;hrdet sieht, schl&#228;gt sie mit brutaler Unerbittlichkeit zu. Und was sie als Gef&#228;hrdung betrachtet, definiert allein sie. Einmal ist es grelle Kritik am Zusammenspiel von Thron und Kanzel, wie in Russland. Ein anderes Mal die schonungslose Aufdeckung von Kriegsverbrechen, wie in die USA. <span id="more-3982"></span>So unterschiedlich die Anl&#228;sse, so &#252;bereinstimmend das Vorgehen. Nur die medialen Sch&#252;tzengehilfen der Macht versuchen, einen anderen Eindruck zu erwecken.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Das russische Vorgehen gegen eine <a href="http://www.fr-online.de/politik/pussy-riot-liedtext--mutter-gottes--du-jungfrau--vertreibe-putin--,1472596,16906682.html" target="_blank"><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/fe60c2bb6a4d4f0d8054b0332c875f7d" alt="" width="1" height="1" />infantile Punkgruppe</a>, deren k&#252;nstlerisches Œvre mehr als bescheiden ist, folgt ganz und gar alten sowjetischen Praktiken. Nicht eine tats&#228;chliche Strafw&#252;rdigkeit, sondern allein die Provokation gen&#252;gte damals und gen&#252;gt heute, um die Staatsmacht zu w&#252;tender Reaktion zu veranlassen. Ungesetzlich ist das nicht, denn die Gesetze der Vergangenheit – zumindest im Geiste, mitunter gar nach dem Buchstaben – existieren noch oder schon wieder. Der Staat bestimmt, was Recht ist, und kleingeistige Macht zieht die Grenze lieber enger, um jedes Risiko zu meiden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Diesbez&#252;glich ist der Westen souver&#228;ner, wenngleich auch er letztlich das Recht nach der eigenen Schablone zu schreiben versucht. Gro&#223;britannien lieferte dieser Tage daf&#252;r ein anschauliches Beispiel – das Gesetz, das es dem Staat erlaubt, eine fremde Botschaft zu st&#252;rmen, wenn sie <a href="http://www.rp-online.de/politik/ausland/assange-spricht-von-wichtigem-sieg-1.2954481" target="_blank">»nicht mehr ausschlie&#223;lich als Botschaft oder Konsulat genutzt wird«</a>. Die schwammige Formulierung gibt der britichen Regierung gro&#223;en Ermessensspielraum f&#252;r alle m&#246;glichen F&#228;lle – hier im eklatanten Widerspruch zu internationalem Recht. Da reduziert sich Londoner Rechtsstaatlichkeit schon mal aufs Moskauer Ma&#223;.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Eine seltene Ausnahme ist das nicht. Die USA lieferten in den letzten Jahren beinahe am Flie&#223;band »Rechts«konstruktionen, die grundlegende Rechte verletzen. Das Lager Guantanamo, die faktische Legalisierung von Folter, die staatlich verordnete Selbstjustiz durch Todesdrohnen sind daf&#252;r Beispiele. Und auch hierzulande verhinderte beinahe in Serie nur das Bundesverfassungsgericht verfassungsfeindliche Gesetze, die die Regierung zuvor noch als &#252;ber alle Zweifel erhaben angepriesen hatte. Freilich, wegen despektierlicher Lieder einer Punkband greift im Westen niemand zum gro&#223;en Kn&#252;ppel; wegen der politisch viel bedeutenderen und damit brisanten Aufkl&#228;rung der Welt&#246;ffentlichkeit &#252;ber staatliches Handeln am Rande und gar au&#223;erhalb jeder Legalit&#228;t bis hin zum kaltbl&#252;tigen, zynisch kommentierten Mord aber schon. Und deshalb sitzt der US-Gefreite <a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/235702.einflussreiche-feinde.html" target="_blank">Bradley Manning</a> seit 800 Tagen ohne Prozess in Untersuchungshaft, davon lange Zeit in versch&#228;rfter Einzelhaft, aus der ihn erst internationale Proteste befreiten; seine Leidensgeschichte steht jener von »Pussy Riot« also in nichts nach, eher im Gegenteil. Verwundert es da, dass Julian Assange keinen Glauben an Rechtsstaatlichkeit von Washington bis Stockholm, von Canberra bis London hat.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Gerade die Verbissenheit, mit der die britische Regierung die umstrittenen Vorw&#252;rfe gegen Assange zu einem Kapitalverbrechen hochzustilisieren versucht, ist das deutlichste Indiz f&#252;r die Schl&#252;ssigkeit der vom Wikileaks-Gr&#252;nder gemutma&#223;ten Verschw&#246;rung. Die Zentren westlicher Macht sind durch die Aufdeckung ihrer kriminellen Praktiken schwer getroffen – und schon reagieren sie wie Moskau, Peking oder Minsk. Nicht zuf&#228;llig erinnern die <a href="https://www.youtube.com/watch?v=1YRohK8iFNE&amp;feature=player_embedded" target="_blank">Bilder vor der Londoner Botschaft Ecuadors</a> mit riesigem Polizeiaufgebot, Pr&#252;geleien mit Protestierern und regierungsamtlichen Drohgeb&#228;rden an &#228;hnliche Szenen in osteurop&#228;ischen Hauptst&#228;dten vor 25 und mehr Jahren.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&#220;brigens: Die drei jungen Punk-Frauen in Moskau werden wohl schon bald wieder auf freiem Fu&#223; sein. <a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/235960.naechster-tanz.html" target="_blank">Ein Bradley Manning aber noch lange nicht.</a> Und auch Julian Assange muss sich wohl auf einen langen Verbleib in London einstellen, wenn nicht auf Schlimmeres. Und<a href="http://www.tagesspiegel.de/meinung/julian-assange-bei-liebknecht-und-genscher-geklaut/7024114.html" target="_blank"> mit medialen Protestkampagnen zu ihren Gunsten k&#246;nnen sie auch nicht rechnen</a>. Denn anders als »Pussy Riot«, die niemandem gef&#228;hrlich werden k&#246;nnen, haben Manning und Assange das westliche System an seiner empfindlichsten Stelle getroffen, indem sie es dabei st&#246;rten, ihre Politik ohne jede R&#252;cksicht durchzusetzen.</p>
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		<title>Nur die SPD kann die Linkspartei noch retten</title>
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		<pubDate>Fri, 25 May 2012 21:33:44 +0000</pubDate>
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				<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) F&#252;r die Linkspartei w&#228;re es unzweifelhaft von einem gewissen Vorteil gewesen, h&#228;tte sie sich ein wenig von den Piraten abgeschaut – und sei es nur im Methodischen, statt sie als l&#228;stige Konkurrenz allein mit H&#228;me und Ablehnung zu &#252;bersch&#252;tten. Vielleicht h&#228;tte sie dann den Charme einer Entscheidungsfindung erkannt, der sich auf eine Urforderung eigener politischer Praxis st&#252;tzt, n&#228;mlich die maximale Beteiligung des einzelnen Mitglieds. <span id="more-3933"></span>Was die Piraten salopp »Schwarmintelligenz« und etwas h&#246;lzern »liquide Demokratie« nennen, ist das genaue Gegenteil dessen, wie <a href="http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/nach-lafontaines-rueckzug-linkspartei-streitet-weiter-11760785.html" target="_blank"><img src="http://vg09.met.vgwort.de/na/93b9c53332b5448888d5310f661a4202" alt="" width="1" height="1" />in der Linkspartei nach einer neuen F&#252;hrungsmannschaft gesucht wurde</a>. Da wurde im Hinterzimmer gekungelt, aus den Schatten intrigiert, wurden Unterst&#252;tzer-Bataillone zusammengestellt und Lagerpakete geschn&#252;rt – wobei einer stets au&#223;en vor blieb, die Parteibasis, die eigentlich der Souver&#228;n sein sollte.</p>
<p>Dass die Piraten optimale Beteiligung aller Interessierten an politischen Entscheidungen zu organisieren versuchen, macht nicht unwesentlich das Geheimnis ihres Erfolgs aus. Dass die Linkspartei eine solche Vorgehensweise mit aller Entschlossenheit zu verhindern bem&#252;ht war, erkl&#228;rt zu gro&#223;en Teilen ihre derzeitige Misserfolgsstr&#228;hne. H&#228;tte sie ihre Mitglieder ehrlich mitentscheiden lassen, und wenn nicht &#252;ber das noch etwas gew&#246;hnungsbed&#252;rftige Internet, so vielleicht durch eine Mitgliederbefragung oder wenigstens durch eine offene Vorstandswahl, wie sie <a href="http://www.blogsgesang.de/2012/04/30/durch-das-internet-verliert-die-reprasentative-demokratie-ihre-daseinsberechtigung/" target="_blank">die Piraten auf deren j&#252;ngstem Parteitag</a> zwar langwierig, aber am Ende erfolgreich praktizierten, g&#228;be es heute eine Parteif&#252;hrung, die mit der Autorit&#228;t der Basis ausgestattet w&#228;re und an deren Spitze mit hoher Wahrscheinlichkeit Oskar Lafontaine st&#252;nde und in der ansonsten Pluralit&#228;t und Teamf&#228;higkeit zusammengingen. Soviel Vertrauen in die »Weisheit des Kollektivs« w&#228;re eigentlich von Politikern der Linken zu erwarten gewesen.</p>
<p>Statt dessen k&#246;nnte es nun auf dem G&#246;ttinger Parteitag wieder nur zu einer Zwischenl&#246;sung, einer Notl&#246;sung kommen, verbunden mit der Fortsetzung des Richtungsstreits bis hin zur schon unverhohlen angek&#252;ndigten Korrektur des gerade erst fast einstimmig beschlossenen Parteiprogramms. F&#252;r die Wahlaussichten der Linken w&#228;re das verheerend; gerade im Westen liefen ihr die ohnehin gegen&#252;ber der »Nachfolgepartei« misstrauischen W&#228;hler in Scharen davon, wie in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen bereits geschehen. Selbst Achtungserfolge in den neuen Bundesl&#228;ndern w&#252;rden dies kaum ausgleichen k&#246;nnen, und die »Reformer« st&#252;nden mit leeren H&#228;nden da; auch daf&#252;r gibt es mit der Berliner Abgeordnetenhauswahl bereits ein aufschlussreiches Beispiel.</p>
<p>Auch wenn das kaum jemand auszusprechen wagt: 2013 k&#246;nnte es der Linkspartei &#228;hnlich ergeben wie 2002, dass sie also nur mit einigen wenigen Direktmandaten in den Bundestag einzieht und ansonsten sich bundesweit nur au&#223;erparlamentarisch Geh&#246;r verschaffen kann. Rettung vor solchem Abgrund ist bis zur Stunde nicht in Sicht – au&#223;er vielleicht paradoxerweise von der SPD. Zwar nicht durch ein B&#252;ndnisangebot – zu dem sich die Th&#252;ringer Sozialdemokratie angesichts linker St&#228;rke auf Augenh&#246;he notgedrungen durchrang, von dem jedoch eine Bundes-SPD, die nicht einmal erstarkende Gr&#252;ne zu ertragen vermag, weit entfernt ist – sondern ganz profan durch die Auswahl ihres Kanzlerkandidaten. Denn zwei der bisherigen Favoriten – Steinbr&#252;ck und Steinmeier – stehen aus Sicht des traditionellen SPD-W&#228;hlers eher f&#252;r eine unternehmerfreundliche und arbeitnehmerfeindliche Politik, und der dritte – Parteichef Sigmar Gabriel – gilt als irrlichternde, nicht so recht ernst zu nehmende Figur. Links von diesem Trio bleibt allemal gen&#252;gend Platz f&#252;r eine Partei, die konsequent die Interessen der Schwachen der Gesellschaft vertritt – sofern sie es denn glaubw&#252;rdig, einig und sachbezogen tut.</p>
<p>Aber selbst wenn sich f&#252;r die Linke das Trauma der PDS von 2002 wiederholte, als diese die F&#252;nf-Prozent-Marke verfehlte und nur noch durch die Direktmandate von Gesine L&#246;tzsch und Petra Pau im Bundestag vertreten war (wozu &#252;brigens Dietmar Bartsch nicht unwesentlich beigetragen hatte), ist ihre Wiederauferstehung sicher, denn die dann zu erwartende rot-gr&#252;ne oder rot-gr&#252;n-gelbe oder gar schwarz-rote Politik wird sehr schnell die Sehnsucht nach Opposition dagegen wecken und die Linke – wie 2005, als nach dem Hartz-IV-Kahlschlag die PDS, noch ohne WASG, auf 8,7 Prozent kam – wieder ins Parlament katapultieren. Wie die Freien Demokraten, die im Ernstfall auf der Bundesebene wohl stets gen&#252;gend Besserverdienende zusammenbekommen, die sich von der FDP eine weitere Verbesserung ihres »Verdienstes« versprechen, hat auch die Linke inzwischen jenseits aller vagabundierenden Protestw&#228;hler eine Grundklientel, die sich auf sie zumindest dann besinnt, wenn die SPD allzu weit vom sozialen Tugendpfad abweicht. Da darauf seit mindestens einem Jahrhundert allemal Verlass ist, kann sich die Linkspartei keinen besseren Rettungsschirm als die Sozialdemokratie w&#252;nschen.</p>
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		<title>Schleichende Eliminierung der Demokratie</title>
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		<pubDate>Sun, 20 May 2012 23:06:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[(pri) Immer weniger st&#246;rt sich die »demokratische« Staatsmacht f&#252;hrender westlicher L&#228;nder daran, dass die von ihr produzierten Bilder zur Bek&#228;mpfung &#246;ffentlichen Protestes gegen eine neoliberale Politik, die immer gr&#246;&#223;ere Teile der Bev&#246;lkerung f&#252;r die Gewinnmaximierung von Unternehmen und Banken bluten l&#228;sst, jenen Szenen gleichen, die bislang vor allem aus Peking und Moskau, aus Kiew und [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) Immer weniger st&#246;rt sich die »demokratische« Staatsmacht f&#252;hrender westlicher L&#228;nder daran, dass die von ihr produzierten Bilder zur Bek&#228;mpfung &#246;ffentlichen Protestes gegen eine neoliberale Politik, die immer gr&#246;&#223;ere Teile der Bev&#246;lkerung f&#252;r die Gewinnmaximierung von Unternehmen und Banken bluten l&#228;sst, jenen Szenen gleichen, die bislang vor allem aus Peking und Moskau, aus Kiew und Minsk verbreitet <span id="more-3927"></span>und zugleich von den staatstragenden Medien mit dem Ausdruck h&#246;chster Emp&#246;rung gegei&#223;elt wurden. Das <a href="http://www.stern.de/panorama/tagelanger-ausnahmezustand-blockupy-proteste-legen-frankfurt-lahm-1829834.html" target="_blank"><img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/3f855697dbdc46a3bf72b1c7e5f32833" alt="" width="1" height="1" />Geschehen dieses Wochenendes in Frankfurt am Main m</a>it dem beinahe fl&#228;chendeckenden Verbot jeglichen Protestes durch den hessischen Innenminister, einer  beflissenen hessischen Justiz, einem ebenso willf&#228;hrigen Bundesverfassungsgericht  und dem massiven Einsatz von Tausenden Polizisten mit Massenfestnahmen und Kn&#252;ppelattacken zur Durchsetzung faktisch verfassungswidriger Ma&#223;nahmen &#252;bertrifft teilweise die Bilder aus der ehemals kommunistischen Welt; weder f&#252;r die parlamentarische »Opposition« noch f&#252;r die meisten Medien Grund f&#252;r einen &#228;hnlichen Aufschrei, wie er stets solche Szenen beim vermeintlich ideologischen Gegner begleitet.</p>
<p>Und doch sind die martialischen Vorg&#228;nge aus der deutschen Metropole der Hochfinanz, die ihr <a href="http://www.spiegel.de/politik/ausland/massendemonstration-bei-nato-gipfel-in-chicago-a-834096.html" target="_blank">Pendant zur gleichen Zeit in Chicago</a>, der US-Zentrale des organisierten Verbrechens, aus Anlass der dortigen NATO-Tagung fanden, nur das &#228;u&#223;ere Zeichen einer schleichenden Entwicklung, die sich mehr und mehr von demokratischen Standards verabschiedet und des Staatsorganen freie Hand bei der allm&#228;hlichen Eliminierung solcher verfassungsm&#228;&#223;iger Grundprinzipien wie Mitsprache, freie Meinungs&#228;u&#223;erung oder Versammlungsfreiheit gibt.</p>
<p>Ausgerechnet der ehemalige Verfassungsrichter und Bundespr&#228;sident Roman Herzog tritt f&#252;r die weitere Einschr&#228;nkung der ohnehin bescheidenen Mitwirkungsm&#246;glichkeiten der B&#252;rger ein, indem er die Heraufsetzung der verfassungsrechtlich bedenklichen <a href="http://www.sueddeutsche.de/I5638f/623904/Herzog-fuer-hoehere-Huerde.html" target="_blank">F&#252;nf-Prozent-Klausel</a> anregt. »Zu viele kleine Parteien« verhinderten, dass der Bundeskanzler von einer Mehrheit der Bev&#246;lkerung getragen werde – ein offenes Pl&#228;doyer f&#252;r demokratiefeindlichen Zentralismus, das die Ursachen f&#252;r den sinkende Vertrauen in Regierungsinstitutionen total ausblendet. Der nieders&#228;chsische Innenminister Uwe Sch&#252;nemann erg&#228;nzt das durch den Vorschlag, das Grundrecht auf freie <a href="http://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/schlaglichter_nt/article106301049/Schuenemann-will-Meinungsfreiheit-fuer-Hassprediger-einschraenken.html" target="_blank">Meinungs&#228;u&#223;erung einzuschr&#228;nken.</a> Behaupteter Anlass sind ihm Hasspredigten von Salafisten, einer verschwindend geringen Splittergruppe unter der hiesigen Bev&#246;lkerung islamischen Glaubens. Doch die Keule gegen die Meinungsfreiheit, erst einmal ins Arsenal der staatlichen Zwangsmittel aufgenommen, l&#228;sst sich nat&#252;rlich pr&#228;chtig gegen jede widerstreitende Meinung einsetzen, womit Sch&#252;nemanns Vorschlag auf die faktische Gleichschaltung des &#246;ffentlichen Meinunsbildes hinausl&#228;uft.</p>
<p>Hintergrund derartiger Vorschl&#228;ge ist die deutliche <a href="http://www.badische-zeitung.de/kommentare-1/die-rueckkehr-der-kassenzettel--59477648.html" target="_blank">Zunahme der sozialen Proteste</a> in der westlichen Welt. Je verzweifelter die Lage vieler Menschen im Machtbereich des Kapitalismus wird, desto mehr w&#228;chst ihr Zorn auf die von anderen verschuldeten Verh&#228;ltnisse und ihre Bereitschaft, dagegen auch auf die Stra&#223;e zu gehen. Schon gibt es Anzeichen f&#252;r umst&#252;rzlerische Aktivit&#228;ten, wie sie aus der Fr&#252;hzeit des Kapitalismus bekannt sind. Und niemand sollte glauben, dass das Kapital zu einer &#228;hnlichen Friedfertigkeit bereit sein k&#246;nnte, wie sie der Sozialismus – von Ausnahmen abgesehen – an den Tag legte, als Massendemonstrationen die Funktionsf&#228;higkeit seiner Machtorgane ernsthaft in Frage stellten. Schon wird – <a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/227009.italien-fuerchtet-rueckkehr-des-terrors.html" target="_blank">wie j&#252;ngst in Italien</a> – der Einsatz von Milit&#228;r angeordnet, um 400 Objekte, darunter Firmensitze und Finanz&#228;mter, und zahlreiche hochrangige Personen, vor allem Manager, zu sch&#252;tzen. Schnell ist der Slogan vom »Terroristen« zur Hand, um solche Ma&#223;nahmen zu rechtfertigen, doch wer zu den Terroristen z&#228;hlt, ist eine Definitionsfrage des Staates. Ist Gefahr f&#252;r den Kapitalismus im Verzuge, kann letztlich jeder, der sich gegen das herrschende System auflehnt, in diese Kategorie eingeordnet und entsprechend bek&#228;mpft werden.</p>
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		<title>Kristina Schr&#246;der &#8211; Penn&#228;lerin mit Feindbild</title>
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		<pubDate>Fri, 04 May 2012 16:12:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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				<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) Mit ihrem ehrgeizigen Ziel, Lebensentw&#252;rfe moderner Frauen in christdemokratischen Konservatismus zu integrieren, konnte die j&#252;ngste Ministerin im Kabinett Merkel nur scheitern. Denn nicht Sachkompetenz, sondern Protektion und taktisches Kalk&#252;l haben sie ins Amt gef&#252;hrt.<span id="more-3907"></span></p>
<p>»Schm&#228;h den Spiegel nicht, wenn schief dein Angesicht.« Dieses Sprichwort h&#228;tte Kristina Schr&#246;der k&#252;rzlich in der Berliner Backfabrik in den Sinn kommen k&#246;nnen, als sie ihr Buch »Danke, emanzipiert sind wir selber – Abschied vom Diktat der Rollenbilder« vorstellte. Sie war extra in die Wohngegend gegangen, in der viele wie sie ein modernes, selbstbestimmtes Leben f&#252;hren – mit Beruf nach gediegener Ausbildung, mit Kindern und (meist) einer Beziehung gleichberechtigter Partnerschaft. Und hatte wohl auf breite Zustimmung gehofft. Stattdessen schlugen ihr nur unvers&#246;hnliche Kritik und bei&#223;ender Spott entgegen, aber sie hatte die Urheber schnell ausgemacht: »Das linke politische Spektrum will Menschen umerziehen.« Es seien Ideologen, die sie angriffen.</p>
<h4>Schw&#228;rmte f&#252;r Kohl wie andere f&#252;r Pferde</h4>
<p><img src="http://vg08.met.vgwort.de/na/656a60823315425eaac0b0e30c7107b1" alt="" width="1" height="1" /><br />
Tats&#228;chlich hatte sie es mit Ideologen zu tun, vor zweieinhalb Jahren schon, als Angela Merkel die damals noch ledige Bundestagsabgeordnete Kristina K&#246;hler mit dem Ministerium f&#252;r Familie, Senioren, Frauen und Jugend betraute. Da w&#252;nschten sich bekennende Unionsanh&#228;nger wenn schon eine Frau, dann wenigstens eine mit Mann und Kind. Beides hat die 34-j&#228;hrige inzwischen nachgereicht; aber dass ihre zehn Monate alte Tochter sich nur schlecht in einen Ministeralltag integrieren l&#228;sst, gef&#228;llt noch immer nicht jedem Konservativen. Doch weniger das hat Kristina Schr&#246;der zur Feder greifen lassen, sondern jener Paradigmenwechsel in der Geschlechterbeziehung, der einen Lebensentwurf wie den ihren &#252;berhaupt erst m&#246;glich machte und den sie nun mit dem Pauschalverdikt »Feminismus« diffamiert (ND berichtete).</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Familienministerin versteht sich zuerst als Konservative und hat den Ehrgeiz, diese eher zur&#252;ckblickende Weltanschauung mit dem Lebensgef&#252;hl und den Ambitionen heutiger Frauen zu vers&#246;hnen – was allerdings gerade bei ihr zu grandiosem Scheitern verurteilt sein musste. Denn die Wiesbadenerin erfuhr ihre Sozialisation in der stramm konservativen hessischen CDU. Aus kleinb&#252;rgerlichem Hause stammend, schw&#228;rmte sie f&#252;r Helmut Kohl »wie andere f&#252;r Pferde« und stand an ihrem 14. Geburtstag p&#252;nktlich in der CDU-Gesch&#228;ftsstelle, um in die Junge Union einzutreten. Dort und sp&#228;ter in der CDU machte sie rasch Karriere, war sie doch stets eine, die »sich immer zwischen Leitplanken bewegt, die andere ihr vorgeben«, wie unl&#228;ngst die S&#252;ddeutsche Zeitung einen Unionsabgeordneten zitierte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Auch als Teenager trat Kristina Schr&#246;der stets kontrolliert auf, im Kost&#252;m oder Hosenanzug, die Haare glatt gestriegelt. Auf dem Gymnasium wollte sie die Beste sein, bewarb sich um eine Nachpr&#252;fung, wenn das nicht gleich klappte. Ihr Doktorvater, der Politologe J&#252;rgen Falter, gestand, in ihr anfangs den Prototyp einer »h&#246;heren Tochter« gesehen zu haben. So kam sie schon mit 15 in den JU-Kreisvorstand Wiesbaden, mit 20 wurde sie dessen Vorsitzende. Da war sie l&#228;ngst Mitglied der CDU und ihres Bezirksvorstandes Westhessen, mit 23 Stadtverordnete und mit 25 im CDU-Landesvorstand. Im gleichen Jahr wurde sie mit einem g&#252;nstigen Listenplatz in den Bundestag gew&#228;hlt, 2009 holte sie gar das Wiesbadener Direktmandat, auf das bis dahin Heidemarie Wieczorek-Zeul von der SPD abonniert war.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Beizeiten hatte sich Schr&#246;der als Hardlinerin profiliert – so, als sie im ausl&#228;nderfeindlichen hessischen CDU-Wahlkampf 2008 die These von »wachsender Deutschenfeindlichkeit« aufstellte, die sie freilich mit belastbaren Befunden nicht untermauern konnte. Schon damals zeigte sich, dass ihre betont rechtskonservativen Ansichten oft weniger von einer gefestigten Meinung, einer fundierten Weltanschauung zeugten als von etwas Angelerntem, mit dem man in der Hessen-CDU umso leichter Karriere machen konnte, je aggressiver und starrsinniger man auftrat. Wie eine ehrgeizige Penn&#228;lerin bereitet sie sich gr&#252;ndlich auf ihre &#246;ffentlichen Auftritte vor; kann sie dann aber ihr Programm nicht abspulen, ger&#228;t sie leicht aus dem Tritt. Ihr Stammeln in einer Frontal-21-Sendung des ZDF, als sie dort eben jene »Deutschenfeindlichkeit« erkl&#228;ren sollte, wurde bei YouTube schon mehr als 50 000 mal angeklickt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>R&#252;ckw&#228;rtsgewandt auch Schr&#246;ders Sicht auf die Integration von Migranten, die auf eine totale Assimilation hinausl&#228;uft. »Manche traditionellen Wurzeln m&#252;ssen endg&#252;ltig durchtrennt werden, wenn man es ernst meint mit dem Angekommensein in Deutschland&#8230;«, schrieb sie – ganz im Sinne dessen, wie in Wiesbaden »Integrationspolitik« betrieben wird: n&#228;mlich als Unterordnung von Einwanderern unter einen konservativen Wertekodex.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Von daher ist es nicht weit zum Feindbild des islamistischen Terrorismus, der nur bei Kristina Schr&#246;der noch von jenem des Linksterrorismus &#252;bertroffen wird. Der wurde »bisher zu wenig beachtet«, konstatierte sie nur wenige Wochen vor Bekanntwerden der rechtsterroristischen Mordserie. Sie sieht Linksextremisten nicht nur in den Kreuzberger Krawallmachern vom 1. Mai, die »No-go-areas f&#252;r Demokraten« schaffen w&#252;rden, sondern vor allem in der Linkspartei, die in G&#228;nze vom Verfassungsschutz &#252;berwacht geh&#246;re, und sogar im linken Fl&#252;gel der SPD. Verd&#228;chtig sind ihr auch linke Pressorgane einschlie&#223;lich dieser Zeitung, denn sie »unterst&#252;tzen kommunistische bzw. anarchistische Weltdeutungen und diskreditieren zugleich gegenl&#228;ufige Nachrichten als ›b&#252;rgerlichen Manipulationszusammenhang‹. Zudem haben sie zumeist die Aufgabe, die Leser zu einseitigem politischen Aktivismus zu ermuntern.«</p>
<h4>Eine Konservative zum Vorzeigen</h4>
<p>Wer gegen Rechtsextreme k&#228;mpft, die Schr&#246;der f&#252;r weniger gef&#228;hrlich h&#228;lt, der muss sich nach Ma&#223;gabe ihres Ministeriums beim Antrag auf F&#246;rdermittel ausdr&#252;cklich zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung bekennen und das auch bei seinen Kooperationspartnern sicherstellen und &#252;berpr&#252;fen. Zwar distanzierte sich ein Gutachten des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages von solcher Schn&#252;ffelei: »In einem Klima des Misstrauens und der gegenseitigen Gesinnungs&#252;berpr&#252;fung d&#252;rfte sich das Erleben von demokratischer Teilhabe kaum organisieren lassen.« Und es hat dieser Tage das Verwaltungsgericht Dresden die Extremismusklausel f&#252;r »rechtswidrig« erkl&#228;rt. Schr&#246;der aber ficht das nicht an.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Gerade dies aber macht sie f&#252;r den konservativen Fl&#252;gel der Union so wertvoll, h&#228;lt sie doch auf diese Weise ein Banner hoch, hinter dem sich gern jene versammeln, die den Adenauer- und Kohl-Zeiten nachtrauern und von der durch die W&#228;hler erzwungene Teil-Modernisierung ihrer Partei wenig halten. Und hierin liegt auch das Wohlgefallen begr&#252;ndet, mit dem Angela Merkel bislang auf ihr »M&#228;dchen« schaut. Deshalb z&#246;gerte sie nicht, als ihr im November 2009 mit Franz Josef Jung ungewollt ein Minister abhanden gekommen war und die Hessen-CDU und Roland Koch auf einem heimischen Gesicht am Berliner Kabinettstisch bestanden, die forsche Newcomerin zu sich zu holen – nicht zuletzt als Vorzeige-Konservative, mit der Kritik aus der christdemokratischen Traditionalistenecke zu kontern war.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Sachkompetenz spielte bei dieser Entscheidung keine Rolle, sondern allein die Protektion der hessischen M&#228;nnergarde und taktische Erw&#228;gungen im Kanzleramt; kein Wunder, dass die Ministerin von Anfang an &#252;berfordert war. Agierte sie zun&#228;chst vor allem auf den Feldern Umgang mit dem Islam und Extremismus, die prim&#228;r Sache des Innenministers sind, fand sie bei den Themen des eigenen Ressorts zu nicht mehr als einem unklaren, sprunghaften Kurs.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>So setzte sie der beim Thema Frauenquote in gro&#223;en Unternehmen voranpreschenden Sozialministerin Ursula von der Leyen eine »Flexiquote« entgegen, die die Firmen zu verbindlichen Selbstverpflichtungen veranlassen soll, was nach allen Erfahrungen wenig bringt. Beim Betreuungsgeld hingegen trat sie mit ihrer ablehnenden Meinung ins Glied zur&#252;ck, als sie den Widerstand aus der erzkonservativen CSU-Ecke sp&#252;rte. Akzente in der Familienpolitik hat sie bisher nur marginal gesetzt, eine erkennbare Linie schon gar nicht vorgegeben. Und nun auch noch den Feminismus zum Hauptgegner erkl&#228;rt, womit sich freilich ihre Unt&#228;tigkeit in Sachen Frauenpolitik bem&#228;nteln lie&#223;.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Kristina Schr&#246;ders macht aus ihrer Abneigung gegen seri&#246;ses konzeptionelles Arbeiten kaum ein Hehl. Wissenschaftliche Studien interpretiert die promovierte Soziologin aus ihrer subjektiven Sicht. »So ist das in der Wissenschaft. Jeder zieht seine eigenen Schlussfolgerungen«, befand sie dazu nassforsch. Ihre politische Arbeit folgt eher Prinzipien, die aus einem Lehrbuch f&#252;r erfolgreiche Aufsteiger stammten k&#246;nnten. »Wann geht man offensiv ran, wann telefoniert man rum, wann h&#228;lt man besser die Klappe, wann geht man nach vorn, wann bleibt man stehen, wie sucht man sich Verb&#252;ndete, wie stellt man sich dar. Das passt nicht in Algorithmen, daf&#252;r entwickelt man ein Feeling. Man muss nat&#252;rlich eine gewisse soziale Intelligenz haben«, erkl&#228;rte sie einmal ihre Strategie.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Da verwundert es nicht, dass inhaltlich von ihr so wenig Substanzielles ausgeht. Sie handelt pragmatisch, aus der Situation heraus. Ihr einziger Anker ist die recht(s)gl&#228;ubige Gesinnung, die sie in Kochs Hessen-CDU lernte.</p>
<p><em>Gedruckt in: <a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/225894.pennaelerin-mit-feindbild.html">Neues Deutschland vom 04.05.2012</a></em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Landtagswahl an der Saar nach DDR-Muster</title>
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		<pubDate>Fri, 23 Mar 2012 16:15:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Manchmal steht ein Wahlergebnis bereits fest, ehe die Wahllokale &#252;berhaupt ge&#246;ffnet sind. Das war in der DDR allgemeine Praxis und erlebt am Sonntag im Saarland eine Wiederaufnahme. Hier wie da kannte bzw. kennt man zwar die Zahlen und Prozente nicht, aber doch den Ausgang – und der hei&#223;t an der Saar »Gro&#223;e Koalition« aus CDU [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Manchmal steht ein Wahlergebnis bereits fest, ehe die Wahllokale &#252;berhaupt ge&#246;ffnet sind. Das war in der DDR allgemeine Praxis und erlebt am Sonntag im Saarland eine Wiederaufnahme. Hier wie da kannte bzw. kennt man zwar die Zahlen und Prozente nicht, aber doch den Ausgang<span id="more-3860"></span> – und der hei&#223;t an der Saar »Gro&#223;e Koalition« aus CDU und SPD oder SPD und CDU. Nichts anderes, ganz gleich, wie die W&#228;hler entscheiden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Diese wissen das freilich bereits seit Anfang Januar, denn da beeilte sich der SPD-Spitzenmann Heiko Maas, nach dem Bruch der Jamaika-Koalition der CDU-Ministerpr&#228;sidentin Annegret Kramp-Karrenbauer zu versichern, <a href="http://www.stern.de/politik/deutschland/wahlkampf-im-saarland-heiko-oskar-und-die-voodoo-puppe-1803431.html" target="_blank"><img src="http://vg06.met.vgwort.de/na/8194361a38d841209eafe9d414f79425" alt="" width="1" height="1" />dass er nach dem 25. M&#228;rz nur mit ihr und niemandem sonst regieren werde</a>, was auch immer das Wahlergebnis sei. Maas hofft nat&#252;rlich darauf, dass seine Partei ein paar Stimmen mehr erh&#228;lt als die CDU, auch wenn die Umfragen derzeit von einem Gleichstand ausgehen. Aber auch ein Sieg der CDU w&#252;rde ihm zwar in seinem Ego, nicht aber inhaltlich Probleme bereiten, liegt doch seine Partei mit ihren Positionen fast in allen Fragen auf der Unionslinie – und damit weit entfernt von einer alternativen sozialdemokratischen Politik. Punkt f&#252;r Punkt hatte Maas sich sp&#228;testens seit dem R&#252;cktritt von Peter M&#252;ller der CDU angen&#228;hert, am sichtbarsten mit der uneingeschr&#228;nkten <a href="http://ju-nonnweiler.de/?p=536" target="_blank">Akzeptierung der sozialstaatsfeindlichen Schuldenbremse</a>, die er bis in den Herbst 2011 strikt abgelehnt und deren Aufnahme in die Landesverfassung sich die Saar-SPD folglich lange verweigert hatte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ein Alleinstellungsmerkmal in der SPD ist die zunehmende &#220;bereinstimmung mit der Union freilich nicht. Maas f&#252;gt sich damit vielmehr nahtlos in das strategische Konzept der Bundespartei ein, nach der Bundestagswahl 2013 auf jeden Fall wieder mitzuregieren was angesichts des irreparablen Ansehensverlustes der Sozialdemokraten in der W&#228;hlerschaft sowie des Endes der hochfliegenden Tr&#228;ume der Gr&#252;nen am ehesten in einer gro&#223;en Koalition mit CDU und CSU zu erreichen ist.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Solche Vorgaben aus der Berliner Parteizentrale machten es Maas auch leicht, die geforderte Unber&#252;hrbarkeitserkl&#228;rung gegen&#252;ber der Linkspartei abzugeben und sich damit uneingeschr&#228;nkt in die Ypsilanti-Falle zu begeben. Bekanntlich hatte die hessische SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti 2008 angesichts eines Patts nach den Landtagswahlen erwogen, sich entgegen vorheriger Versicherungen mit Stimmen der Linkspartei zu Ministerpr&#228;sidentin w&#228;hlen zu lassen und war daraufhin <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/11/03/ypsilanti-scheitert-am-spd-rechtskurs/" target="_blank">von ihrer eigenen Partei demontiert worden</a>. Maas hat bereits ausgeschlossen, sich von der Linken, der in Umfragen um die 15 Prozent der W&#228;hlerstimmen vorausgesagt werden, zum Ministerpr&#228;sidenten w&#228;hlen zu lassen. Eher geht er als Juniorpartner in eine CDU-gef&#252;hrte Regierung – wie es eben f&#252;r 2013 auch die Bundes-SPD plant. Er ist nicht der Mann, sich gegen das Parteiestablishment zu stellen – wie es 2010 noch Hannelore Kraft in Nordrhein-Westfalen getan hatte, indem sie mit den Gr&#252;nen eine Minderheitsregierung bildete, die sich nicht zuletzt wegen der partiellen Unterst&#252;tzung durch die Linken immerhin fast zwei Jahre halten konnte und ihr die M&#246;glichkeit gab, an Rhein und Ruhr wieder etwas Vertrauen f&#252;r ihre Partei aufzubauen.</p>
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		<title>Der gew&#246;hnliche Rechtsterrorismus und seine Opfer – zum Beispiel Noël Martin</title>
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		<pubDate>Wed, 30 Nov 2011 17:24:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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				<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) Der Rechtsterrorismus sei ein neues Ph&#228;nomen, sagt Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und beweist damit nur, dass er noch immer auf dem rechten Auge blind ist. Denn Rechtsterrorismus gibt es in Deutschland seit mindestens 20 Jahren; das belegt schon die hohe Zahl seiner Opfer, die sich nach seri&#246;sen Erhebungen der Zahl 200 n&#228;hert. Es dokumentieren aber auch die fast w&#246;chentlichen martialischen Aufm&#228;rsche rechtsextremistischer Organisationen, Verb&#228;nde, »Kameradschaften« und einer legalen Neonazi-Partei<span id="more-3454"></span>, die ihre Existenz haupts&#228;chlich dem Zufluss staatlicher Mittel verdankt. Es beweisen die so genannten national befreiten Zonen in vielen Landesteilen und der Psychoterror gegen jene, die sich dem braunen Spuk mutig entgegenstellen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>All diese Vorg&#228;nge, die zwar (noch?) nicht im Umfang, wohl aber in der Art be&#228;ngstigend an vergleichbare Entwicklungen in den fr&#252;hen 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts in Deutschland erinnern, waren und sind allgemein bekannt. Es wurde dar&#252;ber gesprochen und geschrieben – und zugleich verharmlost und bagatellisiert. Die Opfer fanden nur selten Geh&#246;r – nicht bei der Politik, kaum in den Medien, auch nicht bei der Justiz und schon gar nicht in der Polizei und in Geheimdiensten. Dabei haben gerade sie klare und relevante Signale ausgesandt, die jedoch in aller Regel ignoriert wurden. An einige dieser Opfer, die die &#214;ffentlichkeit trotz aller Gefahren nicht scheuten, und jene wenigen, die sich solidarisch an ihre Seite stellten und sich damit Anfeindungen aussetzten, soll noch einmal erinnert werden.</p>
<p>Wie viele andere F&#228;lle, so ist auch der des geb&#252;rtigen Jamaikaners Noël Martin, der nach einem rechtsterroristischen Angriff im brandenburgischen Mahlow zum Kr&#252;ppel wurde, ein Beispiel nicht nur f&#252;r die Brutalit&#228;t der rassistischen T&#228;ter, sondern mehr noch f&#252;r die R&#252;ckendeckung, die sie vom »einfachen B&#252;rger« aus Gleichg&#252;ltigkeit, eigener Angst, Verdr&#228;ngungsabsicht oder gar klammheimlicher Zustimmung erhalten.</p>
<h2>St&#246;rfall im Rollstuhl</h2>
<p><img src="http://vg09.met.vgwort.de/na/2b9498eced894362a3e4b485c2f468af" alt="" width="1" height="1" /></p>
<h4>Mit der R&#252;ckkehr des querschnittgel&#228;hmten Noël Martin stellt sich f&#252;r viele in Mahlow pl&#246;tzlich erneut die Frage, wie sie mit ihrem l&#228;ngst verdr&#228;ngten schlechten Gewissen umgehen sollen</h4>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/11/30/der-gewohnliche-rechtsterrorismus-und-seine-opfer-zum-beispiel-noel-martin/noel-martinkleiner/" rel="attachment wp-att-3460"><img class="alignright size-full wp-image-3460" title="Noel Martin,kleiner" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/11/Noel-Martinkleiner.jpg" alt="" width="336" height="204" /></a>Keiner in Mahlow sagt es direkt, aber viele denken es: Endlich war ein wenig Gras um den Stumpf jener Platane am Glasower Damm ge- wachsen, an der vor f&#252;nf Jahren Noël Martins alter Jaguar zerschellte und sich der geb&#252;rtige Jamaikaner mit britischem Pass die Halswirbels&#228;ule brach, da rei&#223;t er die alten Wunden wieder auf. Kehrt zur&#252;ck, im Rollstuhl, will »den Leuten, die mir das angetan haben, ins Gesicht schauen«. Heute findet in der Kleinstadt am S&#252;drand Berlins ein Sternmarsch statt, der an den rassistischen &#220;berfall im Juni 1996 erinnern soll – und das Opfer Noël Martin ist dabei. Mahlows stellvertretender B&#252;rgermeister Manfred Claus ist fassungslos: »Ich habe nie damit gerechnet, dass jemand, der da so gekennzeichnet, so« – er sucht nach dem richtigen Wort – »so gequ&#228;lt worden ist, nach f&#252;nf Jahren dahin unbedingt zur&#252;ck will.« Aber wenn er denn wolle, wenn er das Gespr&#228;ch mit der Jugend f&#252;hre, sei das nat&#252;rlich eine positive Sache.</p>
<p>Vor f&#252;nf Jahren hatte der damals 36-J&#228;hrige keine Chance zum Gespr&#228;ch. Noël Martin war am 16. Juni 1996 mit zwei Freunden, dunkelh&#228;utig wie er, drauf und dran, Mahlow, wo er zwei Jahre lang Fassaden versch&#246;nert hatte, zu verlassen, weil in Sachsen ein neuer Job winkte. Er rief seine Freundin Jacqueline in Birmingham an, um ihr den Ortswechsel mitzuteilen – von einer Telefonzelle am S-Bahnhof. Er beeilte sich, denn schon bei ihrer Ankunft hatten junge Burschen »Nigger, Nigger« gerufen und den Stinke~ finger gezeigt. Als sie abfuhren, folgte ihnen ein Golf, fuhr fast bis zur Sto&#223;stange auf, &#252;berholte schlie&#223;lich mit 150 Sachen. Ein Fenster am Golf war offen, von dort krachte ein Stein durch die Scheibe. Noël erschrak, verlor die Gewalt &#252;ber sein Auto, das sich &#252;berschlug und gegen einen Baum geschleudert wurde. Seitdem ist er vom Hals an abw&#228;rts gel&#228;hmt, kann mit M&#252;he nur einige Finger bewegen. Er ist lebenslang an den Rollstuhl gefesselt.</p>
<p>F&#252;r die Potsdamer Polizei war sofort alles klar. »Drei britische Staatsangeh&#246;rige &#8230; sind von unbekannten Deutschen beleidigt und bel&#228;stigt worden. Nachdem die unbekannten T&#228;ter &#8230; mit ihrem Pkw weggefahren waren, folgten die Beleidigten ihnen in ihrem Pkw Jaguar &#8230; In H&#246;he des Glasower Damms wurde die Frontscheibe des Pkw Jaguar von einem Feldstein (20 x 15 x 5 cm) getroffen, den ein Insasse aus dem vorausfahrenden VW geworfen hatte &#8230;«, hie&#223; es in deren Bericht – man k&#246;nnte meinen, fast eine Art Notwehr. Die eigentlichen Ermittlungen begannen erst, als nach fast f&#252;nf Wochen die Berliner »Tageszeitung« – ihre Autorin Barbara Bollwahn erhielt daf&#252;r sp&#228;ter den »W&#228;chterpreis der Tagespresse« – die wirklichen Zusammenh&#228;nge aufdeckte. Jetzt wurden die T&#228;ter pl&#246;tzlich unter der ortsbekannten Bahnhofsclique gewaltbereiter Jugendlicher gefunden, die vor allem durch ihre Ausl&#228;nderfeindlichkeit vielen Mahlowern seit langem auffielen – ohne dass freilich ihre Eltern, Kollegen, Lehrer dagegen einschritten. Ebenso wenig wie die Beh&#246;rden. Denen glaubten die Mahlower gern die entlastende Version und wurden erst zornig, als die Medien den Ort zur Bastion von Rechtsradikalen erkl&#228;rten.</p>
<p>Seitdem k&#228;mpft Mahlow um seine Rehabilitierung – vor allem mit dem Mittel der Beschwichtigung. F&#252;r viele hier stellt bis heute nicht die Tat von Mario Poetter und Sandro Ristau, die das Landgericht Potsdam ein halbes Jahr sp&#228;ter zu f&#252;nf bzw. acht Jahren Haft verurteilte, den »St&#246;rfall« dar, sondern die laute Anklage Noël Martins. B&#252;rgermeister Werner la Haine bestritt vom ersten Tag an jeden ausl&#228;nderfeindlichen Hintergrund. Als Zeuge im Prozess wollte er Arbeitslosigkeit und Lehrstellenmangel f&#252;r die Tat verantwortlich machen, und dass viele Ausl&#228;nder in der Gemeinde arbeiteten.</p>
<p style="text-align: center;">*</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Mahlow geh&#246;rt zu dem, was man den Berliner Speckg&#252;rtel nennt. Hier sind die H&#228;user zumeist frisch verputzt. Die Bahnhofsstra&#223;e, an deren Ausgang jetzt die Linden bl&#252;hen, geht bald in Alleen &#252;ber, in denen sich Villen aneinander reihen. Auf der Trebbiner Stra&#223;e entstand eine Mini-Shopping-Meile. Viele, die hier wohnen, verdienen in der Hauptstadt gutes Geld. Von den etwa 20000 Einwohnern der Amtsgemeinde Blankenfelde/Mahlow waren Ende 2000 insgesamt 962 arbeitslos, davon 100 Jugendliche unter 25 Jahren. In Mahlow selbst, dessen Einwohnerzahl sich seit der Wende auf etwa 8500 fast verdoppelte, leben gerade 200 Ausl&#228;nder – 2,3 Prozent. In den Berliner Bezirken Kreuzberg und Wedding sind es hingegen mehr als 30 Prozent</p>
<p>Eine Hochburg der Rechten ist Mahlow nicht. Deren Parteien treten auf kommunaler Ebene gar nicht erst an, bekommen bei Landtags- und Bundestagswahlen nur Stimmen, die an zwei H&#228;nden abzuz&#228;hlen sind. Und dennoch macht der Ort immer wieder Schlagzeilen durch Gewalttaten gegen Ausl&#228;nder, wobei sich viele B&#252;rger weniger &#252;ber die Gewalt als &#252;ber die Schlagzeilen erregen. F&#252;r den B&#252;rgermeister haben vor allem die Medien den Ruf Mahlows ruiniert – eine Meinung, die allerdings nicht jeder im Ort teilt. »Falsch ist das Bild der Schlagzeilen nicht«, sagt Knut Bukowiecki, der f&#252;r die PDS im Gemeinderat sitzt und gleichzeitig ehrenamtlicher Kreisvorsitzender der Partei in Teltow-Fl&#228;ming ist. Manche wollten die Augen davor verschlie&#223;en, dass es in Mahlow eine mehr oder weniger starke rechtsradikale Gruppe gibt. Das gebe es zwar auch anderswo in Brandenburg, was die Sache aber nicht besser mache. »Dagegen hilft nur der klare Widerstand aller, die anders denken.«</p>
<p>Doch schon im Gemeinderat, in dem Bukowieckis Partei zusammen mit den »Parteilosen Mahlows«, zu der auch der B&#252;rgermeister geh&#246;rt, eine Z&#228;hlgemeinschaft bildet, denken nicht alle so wie er – nicht einmal in der eigenen Fraktion. Als Noël Martin vor einem Jahr erstmals den Wunsch &#228;u&#223;erte, noch einmal nach Mahlow zu kommen, zog man dort den Kopf ein. Die Einladung an den Briten sprach schlie&#223;lich das Potsdamer »Aktionsb&#252;ndnis gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit« aus – und notgedrungen schloss sich die Gemeinde an. »Aus eigenem Antrieb h&#228;tten wir das nie gemacht«, so Bukowiecki freim&#252;tig. Und aus eigenem Antrieb konnte sich die Gemeinde auch nicht zur Anmeldung der Demonstration entschlie&#223;en – waren doch damit Kosten f&#252;r Absperrma&#223;nahmen, Toilettenanlagen und die Stra&#223;enreinigung verbunden. »F&#252;r Kinderg&#228;rten ist kein Geld da, aber f&#252;r eine Demo schmei&#223;t ihr es raus«, bekam mancher Gemeindevertreter zu h&#246;ren. Erst nach langen Debatten stimmte der Gemeinderat f&#252;r die Bereitstellung von 15000 Mark und einen siebenzeiligen Aufruf, anl&#228;sslich des »bedauerlichen Unfalls Noël Martins im Ergebnis eines rassistischen &#220;berfalls« an der Demonstration teilzunehmen.</p>
<p>Mancher fragt bang, wie gro&#223; die Resonanz der Mahlower auf Noël Martins Besuch heute sein wird. Vorsichtshalber hat die mit der Abschlusskundgebung beauftragte »Event-Agentur« einen Standort gew&#228;hlt, der zwar 5000 Teilnehmern Platz bietet, aber: »Wenn nur 1000 Besucher kommen, sieht es auch nicht peinlich aus.« Denn nicht wenige Einheimische sehen im Opfer des &#220;berfalls noch immer den eigentlich Schuldigen. Hatte er provoziert? Vielleicht tats&#228;chlich »unsere Jungs« verfolgt? Hatte er getrunken? War er angeschnallt? Zwar hat das Gericht alle diese Fragen durch aufw&#228;ndige Gutachten gekl&#228;rt, aber selbst der stellvertretende B&#252;rgermeister Manfred Claus, zugleich Vorsitzender der PDS-Fraktion, verweist darauf, dass es &#252;ber den Unfall nach wie vor unterschiedliche Auffassungen und widerspr&#252;chliche Informationen gibt.</p>
<p>Zu jenem »h&#246;rbaren Aufschrei der Emp&#246;rung &#252;ber die ausl&#228;nderfeindliche Tat«, den sich der Vorsitzende des Potsdamer Landgerichts in seiner Urteilsbegr&#252;ndung w&#252;nschte, ist es zumindest bei den »Zust&#228;ndigen« in der Gemeinde Mahlow bis heute nicht gekommen. Und viele k&#246;nnen sich bequem dahinter verstecken und damit in ihrer diffusen Fremdenfeindlichkeit verharren, was sie – ob gewollt oder ungewollt – noch immer zu klammheimlichen Komplizen von Mario Poetter und Sandro Ristau macht. An der Aktion »Gesicht zeigen«, bei der man sich in der »M&#228;rkischen Allgemeinen« mit Foto, Name und Wohnort f&#252;r ein gewaltfreies und tolerantes Miteinander mit Fremden erkl&#228;ren konnte, beteiligten sich in Mahlow zwischen 80 und 90 B&#252;rger – was mancher schon als Erfolg wertet. Zwar h&#228;tten mehr das Anliegen als solches begr&#252;&#223;t, aber damit denn doch nicht in die &#214;ffentlichkeit gehen wollen, berichtet Heinz-J&#252;rgen Ostermann, der im Ort f&#252;r die Aktion warb. Man habe schlechte Erfahrungen mit der Presse, m&#252;sse als Gesch&#228;ftsinhaber jeden Kunden bedienen, hie&#223; es. Auch kenne man solche »Stellungnahmen« aus DDR-Zeiten. »Es fehlte wohl das letzte Qu&#228;ntchen Zivilcourage«, so Ostermann, der auch zu h&#246;ren bekam, man habe keine Zeit f&#252;r Spielereien und im &#220;brigen »die Schnauze voll von dem Thema«.</p>
<p style="text-align: center;">*</p>
<p>Ostermann geh&#246;rt zu jenen gut zwei Dutzend Einwohnern, die sich ziemlich spontan zur Arbeitsgemeinschaft »Tolerantes Mahlow« zusammenfanden – auch um, wie ihr Sprecher Uwe Sch&#252;ler ziemlich unverbl&#252;mt sagt, »den Gemeinderat unter Zugzwang zu setzen«. Sie sind &#252;berwiegend aus dem fr&#252;heren Westberlin zugezogen und leiden zweifach unter der »Fremdenfeindlichkeit« manches Alteingesessenen. Zum einen sind auch sie »Fremde«, die in die lange weitgehend geschlossene Dorfgemeinschaft dicht am fr&#252;heren Grenzgebiet »eindrangen«, teils mit Alteigent&#252;merrechten , teils mit solidem finanziellem R&#252;ckhalt. Zum anderen haben diese »Neub&#252;rger« auf Grund der eigenen Sozialisation wenig Verst&#228;ndnis f&#252;r die Distanz vieler Einheimischer gegen&#252;ber Ausl&#228;ndern.</p>
<p>Die Augenoptikerin Martina Dettke ist aus Berlin-Kreuzberg gekommen und traf anfangs statt auf warmherzige Menschen auf einen »kalten Block«, wie sie formuliert. Der schmelze nur langsam, und es sei heute f&#252;r sie schon ein Kompliment, wenn einer ihr bescheinige, er h&#228;tte gar nicht gemerkt, dass sie aus dem Westen komme. Ausl&#228;nder h&#228;tten es noch schwerer, weil der Umgang mit ihnen nicht ge&#252;bt sei. Die Gruppe »Tolerantes Mahlow« wolle zu einem besseren Zusammenleben beitragen, denn nur wenn sich alle im Ort wohl f&#252;hlten, k&#228;men gute Leute her, Investoren – und die brauche Mahlow. Daf&#252;r sei die Demo mit Noël Martin ebenso gut wie das Sportfest zu Pfingsten. Auch Horst Leyer, Personalreferent bei einer gro&#223;en Firma, hofft vor allem auf die positive Au&#223;enwirkung des Martin-Besuchs. »Wir wollen, dass die &#214;ffentlichkeit sieht, es passiert etwas Positives.« Schwieriger scheint ihm die Einflussnahme auf Jugendliche mit rechtsradikaler Tendenz: »Ob wir da etwas machen k&#246;nnen, wage ich zu bezweifeln«, sagt er und l&#228;sst das weitere Wirken der nur lose gekn&#252;pften Arbeitsgruppe im Ungewissen: »Wo die Reise hingeht, wird die Kreativit&#228;t der Gruppe entscheiden.«</p>
<p>Es ist diese Unentschiedenheit, verbunden mit demonstrativem moralischem Anspruch und dr&#228;ngender Ungeduld, was das einheimische Establishment oft auf Distanz zum »Toleranten Mahlow« gehen l&#228;sst. Da werden Eigenm&#228;chtigkeiten ger&#252;gt und seine Vertreter auch schon mal als »Spinner« bezeichnet. Schlie&#223;lich habe die Gemeinde ja einiges geleistet, wie Manfred Claus aufz&#228;hlt: Ein Vereinshaus wurde geschaffen, zwei Turnhallen gebaut, zwei Sportvereine mit 1000 Mitgliedern gef&#246;rdert, dazu ein Radsportverein, ein Judobereich. Der B&#252;rgermeister spreche regelm&#228;&#223;ig mit der »Bahnhofsclique«. Ein Ausl&#228;nderbeauftragter wurde gew&#228;hlt – der in seiner zw&#246;lfk&#246;pfigen Familie zugezogene t&#252;rkischst&#228;mmige Jurastudent Mehmet Oezbek.</p>
<p>Gerade er aber hat in den letzten zweieinhalb Jahren Mahlow in allen seinen Facetten kennen gelernt. Er wurde gejagt, bedroht, beleidigt, die Geschwister verpr&#252;gelt, und alle Beschwerden halfen nichts. Erst als sie an eine Zeitung schrieben und die den Fall aufgriff, fanden sie Gespr&#228;chspartner in der Gemeinde. Seitdem ist es besser geworden, und Mehmet wurde gar Ausl&#228;nderbeauftragter. Doch dass er in dieser Funktion etwas bewegen wollte, irritierte einige im Gemeinderat schon wieder. Lange wurde ihm eine Aufstellung der in Mahlow lebenden Ausl&#228;nder unter Hinweis auf den Datenschutz verweigert. Inzwischen aber haben sie in ihm einen Kontaktpartner, der nicht nur zuh&#246;rt, sondern etwas zu &#228;ndern versucht.</p>
<p>Man kann nicht sagen, in Mahlow habe sich in den letzten f&#252;nf Jahren gar nichts getan. Zumindest hat sich so etwas wie ein labiler Status quo herausgebildet, der darauf fu&#223;t, die Tr&#228;ger fremdenfeindlichen Denkens nicht zu provozieren und dadurch von Gewaltt&#228;tigkeiten abzuhalten. So hatte die Erw&#228;gung, vielleicht die Grundschule gegen&#252;ber der Unfallstelle nach Noël Martin zu benennen, nie eine Chance. Nicht einmal eine Gedenktafel wollte man dort anbringen; dazu sei die Stelle zu schwer kontrollierbar, vielleicht am versteckten Gemeindehaus der evangelischen Kirche. Von sich aus buddelten die Leute vom »Toleranten Mahlow« am Glasower Damm gestern noch schnell eine Skulptur ein, damit Noël Martin nicht auf eine kahle Stelle schauen muss. Eskalation bef&#252;rchtet B&#252;rgermeister la Haine auch von einem Zusammentreffen der »Bahnhofsclique« mit dem Ausl&#228;nderbeauftragten, das Mehmet Oezbek seit langem vorschl&#228;gt. Und mancher wohl auch beim heutigen Besuch Noël Martins. »Man wei&#223; ja gar nicht, was da passiert«, artikuliert Claus seine Sorgen., »ob ich nach dem 16. Juni noch genau so dreinblicke, wie ich heute dreinblicke.«</p>
<p>Noël Martin wird auch heute in Mahlow ein Fremdk&#246;rper sein – zwar geduldet, vielen aber nicht willkommen. Macht er ihnen doch weiter ein schlechtes Gewissen, weil sie selbst mit sich nicht im Reinen sind.</p>
<address> (Ver&#246;ffentlicht in »Neues Deutschland« vom 16.06.2001)</address>
<p> Sechs Jahre sp&#228;ter kehrte Noël Martin noch einmal nach Brandenburg, nach Deutschland zur&#252;ck. Da wurde hier &#8211; vom Landes-Ministerpr&#228;sidenten &#8211; <a href="http://www.blogsgesang.de/2007/06/16/noel-martin-ein-leben-im-gewoehnlichen-rassismus/" target="_blank">sein Buch »Nenn es: mein Leben«</a> vorgestellt, in dem er sein Schicksal schildert. Ein Schicksal, das mit kindlichen Angsttr&#228;umen vor wei&#223;en »&#220;bermenschen« beginnt und auf einer Mahlower Landstra&#223;e beinahe endet. Ein Schicksal also, das Nichtwei&#223;en vielerorts bekannt ist, das f&#252;r sie nahezu »gew&#246;hnlich« wurde &#8211; so gew&#246;hnlich, dass der kleine Schritt von da zum Verbrechen  oft kaum noch wahrgenommen wird.</p>
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		<title>Der gew&#246;hnliche Rechtsterrorismus und seine Opfer – zum Beispiel Ravindra Gujjula</title>
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		<pubDate>Tue, 29 Nov 2011 17:36:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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				<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) Der Rechtsterrorismus sei ein neues Ph&#228;nomen, sagt Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und beweist damit nur, dass er noch immer auf dem rechten Auge blind ist. Denn Rechtsterrorismus gibt es in Deutschland seit mindestens 20 Jahren; das belegt schon die hohe Zahl seiner Opfer, die sich nach seri&#246;sen Erhebungen der Zahl 200 n&#228;hert. Es dokumentieren aber auch die fast w&#246;chentlichen martialischen Aufm&#228;rsche rechtsextremistischer Organisationen, Verb&#228;nde, »Kameradschaften« und einer legalen Neonazi-Partei<span id="more-3435"></span>, die ihre Existenz haupts&#228;chlich dem Zufluss staatlicher Mittel verdankt. Es beweisen die so genannten national befreiten Zonen in vielen Landesteilen und der Psychoterror gegen jene, die sich dem braunen Spuk mutig entgegenstellen.</p>
<p>All diese Vorg&#228;nge, die zwar (noch?) nicht im Umfang, wohl aber in der Art be&#228;ngstigend an vergleichbare Entwicklungen in den fr&#252;hen 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts in Deutschland erinnern, waren und sind allgemein bekannt. Es wurde dar&#252;ber gesprochen und geschrieben – und zugleich verharmlost und bagatellisiert. Die Opfer fanden nur selten Geh&#246;r – nicht bei der Politik, kaum in den Medien, auch nicht bei der Justiz und schon gar nicht in der Polizei und in Geheimdiensten. Dabei haben gerade sie klare und relevante Signale ausgesandt, die jedoch in aller Regel ignoriert wurden. An einige dieser Opfer, die die &#214;ffentlichkeit trotz aller Gefahren nicht scheuten, und jene wenigen, die sich solidarisch an ihre Seite stellten und sich damit Anfeindungen aussetzten, soll noch einmal erinnert werden.</p>
<p>Ravindra Gujjula ein Opfer rechter Gewalt zu nennen, mag befremden; schlie&#223;lich war er von 1994 bis 2003 B&#252;rgermeister des Brandeburger St&#228;dtchens Altlandsberg und sp&#228;ter zwei Jahre lang Abgeordneter im dortigen Landtag. Doch vor Ausgrenzung und rassistischen Angriffen sch&#252;tzte auch das nicht.</p>
<h4>Ravindra Gujjula wurde in Indien geboren und im brandenburgischen Altlandsberg B&#252;rgermeister &#8211; und wei&#223; gerade deshalb, da&#223; Ausl&#228;nder in Deutschland noch lange nicht dazu geh&#246;ren</h4>
<p><img src="http://vg06.met.vgwort.de/na/7c6f2144e7a149b192eb63ed77fbd812" alt="" width="1" height="1" /></p>
<h2></h2>
<h2>Der Pa&#223;, das Amt &#8211; und doch kein Morgenland</h2>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/11/29/der-gewohnliche-rechtsterrorismus-und-seine-opfer-zum-beispiel-ravindra-gujjula/gujjulaklein/" rel="attachment wp-att-3440"><img class="alignright size-medium wp-image-3440" title="Gujjula,klein" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/11/Gujjulaklein-300x228.jpg" alt="" width="300" height="228" /></a>Altlandsberg ist eine kleine Weltsen­sation. Aus 25 L&#228;ndern waren be­reits Journalisten und Kamera­teams in dem Flecken nord&#246;stlich Berlins, berichtet der B&#252;rgermeister. Sie kamen aus Frankreich und Italien, aus Indien und der T&#252;rkei, sogar aus El Salvador und Hongkong, auch BBC aus England und CNN aus den USA. Stolz ist Ravindra Gujjula auf solch internationale Anteilnahme an seiner brandenburgischen Kleinstadt, und er hat ein Recht dazu. Denn Altlands­berg verdankt seine Ber&#252;hmtheit vor al­lem ihm.<br />
Der Sohn eines indischen Gewerk­schaftsfunktion&#228;rs ist dort seit 1994 B&#252;r­germeister &#8211; in einer Kleinstadt ausge­rechnet jenes Bundeslandes, das fast Wo­che f&#252;r Woche Schlagzeilen damit macht, da&#223; irgendwo Ausl&#228;nder gejagt wurden, Skinheads Fremde zusammenschlugen, rechte Gewalt eskalierte. Gerade dort wird ein Dunkelh&#228;utiger und Akzentsprechen­der zum Stadtoberhaupt. Selbst die »New York Times« wundert sich: »Deutschland hat viele Gesichter.«<br />
Gujjula k&#246;nnte erg&#228;nzen: Wie Altlands­berg! Denn nat&#252;rlich prangten auch hier schon Hakenkreuze auf der mittelalterli­chen Stadtmauer. »Glatzen« tauchen hin und wieder im kleinst&#228;dtischen Bild auf, am »F&#252;hrergeburtstag« sammeln sie sich zu einer Fete und bedrohen jene, die ih­rem Bild vom »guten Deutschen« nicht entsprechen. Und erst vor einigen Wochen erhielt eine Gruppe Roma in ihrer Wohn­wagensiedlung auf einer Wiese vor den Toren Altlandsbergs unerw&#252;nschten Be­such. Eine Kolonne Autos und Motorr&#228;der brauste durchs Lager, umkreiste die 40 Wagen, einige wollen »Ausl&#228;nder raus!« geh&#246;rt haben. Da titelte die regionale Presse: »Roma versp&#252;ren tagt&#228;glich Aus­grenzung« &#8211; eine ungewohnte Schlagzeile f&#252;r Gujjula und sein Altlandsberg.<br />
In solchen Momenten f&#252;hlt sich der kleine B&#252;rgermeister mit dem Schnauz­bart etwas hilflos. »Wir leben hier nicht auf einer Insel der Seligen«, sagt er dann fast ein wenig schuldbewu&#223;t. Und er be­richtet von anonymen Anrufen, b&#246;sen Briefen, die er an bestimmten symboli­schen Tagen oder nach einem Fernseh­auftritt &#8211; neben viel Zuspruch &#8211; erh&#228;lt. Einmal trat ihm auch einer in den Weg: »Du hast &#252;ber Deutschland Schande ge­bracht!« Zwar glaubt er nicht, da&#223; es Altlandsberger sind, die ihn da beschimpfen, denn 1994 w&#228;hlten ihn immerhin 66 Pro­zent und vier Jahre sp&#228;ter gar 81 Prozent ins B&#252;rgermeisteramt, aber er wei&#223; auch, da&#223; bei der Bundestagswahl vorigen Herbst rechte Parteien im Ort zusammen auf &#252;ber f&#252;nf Prozent kamen und j&#252;ngst bei der Europawahl die Republikaner 2,2 und die NPD 1,2 Prozent erreichten.</p>
<p style="text-align: center;">*</p>
<p>Rene Koht, erster Altlandsberger B&#252;rger­meister nach der Wende, jetzt CDU-Frak­tionsvorsitzender in der Stadtverordne­tenversammlung und zweimal klar un­terlegener Konkurrent Gujjulas bei der B&#252;rgermeisterwahl, orakelt gar: »Hof­fentlich gibt es nicht eines Tages ein b&#246;ses Erwachen, wie in Guben.« Denn viele ou­teten sich nicht als Rechte, allenfalls nach einem tiefen Blick ins Bierglas. Immerhin h&#228;tten bei ihm einige Leute, »die ich mir &#252;berhaupt nicht als Sympathisanten der CDU vorstellen konnte«, angerufen, um bei der Kampagne gegen eine doppelte Staatsb&#252;rgerschaft zu unterschreiben. »&#214;ffentlich praktiziert« habe die CDU die Unterschriftensammlung in Altlandsberg nicht, denn: »Man nimmt R&#252;cksicht auf den B&#252;rgermeister.« Es klingt besorgt, wenn Koht Verdr&#228;ngung beklagt: »Die Deutschen haben ein Problem mit ihrer Geschichte.« Und zur Erkl&#228;rung von der »Bubis-Keule« spricht, deretwegen be­stimmte Dinge nicht offen angesprochen werden. Es schwingt aber auch Bedauern mit, denn letztlich profitiere Gujjula da­von; »mit einem Deutschen« w&#252;rde man sich zum Beispiel im Wahlkampf sch&#228;rfer auseinandersetzen.</p>
<p>Deutscher ist Gujjula seit 1993, in Alt­landsberg lebt er jedoch schon seit 1982. Der heute 45j&#228;hrige kam 1973 in die DDR, um Medizin zu studieren. Nach seiner Ausbildung an der Charite arbeitete er in der Inneren Abteilung des Kreiskranken­hauses in Altlandsberg, wurde Facharzt. Er schrieb an den damaligen DDR-Ge­sundheitsminister, um ihn &#252;ber &#252;ber un­haltbare Zust&#228;nde in der Klinik zu infor­mieren. Mecklinger kam tats&#228;chlich, doch es &#228;nderte sich nichts. Dann wollte der junge Arzt auf der Liste des FDGB bei den Kommunalwahlen 1989 kandidieren, aber da es au&#223;er ihm in Altlandsberg keine Ausl&#228;nder gab, hielt der Kreiswahl­leiter das f&#252;r verfehlt. Jetzt schrieb Gujjula an Honecker und Krenz &#8211; und wurde kurz darauf entlassen. Erst in den letzten Tagen der DDR, als die Fluchtwelle gen Westen die &#196;rzteschaft stark dezimiert hatte, wurde er wieder eingestellt.</p>
<p>All das trug zur Glaubw&#252;rdigkeit des B&#252;rgers Dr. Gujjula im kleinen Altlands­berg bei, der sich hier nach der Wende als frei praktizierender Arzt niederlie&#223;. Ihm half wohl auch, da&#223; er trotz seiner Erfah­rungen vor 1989 nicht in eine Opfer-Atti­t&#252;de verfiel. »Die Erinnerung an die DDR m&#246;chte ich nicht missen«, sagt er noch heute. Was er damals gut fand, mache er nicht nachtr&#228;glich schlecht. Und damalige Fremdenfeindlichkeit? Er blickt ver­st&#228;ndnislos: »Die gab es mit Sicherheit nicht!« Noch 1990, bei der Wiederholung der annulierten Kommunalwahlen des Vorjahres, profitierte er vom DDR-Recht und wurde als Ausl&#228;nder ganz selbstver­st&#228;ndlich ins Altlandsberger Stadtparla­ment gew&#228;hlt. Vier Jahre sp&#228;ter lie&#223; es das inzwischen aus dem Westen &#252;ber­kommene Wahlrecht nicht mehr zu, dass er f&#252;r das B&#252;rgermeisteramt kandidierte. Er mu&#223;te die indische Staatsb&#252;rgerschaft ablegen, um die deutsche zu bekommen -einer der Gr&#252;nde, warum er sich so sehr f&#252;r ein neues Staatsb&#252;rgerschaftsrecht engagiert.</p>
<p>Im Fr&#252;hjahr 1998, also lange bevor es parlamentarische Mehrheiten f&#252;r neue gesetzliche Regelungen dazu gab, setzte er sich mit einigen Gleichgesinnten zusam­men und gr&#252;ndete die »Altlandsberger Initiative«, die f&#252;r die Erleichterung der Einb&#252;rgerung von Ausl&#228;ndern warb und zugleich die B&#252;rger Brandenburgs zu mehr Engagement gegen Fremdenhass und Gewalt aufforderte. Viele Prominente unterzeichneten damals das Papier: Mini­sterpr&#228;sident Manfred Stolpe, die Minister Hildebrandt, Reiche, Peter, auch Bisky und Kutzmutz von der PDS. Nun gibt es ein neues Gesetz, aber Gujjula ist nicht zufrieden. »Es ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung, aber nicht ausrei­chend«, sagt er und bedauert, da&#223; die SPD, der er 1998 beitrat, nicht mehr getan hat, um die B&#252;rger f&#252;r das Projekt zu ge­winnen. »Solange man nicht die Mehrheit der B&#252;rger hat, erreicht man nichts.«</p>
<p style="text-align: center;">*</p>
<p>Also muss er diese Mehrheit immer wieder gewinnen, auch in Altlandsberg mit sei­nen viereinhalbtausend Einwohnern. Die h&#228;tten gern einen privaten Wachdienst zu ihrer Sicherheit, doch Gujjula hat lieber den Bau einer gro&#223;en Mehrzweckhalle durchgesetzt; sie soll den zahlreichen Sportgruppen eine Trainingsm&#246;glichkeit bieten. Manche sagen, damit seien die j&#228;hrlich sechsstelligen Unterhaltungsko­sten nicht hereinzuholen. Zwar mu&#223; auch Rene Koth einr&#228;umen, da&#223; der B&#252;rger­meister das Geld f&#252;r den Bau zusammen­gebracht hat, aber: »Solch ein Projekt ist keine Pflichtaufgabe der Gemeinde. Es gibt kein Betriebskonzept. Keiner wei&#223;, wie es k&#252;nftig zu bezahlen ist.« Der Grafi­ker Johannes Niedlich, als Einzelkandidat in das Stadtparlament gew&#228;hlt, spricht gar von »Populismus«, nachdem er sich zuvor noch &#252;ber herumlungernde Ju­gendliche im Ort beklagt hatte. Gerade die aber k&#228;men von der Stra&#223;e, verteidigt Helmut Friske den Bau. Der pensonierte Pfarrer sieht darin eine Investition f&#252;r die Jugend: »Sie wird besch&#228;ftigt, kommt im Sport, beim Tanzen mit Ausl&#228;ndern zu­sammen.« Er leugnet die finanzielle Bela­stung nicht, doch sei sie durch die Vorteile gerechtfertigt.</p>
<p>Wenn es um solche kommunalen Ange­legenheiten geht, m&#246;chte Ravindra Guj­jula ein ganz normaler B&#252;rgermeister sein, der »nur ein bi&#223;chen anders aus­sieht«. Inzwischen wei&#223; er, da&#223; er es doch nicht kann &#8211; und letztlich auch nicht will. Im Winter fuhr er ins s&#228;chsische Zittau, mit einem Kamerateam, dem er als Demonstrationsobjekt diente. Mit einer schwarzen Pudelm&#252;tze auf dem Kopf trat er an ein Taxi heran &#8211; und h&#246;rte ein hartes Nein-. »Ich fahre Sie nicht.« Es half keine Diskussion, kein Hinweis auf seinen deut­schen Pa&#223;, da&#223; er Arzt sei, nichts. Die Ta­xifahrer schilderten unverbl&#252;mt ihre Er­fahrungen mit Bundesgrenzschutz, Poli­zei, Gerichten, die sie sofort der Kompli­zenschaft mit illegal Eingereisten bezich­tigen, wenn sie jemanden bef&#246;rdern, der »ein bi&#223;chen anders aussieht«.</p>
<p>F&#252;r den promovierten Arzt war es eine schlimme Erfahrung, mitten in Deutsch­land ein Nichts zu sein, nur seiner dunklen Hautfarbe und seiner akzentuierten Spra­che wegen. Ob beim stellvertretenden Landrat, am Polizeiwagen, vor BGS-Be­amten &#8211; nirgends wurde er akzeptiert, ernst genommen, allenfalls f&#246;rmlich be­handelt, mitunter gar verh&#246;hnt und zwi­schendurch auch schon mal unvermittelt geduzt. Unangenehm sei kein Ausdruck daf&#252;r, sagte er, es war viel schlimmer. Dr. Gujjula sch&#228;mte sich &#8211; f&#252;r Deutsche, die ja nun seine Landsleute sind.</p>
<p>Solche Aktionen finden in Altlandsberg ein geteiltes Echo, auch wenn keiner offen Kritik &#252;bt. Allenfalls:  Er hat sich l&#228;cherlich gemacht. Zumeist: Er ist zuviel unterwegs, k&#252;mmert sich nicht genug um die Stadt. Die Leute beschreiben ihn zwar als dr&#228;n­genden, oft ungeduldigen, viel selbst auf den Weg bringenden Mann. Er hat auch einiges zustande gebracht, das ist in Ord­nung. Doch was hat Altlandsberg von sei­nem Einsatz f&#252;r Ausl&#228;nder? »Wenn man als Dorfb&#252;rgermeister die M&#246;glichkeit hat, ins amerikanische Fernsehen zu kom­men, dann mu&#223; auch etwas f&#252;r den Ort herausspringen«, klagt Koht. Kein Inve­stor habe sich gemeldet.</p>
<p>In der Stadt m&#252;ssten Ausl&#228;nder nichts bef&#252;rchten. Den beiden Vietnamesen mit ihrer Imbi&#223;bude auf dem Markt standen die Altlandsberger sogar mit einer Unter­schriftensammlung bei, als sie ausge­rechnet der B&#252;rgermeister der &#196;sthetik wegen in eine Seitengasse verbannen wollte. Hier sei es schlie&#223;lich nicht wie in Kreuzberg, sagt Lothar Struwe, Stadtver­ordneter der W&#228;hlergemeinschaft »B&#252;r­ger f&#252;r Altlandsberg« befriedigt. »Die Ausl&#228;nder f&#252;gen sich ein, sie akzeptieren, was in der Stadt passiert. Wenn ich andere in Ruhe lasse, l&#228;&#223;t man auch mich in Ruhe.« Das PDS-Mitglied steht zu Gujjula: »Er ist schon so lange hier, da wird er gar nicht mehr zur Kategorie Ausl&#228;nder ge­z&#228;hlt.«</p>
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<p>Was dem einen zuviel ist, kann f&#252;r den an­deren nie genug sein. F&#252;r die Branden­burger SPD ist Gujjulas Engagement f&#252;r Toleranz und Verst&#228;ndnis geradezu ein Geschenk des Himmels. Ihr junges Mit­glied spricht auf Foren, bereichert wis­senschaftliche Kongresse mit seiner An­wesenheit und konnte gar als SPD-Wahlmann &#252;ber die Person des neuen Bundes­pr&#228;sidenten mitbestimmen. Immer, wenn die harten Tatsachen zu allzu ung&#252;nstigen Schlagzeilen f&#252;r das Land f&#252;hren, erinnert man sich in Potsdam an den Altlandsberger B&#252;rgermeister. Dann zeigt man auf ihn und seine Karriere und kann sagen: Es gibt nicht nur das b&#246;se Brandenburg, sondern auch noch ein anderes.</p>
<p>Er l&#228;&#223;t es geschehen, wenn er damit et­was bewirken kann, l&#228;&#223;t sich benutzen, um selber benutzen zu k&#246;nnen. Allerdings nicht um jeden Preis. So trat er zur letzten Wahl nicht als SPD-Mitglied, sondern als Einzelkandidat an, und k&#252;rzlich, als die Sozialdemokraten ihre Landtagskandi­daten aufstellten, war er mit dem ihm vom Landesvorstand zugewiesenen aus­sichtslosen Listenplatz unzufrieden. Er forderte einen sicheren Kandidaten her­aus, ausgerechnet den Landesgesch&#228;fts­f&#252;hrer Klaus Ness. Das brachte die Zen­trale ins Dilemma. Nat&#252;rlich sollte der Funktion&#228;r gewinnen, aber doch das »Symbol« nicht verlieren. Gujjula wider­stand all jenen Beredsamen, die ihn von seinem Entschluss abbringen wollten. »Ich habe keinen Respekt vor jemand, der ihn nicht verdient«, begr&#252;ndete er seine Ent­scheidung &#8211; und stand am Ende nicht al­lein. 58 der 150 Delegierten sahen es &#228;hn­lich wie er; nur knapp kam Ness &#252;ber die H&#252;rde. »Nat&#252;rlich h&#228;tte ich gern gewon­nen, aber auch so konnte ich mit erhobe­nem Haupt aufstehen.«</p>
<p>Als der Student Ravindra Gujjula einst in die DDR kam, war das aus indischer Sicht ein Abendland, wenngleich mit der Verhei&#223;ung der Morgenr&#246;te. Sie erf&#252;llte sich nicht, und was blieb, ist harte Arbeit f&#252;r ein vern&#252;nftiges Zusammenleben. Dr. med. Gujjula wei&#223; inzwischen, wie weit der Weg noch ist. Zwar verdr&#228;ngt er gele­gentliche Angst um die eigene Person, aber wenn seine Tochter Prya (Liebe) und der Sohn Rico (Friedensf&#252;rst) zur Disco gehen, d&#252;rfen sie nicht allein nach Hause fahren. Dann holt sie der Vater mit dem Auto ab. Wie lange noch mag er Liebe und Frieden nicht trauen?</p>
<address>(Ver&#246;ffentlicht in »Neues Deutschland« vom 17.07.1999)</address>
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		<title>Der gew&#246;hnliche Rechtsterrorismus und seine Opfer – zum Beispiel Martin Agyare</title>
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		<pubDate>Mon, 28 Nov 2011 22:23:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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				<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) Der Rechtsterrorismus sei ein neues Ph&#228;nomen, sagt Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und beweist damit nur, dass er noch immer auf dem rechten Auge blind ist. Denn Rechtsterrorismus gibt es in Deutschland seit mindestens 20 Jahren; das belegt schon die hohe Zahl seiner Opfer, die sich nach seri&#246;sen Erhebungen der Zahl 200 n&#228;hert. Es dokumentieren aber auch die fast w&#246;chentlichen martialischen Aufm&#228;rsche rechtsextremistischer Organisationen, Verb&#228;nde, »Kameradschaften« und einer legalen Neonazi-Partei<span id="more-3399"></span>, die ihre Existenz haupts&#228;chlich dem Zufluss staatlicher Mittel verdankt. Es beweisen die so genannten national befreiten Zonen in vielen Landesteilen und der Psychoterror gegen jene, die sich dem braunen Spuk mutig entgegenstellen.</p>
<p>All diese Vorg&#228;nge, die zwar (noch?) nicht im Umfang, wohl aber in der Art be&#228;ngstigend an vergleichbare Entwicklungen in den fr&#252;hen 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts in Deutschland erinnern, waren und sind allgemein bekannt. Es wurde dar&#252;ber gesprochen und geschrieben – und zugleich verharmlost und bagatellisiert. Die Opfer fanden nur selten Geh&#246;r – nicht bei der Politik, kaum in den Medien, auch nicht bei der Justiz und schon gar nicht in der Polizei und in Geheimdiensten. Dabei haben gerade sie klare und relevante Signale ausgesandt, die jedoch in aller Regel ignoriert wurden. An einige dieser Opfer, die die &#214;ffentlichkeit trotz aller Gefahren nicht scheuten, und jene wenigen, die sich solidarisch an ihre Seite stellten und sich damit Anfeindungen aussetzten, soll noch einmal erinnert werden.</p>
<p>Die Geschichte von Martin Agyare machte 1994 erstmals Schlagzeilen, als er schwer verletzt an einer Bahnstrecke gefunden wurde und sich herausstellte, dass ihn Skinheads verpr&#252;gelt und aus dem Zug geworfen hatten. Sp&#228;ter fand seine Aufnahme bei der Belziger Familie Schr&#246;der weite Beachtung, doch schon im November 1997 musste von einem erneuten rechtsterroristischern Angriff auf ihn berichtet werden. Ein Leben in st&#228;ndiger Gefahr &#8230;</p>
<h2>Schr&#246;ders fremder Sohn weckt die deutsche Provinz</h2>
<p><img src="http://vg06.met.vgwort.de/na/b410cadf563a40458a83ab543d1eae38" alt="" width="1" height="1" /></p>
<h5>Die Odyssee des Ghanesen Martin Agyare ist in Beizig noch nicht zu Ende, aber in der brandenburgischen Kleinstadt hat man immerhin begonnen, sich gegen  Fremdenfeindlichkeit und Gewalt zu bekennen.</h5>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/11/28/der-gewohnliche-rechtsterrorismus-und-seine-opfer-zum-beispiel-martin-agyare/rechte6-001/" rel="attachment wp-att-3378"><img class="alignright size-full wp-image-3378" title="Rechte6 001" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/11/Rechte6-001-e1322571445181.jpg" alt="" width="275" height="167" /></a>Bis dahin waren die Schr&#246;ders eigentlich nicht besonders auf­gefallen. Sie ist Altenpflegerin. arbeitet in einem Heim mit Schwerstbehinderten in Beizig im brandenburgischen Kreis Potsdam-Mittelmark. Er ist Kraftfahrer, mal mit einem Gelegenheitsjob. mal arbeitslos. F&#252;r beide ist es die zweite Ehe. In die Petra Schr&#246;der zwei Kinder mitbrachte. Als das erste, ein M&#228;dchen, geboren wur­de, war gerade der Schlager »Pretty Be­linda« In aller Ohr; also hei&#223;t die heute 18-j&#228;hrige Tochter Belinda. Auch der ein Jahr j&#252;ngere Sohn Pascal erhielt einen Namen, hinter dem sich vielleicht heim­liche Sehns&#252;chte nach der gro&#223;en weiten Welt verbergen.</p>
<p>Die Schr&#246;ders wuchsen in der DDR auf. Sie stammt aus aem katholischen Eichsfeld und ging doch zur Jugendweihe, Sie fand den Beruf einer Krankenschwester sch&#246;n und wurde Laborassistentin &#8211; weil der Vater f&#252;r die Tochter das Beste wollte: einen saueren Arbeitsplatz, geregelte Arbeitszeit wenig Stress. Sie setzte aus, als die Kinder klein waren. Als diese in die Schule kamen, fing sie wieder an. nun doch im Pflegeheim. Der schwere Job ret­tete sie &#252;ber die Wendewirren; heute ver­dient vor allem Petra Schr&#246;der das Geld der Familie.</p>
<p>Dabei hatte Ralf Schr&#246;der sogar ein Fachschulstudium gemacht, das aber in der neuen Bundesrepublik nicht aner­kannt wurde. In der DDR war er zuletzt Fuhrparkleiter. heute schl&#228;gt er sich recht und schlecht durch. Es ist nicht leicht f&#252;r ihn, nur »f&#252;r ein Taschengeld zu arbeiten und nicht f&#252;r den ehelichen Zugewinn«.</p>
<p>Bis vor kurzem wohnten Schr&#246;ders in zwei und zwei halben Zimmern. 69 Qua­dratmeter gro&#223;, in einer Beiziger Plat­tenbausiedlung. Nichts ist auff&#228;llig an ih­nen, nichr die M&#246;bel, nicht die Kleidung, nicht die Nippes in der Schrankwand, nicht die Trockenblumen an den W&#228;nden. Eine Familie wie Millionen andere im Land, nicht &#252;berm&#228;&#223;ig gl&#252;cklich, aber es l&#228;sst sich aushalten. Sie st&#246;rten keinen und wurden nicht gest&#246;rt. So h&#228;tte es bleiben k&#246;nnen, und niemand h&#228;tte das den Schr&#246;ders &#252;bel genommen. Ganz in Gegenteil.</p>
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<p>Aber eines Tages lasen sie in der Zeitung, dass sechs junge Leute &#8211; vermutlich Skins, aber Genaues wei&#223; man nicht, denn sie sind bis heute nicht gefunden &#8211; in der Berliner S-Bahn einen Afrikaner be­schimpften, auf ihn einschlugen und -sta­chen und schlie&#223;lich aus dem fahrenden Zug warfen. Schwerverletzt wurde Mar­tin Agyare In der N&#228;he von Hohen Neu­endorf gefunden. Er hatte einen Sch&#228;­delbruch und Stichverletzungen; ihm mussten der linke Unterschenkel und zwei Zehen des rechten Fu&#223;es amputiert wer­den. Das lasen Schr&#246;ders &#8211; wie Tausende andere auch. Sie hatten &#196;hnliches schon h&#228;ufig gelesen, denn &#220;berf&#228;lle auf Aus­l&#228;nder waren In Brandenburg und an­derswo 1994 schon lange keine Selten­heit mehr. Viele m&#246;gen erschrocken sein ob der Brutalit&#228;t dieser Tat, m&#246;gen den Kopf gesch&#252;ttelt haben &#8211; um dann doch nur hilflos die Schultern zu zucken, mit jenem entlastendem Gedanken von Hun­derttausenden im Hinterkopf: Einer allein kann ja doch nichts machen.</p>
<p>Schr&#246;ders entschlossen sich, Martin Agyare im Krankenhaus zu besuchen. Sie brauchten drei Tage, um zu erfahren, wo er lag, noch l&#228;nger, um die Geneh­migung daf&#252;r zu erhalten. Dann standen sie an seinem Krankenbett. »Da lag ein Fleischklumpen. total zusammengerollt«, erinnert sich Frau Schr&#246;der, »mit Augen wie ein Mensch ohne Seele.« Martin war eingesch&#252;chtert und ver&#228;ngstigt. Er be­griff nicht, was die vielen Menschen woll­ten, die ihn pl&#246;tzlich besuchten. In der S-Bahn waren 15 Augenzeugen gewesen, von denen ihm keiner geholfen hatte, kei­ner sich sp&#228;ter bei der Polizei meldete. Jetzt aber sa&#223;en wildfremde Leute auf seinem Bettrand und bemitleideten ihn, einige auch sich selbst. Wollten sie ihm helfen &#8211; oder sich? Als Schr&#246;ders beim Gehen fragten, ob sie wiederkommen d&#252;rften, nickte er dennoch, Er war allein in einem fremden Land.</p>
<p>Martin Agyare war 1992 aus Ghana geflohen, weil er Flugbl&#228;tter gegen den Milit&#228;rmachthaber Rawlings verfasst und verteilt hatte, sich oppositionell bet&#228;tigte. Gleichwohl wurde sein Asylantrag zwei­mal abgelehnt; ihm drohte die Abschie­bung &#8211; auch jetzt noch, mit seiner schwe­ren Verletzung. Als er nach fast zwei Mo­naten Im Dezember 1994 das Kranken­haus verlassen konnte, kam er erst bei einem Freund, dann bei einer Bekannten unter. Sie konnten ihm, der erst wieder gehen lernen musste, der auch psycholo­gische Betreuung brauchte, kaum helfen. Da war f&#252;r Schr&#246;ders klar, dass sie sich nicht einfach verabschieden konnten. Sie hatten Martin an jedem Wochenende be­sucht, schon war er f&#252;r sie wie ein Sohn, ein Bruder, Und er hoffte auf sie. Die &#8211; anders als die meisten &#8211; immer wieder­gekommen waren. »Wir konnten doch nicht zusehen«, sagt Petra Schr&#246;der, »wie er wieder auf die Stra&#223;e gesetzt wird oder sich mit seiner Prothese im Ausl&#228;nder­heim durchschlagen muss.«</p>
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<p>Die Probleme in der kleinen Wohnung l&#246;sten sie schnell: Belinda gab ihr Zimmer ab. zog mit ins elterliche Schlafzimmer. Man organisierte f&#252;r den ganzen Tag Martins Betreuung, trainierte mit ihm stundenlang das Gehen, den Gebrauch der ungewohnten Prothese. Man wollte ihm seelische Hilfe, ein St&#252;ck Geborgen­heit geben, damit er &#252;ber sich spricht und auch wieder lachen lernt. F&#252;r Schr&#246;­ders etwas Normales, f&#252;r viele ihrer Mit­b&#252;rger nicht&#8230;</p>
<p>Wenn Frau Schr&#246;der oder die Tochter mit Martin Agyare durch die Stra&#223;en gin­gen, bewegten sich erst die Gardinen, dann wechselte man die Stra&#223;enseite. Be­kannte sahen weg und gr&#252;&#223;ten nicht, hat­ten keine Zeit mehr f&#252;r Schr&#246;ders. Sp&#228;ter &#252;berwand die »schweigende Mehrheit« ihre Sprachlosigkeit. »Ich bin wohl im falschen Film«, hie&#223; es erst, dann deutli­cher; »Nigger!«, »Bimbo!«, »Nigger-Schr&#246;der!«, »Nigger-Hure!« Am Telefon drohte einer: »Euch bringen wir um, wir kriegen euch!«</p>
<p>Besonders hatten die Kinder zu leiden. Sie wurden in der Schule verh&#246;hnt, be­spuckt, man sch&#252;ttete Ihnen die Tasche aus, provozierte Pr&#252;geleien. Einige we­nige spielten sich besonders auf, aber von den anderen half ihnen kaum einer. Selbst Lehrer standen nicht selten dabei und schauten weg. Direktor Gerd Ulbrich verwies wenigstens den gewaltt&#228;tigsten Rechten von der Gesamtschule. Obwohl Belinda und Pascal gute Sch&#252;ler waren, wollten sie die Schule nach der achten Klasse verlassen. Viele Gespr&#228;che zu Hause machten ihnen klar, dass das eben­sowenig eine L&#246;sung war wie die kurzzeitig erwogene »Flucht« der gesamtcn Familie zu einer Freundin am Rodensee. Dcutsche Provinz Ist nicht nur in Belzig; sie kamn &#252;berall sein.</p>
<p>Schr&#246;ders schien in der Kleinstadt ein Leben als »Fremde« wegen ihres frem­den Sohns vorgezeichnet. Solidarit&#228;t, Hil­fe erfuhren sie fast nur von anderen »Fremden«, den Bewohnern des Asylbewerberheims. vor allem bosnischen Fa­milien, und jenen, die diese betreuten. Gegen viele Widerst&#228;nde organisierten sie eine Ausbildung f&#252;r Martin, Sie legten sich ein dickes Fell zu, h&#246;rten weg bei den dummen Spr&#252;chen. Sie verdr&#228;ngten ihre Angst und waren doch st&#228;ndig auf der Hut, denn Schutz gab es f&#252;r sie in Belzig nicht. Weder Stadtverwaltung noch Parteien im Ort traten an ihre Seite. Belzig ging es um seinen Ruf als »staatlich anerkannter Kurort«, um sein Image als Touristenziel &#8211; da wollte man doch lieber alles verschweigen, was das gesch&#246;nte Bild h&#228;tte verd&#252;stern k&#246;nnen.</p>
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<p>»Beharrliches Schweigen jedoch er&#246;ffnet neofaschistischen Strukturen neue M&#246;g­lichkeiten.« Was Belzig nicht wahrhaben wollte, stand Im Mai 1997 im lokalen »Fl&#228;ming-Echo« &#8211; wohl eine Art Hilferuf. Denn in dem »Leserbrief« eines »B. B&#252;r­ger, Berlin« ging es schon gar nicht mehr um Martin Agyare. Es ging um nationa­listische Plakate. Aufkleber, anderes Propagandamaterial, das immer h&#228;ufiger in Belzig auftauchte. Es ging um von Rech­ten provozierte Schl&#228;gereien in und um die Kreisstadt, das demonstrative Zeigen des Hitlergru&#223;es beim mittelalterlichen Spektakel auf der nahen Burg Eisenhart, um das Schwenken der Hakenkreuzfahne am 20. April vor dem Jugendzentrum »Pogo« und anderes mehr. »Belzig, du hast eine Neonaziproblem, und niemand soll sagen, er h&#228;tte es nicht gewu&#223;t«, schlo&#223; der Briefschreiber.</p>
<p>Es dauerte dennoch weitere Monate, bis ein Echo von den angesprochenen Stadtpolitik kam. Vielleicht lag es daran. da&#223; Belzig nun ausdr&#252;cklich im bran­denburgischen Yerfassungsschutzbericht als Scherpunkt rechtsextremistischer, gewaltbereiter Jugendcliquen genannt wurde. Und vielleicht war es auch kein Zufall, da&#223; B&#252;rgermeister Peter Kiep erst im Urlaub sein mu&#223;te, ehe sich sein Stell­vertreter Martin Kunze entschlo&#223;, den Stadtverordneten diesen Brief noch ein­mal vorzulesen und zu fragen; Was tun wir dagegen? Kiep hatte bis dahin alle Signale konsequent ignoriert &#8211; selbst dann noch, als er mit Rechten im »Pogo« grillte und diese dabei schon einschl&#228;gige Aufn&#228;her auf ihren Jacken hatten.</p>
<p>Nun aber suchte man sich Verb&#252;ndete &#8211; Carola Stabe von der Regionalen Ar­beitsstelle f&#252;r Ausl&#228;nderfragen (RAA), die mobile Sondereinheit der Brandenburger Polizei und alle, die in Beizig irgendwie betroffen sind: Schuldirektoren, Sport­vereine, Sozialarbeiter, Kirchen, Partei­en. Sie informierten sich zun&#228;chst bei einer ersten Zusammenkunft gegenseitig &#252;ber die Situation, ein wichtiger Einstieg, wie Ordnungsamtsleiter Frank Friedrich findet. »Ich habe mir jedenfalls danach erst einmal die Sachen meines Sohnes angeguckt, ob vielleicht auch er be­stimmte Nazi-Symbole tr&#228;gt, die auf den ersten Blick nicht als solche zu erkennen sind.«</p>
<p>Es folgten eine weitere Beratung und dann ein &#246;ffentliches Forum, zu dem 120 Leute kamen &#8211; Rechte und Linke. Alte und Junge, Betroffene und Neugierige. Auch Schr&#246;ders waren dabei, und alle redeten sich ihren jeweiligen Frust von der Seele. Kahlk&#246;pfige Jugendliche br&#252;ll­ten immer wieder dazwischen, r&#252;lpsten und provozierten, bis einer ihnen den Rausschmi&#223; androhte &#8211; und die Mehrheit applaudierte. Dann meldeten sie sich pl&#246;tzlich brav. Auch Friedrich und ande­re begriffen nun. was die Schr&#246;ders schon lange wu&#223;ten: Man darf sich nicht alles gefallen lassen. Zum Schlu&#223; erkl&#228;r­ten sich immerhin einige Leute bereit, in speziellen Arbeitskreisen t&#228;tig zu sein.</p>
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<p>Martin Agyare war zu diesem Zeitpunkt bereits das zweite Mal &#252;berfallen worden, im Regionalzug zwischen Wannsee und Belzig. Diesmal aber hatte er eine Gaspi­stole in der Tasche und wehrte sich. Cou­ragiertes Bahnpersonal alarmierte die Polizei. Die T&#228;ter wurden gefa&#223;t und vor Gericht gestellt. Man darf sich nicht alles gefallen lassen. Auch in Belzigs »schwei­gender Mehrheit« begann sich etwas zu regen; man wollte die Stadt nicht den rechtsextremistischen Kriminellen &#252;ber­lassen. Im Mai stellte sich der Arbeits­kreis Information des Forums gegen Rechtsextremismus und Gewalt auf dem Marktplatz vor, organisierte seitdem mehrere Veranstaltungen, und er&#246;ffnete im September in Belzigs Hauptstra&#223;e ein Info-Café. Gleichgesinnte gegen Rechts k&#246;nnen das nun mit einem Anstecker de­monstrieren &#8211; einem kleinen roten Win­kel, der seither mehr als 1000mal ver­kauft wurde. »Wir sagen auch den Aus­l&#228;ndern, da&#223; sie sich an jene mit dem roten Winkel wenden k&#246;nnen, wenn sie sich in Gefahr sehen«, erz&#228;hlt Petra Schr&#246;der, die mit ihren Kindern zu den aktivsten Mitgliedern des Forums geh&#246;rt Die Gesamtschule besch&#228;ftigte sich in ei­ner Projektwoche unter dem Motto »Mit­einander leben« intensiv mit der Ausl&#228;n­derproblematik. Sogar eine Besch&#228;fti-gungsinitiative soll ins Leben gerufer werden, bei der sich Jugendliche rechter wie linker Gesinnung gemeinsam um die Sanierung eines alten Hauses k&#252;mmern.</p>
<p>Aber der Weg ist noch weit. Zwar haben die gewaltt&#228;tigen &#220;bergriffe nachgelassen, trauen sich die Asylbewerber an Rande der Stadt schon mal, ihre Unterk&#252;nfte zu verlassen und mit Belzigern zu reden. Die Polizei reagiert schneller auf rechte Schmierereien. Aber nachts, in Schutze der Dunkelheit, lebt der Ungeist noch. Schon zwei Wochen nach Er&#246;ffnung des Info-Cafés flog ein gro&#223;er Feldstein durchs Fenster. Eine Woche sp&#228;ter wurde das andere Fenster mit Kn&#252;ppeln eingeschlagen. Frank Friedrich, der auch Vorsitzender des Vereins »Info-Café« ist, musste erkennen, dass erste Erfolgserlebnisse, so wichtig sie sind, noch nicht das Ende des Kampfes bedeuten. Es ist gut, dass Martin Agyare inzwischen allein durch die Stra&#223;en geht. Wann er das auch ohne Angst und ohne Waffe tun kann, h&#228;ngt weniger von ihm als von uns allen ab.</p>
<address>(Ver&#246;ffentlicht in »Neues Deutschland« vom 24.10.1998 und <a href="http://www.ifex.org/international/1999/03/19/ifjprize_99_a_celebration_of_tolerance/" target="_blank">im Jahre 1999 mit dem Preis f&#252;r Toleranz des Internationalen Journalistenverbandes ausgezeichnet</a>.)</address>
<p> Damit aber war die Geschichte noch l&#228;ngst nicht zu Ende. Immer wieder kehrte rechter Terror nach Belzig zur&#252;ck &#8211; auch weil viele B&#252;rger Rechtsextremen eher Toleranz entgegenbrachten als deren Gegnern.</p>
<h5>Ausl&#228;nderfeindlichkeit</h5>
<h2>An schmucken Mauern zerschellte eine Brandflasche</h2>
<h4>Schmerzhaft erf&#228;hrt Beizig, dass der Kampf gegen Rechtsextremismus und Gewalt nie zu Ende ist</h4>
<h5><strong>Im Vorjahr wurde das Belziger »Forum gegen Rechtsextremismus und Gewalt« mit dem Theodor-Heuss-Preis ausge­zeichnet. Doch im Mai dieses Jahres kam ein b&#246;ses Erwachen: Rechtsextreme Jugendliche aus Belzig ver&#252;bten einen Brandanschlag auf die Wohnung einer vietnamesischen Familie.</strong></h5>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/11/28/der-gewohnliche-rechtsterrorismus-und-seine-opfer-zum-beispiel-martin-agyare/rechte8-001/" rel="attachment wp-att-3379"><img class="alignleft size-medium wp-image-3379" title="Rechte8 001" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/11/Rechte8-001-300x193.jpg" alt="" width="300" height="193" /></a>B&#252;rgermeister Peter Kiep ist gewiss ein redlicher Mann. Er erz&#228;hlt von jener Gruppe Jugendlicher, die er eines Abends durch seine Stadt rennen sah und die er fragte, was das solle, was da los sei. Sie stutzten und suchten nach einer Antwort. W&#228;hrenddessen konnte &#8211; wie Kiep erst sp&#228;ter erfuhr &#8211; sich ihr Opfer, ein Inder, in Sicherheit bringen. Kiep will damit nicht renommieren, meint aber doch, dass ihm pers&#246;nlich Zivilcourage nicht abzusprechen ist. Und deshalb st&#246;rt es ihn, wenn Fernsehleute aus einem langen Gespr&#228;ch vor der Kamera &#252;ber den j&#252;ngsten Brandanschlag auf die Wohnung einer vietnamesischen Familie fast nur jenen einen Satz zitieren: »Es muss irgend­einen Grund gehabt haben.« Vermutung einer m&#246;glichen Provokation durch die Opfer.</p>
<p>Nat&#252;rlich hat Kiep den Anschlag verur­teilt, doch in seiner Wortwahl klang das eher nach einem Werben um Nachsicht. Von »Unliebsamkeiten«, die hin und wie­der auch in Belzig passierten, war da die Rede, von »ein paar P&#252;nktchen, wo auch der Name Belzig auftaucht, «kleinen Ausbr&#252;chen eines Vulkans«, der sich letztlich &#252;ber ganz Europa erstreckt. F&#252;r den B&#252;rgermeister haben gelegentliche ausl&#228;nderfeindliche Aktionen in seiner Stadt etwas von Naturkatastrophen, einer h&#246;heren Gewalt, gegen die man wenig machen kann. »Was wir jetzt tun werden, ist noch v&#246;llig offen«, sagt er denn auch auf die Frage nach Konsequenzen aus der j&#252;ngsten Entwicklung. Seit drei Jahren gibt es in Belzig das »Forum gegen Rechtsextremismus und Gewalt« &#8211; doch Peter Kiep, der nach anf&#228;nglichem Z&#246;gern dessen Leitung faktisch an sich gezogen hatte, zuckt nur hilflos die Schultern.</p>
<h4>Es ist besser geworden, aber &#8230;</h4>
<p>Das Forum wurde gegr&#252;ndet, nachdem sich die Kleinstadt am Fu&#223;e des Hohen Fl&#228;ming Mitte der 90er Jahre zu einer Art Hochburg von Rechtsextremisten entwi­ckelt hatte. Skinheads st&#246;rten Veranstaltungen, griffen Asylbewerberheime am Stadtrand an, bedrohten ausl&#228;ndische Gewerbetreibende. An Hitlers Geburtstag zogen sie mit einer Hakenkreuzfahne durch die Stadt, zeigten den Hitlergru&#223;; immer wieder wurden faschistische Schmierereien gefunden.</p>
<p>Die B&#252;rger schwiegen zumeist dazu, auch die Stadtverwaltung sah lange kein Problem. Man k&#228;mpfte um eine Perspektive f&#252;r die 8000 Einwohner in einem Um­feld ohne arbeitsintensive Industrie und bei schwindender Bedeutung der Land­wirtschaft. Die Kreisstadt wollte Verwal­tungssitz bleiben und zugleich Kurstadt werden. Die Altstadt musste saniert, die zu DDR-Zeiten entstandenen Wohnge­biete sollten wohnlicher werden. Da sah Kiep in all den Berichten &#252;ber Gewalt und rechten Geist in Belzig vor allem eine Imagesch&#228;digung. »Wenn immer nur das &#252;ber Belzig in den Medien steht«, sagt er noch heute, »gehen alle unsere Pl&#228;ne den Bach runter.«</p>
<p>Tats&#228;chlich hat sich das St&#228;dtchen ge­mausert. Um den Marktplatz herum &#252;ber­all frische Farben, sanierte Geb&#228;ude. Schmucke Wohngebiete sind entstanden, auch Parkpl&#228;tze, Spielpl&#228;tze, Gr&#252;nanla­gen. Eine Reha-Klinik wirbt um Kurg&#228;ste, eincThermalbadanlage ist konzipiert. Eine sch&#246;ne Welt, &#252;ber die Peter Kiep lieber spricht als &#252;ber den Ungeist, der in Belzigs Mauern waltet. Und der im Verdr&#228;ngen lange seine B&#252;rger hinter sich hatte &#8211; bis eines Tages jener anklagende Satz im Le­serbrief einer Lokalzeitung stand: »Belzig, du hast ein Neonaziproblem, und nie­mand soll sagen, er h&#228;tte es nicht gewusst.«</p>
<p>Der B&#252;rgermeister war damals krank, und sein Stellvertreter Martin Kunze entschloss sich zum Handeln. Nach einer in­ternen Beratung fand im Dezember 1997 das erste &#246;ffentliche Forum statt, in dem sich endlich jene B&#252;rger zu Wort melde­ten, die schon lange mit Besorgnis auf die Entwicklung in ihrer Stadt blickten. Und sie stellten fest, dass unter dem sichtba­ren, militanten Rechtsextremismus inzwi­schen auch eine wachsende Intoleranz vieler »braver« B&#252;rger gewachsen war. Petra Schr&#246;der berichtete vom Hass, der ihr immer wieder entgegenschlug, weil sie den von Rechten zum Kr&#252;ppel geschlage­nen Martin Agyare in ihrer Familie aufge­nommen hatte. Jugendliche schilderten die beinahe t&#228;gliche Gewalt, der sie sich mit ihrem politischen Bekenntnis aus­setzten. Sogar von einer 65-J&#228;hrigen war die Rede, die den Ausl&#228;nder vom Gehweg scheuchte: »Der ist nur f&#252;r Deutsche da!«</p>
<p>Damals war die Hoffnung gro&#223; &#8211; und auch die Bereitschaft, sich gegen Rechts­extremismus und Gewalt zu engagieren. Zahlreiche B&#252;rger wollten mitarbeiten, mehrere Arbeitsgruppen entstanden. Viele Einwohner zeigten Flagge. Diesen Aufbruch, die Zivilcourage, belohnte die Theodor-Heuss-Stiftung 1998 mit ihrem Preis, denn tats&#228;chlich flauten die rechten Aktionen ab. Die Polizei konstatierte keine besonderen Auff&#228;lligkeiten mehr. »Man w&#228;hnte sich in einer befriedeten Stadt«, sagte Kiep jetzt. Damit aber erlahmten die Initiativen. Immer weniger kamen zu den Zusammenk&#252;nften des Forums. Inzwi­schen arbeiten zwei der Arbeitsgruppen nicht mehr, eine nur sporadisch. Der B&#252;r­germeister fand nichts dabei: »Wenn es nichts mehr zu tun gibt, fragt man sich: Wo sind die Arbeitsaufgaben?«</p>
<p>Am 7. Mai dieses Jahres kam das b&#246;se Erwachen. Drei Jugendliche warfen eine mit Benzin gef&#252;llte Flasche in die Woh­nung eines vietnamesischen Ehepaares mit einem vierj&#228;hrigen Kind. Sofort fing die Gardine Feuer, das nur deshalb schnell gel&#246;scht worden konnte, weil die Bewoh­ner Besuch hatten und noch nicht schlie­fen. Die T&#228;ter waren einschl&#228;gig bekannt und zuvor schon mit unmissverst&#228;ndlichen Rufen durch das Wohngebiet, in dem auch einige Aussiedlerfamilien leben, ge­zogen. Das hatte keinen gest&#246;rt, nicht einmal die Polizei, die sie kontrolliert hatte &#8211; eine Situation fast wie vor drei Jahren. Hatte sich in Belzig gar nichts ge&#228;ndert?</p>
<p>Carola Stabe, Leiterin der Regionalen Arbeitsstelle f&#252;r Ausl&#228;nderfragen (RAA) Potsdam-Mittelmark mit Sitz in Belzig, widerspricht: »Es tat sich einiges.« Im­merhin waren Ausl&#228;nder ermutigt wor­den, sich in die &#214;ffentlichkeit zu begeben. Mit dem durch das Forum begr&#252;ndeten Info-Café »Der Winkel« war ein Treff­punkt nicht nur f&#252;r Asylbewerber, die hier beraten und unterst&#252;tzt werden, sondern auch f&#252;r Jugendliche geschaffen worden, die sich gegen rechtes Denken wandten. Und so provokativ wie vor drei Jahren treten Rechtsextreme in Belzig schon lan­ge nicht mehr auf. Das erste Forum 1997 hatten sie die erste halbe Stunde massiv gest&#246;rt, kaum zu Wort kommen lassen. Das Info-Café wurde immer wieder ange­griffen, und auch jetzt bleiben die Fenster­scheiben nicht lange heil. Doch es arbeitet tapfer weiter, und die Auseinanderset­zung zwischen Rechten und Linken in Belzig findet nicht mehr nur mit F&#228;usten, son­dern mitunter auch mit Worten statt. »Das Klima in der Stadt hat sich schon ver&#228;n­dert«, sagte Carola Stabe, »die Rechten beherrschen nicht mehr die Szene.«</p>
<h4>Labiles Gleichgewicht am Rand der Gewalt</h4>
<p>Aber sie f&#252;rchtet zugleich den R&#252;ckfall in die alten Zeiten, denn eines sei nicht ge­lungen: »Das Forum hat sich nach ersten Erfolgen zu schnell zufrieden gegeben und zu viel Nabelschau betrieben. Es muss je­doch die &#246;ffentliche Meinung in Belzig be­stimmen.« F&#252;r sie w&#228;re nur konsequent, wenn es den Theodor-Heuss-Preis nach den j&#252;ngsten Ereignissen zur&#252;ckgibt und ihn sich neu erk&#228;mpft, eine Idee, die B&#252;r­germeister Kiep absurd findet.</p>
<p>Dabei sind die Defizite auch in der Ar­beit des Forums un&#252;bersehbar. So ist es bisher nicht gelungen, das 1999 von der Stadtverordnetenversammlung in Auftrag gegebene »Konzept f&#252;r ein tolerantes Belzig« in konkrete Ma&#223;nahmen umzuset­zen. Der Versuch, Rechte und Linke &#252;ber ein gemeinsames Projekt ins Gespr&#228;ch zu bringen, scheiterte daran, dass die Stadt kein Haus daf&#252;r fand und kein Geld hatte. &#196;hnliche Versuche im Info-Café zerbra­chen an der Intoleranz beider Seiten, und selbst bei der j&#252;ngsten Veranstaltung des Forums Anfang Juni waren Moderatoren wie Mitglieder darin &#252;berfordert, sachlich auf die Klagen und W&#252;nsche einiger rechter Jugendlicher einzugehen.</p>
<p>Ein labiles Kr&#228;fteverh&#228;ltnis zwischen jenen, die Gewalt ablehnen, und Rechts­extremisten hat sich in Belzig herausge­bildet. Das ist schon mehr als die rechts­lastige Atmosph&#228;re vor einigen Jahren, aber vor Gewalttaten wie gegen die viet­namesische Familie sch&#252;tzt es nicht. »Rechte geh&#246;ren zu unserem politischen Spektrum«, sagt Peter Kiep, »das muss ich respektieren, solange sie nicht zur Gewalt greifen.« Vielleicht beginnt aber da schon unangebrachte Toleranz, die offensicht­lich auch viele Belziger &#252;ben. Sie scheuen die politische Auseinandersetzung mit rechtem Denken und sind betroffen, wenn es sich der Gewalt bedient. Sie wehren nicht den Anf&#228;ngen und erschrecken &#252;ber das Ende. »Wenn ich auf rechte Jugendli­che sto&#223;e, frage ich mich schon, was ich tue«, sagt Kiep. »Ob ich mir vielleicht Schl&#228;ge einhandle oder einen Kratzer mit der Bierdose am Auto.« Es ist der B&#252;r­germeister, der das sagt. Wie erst f&#252;hlen sich Ausl&#228;nder in solch einer Stadt, auf die ihr Oberhaupt ansonsten nichts kommen lassen will?</p>
<address>(Ver&#246;ffentlicht in »Neues Deutschland« vom 27.06.2000)</address>
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		<title>Der gew&#246;hnliche Rechtsterrorismus und seine Opfer &#8211; zum Beispiel William Zombou</title>
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		<pubDate>Sat, 26 Nov 2011 17:08:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[(pri) Der Rechtsterrorismus sei ein neues Ph&#228;nomen, sagt Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und beweist damit nur, dass er noch immer auf dem rechten Auge blind ist. Denn Rechtsterrorismus gibt es in Deutschland seit mindestens 20 Jahren; das belegt schon die hohe Zahl seiner Opfer, die sich nach seri&#246;sen Erhebungen der Zahl 200 n&#228;hert. Es dokumentieren [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) Der Rechtsterrorismus sei ein neues Ph&#228;nomen, sagt Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und beweist damit nur, dass er noch immer auf dem rechten Auge blind ist. Denn Rechtsterrorismus gibt es in Deutschland seit mindestens 20 Jahren; das belegt schon die hohe Zahl seiner Opfer, die sich nach seri&#246;sen Erhebungen der Zahl 200 n&#228;hert. Es dokumentieren aber auch die fast w&#246;chentlichen martialischen Aufm&#228;rsche rechtsextremistischer Organisationen, Verb&#228;nde, »Kameradschaften« und einer legalen Neonazi-Partei<span id="more-3355"></span>, die ihre Existenz haupts&#228;chlich dem Zufluss staatlicher Mittel verdankt. Es beweisen die so genannten national befreiten Zonen in vielen Landesteilen und der Psychoterror gegen jene, die sich dem braunen Spuk mutig entgegenstellen.</p>
<p>All diese Vorg&#228;nge, die zwar (noch?) nicht im Umfang, wohl aber in der Art be&#228;ngstigend an vergleichbare Entwicklungen in den fr&#252;hen 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts in Deutschland erinnern, waren und sind allgemein bekannt. Es wurde dar&#252;ber gesprochen und geschrieben – und zugleich verharmlost und bagatellisiert. Die Opfer fanden nur selten Geh&#246;r – nicht bei der Politik, kaum in den Medien, auch nicht bei der Justiz und schon gar nicht in der Polizei und in Geheimdiensten. Dabei haben gerade sie klare und relevante Signale ausgesandt, die jedoch in aller Regel ignoriert wurden. An einige dieser Opfer, die die &#214;ffentlichkeit trotz aller Gefahren nicht scheuten, und jene wenigen, die sich solidarisch an ihre Seite stellten und sich damit Anfeindungen aussetzten, soll noch einmal erinnert werden.</p>
<p>Auf William Zombou stie&#223; ich anl&#228;sslich eines Prozesses, der 1999 im brandenburgischen K&#246;nigs Wusterhausen stattfand.</p>
<h6>Fremdenfeindlichkeit</h6>
<h3>&#8220;Nehmt den Neger von den Autos weg!&#8221;</h3>
<p><img src="http://vg06.met.vgwort.de/na/9ce5bbbda56942b3b1e027d8831f4fcf" alt="" width="1" height="1" /></p>
<h5>Brandeburg: Gericht entscheidet gegen Ermutigung der B&#252;rger zu Zivilcourage</h5>
<p><strong>Das Amtsgericht K&#246;nigs Wusterhausen hat vier Taxifahrer, die einem von Skinheads angegriffenen Afrikaner nicht helfen wollten, frei gesprochen.</strong></p>
<p>Fast ist das hierzulande schon ein normaler Vorgang. Ein Afrikaner, in diesem Fall der damals 27-j&#228;hrige Kameruner William Zombou, kommt an einem Septemberabend 1998, gegen 23 Uhr, auf dem Bahnhof K&#246;nigs Wusterhausen an, weil dort zwei Arbeitskollegen mit dem Auto warten, die den in den Ferien jobbenden Studenten der Wirtschaftswissenschaften mit in ihren Betrieb nehmen wollen. Auf dem Bahnsteig sehen zwei Jugendliche den Dunkelh&#228;utigen, und schon ist er als Opfer auserkoren. Sie schlagen ihm die M&#252;tze vom Kopf, schlagen und treten auf ihn ein, sto&#223;en ihn schlie&#223;lich die Eisentreppe zum Bahnhofsvorplatz hinunter.</p>
<p>Dort sieht Zombou, schon halb benommen, einige Taxis stehen &#8211; und ist erleichtert: Man wird ihm helfen. »Help me!«, ruft er und l&#228;uft auf die Autos zu. Die Schl&#228;ger folgen ihm, pr&#252;geln weiter auf ihn ein. Keiner der Taxifahrer unternimmt etwas; erst als Zombou gegen einen der Wagen gesto&#223;en wird, springt der 58-j&#228;hrige Hans-J&#246;rg F. heraus und ruft »Weg von den Autos!« Man h&#228;tte ja bei der Pr&#252;gelei »einen Spiegel abrei&#223;en« k&#246;nnen, erkl&#228;rte er dem Gericht zur Begr&#252;ndung. F. ist gro&#223; und kr&#228;ftig, die Jugendlichen gehorchen, greifen aber in einiger Entfernung Zombou erneut an. Der wehrt sich nun, weil er wei&#223;, dass er keine Hilfe zu erwarten hat.</p>
<p>Vor Gericht stellte sich das jetzt f&#252;r ihn als belastend heraus, obwohl das &#228;rztliche Gutachten eindeutig die Verletzungen des Kameruners auflistet: Sch&#228;delprellung, H&#228;matom an der linken Augenbraue, geschwollener Lippen. Davon unger&#252;hrt, schilderte der 38-j&#228;hrige Angeklagte Karsten R. seine Beobachtungen: »Ich sah, wie Herr Zombou immer wieder auf den einen Wei&#223;en losging«. Auch der 52-j&#228;hrige Thomas K. will nur gesehen haben, »wie der Afrikaner auf einen am Boden liegenden Wei&#223;en einschlug«. R. h&#246;rte auch ein Krachen, und tats&#228;chlich ist das Nasenbein eines der Schl&#228;ger zu Bruch gegangen – nicht aber durch William Zombou, sondern durch seinen Kumpan, der das eigentliche Ziel verfehlte. Der Afrikaner habe zwar gebeten, dass »endlich jemand mal die Polizei bestellt«, aber man sei sich sicher gewesen, hier handele es sich um eine der &#252;blichen Schl&#228;gereien vor den Bahnhof von K&#246;nigs Wusterhausen; da k&#246;nne man nicht jedes Mal die Polizei rufen.</p>
<p>F&#252;r William Zombou, der mittlerweile sein Studium abgeschlossen hat und in als Wirtschaftsinformatiker arbeitet, war die Erfahrung des totalen Ausgeliefertseins besonders erniedrigend. Dass er mit Angriffen von Skinheads rechnen muss, war ihm bekannt, aber dass ihm Deutsche in seiner Not nicht helfen wollten, h&#228;tte er nicht erwartet. »Bei den Angeklagten handelte es sich nicht um irregeleitete junge M&#228;nner, die ausl&#228;nderfeindliche Parolen rufen, sondern um gutsituierte B&#252;rgerinnen und B&#252;rger von K&#246;nigs Wusterhausen, die einem offensichtlich rechtsextremen &#220;berfall tatenlos zusehen«, sagte dazu Christina Clemm, die Zombou als Nebenkl&#228;ger vertrat, in ihrem Pl&#228;doyer. Denn dass die Angreifer ausl&#228;nderfeindliche Begriffe riefen, ist aktenkundig. »Kanake«, »Ausl&#228;ndersau«, »Negerschwein« hat auch die 45-j&#228;hrige Taxifahrerin Siegrid K. geh&#246;rt, und da habe sie &#252;berlegt, ob das vielleicht Rechte seien. Einer ihrer Kollegen – wer, war im Prozess nicht zu ermitteln – soll die Schl&#228;ger sogar direkt aufgefordert haben, »den Neger weg zu nehmen«, und Karsten R. hatte sich sp&#228;ter im Fernsehen damit gebr&#252;stet, dass er Ausl&#228;nder hasse. Vor Gericht begr&#252;ndete er das damit, dass sie nur Rechte und keine Pflichten h&#228;tten.</p>
<p>All diese Umst&#228;nde des Falls waren f&#252;r Richterin Griehl kein Grund, den Sachverhalt anders als die Angeklagten zu sehen. Sie sprach die vier Taxifahrer frei, weil es offensichtlich zur Normalit&#228;t des Bahnhofsvorplatzes in K&#246;nigs Wusterhausen geh&#246;re, dass dort Schl&#228;gereien stattfinden und f&#252;r die Angeklagten daher eine besondere Gefahren- oder Notsituation f&#252;r William Zombou nicht gegeben war. Auch wenn das Land Brandenburg hinsichtlich des Umgangs mit Ausl&#228;ndern keine besonders r&#252;hmlich Rolle spiele, k&#246;nne doch eine Verurteilung um der Verurteilung willen nicht erfolgen. Eine Straftat jedoch habe die Beweisaufnahme nicht ergeben.</p>
<p>Dabei hatte die Staatsanwaltschaft gr&#252;ndlich ermittelt, nachdem die Polizei zun&#228;chst den Anruf Zombous mit der Bemerkung abtat, da spreche einer so »richtiges Neger-Englisch«. Die Anklage lautete daher nicht nur auf unterlassene Hilfeleistung, sondern auch auf Beihilfe zur schweren K&#246;rperverletzung, die gegen&#252;ber den unmittelbaren T&#228;tern bereits mit Bew&#228;hrungsstrafen von zehn bzw. zw&#246;lf Monaten geahndet worden war. Von letzterem Vorwurf r&#252;ckte der Staatsanwalt bereits in seinen Pl&#228;doyer ab, war doch in der Beweisaufnahme klar geworden, dass den Beschuldigten offensichtlich mehr geglaubt wurde als dem Opfer. Das veranlasste Christina Clemm zu der bitteren Bemerkung, selten habe sie ein Verfahren erlebt, bei dem so offenkundig versucht wurde, die T&#228;ter zu Opfern und das Opfer zum T&#228;ter zu machen. Durchg&#228;ngig verballhornten sowohl die Angeklagten als auch zum Teil ihre Verteidiger den Namen des Opfers, der mal »Zambou«, mal »Zombo«, am liebsten aber »Zombie« genannt wurde. Ein Verteidiger fand, dass Zombou mehr »subjektive Auffassungen als Tatsachen« vorgebracht habe, ein anderer sch&#228;tzte das »Kr&#228;fteverh&#228;ltnis« zwischen ihm und seinen beiden Angreifern »&#228;u&#223;erst ausgewogen« ein, sie alle beklagten die »Vorverurteilung durch die Presse«.</p>
<p>Rein juristisch betrachtet, mag sich die Richterin mit ihrem Urteil, gegen das der Nebenkl&#228;gervertreterin sofort Berufung ank&#252;ndigte, durch das Gesetz best&#228;tigt sehen; politisch und moralisch setzt es allemal ein verheerendes Signal. »Man muss bef&#252;rchten, dass nach diesem Urteil die Leute bei ausl&#228;nderfeindlichen Angriffen erst recht weggucken und nicht einschreiten«, sagt Christina Clemm. F&#252;r sie sei das Urteil ein fragw&#252;rdiges Zeichen »Brandenburger Toleranz« – n&#228;mlich der »Toleranz mit jenen, die Ausl&#228;nder zusammenschlagen«. Auf jeden Fall aber ist es ein erneuter Beleg daf&#252;r, dass eine Justiz, die nicht in der Lage und bereit ist, den Blick auch einmal aus dem Gesetzbuch heraus auf die Gesellschaft und ihre Realit&#228;t zu richten, ihrer Aufgabe nicht gerecht wird.</p>
<address>(Ver&#246;ffentlicht in »Neues Deutschland« vom 12.11.1999)</address>
<p>Zu William Zombou, der seine W&#252;rde gewahrt sehen wollte und Unrecht nicht klaglos hinnahm, sondern wehrhaft f&#252;r seine Rechte eintrat, war aber noch mehr zu sagen. Stand sein Fall doch exemplarisch auch f&#252;r das Versagen vieler Mitb&#252;rger in diesem Land, die die Folgen ihrer Gleichg&#252;ltigkeit und Feigheit jetzt verst&#246;rt, weil sie ahnen, dass sie daran ihren Anteil haben.</p>
<h2>Das zweite Leben des William Zombou</h2>
<h4>Ein Afrikaner in Deutschland &#8211; keine sch&#246;ne und schon gar keine christliche Geschichte</h4>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/11/26/der-gewohnliche-rechtsterrorismus-und-seine-opfer-zum-beispiel-william-zombou/rechte2-001/" rel="attachment wp-att-3364"><img class="alignright size-medium wp-image-3364" title="Rechte2 001" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/11/Rechte2-001-300x199.jpg" alt="" width="300" height="199" /></a>Zombou h&#228;tte tot sein k&#246;nnen. Ausgel&#246;scht weit weg von seiner Mutter, weit weg von der Heimat Kamerun mit dem Tschad-See im Norden und dem Golf von Guinea im S&#252;dwesten, mit ihren weiten Savannen und den Gebirgsmassiven bis 4000 Meter H&#246;he, mit Regenw&#228;ldern und quirligen St&#228;dten. Ausgel&#246;scht auf dem Bahnhofsvorplatz in K&#246;nigs Wusterhausen, Land Brandenburg, Deutschland. Er hatte schon auf der Erde gelegen, sah die Springerstiefel direkt vor den Augen, rappelte sich wieder auf und dachte nur noch: Nicht wieder zu Boden gehen, sie zertr&#252;mmern dir den Sch&#228;del. Er klammerte sich an einen der Angreifer, w&#228;hrend der andere auf ihn eindrosch. Er versuchte den Schl&#228;gen auszuweichen. Er k&#228;mpfte um sein Leben.</p>
<p>William Zombou schaffte es. Er lebt. Er gestikuliert mit den H&#228;nden, die Worte sprudeln, das Erlittene st&#252;rzt ihm von den Lippen, wieder und wieder. Fast schreit er es heraus, denn es soll geh&#246;rt werden. Eindringlich ist sein Bericht, denn er soll eindringen. Er soll h&#228;ngen bleiben wie ein Widerhaken, den der Zuh&#246;rer vielleicht sp&#252;rt, wenn er das n&#228;chste Mal gerade wegsehen, wegh&#246;ren, weggehen will.</p>
<p style="text-align: center;">*</p>
<p>Bis dahin hatte William ein normales Leben gef&#252;hrt &#8211; das normale Leben eine Schwarzen unter Wei&#223;en in Deutschland. Eines Menschen, bei dem schon der erste Augenschein die Vermutung nahe legt, dass er nicht »von hier% kam und deshalb f&#252;r viele auch nicht nach hier geh&#246;rt. 1993 war er nach Deutschland gekommen, wollte Wirtschaftsinformatik studieren und entschied f&#252;r die TU Dresden, weil die einen guten Ruf bis hin nach Kamerun hatte. Der heute 28-J&#228;hrige machte bald andere Erfahrungen und wechselte nach Berlin, in die Anonymit&#228;t der Metropole. Er studierte an der Fachhochschule f&#252;r Technik und Wirtschaft, der fr&#252;heren Hf&#214; in Karlshorst.</p>
<p>Sehr viel anders als in Sachsen war es aber auch in der Hauptstadt nicht. Da wie hier rief man ihm auf der Stra&#223;e »Affe« und»Neger« hinterher, fragte im Haus, wann er zuletzt geduscht habe, und glotzte ungeniert, wenn er mit seiner wei&#223;en Frau &#8211; er hatte 1996 eine Krankenschwester geheiratet &#8211; daher kam. Bei C&amp;A in Dresden musste er seinen Rucksack auspacken, als er den Laden verlassen wollte. Nachdem er anderswo einen Rasierapparat gekauft und schon bezahlt hatte, wurde er auch hier vom Ladendetektiv kontrolliert. Er war mit zwei &#8211; afrikanischen &#8211; Freunden gekommen. Drei Schwarze im Laden &#8211; da war allemal Gefahr im Verzug!</p>
<p>Nicht weniger schlimm sind f&#252;r William Zombou, der au&#223;er Deutsch perfekt Englisch und Franz&#246;sisch spricht, inzwischen sein Diplom gemacht hat und bei einer Software-Firma am Berliner Kurf&#252;rstendamm arbeitet, die subtileren Zeichen von Missachtung. So wenn der Gegen&#252;ber im Gespr&#228;ch radebrecht und zur Zeichensprache &#252;bergeht &#8211; als verst&#252;nde der Fremde kein normales Deutsch. Manche denken noch, sie tun ihm einen Gefallen. Energisch sch&#252;ttelt William den Kopf:. »Die beste Hilfe ist, wenn sie richtig Deutsch sprechen. Dann kann ich etwas dazulernen.«</p>
<p>Zombou ist sensibel geworden f&#252;r die Reaktionen seiner Mitmenschen. Erfahrungen haben ihn misstrauisch gemacht. Er kann nicht immer beschreiben, was ihn st&#246;rt oder kr&#228;nkt. Seine Schwiegereltern aus dem Eichsfeld &#8211; er ist Schulleiter, sie &#196;rztin &#8211; geben ihm keinen Anlass zur Beschwerde. »Sie w&#252;rden mir fast alles schenken, wenn ich es wollte«, sagt er, aber auch: »Doch normalen menschlichen Umgang stelle ich mir anders vor.« Irgendwie l&#228;sst ihn das Gef&#252;hl nicht los, die Schwiegereltern h&#228;tten sich f&#252;r die einzige Tocher etwas »Besseres% gew&#252;nscht. Jetzt liegen seine H&#228;nde schwer auf dem Tisch, leise ist seine Stimme: »Wenn ich sogar da in Frage gestellt werde &#8230;« Doch schnell verscheucht er den traurigen Gedanken, und es klingt trotzig: »Ich habe gelernt,mit meinen Problemen umzugehen. Ich habe kein Problem, das Problem haben sie.«</p>
<p style="text-align: center;">*</p>
<p>Und dennoch &#8211; dass es ihm so schlimm ergehen w&#252;rde in Deutschland, das hatte er nicht erwartet. »Ich dachte, ich habe alles erlebt, was man hier als Ausl&#228;nder erleben kann. Nie h&#228;tte ich erwartet, dass man ohne Grund, einfach so angegriffen und fast zu Tode gepr&#252;gelt werden kann.« Am 18. September 1998 wurde der Kameruner eines Anderen, Schlechteren belehrt. Er hatte in den Semesterferien einen Job in Mittenwalde angenommen, t&#228;gliche Nachtarbeit &#8211; weit weg von seiner Wohnung im Norden Berlins. Er fuhr mit der S-Bahn, von K&#246;nigs Wusterhausen nahmen ihn zwei Kollegen mit. So sollte es auch an diesem Freitagabend sein. Doch als er den Zug verlie&#223;, steuerten drei junge Burschen auf ihn zu, rechte Schl&#228;ger. Sie rissen ihm die M&#252;tze vom Kopf, schlugen und traten auf ihn ein, jagten ihn &#252;ber den Bahnhofsvorplatz. Er sah eine Reihe Taxis, rannte auf sie zu. Sie w&#252;rden ihm helfen. Zwei Skinheads, der Dritte hatte von ihm abgelassen und in den sp&#228;teren Prozessen als Zeuge ausgesagt, folgten und lauerten: Wie w&#252;rden die Taxifahrer reagieren? »Erst als sie merkten, dass sie mich wegschicken, sogar dazu aufforderten, mich von den Autos wegzunehmen, haben sie weiter geschlagen.« Nun wusste William, dass er allein war, nur noch sich selbst helfen konnte. Er k&#228;mpfte um sein Leben..</p>
<p>Und er ist davon gekommen. Damit k&#246;nnte die Geschichte zu Ende sein &#8211; f&#252;r William Zombou ist sie es nicht. Der gl&#228;ubige Katholik denkt auch an jene, die nicht mehr leben. An Amadeu Antonio, den Angolaner, der schon 1990 in Eberswalde zu Tode getreten wurde. An Jorge Joao Gomundal, den man 1991 in Dresden aus der Stra&#223;enbahn warf, woran er starb. An Omar ben Noui, der in Guben zu Tode gehetzt wurde. Und an jene, die bleibende Sch&#228;den davon trugen: Martin Agyare, der 1994 aus der Berliner S-Bahn geworfen wurde, ein Bein verlor und den man drei Jahre sp&#228;ter erneut angriff. Orazio Giamblanco, den Skins 1996 in Trebbin zum Kr&#252;ppel schlugen. Noel Martin, dem in Mahlow ein Stein ins Auto geschleudert wurde, worauf er gegen einen Baum fuhr und seitdem querschnittgel&#228;hmt ist. »Ich bin ein Opfer wie sie«, sagt Zombou, »aber ich durfte weiterleben, meine Gesundheit behalten. Ich darf mich f&#252;r sie &#246;ffnen, darf die &#214;ffentlichkeit alarmieren.« Er versteht sein &#220;berleben wie ein Verm&#228;chtnis, einen Auftrag, damit sich &#196;hnliches nicht so leicht wiederholen kann. »Weil ich noch lebe, kann und muss ich etwas tun.« Ein zweites Leben &#8211; damit vielleicht andere das ihre nicht verlieren.</p>
<p>Der Afrikaner hatte sich auch vorher immer gewehrt. Er verlangte das Beisein der Polizei, wenn ihn Ladenbesitzer ohne Grund kontrollieren wollten, zeigte sie sogar wegen Verleumdung und Freiheitsberaubung an. Er stellte die Detektive zur Rede, wenn sie allein seine Hautfarbe als zureichenden »Anfangsverdacht« ansahen. Er brachte seinen Wohnungsnachbarn vor Gericht, als der betrunken &#252;ber ihn her fiel und ihn w&#252;rgte. Es wollte damit seine W&#252;rde wahren, selbstbewusst signalisieren, dass er sich nicht alles gefallen l&#228;sst. Er wollte aufkl&#228;ren, warnen, alarmieren. Nicht nur die eigentlichen T&#228;ter sollten bestraft werden, er wollte auch jenen, hinter denen sie sich verstecken, unbequeme Fragen stellen, sie zum Nachdenken zwingen &#8211; und vielleicht zum Handeln ermutigen. »Wer erkennt und bekennt, dass er nicht richtig gehandelt hat, ist schon auf dem Weg. Wer das nicht einmal will, wird sich nicht &#228;ndern.«</p>
<p>Er verklagte die Taxifahrer von K&#246;nigs Wusterhausen wegen unterlassener Hilfeleistung. Sein erster Anwalt glaubte, Zombou sei vor allem auf eine Entsch&#228;digung aus und begriff seinen Mandanten nicht. Die Kreuzberger Rechtsanw&#228;ltin Christin&#228; Clemm, die dann den Fall &#252;bernahm, und der brandenburgische Verein »Opferperspektive«, vor allem Kai Wendel und Gabi Jaschke, waren hilfreichere Partner. William Zombou weigerte sich auch, jenes Tonband herauszugeben, auf dem sein Anrufbeantworter den Dialog der Polizisten wiedergab, die seinen Fall ermitteln sollten: »Richtiges Neger-Englisch spricht der. Da hat er Pech gehabt. Wir haben hier keinen Dolmetscher«, und lachten. Die Polizei wollte das Beweisst&#252;ck gern haben, sogar von Beschlagnahme war die Rede. Zombou nutzte es in den Prozessen gegen die Schl&#228;ger und die Taxifahrer nicht. »Das hat keinen Sinn«, begr&#252;ndet er. »In meiner Lage kann ich es mir nicht jahrelang mit der Polizei verderben. Wichtig ist, dass so etwas in die &#214;ffentlichkeit kommt.« F&#252;r ihn steht zumindest die Polizei in K&#246;nigs Wusterhausen auf Seiten der T&#228;ter &#8211; wie jene Richterin, die die Taxifahrer frei sprach und damit auch all jene, die Gewalt gegen Fremde klammheimlich tolerieren.</p>
<p>William Zombou versteckt sich nicht, aber die Angst bleibt. Er w&#252;rde gern weggehen, doch seine Frau m&#246;chte Deutschland nicht verlassen. Er liebt seine beiden T&#246;chter &#8211; und bleibt. »Nach den Regeln der Statistik passiert mir das nicht noch einmal!« Mit Scherzen bek&#228;mpft er die Angst, immer hat er sein Handy, manchmal auch ein Abwehrspray dabei. Doch am meisten verl&#228;sst er sich auf seine schnellen Beine. »Am Besten ist: Wegkommen!« Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen? Das gilt hier nicht f&#252;r jeden. Manche sind Fl&#252;chtlinge im eigenen Land.</p>
<address> (Ver&#246;ffentlicht in »Neues Deutschland« vom 24.12.1999)</address>
<p>&nbsp;</p>
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