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	<title>blogsgesang.de &#187; AfNS</title>
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	<description>Blog zu Politik, Zeitgeschichte, Kultur und Welt-Anschauung von Peter Richter (pri) und Rudolf Hempel (rhe)</description>
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		<title>Vor 20 Jahren &#8211; Sturm auf die Stasi-Zentrale</title>
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		<pubDate>Fri, 15 Jan 2010 15:56:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Eins der wenigen gewaltt&#228;tigen Ereignisse der Wendezeit 1989/90 fand heute vor 20 Jahren in der Berliner Normannenstra&#223;e statt. Hier residierte die geheimnisumwitterte Zentrale der DDR-Staatssicherheit, in der die Arbeit anscheinend unbeeindruckt vom Geschehen des letzten Vierteljahres auf den Stra&#223;en weiterzugehen schien. In den Bezirken der DDR waren die MfS-Verwaltungen bereits B&#252;rgerkomitees &#252;bergeben worden; nur in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Eins der wenigen gewaltt&#228;tigen Ereignisse der Wendezeit 1989/90 fand heute vor 20 Jahren in der Berliner Normannenstra&#223;e statt. Hier residierte die geheimnisumwitterte Zentrale der DDR-Staatssicherheit, in der die Arbeit anscheinend unbeeindruckt vom Geschehen des letzten Vierteljahres auf den Stra&#223;en weiterzugehen schien. <span id="more-1444"></span>In den Bezirken der DDR waren die MfS-Verwaltungen bereits B&#252;rgerkomitees &#252;bergeben worden; nur in der Hauptstadt schien sich diesbez&#252;glich nichts zu tun. Das weckte zunehmendes Unverst&#228;ndnis, gepaart mit Ungeduld. F&#252;r den 15. Januar 1990 war zu einer Demonstration vor dem Hauptangang der MfS-Zentrale aufgerufen worden. Ausdr&#252;cklich sollten dazu auch Steine mitgebracht werden; man wollte die Tore des Stasi-Ministeriums symbolisch zumauern, um seine weitere Arbeit zu unterbinden. Bald zeigte sich jedoch, dass Steine auch anderweitig verwendbar waren. Die Masse vor dem Tor nahm eine immer bedrohlichere Haltung ein. Irgendwann beschlossen die verbliebenen Verantwortlichen der Staatssicherheit gemeinsam mit B&#252;rgerrechtlern, die sich l&#228;ngst im Inneren des Komplexes befanden, die &#214;ffnung der Tore.</p>
<p>Was dann geschah, ist dieser Tage immer wieder <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0113/berlin/0012/index.html" target="_blank">ausf&#252;hrlich beschrieben </a><img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/efa3aa9b3aaa41d79fa60eef50776f50" alt="" width="1" height="1" />worden. Nur wenig beachtet wurde dabei jedoch, dass eine gro&#223;e Diensteinheit des MfS, die sich »Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung« nennende Spionageabteilung, vom Sturm auf die Zentrale fast v&#246;llig verschont blieb. Folgender Text, der in den Jahren 1991/92 entstand und – hier geringf&#252;gig ver&#228;ndert – in dem Buch »Wolfs Westspione. Ein Insider-Report« ver&#246;ffentlicht wurde, wandte sich gerade diesem Ph&#228;nomen zu, beschrieb es, suchte also eine Antwort auf die Frage:</p>
<h3>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung &#8211; eine Insel im Sturm?</h3>
<p>Der 15. Januar 1990 ist ein k&#252;hler und regenfeuchter Tag. Noch vor 16 Uhr bricht die D&#228;mmerung herein, und eine Stunde sp&#228;ter ist es stockdunkel. Vor dem riesigen Geb&#228;udekomplex zwischen Frankfurter Allee und Normannenstra&#223;e im Berliner Stadtbezirk Lichtenberg stehen jedoch tausende Demonstranten im glei&#223;enden Licht der Scheinwerfer und Lampen, die stets unbehinderte Sicht auf die Au&#223;enmauern des Ministeriums f&#252;r Staatssicherheit gew&#228;hrleisten sollten. Noch vor einigen Wochen h&#228;tten sich die Menschen nicht gewagt, hier l&#228;nger als irgend n&#246;tig zu verweilen – und wenn, sie w&#228;ren schnell durch die aufmerksamen Wachtruppen zum Weitergehen aufgefordert worden.</p>
<p>Heute ist es anders. Der Umbruch des Herbstes 1989 hatte dazu gef&#252;hrt, dass bereits im Dezember die &#246;rtlichen Verwaltungen des MfS in allen Bezirksst&#228;dten der DDR besetzt und anschlie&#223;end von Polizeikr&#228;ften gesichert wurden, um den Spielraum der Staatssicherheit einzuschr&#228;nken. Da war es nach Auffassung aller Beobachter nur eine Frage der Zeit, wann die Berliner Zentrale dieses Schicksal teilen w&#252;rde. F&#252;r diesen 15. Januar hatte das Neue Forum hatte zu einer Demonstration aufgerufen, zu der Steine mitgebracht werden sollten, um damit symbolisch die Zug&#228;nge zum Ministerium zuzumauern und so seine Weiterarbeit zu unterbinden.</p>
<p>Das Geschehen entwickelte sich jedoch in ganz anderer Weise, denn wie in den Bezirksst&#228;dten verlangten die Demonstranten Zugang zu den Dienstr&#228;umen, wollten sie die verhasste Unterdr&#252;ckungszentrale endlich von innen sehen, vielleicht ihre Akte suchen und die MfS-Mitarbeiter zur Rede stellen. Das Wachpersonal, bestehend aus Volkspolizisten, gibt diesem Druck bald nach. Auch die im Innern befindlichen Vertreter der B&#252;rgerrechtsgruppen – sie hatten seit Wochen Zugang zu allen Diensteinheiten des Ministeriums – sehen keinen Grund, den Demonstranten den Zutritt zu verweigern, und das umso mehr, als vor dem Tor allm&#228;hlich eine bedrohliche Situation entsteht.</p>
<p>Die Angeh&#246;rigen des fr&#252;heren MfS bzw. des Am<img class="alignright size-medium wp-image-1447" title="Westspione" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/01/Westspione-199x300.GIF" alt="Westspione" width="199" height="300" />tes f&#252;r Nationale Sicherheit, wie es seit Amtsantritt der Modrow-Regierung hei&#223;t, befinden sich nur noch in geringer Zahl in den Arbeitsr&#228;umen. Sind sind seit langem entwaffnet und seit dem Wochenende zuvor bis auf einen kleinen Rest beurlaubt. Am Freitag und Sonnabend hatten sie ihren meist langj&#228;hrigen Arbeitsplatz f&#252;r immer verlassen, die letzten pers&#246;nlichen Gegenst&#228;nde – B&#252;cher, Bilder, Blumen usw. &#8211; mitgenommen. Nun war ein Kapitel ihrer Biografie abgeschlossen. Die meisten verfolgten das Geschehen des Montags am Fernsehapparat – und wer es bis dahin nicht wahrhaben wollte, wusste nun, dass es kein Zur&#252;ck mehr gab.</p>
<p>Die Besetzung der MfS-Zentrale Normannenstra&#223;e war zu erwarten gewesen; daher tut niemand etwas, um sie zu verhindern. Das Wachregiment war schon vor einiger Zeit abgezogen worden; die wenigen in den Dienstobjekten verbliebenen Mitarbeiter schreiten nicht ein. Die Demonstranten wenden sich dem protzigsten Bau auf dem Gel&#228;nde zu, ( / dem erst vor einigen Jahren fertiggestellten Versorgungstrakt. Einige jedoch erweisen sich als erstaunlich ortskundig und marschieren zielstrebig zum Geb&#228;ude der inneren Spionageabwehr. Deren bisher streng gesicherte Arbeitsr&#228;ume sind pl&#246;tzlich auf den TV-Schirmen zu sehen, wie sie ganz offensichtlich gezielt durchst&#246;bert werden. Der stellvertretende Leiter dieser Hauptabteilung II, Oberst Wiegand, hatte sich bereits im Dezember 1989 in Obhut des Bundesnachrichtendienstes begeben. Ausgestattet vielleicht mit seinen Lageskizzen d&#252;rften die BND-Agenten mehr gefunden haben als Parteitagsbrosch&#252;ren, Konservenb&#252;chsen und leere Dienstformulare.</p>
<p>All das verl&#228;uft ohne nennenswerte Gewalt, ohne Blutvergie&#223;en, beinahe friedlich. Ein Geheimdienst, der fast vierzig Jahre lang Angst und Schrecken verbreitet hatte, f&#228;llt zusammen wie ein Kartenhaus. Es zeigte sich, dass er bereits seit langem ein Koloss auf t&#246;nernen F&#252;&#223;en war, der weder eine Basis in der Bev&#246;lkerung noch den erwarteten R&#252;ckhalt in den eigenen Reihen besa&#223;. Wer Augen hatte zu sehen und Ohren, um zu h&#246;ren, der begriff, dass es dieses System nicht mehr wert war, verteidigt zu werden – zu zerr&#252;ttet war die Wirtschaft, zu unzufrieden war das Volk, zu starr und unbelehrbar die F&#252;hrung von SED und Staat. Radikale &#196;nderungen waren dringend vonn&#246;ten, und das Volk war in seltener Einm&#252;tigkeit entschlossen, diese herbeizuf&#252;hren.</p>
<p>Dem konnten viele Mitarbeiter der Staatssicherheit durchaus zustimmen. Bis auf fanatische Hardliner, die entweder das Gespenst der Konterrevolution an die Wand malten oder die Ereignisse engstirnig nur als tempor&#228;re Erscheinungen verstanden, sahen sie in der gro&#223;en Mehrheit keinen Anlass mehr, die dringend n&#246;tige Katharsis zu verhindern. Sie hatten zwar durch ihre Arbeit dem Regime zu seinem langen zerst&#246;rerischen Leben verholfen, doch jetzt war ihre Bereitschaft, es weiter gewaltsam zu sch&#252;tzen, verloren gegangen. Daraus erkl&#228;rt sich nicht zum geringsten der friedliche Verlauf der kommenden Ereignisse. Selbst jenes Organ, das von SED-und DDR-Staat zur eigenen Machtsicherung herangez&#252;chtet worden und zu einem gigantischen Apparat gewuchert war, versagte faktisch seinen Befehlsgebern die Gefolgschaft. Zwar konnte es sich nicht zu eigenem aktiven Handeln entschlie&#223;en, aber es griff dem Rad der Geschichte auch nicht in die Speichen.</p>
<p>Und mehr noch: Mit einer Reihe von Personen, mit denen das Ministerium seit langem – wenn auch auf sehr ungleicher Basis – zusammengearbeitet hatte, wurden stillschweigende &#220;bereink&#252;nfte gefunden, die die Gewaltlosigkeit von beiden Seiten sicherstellten. Nat&#252;rlich spielte dabei lange auch die Hoffnung eine Rolle, das Ministerium – in welcher Form auch immer – zu erhalten, denn so weit ging die Selbstverleugnung seiner Mitarbeiter nicht, dass sie ohne weiteres bereit waren, die eigene Dienst- und Arbeitsstelle zu opfern. Nun aber spielte selbst das keine Rolle mehr; dazu war die Entwicklung zu weit fortgeschritten. W&#228;hrend auf der einen Seite ein bewusstes Sch&#252;ren des »Volkszorns« vermieden wurde, sorgte das AfNS daf&#252;r, dass Hunderttausende offizielle und inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums ihre T&#228;tigkeit ohne nennenswerten Widerstand f&#252;r immer beendeten. Dieses Handeln, das sich in beiden Lagern heute mit dem Vorwurf des Verrats auseinander zu setzen hat, war wesentlich f&#252;r den friedlichen Verlauf des Wendeprozesses.</p>
<p>Ein Beispiel f&#252;r dieses insgeheime und zum Teil sicher auch unbewusste Einverst&#228;ndnis war der Umgang zwischen B&#252;rgerbewegung und Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung an diesem 15. Januar 1990. Zwar verirren sich auch einige Gr&#252;ppchen der Demonstranten in den 16-st&#246;ckigen Eckbau an Frankfurter Allee und Ruschestra&#223;e; sie ziehen sich jedoch zur&#252;ck, als sie erfahren, dass es sich hier um den Spionagedienst der DDR handelt. Die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung bleibt eine Insel im Sturm auf die Stasi-Zentrale an der Normannenstra&#223;e.</p>
<p>Warum diese Vorzugsbehandlung? Und war eine solche R&#252;cksichtnahme berechtigt?</p>
<p>Das Verhalten der B&#252;rgerrechtler entsprach den Vereinbarungen zwischen ihnen und der Leitung der HVA, das auch von der Anfang Januar 1990 gebildeten Arbeitsgruppe Sicherheit des Zentralen Runden Tisches getragen wurde. Die B&#252;rgerrechtler hatten bereits im Dezember Gespr&#228;che mit Vertretern der Aufkl&#228;rung aufgenommen. Sie trafen dabei auf einen Mann, der vom ersten Moment an einen gewinnenden Eindruck machte, beredsam war und offensichtlich ohne Einschr&#228;nkung Auskunft geben wollte. Es war der stellvertretende Leiter der Auswertungsabteilung der HVA, Oberst Dr. Heinz Busch. Aufgrund genannter Eigenschaften hatte ihn die Generalit&#228;t, die – in der Hoffnung auf eine nahtlose Weiterarbeit im angestrebten und von der Modrow-Regierung auf Empfehlung ihres Beraters Markus Wolf, des fr&#252;heren Chefs der DDR-Spionage, zugesagten »neuen« Auslandsnachrichtendienst – im Hintergrund bleiben wollte, f&#252;r diese heikle Aufgabe ausgew&#228;hlt. Busch entledigte sich ihrer mit Bravour. Er trat den B&#252;rgerrechtlern offensichtlich unbefangen entgegen, mit ausgesuchtem Zuvorkommen und ohne jene Feindseligkeit, die andere MfS-Offiziere im Umgang mit ihren einstigen »operativen Vorg&#228;ngen« nur schwer verbergen konnten. Er erl&#228;uterte, dass die HVA keinerlei Anteil an den Verbrechen des MfS habe, dass ihre Arbeit immer auf die Erhaltung des Friedens gerichtet gewesen sei und dass es nun gelte, die derart verdienstvollen Quellen vor dem Zugriff der anderen Seite zu sch&#252;tzen. Das verstanden die B&#252;rgerrechtler. Ihre humanistische Grundhaltung und wohl auch der Respekt vor den Kunbdschaftern in den westlichen L&#228;ndern veranlassten sie, die HVA weitgehende Handlungsfreiheit zu lassen. Sie glaubten auch, dass die Aufkl&#228;rung in das Unterdr&#252;ckungssystem nicht integriert gewesen sei.</p>
<p>Busch beeindruckte seine Gespr&#228;chspartner – wohl auch deshalb, weil er vieles von dem, was er sagte, ehrlich meinte. Er hoffte zwar auf eine Fortsetzung der nachrichtendienstlichen Arbeit, wollte sie aber auf eine andere Grundlage gestellt sehen. Eine Sicht, die seine Chefs nicht teilten. F&#252;r vorgeschoben, geeignet f&#252;r den Zweck des Zeitgewinns und wohl auch der T&#228;uschung. Busch erkannte das zu sp&#228;t, begriff aber im Januar, dass der Glaube an die Schaffung eines »neuen« Auslandsnachrichtendienstes Illusion war.</p>
<p>Er zog <em>seine</em> Konsequenz. Als er am 15. Januar vor dem Runden Tisch erneut die Interessen der HVA vertreten und sich auf diese Weise nun vor der gesamten Republik dekonspirieren sollte, wechselte er die Seite. Jetzt ist er ein Betreuungsfall des Bundesnachrichtendienstes. Seinen Part vor dem Runden Tisch &#252;bernahm daraufhin Oberst Ralf Devaux, ein Stellvertreter des Wolf-Nachfolgers Werner Gro&#223;mann. Er war f&#252;r die Dienste der Bundesrepublik ebenfalls kein Unbekannter, hatte er doch jahrelang die »legale Residentur« der HVA bei der St&#228;ndigen Vertretung der DDR in Bonn gef&#252;hrt. Devaux kam nicht mehr zu Wort vor dem Runden Tisch. Die Ereignisse an der Normannenstra&#223;e eskalierten und f&#252;hrten zur Unterbrechung der Beratungen. Und danach war das Schicksal des MfS besiegelt – und damit auch seines Spionagedienstes, der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung.</p>
<p>Aus heutiger Sicht waren alle &#220;berlegungen des Herbstes 1989, noch etwas von der DDR-Aufkl&#228;rung zu retten, lediglich Wunschtr&#228;ume. Zu sehr war die HVA in den zur&#252;ckliegenden Jahren in den Verband der MfS-Diensteinheiten mit ihrer auf die Bespitzelung des »inneren Feindes« gerichteten Hauptaufgabe integriert worden, als dass sie sich guten Gewissens ganz und gar vom Gesamtministerium distanzieren konnte. Seit sie Mitte der 50er Jahre zur Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung <em>im</em> Ministerium f&#252;r Staatssicherheit wurde, war sie mit dessen Schicksal auf Gedeih und Verderb verbunden.</p>
<p>Die HVA profitierte von dem, was die Bereiche der Abwehr taten. Sie hatte Zugang zu den Erkenntnissen der Abwehr-Dienteinheiten und nutzte nat&#252;rlich diese M&#246;glichkeit f&#252;r ihre operative Arbeit. Un d sie revanchierte sich daf&#252;r, indem sie geeignete Informationen der Abwehr &#252;bergab. In der HVA war die von Mielke und der Abwehr praktizierte »fl&#228;chendeckende &#220;berwachung« nahezu des gesamten Volkes gewiss nicht sonderlich gesch&#228;tzt und wurde von ihr schon gar nicht forciert. Denn nicht selten behinderte sie dieses Misstrauen gegen jeden und alles in ihrer eigenen Arbeit, die sich ganz anderer Methoden bedienen musste, wollte sie erfolgreich sein. Aber die HVA hatte sich der falschen Sicherheitsdoktrin auch nie entgegengestellt, sondern von ihren Resultaten genommen, was ihr n&#252;tzte. In dem Bestreben, die eigene – f&#252;r notwendig und n&#252;tzlich erachtete – Arbeit m&#246;glichst effektiv tun zu k&#246;nnen, hat sie Kompromisse geschlossen und Zugest&#228;ndnisse gemacht, die im Endeffekt dazu f&#252;hrten, dass sie sp&#228;ter neben andere Diensteinheiten des MfS auf die Anklagebank gesetzt wurde.</p>
<p>Und doch ist Differenzierung vonn&#246;ten! Denn die Grundaufgaben der HVA waren nat&#252;rlich andere als die der Abwehrbereiche. Es ging tats&#228;chlich um eine T&#228;tigkeit, die in nahezu allen Staaten dieser Erde nichts Besonderes darstellt, obwohl sie stets und in jedem Falle gegen die Interessen eines anderes Landes verst&#246;&#223;t, mit dem man in der Regel normalen, wenn nicht gar freundschaftlichen Kontakt pflegt. Dass sich die Staaten in dieser Weise ausforschen, wird von allen augenzwinkernd akzeptiert; ungem&#252;tlich verspricht es nur f&#252;r die daran beteiligten Staatsb&#252;rger des jeweils eigenen Landes zu werden, sobald man ihrer habhaft wird. Diese geheimdienstliche T&#228;tigkeit richtet sich nach au&#223;en und hat – sofern der Dienst konsequent ist (was man in den meisten F&#228;llen aber nicht voraussetzen kann) – nichts mit der Spitzelt&#228;tigkeit nach innen zu tun. Die HVA konnte sich vom unmittelbaren Mittun tats&#228;chlich weitgehend fernhalten, gab es doch im MfS Bereiche, die sich dieser spezifischen Aufgabe eigenverantwortlich – und auch eifers&#252;chtig gegen&#252;ber jeder Kompetenzeinschr&#228;nkung – widmeten. Dazu jedoch hatte die HVA Amtshilfe geleistet, ohne Scheu kooperiert und vieles stillschweigend akzeptiert – weil sich so die Arbeit bequemer machen lie&#223;.</p>
<p>Die HVA war keine Insel im Ministerium f&#252;r Staatssicherheit; dazu gab es zu viele Br&#252;cken und &#220;berg&#228;nge zwischen ihr und den Abwehrbereichen. Insofern fragten sp&#228;ter viele, ob sie es »verdient« hatte, dass die Sturmwellen des Protestes sie damals verschonten. Und sie gaben auch die Antwort, indem sie den Spionageapparat letztlich auch &#228;chteten – als einen voll mithaftenden Bestandteil der Stasi.</p>
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		<title>Vor 20 Jahren – Der Zusammenbruch des DDR-Spionageapparates</title>
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		<pubDate>Fri, 13 Nov 2009 18:03:00 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Heute vor 20 Jahren hat Erich Mielke in der DDR-Volkskammer eine Rede gehalten, mit der er das Organ, das er 32 Jahre f&#252;hrte, der L&#228;cherlichkeit preisgab. Es war dies der gleiche Erich Mielke, der in seiner Amtszeit aus dem Ministerium f&#252;r Staatssicherheit einen schlagkr&#228;ftigen Apparat gemacht hatte, von dem man kaum erwarten konnte, dass er binnen weniger Wochen total zusammenbricht. Noch heute r&#228;tseln viele<span id="more-1353"></span>, warum die Stasi, die jahrzehntelang in der DDR Furcht und Schrecken verbreitet hatte, fast ohne jede Gegenwehr von der Bildfl&#228;che verschwand – und das, obwohl sie unter den zu erwartenden neuen Verh&#228;ltnissen mit Nachsicht nicht rechnen konnte. »Dass die ersch&#246;pften Fu&#223;truppen des Systems von der totalen Sinnlosigkeit staatlicher Gewaltma&#223;nahmen durchdrungen waren«, wie die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung k&#252;rzlich schrieb, geh&#246;rt gewiss zu den Gr&#252;nden des &#252;berraschenden Verhaltens der »bewaffneten Organe der DDR«, erkl&#228;rt es aber kaum hinreichend. Viel wahrscheinlicher ist schon, dass auch viele Stasileute – wie Polizei, Armee, Kampfgruppen usw. – das Vertrauen in ihre F&#252;hrung verloren hatten und – weniger offen als insgeheim – mit den Demonstranten auf den Stra&#223;en sympathisierten.</p>
<p>Einen gewiss begrenzten Einblick in die Entwicklungen vor 20 Jahren gibt folgender Text, der 1992 in der Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report« erschien. Zwar ist heute das damalige Geschehen gr&#252;ndlicher erforscht; dennoch kann diese alte Darstellung neben ihrem dokumentarischen Teil einiges zur seinerzeitigen Atmosph&#228;re am Ende einer Epoche aussagen.</p>
<h3>Der Zusammenbruch des DDR-Spionageapparates</h3>
<p>An zwei Tagen des Jahres herrschte im Ministeri<img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/736b3518dbec4068a144013b772ddefc" alt="" width="1" height="1" /><img class="alignright size-medium wp-image-1355" title="Titel287" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2009/11/Titel2871-199x300.GIF" alt="Titel287" width="199" height="300" />um f&#252;r Staatssicherheit eine besondere Gesch&#228;ftigkeit – um den 7. Oktober, den Tag der DDR-Gr&#252;ndung, und den 8. Februar, den Jahrestag der Bildung des MfS. Aus diesen Anl&#228;ssen fanden in allen Abteilungen und Arbeitsgruppen Dienstversammlungen statt, bei denen Orden, Medaillen und andere Auszeichnungen verliehen wurden. Wie vieles im Ministerium verlief auch dieser Tag nach Ritual. Die Anzugsordnung war exakt vorgeschrieben: Gedeckter Anzug mit Parteiabzeichen und kleiner Ordensspange. Die Damen hatten etwas mehr Freiheit. Ein Beauftragter des Abteilungsleiters hielt eine Rede, f&#252;r die es eine Reihe von Sprachregelungen gab, so dass sich die meisten das Manuskript des Vorjahres heraussuchen lie&#223;en und meist nicht viel mehr als Daten und konkrete Bez&#252;ge &#228;nderten. Der Abteilungsleiter &#252;berreichte die Ehrungen, der Parteisekret&#228;r gratulierte, und danach wurde gefeiert. So lief das Jahr f&#252;r Jahr ab – auch im Oktober 1989.</p>
<p>Zu diesem Zeitpunkt waren auch schon die Vorbereitungen auf den 8. Februar 1990 in vollem Gange. Immerhin war das der 40. Gr&#252;ndungstag des MfS und sollte geb&#252;hrend begangen werden. Die Diensteinheiten hatten bereits ihre Auszeichnungskandidaten gemeldet, Kommissionen bereiteten die Feierlichkeiten vor. Es schien undenkbar, dass an jenem Tag nicht gefeiert w&#252;rde! Und doch kam es so. Das Ministerium f&#252;r Staatssicherheit &#8211; in vier Jahrzehnten entstanden und zu einem Machtfaktor ersten Ranges geworden, brach in weniger als vier Monaten zusammen. Geschichte im Zeitraffer.</p>
<p>Um den 7. Oktober 1989 waren »Schild und Schwert der Partei« noch kampfbereit. Die Demonstranten der Montage wurden mit brutalen Mitteln auseinandergetrieben. Zu den dabei agierenden »Sicherheitskr&#228;ften« geh&#246;rten auch Mitarbeiter der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung, das Spionageapparates der DDR – denn damals wurde alles mobilisiert, um den 40. Jahrestag der Gr&#252;ndung der DDR st&#246;rungsfrei ablaufen zu lassen. Generalleutnant Wolfgang Schwanitz, viele Jahre Leiter der MfS-Bezirksverwaltung Berlin, danach als stellvertretender Minister f&#252;r den Bereich »Operativ-technische Sicherstellung« (OTS) zust&#228;ndig und von manchem als denkbarer Nachfolger des greisen Erich Mielke gehandelt, &#252;bernahm die Leitung des Einsatzes zur Absicherung der Jubelfeiern zum 7. Oktober.</p>
<p>Angesichts der in der Bev&#246;lkerung seit Monaten grassierenden Unruhe und der gewachsenen Konfliktbereitschaft von immer mehr Menschen sah er nur eine M&#246;glichkeit, wenigstens f&#252;r diese Tage eine gewisse »Beruhigung« zu schaffen – die Isolierung der Unzufriedenen und die Abschreckung vor weiteren demonstrativen Handlungen. Darauf beruhte die Orientierung, alle Demonstranten »zuzuf&#252;hren« und dabei nicht zimperlich vorzugehen. Ob es nun stimmt, dass Erich Mielke – wie verschiedentlich behauptet – am 7. Oktober kurzzeitig den Einsatz inspizierte und dabei zu noch mehr H&#228;rte aufrief, ist unerheblich; auf jeden Fall gingen seine internen Weisungen genau in diese Richtung und wurden ausgef&#252;hrt.</p>
<p>Die Mitarbeiter der HVA, aber auch viele MfS-Angeh&#246;rige aus der Verwaltung und andere administrativen Bereichen, wurden erstmals in dieser Weise mit der Bev&#246;lkerung konfrontiert. Nicht wenige empfanden Unbehagen, verhielten sich passiv, soweit es ihnen m&#246;glich erschien, wichen auf Einsatzorte aus, die nicht im Zentrum des Geschehens lagen. Dies verst&#228;rkte sich noch, als aus Berichten der westlichen Medien der Umfang und die Unerbittlichkeit der Aktionen gegen friedliche Demonstranten bekannt wurden. In der HVA gingen zu diesem Zeitpunkt bereits emp&#246;rte Berichte von inoffiziellen Mitarbeitern ein, die aus eigenem Anschauen oder durch ihre Kinder Kenntnis vom Geschehen auf den Berliner Stra&#223;en erhalten hatten und ihre Ablehnung zum Ausdruck brachten.</p>
<p>Dies beschleunigte auch im MfS, das bis dahin im Prinzip wie ein Mann zur »Partei-und Staatsf&#252;hrung« gestanden hatte, ein Differenzierungsprozess. F&#252;r viele »an der unsichtbaren Front« wurde erkennbar, dass die betriebene Politik letztlich nur scheitern konnte. Erstmals standen sie vor der Frage, ob sie sich mit in den Untergang rei&#223;en lassen wollten oder die Kraft finden w&#252;rden, auf Ver&#228;nderungen hinzuarbeiten. Die meisten waren angesichts dieser Alternative wie gel&#228;hmt – weder f&#228;hig zu echtem Widerstand noch bereit, das zerbrechende Regime zu retten.</p>
<p>Die Ereignisse der folgenden Tage – Absetzung Honeckers, Mittags und Herrmanns, Versuche der SED, mit halbherzigen Ma&#223;nahmen wieder in die Offensive zu kommen – f&#246;rderten diese Passivit&#228;t. Die meisten warteten ab, wie sich die Dinge entwickeln w&#252;rden. Dies zeigte sich sowohl in der dienstlichen Leitung, die in totaler Sprachlosigkeit verharrte, als auch in der SED-Parteiorganisation, die im milit&#228;rischen Organ MfS der einzige Ort f&#252;r eine gewisse Selbst&#228;ndigkeit h&#228;tte sein k&#246;nnen. Letztere jedoch hatte sich durch ihre strenge Orientierung an den Auffassungen der dienstlichen Leitung, was zuletzt gar die Verurteilung ihres fr&#252;heren Chefs <a href="http://www.blogsgesang.de/2007/01/19/markus-wolf/" target="_blank">Markus Wolf </a>einschloss, restlos diskreditiert. Wolf hatte auch in seiner fr&#252;heren Wirkungsst&#228;tte aus seinem Buch »Die Troika« gelesen und &#252;ber Diskussionen dar&#252;ber berichtet. Der kritische Geist solcher Veranstaltungen missbehagte manchem, und als er dann auch noch in einem westlichen Fernsehsender das Verbot des Vertriebs der sowjetischen Zeitschrift »Sputnik« in der DDR kritisierte, war das Anlass zu offener Ma&#223;regelung. Der Parteisekret&#228;r der Aufkl&#228;rung, Generalmajor Otto Ledermann, hielt ihm vor, es k&#228;men Anrufe vom Zentralkomitee, der zentralen Parteikontrollkommission und vielen anderen, im Sekretariat der Kreisleitung m&#252;sse etwas gesagt werden, auch vor der Kreisleitung selbst. So berichtete Wolf sp&#228;ter selbst dar&#252;ber und verschwieg dabei nicht, dass er letztlich teilweise einlenkte. »Wenn es euch hilft«, so empfahl er Ledermann, »dann sagt einfach, ich w&#228;re der Meinung, dass die Frage zum ›Sputnik‹ besser nicht gestellt worden w&#228;re.«</p>
<p>Derselbe Ledermann klebte lange an seinem Sekret&#228;rsessel. Und als er ihn dann verlie&#223;, folgte er damit auch wieder nur einem Befehl von oben, der aber diesmal durch die Proteste von unten erzwungen wurde. Als sein Nachfolger war der schon lange f&#252;r diese Funktion Auserkorene, Generalmajor Tauchert vorgesehen, aber die HVA-Mitarbeiter lehnten diesen Vertreter der gescheiterten alten Linie sofort ab – und auch er selbst hatte schlie&#223;lich wenig Neigung, die undankbare Funktion zu &#252;bernehmen. Ein junger Oberstleutnant wurde zum Sekret&#228;r der SED-Organisation gew&#228;hlt. Gegen den verkn&#246;cherten Apparat jedoch kam er nicht an, zumal nicht einmal die Parteif&#252;hrung wusste, wie es weitergehen sollte. Das neue, f&#252;r Sicherheitsfragen zust&#228;ndige Politb&#252;romitglied Wolfgang Herger konnte bei seinem Antrittsbesuch Ende Oktober 1989 auch nur mit Achselzucken auf die vielen Fragen der Aufkl&#228;rer antworten. Die Lethargie des Apparates war vollst&#228;ndig.</p>
<p>Inzwischen aber handelte das Volk. Die Proteste gingen weiter, verst&#228;rkten sich. Forderungen an die F&#252;hrung wurden immer unmissverst&#228;ndlicher und dringender formuliert. Am 4. November versammelten sich in Berlin 500 000 oder mehr und zeigten, wer zum Souver&#228;n in der DDR geworden war. Die vier Wochen zuvor noch so aktiven »Sicherheitskr&#228;fte« erwiesen sich nun schon als machtlos. Sie verfolgten die Massendemonstration am Fernsehger&#228;t, denn der noch amtierende Minister f&#252;r Staatssicherheit hatte f&#252;r alle Mitarbeiter Anwesenheit in den Dienstr&#228;umen befohlen, verbunden mit »erh&#246;hter Einsatzbereitschaft«. Dabei wollten viele – zumindest aus heimlicher Sympathie – auf dem Alexanderplatz dabeisein.</p>
<p> Manche hatten damals noch die Hoffnung, es k&#246;nne zumindest f&#252;r die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung eine Zukunft geben. Immerhin geh&#246;rte ihr langj&#228;hriger Chef Markus Wolf zu den Rednern auf dem Alexanderplatz, war die Aufkl&#228;rung erstmals aus ihrer Konspiration getreten und hatte sich der &#214;ffentlichkeit gestellt. Am 17. November gab die Regierung Modrow dem Ministerium f&#252;r Staatssicherheit einen neuen Namen – Amt f&#252;r Nationale Sicherheit (AfNS) – und einen neuen Chef – eben jenen Wolfgang Schwanitz, der sich in den Oktobertagen einschl&#228;gig ausgezeichnet hatte. F&#252;r die Leitung des fortbestehenden Apparates und damit auch der HVA war das Grund, an eine nahtlose Fortsetzung der bisherigen Arbeit zu glauben. Das aber stand in scharfem Widerspruch zu den Erwartungen des Volkes, aber auch vieler Mitarbeiter und ihrer inoffiziellen Partner. Nicht zuletzt aus dem Operationsgebiet trafen auf verschiedenen Wegen dringende Anfragen ein, die Zweifel und Unverst&#228;ndnis ausdr&#252;ckten – und zugleich Forderungen nach radikaler Kurs&#228;nderung. So schrieb ein Kundschafter, er sei 1970 aus politischer &#220;berzeugung bereit gewesen, f&#252;r die HVA zu arbeiten. Er habe das Ideal einer anderen, besseren Gesellschaft und wollte daf&#252;r etwas tun. Die Unterst&#252;tzung der Politik der DDR sei f&#252;r ihn eine solche M&#246;glichkeit gewesen; jetzt aber f&#252;rchte er, einem riesigen Irrtum aufgesessen zu sein. Er wolle nicht, dass sein Ideal zerbricht. Er flehe darum, dass die HVA mit ihren Mitte!n etwas tut, damit die Alternative auf deutschem Boden nicht untergeht. Das war eine legitime Erwartung; zugleich aber wurden die M&#246;glichkeiten der HVA in tragischer Weise &#252;bersch&#228;tzt.</p>
<p>Viele Mitarbeiter aber f&#252;hlten sich davon angesprochen und formierten einen vorsichtigen Widerstand, der sich jedoch vor allem gegen Missst&#228;nde im eigenen Haus richtete. Mit ihrer Kritik an den seit langem missbilligten Privilegien der Leiter hatten sie sogar Erfolg. Die Sonderl&#228;den zur besseren Versorgung der »Nomenklatur-Kader« wurden schnell abgeschafft, die dienstlichen West-PKW (Volvo und Fiat) gegen Lada-Modelle ausgewechselt, die medizinische Sonderbetreuung aufgehoben. Pl&#246;tzlich a&#223;en alle MfS-Angeh&#246;rigen – ungeachtet des Dienstgrades – im gleichen Saal zu Mittag. &#220;ber diesen l&#228;cherlichen Erfolgen verschwand beinahe das Hauptanliegen, die &#196;nderung der Politik. Doch die ersten Erkl&#228;rungen ihres neuen Amtschefs wie auch der letzte Auftritt ihres fr&#252;heren Ministers holten sie schnell in die Wirklichkeit zur&#252;ck – und die lautete f&#252;r die MfS-F&#252;hrungsriege: Kleine Zugest&#228;ndnisse machen und damit das gro&#223;e Ganze retten!</p>
<p>W&#228;hrend Mielke am 13. November, in seiner ersten und letzten Rede vor der Volkskammer, vehement und zugleich grotesk seine Arbeit verteidigte, bei der »die Vertretung der Interessen der Werkt&#228;tigen stets oberster Auftrag« gewesen sei, tat Schwanitz so, als beginne er beim Punkte Null. Mielke habe ihm nur zwei leere Stahlschr&#228;nke hinterlassen. Zugleich aber strapazierte er die alten Schlagw&#246;rter von der unverzichtbaren staatlichen Sicherheit. Tats&#228;chlich neue Ideen waren nirgends zu entdecken.</p>
<p>Die Mitarbeiter der HVA reagierten mit einer Demonstration auf ihrem Dienstgel&#228;nde. Nach Feierabend, in der Dunkelheit, versammelten sich einige Mutige gegen den dringenden Rat der meisten ihrer Vorgesetzten und stellten die Frage, ob der neue Name nur die Beibehaltung der alten Inhalte kaschieren sollte. Denn in ihren Augen versuchte das AfNS, seine alten Machtpositionen zu erhalten; auch die Richtung seiner Arbeit – die Opposition, welche mittlerweile das gesamte Volk erfasste – blieb, von einigen kosmetischen Korrekturen abgesehen, unver&#228;ndert. Weder wurde offen und selbstkritisch zu den Gesetzesverletzungen der ferneren und j&#252;ngsten Vergangenheit Stellung genommen, noch fand &#252;berhaupt eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit des MfS statt. Mit Pauschalverweisen auf eine »falsche Sicherheitsdoktrin«, die das Politb&#252;ro und namentlich Mielke zu verantworten h&#228;tten, schien es manchem getan. Auch f&#252;r die »internen Demonstranten« gab es keine Antworten. Schwanitz versicherte lediglich, Tag und Nacht zu arbeiten. Als er ausgepfiffen wurde, zog er sich zur&#252;ck.</p>
<p>Seine wie auch die Arbeit vieler anderer Gener&#228;le lief offensichtlich darauf hinaus, die alten Strukturen m&#246;glichst unver&#228;ndert in die neue Zeit hin&#252;berzuretten. Auch in der HVA wurden derartige Pl&#228;ne geschmiedet. Und sie schienen sogar nicht chancenlos, akzeptierte doch die B&#252;rgerbewegung die Aufkl&#228;rung als besonderen Teil des MfS, der weitgehend in Ruhe gelassen wurde. Doch auch diese – objektiv wohl schon damals unrealistische – Chance wurde nicht genutzt.</p>
<p>Inzwischen waren die Mitarbeiter immer aufs&#228;ssiger geworden. Als Ende November der SED-Sonderparteitag n&#228;her r&#252;ckte und &#252;berall die Delegierten f&#252;r die Vorbereitungskonferenzen der verschiedenen Ebenen gew&#228;hlt wurden, geschah es erstmals, dass die Regie von oben nicht klappte. Statt sorgsam ausgesiebter Delegierter – wie in den Vorjahren – w&#228;hlten die Parteimitglieder weitgehend ihre eigenen Kandidaten. Das Abonnement der hohen Dienstgrade auf einen solchen »Ehrenplatz« war vorbei. Das galt auch f&#252;r den Parteitag. Hier konnte zwar Gro&#223;mann noch knapp &#252;ber die H&#252;rde kommen, aber sein Vorg&#228;nger Wolf bekam bedeutend mehr Stimmen als er. Doch Konzepte, wie es weitergehen sollte, waren noch immer nicht zu vernehmen. Selbst der »Hoffnungstr&#228;ger« aller Aufkl&#228;rer, Markus Wolf, hielt sich bedeckt. »Ich habe dem ZK meine Vorstellungen schriftlich vorgelegt«, beschied er Frager.</p>
<p>Tats&#228;chlich br&#252;teten zu jener Zeit Leiter der HVA intensiv &#252;ber ihre Zukunft. Dabei konnten sie sich aber von alten Doktrinen nicht befreien, und f&#252;r die neuen Herausforderungen wussten sie keine praktikablen Antworten. Sie dachten weiter in den alten, zementierten Bahnen der Vergangenheit. Die Ausgangs&#252;berlegung war: Ein Nachrichtendienst wird immer gebraucht. Er m&#252;sste von allem ideologischen Ballast befreit werden und sollte gewisserma&#223;en als professionelles Dienstleistungsunternehmen fungieren. Schon beim Dienstherr aber schieden sich die Geister. Die einen – sie glaubten damals noch an ein &#220;berleben der DDR – sahen deren Regierung in dieser Funktion; ihr wurde Interesse an internen Informationen aus dem Ausland a priori unterstellt. Andere aber ahnten die kommende Entwicklung und wollten aufs richtige Pferd setzen. Sie dachten vor allem an die erkleckliche Mitgift, die die HVA in Form von Personen und konspirativem Wissen in jede Ehe einbringen konnte und planten, die Positionen im Ausland dem Bundesnachrichtendienst &#252;bergeben; die Quellen im Westen Deutschlands sollten nat&#252;rlich stillgelegt und amnestiert werden. Einige wenige setzten diese Variante auf eigene Faust sofort selbst um.</p>
<p>Nicht ganz klar war bei beiden Modellen, gegen wen sich k&#252;nftig die Spionage richten sollte. Bei der zu erwartenden engen Zusammenarbeit mit der BRD war eine Fortf&#252;hrung ihrer Aussp&#228;hung, zumal in der bisherigen Gr&#246;&#223;enordnung, undenkbar. Sie w&#252;rde also eingestellt werden; an ihre Stelle sollte eine verst&#228;rkte Geheimdienst-T&#228;tigkeit in der dritten Welt und in den wichtigsten westlichen Staaten treten. Bei der Variante eines Zusammengehens mit dem BND waren auch diese Vorstellungen nur begrenzt realisierbar, denn der bundesdeutsche Nachrichtendienst brauchte vor allem Quellen im Osten. Die der HVA sa&#223;en jedoch ausschlie&#223;lich im Westen, allenfalls noch in Dritte-Welt-Staaten.</p>
<p>&#220;ber diesem Pl&#228;neschmieden ging die Entwicklung au&#223;erhalb der Normannenstra&#223;e st&#252;rmisch weiter. Am 3. Dezember wurde als erste MfS-Bezirksverwaltung die in Erfurt besetzt. In der Nacht auf den 4. Dezember begann auch in Leipzig – nach einer der ber&#252;hmten Montags-Demos – die Sicherung der dortigen Stasi-Unterlagen. Weitere Bezirksst&#228;dte folgten. Der zentrale Runde Tisch, der sich am 7. Dezember konstituierte, musste sich gleich in seiner ersten Sitzung mit dieser Entwicklung befassen. Er verlangte als erstes die Sicherung aller Unterlagen und forderte dazu die Abl&#246;sung der Objektbewachung, soweit sie noch in der Verantwortung des Wachregiments »Feliks Dzierzynski« lag, durch Kr&#228;fte des Ministeriums des Innern. Die zweite Forderung betraf die Aufl&#246;sung des Amtes f&#252;r Nationale Sicherheit unter ziviler Kontrolle. W&#228;hrend die Bewachung durch die Deutsche Volkspolizei unmittelbar einsetzte, folgte die Regierung Modrow dem Verlangen nach Aufl&#246;sung des Geheimdienstes am 14. Dezember nur z&#246;gernd. Denn zugleich wurde der Aufbau zweier neuer Dienste bekanntgegeben – eines Verfassungsschutzes und eines Auslandsnachrichtendienstes. Die Trennung der HVA vom Abwehrapparat, die auch im Herbst 1989 trotz zahlreicher entsprechender Vorschl&#228;ge der Aufkl&#228;rer nicht zustande gekommen war, sollten nun vollzogen werden.</p>
<p>Die Leitung der HVA und auch eine Reihe von Mitarbeitern sch&#246;pften neuen Mut. Als am 21. Dezember Ministerpr&#228;sident Modrow mit den Vertretern der Armee, des Innenministeriums und des in Aufl&#246;sung befindlichen AfNS das weitere Vorgehen beriet, forderte Gro&#223;mann f&#252;r den k&#252;nftigen Auslandsnachrichtendienst mit 4000 Mann kaum weniger, als er zu jenem Zeitpunkt offiziell umfasste. In der gesamten vorherigen Diskussion hatte sich niemand zu radikalen K&#252;rzungen des Personalbestandes durchringen k&#246;nnen. Noch aber hatte die HVA eine Gnadenfrist. Die Arbeitsgruppe Sicherheit des Runden Tisches sprach sich zwar am 27. Dezember gegen einen Verfassungsschutz aus, &#228;u&#223;erte aber zu dem geplanten Spionagedienst keine Meinung. F&#252;r die Sitzung des Runden Tisches am 15. Januar bereitete man ein Konzept vor, das das &#220;berleben der HVA faktisch sicherstellen sollte.</p>
<p>Wolf, Gro&#223;mann und andere f&#252;hrende Vertreter der Leitung hofften, dass die unsichere Haltung der B&#252;rgerrechtler, wie die Aufkl&#228;rung zu bewerten und zu behandeln sei, ihnen ein Comeback erm&#246;glichen w&#252;rde. Sie hatten ein leidliches Verh&#228;ltnis zu den Vertretern der B&#252;rgerbewegung hergestellt, das seitens letzterer gewiss aus dem Respekt vor den Aufkl&#228;rern im Operationsgebiet herr&#252;hrte, aber wohl auch aus der Unkenntnis &#252;ber die Verstrickung der HVA in den Gesamtorganisrnus des MfS. Je mehr dar&#252;ber bekannt wurde, desto kritischer wurde auch die Haltung der B&#252;rgerrechtler gegen&#252;ber dem Spionagebereich des Ministeriums. Und insofern war die Hoffnung auf ein Weiterbestehen von vornherein Illusion; sie basierte darauf, dass die eigenen S&#252;nden verschwiegen werden k&#246;nnten oder aber eine differenzierte Betrachtung des Gesamtph&#228;nomens Staatssicherheit Platz greift. Beides war kaum zu erwarten, das Ende der DDR-Aufkl&#228;rung somit vorprogrammiert.</p>
<p>Heute wird von ehemaligen Mitarbeitern der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung oft dar&#252;ber spekuliert, ob ein kl&#252;geres, die kommende Entwicklung weitsichtiger einbeziehendes Vorgehen den Zusammenbruch der DDR-Spionage h&#228;tte verhindern k&#246;nnen – ein angesichts der Gesamtentwicklung wohl m&#252;&#223;iges Unterfangen. Sinnvoller ist da schon die Frage, inwieweit mehr Offenheit, mehr Schonungslosigkeit gegen&#252;ber der eigenen Vergangenheit und weniger Taktieren im Umgang mit der B&#252;rgerbewegung und der Modrow-Regierung zwar nicht den ohnehin obsoleten Apparat h&#228;tte retten, aber vielleicht den Mitarbeitern der Aufkl&#228;rung einen besseren Abgang h&#228;tte verschaffen k&#246;nnen. Das Z&#246;gern und Zaudern, die nutzlose Suche nach einem Ausweg, der einem die radikale Selbstbefragung erspart – all das hat wohl nicht ganz zu Unrecht das ohnehin latent vorhandene Misstrauen gegen&#252;ber der HVA anwachsen lassen. Und auf der anderen Seite wurde vers&#228;umt, vorurteilsfrei auf die Aufkl&#228;rung zu blicken, sie differenziert mit ihren Verstrickungen in den MfS-Apparat , aber auch ihren Unterschieden von diesem zu betrachten. All das hat schlie&#223;lich den Zusammenbruch und eine chaotische Hinterlassenschaft des DDR-Spionageapparates bewirkt.</p>
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