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	<title>blogsgesang.de &#187; BND</title>
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	<description>Politischer Blog von Peter Richter</description>
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		<title>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR – kurze Geschichte eines Spionagedienstes (Teil IV)</title>
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		<pubDate>Thu, 12 Aug 2010 20:51:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wieder einmal soll der Bundestag daraufhin &#252;berpr&#252;ft werden, inwieweit das Ministerium f&#252;r Staatssicherheit der DDR Einfluss auf die bundesdeutsche Politik genommen hat. Angesichts der geringen Zahl noch nicht bekannter F&#228;lle oder gar einer Fehlmeldung kein Thema, das noch gro&#223;e Aufregung ausl&#246;st. Dabei ist diese Einflussnahme unstrittig, vor allem durch die so genannten aktiven Ma&#223;nahmen der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wieder einmal soll der Bundestag daraufhin &#252;berpr&#252;ft werden, inwieweit das Ministerium f&#252;r Staatssicherheit der DDR Einfluss auf die bundesdeutsche Politik genommen hat. Angesichts der geringen Zahl noch nicht bekannter F&#228;lle oder gar einer Fehlmeldung <span id="more-1840"></span><a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0807/seite1/0103/index.html" target="_blank"><img src="http://vg05.met.vgwort.de/na/77db0ea9416846709feb5ee8a4ac2d2e" alt="" width="1" height="1" />kein Thema, das noch gro&#223;e Aufregung ausl&#246;st</a>. Dabei ist diese Einflussnahme unstrittig, vor allem durch die so genannten aktiven Ma&#223;nahmen der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung (HVA) des MfS wurde versucht, politische Entscheidungen in Bonn zu beeinflussen.</p>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/08/West-Spione1-199x300.gif"><img class="alignright size-full wp-image-1842" title="West-Spione1-199x300" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/08/West-Spione1-199x300.gif" alt="" width="199" height="300" /></a>Dabei aber stand der DDR-Geheimdienst nicht allein. Verdeckte Operationen geh&#246;ren seit je zum Arsenal der Spionaget&#228;tigkeit, und es ist ein offenes Geheimnis, dass sich auch die bundesdeutschen Dienste, der Verfassungsschutz wie der BND, dieses Mittels bedienen. Und ebenso gibt es immer wieder Hinweise auf eine nachrichtendienstliche Anbindung des einen oder anderen Bundestagsabgeordneten. Dahinein Licht zu bringen ist nat&#252;rlich nicht vorgesehen, und auch die systemtreuen Medien <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0807/meinung/0135/index.html" target="_blank">artikulieren dieses Problem nur vereinzelt</a>.</p>
<p>Bez&#252;glich der HVA ist schon bald nach der Wende dazu Grunds&#228;tzliches gesagt worden; inzwischen wurde es durch zahlreiche Fakten angereichert. Was dazu in einer fr&#252;h erschienenen Darstellung der Geschichte und Arbeitsweise der HVA, die im Handel nicht mehr erh&#228;ltlich ist, berichtet wurde – im Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report«, ver&#246;ffentlicht 1992 im Berliner Verlag ElefantenPress – ist hier nachzulesen:</p>
<h2>Schweres Blei der »Tschekisten«</h2>
<p>Der ganze Saal erhob sich wie ein Mann. »Die ruhmreichen Tschekisten – sie leben hoch! Hoch! Hoch!« Der Minister hatte das Startsignal zur lautstarken Huldigung gegeben, und keinen gab es, der sich ihr verweigerte. Bereits zuvor war in nahezu inhalts­gleichen Reden der Beitrag der »Gesamtrussischen Au&#223;erordentli­chen Kommission zur Bek&#228;mpfung von Konterrevolution und Sabotage«, der sogenannten Tscheka, zur Oktoberrevolution und zur Abwehr aller seitherigen Angriffe auf die »Macht des Sozialis­mus« gew&#252;rdigt worden. Generaloberst Markus Wolf hatte h&#246;chst­pers&#246;nlich eine rotlederne Kassette &#252;berreicht, in der sich einige wertvolle Aufkl&#228;rungsinformationen befanden – vielleicht der BND-Jahresbericht oder die Ost-West-Studie der NATO. Diese rituelle »Schenkung« geh&#246;rte seit langem zum Szenario deutsch­sowjetischer »Kampf-Meetings« – ungeachtet dessen, dass der KGB die Informationen l&#228;ngst auf unspektakul&#228;rem Wege erhalten hatte.</p>
<p>Auf die Show aber durfte nicht verzichtet werden. Sie bot den sowjetischen Tschekisten und ihren deutschen Genossen Gelegen­heit, neben Gru&#223;adressen auch Orden auszutauschen und eben immer wieder Hochrufe auszubringen: Die Waffenbr&#252;derschaft von KfS – wie der KGB schamhaft eingedeutscht genannt wurde – und MfS sei unverbr&#252;chlich! Tats&#228;chlich bestand das schlimmste Manko des DDR-Nachrichtendienstes darin, dass er – wie fast alle anderen gesellschaftlichen Erscheinungen der DDR – aus einer stalinistisch gepr&#228;gten Tradition hervorging. Lenin hatte im Dezember 1917 mit der »Tscheka« ein Organ geschaffen, das eine Revolution m&#246;glicherweise braucht, um den Sieg der Stra&#223;e vor Gegenangriffen zu sch&#252;tzen, aber er hat nicht verhindern k&#246;nnen, dass sich diese »Tscheka« bald verselbst&#228;ndigte, 1922 den nichtssagenden Namen »Staatliche politische Verwaltung« (GPU) zulegte, um bald danach zum blutigen Terrorinstrument Stalins gegen alle diejenigen zu werden, die er seine Feinde nannte.</p>
<p>Seitdem war das »Feindbild« ein Schl&#252;sselbegriff geheim­dienstlicher Arbeit in einem »sozialistischen« Land – ob er nun nach au&#223;en oder nach innen operierte. Es schloss ein, misstrauisch gegen&#252;ber allem zu sein, was sich au&#223;erhalb der DDR-Grenzen tat oder was gar von au&#223;erhalb in irgendeiner Weise auf die DDR einwirkte. Wie dieses »Feindbild« noch ein Jahr vor der Wende aussah, demonstrierte Erich Mielke in einer Rede am 17. Oktober 1988, als er auf einer Tagung der Aufkl&#228;rungsorgane sozialistischer L&#228;nder den »strategischen Plan des Imperialismus zur Schw&#228;­chung, Destabilisierung und Zersetzung des Sozialismus« entlarvte, der gekennzeichnet sei</p>
<p>»– durch die gezielte Verbindung von Wettr&#252;sten, politischer und &#246;konomischer Druckaus&#252;bung bzw. Erpressung sowie forcier­ter ideologischer Diversion und aller anderen Formen ihrer W&#252;hl- und Zersetzungst&#228;tigkeit,</p>
<p>– durch die verst&#228;rkte Einflussnahme auf die sozialistischen L&#228;nder &#252;ber den Ausbau der Wirtschafts- und der wissenschaftlich­-technischen Beziehungen und die Einbeziehung in internationale, vom Westen beherrschte Organisationen auf diesen Gebieten,</p>
<p>– durch ein differenziertes und der Lage in den einzelnen sozialistischen L&#228;ndern angepasstes Vorgehen,</p>
<p>– durch die Aktivierung innerer Feinde und oppositioneller Kr&#228;fte sowie</p>
<p>– durch die Sch&#252;rung antisozialistischer und nationalistischer Stimmungen.«</p>
<p>Eine solche Weltsicht, die alles &#220;bel nur von au&#223;en kommen sah, w&#228;hrend die eigene Politik offensichtlich ohne Makel war, hatte selbstverst&#228;ndlich Konsequenzen auch f&#252;r die T&#228;tigkeit der HVA, wenn sie hier auch etwas differenzierter formuliert wurde. Doch die unkritische &#220;bernahme fast aller sowjetischen Erfahrun­gen in der Geheimdienstarbeit durch Markus Wolf f&#252;hrte dazu, dass die DDR-Spionage von Anfang an mit dem Blei der Tschekisten belastet war und sich daraus einige ihre Strukturentscheidungen und konkreten Operationen erkl&#228;ren. Dabei darf allerdings nicht verschwiegen werden, dass die Form der Auseinandersetzung, wie sie auch von den westlichen Geheimdiensten gef&#252;hrt wurde, nicht gerade dazu einlud, die Samthandschuhe &#252;berzustreifen. Ursache und Wirkung stehen hier – auf beiden Seiten – in einem engen Zusammenhang; dennoch wurden seitens der HVA Kampfmittel benutzt, die weder dem humanistischen Anspruch des Sozialismus gerecht wurden noch operativ sinnvoll waren.</p>
<p>F&#252;r die Mitarbeiter der HVA stellten sich derlei Gedanken in der Regel nicht. Die »tschekistische« Tradition war Bestandteil des Dienstes im Mini­sterium f&#252;r Staatssicherheit, ihre Rituale machten sie – wenn auch mitunter innerlich l&#228;chelnd oder auch abgesto&#223;en – mit; ansonsten aber war ein konkret umrissener Auftrag zu erf&#252;llen, dessen Hintergrund sich kaum einer der HVA-Angeh&#246;rigen in vollem Ma&#223;e vergegen­w&#228;rtigte. Dies war bei den meisten weniger Verdr&#228;ngung als einfach der Glaube, als Mitarbeiter einer offiziellen staatlichen Beh&#246;rde, eines Ministeriums, eine legitime Arbeit zu verrichten und mit den dabei verwandten Methoden – im Nachrichtendienst denen der westlichen Gegner nicht un&#228;hnlich – kein Unrecht zu tun. Der Sinn mancher Ma&#223;nahme erschloss sich auch nicht, doch da standen die »Tschekisten« in dieser Gesellschaft nicht allein. Der Begriff der Pflichterf&#252;llung ist keiner aus dem sozialistischen Vokabular – wenn auch einger&#228;umt werden muss, dass das milit&#228;rische Regime im MfS im Verein mit der Parteidisziplin (alle Stasi-Mitarbeiter waren Mitglieder der SED) eine besondere Kritiklosigkeit gegen­&#252;ber Weisungen der Vorgesetzten erzeugte. So wurden auch Unter­nehmungen durchaus mit Engagement geplant und ausgef&#252;hrt, die mit normaler nachrichtendienstlicher Arbeit nichts zu tun haben.</p>
<p>Hierzu geh&#246;rten ohne Zweifel die sogenannten aktiven Ma&#223;nah­men, Operationen der verdeckten politischen Einflussnahme auf Prozesse und Personen des jeweiligen Operationsgebietes mittels gezielter Lancierung von zutreffenden Fakten, aber auch von Desinformationen. Diese Art nachrichtendienstlicher T&#228;tigkeit nahm in der sowjetischen Geheimdienstarbeit seit l&#228;ngerem einen hohen Rang ein. Im Jahre 1959 wurde im KGB eine spezielle Abteilung daf&#252;r geschaffen. Der junge Spionagedienst der DDR kannte solche Methoden zun&#228;chst nicht, aber nach sowjetischem Vorbild begannen in den 60er Jahren auch hier einschl&#228;gige Experimente, ehe 1968 die Abteilung X entstand, die seither fast ausschlie&#223;lich f&#252;r die »aktiven Ma&#223;nahmen« verantwortlich zeichnete. Der Verfassungsschutzbericht 1983 nannte als Ziel »aktiver Ma&#223;nahmen« durchaus zutreffend, »auf die Innen- und Au&#223;enpolitik vornehmlich westlicher Staaten Einfluss zu nehmen, ihre Beziehungen untereinander wie zu den Staaten der dritten Welt zu unterminieren und ihre politischen Repr&#228;sentanten und Institutionen zu diskreditieren, um langfristig die eigenen politischen Absichten zu f&#246;rdern. Sie unterst&#252;tzen auf diese Weise die au&#223;enpolitischen Zielsetzungen der Warschauer-Pakt-Staaten mit nachrichtendienstlichen Mitteln.« Sp&#228;ter wurden solche Aktionen – wohl auch wegen ihrer nicht selten spektakul&#228;ren Begleiterscheinungen – oft &#252;bertrieben darge­stellt. Die zust&#228;ndige Abteilung verf&#252;gte &#252;ber nicht mehr als 80 Mitarbeiter, und insgesamt blieben ihre Ergebnisse begrenzt. Au&#223;erdem waren sie keineswegs eine Erfindung &#246;stlicher Geheim­dienste.</p>
<p>Die Methoden dazu sind – auf beiden Seiten – vielf&#228;ltig, gehen aber fast alle auf ein Grundmuster zur&#252;ck: Ausgehend von tats&#228;ch­lichen Begebenheiten, &#196;u&#223;erungen, Differenzen wird eine gef&#228;rbte Information produziert, die von der Wahrheit nur soviel abweicht, dass sie glaubw&#252;rdig bleibt, aber doch soviel L&#252;ge enth&#228;lt, dass sie das Denken und Handeln des Empf&#228;ngers im gew&#252;nschten Sinne ver&#228;ndert. Als Multiplikator solcher Falsifikate dienen in der Regel die Medien, denen das Material auf verschlungenen Wegen zuge­spielt wird und die es nicht selten gen&#252;sslich verbreiten.</p>
<p>Die Geschichte des Kalten Krieges ist reich an solcherart Operationen. Sie sind der Versuch, Interessen auch dort durchzu­setzen, wo das mit offenem Visier – zumeist wegen der Schw&#228;chen der eigenen politischen Position – nicht m&#246;glich ist. Der Verfas­sungsschutz griff zu diesen Methoden schon zu jenen Zeiten, als f&#252;r ihn die Bek&#228;mpfung jeglicher »kommunistischer Umtriebe« noch absolute Priorit&#228;t hatte. Der sp&#228;tere BfV-Chef Nollau beschrieb in seinen Memoiren, wie auch er Ende der 50er Jahre die Herausgabe einer Publikation mit dem Titel »Der Dritte Weg« initiierte, die den Eindruck erwecken sollte, von »Reformkommunisten« geschrieben zu sein. Nollau hoffte, das »obskure Bl&#228;ttchen«, wie er es selbst nannte, »werde in der illegalen KPD zersetzend wirken und uns die M&#246;glichkeit er&#246;ffnen, unter den Dissidenten, die wir kennenzuler­nen hofften, Informanten zu gewinnen«. Andere Dienste blieben mit ihren »verdeckten Operationen« – erinnert sei hier nur an die Rolle der CIA in der Schweinebucht-Aff&#228;re – nicht bei der politischen Einflussnahme stehen.</p>
<p>Dass die »aktiven Ma&#223;nahmen« seitens der sozialistischen L&#228;nder sp&#228;ter das Niveau einer ausgesprochenen Konjunktur erreichten, verr&#228;t auch etwas dar&#252;ber, wie wenig es ihnen m&#246;glich war, ihre Zielvorstellungen in der unmittelbaren politischen Aus­einandersetzung zu realisieren; sie sahen sich immer wieder veranlasst, zu t&#252;ckischen Methoden zu greifen. In der UdSSR waren die Desinformationen ein inh&#228;rentes Mittel des au&#223;enpolitischen Wirkens der Kommunistischen Partei. Diese glaubte offenbar, dass die Lancierung get&#252;rkter Meldungen in die westliche Presse das kapitalistische System ersch&#252;ttern k&#246;nne und forcierte deshalb derartige Aktivit&#228;ten, wo immer es ihr in den Kram passte. Die zust&#228;ndige KGB-Diensteinheit hatte – wie Ende 1991 in Moskau offiziell mitgeteilt wurde – Amtsr&#228;ume im Geb&#228;ude des Zentralkomitees; hier arbeitete sie der »Internationalen Abteilung« direkt zu. Der zeitweilige UdSSR-Au&#223;enminister Boris Pankin bezifferte die Zahl der KGB-Mitarbeiter im Au&#223;enamt auf etwa 50 Prozent. Sie h&#228;tten s&#228;mtliche Botschaften kontrolliert und die Mehrzahl der Botschafter in der Hand gehabt. Einer dieser Pseudo-­Diplomaten soll nach Darstellung des britischen Autors John Barron erkl&#228;rt haben: »Wir werden die &#246;ffentliche Meinung im Westen mit allen offenen und verdeckten Mitteln nach unserem Belieben manipulieren &#8230; Wir haben die Mittel, um im Westen Dutzende von neuen Organisationen zu gr&#252;nden und bestehende Tarnorganisationen zu st&#228;rken.« So weit ging die Verquickung der Abteilung X der HVA mit dem Parteiapparat der SED nicht, aber dass es Abstimmungen gab, wo ihre »aktiven Ma&#223;nahmen« die Parteipolitik unterst&#252;tzen konnten und wo sie zu unterbleiben hatten, um nicht kontraproduktiv zu wirken, ist sicher.</p>
<p>Wenn die Desinformationst&#228;tigkeit der HVA nie den Stellen­wert erreichte, der ihr im KGB zugewiesen wurde, so hing das vor allem mit der begrenzten Wirkung zusammen, die solche Ma&#223;nah­men in der Bundesrepublik und in Drittl&#228;ndern hatten. In einer pluralistischen Gesellschaft, die den Medien einen betr&#228;chtlichen Spielraum l&#228;sst, wirken Enth&#252;llungen weit weniger als in geschlos­senen Systemen mit ihrem Geheimhaltungstrieb. Daher war die DDR seitens der Westmedien erheblich manipulierbarer als umge­kehrt. F&#252;r das Fernsehen der Bundesrepublik gen&#252;gten beinahe die t&#228;glichen Werbesendungen, um beim DDR-B&#252;rger einen nachhaltigen Eindruck von der &#220;berlegenheit dieses reichen Landes zu hinterlassen. Machte es sich dar&#252;ber hinaus zum Anwalt derjenigen, die in der DDR keine Stimme hatten, der B&#252;rgerrechtler und kritischen Kirchenleute, dann wirkte das schon aufgrund des Fehlens entsprechender Informationen in den DDR-Medien. Der krampfhafte Nachweis politischer Unredlichkeit westlicher Politi­ker in den Desinformationsprodukten der HVA dagegen lief oft ins Leere, da er im Grunde keine Neuigkeit darstellte.</p>
<p>Entsprechend lustlos war die Unterst&#252;tzung »aktiver Ma&#223;nah­men« durch die beschaffenden Diensteinheiten der HVA. Schon die Bereitstellung f&#252;r F&#228;lschungen nutzbarer Informationen, mehr noch der Einsatz geeigneter Quellen stie&#223;en auf gro&#223;e Zur&#252;ckhal­tung – konnte doch beides die BRD-Abwehrorgane auf bestimmte Spuren f&#252;hren und damit die operativen Positionen gef&#228;hrden.</p>
<p>So geh&#246;rte es zu den Aufgaben der Abteilung X, den westeuro­p&#228;ischen Integrationsprozess zu st&#246;ren. Daf&#252;r boten sich zahlreiche Ansatzpunkte – sind doch die Differenzen zwischen den EG-Staaten aus den verschiedensten Gr&#252;nden bis heute nicht gering; man denke nur an die Beargw&#246;hnung der gro&#223;en Mitgliedsstaaten durch die kleinen. Aber wenn auch geeignetes Material vorlag, waren die zust&#228;ndigen Abteilungen nicht bereit, es gewisserma&#223;en f&#252;r eine »Medien-Eintagsfliege« zu verpulvern und Quellen in Gefahr zu bringen. Au&#223;erdem krankten die »aktiven Ma&#223;nahmen« der HVA auch daran, dass sie meist im Nachtrab stattfanden. Wenn etwas geschehen war, wurde reagiert – und ehe das nach Erhalt aller Genehmigungen und bei Ber&#252;cksichtigung aller operativen Prozesse dann tats&#228;chlich sichtbar wurde, war das Thema oft vom Tisch.</p>
<p>Die westlichen Geheimdienste arbeiteten auf diesem Gebiet wesentlich effizienter. Erinnert sei nur an die gro&#223;e Meisterschaft, die vor allem der CIA entwickelte, um immer wieder die milit&#228;ri­sche &#220;berlegenheit der Sowjetunion nachzuweisen. Wer die tat­s&#228;chlichen Zahlen des sowjetischen Milit&#228;rpotentials kannte – und die Geheimdienstler geh&#246;rten dazu –, sah nicht ohne Faszination, wie die Bedrohungsgefahr immer aufs Neue beschworen wurde. Ob Studien des Pentagon, vor allem in der Regierungszeit Reagans, ob die Analysen der NATO oder die einschl&#228;gigen Papiere der Bundesregierung – sie alle gingen davon aus, dass der Warschauer Pakt auf allen Gebieten milit&#228;risch &#252;berlegen sei und dies nur durch eigene R&#252;stung kompensiert werden k&#246;nne. Diese Manipulationen, die westliche Desinformations-Spielart, auf geeignete Weise zu konterkarieren, war auch eine Aufgabe »aktiver Ma&#223;nahmen«. Und nicht wenige renommierte Milit&#228;rexperten nutzten in ihren Interviews und Zeitungsartikeln – bewusst oder unbewusst – Fakten und Argumente, die ihnen von Aufkl&#228;rern sozialistischer L&#228;nder zuge­spielt worden waren. Hier bedurfte es nicht der Verf&#228;lschung des Materials, sondern im Gegenteil seiner wahrheitsgetreuen Darstel­lung – galt es doch, L&#252;gen zu entkr&#228;ften. Auch die HVA arbeitete in dieser Weise und legte Tatsachen offen, die die andere Seite gern verschwiegen h&#228;tte, um die Durchsetzung ihrer politischen Strate­gie nicht zu gef&#228;hrden. Erinnert sei an die Verbreitung belastender Dokumente &#252;ber die Verstrickung f&#252;hrender Pers&#246;nlichkeiten der Bundesrepublik w&#228;hrend der NS-Zeit, so des einstigen Bundespr&#228;­sidenten L&#252;bke oder des baden-w&#252;rttembergischen Ministerpr&#228;si­denten Filbinger. Genannt werden muss auch die Aufhellung manchen Skandals durch die bundesdeutsche Presse, die sich dazu nicht selten einschl&#228;giger Materialien aus Ost-Berlin bedienten, ohne freilich in der Regel deren Herkunft genauer zu kennen.</p>
<p>Vor allem Mitte der 80er Jahre traten »aktive Ma&#223;nahmen« hinzu, die der Unterst&#252;tzung des Entspannungs- und Abr&#252;stungs­prozesses dienen sollten. Sie doublierten sich zwar nicht selten mit offiziellen Publikationen, konnten sie aber aus nachrichtendienstli­chen Quellen mitunter auch erg&#228;nzen. So wurde damals bekannt, dass der ehemalige Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Alfred Dregger, starke Vorbehalte gegen die Reihenfolge bei den INF-Verhandlungen hatte, in denen es um die Reduzierung von Atomwaffen in Europa ging. Er forderte, mit den Kurzstreckenwaf­fen auf beiden Seiten zu beginnen, da diese einzig dazu dienen konnten, deutsches Territorium zu bedrohen und gegebenenfalls zu vernichten. Die Publizierung seiner internen – und im Widerspruch zur amerikanischen Politik stehenden – &#220;berlegungen konnte reale Abr&#252;stungsbem&#252;hungen durchaus unterst&#252;tzen. In solchem Vorge­hen – und nur hier – ist ein Sinn »aktiver Ma&#223;nahmen« zu erkennen, aber letztlich braucht man dazu keine Geheimdienste.</p>
<p>Als besonders spektakul&#228;rer Fall »aktiver Arbeit«, die bereits bis zu direkter Einflussnahme ging, wird immer wieder der »Kauf« der Stimme des CDU-Abgeordneten Julius Steiner beim »konstruktiven Misstrauensvotum« gegen Willy Brandt am 27. April 1972 genannt. Diese allerdings von der Abteilung II (Parteienbeob­achtung) der HVA verantwortete Operation zielte darauf, einen Regierungswechsel von Brandt auf Barzel im Zusammenhang mit den Ostvertr&#228;gen zu verhindern, da die sozial-liberale Koalition besser ins Konzept der DDR und wohl auch der Sowjetunion passte. Nachdem einige FDP-Abgeordnete zur Union &#252;bergelaufen waren, schien die ohnehin knappe Mehrheit der Brandt/Scheel-Regierung nicht mehr gesichert, und Barzel ging zum Angriff &#252;ber. Bei der Abstimmung jedoch fehlten ihm zwei Stimmen – jene Steiners, wie dieser sp&#228;ter selbst zugab, ohne freilich auch einzugestehen, dass er daf&#252;r 50.000 D-Mark von der HVA erhalten hatte, und eine weitere, angeblich von Mende, der urspr&#252;nglich zu den abtr&#252;nnigen Frei­demokraten z&#228;hlte, von der HVA-Abteilung X jedoch »umgedreht« worden sein soll. Man kann vielleicht auch dieser Aktion aus heutiger Sicht etwas abgewinnen – verhalf sie doch dazu, eine gerade eingeleitete, auf internationalen Ausgleich bedachte Politik von R&#252;ckschl&#228;gen freizuhalten. Wenn man aber wei&#223;, dass der 1972 gerettete Brandt ein Jahr sp&#228;ter durch diesen »Retter« und seinen Spion Guillaume zur Strecke gebracht wurde, und wenn man vor allem ber&#252;cksichtigt, dass sich in den 70er Jahren die Entspan­nungspolitik ganz objektiv immer st&#228;rker durchsetzte, dann relati­vieren sich solche vermeintlichen Erfolge voluntaristischen Vor­gehens.</p>
<p>Noch deutlicher wird dies bei jenem »Kampf gegen Windm&#252;h­lenfl&#252;gel«, den die HVA letztlich im Auftrag der MfS-Bereiche leistete, die gegen die »innere Opposition« vorzugehen hatten. Solche Organisationen wie die »Internationale Gesellschaft f&#252;r Menschenrechte« (IGfM) in Frankfurt/Main oder die »Hilferufe von dr&#252;ben« oder auch der ZDF-Journalist L&#246;wenthal unterst&#252;tzten nat&#252;rlich durch ihre Arbeit Menschen in der DDR, die sich gegen das Regime wandten oder einfach nur ausreisen wollten. Das machte sie zum verhassten Feind – so sehr, dass Markus Wolf noch 1992 in einem Gespr&#228;ch eingestand, beim Namen L&#246;wenthal nicht ruhig bleiben zu k&#246;nnen. Da die eigentliche Arbeit dieser Gruppen und Personen in der Bundesrepublik mehr Zustimmung denn Kritik fand, wurde gerade sie nicht angegriffen. Statt dessen setzte man Verleumdungen und Diffamierungen ganz anderen Inhalts in die Welt, die teilweise zwar ihre Wirkung taten, letztlich aber am Ausreisedrang von DDR-B&#252;rgern nicht das Geringste &#228;nderten. Der Trugschluss, die inneren Probleme im &#246;stlichen Staat w&#252;rden von au&#223;en verursacht, lenkte den Kr&#228;fteeinsatz in eine v&#246;llig falsche Richtung und lie&#223; »aktive Ma&#223;nahmen« solcher Art v&#246;llig vorpuffen.</p>
<p>Wo Spionage betrieben wird, provoziert das zwangsl&#228;ufig auf der anderen Seite eine Spionageabwehr. Diese geh&#246;rt normalerweise zur »inneren Abwehr«, soll sie doch verhindern, dass Geheiminfor­mationen aus dem eigenen Land abflie&#223;en. Die Nachrichtendienste entwickelten aber dar&#252;ber hinaus Struktureinheiten, mit denen sie verhindern wollen, dass die gegnerische Abwehr allzu erfolgreich in dem Bem&#252;hen ist, die Aktivit&#228;ten des eigenen Dienstes zu unter­binden.</p>
<p>In der Sowjetunion geh&#246;rten solche Bereiche der »&#228;u&#223;eren Abwehr« stets zur Auslandsspionage; ihre Aufgabe bestand darin, in die Aufkl&#228;rung der anderen Seite einzudringen – weniger um zu erfahren, was diese bei uns in Bereichen der Politik oder der Wirtschaft ausspioniert, als zu wissen, inwieweit sie Kenntnis von den eigenen Kundschafteraktivit&#228;ten hat. So einleuchtend ein solches Vorgehen f&#252;r die Betroffenen – nicht zuletzt im Interesse ihrer Sicherheit – erscheinen mag, letztlich verschwimmen hier die Grenzen zwischen dem urspr&#252;nglichen Sinn der Aufkl&#228;rung und dem »Spiel der Geheimdienste«, das dann leicht zum Selbstzweck wird.</p>
<p>In der HVA existierte bis in die 70er Jahre hinein keine spezielle Abteilung, die sich mit solchen »Konter-Aktionen« befasste. Ver­schiedene Diensteinheiten verfolgten – ausgehend von ihrer eigent­lichen Aufgabenstellung – die Abwehrma&#223;nahmen des Gegners auf ihre Operationen. Die wurden nat&#252;rlich perfektioniert in dem Ma&#223;e, wie der Umfang der DDR-Spionage zunahm. 1973 wurde schlie&#223;lich die Abteilung IX der HVA gebildet, die die T&#228;tigkeit der Hauptabteilung II des MfS, die f&#252;r die Spionageabwehr im Innern zust&#228;ndig war, erg&#228;nzen sollte. Drei selbst&#228;ndige Bereiche entstan­den. Im ersten wurden die Geheimdienste der Bundesrepublik und anderer westlicher Staaten bearbeitet. Zum einen hie&#223; es, in deren Auslandsaufkl&#228;rung einzudringen, um Agenturen in der DDR zu enttarnen und ihr Wissen &#252;ber unser Land und seine B&#252;ndnispart­ner zu erkunden. Zum anderen galt es, die Spionageabwehr dieser Dienste aufzukl&#228;ren, was im Interesse der eigenen Sicherheit vor allem die Beschaffung sehr umfassender Kenntnisse – von ihrer Fahndungsarbeit bis zum Doppelagenten – einschloss. In einem zweiten Bereich stand die Aufgabe, Angriffe auf die legalen Geheimdienst-Residenturen in den Botschaften der DDR im Aus­land abzuwehren. Immerhin kam es j&#228;hrlich zu 40 bis 50 Kontaktanbahnungen mit nachrichtendienstlichem Hintergrund; jede dritte bis vierte dieser Ansprachen entwickelte sich bis zu einem Werbe­versuch. Auch die Geb&#228;ude der DDR-Botschaften und -Handels­vertretungen mussten in gewissen Abst&#228;nden von dort inzwischen angebrachten modernen »Wanzen« ges&#228;ubert werden. Der dritte Bereich war schlie&#223;lich f&#252;r die gedeckte Auswertung aller einge­henden Materialien zust&#228;ndig.</p>
<p>Aufgestockt durch Mitarbeiter aus zahlreichen HVA-Abteilungen und unterst&#252;tzt von Personal der Hauptabteilung II entwickelte sich die Abteilung IX schnell zu einer S&#228;ule innerhalb der HVA. Mit 300 Mitarbeitern, unter der direkten Anleitung von Markus Wolf und zuletzt mit dem einzigen General unter den Abteilungs­leitern, spielte sie bald eine beherrschende Rolle. Der Geheim­dienst besch&#228;ftigte sich mit sich selbst.</p>
<p>Innerhalb des Ministeriums f&#252;r Staatssicherheit begann alsbald ein z&#228;hes Gerangel um die Kompetenz f&#252;r die Bearbeitung der westlichen Geheimdienste. Die bislang daf&#252;r zust&#228;ndige Haupt­abteilung II reagierte auf jeden Eingriff in ihre Rechte allergisch und wehrte sich gegen die Abgabe von Quellenvorg&#228;ngen und Materialien, lie&#223; sich in die Bearbeitung von Objekten in der Bundesrepublik oder in die Erfassung von Personen nicht hinein­reden. Die HVA hatte jedoch durch ihre Positionen im Operations­gebiet meist die besseren Karten und konnte sich allm&#228;hlich durchsetzen. Diese internen Auseinandersetzungen ergaben sich auch aus dem Streben nach Macht und Ansehen, das mit der Betreuung besonders informationstr&#228;chtiger Quellen verbunden war. Es zeigte aber, dass es hier weniger um eine effektive Arbeit an einem gemeinsamen Ziel ging als vielmehr um Einfluss auf das »Spiel der Geheimdienste«.</p>
<p>Der letzte Leiter der Abteilung IX, Generalmajor Harry Sch&#252;tt, war ein Meister auf diesem Gebiet. Er, der zuvor die f&#252;r Milit&#228;r­spionage zust&#228;ndige Abteilung IV gef&#252;hrt hatte, nahm bei seinem Wechsel die dort betreute Quelle »Peter«, hinter der sich die Br&#252;der Spuhler verbargen, wegen ihres hohen Ranges und der durch sie winkenden Meriten mit in seine neue Abteilung. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ihm dies 1991 die zweifelhafte Ehre bescherte, im ersten »Pilotprozess« gegen bundesdeutsche Spione und ihre F&#252;hrungsoffiziere aus der DDR selbst vor Gericht zu stehen und verurteilt zu werden.</p>
<p>Der hohe Krafteinsatz der Abteilung IX bewirkte un&#252;bersehbare operative Erfolge. Einige Beispiele hochrangiger Quellen in bun­desdeutschen Geheimdiensten wurden schon genannt. Zu ihnen geh&#246;rte auch der Vorgang »Bingen«, mit dessen Hilfe es Anfang der 80er Jahre gelang, das gesamte Referat »Emigration« der Abteilung I des BND aufzukl&#228;ren. Vom Referatsleiter Dr. Keil bis zum letzten Mitarbeiter lagen die Strukturen und zum gro&#223;en Teil auch die Personalunterlagen vor. Die T&#228;tigkeit dieses Referates, das sich damals naturgem&#228;&#223; um die Entwicklung in Polen k&#252;mmer­te, wurde paralysiert. Die Abteilung IX erfuhr auch einiges durch die von einer anderen Diensteinheit geworbene Sekret&#228;rin des au&#223;enpolitischen Sprechers der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Werner Marx. Inge Goliath hatte neben politischen Informationen Materialien beschafft, die der HVA zu ihrer eigenen &#220;berraschung tiefen Einblick in Strukturen, Arbeitsweisen, Informationsstand und politische Verbindungen des BND gew&#228;hrten. Mit der Quelle »Ronny« gelang schlie&#223;lich ein tiefer Einbruch in den amerikani­schen Geheimdienst CIA.</p>
<p>Soweit die Arbeit der Spionageabwehr der HVA dazu diente, entsprechenden Aktionen ihrer westlichen »Kollegen« die Spitze zu nehmen, geh&#246;rte sie zum normalen Gesch&#228;ft, wie es jeder Geheimdienst betreibt, und konnte sich im Einzelfall sogar positiv auf internationale Prozesse auswirken. Das Beispiel der Quelle »Bingen« zeigte jedoch zugleich, dass auch in diesem Fall die DDR-Aufkl&#228;rung dem Irrtum aufsa&#223;, die Ver&#228;nderungsprozesse in Polen seien vor allem eine Sache westlicher Geheimdienste und k&#246;nnten durch die Ausschaltung von deren Agenturen aufgehalten werden. Objektive Tendenzen wurden verkannt; mit dem untauglichen Mittel der Bek&#228;mpfung wurde versucht, ihrer Herr zu werden, anstatt die wahren Ursachen zu analysieren und darauf zu dringen, dass die Politik die entsprechenden Schlussfolgerungen zieht.</p>
<p>Im Grundprinzip des Misstrauens, das die Gesellschaften des realen Sozialismus beherrschte, liegt auch die Ursache f&#252;r Zwei­gleisigkeit und Dopplungen in der nachrichtendienstlichen T&#228;tig­keit. Wie schon die Spionageabwehr im MfS auf zwei – dann logischerweise miteinander rivalisierende – Dienstbereiche aufge­teilt war, so gab es auch zwei Stellen, an denen Milit&#228;raufkl&#228;rung betrieben wurde. Neben der Abteilung IV der HVA f&#252;hlte sich daf&#252;r auch die Aufkl&#228;rung der Nationalen Volksarmee (NVA) zust&#228;ndig. Diese Praxis ist ebenfalls sowjetischer &#220;bung entlehnt. Die m&#228;chtige Sowjetarmee musste nat&#252;rlich &#252;ber einen eigenen Aufkl&#228;rungs­dienst – im Kriege sogar mit voller Berechtigung – verf&#252;gen; also wurde er der NVA auch f&#252;r Friedenszeiten verordnet. Die Ziel­objekte waren die n&#228;mlichen wie bei der HVA, und trotz Bem&#252;hens um Abgrenzung beschafften beide Dienste – lange sogar ohne Abstimmung und gegenseitige Unterst&#252;tzung – oft das Gleiche. Das galt f&#252;r die Notstandspl&#228;ne in der Bundesrepublik mit allen Details, das galt f&#252;r Einsch&#228;tzungen des Bereitschaftsstandes der assoziier­ten Streitkr&#228;fte der NATO, das galt f&#252;r die Auflistung von Defiziten in der Ausbildung oder Ausr&#252;stung der Bundeswehr, das galt f&#252;r Man&#246;verplanungen und &#220;bungsberichte. Auch die Metho­den &#228;hnelten sich nat&#252;rlich, und nicht selten arbeiteten die Dienste gegeneinander statt sich zu unterst&#252;tzen.</p>
<p>Die HVA hatte an einer solchen Orientierung auf Doppelarbeit ihren unleugbaren Anteil. Denn nat&#252;rlich wollten Mielke und seine Statthalter in der Aufkl&#228;rung den »Wettlauf« mit der NVA-Spionage gewinnen. Bereits 1968 war der Befehl 40/68 erlassen worden, mit dem es galt, jeglichen milit&#228;rischen &#220;berraschungs­angriff auf die DDR und ihre Verb&#252;ndeten auszuschlie&#223;en. Ende der 80er Jahre wurde dieser Befehl – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der bedrohlichen Erkenntnisse &#252;ber die amerikani­schen Pl&#228;ne eines »Enthauptungsschlages« – aktualisiert, obwohl sich damals schon un&#252;bersehbar Anzeichen der Entspannung zeigten. Ein gigantisches Lagezentrum sollte weltweit alle Hinweise auf m&#246;glicherweise bevorstehende milit&#228;rische Operationen erfas­sen. Unter Einsatz ungeheurer Mittel baute man f&#252;r die MfS-F&#252;hrungsst&#228;be Bunker und veranstaltete immer lebensfremdere »Verlagerungs&#252;bungen«. Im Atomkrieg sollten wenigstens die Milit&#228;rs und die Geheimdienste &#252;berleben.</p>
<p>Der Hintergrund solchen Dualismus war neben den Prinzipien, dass Kontrolle besser als Vertrauen sei und doppeltes N&#228;hen l&#228;ngere Haltbarkeit verspreche, auch hier das Streben der Spitzen von Armee und Geheimdienst nach Macht und Einfluss. Keiner wollte dem anderen nachstehen, wenn es darum ging, mit Aufkl&#228;rungser­gebnissen auf einem Felde zu gl&#228;nzen, das in der Politik h&#246;chste Priorit&#228;t besa&#223;. Erfordernisse der Sparsamkeit und Effizienz hatten dahinter zur&#252;ckzustehen. Markus Wolf hatte zwar schon in den 70er Jahren mitunter dar&#252;ber philosophiert, ob es nicht sinnvoll sei, die Spionage auf einige wenige Spitzenquellen zu reduzieren und von dem Anspruch gewisserma&#223;en fl&#228;chendeckender Aufkl&#228;rung im Ausland wegzukommen. Doch diese Gedanken fanden keinerlei Echo, standen sie doch im Widerspruch zur gesamtgesellschaftlich betriebenen,offensichtlich systemimmanenten Gigantomanie, die schlie&#223;lich von der Sowjetunion gelernt worden war und nicht zuletzt auch von deren KGB-Aufkl&#228;rung betrieben wurde.</p>
<p>Dieses Denken in Machtkategorien und die damit verbundene Gro&#223;mannssucht setzten sich innerhalb des Ministeriums f&#252;r Staatssicherheit – wie beschrieben – fort. Besonders zwischen den Diensteinheiten der Aufkl&#228;rung und der Abwehr bestanden st&#228;ndig latente Spannungen, was nat&#252;rlich nicht daran hinderte, bei Erfor­dernis eng zusammenzuarbeiten und gemeinsam Ergebnisse zu erreichen. Die Abwehr sah – von ihrer origin&#228;ren Aufgabe her und geschult an der stalinistisch gepr&#228;gten Sicherheitsdoktrin – &#252;berall Feinde. Alles, was von der Norm abwich, weckte ihr Mi&#223;trauen und geriet alsbald unter »operative Kontrolle«. Sie folgte auch hierin sowjetischen Vorgaben, denn der KGB hatte sein Feindbild-Denken &#252;ber Jahre hin zementiert und zur obersten Maxime jeder Abwehrarbeit gemacht.</p>
<p>Mit diesem Warnsystem im Hinterkopf beurteilte die Abwehr auch die Arbeitsweise der HVA; sie war ihr schon der Westber&#252;h­rung der Aufkl&#228;rer wegen suspekt, und die nachrichtendienstlichen Mittel erschienen ihr undurchschaubar und daher verd&#228;chtig. Zwar nahm sie Aufkl&#228;rungsergebnisse, die ihr in der Arbeit halfen, gern entgegen, aber deren Zustandekommen wurde immer wieder beargw&#246;hnt. Und sie stellte ihre Forderungen, denen die HVA allzu oft entsprach. Obwohl viele HVA-Mitarbeiter der Meinung waren, dass Fragestellungen der Abwehr nach innen in den Aufgaben f&#252;r Aufkl&#228;rer au&#223;erhalb der Grenzen nichts zu suchen haben, gab es immer wieder faule Kompromisse. Mielke als Mann der Abwehr stand nat&#252;rlich auf deren Seite, was die Situation der Aufkl&#228;rung nicht verbesserte. Und Wolf hatte nicht das R&#252;ckgrat, sich gegen seinen Vorgesetzten durchzusetzen; er konnte nur da und dort vorsichtig bremsen.</p>
<p>Die Abwehr war besonders an Personen interessiert, die zu den sogenannten oppositionellen Kr&#228;ften geh&#246;rten oder zumindest Zugang zu ihnen hatten. Diese versuchte sie anzuwerben, um so Informationen aus diesen Gruppen zu erhalten bzw. sie sogar gezielt zu beeinflussen. Menschen, die die Aufkl&#228;rer interes­sierten, waren von anderem Zuschnitt. Sie suchten zuverl&#228;ssige Staatsb&#252;rger, die in der Bundesrepublik agieren konnten. Dennoch fragte die HVA oft in Abwehr-Diensteinheiten nach geeigneten Werbekandidaten, da dort ein besserer &#220;berblick &#252;ber die Situation in bestimmten Bereichen bestand. Als Gegenleistung mussten die IM der HVA dann Berichte &#252;ber die innere Situation ihres Betriebes, ihrer Verwaltung, ihrer Schule oder aus sonst zug&#228;ngli­chen Bereichen liefern. Waren diese Informationen aussagekr&#228;ftig, konnte der Abwehr-Offizier Geschmack an der Sache finden und seine Forderungen erh&#246;hen, was bei der HVA schon des Zeitauf­wandes wegen wenig Freude ausl&#246;ste. Und dennoch wurde solchen W&#252;nschen stattgegeben, arbeiteten HVA-Aufkl&#228;rer nicht selten auch nach innen.</p>
<p>Dies erfolgte vor allem dann, wenn der inoffizielle HVA-Mitarbeiter aus einem Bereich kam, an dem Abwehr-Diensteinhei­ten ebenfalls gro&#223;es Interesse hatten. Das galt f&#252;r das Bildungs­wesen, vor allem Universit&#228;ten und Hochschulen, und besonders f&#252;r Reisekader jeglicher Couleur. An den Bildungseinrichtungen entbrannte ein regelrechter Kampf um die Kader, und es d&#252;rfte nicht sehr viele Studenten gegeben haben, die von der Staatssicher­heit nicht auf Mitarbeit angesprochen wurden. Was andererseits die Reisekader angeht, so versah die Abwehr sie – &#252;ber ihre offiziellen Kan&#228;le – mit derartigen Richtlinien, die eine Arbeit f&#252;r die Aufkl&#228;rung unm&#246;glich machten. So war es ihnen verboten, au&#223;er den dienstlich zugelassenen irgendwelche anderen Kontakte anzu­kn&#252;pfen. Sie durften private Einladungen weder annehmen noch aussprechen. Reisten sie in Gruppen, so &#252;berwachte einer den anderen. Und die meisten hielten sich auch daran, um sich weitere Reisen nicht zu verscherzen. Die HVA brauchte jedoch Leute, die genau das taten, was ihnen die Abwehr untersagte, um Kontakte ankn&#252;pfen zu k&#246;nnen. Wurde das dann in der Abwehr-Diensteinheit bekannt, half meist nur die totale Bereitschaft zur Kooperation auch mit ihr, wenn eine Weiterarbeit als Aufkl&#228;rer erreicht werden sollte.</p>
<p>Das Mi&#223;trauen seitens der Abwehr wurde erg&#228;nzt durch die Einbindung der Aufkl&#228;rer in die Parteidisziplin. Wie dargestellt, musste jeder MfS-Angeh&#246;rige SED-Mitglied sein. Viele wurden &#252;berhaupt nur geworben, wenn diese Voraussetzung erf&#252;llt war, und von ganz jungen Mitarbeitern, zumeist Sekret&#228;rinnen oder aus technischen Bereichen, wurde verlangt, dass sie unmittelbar nach ihrer Dienstaufnahme auch in die Partei eintraten. Sogar Kund­schafter aus dem konspirativen Netz wurden formal in die Partei aufgenommen, mussten Parteibeitrag leisten und wurden in diesem Zusammenhang in v&#246;llig &#252;berfl&#252;ssiger Weise registriert – ein Versto&#223; gegen die Konspiration, den jedoch aufgrund der angeblichen Unfehlbarkeit von Parteibeschl&#252;ssen niemand in Frage stellte.</p>
<p>Auch die Rolle der Partei war f&#252;r HVA-Angeh&#246;rige eine Selbstverst&#228;ndlich­keit, an der sich niemand Zweifel erlaubte. Und die obligatorische Mitgliedschaft aller in der SED war zugleich Voraussetzung der st&#228;ndigen Einflussnahme der Partei. Jeder Zweifel an ihrer Lehre galt als Sakrileg. Ohne Partei ging nichts, mit der Partei alles.</p>
<p>Und dennoch hatte der Parteisekret&#228;r – gleich auf welcher Ebene – kaum Einfluss auf operative Prozesse. Seine Aufgabe war die »ideologische St&#228;hlung der Kader«. Er sollte zwar an allen wesentlichen Beratungen der dienstlichen Leitungen teilnehmen, doch wurden dort dann aus Gr&#252;nden der Konspiration operative Fragen kaum behandelt. Vielmehr war dem Parteisekret&#228;r aufgetra­gen, die allgemeinen Aufgabenstellungen des jeweiligen Bereichs ideologisch zu begr&#252;nden und erzieherisch durchzusetzen. Er musste dar&#252;ber wachen, dass niemand aus der Reihe tanzte – und wenn das doch geschah, entsprechend eingreifen. Gegen&#252;ber dem Leiter &#252;bte er ein gewisses Ma&#223; an Kontrolle aus und entwickelte sich – zumal wenn er gute operative Arbeit leistete – hier und da zu dessen Rivalen. Vielen Parteisekret&#228;ren war das jedoch nicht verg&#246;nnt, da sie sich in ihrer undankbaren Funktion verschlissen. Sie mussten n&#228;mlich die &#252;berraschenden Richtungs&#228;nderungen der SED ebenso begr&#252;nden wie ihre Abstinenz von jeglichem Reform­denken. Auf viele Fragen des t&#228;glichen Lebens wussten sie keine Antwort, st&#228;ndig wurde aber verlangt, diese auch ohne »Hilfe von oben« zu finden. Und wenn sie in ihrer Not dann nach dem gesunden Menschenverstand argumentierten, lagen sie oft »schief« und wurden kritisiert. Denn die SED-Oberen vertraten einen Unfehlbarkeitsanspruch, dem sich jeder zu unterwerfen hatte. Auch die Arbeitsergebnisse der HVA wurden daran gemessen und stie&#223;en nicht selten auf Zur&#252;ckhaltung, wenn sie anderes aussagten, als die »Partei- und Staatsf&#252;hrung« w&#252;nschte. Honecker betrachtete – wenn man seinen Aussagen Glauben schenken darf – die Aufkl&#228;­rungsresultate als etwas der Westpresse Vergleichbares. Er sagte in einem Interview ein halbes Jahr nach seinem Sturz: »Die Berichte vom MfS, soweit sie nicht unter Geheimhaltung standen und auch nicht nur mir zug&#228;nglich waren, vor allem wenn es die westliche Seite betraf, erschienen mir immer wie eine Zusammenfassung der Ver&#246;ffentlichungen der westlichen Presse &#252;ber die DDR. Das sage ich hier in aller Offenheit. Ich selber habe diesen Berichten wenig Beachtung geschenkt, weil all das, was dort drin stand, man auch aus den Berichten der westlichen Medien gewinnen konnte.« Und auch Honeckers langj&#228;hriger »Kronprinz« und kurzzeitiger Nach­folger Egon Krenz best&#228;tigte als Zeuge in einem Prozess, dass das Politb&#252;ro den Informationen der HVA meist nur wenig Bedeutung beigemessen habe.</p>
<p>Auf dieser Ebene der Parteispitze hat es eine Kontrolle des MfS im eigentlichen Sinne nicht gegeben. Die nahm Erich Mielke in seiner Doppelfunktion als Minister und Politb&#252;romitglied selbst wahr; allenfalls lie&#223; er sich von Honecker etwas sagen. Das Verh&#228;ltnis zu Krenz, der altersm&#228;&#223;ig sein Sohn sein konnte, war k&#252;hl, aber korrekt; immerhin bestand eine gewisse Zeit die M&#246;g­lichkeit, dass der fr&#252;here FDJ-Vorsitzende Honecker abl&#246;sen k&#246;nnte. Ohne jeden Einfluss war die Sicherheitsabteilung des Zentralkomi­tees. Sie schickte zwar zu allen wichtigen Beratungen im MfS einen Vertreter, aber dieser vertrat nie eine eigene Meinung. In der Regel ersch&#246;pfte sich sein Beitrag in einer Lobeshymne auf das MfS und seinen Minister. Als in den 80er Jahren der Krenz-Vertraute Wolfgang Herger Leiter der Sicherheitsabteilung wurde und bei Mielke seinen Antrittsbesuch machte, wies ihn dieser sofort in die Schranken: »Zu mir brauchst du nicht zu kommen. Die operative Arbeit im Ministerium entscheide ich! K&#252;mmere du dich um die Parteiarbeit!« In diesem Sinne war auch der Chef der SED-Parteiorganisation im MfS, Horst Felber, nur ein Erf&#252;llungsgehilfe Mielkescher Politik, ohne eigene Gestaltungskraft. Zwar mit dem Rang eines Generalmajors versehen, oblag ihm die »marxistisch­leninistische Erziehung der Tschekisten«. Er selbst beschreibt das so: »Mielkes Prinzip war, dass im MfS die Parteiorganisation die Mitarbeiter zu erziehen und sich nicht im geringsten um operative Belange zu k&#252;mmern hat.« Allerdings kann Felber nicht verhehlen, dass er diese Aufgabe bis zuletzt diszipliniert erf&#252;llte – so diszipli­niert wie fast alle Parteifunktion&#228;re des Ministeriums und auch der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung.</p>
<p>Denn f&#252;r die meisten von ihnen waren diese Machtspiele an der Spitze des MfS ohne Belang; sie fragten auch zumeist nicht, wie ihre Informationen beurteilt wurden. Sie machten ihre Arbeit, nahmen deren Ideologisierung und die »tschekistischen« Dogmen in Kauf und versuchten dennoch, den erforderlichen Freiraum f&#252;r den Umgang mit den Kundschaftern zu erhalten. Das f&#252;hrte zwangsl&#228;ufig zu einer Bewusstseinsspaltung, die aber als gegeben hingenommen wurde. Wer nicht scheitern wollte, sah weg bei den Dingen, die ihn nach seiner Auffassung nichts angingen, und erf&#252;llte die rituellen Forderungen, die in Parteiversammlungen und anderen politischen Veranstaltungen verlangt wurden. Ansonsten aber gestalteten die meisten ihren Dienst nach den eigenen Vorstellungen, entschieden eigenverantwortlich, was bei der kom­plizierten Aufgabe der Spionage im Bereich des Gegners jeweils erforderlich war. Diesen Dualismus von ideologischen Dogmen einerseits und individuellem Handeln auf der anderen Seite haben fast alle fatalistisch akzeptiert. Dies f&#252;hrte zu Verstrickungen, die damals kaum einer wahrhaben wollte, die sie aber heute als Ausgangspunkt ihres Mitschuldig-Werdens begreifen mussten.</p>
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		<title>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR – kurze Geschichte eines Spionagedienstes (Teil III)</title>
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		<pubDate>Sat, 31 Jul 2010 11:37:59 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Die unglaubliche Menge von 77000 geheimen Dokumenten von US-Beh&#246;rden zum Afghanistan-Krieg ist seit einigen Tagen &#8211; ausgel&#246;st durch einen einfachen Mausklick &#8211; im Internet zu lesen. Noch vor einigen Jahren w&#228;re die Beschaffung solch umfangreichen Materials, ohne fr&#252;her oder sp&#228;ter aufzufallen, faktisch unm&#246;glich gewesen. <span id="more-1815"></span>Auch seine &#220;bergabe h&#228;tte einen Spion vor ziemlich unl&#246;sbare Aufgaben gestellt. Und selbst wenn ein solcher Coup gelungen w&#228;re, die allgemeine &#214;ffentlichkeit h&#228;tte davon f&#252;r lange Zeit nichts erfahren.</p>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/07/West-Spione1-199x3002.gif"><img class="alignright size-full wp-image-1817" title="West-Spione1-199x300" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/07/West-Spione1-199x3002.gif" alt="" width="199" height="300" /></a>Dass all das jetzt anders ist, hat die <a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,708199,00.html" target="_blank">rasante technische Entwicklung</a><img src="http://vg02.met.vgwort.de/na/7971700a7199454d9b0077a03c571769" alt="" width="1" height="1" />, vor allem auf dem Informationssektor, bewirkt. Dadurch k&#246;nnen Informationen blitzschnell verwirklicht, auf dem Funkwege rund um den Erdball geschickt und &#8211; via Internet &#8211; f&#252;r jedermann sofort verf&#252;gbar gemacht werden. Und dennoch braucht es irgendwo in diesem Prozess eines <a href="http://www.taz.de/1/leben/koepfe/artikel/1/whistleblower-im-visier/" target="_blank">Menschen,</a> der zum einen Zugang zu diesen Informationen hat und &#8211; das vor allem &#8211; zugleich dazu motiviert ist, diese Informationen der Geheimhaltung zu entziehen und in die &#214;ffentlichkeit zu stellen.</p>
<p>Insofern ordnet sich die j&#252;ngste Aktion des Internetportals <a href="http://www.hr-online.de/website/radio/you_fm/index.jsp?key=standard_document_39514095&amp;rubrik=36864&amp;seite=1" target="_blank">»wikileaks«</a> in das »zweit&#228;lteste Gewerbe«, die Spionage ein, auch wenn die Betreiber der Plattform dazu vielleicht gar nichts beigetragen haben. Denn schon immer gab es Geheimnistr&#228;ger, die von sich aus ihr Wissen offenbarten &#8211; aus welchen Gr&#252;nden und wem auch immer. Diese Erfahrung hat auch die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR gemacht, wie in einer fr&#252;h erschienenen Darstellung der Geschichte und Arbeitsweise der HVA, die im Handel nicht mehr erh&#228;ltlich ist, beschrieben ist – im Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report«, ver&#246;ffentlicht 1992 im Berliner Verlag ElefantenPress. Im folgenden der dritte Teil:</p>
<h2>Guillaume und Genossen</h2>
<p>Als in den fr&#252;hen Morgenstunden des 24. April 1974 vor der Wohnung des Ehepaares Guillaume in Bad Godesberg die Polizei mit einem Haftbefehl des Generalbundesanwalts stand, reagierte G&#252;nter Guillaume erschrocken und &#252;berrumpelt mit jenem Satz, der den Ermittlungsbeh&#246;rden einen Stein vom Herzen fallen lie&#223;: »Ich bin B&#252;rger der DDR und ihr Offizier &#8230;« So t&#246;richt dieses Gest&#228;ndnis unter taktischem Gesichtspunkt war, so sehr verstand es Guillaume als Bekenntnis, mit dem er von vornherein &#252;ber seine Motivation keinen Zweifel aufkommen lassen wollte.</p>
<p>Er reihte sich damit bewusst ein in jenen nicht unbetr&#228;chtlichen Teil von Informanten, die mit der HVA auf einer »gemeinsamen politisch-ideologischen Grundlage«, wie das genannt wurde, zusam­menarbeiteten. Vor allem einige Spitzenquellen, die &#252;ber viele Jahr hinweg den DDR-Nachrichtendienst belieferten, geh&#246;ren in diese Kategorie &#8211; darunter auch solche, die aus eigenem Antrieb, das hei&#223;t ohne jede Werbung, ihr Wissen pr&#228;sentierten. &#220;ber die Motive f&#252;r solches Handeln mag man streiten, aber trotz ihrer M&#228;ngel und immer offenkundigeren Fehlentwicklung war die DDR f&#252;r viele im Westen doch eine Hoffnung, eine Ermutigung, eine Alternative zu dem, was sie im eigenen Land vorfanden und was ihren Idealen nicht entsprach. Vor allem in den 50er Jahren entschieden sich viele Weiterdenkende, die den Kurs Adenauers auf eine separate Entwicklung der Bundesrepublik ablehnten, geradezu im Interesse der deutschen Einheit und nicht selten auch mit der Zielvorstellung einer anderen als der praktizierten restaurativen Entwicklung f&#252;r die heimliche Unterst&#252;tzung der DDR.</p>
<p>Der erste spektakul&#228;re Fall dieser Art war der &#220;bertritt des Pr&#228;sidenten des Verfassungsschutzamtes der Bundesrepublik, Otto John, in die DDR. Er hatte am 20. Juli 1954 im Westteil Berlins an einer Feierstunde f&#252;r die Attent&#228;ter auf Hitler teilgenommen und sich anschlie&#223;end unter bis heute nicht vollst&#228;ndig gekl&#228;rten Umst&#228;nden &#252;ber die Grenze nach Ostberlin abgesetzt. M&#246;glicher­weise war dieses Gedenken f&#252;r den sp&#228;ter als sensibel und sogar weich geschilderten Mann der Ausl&#246;ser, um das vorhandene Unbehagen &#252;ber den Abstand zwischen den Idealen der M&#228;nner des 20. Juli, denen John nahestand, und der Entwicklung in der Bundesrepublik in Handeln umzusetzen. Diese Entt&#228;uschung hat er in der DDR immer wieder ge&#228;u&#223;ert, und auch das Urteil des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe zitiert Johns Begr&#252;ndung f&#252;r seinen Schritt, »die Entwicklung in der Bundesrepublik ziele auf Wiederbelebung des Nationalsozialismus und Militarismus, auf Krieg und milit&#228;rische Aggression nach Ost und West, auf Verewi­gung der deutschen Spaltung, auf Ausschaltung der echten Demo­kraten und Beseitigung der Meinungsfreiheit«.</p>
<p>Dabei zeigte sich schnell, dass John keineswegs ein Anh&#228;nger des Sozialismus war. Ihm ging es offensichtlich darum, nach seinen negativen Erfahrungen mit dem westlichen Deutschland im Osten zu &#252;berpr&#252;fen, inwieweit hier seine Sehns&#252;chte verwirklicht w&#252;rden. Die konkrete Anschauung hat ihn schnell ern&#252;chtert. Schon nach knapp anderthalb Jahren kehrte er wieder in die Bundesrepublik zur&#252;ck und nahm dort eine vierj&#228;hrige Haftstrafe in Kauf. Verraten hatte er nichts. Seine Unterlagen waren vor der Fahrt in den Osten im Westberliner Hotel zur&#252;ckgeblieben. Ihn trieb die Suche nach dem wahren neuen Deutschland. Er fand es weder im Westen noch im Osten.</p>
<p>Sein Beispiel belegt aber die Anziehungskraft, die der andere deutsche Weg damals noch besa&#223;, und einige Male wurde das politische Bonn auch in den Jahren hernach durch die Offenbarung oder Enttarnung hochrangiger HVA-Informanten ersch&#252;ttert. Am 21. August 1954 war der damalige Bundestagsabgeordnete Karl­franz Schmidt-Wittmack aus Hamburg in die DDR gekommen. Auch er begr&#252;ndete seinen Schritt damit, »dass das starre au&#223;en­politische Festhalten des Kanzlers an der EVG (der damals geplanten Verteidigungsorganisation Westeuropas unter Einschlu&#223; der Bundesrepublik &#8211; d. Verf.) in keiner Weise den Interessen des Volkes entspricht«. Zu ihm hatten bereits zuvor Kontakte des IWF bzw. der HVA bestanden. Aufsehen erregte auch die Tatsache, dass der Foto-Gro&#223;h&#228;ndler Hanns-Heinz Porst, ein einflu&#223;reiches FDP-Mitglied, seit 1953 f&#252;r den DDR-Nachrichtendienst spioniert hatte. F&#252;r ihn waren ebenfalls politische Gr&#252;nde ma&#223;gebend.</p>
<p>Sp&#228;ter begannen sich die langfristigen, perspektivischen Ma&#223;­nahmen der HVA auszuwirken. Die &#220;bersiedlungen der 50er Jahre trugen erste Fr&#252;chte &#8211; darunter besonders das Vordringen von G&#252;nter Guillaume bis in die Spitze des Bundeskanzleramtes zur Regierungszeit von Willy Brandt. Die Guillaumes waren 1957 in die SPD eingetreten und machten dort bald Karriere &#8211; G&#252;nter Guillaume &#252;ber die »Ochsentour« durch die &#246;rtlichen Parteigremien in Frankfurt/Main, seine Frau Christel als Sekret&#228;rin beim Chef der Hessischen Staatskanzlei. Guillaume schaffte schlie&#223;lich den Sprung auf eine Stelle im Bundeskanzleramt und konnte sich dort allm&#228;h­lich in zwar nach au&#223;en nicht sehr auff&#228;llige, aber doch f&#252;r einen Geheimdienst &#228;u&#223;erst ergiebige Positionen hocharbeiten. Zuletzt begleitete er Brandt auf wichtigen Reisen, durch seine H&#228;nde gingen Top-Materialien, die der Berliner Zentrale Auskunft &#252;ber alle wichtigen Details der Bundespolitik gaben.</p>
<p>Die Guillaumes handelten aus &#220;berzeugung. G&#252;nter Guillaume beschrieb sp&#228;ter, wie er fast zwanzig Jahre konspirativen Lebens und Arbeitens in der Bundesrepublik durchhalten konnte: »Es war der Auftrag, der mich vor der Pers&#246;nlichkeitsspaltung sch&#252;tzte, es war der Auftrag im Interesse der besten Sache der Welt, der alles zusammenhielt. Das Entscheidende ist, dass man selbst im Schlaf nicht vergisst, wer man wirklich ist: ein Kundschafter im Dienste von Frieden und Sozialismus.«</p>
<p>Es ist die Tragik der Guillaumes wie vieler anderer Aufkl&#228;rer der DDR, dass ihr Einsatz zwar in der jeweils konkreten Situation nicht umsonst war, aber aus historischer Sicht ohne Wirkung blieb. Ihre Ideale und Utopien lie&#223;en sich in und mit dem Staat, dem sie dienten, nicht verwirklichen. Das Engagement mit ihrer ganzen Person erwies sich letztlich als sinnlos &#8211; und das nicht nur, weil es dieser Staat DDR &#252;berhaupt nicht verdiente, sondern auch wegen lies Versagens ihrer Zentrale. Damit sind weniger die operativen Fehler gemeint, die &#8211; neben anderem &#8211; zur ihrer Enttarnung beitrugen, als vielmehr die Motive, zum Beispiel f&#252;r das Belassen eines Spions an der Seite von Willy Brandt.</p>
<p>Sehr sp&#228;t hat Markus Wolf Bedauern &#252;ber diese Entscheidung ge&#228;u&#223;ert; nur z&#246;gernd mochte er sie als Fehler einordnen. Dabei isi klar, dass der R&#252;cktritt Brandts aus politischer Sicht erheblich mehr Schaden &#8211; und nicht nur f&#252;r die DDR, sondern weit dar&#252;ber hinaus &#8211; verursachte, als die Aufkl&#228;rungsergebnisse Guillaumes Nutzen brachten. Diesen sch&#228;tzte auch Wolf sp&#228;ter als begrenzt ein: »Vieles, was in der Politik diskutiert wird, kann man meist kurze Zeit sp&#228;ter in anderer Form in der Presse nachlesen. Das war im Fall Guillaume nicht anders.« Um so unverantwortlicher war, jenen, die Brandt damals ohnehin los sein wollten, daf&#252;r auch noch die Munition zu liefern.</p>
<p>Da&#223; Guillaume weiterarbeitete, war zwar zum gewissen Teil auch seine Entscheidung &#8211; Resultat des ihm anerzogenen anti­sozialdemokratischen Feindbildes, der alten sektiererisch-kommu­nistischen Auffassung, da&#223; der »Sozialdemokratismus« eine gr&#246;&#223;ere Gefahr als der Konservatismus darstelle, aber bestimmt auch Ergebnis eigenen Ehrgeizes. Vor allem aber war es Folge einer Fehlentscheidung der HVA-F&#252;hrung, die es sich nicht versagen mochte, das Ohr im »Allerheiligsten« der Bundesregierung zu haben, ungeachtet des geringen operativen Gewinns. Um so mehr konnte man mit einer solchen Position vor der eigenen »Partei- und Staatsf&#252;hrung« gl&#228;nzen, und der schwoll denn auch gleich der Kamm! »Wir haben nicht die Absicht, Berichte unseres Geheim­dienstes &#252;ber die Lage in der Bundesrepublik Deutschland, in der Bonner Regierung, in der F&#252;hrung der CDU/CSU oder des Bonner Verteidigungsministeriums zu ver&#246;ffentlichen«, prahlte Erich Honecker in einer Rede zur Auswertung des IX. Parteitages der SED 1976 vor dessen Zentralkomitee. »Es besteht aber kein Zweifel, da&#223; wir etwas besser informiert sind.« Der Nachrichten­dienst als Selbstbefriedigungsinstrument f&#252;r die Herrschenden?</p>
<p>Die Aufkl&#228;rer im Westen arbeiteten dennoch weiter f&#252;r die DDR, sahen darin eine M&#246;glichkeit, ungeachtet der widerspr&#252;ch­lichen Politik dieses Staates etwas f&#252;r den Frieden zu tun. Denn die Politik ihrer eigenen Regierungen bereitete ihnen noch gr&#246;&#223;ere Sorgen, Die Studentenbewegung 1968 in vielen westeurop&#228;ischen L&#228;ndern und das Ringen in den 70er Jahren um eine europ&#228;ische Nachkriegsordnung waren Ausdruck des Sehnens vieler Menschen nach einem Ende des Kalten Krieges und damit sowohl nach einer demokratischen Entwicklung im Innern als auch nach Beendigung der Konfrontation zwischen den Systemen. Das verbesserte die operativen M&#246;glichkeiten des Auslandsgeheimdienstes der DDR in betr&#228;chtlicher Weise. Die Reiset&#228;tigkeit nahm in jener Zeit sprunghaft zu; viele Jugendliche aus Westeuropa wollten den zweiten deutschen Staat kennenlernen, an dem sie viel auszusetzen hatten, der aber doch noch starke Faszination auf sie aus&#252;bte. Sie kamen als Wohlwollende und waren durchaus aufgeschlossen, wenn ihnen M&#246;glichkeiten einer aktiven T&#228;tigkeit f&#252;r die Friedenssicherung oder gar eine Alternative zu ihrer b&#252;rgerlichen Gesellschaft aufge­zeigt wurden. Sie lehnten oft die restriktive Politik gegen die DDR &#8211; Nichtanerkennung, Isolation, Wirtschaftsboykott, Embargo, ideologische Verketzerung &#8211; ab. Das Argument, als Aufkl&#228;rer viel mehr f&#252;r die eigenen Ziele tun zu k&#246;nnen als durch spektakul&#228;re Aktionen auf der Stra&#223;e, leuchtete nicht wenigen ein. Sofern sie durch ihr Engagement nicht schon ins Blickfeld der heimischen Abwehrorgane geraten waren, eigneten sie sich f&#252;r eine Kundschaftert&#228;tigkeit, zumal dann, wenn die M&#246;glichkeit des Eindringens in wichtige Objekte bestand &#8211; und das war bei jungen Wissen­schaftlern und Studenten m&#246;glicherweise der Fall. Nat&#252;rlich waren die meisten nicht hochkar&#228;tig. Viele besetzten lediglich Positionen in der zweiten oder dritten Reihe, manche beobachteten das Geschehen gar nur vom Rande her. Aber gerade die F&#252;lle der von ihnen &#252;bermittelten Informationen erm&#246;glichte der HVA ein reali­stisches und stets aktuelles Lagebild.</p>
<p>Schon in der Vergangenheit hatte sich erwiesen, da die Vielfalt der Informationsquellen schnellen und sicheren Aufschlu&#223; &#252;ber politische, milit&#228;rische und wirtschaftspolitische Positionen der anderen Seite erm&#246;glichte. Ein Beispiel daf&#252;r war der 13. August 1961, als von den Staaten des Warschauer Vertrages die Entschei­dung zum Bau der Mauer getroffen wurde. Sie war verh&#228;ngnisvoll l&#8217;iir die weitere Entwicklung in Deutschland und Europa, wie wir heute wissen. Die langfristigen Konsequenzen waren damals noch nicht absehbar, aber es standen unmittelbare Folgen zu erwarten. Immerhin war Westberlin auch in der Diktion des Westens zur »Frontstadt« ausgebaut worden, wurde die Teilstadt als »Symbol der Freiheit« angesehen. Ein so schwerwiegender Eingriff in ihre Lebensf&#228;higkeit h&#228;tte durchaus zu einer Kurzschlussreaktion f&#252;hren k&#246;nnen, und tats&#228;chlich standen sich am Checkpoint Charlie schon bald amerikanische und sowjetische Panzer gegen&#252;ber.</p>
<p>In dieser Situation rief Staatssicherheitsminister Mielke bei der HVA an und fragte, ob die USA zum Schie&#223;en bereit seien. Aufgrund sofort nach dem Mauerbau beschaffter Informationen konnte er beruhigt werden: Es gibt keinerlei Entscheidungen der westlichen Regierungen, nur gro&#223;e Ratlosigkeit und zum Teil sogar Erleichterung. Denn immerhin hatte die Fluchtbewegung der Jahre 1960/61 aus der DDR viele Unw&#228;gbarkeiten geschaffen, die nun offensichtlich gemindert waren. Die HVA konnte eine solche Antwort geben, weil alle ihre Westberliner Quellen schon in den ersten Stunden des 13. August berichtet hatten. Sie nutzten unter anderem dazu das sehr effektive Mittel des Infrarotsprechverkehrs, das es erm&#246;glichte, ohne direkten Kontakt &#252;ber die Mauer hinweg akustische Signale auszutauschen, die kaum geortet werden konnten. Nahezu st&#252;ndlich wurde so die HVA von ihren Quellen &#252;ber den neuesten Stand unterrichtet. Sp&#228;ter kamen die Informationen aus den westlichen Hauptst&#228;dten hinzu; sie alle lie&#223;en keinen Zweifel, dass die Ma&#223;nahmen der DDR an ihrer Grenze hingenommen wurden.</p>
<p>Ein anderes Feld der Spionaget&#228;tigkeit, &#252;ber das zwar nicht so h&#228;ufig gesprochen wurde, das aber dennoch existentielle Bedeutung f&#252;r die DDR hatte, war die Wirtschaftsaufkl&#228;rung. Schon bei der Bildung des Instituts f&#252;r wirtschaftswissenschaftliche Forschung wurde der Bereich, dem der neugeborene Nachrichtendienst seinen Namen gab, zu einer der S&#228;ulen. Das war kein Zufall, denn nach dem Zweiten Weltkrieg lag die Wirtschaft im &#246;stlichen Teil Deutschlands schwer darnieder, zumal dieses Gebiet auch vor dem Kriege nicht zu den f&#252;hrenden Wirtschaftszonen des Reiches geh&#246;rt hatte. Die Verbindungen zu den Industrieschwerpunkten an Rhein, Ruhr und Saar waren abgeschnitten, und zudem begann schon damals die &#246;konomische Diskriminierung der DDR. Aus der einen Abteilung der Anfangsjahre entwickelte sich schnell eine verzweigte Struktur mit vielf&#228;ltigen Aufgabenstellungen. Bereits Mitte der 60er Jahre war die Wirtschaftsaufkl&#228;rung so gro&#223; geworden, da&#223; sie in mehrere Abteilungen aufgeteilt und unter dem Dach des »Sektors Wissenschaft und Technik« (SWT) zusammen­gefa&#223;t werden mu&#223;te. Gleichzeitig baute der SWT-Bereich in einer Reihe von DDR-Fachministerien sogenannte legale Residenturen auf, die f&#252;r einen engen Kontakt zum Auftraggeber sorgten und au&#223;erdem die Arbeitsbeziehungen des jeweiligen Ministeriums ins Ausland nutzten.</p>
<p>Leiter der Wirtschaftsaufkl&#228;rung war Heinrich Weiberg, der sich aus einfachen Verh&#228;ltnissen zum Ingenieur und sp&#228;teren Wirtschaftswissenschaftler hochgearbeitet hatte. Er wusste genau, was die junge DDR an wissenschaftlichen Erkenntnissen brauchte, und beherrschte exzellent das, was heute modisch als »Preis-Leistungs-Verh&#228;ltnis« umschrieben wird. Ihm wird nachgesagt, da&#223; er einmal einem Chemiker, der mit Fach-Chinesisch zu beeindrucken versuchte, kurz ins Wort fiel: »Was haben Sie zu bieten? Wie Seife gemacht wird, wissen wir alleine!«</p>
<p>Weibergs Experten waren auf allen wichtigen Gebieten von Wissenschaft und Technik t&#228;tig &#8211; in der Kernphysik, der Elektronik, der Biotechnologie, der Chemie und Kunststoffproduktion sowie nat&#252;rlich der Milit&#228;rtechnik. Als 1979 der SWT-Offizier Werner Stiller die Fronten wechselte, brachte er allein aus seiner Abteilung XIII Materialbegleitlisten mit, deren Kurztitel auf Informationen verwiesen, die in siebzehn Leitz-Ordner gepasst h&#228;tten. Der Verfas­sungsschutz stellte denn auch n&#252;chtern fest, dass er die Wirtschafts­spionage der DDR gr&#252;ndlich untersch&#228;tzt hatte. Nach Darstellung des Innenministeriums bewies die durch Stiller enth&#252;llte Struktur vom SWT »nicht nur die &#252;berragende Bedeutung der Wirtschafts­spionage f&#252;r die DDR, sondern setzt gleichzeitig voraus, da&#223; entsprechende Aufkl&#228;rungserfolge gegeben sein mussten, die eine solche organisatorische Verst&#228;rkung rechtfertigen«.</p>
<p>Verschwiegen wurde in jenem Bericht, dass die Beschaffung neuester Milit&#228;rtechnik einer der Schwerpunkte der SWT-T&#228;tigkeit war. Bereits Anfang der 60er Jahre hatte die DDR &#252;ber die gesamte Technologie zur Herstellung von Legierungen f&#252;r Raketenm&#228;ntel Kenntnis. Sp&#228;ter beschafften die Sp&#228;her der HVA das sogenannte NATO-Gewehr, eine moderne Handfeuerwaffe, der allerdings die sowjetische Kalaschnikow kaum nachstand.</p>
<p>Eine der vier SWT-Abteilungen, die Abteilung V, war allein f&#252;r die Auswertung des ungebremst flie&#223;enden Materials zust&#228;ndig. Mitunter traf es kofferweise ein; die beschafften Muster f&#252;llten auch schon mal eine Wagenladung. Die Auswerter waren weder nach Zahl noch nach Ausbildung in der Lage, diese F&#252;lle und die damit oft verbundene Spezifik des Inhalts zu bew&#228;ltigen. In abgedeckten Au&#223;enstellen sa&#223;en Spezialisten, die die Aktenordner durchsahen. Viele Materialien wurden auch direkt an besonders verpflichtete Auswerter in Forschung und Industrie gegeben.</p>
<p>Mit seinen Beschaffungsaktionen tat der SWT &#8211; wenn auch mit besonderer Perfektion &#8211; weitgehend etwas, das zwischen gro&#223;en Konzernen und um marktbeherrschende Anteile k&#228;mpfenden Unternehmen schon lange gang und g&#228;be war: der Bereich betrieb Industriespionage. Diese verlangte oftmals nicht soviel Aufwand wie die Auskundschaftung politischer oder milit&#228;rischer Vorg&#228;nge. In vielen F&#228;llen gen&#252;gte eine bestimmte Geldsumme, um in den Besitz eines Bauplans oder auch des Prototyps einer Neuentwick­lung zu gelangen.</p>
<p>In der HVA selbst wurden die SWT-Mitarbeiter mitunter beneidet. Mit relativ geringem operativem Aufwand konnten sie Ergebnisse pr&#228;sentieren, deren Wert sich meist auch noch exakt in Millionen Valuta-Mark ausdr&#252;cken lie&#223;.</p>
<p>Die Arbeitsergebnisse des »Sektors Wissenschaft und Technik« waren f&#252;r die st&#228;ndig mit Schwierigkeiten k&#228;mpfende DDR-Wirtschaft von gro&#223;er Bedeutung, konnten aber nicht einmal ann&#228;hernd genutzt werden. Einerseits haben sie ihr &#252;ber manche Durststrecke hinweggeholfen und einen Beitrag dazu geleistet, da&#223; die DDR nach au&#223;en hin mehr zu leisten schien, als tats&#228;chlich der Fall war. So konnten viele wissenschaftlich-technische Gro&#223;taten nur mit SWT-Hilfe erreicht werden. Herausragendes Beispiel ist die Kreation des l-Megabit-Chips durch das Kombinat »Carl Zei&#223;« Jena. Aber zugleich wurde damit von den Forschungsinstituten und den Wirtschaftsunternehmen der Zwang genommen, sich selbst einen Kopf zu machen. Es war bequemer, schon vorgedachte Forschungsergebnisse aus westlichen Gefilden nur nachzuvollzieivulhen als etwas Eigenes auszudenken oder auf das Beschaffte noch Selbstentwickeltes drauf zu setzen. Insofern wirkten auch die Auf­kl&#228;rungsergebnisse vom SWT ambivalent. Kurzfristig verschafften sie der DDR-Wirtschaft eine Atempause; langfristig aber enthoben sie scheinbar von der Notwendigkeit, eigene Anstrengungen zum Erreichen des immer wieder beschworenen »Weltstands« zu unter­nehmen. Und dort, wo aus den Erkenntnissen der Wirtschafts­aufkl&#228;rung tats&#228;chlich h&#228;tten Entscheidungen abgeleitet werden k&#246;nnen &#8211; &#252;ber strategische Richtungen der Produktion, &#252;ber die Beschr&#228;nkung auf effektive Hochtechnologien auf der Basis tradi­tioneller St&#228;rken der ostdeutschen Wirtschaftsstruktur, &#252;ber Schritte zur Behebung permanenter Defizite, zum Beispiel auf dem Ener­giesektor &#8211; sperrte sich die SED-F&#252;hrung gegen jede Einsicht. Gegen die Dogmen des Politb&#252;ros kamen die stichhaltigsten Argumente nicht an.</p>
<p>Gerade diese Schw&#228;chen der DDR-Wirtschaft haben dar&#252;ber hinaus zum Teil verhindert, dass die durch die HVA beschafften Materialien in einem ad&#228;quaten Umfang genutzt werden konnten. Zudem h&#228;tte die Wirtschaftskraft des 17-Millionen-Landes ohnehin nicht ausgereicht, all das in materielle Gr&#246;&#223;en umzusetzen, was da auf dem Papier bekanntgeworden war. Die Tonnenideologie, die Gigantomanie, die auch hier walteten, schufen mehr Probleme, als sie Antworten auf herangereifte Fragen zu geben vermochten.</p>
<p>Die spektakul&#228;ren &#8211; und von den Medien oft noch &#252;bertriebenen &#8211; Erfolge der HVA st&#228;rkten ihr Image als professionell perfekter und effizienter Geheimdienst. Das wurde zunehmend auch vom KGB anerkannt, und die HVA erhielt die M&#246;glichkeit, auch auf Feldern aktiv zu werden, die bis dato die Dom&#228;ne der sowjetischen Spionage waren. Unter anderem galt dies f&#252;r die CIA. Ende der 70er Jahre war zwar eine Arbeitsteilung zwischen den Geheimdien­sten der UdSSR und der DDR vereinbart worden, nach der die Spionage der einen Supermacht ausschlie&#223;lich im Blickfeld der anderen bleiben sollte, aber schon nach kurzer Zeit wurde diese Entscheidung revidiert. Unter dem rabulistischen Motto »Hauptfeind ist die CIA, unsere Hauptobjekte sind die BRD-Geheimdienste« stieg die HVA wieder voll in die Bearbeitung des amerikanischen Dienstes ein. Sie konzentrierte sich dabei auf dessen Dienststellen und Objekte in der Bundesrepublik und Westberlin, wobei das personelle Interesse insbesondere den Zivilbesch&#228;ftigten unter­schiedlichster Nationalit&#228;t galt.</p>
<p>Zu diesen geh&#246;rte der T&#252;rke Hussein Yildirin. Er arbeitete in einer Autowerkstatt der Westberliner US-Mission. Aus Sympathie gegen&#252;ber der sozialistischen Idee, vermischt mit etwas Abenteu­rertum und dem Drang, sich in einem anderen Metier zu best&#228;tigen, vor allem aber aus finanziellen Gr&#252;nden arbeitete er mit der HVA zusammen und konnte ihr einen Hinweis auf James W. Hall geben, der Mitarbeiter des zentralen Objektes der fernmelde-elektronischen Spionage der USA auf dem Berliner Teufelsberg war. Hall brauchte Geld und war f&#252;r ein lohnenswertes Gesch&#228;ft zu einem hohen Risiko bereit. Er hatte Zugang zu Dokumenten der aller­h&#246;chsten Geheimhaltungsstufe &#8211; nicht nur hinsichtlich der ameri­kanischen Lauschangriffe auf deutschem Territorium, sondern auch zu allen wichtigen amerikanischen Geheimdienstoperationen gegen andere L&#228;nder, einschlie&#223;lich der Verb&#252;ndeten in der NATO. So beschaffte er die »National Sigint Requirements List« (NSRL), den Zielkatalog aller amerikanischen Dienste f&#252;r ihre weltweiten Operationen. Auf 4.000 Blatt waren da deren Informationsinteres­sen, aber auch die des State Department und anderer zentraler Regierungsbeh&#246;rden zusammengefasst &#8211; jeweils mit dem Vermerk, ob und wie durch Abh&#246;ren des Funk- und Fernmeldeverkehrs die gew&#252;nschten Informationen beschafft werden k&#246;nnten. Das Papier geh&#246;rt zu den wenigen HVA-Dokumenten, die nicht vernichtet wurden. Es ist 1990 der Gauck-Beh&#246;rde &#252;bergeben worden.</p>
<p>Ein weiteres sehr wertvolles Papier, das Hall, der unter dem Decknamen »Ronny« agierte, der DDR-Spionage &#252;bergab, war das »Canopy Wing«, die detaillierte Auflistung aller M&#246;glichkeiten der elektronischen Kriegf&#252;hrung zur Neutralisierung der F&#252;hrungszen­tren der Sowjetunion und des Warschauer Paktes. »Canopy Wing« sollte dartun, wie ein »Enthauptungsschlag« gegen den Osten gef&#252;hrt werden k&#246;nne. Es war ein Ma&#223;nahmekatalog daf&#252;r, »dem sowjetischen Oberkommando die F&#228;higkeit zu nehmen, effektiv konventionelle Hochfrequenz-Verbindungen zur F&#252;hrung und Kontrolle der Streitkr&#228;fte einzusetzen«. Dabei wurde nichts ausge­spart. Unter anderem hie&#223; es: »Es gibt ein Potential zur Durchf&#252;h­rung von verdeckten und schwer beweisbaren Sabotageakten, wie zum Beispiel Au&#223;erbetriebsetzung von &#220;bertragungs- und Strom­leitungen oder die Anwendung von Kampfstoffen.«</p>
<p>Die Kenntnis derartig geheimer Dokumente versetzte die Staaten des Warschauer Paktes in die Lage, rechtzeitig Gegenma&#223;nahmen zu treffen; ihre Beschaffung war von unsch&#228;tzbarem Wert. Entspre­chend verfuhren die amerikanischen Beh&#246;rden 1988 nach der Enttarnung des inzwischen nach Hause zur&#252;ckgekehrten James W. Hall. Er wurde zu 40 Jahren Zuchthaus verurteilt. Wie peinlich der Fall f&#252;r die USA war, zeigte, dass sie ihn selbst 1990 noch nicht zugeben wollten. Als die genannten Dokumente in der Presse auftauchten, versuchten sie das mit noch immer t&#228;tigen DDR-Spionen zu erkl&#228;ren. Obwohl Hall l&#228;ngst hinter Gittern sa&#223;, stellte sich der mittlerweile pensionierte Ex-CIA-Chef in der Bundesrepu­blik, Thomas Polgar, dumm: »Eine menschliche Quelle, m&#246;glicher­weise in Stuttgart. Beim Hauptquartier der Amerikaner. Man wird da wohl jetzt eine gr&#252;ndliche Untersuchung einleiten m&#252;ssen.«</p>
<p>Sicher wussten die Amerikaner, weshalb sie diese eklatante Niederlage nicht an die gro&#223;e Glocke h&#228;ngten. Bekannt gewordene Spionagef&#228;lle l&#246;sten in der Regel nicht etwa Panik unter den Agenten im Operationsgebiet aus, sondern spornten eher an, weckten Ehrgeiz, nicht schlechter zu sein als die Enttarnten oder gar die Schlappe auszugleichen. Der &#220;berl&#228;ufer Stiller berichtete, wie sich die Festnahme Guillaumes auf das HVA-Netz im Westen auswirkte: »Mehrere meiner Kollegen hatten festgestellt, da&#223; nach dem Fall Guillaume sonst eher ruhigere Agenten wieder arbeiteten. Kontaktpersonen, deren Anwerbung als zweifelhaft gegolten hatte, lie&#223;en sich nun mit dem MfS ein &#8230;«</p>
<p>Auch wenn die Dienste der Bundesrepublik die Ergebnisse de HVA nicht zuletzt deshalb &#252;bertrieben, weil sie damit die eigene Erfolglosigkeit begr&#252;nden konnten, so spielte das Ansehen de DDR-Spionage &#8211; neben politisch-ideologischen Motiven &#8211; doch bei nicht wenigen Anwerbungen eine wichtige Rolle. Und es war wohl auch ausschlaggebend f&#252;r die hochrangigen &#220;berl&#228;ufer, die die HVA bis in die 80er Jahre hinein registrieren konnte.</p>
<p>Beim M&#252;nchener Proze&#223; 1991 gegen die Gebr&#252;der Alfred und Ludwig Spuhler bekannte sich ersterer, der seit 1968 beim Bundesnachrichtendienst arbeitete, zur bewussten Unterst&#252;tzung des DDR-Dienstes, weil er begriffen hatte, »dass es dem Westen nicht um die Herstellung des milit&#228;rischen Gleichgewichts ging. Vielmein galt der Ausspruch eines amerikanischen Pr&#228;sidenten: &gt;Wir werden sie an die Wand r&#252;sten, bis sie quietschen!&lt;« Alfred Spuhler kannte die Ma&#223;nahmen des Westens zur »elektronischen Kampff&#252;hrung« gegen die &#246;stlichen L&#228;nder und wollte einen Beitrag zur Neutralisierung der sich daraus ergebenden Gefahren leisten. Aus seinen eigenen Arbeitsergebnissen schlussfolgerte er, »dass die von westlicher Seite st&#228;ndig gesch&#252;rte Angst vor der milit&#228;rischen &#220;berlegenheit des Warschauer Pakts eine glatte L&#252;ge war«.</p>
<p>Das best&#228;tigten &#252;brigens immer wieder in aller &#214;ffentliehki auch westliche Politiker, indem sie auf die Methode dei US-Administration verwiesen, vor der Beratung des Verteidigungshaushalts im Kongress die milit&#228;rische &#220;berlegenheit der UdSSR zu beschw&#246;ren. »Es ist immer die gleiche L&#252;ge, die vorgebracht wird, wenn das amerikanische Volk &#252;berredet werden soll, f&#252;r die Beibehaltung einer amerikanischen &#220;berlegenheit zu zahlen«, sagte schon 1982 Daniel Ellsberg, unter der Pr&#228;sidentschaft Kennedys dessen Milit&#228;rberater. Und zwei Jahre sp&#228;ter r&#228;umte die NATO selbst in einer Studie ein, dass sie in den Jahren zuvor die sowjetische R&#252;stung &#252;bersch&#228;tzt habe. Alfred Spuhler, der seine Dienste selbst anbot, lieferte unter anderem an die HVA jene »Lageberichte Ost« des BND, die die westlichen Erkenntnisse &#252;ber die damaligen sozialistischen L&#228;nder auflisteten. Sie enthielten wenig Schmeichelhaftes &#252;ber den »realen Sozialismus«; schon deshalb d&#252;rfte die Aussage vor dem M&#252;nchener Gericht zutreffend sein, da&#223; das SED-Politb&#252;ro diesen Berichten wenig Bedeutung beima&#223;. Sie passten einfach nicht in den Streifen. Spuhler jedoch steht zu seiner Tat. Er sagte vor Gericht, da&#223; er aus seiner &#220;berzeugung heraus nichts zu bereuen brauche.</p>
<p>Letztlich ideologische Wurzeln hatte auch die mehrj&#228;hrige Spionaget&#228;tigkeit von Lothar Lutze im Verteidigungsministerium. Er warb dar&#252;ber hinaus sowohl seine Ehefrau Renate als auch das Ehepaar Wiegel f&#252;r die HVA an. Lutze war zwar bereits als Elfj&#228;hriger mit seinen Eltern aus Th&#252;ringen in die Bundesrepublik gekommen, jedoch wirkten nach eigenen Angaben die Kindheits­erlebnisse als Junger Pionier so stark nach, da&#223; er sich schon in seiner Wehrdienstzeit bereit fand, die DDR-Aufkl&#228;rung &#252;ber Vor­g&#228;nge an seinem Luftwaffen-Standort zu informieren. Zu einem Top-Spion wurde er Anfang der 70er Jahre, als er die Sekret&#228;rin im Verteidigungsministerium, Renate &#220;belacker, heiratete und diese ihn ebenfalls auf der Hardth&#246;he unterbrachte. Als Verschlu&#223;­sachenbeauftragter der R&#252;stungsabteilung konnte er bis zu beider Festnahme 1977 ebenso brisantes Material liefern wie seine Frau als Chefsekret&#228;rin der Sozialabteilung. Beide schwiegen in ihrem Proze&#223; und wurden zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt. W&#228;hrend sie bereits 1981 ausgetauscht werden konnte, mu&#223;te Lothar Lutze &#8211; auch auf NATO-Interventionen hin &#8211; seine zw&#246;lfj&#228;hrige Haftstrafe absitzen.</p>
<p>Von anderem Kaliber waren die beiden &#220;berl&#228;ufer des Bundes­amtes f&#252;r Verfassungsschutz, Hansjoachim Tiedge und Klaus Kuron. Tiedge war Referatsgruppenleiter in der Abteilung Spionageabwehr des BfV; seine Aufgabe die Enttarnung von DDR-Spionen. Kuron war einer seiner Mitarbeiter, zust&#228;ndig f&#252;r die F&#252;hrung von Doppelagenten, also solchen Spionen, die mit Wissen des Verfassungsschutzes f&#252;r die DDR arbeiteten. Tiedge kam am 19. August 1985 in die DDR, ohne mit ihr zuvor politisch sympathisiert zu haben. Zu diesem Zeitpunkt verf&#252;gte die HVA aber schon drei Jahre lang &#252;ber Informationen, die ihr Aufschluss &#252;ber alle »Counterman«-Aktionen des BfV sowie &#252;ber zahlreiche andere Ma&#223;nahmen der bundesdeutschen Spionageabwehr gaben &#8211; von Kuron. Unter anderem erfuhr die HVA so die Verfassungs­schutz-Erkenntnisse &#252;ber Reisewege ihrer inoffiziellen Mitarbeiter und hatte es leicht, diese Wege umzulenken, so dass beabsichtigte Fahndungsma&#223;nahmen ins Leere griffen.</p>
<p>Noch r&#228;tselt der Verfassungsschutz dar&#252;ber, ob auch Tiedge schon einige Jahre vor seinem &#220;bertritt f&#252;r die HVA arbeitete oder ob die durch Kuron gewonnenen Erkenntnisse als die seinen dargestellt wurden, um die wertvolle Quelle im BfV zu sch&#252;tzen. Das eigene Wissen jedenfalls schrieb Tiedge in einer 245seitigen Doktorarbeit an der Berliner Humboldt-Universit&#228;t nieder; ihr Titel lautet: »Die Abwehrarbeit der &#196;mter f&#252;r Verfassungsschutz in der Bundesrepublik Deutschland«. <a href="http://www.blogsgesang.de/2010/02/08/vor-20-jahren-die-hinterlassenschaft-der-ddr-spionage-macht-probleme/" target="_blank">Kuron seinerseits spielte bis zum letzten Tag des Auslandsnachrichtendienstes der DDR eine bedeut­same Rolle</a>.</p>
<p>So unterschiedlich die Motive der M&#228;nner und Frauen des Verfassungsschutzes, des Bundesministeriums f&#252;r Verteidigung und des BND f&#252;r eine Zusammenarbeit mit der HVA gewesen sein m&#246;gen &#8211; Anf&#228;nger oder Tr&#228;umer waren sie gewiss nicht! Sie handelten meist aus &#220;berzeugung, immer aus einem Gef&#252;hl des Vertrauens. Immerhin wussten sie durch ihre Arbeit, wem sie sich in die Hand gaben &#8211; und auch, was oder wen sie an die gegnerische Seite verrieten. Sie kannten die Praktiken beider Geheimdienste, waren Profis durch und durch, konnten auch die Risiken einsch&#228;t­zen &#8211; und entschieden sich f&#252;r die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR. Entsprach aber der HVA-Nimbus, dem sie erlagen, tats&#228;ch­lich der Wirklichkeit? Wie gut war die DDR-Spionage tats&#228;chlich?</p>
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		<title>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR – kurze Geschichte eines Spionagedienstes (Teil I)</title>
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		<pubDate>Tue, 06 Jul 2010 20:20:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[&#220;ber Fu&#223;ball-Weltmeisterschaft und Hitzewelle ist ein nicht ganz unwichtiges historisches Datum ziemlich in Vergessenheit geraten – die endg&#252;ltige Aufl&#246;sung der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung (HVA) Ende Juni vor 20 Jahren. Vom 25. Juni 1990 datiert ein »Abschlussbericht &#252;ber die Aufl&#246;sung der ehemaligen HVA«; er beschreibt b&#252;rokratisch-gesch&#228;ftsm&#228;&#223;ig die Abwicklung eines Spionagedienstes, den seine Gegner einst zu einem der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>&#220;ber Fu&#223;ball-Weltmeisterschaft und Hitzewelle ist ein nicht ganz unwichtiges historisches Datum ziemlich in Vergessenheit geraten – die endg&#252;ltige Aufl&#246;sung der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung (HVA) Ende Juni vor 20 Jahren. <span id="more-1746"></span>Vom 25. Juni 1990 datiert ein <a href="http://www.ddr-wissen.de/wiki/ddr.pl?Abschlussbericht_&#252;ber_die_Aufl&#246;sung_der_ehemaligen_HVA" target="_blank"><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/d25625f4d1064cbfa348e4a4af3677dc" alt="" width="1" height="1" />»Abschlussbericht </a><a href="http://www.ddr-wissen.de/wiki/ddr.pl?Abschlussbericht_&#252;ber_die_Aufl&#246;sung_der_ehemaligen_HVA" target="_blank">&#252;b</a><a href="http://www.ddr-wissen.de/wiki/ddr.pl?Abschlussbericht_&#252;ber_die_Aufl&#246;sung_der_ehemaligen_HVA" target="_blank">er</a><a href="http://www.ddr-wissen.de/wiki/ddr.pl?Abschlussbericht_&#252;ber_die_Aufl&#246;sung_der_ehemaligen_HVA" target="_blank"> die Aufl&#246;sung der ehemaligen HVA«</a>; er beschreibt b&#252;rokratisch-gesch<a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/07/West-Spione1.gif"><img class="alignright size-medium wp-image-1751" title="West-Spione" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/07/West-Spione1-199x300.gif" alt="" width="199" height="300" /></a>&#228;ftsm&#228;&#223;ig die Abwicklung eines Spionagedienstes, den seine Gegner einst zu einem der erfolgreichsten der Welt erkl&#228;rten und um den sich bis heute ungez&#228;hlte Legenden ranken. Dieser fast vergessene Jahrestag sollte Anlass sein, eine fr&#252;h erschienene Darstellung der Geschichte und Arbeitsweise der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung, die im Handel nicht mehr erh&#228;ltlich ist, erneut verf&#252;gbar zu machen – das Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report«, erschienen 1992 im Berliner Verlag ElefantenPress. Nach einer Art <a href="http://www.blogsgesang.de/2010/01/15/vor-20-jahren-sturm-auf-die-stasi-zentrale/" target="_blank">Prolog</a>, der an dieser Stelle bereits publiziert wurde, ging der Blick zur&#252;ck zu den Anf&#228;ngen:</p>
<h2>Geheimes in der Tschaikowskistra&#223;e</h2>
<p>An einem Dezembertag des Jahres 1951 traf sich in Berlin eine kleine Gruppe vom Sekretariat des ZK der SED sorgf&#228;ltig auserw&#228;hlter Kommunisten, von denen die meisten &#252;ber eine oftmals langj&#228;hrige Erfahrung in der geheimen Arbeit f&#252;r die Partei verf&#252;gten. Sie hatten die Aufgabe, einen neuen, streng konspirativ arbeitenden Informationsdienst zu schaffen, der den unverf&#228;ng­lichen Namen »Institut f&#252;r wirtschaftswissenschaftliche Forschung« (IWF) tragen sollte.</p>
<p>Stellt man diese Entscheidung in den politischen Kontext jener Zeit, so erkennt man unschwer, dass die Bildung dieses geheimen DDR-Nachrichtendienstes, also des Vorl&#228;ufers der Hauptverwal­tung Aufkl&#228;rung, ein typisches Produkt sowjetischer Machtpolitik war und voll in der Logik des immer heftiger werdenden Kalten Krieges lag. Sie stand am Ende einer Phase der deutschen Nach­kriegsgeschichte, in der es durchaus noch einmal eine Chance auf Vereinigung der gerade entstandenen deutschen Staaten gegeben hatte.</p>
<p>Es ist mittlerweile gesicherte Erkenntnis der Historiker, dass die westdeutsche Politik in der zweiten H&#228;lfte der 40er Jahre mitnich­ten die Vereinigung Deutschlands im Auge hatte, sondern zun&#228;chst und vor allem die Integration der linkselbischen Besatzungszonen und der sp&#228;teren Bundesrepublik Deutschland in das westliche System. Verb&#252;rgt ist Adenauers Ausspruch, er wolle lieber das halbe Deutschland ganz als das ganze Deutschland halb &#8211; was soviel hie&#223;, dass er jeglichem Neutralit&#228;tsgedanken abhold war. F&#252;r ihn hatte eine »Politik der St&#228;rke« Priorit&#228;t, die dem von ihm erstrebten (Teil-)Deutschland politische Freiheit und wirtschaft­liche Prosperit&#228;t geben sollte &#8211; und damit zugleich einen Sog schaffen, durch den der &#246;stliche Rest &#252;ber kurz oder lang an Westdeutschland angeschlossen werden k&#246;nne. Freiheit und Wirt­schaftswachstum aber waren nur im engen Verbund mit den westlichen Siegerm&#228;chten zu erreichen; au&#223;erdem boten diese auch die milit&#228;rische Sicherheit vor den stets ins Kalk&#252;l gezogenen Attacken der Stalinschen Sowjetunion.</p>
<p>Anders hingegen die DDR und die hinter ihr stehende Gro&#223;­macht. Beide konnten mit diesem Ergebnis des zweiten Weltkrieges nicht zufrieden sein. Der auf den kleineren Teil des fr&#252;heren Kriegsgegners Deutschland begrenzte Einfluss und die schon nicht mehr nur latente Gefahr der Einbeziehung der drei westlichen Besatzungszonen des besiegten Staates in die neue Ost-West-Frontstellung verschlechterten die strategische Situation der UdSSR und waren somit Ausgangspunkt ihrer Versuche, mit allen zu Gebote stehenden Mitteln eine solche Entwicklung zu verhindern. Das war nur »auf kaltem Wege« m&#246;glich; Diplomatie und Druck sollten die Instrumente sein.</p>
<p>Die DDR startete in diesem Sinne 1950 eine ganze Reihe von Initiativen, die von vielen ihrer einzelnen Tr&#228;ger subjektiv durch­aus ehrlich gemeint gewesen sein m&#246;gen, objektiv aber Bestandteil der auf die allm&#228;hliche Einbeziehung ganz Deutschlands in ihren Machtbereich abzielenden sowjetischen Politik waren. Erinnert sei an Wilhelm Piecks Erkl&#228;rung vom 3. Januar 1950, einen Kongress der Nationalen Front in Westdeutschland einzuberufen, erinnert sei an das Deutschlandtreffen der Jugend zu Pfingsten in Berlin, erinnert sei auch an den Deutschen Nationalkongress, der im August des gleichen Jahres stattfand. In ihrer Agitation erhob die SED die Herstellung der Einheit Deutschlands zu einem »Beschluss«; all ihre Aktivit&#228;ten sollten Schritte zu dessen Umsetzung sein.</p>
<p>Die Bundesrepublik konnte derartigen Aktivit&#228;ten &#8211; aufgrund ihrer oben beschriebenen Grundhaltung &#8211; zun&#228;chst nur wenig entgegensetzen. Sie zog sich auf die vom amerikanischen Hohen Kommissar McCloy im Februar 1950 entwickelte Idee freier gesamtdeutscher Wahlen zur&#252;ck und stellte sie den &#246;stlichen Vorschl&#228;gen immer wieder entgegen &#8211; wohl wissend, hiermit eine Achillesferse des stalinistischen Systems zu treffen. Lange igno­rierte die DDR im Verein mit der Sowjetunion diese Forderung; erst im November des gleichen Jahres formulierte Ministerpr&#228;sident Otto Grotewohl im Zusammenhang mit dem Vorschlag zur Bildung eines Gesamtdeutschen Konsultativen Rates vorsichtig auch »die Vorbereitung der Bedingungen zur Durchf&#252;hrung einer gesamt­deutschen Wahl f&#252;r eine Nationalversammlung« als dessen Aufgabe.</p>
<p>Dass sich die DDR &#252;berhaupt so sehr auf die westdeutschen Vorstellungen einlie&#223;, ist wohl nur mit sowjetischem Druck zu erkl&#228;ren. Es gibt Spekulationen, dass Moskau m&#246;glicherweise schon damals und nicht erst mehr als ein Jahr sp&#228;ter mit der ber&#252;hmten Stalin-Note dem Gedanken etwas abgewinnen konnte, seine eigenen Machtpositionen in Ostdeutschland zugunsten eines Verzichts der Bundesrepublik auf absolute Westbindung zu beschr&#228;nken. Den Kommunisten in der DDR konnte das kaum recht sein, und so d&#252;rften sie &#252;ber die Ablehnung ihrer Vorschl&#228;ge durch die Bundesrepublik im Januar 1951 nicht allzu viel Verbitte­rung empfunden haben. Sie beeilten sich denn auch, auf dem 6. Plenum des ZK der SED im Juni 1951 den wiedererstandenen deutschen Imperialismus zur »Hauptgefahr f&#252;r den Frieden« zu erkl&#228;ren. Die DDR m&#252;sse allseitig gefestigt werden; der Kampf gegen den Imperialismus sei entschieden zu verst&#228;rken. Das verlange erh&#246;hte Anstrengungen von allen Parteimitgliedern, um die Arbeiterklasse und alle Werkt&#228;tigen zur Wachsamkeit zu erziehen, vor allem aber um alle Illusionen &#252;ber die Entwicklung der BRD auszur&#228;umen.</p>
<p>Auf politischer Ebene liefen dennoch die Bem&#252;hungen, die Bundesrepublik so weit wie m&#246;glich von der entstehenden westli­chen Allianz fernzuhalten, unvermindert weiter. Belege daf&#252;r waren offizielle Schreiben an den Deutschen Bundestag und den Bundespr&#228;sidenten mit entsprechenden Vorschl&#228;gen. Ungeachtet dessen wurden aber im Hintergrund die Sturmriemen f&#252;r eine neue Runde im Kalten Krieg bereits festgezurrt. Die Zusammenkunft der eingangs genannten konspirativen Runde im Dezember 1951 bewies an einem relativ untergeordneten Beispiel, dass der DDR-F&#252;hrung bei aller verbalen Unterst&#252;tzung sowjetischer Wiedervereinigungsideen der Sinn eher nach Abgrenzung und damit dem eigenen Machterhalt stand.</p>
<p>Die Entwicklung der zwei Jahre nach Gr&#252;ndung des in der Sowjetischen Besatzungszone entstandenen deutschen Staates hatte ihrer F&#252;hrung verdeutlicht, dass das Land st&#228;ndig sehr unterschied­lichen politischen Einfl&#252;ssen ausgesetzt war. Einerseits die Domi­nanz der Sowjetunion, der sie ihre Politik in allen Belangen</p>
<p>unterordnen musste. Andererseits aber der andere deutsche Staat, mit dem es nicht nur offene Grenzen, sondern auch auf vielen Ebenen &#8211; politischen wie privaten &#8211; noch intensive Kontakte gab. Der Informationsfluss allein durch die Kan&#228;le der Partei war l&#252;ckenhaft und unzuverl&#228;ssig. Nicht selten erhielt die F&#252;hrung falsche oder unzureichende Informationen; die Besatzungsm&#228;chte, aber auch die junge BRD nutzten diese Schw&#228;chen aus, um Meldungen zu lancieren, die politische Entscheidungen in gew&#252;nschte Richtungen pr&#228;judizieren konnten. Ganz besonders die Diskussionen um die Wiedervereinigung und sp&#228;ter &#252;ber den Generalvertrag der Bundesrepublik mit den Westm&#228;chten f&#252;hrten nicht selten zu Verunsicherung in der SED-F&#252;hrungsriege, die vor allem auf mangelnde Information zur&#252;ckzuf&#252;hren war.</p>
<p>Nicht zuletzt deshalb entstand hier die Idee zur Schaffung eines neuen Apparates, der dieses Informationsdefizit beseitigen konnte. In der zweiten Jahresh&#228;lfte 1951 begann insgeheim die Rekrutie­rung geeigneter Mitarbeiter. Neben erfahrenen SED-Kadern, die sp&#228;ter die Leitungsfunktionen &#252;bernehmen sollten, suchte man besonders junge Parteimitglieder, die bereits durch Engagement f&#252;r die SED aufgefallen waren. Gleichzeitig wurden auch konzeptio­nelle Arbeiten geleistet, und Ende 1951 konnte auf der genannten Zusammenkunft eine erste Bilanz gezogen werden.</p>
<p>Dort sa&#223;en dann schon jene M&#228;nner beisammen, die jahrzehnte­lang die Geheimdienstarbeit der DDR im Ausland und insbesondere im »Hauptoperationsgebiet BRD« bestimmen sollten: Markus Wolf, Robert Korb, Gerhard Heidenreich, Richard Stahlmann, Willy Wohl, Herbert Hentschke, Peter Scheib. Leiter war Anton Ackermann, damals Staatssekret&#228;r im Ministerium f&#252;r Ausw&#228;rtige Angelegenheiten. Diese Zuordnung verwies darauf, dass der neue Nachrichtendienst zun&#228;chst als verborgenes Organ der Au&#223;enpoli­tik gedacht war und nach strengen Regeln der Konspiration aufgebaut werden sollte.</p>
<p>Die meisten der f&#252;hrenden K&#246;pfe der gerade geborenen DDR-Aufkl&#228;rung hatten ihre Erfahrungen entweder in der illegalen Arbeit der KPD oder im Exil in der Sowjetunion gesammelt; einige waren auch in die Umsetzung der Stalinschen Politik aktiv einbe­zogen gewesen. So arbeitete Korb einige Zeit als Sekret&#228;r der Komintern/Kominform in Moskau; er besa&#223; exzellentes Fakten­wissen &#252;ber die kommunistische Bewegung und au&#223;enpolitische Vorg&#228;nge der 20er und 30er Jahre. Stahlmann hatte in zahlreichen l .&#228;ndern illegal gearbeitet, unter anderem in China und in Nord­europa. Hentschke war w&#228;hrend des zweiten Weltkrieges sowjeti­scher Partisan im Kampf gegen die deutsche Wehrmacht. Scheib hatte im Th&#228;lmannschen Zentralkomitee als Parteiorganisator gewirkt. Zu diesen Kadern geh&#246;rte auch Heidenreich, einer der Mitbegr&#252;nder der FDJ, der &#252;ber ausgezeichnete Beziehungen zu Honecker und &#252;ber diesen zu Ulbricht verf&#252;gte. Er war zusammen mit Wohl f&#252;r die Rekrutierung der k&#252;nftigen Geheimdienstler zust&#228;ndig. Zu den j&#252;ngeren geh&#246;rten auch Werner Gro&#223;mann, der es 1987 zum Nachfolger von Markus Wolf bringen sollte, und einige der sp&#228;teren langj&#228;hrigen Leiter wichtiger Bereiche der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung.</p>
<p>Eine der ersten Ma&#223;nahmen, die diese Gruppe einleitete, war die Organisierung eines Lehrganges. In der Tschaikowskistra&#223;e im Berliner Bezirk Pankow versammelten sich im April 1952 etwa 30 auserw&#228;hlte Parteimitglieder, um nach politischer Unterweisung das Einmaleins der Geheimdienstarbeit zu pauken. Dass es sich um eine solche handelte, war ihnen zwar definitiv nie gesagt worden; sie merkten es aber bald an den Umst&#228;nden ihrer Schulung. Denn alle Eleven erhielten Decknamen. Sie blieben bis zum Ende des Lehrgangs im Dunkeln &#252;ber die sp&#228;tere Aufgabe. In Ans&#228;tzen fanden Sprachkurse statt, wurde etwas &#252;ber politische und &#246;kono­mische Geografie vermittelt, auch das Allgemeinwissen erweitert. Zum Ausbildungsprogramm geh&#246;rten sogar gutes Benehmen, Tischsitten und Umgangsformen, wie sie in der »b&#252;rgerlichen Gesellschaft« gepflegt wurden.</p>
<p>Die Hauptsache der Ausbildung betraf aber den Marxismus-Leninismus. Innerhalb eines halben Jahres wurden Philosophie, Geschichte der Arbeiterbewegung, kapitalistische und sozialisti­sche &#214;konomie und die Lehre vom Aufbau des Sozialismus/ Kommunismus geb&#252;ffelt. Namhafte Lehrer kamen unter anderem aus der Parteispitze &#8211; wie Hermann Matern und der sp&#228;ter in Ungnade gefallene Fred Oel&#223;ner. Auch die enge Nachbarschaft zum Amtssitz von Staatspr&#228;sident Wilhelm Pieck &#8211; er grenzte unmittel­bar an die beiden Villen, in denen sich Schulgeb&#228;ude und Internat der Geheimdienstschule befanden &#8211; mochte den Lehrgangsteilnehmern etwas von der Bedeutsamkeit ihrer sp&#228;teren Aufgabe signalisiert haben. Sie waren voller Stolz, einen solchen elit&#228;ren Schulbetrieb zu erleben und f&#252;hlten sich durchdrungen von der Vorahnung, einmal an bedeutender Stelle im Kampf f&#252;r den Sozialismus und gegen den Imperialismus eingesetzt zu werden. Wir Teilnehmer sogen alles begierig auf, was uns geboten wurde und hatten keinerlei Zweifel an der Richtigkeit unserer Sache. Hinzu kam die Erwartung, dass die uns zugedachte Aufgabe weitaus interessanter und lebendiger zu werden versprach als die bisher von den meisten verfolgten Funktion&#228;rskarrieren.</p>
<p>Als sich dann im Fr&#252;hherbst 1952 der Kurs seinem Ende zuneigte, waren auch auf politischer Ebene die Entscheidungen gefallen, die der SED-F&#252;hrung gr&#252;nes Licht f&#252;r den Beginn der konspirativen Arbeit nach au&#223;en erm&#246;glichten. Am 10. M&#228;rz belebte die Stalin-Note noch einmal die Wiedervereinigungsdis­kussion. Denn der KPdSU-Generalsekret&#228;r hatte &#252;berraschend vorgeschlagen, Deutschland als einheitlichen Staat wiederherzu­stellen. Dazu sollten alle Besatzungsm&#228;chte innerhalb eines Jahres das Land verlassen, demokratische Rechte und Freiheiten gew&#228;hr­leistet werden und politische Parteien und Organisationen die M&#246;glichkeit freier Bet&#228;tigung erhalten. Die Sowjetunion gestand sogar eine deutsche Verteidigungsstreitmacht und eine R&#252;stungs­produktion zu, allerdings mit dem Vorbehalt: »Deutschland ver­pflichtet sich, keinerlei Koalitionen oder Milit&#228;rb&#252;ndnisse einzu­gehen, die sich gegen irgendeinen Staat richten, der mit seinen Streitkr&#228;ften am Krieg gegen Deutschland teilgenommen hat.«</p>
<p>Zahlreiche Historiker sind sich einig, dass damals diese Chance zur deutschen Einheit h&#228;tte ausgelotet werden m&#252;ssen. Doch im Westen waren die Weichen bereits in eine andere Richtung gestellt. Die vertragliche Einbindung der Bundesrepublik in das entstehende westliche System wurde vorbereitet. Ganz folgerichtig hat daher Adenauer die von der Sowjetunion verlangte Neutralisierung Deutschlands strikt abgelehnt. »In der Ablehnung einer deutschen Neutralisierung ist der Bundestag fest. Sie w&#252;rde Deutschland nicht nur unfrei, sondern auch hilflos machen«, dozierte er damals. Bereits vorher hatten die drei Westm&#228;chte die sowjetischen Vor­schl&#228;ge abgeschmettert, vor allem ihren Kernpunkt, den Verzicht Deutschlands auf eine Beteiligung an B&#252;ndnissen, die sich auch gegen die Sowjetunion richten k&#246;nnten. Am 26. Mai 1952 wurde der »Vertrag &#252;ber die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den Drei M&#228;chten«, der sogenannte Deutschland-Vertrag unterzeichnet. Damit war der Grundstein gelegt f&#252;r den sp&#228;teren NATO-Beitritt Deutschlands und seine Integration in die Europ&#228;ische Gemeinschaft.</p>
<p>Nat&#252;rlich hatte es Stalin den westlichen Alliierten und Adenauer leicht gemacht, sich mit dieser Position durchzusetzen. Sie, die in der Kernfrage einer Wiedervereinigung bei gleichzeitiger Neutrali­sierung Deutschlands wenig &#252;berzeugend argumentieren konnten, zogen sich daher schnell auf die Problematik freier Wahlen zur&#252;ck, die zur Schaffung eines solchen Einheitsstaates notwendig gewe­sen w&#228;ren. Dazu stellten sie entsprechende Vorbedingungen, die weder die Sowjetunion noch die SED zu erf&#252;llen bereit waren. Dennoch hatte die UdSSR in einer zweiten Note im April Kompromissbereitschaft signalisiert. Aber die Westm&#228;chte legten daraufhin nur die Latte h&#246;her. »In den letzten Jahren hat sich der Ostteil Deutschlands in eine Richtung entwickelt, die immer mehr von dem Hauptweg des Fortschritts abweicht. Dies ist ein Hauptgrund daf&#252;r, warum eine unparteiische Untersuchung erforderlich ist, bevor Wahlen stattfinden k&#246;nnen«, verlangten sie in ihrer Antwort.</p>
<p>Die DDR-F&#252;hrung hatte zwar keine Alternative, als sich der sowjetischen Initiative anzuschlie&#223;en, doch ihre propagandistische Begleitmusik &#8211; so in einer Erkl&#228;rung des damaligen DDR-Mini­sterpr&#228;sidenten bereits am 24. M&#228;rz 1952 &#8211; bewies, dass sie eindeutig auf Konfrontation setzte: »Die verfassungsfeindlichen Handlungen des Bonner Kanzlers Adenauer, der hinter dem R&#252;cken des deutschen Volkes mit den Oberkommissaren Verhandlungen &#252;ber den Abschluss eines versklavenden und kriegerischen General­vertrages f&#252;hrt, die Verfolgung der Anh&#228;nger des Friedens und der Demokratie in Westdeutschland zeugen von der Entwicklung zu einer offenen Milit&#228;rdiktatur.«</p>
<p>Mit der 2. Parteikonferenz vom 9. bis 12. Juli 1952 stellte die SED dann endg&#252;ltig die Weichen f&#252;r den Aufbau des Sozialismus. Darin eingebettet war die Schaffung eines Auslandsnachrichten­dienstes, die sich bereits in der ersten Jahresh&#228;lfte 1952 schrittweise vollzogen hatte und nun in die entscheidende Phase trat.</p>
<p>Das »Institut f&#252;r wirtschaftswissenschaftliche Forschung« (IWF) nahm jetzt in Berlin seine regelm&#228;&#223;ige Arbeit auf. Es hatte seinen Sitz in einem Geb&#228;ude am Rolandufer der Spree, in der N&#228;he des Neuen Rathauses. Die Mitarbeiter dieser Tarninstitution waren Absolventen des genannten Pankower Lehrganges &#8211; junge Leute von Mitte 20 bis 30 Jahren mit ersten Meriten als Funktion&#228;re der SED und der FDJ. Sie waren von den Erfahrungen des Weltkrieges gepr&#228;gt und hatten zumeist in ihren Elternh&#228;usern eine Erziehung genossen, die sie f&#252;r die Propaganda der sowjetischen Besatzungs­macht und der SED aufgeschlossen hatte. Auf Zentralschulen f&#252;r sowjetische Kriegsgefangene oder Kreis- und Landesparteischulen der SED war ihnen die neue, »einzige wissenschaftliche« Welt­anschauung vermittelt worden. Oft aus objektiven Gr&#252;nden von geringer Allgemeinbildung, fanden sie im theoretischen Angebot des Marxismus-Leninismus einen geistigen Halt, an dem sich ihr festgef&#252;gtes, aber oft simplifizierendes Weltbild orientierte. Zwei­fel waren nicht erlaubt und kamen vor diesem Hintergrund auch kaum auf. Zudem best&#228;tigte die Entwicklung im Westen Deutsch­lands viele der propagandistischen Aussagen &#8211; und was nicht ins gelernte Bild passte, wurde schon damals verdr&#228;ngt. M&#228;nner solchen Geistes pr&#228;gten im wesentlichen fast 40 Jahre lang die DDR-Spionage. Bis zuletzt fiel es vielen von ihnen schwer, neue Signale, die gerade sie intensiv erhielten, aufzunehmen und zu verarbeiten.</p>
<p>Zu diesen jungen Kadern stie&#223;en die bew&#228;hrten antifaschisti­schen K&#228;mpfer. Sie bildeten die Leitung des Instituts und profitier­ten dabei von ihren praktischen Erfahrungen im illegalen Kampf, mit denen sie zum einen Eindruck machten, andererseits aber auch eine oft praktizistische Enge erkennen lie&#223;en. So war der welt­erfahrene, intellektuell aber eher schlichte Richard Stahlmann daf&#252;r bekannt, dass er seine Z&#246;glinge mit der Erkenntnis verbl&#252;ffte: »Wei&#223;t du, wer unser gr&#246;&#223;ter Feind ist? &#8211; Das Telefon! Sage niemals am Telefon etwas Konkretes, weder Zeit noch Ort, noch Namen!« Sie vermittelten ohne Zweifel viele Erfahrungen, pr&#228;gten aber den Aufkl&#228;rungsapparat von Anfang an durch ihre »revolutio­n&#228;re Wachsamkeit«, d. h. ihr Misstrauen und ihre Scheu vor einem unkonventionellen, pragmatischen, von ideologischen Scheuklap­pen weitgehend freien Vorgehen. Was damals keine Folgen hatte, da die Spionage ganz unbefangen betrieben wurde und es den Widerspruch zur ideologischen Aufgabenstellung noch nicht gab, sollte sich sp&#228;ter als schwere Hypothek f&#252;r die Entwicklung des DDR-Auslandsnachrichtendienstes erweisen.</p>
<p>Die wichtigsten Arbeitsbereiche des IWF waren: Die politische Aufkl&#228;rung in Bonn und West-Berlin; hierf&#252;r war mit Alfred Sch&#246;nherr zum Beispiel ein Kommunist zust&#228;ndig, der w&#228;hrend der Nazizeit zw&#246;lf Jahre im Zuchthaus gesessen hatte. Die Wirt­schaftsaufkl&#228;rung, geleitet von Gustav Szinda, der sich als Partisan der Roten Armee ausgezeichnet hatte. Die Spionageabwehr, die bereits Markus Wolf &#252;bernahm. Die Milit&#228;rspionage und die Bearbeitung ausl&#228;ndischer Missionen, f&#252;r die im wesentlichen Horst J&#228;nicke, bis 1987 Stellvertreter Wolfs, verantwortlich zeich­nete. Sie alle leisteten mit ihrem Mitarbeiterstab, der bald auf 200 Personen anwuchs, die Anf&#228;nge der Nachrichtenbeschaffung. Diese begann &#8211; ganz unspektakul&#228;r &#8211; mit b&#252;rokratischer Kleinarbeit, wobei man sich auf die Erkenntnisse der zuvor schon ziemlich aktiven Parteiaufkl&#228;rung st&#252;tzen konnte. Zun&#228;chst wurden alle Bonner und Westberliner Politiker einschlie&#223;lich ihrer Mitarbeiter und Assistenten sowie alles &#252;ber sie erreichbare Wissen von Belang auf Karteikarten erfasst; ebenso die Beziehungen, die zwischen ihnen bestanden, die Informanten, die Kontakt zu ihnen hatten, und anderes mehr. Die R&#228;umlichkeiten der Beh&#246;rden in Bonn und West-Berlin, aber auch der westalliierten Besatzungsorgane wurden ausgekundschaftet. Und all das verband sich schon mit der Beschaffung erster Informationen, oft noch improvisiert und unprofessionell &#8211; aber der Weg zu einem effizienten Auslandsnach­richtendienst war damit beschriften.</p>
<p>So erwuchs den bereits seit l&#228;ngerem arbeitenden Geheimdien­sten der gerade entstandenen Bundesrepublik ein ernst zu nehmen­der Gegner, von dem diese aber zun&#228;chst &#252;berhaupt nichts merkten. Fast ein Jahr arbeitete das IWF, ehe der Bonner Verfassungsschutz Kenntnis von der &#246;stlichen Spionagebeh&#246;rde erhielt. Und auch dazu bedurfte es noch eines &#220;berl&#228;ufers. Im April 1953 trat Johann Krau&#223;, der im IWF in der Wirtschaftsaufkl&#228;rung gearbeitet hatte, zu einem alliierten Dienst &#252;ber und wurde dann auch dem Bundesamt f&#252;r Verfassungsschutz zur Verf&#252;gung gestellt. Er berichtete seinen Vernehmern vom neugeborenen DDR-Geheimdienst und l&#246;ste sogleich Hektik und nerv&#246;se Betriebsamkeit aus. Er hatte au&#223;er­dem 38 Karteikarten von Personen in der Bundesrepublik mitge­nommen; und sie alle wurden prompt verhaftet. Damit handelte der Verfassungsschutz au&#223;erordentlich unprofessionell. In Unkenntnis der Arbeitsweise des IWF beschuldigte er auf diese Weise auch solche, die zwar in der Kartei auftauchten, jedoch noch gar nicht wegen einer konspirativen Mitarbeit angesprochen worden waren.</p>
<p>G&#252;nther Nollau, sp&#228;terer Chef des Bundesamtes f&#252;r Verfassungs­schutz, der den Fall intensiv untersucht hatte, stellte ern&#252;chtert fest: »Die blo&#223;e Aufnahme des Namens einer Person in diese Kartei war jedenfalls kein Beweis f&#252;r eine Agentent&#228;tigkeit.« Eine Erkenntnis &#252;brigens, die heute, bei der Bewertung der Mf S-Datentr&#228;ger, schon wieder auf taube Ohren st&#246;&#223;t.</p>
<p>Nollau musste eingestehen, dass das Vorgehen seines Dienstes in der »Vulkan-Aff&#228;re«, wie sie im Verfassungsschutz genannt wurde, kein Ruhmesblatt war: »Was ein sch&#246;ner &gt;Erfolg&lt; h&#228;tte sein k&#246;nnen, die Kompromittierung eines &#246;stlichen Dienstes durch einen &#220;berl&#228;ufer, wurde nun durch die Fehler bei der Vernehmung des &#220;berl&#228;ufers und durch die vorschnelle Verwertung seiner subjektiv wahrheitsgem&#228;&#223;en Aussagen zu einer Blamage.«</p>
<p>Und die n&#228;chste folgte auf dem Fu&#223;e! Denn nach der Dekonspirierung ihres Dienstes leitete die DDR in einer blitzartigen Nacht­aktion die Dezentralisierung des IWF ein. Lastwagen fuhren am Rolandufer vor, alle Materialien wurden verladen, die Mitarbeiter mussten aufsitzen, und eine stundenlange Fahrt durch das n&#228;chtliche Berlin begann. Immer wieder schlugen die Fahrzeuge Haken, um m&#246;gliche Verfolger abzusch&#252;tteln. Schlie&#223;lich fanden alle Abteilun­gen neue Unterk&#252;nfte, doch nicht mehr in einem Haus, sondern weit verbreitet im gesamten &#246;stlichen Stadtgebiet. Ein Teil der politischen Spionage kam zum Beispiel nur wenige hundert Meter vom alten Domizil unter &#8211; in der Klosterstra&#223;e. Die Milit&#228;r- und Botschafts­aufkl&#228;rung bezog in Schm&#246;ckwitz Quartier, Teile der Wirtschafts­aufkl&#228;rung in Johannisthal usw. Diese Tatsache war dem Verfas­sungsschutz erneut entgangen. Er nahm lange an, mit dem &#220;bertritt von Krau&#223; sei die DDR-Spionage zerschlagen. Erst 1959 schreckte ihn wieder ein &#220;berl&#228;ufer auf. Hauptmann Max Heim berichtete, dass mittlerweile die »Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung« entstanden sei, mit einem schlagkr&#228;ftigen Apparat und einem Informantennetz von &#8211; wie er sagte &#8211; 2.000 bis 3.000 Personen in der Bundesrepublik.</p>
<p>Auch wenn diese Zahl &#8211; offensichtlich aus den Registratur-Nummern abgeleitet &#8211; stark &#252;berh&#246;ht war, so ging doch die Dezentralisierung des jungen Geheimdienst-Apparates zugleich mit einer erheblichen Aufstockung einher. Er wurde zahlenm&#228;&#223;ig vergr&#246;&#223;ert, seine Aufgabenstellungen erweitert.</p>
<p>Wesentlicher aber war, dass die bislang relativ selbst&#228;ndig arbeitende Beh&#246;rde nun unter die Kontrolle verschiedener Seiten geriet. Zun&#228;chst nahm sich ihr der sowjetische Geheimdienst intensiv an. Die &#246;stliche Besatzungsmacht hatte auf ihrem Territo­rium von Anfang an starke konspirativ arbeitende Kr&#228;fte statio­niert. Zun&#228;chst vor allem mit Aufgaben der Entnazifizierung betraut, erhielten sie sp&#228;ter mehr und mehr Funktionen zur &#220;ber­wachung der Entwicklungen sowohl in der sowjetischen Besat-/.ungszone als auch im Westen Deutschlands.</p>
<p>Mit dem Entstehen eigener Geheimdienste der DDR trat dann deren Ausbildung und Unterst&#252;tzung hinzu &#8211; eine durchaus eigen­n&#252;tzige Besch&#228;ftigung, konnte doch der KGB schon bald auch von den Ergebnissen der ostdeutschen Spionaget&#228;tigkeit profitieren. Die sowjetischen Verbindungsleute aus Karlshorst sa&#223;en von nun an dabei, wenn politische Orientierungen und konkrete Aufgaben­stellungen beraten und festgelegt wurden. Sie gewannen schnell eine dominierende Stellung &#8211; sowohl durch ihre langj&#228;hrige geheimdienstliche Erfahrung als auch durch das nicht selten offen zur Schau getragene und in der Zusammenarbeit betonte Selbstbewusstsein, das sich aus dem gewonnenen Krieg herleitete. Wie stets im Leben gab es dabei diese und jene, das hei&#223;t, mit nicht wenigen konnte konstruktiv zusammengewirkt werden, mit anderen aber war kein Miteinander m&#246;glich, sondern nur die strenge Unterordnung unter ihre Weisungen. Alle aber hatten die Erziehung in Stalinschem Geist genossen und glaubten an die Prinzipien der »tschekistischen Arbeit«, die in ihren Grundz&#252;gen zwar vom Begr&#252;nder des Sowjet-Geheimdienstes, der »Tscheka« (Abk&#252;rzung f&#252;r »Au&#223;erordentliche Kommission zur Bek&#228;mpfung von Konter­revolution und Sabotage«), Feliks Edmundowitsch Dzierzynski, stammten, sp&#228;ter aber durch Stalin und seine Adepten versch&#228;rft und ihrem Machtanspruch entsprechend ma&#223;geschneidert wurden. Das nun &#252;bertrugen sie auf das neue Bet&#228;tigungsfeld im Osten Deutschlands, und so erhielt die Geheimdienstarbeit fast von Anfang an eine Ausrichtung, die ma&#223;geblich zu den sp&#228;teren Irrwegen beitrug. Jede einzelne Abteilung des »Instituts f&#252;r wirtschaftswissenschaftliche Forschung« bekam einen sowjetischen Verbindungsmann, der &#252;berwiegend mit dem jeweiligen Abtei­lungsleiter verkehrte. Dieser &#252;bergab dem KGB-Vertreter auch die Durchschriften aller vermeintlich wichtigen Informationen. Dabei interessierte weniger ihre Quelle als der Inhalt, und es war konspiratives Prinzip, auch bei dieser Zusammenarbeit die Kenntnis &#252;ber die Herkunft des Materials eng begrenzt zu halten. Inwieweit dies eingehalten wurde, hing nat&#252;rlich auch vom konkre­ten Umgang der »Genossen« von KGB und IWF ab. In der Regel wurden aber Klarnamen der Quellen und andere Hinweise, die auf ihre Spur f&#252;hren k&#246;nnten, dem KGB nicht schriftlich &#252;bergeben. Seine Offiziere erhielten auch nicht die operativen Vorlagen, die nun prinzipiell von allen Aktionen angefertigt und zur Best&#228;tigung eingereicht werden mussten.</p>
<p>Neben dem sowjetischen Geheimdienst verst&#228;rkten in dieser Zeit auch die f&#252;r die innere Abwehr geschaffenen Dienste in der DDR ihre Kontrolle &#252;ber den Aufkl&#228;rungsapparat. Bereits am 8. Februar 1950, vier Monate nach DDR-Gr&#252;ndung, hatte die Volkskammer den Beschluss gefasst, die bis dahin bestehende Hauptverwaltung zum Schutz der Volkswirtschaft aus dem Innen­ministerium auszugliedern und zu einem selbst&#228;ndigen Ministeri­um f&#252;r Staatssicherheit zu machen. Das IWF war ihm ausdr&#252;cklich nicht zugeordnet worden, sondern unterstand &#8211; wie dargestellt &#8211; dem Au&#223;enministerium. Die ersten Erfolge der neuen Beh&#246;rde weckten jedoch schon bald Begehrlichkeiten im MfS. Immerhin konnten schon damals aussagekr&#228;ftige Informationen &#252;ber Denk-und Verhaltensweisen westdeutscher Politiker und von Spitzenver­tretern der Besatzungsm&#228;chte, Originale von Vorstandsbeschl&#252;ssen der Parteien der Bundesrepublik, Muster technischer Neuentwick­lungen und vieles andere mehr beschafft werden. Das Wissen &#252;ber derartige Interna versprach Macht und Einfluss. Die Bem&#252;hungen um gr&#246;&#223;eren Einfluss auf den Aufkl&#228;rungsapparat nahmen zu, und der Fall des &#220;berl&#228;ufers Krau&#223; war ein willkommener Anlass, diese weiter zu forcieren.</p>
<p>Mehr oder weniger versteckt wiesen sowohl der erste Staats­sicherheitsminister Zaisser als auch sp&#228;ter sein§ Nachfolger Woll­weber und Mielke darauf hin, da&#223; der Aufkl&#228;rung Abwehrerfahrun­gen fehlten, da&#223; ihre Mitarbeiter nicht wachsam genug seien, da&#223; sie sich zu leicht vom Westen »aufweichen« lie&#223;en und man ihnen den Ernst des Klassenkampfes erst noch begreiflich machen m&#252;sse. So war es Aufkl&#228;rern in vielen F&#228;llen verboten, in Betriebe zu gehen, weil die Abwehr darin eine St&#246;rung ihrer Arbeit sah. Mancher Ingenieur oder Technologe war n&#228;mlich bereit, f&#252;r die HVA in Westdeutschland oder dem Ausland zu arbeiten, nicht jedoch als Spitzel gegen seine eigenen Kollegen t&#228;tig zu werden. Die Differenzen zwischen Aufkl&#228;rung und Abwehr gingen mitunter sogar so weit, dass Aufkl&#228;rer festgesetzt wurden, wenn sie nach Meinung der Abwehr ihre Kompetenzen &#252;berschritten. So war es kein Einzelbeispiel, dass einmal ein hauptamtlicher Mitarbeiter der HVA bei Nachfragen in einem Neubrandenburger Betrieb zun&#228;chst eingesperrt wurde und dann &#8211; aber erst nach scharfem Protest &#8211; unverrichteter Dinge wieder in seine Dienststelle zur&#252;ckkehren musste.</p>
<p>Die Spezifik ihrer Arbeit verschaffte den Aufkl&#228;rern tats&#228;chlich ein weiter gef&#228;chertes Weltbild, als es die Abwehrexperten besa&#223;en. Die HVA-Mitarbeiter diskutierten auch schon mal au&#223;erhalb der ideologischen Grenzen, die ansonsten immer wieder gezogen wurden, glaubten nicht jede Schwarzwei&#223;malerei &#252;ber »Nissenh&#252;tten im Ruhrgebiet« und die »gewaltigen Streikbewegungen«, die zwar in der Sache stattfanden, aber st&#228;ndig &#252;berbewertet wurden. Sie wollten sich im Gegenteil von den ideologischen Schranken befreien, sich selbst ein Bild von jenem »Operationsgebiet« machen, das Gegenstand ihrer t&#228;glichen Arbeit war. Ihr Wunsch jedoch, einmal selbst in den Westen zu reisen, sogenannte Regimestudien an Ort und Stelle zu betreiben, stie&#223; auf wenig Gegenliebe und verst&#228;rkte nur das Misstrauen gegen die Aufkl&#228;rer.</p>
<p>Der permanente Druck und der Verweis auf die sowjetische Praxis, wo die Aufkl&#228;rung ebenfalls Bestandteil des KGB war, f&#252;hrten schlie&#223;lich zum Erfolg. Ende 1955 wurde das Institut f&#252;r wirtschaftswissenschaftliche Forschung dem MfS einverleibt. Markus Wolf, bereits 1953 zum Nachfolger Ackermanns als Leiter der Spionagebeh&#246;rde avanciert, erhielt die Funktion eines stellver­tretenden Ministers f&#252;r Staatssicherheit, was wie Machtzuwachs aussah, tats&#228;chlich aber seine Selbst&#228;ndigkeit beschr&#228;nkte. Er selbst mag das damals, jung und unerfahren wie er war, so nicht empfunden haben.</p>
<p>Die Konzeption, die das MfS hinsichtlich der Aufkl&#228;rung verfolgte, lief nunmehr zu einem betr&#228;chtlichen Teil auf Unterst&#252;t­zung der Parteipropaganda hinaus. Der Nachrichtendienst sollte vor allem Beweise daf&#252;r liefern, wie schlecht es den Menschen in der »bourgeoisen BRD« und den kapitalistischen Staaten Westeuropas gehe, wie sehr sie unterdr&#252;ckt und ausgebeutet w&#252;rden, wie ihre herrschenden Klassen zum Kriege r&#252;steten. Besonders der ZK-Sekret&#228;r der SED, Albert Norden, nutzte bei seinen Auftritten</p>
<p>Aufkl&#228;rungsmaterial, mit dessen Hilfe er zwar tats&#228;chlich manches ans Licht brachte, was im Westen gern verschwiegen worden w&#228;re, das aber immer wieder dadurch entwertet wurde, dass es platten propagandistischen Zwecken diente. Es ist sicher dem Instinkt von Markus Wolf zu verdanken, dass er dieser Linie weitgehend widerstand und bem&#252;ht war, die eigentlichen Aufgaben eines Auslandsnachrichtendienstes vor die Sch&#252;tzenhilfe f&#252;r die »Abtei­lung Gefechtsl&#228;rm«, Ulbrichts Propagandaapparat, zu stellen.</p>
<p>Das wurde ihm nicht leicht gemacht, denn mit der Einordnung der Aufkl&#228;rung in das MfS waren der damalige Minister Wollweber wie auch sein Stellvertreter Mielke, der das Amt 1957 ganz &#252;bernahm, sogleich bem&#252;ht, den Einfluss der Abwehr auf den Spionageapparat auszubauen. F&#252;hrende Abwehrspezialisten r&#252;ckten in Leitungsfunktionen der Aufkl&#228;rung: Hans Fruck, bis dahin Leiter der Bezirksverwaltung Gro&#223;-Berlin des MfS, wurde Stell­vertreter Wolfs und blieb es bis zu seinem Ausscheiden aus Altersgr&#252;nden. Alfred Scholz, Heinz Hoske und Otto Knye &#8211; allesamt bew&#228;hrte Abwehrleute &#8211; erhielten wichtige Funktionen. Aus dem Parteiapparat des ZK der SED kam der Parteisekret&#228;r der nunmehrigen Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung. Sie alle sorgten f&#252;r die straffe Eingliederung der Spionage in das Sicherheitssystem der jungen DDR. Von nun an war die Aufkl&#228;rung Bestandteil des Sicherheitsapparates, der seine Hauptaufgabe in der Schaffung von Ruhe und Ordnung vornehmlich nach innen sah.</p>
<p>Zwar gelang es Wolf und seinen Aufkl&#228;rern, die meisten der zugeteilten Abwehrleute von den andersartigen Erfordernissen der nach au&#223;en gerichteten Arbeit zu &#252;berzeugen und ihnen klarzuma­chen, dass f&#252;r eine solche T&#228;tigkeit enge Blickwinkel und einf&#228;ltige Vorstellungen nicht ausreichten, doch die Diskrepanz zwischen den von Wollweber und sp&#228;ter Mielke in den Vordergrund gestellten Doktrinen der inneren Sicherheit und den Notwendigkeiten nach au&#223;en gerichteter Aufkl&#228;rung blieb. Dies f&#252;hrte nicht selten zu Entscheidungen und Kompromissen, die nicht zu rechtfertigen waren und sind. Damals jedoch war uns das nicht bewusst.</p>
<p>Die Entstehungsgeschichte der DDR-Spionage einschlie&#223;lich ihrer Unterordnung unter die Sicherheitsbed&#252;rfnisse der SED nach innen ist kaum verst&#228;ndlich ohne einen Blick auf die parallele Entwicklung zun&#228;chst in den westlichen Besatzungszonen und sp&#228;ter der Bundesrepublik Deutschland. Hier hatte der Aufbau von Sicherheitsapparaten nach au&#223;en wie nach innen ebenfalls fr&#252;hzeitig begonnen. General Reinhard Gehlen, Chef der Abteilung Fremde Heere Ost des Nazi-Generalstabs, bot sich, einen gro&#223;en Teil seiner Mitarbeiter und sichergestellte Unterlagen der fr&#252;heren Spionaget&#228;tigkeit gegen die Sowjetunion den Amerikanern an, die ihn nach einer kurzen Schamfrist, in der er sogar mit einem Gef&#228;ngnis Bekanntschaft machte, auch akzeptierten. Sie vereinbarten mit dem Ex-Nazi-General ein &#8211; wie er es nannte &#8211; »Gentlemen&#8217;s Agree­ment«, das im Grundsatz besagte: »Es wird eine deutsche nachrich­tendienstliche Organisation unter Benutzung des vorhandenen Potentials geschaffen, die nach Osten aufkl&#228;rt bzw. die alte Arbeit im gleichen Sinne fortsetzt. Die Grundlage ist das gemeinsame Interesse an der Verteidigung gegen den Kommunismus.« Im Juli 1946 nahm die »Organisation Gehlen« ihre T&#228;tigkeit auf; ihr Credo verk&#252;ndete der Chef sp&#228;ter selbst: »Ich beabsichtigte daher von Beginn meiner T&#228;tigkeit an, in den Jahren, die vergehen mussten, bis eine neue deutsche Regierung wieder existieren w&#252;rde, die Voraussetzungen f&#252;r einen Gesamtdienst zu schaffen, der auf allen Gebieten das Potential des Gegners aufzukl&#228;ren hatte.« Gehlen nahm schon ein Jahr sp&#228;ter in Pullach Quartier, der fr&#252;heren »Rudolf-He&#223;-Siedlung«, wo zeitweilig der F&#252;hrer-Stellvertreter und sp&#228;ter auch NS-Reichsleiter Martin Bormann residiert hatten, ehe 1945 die US-Army dort ihre Postzensurstelle einrichtete. Dieses Domizil hat der Bundesnachrichtendienst bis heute nicht verlassen. Schon ein Jahr sp&#228;ter hatte der »Org« (K&#252;rzel f&#252;r »Organisation Gehlen«) 200 Bedienstete; Gehlen veranlasste, dass sie sich samt ihren Familien im »Camp Nikolaus« (nach dem Bezugsdatum am 6. Dezember 1947) niederlie&#223;en. Eigene Kinder­g&#228;rten und Schulen, ein Krankenhaus, ein Kasino geh&#246;rten zum Komplex &#8211; Mielke ahmte das sp&#228;ter f&#252;r sein MfS bewusst oder unbewusst weitgehend nach.</p>
<p>Das Bundesamt f&#252;r Verfassungsschutz kam etwas sp&#228;ter zur Welt. Bei den Vorbereitungen zur Bildung der Bundesrepublik im Jahre 1949 wurde auch vereinbart, »eine Stelle zur Sammlung und Verbreitung von Ausk&#252;nften &#252;ber umst&#252;rzlerische, gegen die Bundesrepublik gerichtete T&#228;tigkeiten einzurichten.« Im November 1950 verf&#252;gte die Bundesregierung die Errichtung des Bundes­amtes f&#252;r Verfassungsschutz in K&#246;ln, nachdem zuvor schon ent­sprechende Beh&#246;rden in den L&#228;ndern geschaffen worden waren. Ihr erster Pr&#228;sident wurde Otto John, ein Gew&#228;hrsmann der Engl&#228;nder, auf den noch zur&#252;ckzukommen sein wird. Schon sein Stellvertreter hatte aber einst unter Canaris gedient.</p>
<p>Mit der Bildung des »Amtes Blank«, den Anf&#228;ngen der Bundes­wehr, kam schlie&#223;lich noch ein milit&#228;rischer Geheimdienst hinzu. Seine Initiatoren, die mit dem Widerstand des 20. Juli in Verbindung gestanden hatten, waren Gehlen ein Dorn im Auge. Er sorgte daf&#252;r, dass Personen aus seiner Umgebung auch hier bald das Sagen hatten. Als 1956 der Milit&#228;rische Abschirmdienst (MAD) einge­richtet wurde, hie&#223; dessen erster Chef Gerhard Wessel, Stellvertreter Gehlens unter Hitler wie den Amerikanern.</p>
<p>Es ist heute sicher m&#252;&#223;ig dar&#252;ber zu philosophieren, wer im einstigen Nachkriegsdeutschland seine Dienste als erster etablierte und wer nachzog. Es lag offensichtlich in der Logik jener Zeit des Kalten Krieges, dass keiner glaubte, auf die Camouflage verzichten zu k&#246;nnen und daher all seine Anstrengungen nur darauf richtete, den anderen beim Auskundschaften von Geheimnissen zu &#252;bertref­fen. Das Misstrauen war gro&#223; und in mancher Hinsicht wohl durchaus berechtigt. Die Westm&#228;chte mussten nach allem, was sie &#252;ber Stalin wussten, durchaus vor ihm auf der Hut sein. Und im Osten sah man mit betr&#228;chtlicher Sorge, wie sich im Westen nazistische Strukturen wieder restaurierten, indem ihre Repr&#228;sen­tanten schon bald alte Positionen zur&#252;ckgewannen. Gerade die Verwendung der »alten Experten« in den Geheimdiensten der Bundesrepublik &#8211; Gehlen war der Prototyp &#8211; f&#252;hrte manchen zu der Auffassung, es sei erforderlich, dagegen in gleicher Weise anzu­k&#228;mpfen, Organe zu schaffen, die konspirativ in diese eindringen und sie weitgehend neutralisieren.</p>
<p>Der Krieg und seine f&#252;r die Menschen schrecklichen Folgen hatten die Sehnsucht nach echten Alternativen zum Vergangenen hervorgebracht. Zwei Gesellschaftsmodelle waren in den Wettstreit getreten &#8211; einerseits ein b&#252;rgerliches System, das sich auf seine besten Traditionen der Demokratie und der Sozialstaats, angerei­chert durch urchristliches Gedankengut, zu besinnen versuchte, und andererseits der Marxismus-Leninismus, schon damals jedoch vom Virus des Stalinismus infiziert. Der Krieg mit seiner Verrohung aller Sitten und die danach nicht selten ge&#252;bte Sieger- und Rachejustiz f&#252;hrten aber dazu, dass die Anf&#228;nge des Neuaufbaus mit zahlreichen schwerwiegenden Hypotheken belastet wurden. Die Grenzziehungen und in ihrer Folge Umsiedlungen und Vertreibungen von Millionen Menschen, die im Ansatz steckengebliebene Ahndung der Kriegsverbrechen, das Gro&#223;machtgebaren der Sieger bargen den Keim f&#252;r immer neue Auseinandersetzungen. Hinzu kam im Osten die Deformierung der sozialistischen Idee durch den Stalinismus. So ging der Wettbewerb der Systeme, der nach den bitteren Erfahrungen der Vergangenheit nur noch friedlich ausgetragen werden durfte, bald in einen harten Schlagabtausch &#252;ber. Wegen seiner Unerbittlichkeit erinnerte er bald an einen Krieg, wenn auch nicht in Formen der »hei&#223;en« Auseinandersetzung. Der Kalte Krieg bestimmte die 50er Jahre; die Schaffung zweier deutscher Staaten war ebenso sein Resultat wie &#228;hnliche Spaltun­gen in Korea, Pal&#228;stina, sp&#228;ter Vietnam. Die Menschen mussten sich f&#252;r die eine oder andere Seite entscheiden &#8211; oft ohne es in ihrem Innersten zu wollen &#8211; und danach handeln. Dass die junge DDR damals durchaus als eine echte Alternative angesehen wurde, war also auch das Ergebnis von Fehlentscheidungen auf westlicher Seite. Die schnelle Rehabilitierung ehemaliger Nazis und die Restauration alter Machtverh&#228;ltnisse geh&#246;rten dazu. Diese Ent­wicklungen best&#228;tigten die ideologischen Klischees, die in der Parteischulung der SED vermittelt wurden, und lie&#223;en ihre Empf&#228;nger aufgeschlossen werden auch f&#252;r viele andere simplifi­zierende Thesen wie denen von der Diktatur des Proletariats, der st&#228;ndigen Versch&#228;rfung des Klassenkampfes oder vom gesetzm&#228;&#223;i­gen Niedergang des Imperialismus.</p>
<p>In diesem Kontext wurden auch Ereignisse wie der 17. Juni 1953 von vielen der so Indoktrinierten nicht anders gesehen als es die Parteif&#252;hrung vorgab. Die durchaus vorhandenen Hinweise einer westlichen Einflussnahme wurden so zur alleinigen Ursache des Arbeiterprotestes erkl&#228;rt; es war mithin der vom Westen gesteuerte »konterrevolution&#228;re Putschversuch«, dessen Nieder­schlagung mit Hilfe der sowjetischen Armee wir f&#252;r richtig hielten. Die eigene Anschauung, die wir Aufkl&#228;rer vom Rolandufer bei unseren Besuchen im Stadtzentrum zu verarbeiten hatten, die Meinungen und Auffassungen, die wir h&#246;rten, best&#228;rkten uns darin, die Deutung der Partei sei richtig.</p>
<p>Hinzu kam, dass in jenen Jahren der Kampf der DDR um diplomatische Anerkennung begann. Zahlreiche deutschlandpoliti­sche Ereignisse, darunter die Au&#223;enministerkonferenzen der vier M&#228;chte, wurden genutzt, um dieses Anliegen, das auf Durchset­zung der deutschen Zweistaatlichkeit zielte, zu verfolgen. Anf&#228;nglich waren Chancen auf Verwirklichung dieser Absicht durchaus vor­handen; nicht wenige Politiker in Bonn wie West-Berlin, aber auch im Ausland, lie&#223;en sich zu inoffiziellen und dennoch konstruktiven Gespr&#228;chen herbei. Sie respektierten die milit&#228;rische St&#228;rke der UdSSR und sahen auf lange Sicht keine M&#246;glichkeit, die DDR aus dem sowjetisch dominierten Ostblock herauszubrechen. Adenauers Hoffnung, der westliche Sog werde bereits jetzt den Anschluss der DDR bewirken, trog. Er musste im Gegenteil bef&#252;rchten, dass &#8211; vor allem nach der Etablierung einer bundesdeutschen Botschaft neben der schon bestehenden Vertretung der DDR in Moskau &#8211; &#252;ber kurz oder lang der zweite deutsche Staat diplomatisch anerkannt werden w&#252;rde, und dem wollte er einen Riegel vorschieben. Das Instrument war die im Dezember 1955 erstmals in ihren Grundz&#252;gen formu­lierte Hallstein-Doktrin, die den Abbruch der bundesdeutschen Beziehungen zu allen Staaten vorsah, die die DDR anerkannten. Danach wurde in den Folgejahren gehandelt, und es dauerte bis in die 70er Jahre, ehe die DDR diese diplomatische Blockade durch­brach. F&#252;r die Mitarbeiter der DDR-Aufkl&#228;rung galt es aber stets als vornehmste Pflicht, mit ihrer Arbeit die Hallstein-Doktrin zu durchl&#246;chern.</p>
<p>So verstand sich der st&#228;ndige wachsende Spionageapparat der DDR als das Auge und Ohr des jungen Staates zur Welt. Diploma­tische Berichte aus westlichen Hauptst&#228;dten gab es nicht. Von Konferenzen und Tagungen waren offiziell lediglich durch die sowjetische Brille gesehene Informationen zu erhalten. Und aus der Bundesrepublik sickerten allenfalls die, ideologisch befrachteten Wertungen aus dem zun&#228;chst noch legalen, dann nur noch illegal arbeitenden KPD-Apparat ein. So war es aus der Sicht der DDR-Regierung eine zwingende Notwendigkeit, sich auf andere Weise zu informieren &#8211; und die immer effizienter arbeitende Hauptver­waltung Aufkl&#228;rung des MfS erf&#252;llte diese Aufgabe. Sie nutzte die spezifischen M&#246;glichkeiten im geteilten Deutschland und entwickelte Methoden, mit denen sie viele Jahre erfolgreich war.</p>
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		<title>Vor 20 Jahren – Die Hinterlassenschaft der DDR-Spionage macht Probleme</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Feb 2010 15:21:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Heute vor 20 Jahren, am 8. Februar, wollte das Ministerium f&#252;r Staatssicherheit der DDR seinen 40. Geburtstag &#8211; wie immer mit gro&#223;em Pomp &#8211; begehen. Es erlebte zwar diesen Tag noch, wenn auch inzwischen umbenannt, aber zum Feiern war kein Anlass. Denn der Geheimdienst befand sich bereits in Abwickllung. Das traf auch auf seinen Spionagedienst [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Heute vor 20 Jahren, am 8. Februar, wollte das <a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/164516.eine-vergangenheit-die-nie-vergeht.html" target="_blank">Ministerium f&#252;r Staatssicherheit der DDR seinen 40. Geburtstag</a><img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/d7b9621a2af741f8b68bb820e2281a5d" alt="" width="1" height="1" /> &#8211; wie immer mit gro&#223;em Pomp &#8211; begehen. Es erlebte zwar diesen Tag noch, wenn auch inzwischen umbenannt, aber zum Feiern war kein Anlass. <span id="more-1477"></span>Denn der Geheimdienst befand sich bereits in Abwickllung. Das traf auch auf seinen Spionagedienst zu, die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung. Sie hatte zwar lange gehofft, in einer reformierten DDR, wie in jedem Staat, ihren Platz zu haben, doch Anfang 1990 zeichnete sich immer st&#228;rker die kommende Vereinigung der beiden deutschen Staaten ab &#8211; und wer Realist war, wusste, dass diese Entwicklung auch die Geschichte der DDR-Aufkl&#228;rung besiegeln w&#252;rde.</p>
<p>Das zu begreifen, war das eine, die DDR-Spionage jedoch m&#246;glichst r&#252;ckstands- und f&#252;r ihrer Tausenden Mitarbeiter inner- und au&#223;erhalb der DDR auch folgenlos aus der Welt zu schaffen, war das andere. Das nat&#252;rlich nicht gelang. Jahrerlang waren politische, juristische uznd andere Gremien besch&#228;ftigt, die Hinterlassenschaft der DDR-Spionage zu bew&#228;ltigen; dass dabei vielf&#228;ltige ideologische, materielle und auch mentale Aspekte eine Rolle spielten, erleichterte die Angelegenheit nicht.</p>
<p>Einen gewiss begrenzten Einblick in diese Vorg&#228;nge vor 20 Jahren gibt folgender Text, der 1992 in dem Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report« ver&#246;ffentlicht wurde. Zwar ist heute das damalige Geschehen gr&#252;ndlicher erforscht; dennoch kann diese alte Darstellung neben ihrem dokumentarischen Teil einiges zur seinerzeitigen Atmosph&#228;re am Ende einer Epoche aussagen; aktuelle Entwickjlungen werden einigen F&#228;llen durch entsprechende Links angezeigt.</p>
<h3>Die vertrackte Hinterlassenschaft der DDR-Spionage</h3>
<p><img class="alignright size-medium wp-image-1481" title="Westspione" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/02/Westspione-199x300.GIF" alt="Westspione" width="199" height="300" />»Kluge« &#8211; so stellte sich der grobknochige Mann an jenem nasskalten Sp&#228;twintertag am Potsdamer Platz vor, und er kam sogleich zur Sache. Gesch&#228;ftsm&#228;&#223;ig fragte er sein Gegen&#252;ber aus, wollte die Namen von DDR-Spionen in der Bundesrepublik wissen, forschte nach den verbliebenen Strukturen der HVA, nach etwaigen Kontakten zum sowjetischen KGB. Er war ein Abwehrmann des Verfassungsschutzes – beauftragt, einem Offizier der sich in Aufl&#246;sung befindlichen Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung des MfS, der dem einstigen Gegner ein vorsichtiges Angebot zu Kooperation gemacht hatte, auf den Zahn zu f&#252;hlen und so viel wie m&#246;glich aus ihm herauszuholen. Das Bundesamt f&#252;r Verfassungsschutz – in der jahrzehntelangen Auseinanderesetzung mit der HVA nicht eben erfolgreich – gedachte die nun entstandene desolate Situation des DDR-Spionagedienstes zu nutzen, um einige sp&#228;te Siege zu erringen.</p>
<p>Aber jener »Kluge« hatte mit seinem Gespr&#228;chspartner weitaus mehr gemein, als man angesichts dieser Zielstellung vermuten k&#246;nnte. Er hie&#223; n&#228;mlich mit b&#252;rgerlichem Namen Klaus Kuron un d war &#8230; Mitarbeiter der BfV-Abteilung IV, zust&#228;ndig f&#252;r die F&#252;hrung von Doppelagenten, der bereits seit acht Jahren f&#252;r die HVA spionierte. Seine Stellung im Amt hatte ihm jetzt diese Aufgabe beschert, denn er war nat&#252;rlich pr&#228;destiniert f&#252;r die Betreuung der &#220;berl&#228;ufer aus der HVA. So redete er nicht lange drumherum, bot stattdessen »Kopfgelder« f&#252;r jede wichtige Quelle in f&#252;nfstelligen D-Mark-Betr&#228;gen. Er war eben ein Profi, der seinen Job verstand.</p>
<p>Hernach jedoch landeten seine Berichte nicht nur auf dem Schreibtisch seines Chefs in K&#246;ln, sondern noch bis weit ins Jahr 1990 hinein ebenfalls in Ostberliner Amtsstuben, konkret denen des HVA-Chefaufl&#246;sers Bernd Fischer und seiner Leute.</p>
<p>Seit dem Herbst 1989 war jedoch auch f&#252;r Klaus Kuron eine Wende eingetreten. Pl&#246;tzlich waren – wenn auch ohne eigenes Zutun – seine eigentlichen Dienstherren die Sieger, und sein Nebenjob stellte eine t&#246;dliche Gefahr dar.</p>
<p>Das Beispiel zeigt, wie vielf&#228;ltig und kompliziert die Hinterlassenschaft war, die nach dem Ende der HVA zur&#252;ckblieb. Auf der einen Seite Tausende Mitarbeiter in der Berliner Zentrale und ihren zahlreichen Au&#223;enstellen, in den Bezirksverwaltungen, wo jeweils die Abteilung XV f&#252;r die Spionage zust&#228;ndig war, und auch in den Kreisdienststellen. Andererseits eine bislang unbekannte Zahl von Aufkl&#228;rern und Sp&#228;hern im Operationsgebiet, dessen Schwerpunkt in der Bundesrepublik Deutschland lag, das sich aber allm&#228;hlich auf beinahe die ganze Welt ausgedehnt hatte.. Da es f&#252;r diese Personen keine zentrale Registratur gab, sondern jede Abteilung sie selbst&#228;ndig f&#252;hrte, wird ihre Zahl auch im nachhinein nicht mehr zu ermitteln sein.</p>
<p>Von den hauptamtlichen Mitarbeitern waren bis Mitte Januar erst etwas mehr als 15 Prozent entlassen, zum Teil auf eigenen Wunsch, zum Teil, um den immer dr&#228;ngenderen Forderungen nach Reduzierung des Personalbestandes Rechnung zu tragen. Was aber sollte mit den vielen Tausenden von inoffiziellen Mitarbeitern in der BRD, im Ausland und nicht zuletzt in der DDR geschehen?</p>
<p>Von den toten Gegenst&#228;nden hatte man sich noch relativ leicht trennen k&#246;nnen. Neben dem weitl&#228;ufigen Geb&#228;ude an der Ecke Frankfurter Allee/Ruschestra&#223;e verf&#252;gte die HVA allein in Berlin &#252;ber Hunderte Objekte verschiedenster Art, nicht gerechnet die etwa gleiche Zahl von »konspirativen Wohnungen«, in denen sich die F&#252;hrungsoffiziere mit ihren IM trafen und wo immer wieder die Verwandlung eines unauff&#228;lligen DDR-B&#252;rgers in einen »K&#228;mpfer an der unsichtbaren Front«, also einen Instrukteur, einen Werber, einen Kurier im weitl&#228;ufigen Operationsgebiet stattfand. Neben diesen Wohnungen, &#252;berall im Stadtgebiet verstreut, existierten etliche Villen im Berliner Umland, meist komfortabel ausgebaut, in denen h&#228;ufig Treffen mit den Quellen aus dem Operationsgebiet stattfanden, die nicht selten in Feiern endeten. Solche Objekte konnte man in Karolinenhof und Schildow, in Wandlitz und Zeuthen finden. Schlie&#223;lich hatten sich der Leiter der HVA, seine Stellvertreter und einige besonders ehrgeizige Abteilungsleiter exquisite H&#228;user in attraktiven Gegenden der DDR, zum Beispiel auf dem Wei&#223;en Hirsch in Dresden, in Radebeul, Saalburg und anderswo, ausbauen lassen. Hier empfingen sie Kundschafter oder hielten Beratungen mit ihren Kollegen aus dem Ausland ab.</p>
<p>Zur Ausstattung der HVA geh&#246;rten auch 700 Kraftfahrzeuge, davon 400 bis 500 Pkw, eine im Aufbau befindliche Computeranlage im Stadtbezirk Hohensch&#246;nhausen, ein gro&#223;es Fotolabor, technische Werkst&#228;tten zur Herstellung falscher Papiere, von »Containern« zum Materialtransport und anderer Spionagewerkzeuge. Sie verf&#252;gte &#252;ber Ferieneinrichtungen in und um Berlin sowie in allen Bezirken der DDR, die in der Regel zugleich als Ausweichobjekte f&#252;r den Ernstfall eines Krieges dienen sollten.</p>
<p>Vor allein aber befanden sich in der HVA ungeheuere Aktenbest&#228;nde. Sie setzten sich aus den &#252;ber fast vierzig Jahre beschafften Informationen, den Angaben &#252;ber Personen und Objekte und den zahlreichen Weisungen und administrativen Papieren zusammen, die in solch einem b&#252;rokratischen Apparat anfallen. Die Mehrzahl der Informationen war bereits in den Jahren zuvor auf Mikrofiches verfilmt worden; ihr Volumen hielt sich in Grenzen. In den Panzerschr&#228;nken der von der HVA-Mitarbeitern verlassenen Dienstr&#228;ume befand sich aber soviel Material, dass damit sp&#228;ter etwa 100..LKW beladen, werden konnten.</p>
<p>Ende Januar und den ganzen Februar 1990 &#252;ber sammelten mit Zustimmung des B&#252;rgerkomitees kleine Gruppen von HVA-Mitarbeitern das gesamte Schriftgut und konzentrierten es in wenigen R&#228;umen. Gleichzeitig begann die Vernichtung, wobei davon auszugehen ist, dass zuerst besonders brisante Akten in den Rei&#223;wolf kamen. Dazu geh&#246;rten die Unterlagen &#252;ber Spione im Operationsgebiet, dazu geh&#246;rten Weisungen und Befehle, aus denen auf Schwerpunkt-Standorte geschlossen werden konnte, dazu geh&#246;rten aber auch all jene Papiere, die Aufschluss &#252;ber die Zusammenarbeit von Aufkl&#228;rung und Abwehr gaben. Den ganzen Tag &#252;ber – und auch nachts bei verdunkelten Fenstern – wurde das Papier zerschnipselt, verkollert, in S&#228;cken eingelagert. Der Abtransport war damals noch nicht m&#246;glich, so dass schlie&#223;lich die Papiers&#228;cke bis zur Decke stapelten. Die Mikrofiches wurden verbrannt. Als weitaus schwieriger erwies sich, die personellen Probleme zu l&#246;sen. Ging es doch dabei nicht nur um die Bereinigung konspirativer Vorg&#228;nge in der DDR, sondern vor allem um die ger&#228;uschlose, unauff&#228;llige Aufl&#246;sung der vielf&#228;ltigen Verbindungen ins Operationsgebiet. Als erstes wurden die Karteikarten der HVA aus der zentralen Registratur der Abteilung XII des MfS abgezogen. In dieser Abteilung waren s&#228;mtliche Personen festgehalten, die in irgendeiner Weise mit dem Ministerium f&#252;r Staatssicherheit zu tun hatten – ob als T&#228;ter, wie auch immer, oder als Opfer. Die Abteilung XII gab auf der Basis der bei ihr gespeicherten Grunddaten einen ersten Hinweis, wie eine angefragte Person einzusch&#228;tzen sei &#8211; wie sich oftmals zeigte, zu undifferenziert und holzschnittartig. Heute verf&#252;gt die Gauck-Beh&#246;rde &#252;ber die Karteikarten der Abteilung XII und wertet oftmals auf der Grundlage dieser unzureichenden Daten &#8230;</p>
<p>Die Sicherstellung der Personaldaten war nur der Anfang; vieles andere war zu bedenken – und dieser komplizierte Prozess konnte mit dem schnellen Ablauf der Aufl&#246;sung nicht Schritt halten. Daher vereinbarten die Arbeitsgruppe Sicherheit des Runden Tisches und die Reste der HVA die Auslagerung der Materialien der Aufkl&#228;rung an einen anderen Ort. Die Arbeitsgruppe Sicherheit beschloss am 23. Februar 1990, dass die HVA-Unterlagen in der ersten M&#228;rzdekade in das Objekt Roedernstra&#223;e 30, wo sich bislang Werkst&#228;tten befunden hatten, gebracht und dort von etwa 200 Mitarbeitern endg&#252;ltig aufgel&#246;st werden. Bis zum 15. M&#228;rz war die Normannenstra&#223;e zu verlassen, zum gleichen Zeitraum auch die Schule der HVA, erst vor etwa anderthalb Jahren bezogen, zu r&#228;umen. Der Umzug verlief unter der wachsamen Kontrolle der B&#252;rgerbewegung und der Kirche. Jeder Transport wurde von zwei Kirchenvertretern begleitet, die auch Stichproben machten. Von der Roedernstra&#223;e aus wurde dann die totale Vernichtung der HVA-Akten organisiert. Das geschah ebenfalls unter den Augen der B&#252;rgerkomitees und ihrer Aufl&#246;sungsgremien; die dazu ihre volle Zustimmung gaben. Sie lie&#223;en sich davon &#252;berzeugen, dass sowohl das operative Netz in der Bundesrepublik als auch das Hilfs-Netz in der DDR vor unbefugtem Zugriff zu sch&#252;tzen seien. Sicher sind dabei auch Unterlagen vernichtet worden, die f&#252;r eine historisch wahrhaftige Aufarbeitung des Kapitels Staatssicherheit von Wert gewesen w&#228;ren, und mancher hat gewiss Papiere beiseite gebracht, die er ungern in den H&#228;nden der B&#252;rgerrechtler gesehen h&#228;tte, zum Beispiel sie betreffende Dossiers f&#252;r die Abwehr. Wie sich seit Anfang 1992 zeigte, ohne gro&#223;en Nutzen, denn nat&#252;rlich waren die von der HVA zum Beispiel an die Hauptabteilung XX gegangenen Berichte in deren Hinterlassenschaft aufzufinden. Das k&#246;nnte helfen, Umfang wie Sto&#223;richtung dieses Teils der T&#228;tigkeit der HVA weitgehend zu rekonstruieren.</p>
<p>Ungeachtet dessen d&#252;rfte aber die weitere Entwicklung auch gezeigt haben, wie richtig die Entscheidung zur Vernichtung der HVA-Akten im Grundsatz war. Denn es ist ziemlich sicher, dass diese hochbrisanten Papiere s&#228;mtlich – und wahrscheinlich ausschlie&#223;lich – den Geheimdiensten zug&#228;nglich gemacht worden w&#228;ren; das seit 1. Januar 1992 geltende Stasi-Akten-Gesetz bot daf&#252;r gen&#252;gend Handhabe. Jene Materialien jedenfalls, die die HVA-Aufl&#246;ser – dem Beschluss des Runden Tisches folgend – f&#252;r eine zentrale Archivierung zur Verf&#252;gung stellten und die im Juni 1990 von Vertretern des B&#252;rgerkomitees, darunter der damalige Sprecher der Gauck-Beh&#246;rde, David Gill, gesichtet wurden, sind bisher der &#214;ffentlichkeit nicht zug&#228;nglich.</p>
<p>Es handelt sich dabei um ganze Jahrg&#228;nge von Ausgangsinformationen der Auswertungsabteilung der HVA, die sich mit den politischen, milit&#228;rischen und &#246;konomischen Vorg&#228;ngen in der Bundesrepublik und anderen beobachteten L&#228;ndern befassten. Aus den Best&#228;nden der fr&#252;heren Abteilung IX wurden Analysen zur Struktur und Arbeitsweise des Bundesnachrichtendienstes, die komplette Kartei der hauptamtlichen BND-Mitarbeiter sowie Dossiers &#252;ber eine gr&#246;&#223;ere Anzahl von ihnen &#252;bergeben, weiter Materialsammlungen &#252;ber das Bundesamt und die Landes&#228;mter f&#252;r Verfassungsschutz sowie Dossiers &#252;ber deren Mitarbeiter, schlie&#223;lich eine Aufstellung der Bediensteten des Milit&#228;rischen Abschirmdienstes (MAD). Auch Unterlagen &#252;ber den CIA – so die wichtigsten zentralen Richtlinien f&#252;r die Organisierung einer weltweiten Spionage, f&#252;r die elektronische &#220;berwachung, eine Kartei mit Angaben &#252;ber alle Dienststellen des USA-Geheimdienstes in der damaligen Bundesrepublik und West-Berlin, aber auch die komplette Dokumentation des Vorgangs »Ronny« – befanden sich seitdem beim Aufl&#246;sungskomitee und sind jetzt wohl beim »Bundesbeauftragten f&#252;r die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik« archiviert. Gleiches gilt f&#252;r Analysen &#252;ber Struktur und Arbeitsweise der Geheimdienste aller anderen NATO-Staaten sowie weiterer europ&#228;ischer L&#228;nder.</p>
<p>Die genannten Materialien wurden in einer spektakul&#228;ren Aktion -. unter dem Begleitschutz mehrerer Funkstreifenwagen – in den Archivtrakt der Normannenstra&#223;e &#252;berf&#252;hrt. Wo sind sie jetzt?</p>
<p>Die restlose Beseitigung der &#252;brigen Unterlagen erwies sich als ein hartes St&#252;ck Arbeit. Fast unaufh&#246;rlich rollten die Lkw zur Papierm&#252;hle in der Orloppstra&#223;e. Im Westteil Berlins mussten gr&#246;&#223;ere Posten von Papier- und Plastes&#228;cken eingekauft werden; dazu B&#252;ro-Rei&#223;w&#246;lfe zur Zerkleinerung der Akten. Ein letztes Mal bereitete die »Tonnen-Ideologie«, die Manie, &#252;ber jedes Detail ein Papier anzulegen, den Aufkl&#228;rern Verdruss. Schon wenn erste Kontakte mit einem ins Auge gefassten IM sich als vielversprechend erwiesen und ihre Fortsetzung beschlossen wurde, bekam er einen Aktenvorgang, registriert mit einem Decknamen. Der »Kandidat« entwickelte sich mehr oder minder gut – aber auch dann, wenn sich aus ihm nichts machen lie&#223;, wurde der Vorgang archiviert. All diese Unterlagen fanden sich nun in den Stahlschr&#228;nken der Mitarbeiter, zum Teil vergilbte und staubige Schnellhefter mit Namen, deren Tr&#228;ger in der operativen Arbeit der HVA nie eine Rolle gespielt hatten. Dazu kamen massenhaft Weisungen, Ordnungen, Vorschriften, Dienst- und Belehrungsb&#252;cher aus Jahrzehnten, Parteimaterialien und all das Papier, das man sich nicht wegzuwerfen getraute, weil es vielleicht noch einmal zu brauchen war.</p>
<p>Au&#223;erhalb der HVA waren s&#228;mtliche »konspirativen Wohnungen« aufzul&#246;sen, musste ihr Personal entlassen werden. Die materiellen Werte gelangten teilweise zum Verkauf, teilweise wurden sie auch kostenlos weitergegeben, so an die Hohensch&#246;nhausener Pfarrgemeinden, die f&#252;r manches Verwendung fanden.</p>
<p>Von besonderer Brisanz war der Umgang mit den Finanzmitteln. Bereits im November 1989 war die Finanzplanung 1990 vorbereitet worden; dabei sollte das »Anlegen zentraler operative Finanzreserven« gepr&#252;ft werden. Ein Teil dieser Mittel wurde f&#252;r die Abwicklung der im Aufl&#246;sungsprozess unumg&#228;nglichen operativen Ma&#223;nahmen ben&#246;tigt; so gab Klaus Kuron im Prozess gegen ihn an, noch im Fr&#252;hjahr 1990 f&#252;r seine Informationen knapp 60.000 D-Mark erhalten zu haben. &#220;ber den Verbleib der restlichen Gelder ist bisher zuverl&#228;ssig nichts bekannt.</p>
<p>Parallel zur Vernichtung der Akten und der »Abwicklung« der materiellen und finanziellen G&#252;ter begann die Herausl&#246;sung der Menschen aus dem Apparat der HVA. Dabei war die Entlassung der hauptamtlichen Mitarbeiter noch die einfachere Aufgabe – ganz im Unterschied zur Trennung von den Spionen im Operationsgebiet. Diese hatten auf ihr weiteres Schicksal zumeist keinen Einfluss, fragten sich aber gerade deshalb wohl oft bange: »Wer wird wie mit mir verfahren?« Begonnen wurde mit den Meldeakten in der DDR. Die als Methode von der HVA angewandte »&#220;bersiedelung« von Agenten hatte es mit sich gebracht, dass einige fr&#252;here DDR-B&#252;rger &#252;ber eine Zweitidentit&#228;t in der Bundesrepublik verf&#252;gten, die nun ohne Gef&#228;hrdung der Betreffenden nicht mehr aufgegeben werden konnte. Daher war es notwendig, deren Daten aus den DDR-Speichern zu tilgen.</p>
<p>Vereinzelt kamen auch DDR-B&#252;rger zweimal in den Meldekarteien vor. Bei der Bereinigung dieser F&#228;lle zeigte sich das Ministerium des Innern sehr kooperativ – sowohl Minister Peter-Michael Diestel als auch Vertraute der HVA in den Datenspeichern und bei den Meldekarteien.</p>
<p>Bereits Ende 1989 waren alle unwichtigen Treffs abgesagt worden, wurden Quellen des Operationsgebietes, die von minderer Bedeutung waren, »abgeschaltet«. Sie erhielten auf den festgelegten Verbindungswegen, oft &#252;ber Funk, die Mitteilung, dass die Zusammenarbeit beendet wird und alle operativen Materialien r&#252;ckstandslos zu beseitigen sind. Dar&#252;ber bestand im damaligen Amt f&#252;r Nationale Sicherheit wie auch im sp&#228;teren Aufl&#246;sungskomitee Konsens. Unterschiedlich waren die Meinungen jedoch, wenn &#252;ber die Spitzenquellen der HVA nachgedacht wurde. Im Herbst 1989 waren viele Aufkl&#228;rer noch davon &#252;berzeugt, dass es ein »Leben nach dem Tode« geben k&#246;nne. In einem Dokument der HVA vom 22. November hie&#223; es: »Mit dem Ziel der langfristigen Sicherung der wichtigsten Quellen &#8230; sind Vorschl&#228;ge zur Beendigung der Zusammenarbeit, Konservierung, Ver&#228;nderung der operativen Aufgabenstellung sowie zur langfristigen Sicherung der Funktionsf&#228;higkeit zu unterbreiten.« F&#252;r alle IM-Kategorien wurden konkrete Anregungen unterbreitet, bis hin zum schnellen Einstellen auf die ver&#228;nderten Bedingungen: »Neue M&#246;glichkeiten, die sich aus den aktuellen gesellschaftlichen Ver&#228;nderungen in der DDR ergeben, sind kurzfristig auf ihre Anwendbarkeit und Wirksamkeit zu pr&#252;fen.«</p>
<p>Im Januar und Februar 1990 waren solche Pl&#228;ne schon zur Illusion geworden. Dennoch wurde &#252;ber M&#246;glichkeiten nachgegr&#252;belt, wie das Faustpfand, das die verbliebene HVA-F&#252;hrung mit dem operativen Netz im Westen besa&#223;, genutzt werden k&#246;nne. Daf&#252;r gab es verschiedene Modelle. Solange die DDR bestand und mit ihr die Nationale Volksarmee, die auch unter der Regie von Minister Rainer Eppelmann zun&#228;chst &#252;ber die Fortsetzung der konspirativen Milit&#228;raufkl&#228;rung nachdachte, ehe diese sp&#228;ter ohne viel Aufsehen verschwand, war eine der M&#246;glichkeiten, dass zumindest geeignete Quellen an sie &#252;bergeben wurden. Doch die NVA f&#252;rchtete, dass der schlechte Ruf der HVA als eines Bestandteils der Stasi ihr schaden k&#246;nne; sie winkte beizeiten ab.</p>
<p>Dann war da nat&#252;rlich die naheliegende Variante, das HVA-Netz zur G&#228;nze oder zumindest in gro&#223;en Teilen dem Komitee f&#252;r Staatssicherheit der UdSSR zu &#252;bergeben. Markus Wolf selbst schien &#252;ber diese M&#246;glichkeit, bot sich – geht man von einigen seiner &#196;u&#223;erungen in jener Zeit aus – nachgedacht zu haben, und von seiner Vita her bot er sich als Vermittler geradezu an. Auch bei einzelnen Vertretern der HVA-Aufl&#246;sungsgruppe war eine entsprechende Bereitschaft vorhanden – und das traf sich mit den Absichten der KGB-Residentur in Berlin-Karlshorst. Diese erhoffte sich von der &#220;bernahme ehemaliger HVA-Quellen eine Verbesserung der eigenen M&#246;glichkeiten, hatte sie sich doch schon in der Vergangenheit ab und zu mit den fremden Federn ihrer »tschekistischen Kampfgef&#228;hrten« in der DDR geschm&#252;ckt.</p>
<p>Wenn es schlie&#223;lich doch nicht zu einer solchen &#220;bergabe kam, dann zum einen wegen der z&#246;gernden Haltung der KGB-Zentrale in Moskau und zum anderen, weil die Ex-Chefs der HVA eine gewisse Eigenst&#228;ndigkeit wahren wollten. Moskau war zur&#252;ckhaltend, weil es davon ausgehen musste, dass jede der &#252;bergebenen Quellen wenigstens einem halben Dutzend ehemaliger DDR-Aufkl&#228;rer bekannt war und damit als unzureichend konspiriert ein st&#228;ndiges Risiko darstellte. Au&#223;erdem d&#252;rfte die j&#228;he Wendung, die ihr Leben – und das gilt f&#252;r Spione wie f&#252;r ihre F&#252;hrungsoffiziere gleicherma&#223;en – durch den Zusammenbruch der DDR und des Sozialismus erfahren hatte, kaum ein Anreiz gewesen sein, auf diesem gef&#228;hrlichen Grund weiter zu agieren. Wolf hat insofern recht, wenn er das HVA-Netz »einen demotivierten, deprimierten Haufen« nennt, den ein weitsichtiger Geheimdienstchef kaum &#252;bernehmen w&#252;rde.</p>
<p>Und dennoch hat es solche Bem&#252;hungen gegeben, die allerdings zus&#228;tzlich dadurch erschwert wurden, dass die HVA-F&#252;hrung sie unter Kontrolle halten wollte.Diese f&#252;hrte zwar mit ihren Spitzen-Aufkl&#228;rern im ersten Halbjahr 1990 letztmalige Treffs durch, bei denen Einzelheiten f&#252;r ihr »Untertauchen« er&#246;rtert wurden – einschlie&#223;lich der M&#246;glichkeit einer Reaktivierung zu gegebener Zeit. Die dabei getroffenen Festlegungen enthielten auch die in der Geheimdienstarbeit &#252;bliche Verhaltensma&#223;regel, auf Kontaktversuche anderer als der vereinbarten Personen nicht einzugehen. So war ein Verbindungsaufnahme seitens des KGB nur &#252;ber die Vertrauenspersonen der Quellen m&#246;glich – ein angesichts der Dekonspirierung aller HVA-Mitarbeiter &#228;u&#223;erst riskantes Unterfangen. Im Prozess gegen den Ingenieur Anton Steppan – eine Quelle, die auf dem R&#252;stungssektor der Bundesrepublik arbeitete – wurde mitgeteilt, dass Anfang Januar ein KGB-General versucht haben soll, Steppans F&#252;hrungsoffizier auf eine &#220;bergabe des Spions anzusprechen. Der HVA-Mitarbeiter informierte jedoch den Verfassungsschutz.</p>
<p>Unter solchen Bedingungen ist eine erfolgversprechende Geheimdienstarbeit kaum zu leisten; die gebetsm&#252;hlenartig wiederholten Warnungen vor einer &#220;bernahme von HVA-Kundschaftern durch den KGB in Gr&#246;&#223;enordnungen entlarven sich so als eine aktive Ma&#223;nahme zur Verunsicherung der eigenen Bev&#246;lkerung, als Versuch, auf diese Weise die Daseinsberechtigung bundesdeutscher Geheimdienste weit in die Zukunft hinein zu belegen. Generalbundesanwalt Alexander von Stahl, der selbst durch seine &#196;u&#223;erungen dabei mitwirkt, kann zwar kaum Beweise nennen, daf&#252;r aber umso mehr Vermutungen: »Das liegt doch sehr nahe, weil KGB und MfS sehr eng zusammengearbeitet haben, das MfS ein Kind des KGB ist und die internationale Solidarit&#228;t auch zur engeren Zusammenarbeit verpflichtet. Die Gefahr ist sehr deutlich.« Mehr hat er bis heute nicht ans Licht gebracht, wobei nicht verschwiegen werden soll, dass es gewiss Einzelf&#228;lle gibt, wo der eine oder andere Kundschafter tats&#228;chlich einen neuen Herrn gesucht und gefunden hat . Doch nicht einmal diese werden genannt, vielleicht deshalb, weil sie – wie noch darzustellen sein wird – teilweise vom Verfassungsschutz provoziert wurden.</p>
<p>Eine dritte Variante des Umgangs mit dem brachliegenden Spionagenetz war der fr&#252;hzeitige &#220;bergang auf die andere Seite, die Kooperation mit dem bisherigen Gegner. Einige entschieden das f&#252;r sich pers&#246;nlich, andere wollten auf diese Weise die HVA als Ganzes &#252;bergeben &#8211; nicht zur Fortsetzung geheimdienstlicher Arbeit, sondern zu ihrer geregelten Beendigung. Die Vorstellung war, einerseits alle bisherigen HVA-Angeh&#246;rigen von ihrer gegen&#252;ber der DDR geleisteten Verpflichtung zu entbinden und gleichzeitig zu verpflichten, keinerlei riachrichtendienstliche Handlungen mehr zu unternehmen – ganz gleich f&#252;r wen. Die gleiche Verpflichtung sollten alle Quellen im Operationsgebiet gegen&#252;ber dem Aufl&#246;sungskomitee abgeben. Als Gegenleistung h&#228;tte die Bundesregierung einen Verzicht auf Strafverfolgung unter der Voraussetzung aussprechen sollen, dass sich die Aufkl&#228;rer in Ost wie West daran halten. Derart abgesichert, h&#228;tten den bundesdeutschen Organen die Namen der Ex-Spione offenbart werden k&#246;nnen, um ihr die Kontrolle der Vereinbarung zu erm&#246;glichen.</p>
<p>Diese &#220;berlegungen fanden auf beiden Seiten wenig Gegenliebe. Bei der Rest-Truppe der HVA spukte noch immer die Hoffnung auf Fortsetzung der Arbeit herum; nicht zuletzt deshalb wurde verf&#252;gt, dass ins Aufl&#246;sungskomitee niemand eingestellt werden d&#252;rfe, der f&#252;r diesen in der Zukunft liegenden Fall als F&#252;hrungsoffizier ins Operationsgebiet in Frage kam. Dies dr&#228;ngte hochkar&#228;tige Aufkl&#228;rer der HVA befristet in eine neue Konspiration, anstatt ihnen die M&#246;glichkeit zu geben, sich sofort von ihrem gescheiterten Spionage-Job zu trennen.</p>
<p>Aber auch auf der anderen Seite konnte man sich von den alten Feindbildern nicht l&#246;sen. Zwar bef&#252;rworteten weitsichtige Politiker wie der damalige Innenminister Sch&#228;uble, sein Kollege im Justizressort, Kinkel, damals aber auch noch Generalbundesanwalt von Stahl und der jetzige Verfassungsschutz-Pr&#228;sident Werthebach, seinerzeit Berater f&#252;r Geheimdienstfragen bei DDR-Innenminister Diestel, eine Amnestie f&#252;r die HVA-Mitarbeiter und eventuell auch f&#252;r ihre westlichen Quellen, wenn dadurch die innere Sicherheit der Bundesrepublik gef&#246;rdert werden k&#246;nne. In einem Gesetzentwurf der Bundesregierung vom Sommer 1990 hie&#223; es: »Mit dem Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten hat die gegenseitige nachrichtendienstliche Aufkl&#228;rung aufgeh&#246;rt. Sie war stark gepr&#228;gt von der Teilung Deutschlands und der Frontstellung der beiden deutschen Staaten. F&#252;r den Rechtsfrieden und damit f&#252;r die Zukunft des geteilten Deutschlands erscheint es sinnvoll, unter die damit verbundenen Straftaten einen befriedenden Schlussstrich zu ziehen und mit Wirksamwerden des Beitritts in begrenzter Weise Straffreiheit zu gew&#228;hren.«</p>
<p>Die Autoren dieses Entwurfs ber&#252;cksichtigten dabei, dass nat&#252;rlich auch seitens der Bundesrepublik Spionage gegen die DDR stattgefunden hatte. So f&#252;hrte der BND nach Presseberichten 500 Agenten im Osten Deutschlands, darunter hohe Offiziere der Staatssicherheit ebenso wie einen stellvertretenden Minister und andere f&#252;hrende Vertreter des Staatsapparates. Sie bleiben straflos, und Juristen – wie der Rechtanwalt Gunter Widmaier aus M&#252;nchen – monieren, »dass die selbstverst&#228;ndliche und rechtm&#228;&#223;ige Befreiung der Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes von jeder strafrechtlichen Behandlung wegen ihrer fr&#252;heren Spionaget&#228;tigkeit gegen die DDR nicht in derselben Weise auch auf die Mitarbeiter der HVA des MfS wegen deren fr&#252;herer Spionage gegen die Bundesrepublik ausgedehnt worden ist.«</p>
<p>Dies gelang damals, als daf&#252;r noch Zeit war, nicht weil sowohl die CSU als Koalitionspartner als auch die SPD-Opposition lehnten aus ideologischen Erw&#228;gungen eine solche faktische Amnestie ablehnten. Sie provozierten damit die betr&#228;chtlichen juristischen Probleme, die heute jedes der angestrengten Strafverfahren begleiten und auf die noch einzugehen sein wird. Seinerzeit f&#252;hrte das Verhalten der BRD-Beh&#246;rden zu einer Verunsicherung der kooperationswilligen Mitarbeiter der DDR-Aufkl&#228;rung. Sie wurden hingehalten und immer wieder aufgefordert, ihr Wissen ohne eine f&#246;rmliche Vereinbarung zu offenbaren. Lediglich sie selbst sollten nat&#252;rlich davon profitieren – sei es durch die Zusage von Straffreiheit, sei es durch betr&#228;chtliche Geldzuwendungen, Ein stellvertretender Abteilungsleiter der Milit&#228;raufkl&#228;rung bekam f&#252;r jede enttarnte Quelle 25.000 Mark geboten; dem Leiter der die USA bearbeitenden Abteilung wurden nach eigenen Angaben sogar eine Million Dollar in Aussicht gestellt, wenn er sein gesamtes Netz komplett &#252;berg&#228;be. Solche Angebote erfolgten nat&#252;rlich ohne Zeugen; dass es sie gab, beweisen jedoch die inzwischen namhaft gemachten &#220;berl&#228;ufer der HVA.</p>
<p>Bei ihrem Vorgehen zogen die westlichen Abwehrorgane die unterschiedlichen Positionen unter den ehemaligen HVA-Mitarbeitern ins Kalk&#252;l und versuchten, daraus maximalen Gewinn zu ziehen. Sie konfrontierten die Aussagen einzelner F&#252;hrungsoffiziere miteinander, pokerten mitunter auch mit Behauptungen, die Verunsicherung und Misstrauen schaffen sollten. Fakten und Erfindungen wurden gemischt, insbesondere Vorgesetzte immer wieder als angebliche Informanten genannt. Nat&#252;rlich hielten die Ermittler die Namen der &#220;berl&#228;ufer so lange wie m&#246;glich geheim. Das erm&#246;glichte ihnen, Enttarnungen nach Bedarf anderen HVA-Vertretern anzulasten. Erst allm&#228;hlich sickerte durch, wer jeweils dahinter steckte; dazu trug Kuron mit seinen Informationen bei. Dennoch setzten die Ermittlungsbeh&#246;rden diese Methode weiter ein und verd&#228;chtigten zum Beispiel noch nach dem Spuhler-Prozess den Gegenspionage-Chef Harry Sch&#252;tt der Kollaboration. So begr&#252;ndete Generalbundesanwalt von Stahl das relativ milde Bew&#228;hrungsurteil von zwei Jahren gegen Sch&#252;tt damit, dass er sich sehr kooperativ gezeigt und »in sehr gro&#223;em Umfang an der Schadensbegrenzung mitgewirkt h&#228;tte«.</p>
<p>Trotz aller Bem&#252;hungen blieb jedoch die Ausbeute solcher Operationen begrenzt. Gemessen an der gro&#223;en Zahl der hauptamtlichen Mitarbeiter der HVA ist die der Abtr&#252;nnigen gering, was nicht hei&#223;t, dass diese mit ihrem Wissen nicht wichtige Quellen enttarnen konnten.</p>
<p>Bisher betraf das vor allem Spione der Abteilung IX, an denen die bundesdeutschen Geheimdienste naturgem&#228;&#223; auch das gr&#246;&#223;te Interesse haben. Bereits 1989 lief ein Mitarbeiter der Fotostelle der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung zum BND &#252;ber. Er war wegen Sicherheitsbedenken, die in seiner Person lagen, aus dem MfS entlassen worden und hatte damals Kopien von den Original-Mikrofilmen aus dem BND und dem BfV mitgenommen. Sie enthielten weitaus mehr Hinweise auf die Quelle als die sp&#228;ter der Auswertung &#252;bergebenen, teilretuschierten Kopien. Die Sache wurde zwar bekannt, und der Mann wurde festgenommen, kam jedoch bei einer der ersten Amnestien nach der Wende wieder frei und offenbarte sich nun den Diensten der Bundesrepublik. So erhielt der Verfassungsschutz zum Beispiel erste Hinweise auf die Gebr&#252;der Spuhler. Durch weitere &#220;berl&#228;ufer konnten sie sp&#228;ter verifiziert werden. Zu ihnen geh&#246;rte der schon genannte Oberst Busch, aber auch Oberst Werner Roitsch, stellvertretender Leiter der f&#252;r die Beobachtung des Sicherheitsregimes im Operationsgebiet zust&#228;ndigen Abteilung VI, vor allem jedoch Oberst Karl Gro&#223;mann, stellvertretender Abteilungsleiter in der Spionageabwehr der HVA.</p>
<p>Roitsch hatte seinen Coup mit gr&#246;&#223;ter Vorsicht und streng konspirativ vorbereitet und mag sich gewundert haben, dass er schon nach kurzer Zeit von seinen Kollegen in der Aufl&#246;sungsgruppe enttarnt wurde. Verantwortlich daf&#252;r war auch hier niemand anderer als Kuron. Bei ihm war der Vorgang Roitsch gelandet, und er hatte sofort die Roedernstra&#223;e informiert. Diese entlie&#223; den Oberst »wegen Verrats« am 15. April 1990 fristlos. Da er vor seiner T&#228;tigkeit in der Abteilung VI Referatsleiter in der den Bonner Regierungsapparat bearbeitenden Abteilung I gewesen war, kannte er einige der von dort aus gef&#252;hrten Spione und trug zu deren Enttarnung bei.</p>
<p>Noch gravierender war der &#220;bertritt Gro&#223;manns. Im Jahre 1977 kam der Namensvetter des sp&#228;teren HVA-Chefs mit seinem G&#246;nner Harry Sch&#252;tt, als dieser zum Leiter der Spionageabwehr der HVA berufen worden war, in die Abteilung IX und stieg dort zum stellvertretenden Abteilungsleiter mit Zust&#228;ndigkeit f&#252;r die illegale Linie A (im Unterschied zu der die HVA-Leute in den DDR-Botschaften betreuenden Linie B) auf. Er hatte seine F&#228;higkeiten als &#228;u&#223;erst phantasievoll und mit hohem Risiko arbeitender Geheimdienstmann bewiesen, diese Eigenschaften jedoch nicht selten auch f&#252;r die Befriedigung pers&#246;nlicher Bed&#252;rfnisse eingesetzt. Das schuf ihm immer wieder Probleme, aber seine Erfolge als Agentenf&#252;hrer veranlassten seine Chefs stets zu Nachsicht. Erst als er mit dem Sohn von Alexander Schalck-Golodkowski zusammen einige anr&#252;chige Gesch&#228;fte gemacht hatte, verlor er seinen Leitungsposten, wurde jedoch zum »Sonderoffizier« ernannt und konnte im Prinzip ungest&#246;rt weiterarbeiten. Der BND, der ihn schon lange im Visier und bereits vor Jahren einen Konteragenten auf seine Frau angesetzt hatte, wusste durch eigene Recherchen, aber wohl auch durch Schalck um diese Schw&#228;chen und z&#246;gerte nicht, Gro&#223;mann »umzudrehen«. Dieser lieferte dann nicht nur die letzten Beweise f&#252;r die Enttarnung der Gebr&#252;der Spuhler, sondern er gab auch die entscheidenden Hinweise auf die Ende 1991 zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilte Gabriele Gast, die aus dem Bundesnachrichtendienst wichtige Analysen sowie die regelm&#228;&#223;igen Lageeinsch&#228;tzungen f&#252;r den Bundeskanzler verraten hatte. Andere ehemalige DDR-Spione in den bundesdeutschen Abwehrbeh&#246;rden haben ihm ebenfalls ihre Festnahme zu verdanken.</p>
<p>Karl Gro&#223;manns Aussagebereitschaft besiegelte schlie&#223;lich auch das Schicksal des wohl kaltbl&#252;tigsten HVA-Maulwurfs <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_Kuron" target="_blank">Klaus Kuron</a>. Als das Ende der HVA offenkundig geworden war, beschoss er, nicht wie das Kaninchen vor der Schlange sitzen zu bleiben, sondern weiter mitzumischen. Das Verh&#228;ngnis, so es denn kam, sollte ihn nicht unvorbereitet treffen. Und zun&#228;chst ging tats&#228;chlich alles gut. Er empfing die HVA-&#220;berl&#228;ufer, forschte sie aus und pr&#252;fte vor allem die Gefahr f&#252;r sich selbst. Seine Chefs erfuhren nur, was ihm nicht schaden konnte. Zugleich meldete er die Abtr&#252;nnigen ihrem ehemaligen Arbeitgeber, damit dieser ihn vor deren Mitteilsamkeit sch&#252;tzte. So erfuhren die HVA-Aufl&#246;ser aus erster Hand, was das BfV gegen die HVA plante, welche Offiziere &#252;bergelaufen waren, was sie ausgesagt hatten und welche sonstigen Angebote an den Verfassungsschutz gemacht worden waren. Kurons fortgesetzte Spionaget&#228;tigkeit f&#252;r die HVA half dieser betr&#228;chtlich dabei, Quellen im »Operationsgebiet BRD« systematisch abzuschalten und viele von ihnen aus der Gefahrenzone zu bringen. Der Verfassungssch&#252;tzer best&#228;rkte aber auf diese Weise auch die alte HVA-F&#252;hrung, gegen&#252;ber den Beh&#246;rden der Bundesrepublik sehr reserviert aufzutreten und M&#246;glichkeiten einer fr&#252;hzeitigen Bereinigung des deutsch-deutschen Spionagekapitels ungenutzt zu lassen. Seine Informationen erm&#246;glichten &#252;ber lange Zeit die Verunsicherung und damit die Disziplinierung solcher HVA-Mitarbeiter, die einen endg&#252;ltigen, aber zugleich verantwortbaren Schlussstrich unter ihre Vergangenheit ziehen wollten.</p>
<p>Wenige Tage nach dem Vollzug der deutschen Einheit aber bekommt Kuron Wind von jenem hochrangigen DDR-&#220;berl&#228;ufer, der jedoch – im Unterschied zu allen vorherigen – ihn und seine langj&#228;hrige Doppelkonspiration kennt – Karl Gro&#223;mann. Und er kann sich ausrechnen, wann er nun selbst an der Reihe ist. Jetzt tut er das, was er schon lange ins Kalk&#252;l gezogen hat – er tritt die Flucht nach vorn an. Nachdem die HVA verschwunden ist, so glaubt er, bleibt ihm nur noch der KGB. Schon zuvor hatte er einige Male versucht, diese Karte ins Spiel zu bringen. Aktenkundig ist dies im Fall des schon genannten Ingenieurs Steppan. Dessen F&#252;hrungsoffizier wurde von Kuron aufgefordert, auf das sowjetische Angebot einzugehen und den Mitarbeiter der Friedrichshafener Firma Motoren- und Turbinen-Union (MTU) f&#252;r den KGB arbeiten zu lassen – nat&#252;rlich unter seinen Augen. Jetzt stellte Kuron &#252;ber seinen fr&#252;heren F&#252;hrungsoffizier Stefan Engelmann einen Kontakt zur Karlshorster Dependance des sowjetischen Geheimdienstes her und versuchte zugleich, den Ex-Aufkl&#228;rer der DDR mit auf die Reise zu nehmen. Engelmann lehnte ab, und auch die KGB-Leute blieben reserviert. Sie boten Kuron zwar dir Ausschleusung aus Deutschland an und ein Refugium im weiten Sowjetland; mehr aber versprachen sie nicht. Das war dein Geheimdienstler aus Passion zu wenig. Er pokerte zum letzten Mal, machte sich auf den Weg zur&#252;ck und rief von unterwegs, aus einer Telefonzelle in K&#246;nigslutter, den Verfassungsschutz an. Er bot seiner Dienststelle die Aussicht auf eine Doppelagenten-Operation gegen den KGB und verlangte im Gegenzug Nachsicht gegen&#252;ber dem eigenen Doppelspiel. K&#246;ln lehnte ab; soviel Chuzpe war nie Sache des Amtes.</p>
<p>Unmittelbar nach dem 3. Oktober 1990, dem Tag der deutschen Einheit, gingen die Strafverfolgungsbeh&#246;rden und Geheimdienste in breiter Front gegen die ehemaligen Widersacher aus der HVA vor. Dabei interessierten weder Strukturen noch Arbeitsweisen; an eine inhaltliche Aufarbeitung der HVA-T&#228;tigkeit war nicht gedacht – h&#228;tte sie doch die ganz &#228;hnlichen Praktiken der westlichen Dienste all zu sehr ins Blickfeld ger&#252;ckt. Allein Namen waren gefragt – Namen der Top-Spione der DDR-Aufkl&#228;rung vor allem, aber auch die Personalien der sogenannten kleinen Fische. Nach lange vorbereiteten Listen begannen die Befragungen der F&#252;hrungsoffiziere, jedoch auch des sonstigen Personals der HVA, vom Auswerter &#252;ber den Verwalter einer »konspirativen Wohnung«, die Sekret&#228;rin, den Kraftfahrer, bis hin zum Fotolaboranten, der &#252;bermittelte Mikrofilme im Original gesehen hatte. Jedes St&#252;ck Papier, jede noch greifbare Karteikarte wurden ausgewertet. Aus vielen kleinen Bausteinchen sollten die Mosaiks zusammengesetzt werden, die schlie&#223;lich zum unsichtbaren Kundschafter f&#252;hren w&#252;rden.</p>
<p>Mit begrenztem Erfolg, denn die meisten Mitarbeiter der HVA erwiesen sich denn doch nicht als so skrupellos, dass sie – um den eigenen Kopf zu retten – ihre Quellen unverz&#252;glich preisgaben. Die ersten, au&#223;erordentlich harten Urteile gegen Aufkl&#228;rer aus dem Operationsgebiet taten ein &#252;briges. Wenn auch oft unterstellt, ist es f&#252;r viele F&#252;hrungsoffiziere nicht einerlei, dass Leute, die ihnen &#252;ber eine lange Zeit hinweg vertraut hatten, nun vielleicht mit ihrer Hilfe f&#252;r zehn Jahre hinter Gitter wandern. Hinzu kommt, dass die Offenbarung einer Quelle in aller Regel auch unvorhersehbare Konsequenzen f&#252;r deren pers&#246;nliches Umfeld, f&#252;r Verwandte, Bekannte und Arbeitskollegen haben kann. »Ich halte die Preisgabe von Personen, die sich mir anvertraut haben, von uns angehalten wurden, nachrichtendienstlich t&#228;tig zu werden, f&#252;r absolut verwerflich«, hatte Markus Wolf immer wieder &#246;ffentlich betont, und er sprach damit f&#252;r die &#252;bergro&#223;e Mehrzahl seiner fr&#252;heren Mitarbeiter. Wolf selbst war mit solchen Angeboten ebenfalls konfrontiert worden: »Im Beisein meiner Frau malten freundliche Herren von der anderen Seite angesichts des mir drohenden Haftbefehls unsere Zukunft in den d&#252;stersten Farben. Voller Respekt und Verst&#228;ndnis zeigten sie danach einen passablen Ausweg mit gesichertem Schutz und Wohlstand, nat&#252;rlich bei entsprechender Gegenleistung.« Auf diese Weise hatten die Bundesbeh&#246;rden die Chance verpasst, durch einen seri&#246;sen und emotionslosen Umgang mit diesem das ganze Deutschland betreffenden Erbe eine sachdienliche L&#246;sung zu finden. Nun, da mehr als tausend Ermittlungsverfahren laufen und die ersten Urteile gesprochen sind, ist eine restlose Aufkl&#228;rung in weite Ferne ger&#252;ckt.</p>
<p>Zu dieser Entwicklung trugen aber auch die fr&#252;heren Chefs der HVA und ihre Vertreter im Aufl&#246;sungsstab durch den illusion&#228;ren Glauben an eine wie auch immer geartete Weiterarbeit bei. Nachdem sie – wie dargestellt – im ersten Halbjahr 1990 alle diesbez&#252;glichen Bem&#252;hungen blockiert hatten, begriffen sie nach der deutschen Vereinigung endlich, dass ihre Hoffnungen auf Sand gebaut waren. Am 17. Januar 1991 wandten sich f&#252;nf Stasi-Generale, darunter der letzte HVA-Chef Werner Gro&#223;mann, an Innenminister Sch&#228;uble, um ihm nun selbst das Angebot zu machen, das sie im Jahr zuvor noch torpediert hatten. Nun erkl&#228;rten sie pl&#246;tzlich ihre »Bereitschaft zum Offenlegen von noch nicht enttarnten Quellen des MfS im Gebiet der ehemaligen BRD sowie im NATO-Bereich; zur Offenlegung der tats&#228;chlichen Zusammenh&#228;nge zu dem Komplex ›&#220;bergabe von Quellen an das KGB der UdSSR im Zusammenhang mit der Aufl&#246;sung des MfS‹; mitzuwirken an der realen Bewertung des Handelns von IM in der ehemaligen DDR; Zusammenh&#228;nge von operativen Vorg&#228;ngen und Aktionen des MfS aufzudecken, sofern daf&#252;r insbesondere im Zusammenhang mit Ma&#223;nahmen der Strafverfolgungsbeh&#246;rden sowie zur Rehabilitierung Betroffener Handlungsbedarf besteht; auf F&#252;hrungsoffiziere und andere Angeh&#246;rige Einfluss zu nehmen, sich in diesen Prozess einzubringen; Einfluss geltend zu machen, dass von den ehemaligen Angeh&#246;rigen des MfS keine rechtswidrigen Handlungen gegen den Bestand der Bundesrepublik Deutschland begangen werden«. Als Gegenleistung sollte die Bundesregierung »auf der Grundlage entsprechender Rechtsvorschriften den Weg f&#252;r eine Selbststellung unter Zusicherung der Straffreiheit« ebnen. Die F&#252;hrungsoffiziere, die ein Jahr zuvor auf Weisung ihrer ehemaligen Leiter mit den Quellen noch Kontaktwege f&#252;r eine sp&#228;tere Reaktivierung vereinbaren mussten, sollten diese nun nutzen, um die Spione zur Selbststellung zu bewegen.</p>
<p>Am 15. Februar 1991 fand dazu in Berlin ein geheimes Treffen statt, an dem der damalige Verfassungsschutz-Pr&#228;sident Boeden und sein designierter Nachfolger Werthebach teilnahmen. Im M&#228;rz, wurde der Vorgang &#246;ffentlich bekannt und sogleich als »Kuhhandel« abqualifiziert. W&#228;hrend sich das Innenministerium vorerst ausschwieg, dementierte HVA-Generaloberst Gro&#223;mann das Ganze, doch vier Wochen sp&#228;ter gab die Regierung die Begegnung zu. Die f&#252;nf Generale h&#228;tten ihre Vorstellungen und W&#252;nsche vorgetragen, die Verfassungssch&#252;tzer ihrerseits erneut auf bedingungslose Offenlegung der Quellen gedrungen. »Der Erwartungshaltung der ehemaligen Mitarbeiter des MfS konnte dabei nicht entsprochen werden«, hie&#223; es lakonisch aus dem Innenministerium. Dieser letzte und zu sp&#228;te Versuch, eine einvernehmliche L&#246;sung des Problems zu erreichen, war von vornherein zum Scheitern verurteiIt, denn die MfS-Generale hatten in v&#246;lliger Verkennung der Situation l&#228;ngst ihre Tr&#252;mpfe verspielt. Nun setzte die Bundesregierung auf die Ermittlungen des Staatsschutzes und auf die Gerichte; die ersten »Pilotverfahren« waren schon eingeleitet. Eine Koalition der Unvernunft – bestehend aus unbelehrbaren Stasi-F&#252;hrern auf der einen Seite und rachedurstigen Parteipolitikern andererseits – hatte Deutschland ein Problem beschert, das &#214;ffentlichkeit und Justiz noch einen langen Zeitraum besch&#228;ftigen wird, ohne je zu einem guten Ende zu kommen.</p>
<p>Zu den ersten, die das zu sp&#252;ren bekamen, geh&#246;rten diejenigen Spione, die in den vergangenen Jahren aus eigenem Antrieb oder auf Anraten der Zentrale aus dem Operationsgebiet in die DDR zur&#252;ckgekehrt waren, um sich dort der Strafverfolgung zu entziehen. In der DDR hatten sie vielf&#228;ltige Ehrungen erfahren und sich leidlich eingerichtet, wenn auch die wenigstens von ihnen gl&#252;cklich waren. Wer seine Strafe in der Bundesrepublik abgesessen hatte, wie die Guillaumes oder Lothar Lutze und Renate Wiegel, ging lediglich einiger Privilegien verlustig; wer jedoch f&#252;r die Strafverfolgsbeh&#246;rden ein noch ungekl&#228;rter Fall war, musste mit seiner Verhaftung rechnen. Das betraf von den bekannteren Kundschaftern <a href="http://www.spiegel.de/wikipedia/Hansjoachim_Tiedge.html" target="_blank">Hansjoachim Tiedge</a>, <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13488895.html" target="_blank">Ursel Lorenzen </a>oder <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Sonja_L%C3%BCneburg" target="_blank">Sonja L&#252;neburg</a>.</p>
<p>Tiedge setzte sich schon im Sommer 1990 in die Sowjetunion ab, muss aber f&#252;rchten, dass diese ihn irgendwann ausliefert. Ursel Lorenzen ist nach ihrer Verheiratung unter dem Namen ihres Mannes ebenfalls und wiederum auf der Flucht. Sie, die im NATO-Hauptquartier in Br&#252;ssel gearbeitet hatte, war 1979 in die DDR geflohen, da sie sich gef&#228;hrdet f&#252;hlte. Am 17. Januar 1980 pr&#228;sentierte sie auf einer internationalen Pressekonferenz in Ost-Berlin Dokumente, die die Bereitschaft der NATO zum Einsatz von Atomwaffen in einem Krieg in Europa belegten. Die meisten der vorgelegten Geheimpapiere hatte sie gar nicht beschafft, sondern stammten aus anderen Quellen sowohl der HVA als auch des milit&#228;rischen Nachrichtendienstes der Nationalen Volksarmee, die bei der NATO t&#228;tig gewesen waren. Sie wurden vom damaligen Leiter des Instituts f&#252;r milit&#228;rpolitische Forschung bei der NVA, Oberst Charisius, pr&#228;sentiert, der sie zuvor mit dem f&#252;r die Auswertung der milit&#228;rpolitischen Informationen der HVA zust&#228;ndigen Oberst Busch ausgew&#228;hlt hatte. Nun aber wird Ursel Lorenzen durch ihr damaliges Auftreten schwer belastet; auf dieser Grundlage will ihr die Bundesanwaltschaft den Prozess machen. Sie irrt mit ihrem Mann durch diejenigen L&#228;nder Europas, die kein Auslieferungsabkommen mit der Bundesrepublik haben.</p>
<p>Noch schlimmer ist es Sonja L&#252;neburg ergangen. Die ehemalige Sekret&#228;rin des FDP-Bundestagsabgeordneten William Borm, die nach dessen Tod zum damaligen Generalsekret&#228;r der Liberalen, Martin Bangemann, &#252;berwechselte und diesem dann auch ins Wirtschaftsministerium folgte, hatte sich im August 1985 zu einer Wochenendreise abgemeldet und war nicht wieder aufgetaucht. Ermittlungen ergaben, dass sie unter einer Doppelg&#228;nger-Legende f&#252;r die HVA gearbeitet haben soll. Nach der Vereinigung Deutschlands wurde in einem &#246;stlichen Vorort Berlins die 64j&#228;hrige Johanna O. festgenommen, hinter der man Sonja L&#252;neburg vermutet.</p>
<p>Die Strafverfolgungsbeh&#246;rden der Bundesrepublik konzentrieren gegenw&#228;rtig all ihre Kraft auf die juristische Abrechnung mit den ehemaligen Spionen der DDR. Sie bringen dazu nicht nur jene Agenten vor Gericht, die in j&#252;ngster Zeit enttarnt wurden, sondern eben auch sogenannte Altf&#228;lle, bei denen sich nach der Vereinigung pl&#246;tzlich doch noch die M&#246;glichkeit er&#246;ffnet, strafend t&#228;tig zu werden, auch wenn das offensichtlich keinen tieferen Sinn mehr hat. Au&#223;er Ursel Lorenzen und Sonja L&#252;neburg betrifft das auch Inge Goliath und andere. Bei einigen, die nach Verb&#252;&#223;ung ihrer Strafe in die DDR kamen und hier Vortr&#228;ge vor MfS-Angeh&#246;rigen hielten, schuf das einen neuen Straftatbestand der »Beihilfe zu geheimdienstlicher Agentent&#228;tigkeit«. Ihnen wurden zum Teil neue Verfahren angedroht, wie dem fr&#252;heren Vorsitzenden des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Grunert, der 1978 zu zweieinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden und danach in die DDK &#252;bergesiedelt war. Von Anfang an wurden in die gerichtlichen Verfahren auch die F&#252;hrungsoffiziere einbezogen, die vom Gebiet der DDR aus die Kundschafter anwarben, steuerten und entlohnten. Dieses undifferenzierte Vorgehen l&#246;ste unverz&#252;glich eine intensive Debatte &#252;ber Prinzipien des demokratischen Rechtsstaats aus, die durch diese Praxis offensichtlich verletzt werden.</p>
<p>Vom abstrakten Gerechtigkeitsempfinden her erscheint die weitgehend gleichartige Verfolgung der Aufkl&#228;rer – unabh&#228;ngig ob erst vor kurzem gefasst oder schon seit l&#228;ngerem bekannt, ob in der alten BRD t&#228;tig oder vom Territorium der fr&#252;heren DDR aus agierend – durchaus denkbar. Gerade deswegen gab es ja die Bem&#252;hungen um eine Amnestie oder einen &#228;hnlichen Schlussstrich unter die deutsch-deutsche Spionaget&#228;tigkeit, jenes zwangl&#228;ufige Kind der Spaltung und des mit ihr verbundenen Kalten Krieges. Denn die juristisch gebotene Differenzierung verletzt den Gerechtigkeitssinn, die aus dieser Sicht logische Gleichbehandlung aber kollidiert mit rechtsstaatlichen Grunds&#228;tzen. Der genannte Gesetzesentwurf der Bundesregierung sah deshalb vor, nicht nur die spionierenden DDR-B&#252;rger straffrei zu stellen, sondern Gnade auch gegen&#252;ber jenen bisher nicht erkannten Agenten auf dem fr&#252;heren Bundesgebiet walten zu lassen, die sich innerhalb eines Jahres offenbaren. Sein Scheitern zwang die Beh&#246;rden zum Handeln, als sich vom 3. Oktober 1990 an die juristische Gewalt der Bundesrepublik auch auf das Gebiet der fr&#252;heren DDR erstreckte. Am Morgen des Wiedervereinigungstages klingelte an der Pforte der Hohensch&#246;nhausener Villa des Ex-Generalobersten Werner Gro&#223;mann in Berlin die Polizei und nahm den letzten HVA-Chef fest. Sie st&#252;tzte sich dabei auf einen Beschluss des 3. Senats des Bundesgerichtshofs, der Gro&#223;mann der geheimdienstlichen Agentent&#228;tigkeit als dringend verd&#228;chtig ansah. Damit setzten die Karlsruher Richter eine Diskussion in Gang, die sich schon bald als &#228;u&#223;erst facettenreich erwies und zwangsl&#228;ufig zur Anrufung des Bundesverfassungsgerichts f&#252;hrte.</p>
<p>Ihr Ursprung liegt jedoch nicht bei jenem 3. Oktober 1990, sondern einige Monate zur&#252;ck. Ursache f&#252;r das nun eingetretene Dilemma war ein – zuf&#228;lliges oder gewolltes? – Vers&#228;umnis des Einigungsvertrages, der grunds&#228;tzlich von der &#220;bertragung des Bundesrechts auf das Gebiet der fr&#252;heren DDR ausgeht, jedoch eine Reihe von Bestimmungen und Gesetzen der alten Bundesrepublik aufz&#228;hlt, die ausdr&#252;cklich nicht anzuwenden sind. In dieser Aufz&#228;hlung fehlen die Straftatbest&#228;nde der »geheimdienstlichen Agentent&#228;tigkeit«; mithin – so folgerte der Bundesgerichtshof in einer ersten Stellungnahme zu dieser Problematik vom 30. Januar 1991 – »kann und muss die Strafverfolgung ihren Fortgang nehmen«. Die obersten Gesetzesh&#252;ter standen damit in &#220;bereinstimmung mit der Auffassung der Bundesregierung, die in ihrem – nicht weiterverfolgten – Gesetzentwurf vom 13. September 1990 zu einem Amnestiegesetz unmissverst&#228;ndlich feststelle: »Nach Wirksamwerden des Beitritts unterliegen die Angeh&#246;rigen und Agenten der Auslandsnachrichtendienste der Deutschen Demokratischen Republik uneingeschr&#228;nkt unserer Staatsgewalt. Ihre bisher in der Deutschen Demokratischen Republik legitime T&#228;tigkeit wird ohne &#196;nderung ihres Charakters auch dort strafbar.« (Der Einigungsvertrag hat &#252;brigens einen ganz &#228;hnlichen Mangel f&#252;r die Spione der alten BRD, die in der DDR rechtskr&#228;ftig verurteilt wurden. Indem er alle rechtskr&#228;ftigen Urteile der DDR-Gerichte in die neue gesamtdeutsche Rechtsordnung &#252;bernahm, bleiben sie zun&#228;chst vorbestraft; nur &#252;ber komplizierte Rehabilitierungsverfahren k&#246;nnte daran etwas ge&#228;ndert werden.)</p>
<p>Die Anwendung des BRD-Rechts zur Spionage auf fr&#252;here DDR-B&#252;rger, die von ihrem Staat ausdr&#252;cklich mit der Aussp&#228;hung der Bundesrepublik beauftragt waren, l&#246;ste in der juristischen Fachwelt Kritik aus. Sie wurde erstmals ausf&#252;hrlich vom Verteidiger Gro&#223;manns, Dr. Gunter Widmaier, im Dezember 1990 in der »Neuen Juristischen Wochenschrift« formuliert. Dieser nennt sowohl verfassungsrechtliche als auch v&#246;lkerrechtliche Argumente gegen die Bestrafung der DDR-Aufkl&#228;rer. Zum einen versto&#223;e ein solches Vorgehen gegen den Gleichheitssatz in Artikel 3 des Grundgesetzes, wenn – wie schon dargestellt – »aufgrund der rechtlichen Konstruktionen des Einigungsvertrages die in der DDR t&#228;tig gewesenen fr&#252;heren Mitarbeiter der HVA des MfS wegen damals begangener Spionage zum Nachteil der Bundesrepublik bestraft werden sollen, w&#228;hrend umgekehrt f&#252;r die Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes eine Strafbarkeit wegen ihrer fr&#252;heren Spionage zum Nachteil der DDR mit Selbstverst&#228;ndlichkeit nicht einmal zur Diskussion steht«. Widmaier r&#228;umt ein, dass die DDR beim Einigungsvertrag m&#246;glicherweise »schlecht verhandelt« habe, doch k&#246;nne die Geltungskraft des Artikels 3 »nicht von der G&#252;te und Sorgfalt staatsvertraglicher Verhandlungen abh&#228;ngen«.</p>
<p>Hinsichtlich des V&#246;lkerrechts verweist Widmaier auf die Haager Landkriegsordnung vom 18. 10. 1907, die folgende Bestimmung enth&#228;lt: »Ein Spion, welcher zu dem Heere, dem er angeh&#246;rt, zur&#252;ckgekehrt ist und sp&#228;ter vom Feinde gefangen genommen wird, ist als Kriegsgefangener zu behandeln und kann f&#252;r fr&#252;her begangene Spionage nicht verantwortlich gemacht werden.« Was im Kriege gelte, m&#252;sse im Frieden erst recht zuerkannt werden: »W&#228;re – eine schlimme Vorstellung – die Wiedervereinigung Deutschlands mit milit&#228;rischen Mitteln und durch eine Annexion der DDR herbeigef&#252;hrt worden, so st&#252;nde die Straflosigkeit der im Auslandsnachrichtendienst der DDR t&#228;tigen DDR-B&#252;rger kraft geschriebenen V&#246;lkerrechts ohne weiteres fest. Es ist undenkbar. nach der Wiedervereinigung in Frieden, in Freiheit und gleichberechtigter Br&#252;derlichkeit zu anderen Ergebnissen zu kommen.</p>
<p>Beiden Argumentationen wollte der Bundesgerichtshof nicht folgen. In der schon genannten Stellungnahme vom 30. 1. 1991 hebt er zun&#228;chst darauf ab, dass eine Gleichbehandlung der Spione beider Seiten offensichtlich von den Verhandlungspartnern des Einigungsvertrages »nicht gewollt oder nicht durchsetzbar war«. Zugleich bringt er aber damals noch sein Unbehagen &#252;ber diese Entwicklung zum Ausdruck, denn die Mitarbeiter der HVA h&#228;tten »aus ihrer Sicht eine legitime T&#228;tigkeit ausge&#252;bt, die auch v&#246;lkerrechtlich nicht anst&#246;&#223;ig zu bewerten war«. Daher k&#246;nne »der bisherige Rechtszustand kaum zu einem befriedigendem Interessenausgleich beitragen«; eine sachgerechte L&#246;sung erscheine »deshalb nur durch ein Straffreiheitsgesetz m&#246;glich«.</p>
<p>Um aber den eigenen Spruch – es ging um die Fortdauer des Haftbefehls gegen Gro&#223;mann – einigerma&#223;en st&#252;tzen zu k&#246;nnen, begibt sich der BGH im weiteren auf das Feld der Spekulation. Zwischen den Spionen von DDR und BRD m&#252;ssten doch Unterschiede gemacht werden, weil »die &#228;u&#223;ere Sicherheit der BRD durch das fr&#252;here Tun dieser nachrichtendienstlich t&#228;tigen Personen m&#246;glicherweise weiterhin betroffen wird, da die Auswirkungen dieser T&#228;tigkeit durch den Eintritt der DDR in die BRD nicht weggefallen sind. Es ist allgemein bekannt, dass die Erkenntnisse der Spionagebeh&#246;rden der DDR wegen deren Einbindung in den Warschauer Pakt und wegen des engen Kontakts zu den sowjetischen Geheimdiensten, vor allem zum KGB, weitergegeben worden sind an Dienststellen au&#223;erhalb der DDR. Es ist nicht auszuschlie&#223;en, dass auch ›Quellen‹ nicht nur f&#252;r den Geheimdienst der DDR, sondern gleichzeitig auch f&#252;r andere Staaten des Warschauer Pakts t&#228;tig gewesen sind. M&#246;glicherweise sind auch fr&#252;here ›Quellen‹ der Geheimdienste der DDR von Geheimdiensten der anderen Staaten des Warschauer Pakts, vor allem der UdSSR, &#252;bernommen worden.« Und die logische Schlussfolgerung: »Eine Gleichstellung der Spione der BRD und der DDR&lt; ist schon aus diesem Grund nicht ohne weiteres gerechtfertigt.« Generalbundesanwalt von Stahl bringt den Pragmatismus, der hier waltet, auf den Punkt: »Im Staatsschutzrecht gibt es eine Mischung aus Gerechtigkeit, Zweckm&#228;&#223;igkeit und Staatsinteresse. Alle drei Punkte sind hier wohl ber&#252;hrt.«</p>
<p>So ermutigt, wird der Bundesgerichtshof in seiner n&#228;chsten &#196;u&#223;erung zum Sachverhalt noch weitaus deutlicher. In der Sache Harry Sch&#252;tt best&#228;tigt er am 29. Mai die Er&#246;ffnung der Hauptverhandlung wie den damals noch bestehenden Haftbefehl mit dem Argument: »Nur bei ausschlie&#223;lich formaler Betrachtung lassen sich die T&#228;tigkeiten der Nachrichtendienste der Bundesrepublik und der fr&#252;heren DDR einander gleichsetzen, nicht aber vom legitimen Standpunkt der ihrer Identit&#228;t nach fortbestehenden Bundesrepublik aus. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass die Nachrichtendienste der Bundesrepublik, auch wenn sie operative Auslandsaufkl&#228;rung betreiben, letztlich zu deren Schutz t&#228;tig wurden und werden, w&#228;hrend die gegen die Bundesrepublik gerichtete T&#228;tigkeit der Nachrichtendienste der DDR zur konkreten oder doch abstrakten Gef&#228;hrdung der &#228;u&#223;eren Sicherheit dieses Staates f&#252;hrte mit unter Umst&#228;nden bis in die Gegenwart reichenden, im einzelnen jedoch nicht fassbaren und absch&#228;tzbaren Folgen, die sich aus der Weitergabe von nachrichtendienstlichen Informationen und Informanten an andere Staaten des fr&#252;heren ›Ostblocks‹ ergeben k&#246;nnen.« Was im Januar noch im Konjunktiv stand, die Gef&#228;hrdung durch Weitergabe an eine dritte Macht, ist nun ohne Einschr&#228;nkung vorausgesetzt – wenn auch die Definition dieser »dritten Macht« (Sowjetunion, Ostblock, KGB?) jetzt schwerer f&#228;llt als je zuvor. Schon am 31. Juli 1991 sah der Sprecher der Bundesregierung in der Spionage der DDR nachtr&#228;glich keine Gefahr mehr f&#252;r die Sicherheit der Bundesrepublik. Vor Journalisten bewertete er einen m&#246;glichen Schaden als gering, zumal Geheimdienstaktivit&#228;ten immer mehr zur&#252;ckgingen und an Bedeutung verl&#246;ren.</p>
<p>Neben solcher Gelassenheit der Politiker steht die Skepsis von Juristen hinsichtlich der Position des BGH. Das Berliner Kammergericht, zu dem die Anklage gegen Gro&#223;mann und andere abverf&#252;gt worden war, setzte am 22. Juli 1991 sogar das Verfahren aus und rief das Bundesverfassungsgericht an. Es stellte dazu auch den gravierenden Mangel des Einigungsvertrages fest, »dass die gegen die Bundesrepublik Deutschland ausge&#252;bten nachrichtendienstlichen T&#228;tigkeiten strafbar bleiben; die Angeh&#246;rigen und Agenten der Aufkl&#228;rungsdienste der Bundesrepublik Deutschland sind dagegen straflos«. Dies sei eine Ungleichbehandlung, denn: »Die Bewertung, ob eine Spionaget&#228;tigkeit ›offensiv‹ oder ›defensiv‹ ausge&#252;bt worden ist, l&#228;&#223;t sich rechtlich nicht fassen.« Das Kammergericht stellt die T&#228;tigkeit beider Spionageapparate ausdr&#252;cklich gleich und differenziert zudem zwischen der DDR-Spionage und dem Stasi-Unterdr&#252;ckungsapparat: »Dass die Angeschuldigten als Angeh&#246;rige des MfS in Bereiche eingebunden gewesen w&#228;ren, in denen es zu Menschenrechtsverletzungen oder zu &#228;hnlich schwerwiegenden strafbaren Handlungen gekommen ist, oder dass sie durch die Weiterleitung von Erkenntnissen an den Inlandsapparat des MfS dessen Unterdr&#252;ckungsma&#223;nahmen strafrechtlich zu verantworten h&#228;tten, haben die Ermittlungen nicht ergeben.«</p>
<p>Mit dem Zitieren dieser Feststellung soll keineswegs das zur&#252;ckgenommen werden, was hier bereits &#252;ber die Verquickung von Aufkl&#228;rung und Abwehr, ihr gegenseitiges Geben und Nehmen ausgef&#252;hrt worden ist. Hier kam es zu einer Kooperation, die gewiss noch weiterer Ermittlungen bedarf und bei der nicht ausgeschlossen werden kann, dass – zu denken ist zum Beispiel an Briefkontrolle oder Telefon&#252;berwachung – auch strafbare Handlungen vorliegen. Insgesamt jedoch zeigt sich, dass gerade die Verletzung von Menschenrechten zwar einer starken moralischen &#196;chtung unterliegt, strafrechtlich aber kaum aufzuarbeiten ist. So unbefriedigend das sein mag: In dieser Hinsicht ist der Rechtsstaat unge&#252;bt und unsicher; nicht immer erfahren die Opfer die von ihnen erwartete Genugtuung.</p>
<p>Das belegten die ersten Prozesse gegen fr&#252;here DDR-Gr&#246;&#223;en, das kommt aber auch in hilflosen &#196;u&#223;erungen von Justizminister Kinkel oder des Generalbundesanwalts zum Ausdruck. Auf die Frage, wie die Bespitzelung des Volkes durch die Stasi geahndet werden k&#246;nne, sagte Alexander von Stahl: »Das ist strafrechtlich nur sehr schwer zu fassen.« Konkret fiel ihm nur der Tatbestand der »politischen Verd&#228;chtigung« ein. Und es ist Tatsache, dass die Chefs der Abwehr – Mielkes Stellvertreter Mittig und Schwanitz oder der Leiter der »Untergrundt&#228;tigkeit« bek&#228;mpfenden Hauptabteilung XX, Generalmajor Kienberg, sowie viele andere – bisher juristisch nicht belangt wurden. Kinkel, der es als ehemaliger Chef des Bundesnachrichtendienstes wissen muss, stellt resignierend fest: »Jeder Nachrichtendienst zahlt und arbeitet irgendwie mit Erpressungsmethoden.« Und Markus Wolfs Verteidiger verweist sogar darauf, dass mit den ehemals nationalsozialistischen Offizieren Reinhard Gehlen und Gerhard Wessel jahrelang Leute bundesdeutschen Geheimdiensten vorstanden, die bis 1945 in »ein Unrechtsregime eingebunden waren«.</p>
<p>Diese grunds&#228;tzliche Expertise zur Spionaget&#228;tigkeit vervollst&#228;ndigt das Berliner Kammergericht mit einer ebenfalls von der Sicht der Karlsruher Bundesrichter abweichenden Interpretation der Haager Landkriegsordnung. Hatten diese den entsprechenden Artikel als »eine kriegsrechtliche Sondernorm« bezeichnet, aus der eine Anwendung in Friedenszeiten nicht abzuleiten sei, so erkennt jenes darin einen &#252;bergeordneten Gedanken, der generell dann greift, wenn »sich der Spion ohne sein Zutun in einem anderen Hoheitsverh&#228;ltnis wiederfindet, auf dessen Entwicklung er keinen Einfluss gehabt hat, und nunmehr dem Zugriff des anderen Staates ausgesetzt ist«.</p>
<p>Schlie&#223;lich argumentiert das Berliner Kammergericht auch mit dem R&#252;ckwirkungsverbot. Demnach kann eine Tat nicht r&#252;ckwirkend verfolgt werden, wenn sie zum Zeitpunkt ihrer Begehung. nicht unter Strafe gestellt war. Formalrechtlich ist dies zwar der Fall gewesen, aber das Gericht sieht eine sogenannte unechte R&#252;ckwirkung. Sie liege dann vor, »wenn ein Gesetz auf gegenw&#228;rtige, noch nicht abgeschlossene Rechtsbeziehungen f&#252;r die Zukunft einwirkt und damit zugleich betroffene Rechtspositionen nachtr&#228;glich &#228;ndert«. Da die DDR-Aufkl&#228;rer mit den eingetretenen Wandlungen nicht rechnen konnten, erg&#228;ben sich durch ihre Bestrafung verfassungsrechtliche Probleme.</p>
<p>Inzwischen hat sich die hessische Staatsanwaltschaft derartigen Bedenken angeschlossen. Eine Anklageerhebung gegen f&#252;nfzehn ehemalige Spione der HVA wurde ausgesetzt, um das Urteil der Karlsruher Verfassungsrichter abzuwarten.</p>
<p>Als einer der pragmatischen Gr&#252;nde f&#252;r die Verfolgung der ehemaligen HVA-Mitarbeiter gilt die Erwartung, dass sie unter dem Druck der Strafandrohung zur Aussage &#252;ber ihre fr&#252;here T&#228;tigkeit bereit seien und vor allem die untergetauchten Quellen im Operationsgebiet offenbaren k&#246;nnten. F&#252;r Alexander von Stahl z&#228;hlt nur die Frage: »Kriegen wir die Leute, die hier gearbeitet haben und potentiell wieder f&#252;r andere arbeiten k&#246;nnen?« Es erweist sich jedoch, dass er auf diese Weise seinem Ziel nicht n&#228;her kommt. Selbst das Berliner Kammergericht hielt ihm vor: »Ein derartiges Aufkl&#228;rungsinteresse ist zwar berechtigt; die Durchf&#252;hrung eines Strafverfahrens ist aber nicht geeignet, dieses Interesse durchzusetzen. Denn der Beschuldigte braucht sich nicht zu &#228;u&#223;ern (&#8230;). Von diesem Recht, die Angaben zur Sache zu verweigern, haben die Angeschuldigten weitgehend Gebrauch gemacht. Sie waren insbesondere nicht bereit, Namen und Erkenntnisse zu offenbaren, an denen die Strafverfolgungsbeh&#246;rden gerade interessiert sind.«</p>
<p>Die mangelnde Bereitschaft zu einer f&#252;r beide Seiten bindenden Vereinbarung veranla&#223;t viele F&#252;hrungsoffiziere, gegen die selbst ermittelt wird, zu einer solchen Verweigerungshaltung. Und auch jene, die lediglich als Zeugen verh&#246;rt werden, sind angesichts der bereits ausgesprochenen drakonischen Strafen gegen ihre fr&#252;heren Informanten kaum bereit, zu einer solchen Art von »Rachejustiz« ihre Hand zu leihen. Sie k&#246;nnen in &#252;berlangen Haftstrafen keinen Sinn sehen, droht doch bei den T&#228;tern weder der R&#252;ckfall noch ist Abschreckung auf andere vonn&#246;ten. Die Sozialisierungsfunktion der Strafe wird dabei v&#246;llig missachtet.</p>
<p>Ungeachtet dessen gehen die Ermittlungen und die Einleitung von Strafverfahren gegen fr&#252;here Spione und ihre Hinterm&#228;nner in der HVA weiter. Mit Stand von Ende November 1991 waren 1691 Ermittlungsverfahren wegen Spionage eingeleitet, von denen jedoch die meisten nur sehr schleppend vorankommen. Lediglich in 89 F&#228;llen konnte bisher Haftbefehl erlassen werden: nur vereinzelt ist Anklage erhoben oder gar die gerichtliche Hauptverhandlung er&#246;ffnet; wenige Verfahren sind abgeschlossen – und auch da ist vor dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts das letzte Wort noch nicht gesprochen. Der Generalbundesanwalt will aber noch mehr. Er k&#252;ndigte insgesamt etwa 5000 Ermittlungsverfahren an und sprach von 400 weiteren Spionen, deren er noch habhaft werden will.</p>
<p>Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit zeigt das Dilemma, in das die Rechtsprechung durch die Vers&#228;umnisse der Verhandlungspartner des Einigungsvertrages, aber auch durch die starre Uneinsichtigkeit sowohl der fr&#252;heren HVA-F&#252;hrung als auch ideologisch und populistisch denkender politischer Kr&#228;fte der Bundesrepublik geraten ist. Anfang 1991 schien dies auch dem Bundesgerichtshof noch bewusst, als er empfahl, im vorliegenden Fall des Beitritts eines Staates bei v&#246;lliger Aufgabe der staatlichen Souver&#228;nit&#228;t den nach seiner Auffassung legitimen Strafanspruch des &#252;bernehmenden Staates nicht in allen F&#228;llen durchzusetzen. »Das ist aber«, so res&#252;mierte er, »eine politische Entscheidung, die die Gesetzgebungsorgane zu treffen haben«.. Die Entwicklung nahm eine andere Richtung, und es bleibt abzuwarten, ob eine f&#252;r alle Seiten befriedigende L&#246;sung noch gefunden werden kann.</p>
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		<title>Vor 20 Jahren – Der Zusammenbruch des DDR-Spionageapparates</title>
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		<pubDate>Fri, 13 Nov 2009 18:03:00 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Heute vor 20 Jahren hat Erich Mielke in der DDR-Volkskammer eine Rede gehalten, mit der er das Organ, das er 32 Jahre f&#252;hrte, der L&#228;cherlichkeit preisgab. Es war dies der gleiche Erich Mielke, der in seiner Amtszeit aus dem Ministerium f&#252;r Staatssicherheit einen schlagkr&#228;ftigen Apparat gemacht hatte, von dem man kaum erwarten konnte, dass er binnen weniger Wochen total zusammenbricht. Noch heute r&#228;tseln viele<span id="more-1353"></span>, warum die Stasi, die jahrzehntelang in der DDR Furcht und Schrecken verbreitet hatte, fast ohne jede Gegenwehr von der Bildfl&#228;che verschwand – und das, obwohl sie unter den zu erwartenden neuen Verh&#228;ltnissen mit Nachsicht nicht rechnen konnte. »Dass die ersch&#246;pften Fu&#223;truppen des Systems von der totalen Sinnlosigkeit staatlicher Gewaltma&#223;nahmen durchdrungen waren«, wie die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung k&#252;rzlich schrieb, geh&#246;rt gewiss zu den Gr&#252;nden des &#252;berraschenden Verhaltens der »bewaffneten Organe der DDR«, erkl&#228;rt es aber kaum hinreichend. Viel wahrscheinlicher ist schon, dass auch viele Stasileute – wie Polizei, Armee, Kampfgruppen usw. – das Vertrauen in ihre F&#252;hrung verloren hatten und – weniger offen als insgeheim – mit den Demonstranten auf den Stra&#223;en sympathisierten.</p>
<p>Einen gewiss begrenzten Einblick in die Entwicklungen vor 20 Jahren gibt folgender Text, der 1992 in der Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report« erschien. Zwar ist heute das damalige Geschehen gr&#252;ndlicher erforscht; dennoch kann diese alte Darstellung neben ihrem dokumentarischen Teil einiges zur seinerzeitigen Atmosph&#228;re am Ende einer Epoche aussagen.</p>
<h3>Der Zusammenbruch des DDR-Spionageapparates</h3>
<p>An zwei Tagen des Jahres herrschte im Ministeri<img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/736b3518dbec4068a144013b772ddefc" alt="" width="1" height="1" /><img class="alignright size-medium wp-image-1355" title="Titel287" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2009/11/Titel2871-199x300.GIF" alt="Titel287" width="199" height="300" />um f&#252;r Staatssicherheit eine besondere Gesch&#228;ftigkeit – um den 7. Oktober, den Tag der DDR-Gr&#252;ndung, und den 8. Februar, den Jahrestag der Bildung des MfS. Aus diesen Anl&#228;ssen fanden in allen Abteilungen und Arbeitsgruppen Dienstversammlungen statt, bei denen Orden, Medaillen und andere Auszeichnungen verliehen wurden. Wie vieles im Ministerium verlief auch dieser Tag nach Ritual. Die Anzugsordnung war exakt vorgeschrieben: Gedeckter Anzug mit Parteiabzeichen und kleiner Ordensspange. Die Damen hatten etwas mehr Freiheit. Ein Beauftragter des Abteilungsleiters hielt eine Rede, f&#252;r die es eine Reihe von Sprachregelungen gab, so dass sich die meisten das Manuskript des Vorjahres heraussuchen lie&#223;en und meist nicht viel mehr als Daten und konkrete Bez&#252;ge &#228;nderten. Der Abteilungsleiter &#252;berreichte die Ehrungen, der Parteisekret&#228;r gratulierte, und danach wurde gefeiert. So lief das Jahr f&#252;r Jahr ab – auch im Oktober 1989.</p>
<p>Zu diesem Zeitpunkt waren auch schon die Vorbereitungen auf den 8. Februar 1990 in vollem Gange. Immerhin war das der 40. Gr&#252;ndungstag des MfS und sollte geb&#252;hrend begangen werden. Die Diensteinheiten hatten bereits ihre Auszeichnungskandidaten gemeldet, Kommissionen bereiteten die Feierlichkeiten vor. Es schien undenkbar, dass an jenem Tag nicht gefeiert w&#252;rde! Und doch kam es so. Das Ministerium f&#252;r Staatssicherheit &#8211; in vier Jahrzehnten entstanden und zu einem Machtfaktor ersten Ranges geworden, brach in weniger als vier Monaten zusammen. Geschichte im Zeitraffer.</p>
<p>Um den 7. Oktober 1989 waren »Schild und Schwert der Partei« noch kampfbereit. Die Demonstranten der Montage wurden mit brutalen Mitteln auseinandergetrieben. Zu den dabei agierenden »Sicherheitskr&#228;ften« geh&#246;rten auch Mitarbeiter der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung, das Spionageapparates der DDR – denn damals wurde alles mobilisiert, um den 40. Jahrestag der Gr&#252;ndung der DDR st&#246;rungsfrei ablaufen zu lassen. Generalleutnant Wolfgang Schwanitz, viele Jahre Leiter der MfS-Bezirksverwaltung Berlin, danach als stellvertretender Minister f&#252;r den Bereich »Operativ-technische Sicherstellung« (OTS) zust&#228;ndig und von manchem als denkbarer Nachfolger des greisen Erich Mielke gehandelt, &#252;bernahm die Leitung des Einsatzes zur Absicherung der Jubelfeiern zum 7. Oktober.</p>
<p>Angesichts der in der Bev&#246;lkerung seit Monaten grassierenden Unruhe und der gewachsenen Konfliktbereitschaft von immer mehr Menschen sah er nur eine M&#246;glichkeit, wenigstens f&#252;r diese Tage eine gewisse »Beruhigung« zu schaffen – die Isolierung der Unzufriedenen und die Abschreckung vor weiteren demonstrativen Handlungen. Darauf beruhte die Orientierung, alle Demonstranten »zuzuf&#252;hren« und dabei nicht zimperlich vorzugehen. Ob es nun stimmt, dass Erich Mielke – wie verschiedentlich behauptet – am 7. Oktober kurzzeitig den Einsatz inspizierte und dabei zu noch mehr H&#228;rte aufrief, ist unerheblich; auf jeden Fall gingen seine internen Weisungen genau in diese Richtung und wurden ausgef&#252;hrt.</p>
<p>Die Mitarbeiter der HVA, aber auch viele MfS-Angeh&#246;rige aus der Verwaltung und andere administrativen Bereichen, wurden erstmals in dieser Weise mit der Bev&#246;lkerung konfrontiert. Nicht wenige empfanden Unbehagen, verhielten sich passiv, soweit es ihnen m&#246;glich erschien, wichen auf Einsatzorte aus, die nicht im Zentrum des Geschehens lagen. Dies verst&#228;rkte sich noch, als aus Berichten der westlichen Medien der Umfang und die Unerbittlichkeit der Aktionen gegen friedliche Demonstranten bekannt wurden. In der HVA gingen zu diesem Zeitpunkt bereits emp&#246;rte Berichte von inoffiziellen Mitarbeitern ein, die aus eigenem Anschauen oder durch ihre Kinder Kenntnis vom Geschehen auf den Berliner Stra&#223;en erhalten hatten und ihre Ablehnung zum Ausdruck brachten.</p>
<p>Dies beschleunigte auch im MfS, das bis dahin im Prinzip wie ein Mann zur »Partei-und Staatsf&#252;hrung« gestanden hatte, ein Differenzierungsprozess. F&#252;r viele »an der unsichtbaren Front« wurde erkennbar, dass die betriebene Politik letztlich nur scheitern konnte. Erstmals standen sie vor der Frage, ob sie sich mit in den Untergang rei&#223;en lassen wollten oder die Kraft finden w&#252;rden, auf Ver&#228;nderungen hinzuarbeiten. Die meisten waren angesichts dieser Alternative wie gel&#228;hmt – weder f&#228;hig zu echtem Widerstand noch bereit, das zerbrechende Regime zu retten.</p>
<p>Die Ereignisse der folgenden Tage – Absetzung Honeckers, Mittags und Herrmanns, Versuche der SED, mit halbherzigen Ma&#223;nahmen wieder in die Offensive zu kommen – f&#246;rderten diese Passivit&#228;t. Die meisten warteten ab, wie sich die Dinge entwickeln w&#252;rden. Dies zeigte sich sowohl in der dienstlichen Leitung, die in totaler Sprachlosigkeit verharrte, als auch in der SED-Parteiorganisation, die im milit&#228;rischen Organ MfS der einzige Ort f&#252;r eine gewisse Selbst&#228;ndigkeit h&#228;tte sein k&#246;nnen. Letztere jedoch hatte sich durch ihre strenge Orientierung an den Auffassungen der dienstlichen Leitung, was zuletzt gar die Verurteilung ihres fr&#252;heren Chefs <a href="http://www.blogsgesang.de/2007/01/19/markus-wolf/" target="_blank">Markus Wolf </a>einschloss, restlos diskreditiert. Wolf hatte auch in seiner fr&#252;heren Wirkungsst&#228;tte aus seinem Buch »Die Troika« gelesen und &#252;ber Diskussionen dar&#252;ber berichtet. Der kritische Geist solcher Veranstaltungen missbehagte manchem, und als er dann auch noch in einem westlichen Fernsehsender das Verbot des Vertriebs der sowjetischen Zeitschrift »Sputnik« in der DDR kritisierte, war das Anlass zu offener Ma&#223;regelung. Der Parteisekret&#228;r der Aufkl&#228;rung, Generalmajor Otto Ledermann, hielt ihm vor, es k&#228;men Anrufe vom Zentralkomitee, der zentralen Parteikontrollkommission und vielen anderen, im Sekretariat der Kreisleitung m&#252;sse etwas gesagt werden, auch vor der Kreisleitung selbst. So berichtete Wolf sp&#228;ter selbst dar&#252;ber und verschwieg dabei nicht, dass er letztlich teilweise einlenkte. »Wenn es euch hilft«, so empfahl er Ledermann, »dann sagt einfach, ich w&#228;re der Meinung, dass die Frage zum ›Sputnik‹ besser nicht gestellt worden w&#228;re.«</p>
<p>Derselbe Ledermann klebte lange an seinem Sekret&#228;rsessel. Und als er ihn dann verlie&#223;, folgte er damit auch wieder nur einem Befehl von oben, der aber diesmal durch die Proteste von unten erzwungen wurde. Als sein Nachfolger war der schon lange f&#252;r diese Funktion Auserkorene, Generalmajor Tauchert vorgesehen, aber die HVA-Mitarbeiter lehnten diesen Vertreter der gescheiterten alten Linie sofort ab – und auch er selbst hatte schlie&#223;lich wenig Neigung, die undankbare Funktion zu &#252;bernehmen. Ein junger Oberstleutnant wurde zum Sekret&#228;r der SED-Organisation gew&#228;hlt. Gegen den verkn&#246;cherten Apparat jedoch kam er nicht an, zumal nicht einmal die Parteif&#252;hrung wusste, wie es weitergehen sollte. Das neue, f&#252;r Sicherheitsfragen zust&#228;ndige Politb&#252;romitglied Wolfgang Herger konnte bei seinem Antrittsbesuch Ende Oktober 1989 auch nur mit Achselzucken auf die vielen Fragen der Aufkl&#228;rer antworten. Die Lethargie des Apparates war vollst&#228;ndig.</p>
<p>Inzwischen aber handelte das Volk. Die Proteste gingen weiter, verst&#228;rkten sich. Forderungen an die F&#252;hrung wurden immer unmissverst&#228;ndlicher und dringender formuliert. Am 4. November versammelten sich in Berlin 500 000 oder mehr und zeigten, wer zum Souver&#228;n in der DDR geworden war. Die vier Wochen zuvor noch so aktiven »Sicherheitskr&#228;fte« erwiesen sich nun schon als machtlos. Sie verfolgten die Massendemonstration am Fernsehger&#228;t, denn der noch amtierende Minister f&#252;r Staatssicherheit hatte f&#252;r alle Mitarbeiter Anwesenheit in den Dienstr&#228;umen befohlen, verbunden mit »erh&#246;hter Einsatzbereitschaft«. Dabei wollten viele – zumindest aus heimlicher Sympathie – auf dem Alexanderplatz dabeisein.</p>
<p> Manche hatten damals noch die Hoffnung, es k&#246;nne zumindest f&#252;r die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung eine Zukunft geben. Immerhin geh&#246;rte ihr langj&#228;hriger Chef Markus Wolf zu den Rednern auf dem Alexanderplatz, war die Aufkl&#228;rung erstmals aus ihrer Konspiration getreten und hatte sich der &#214;ffentlichkeit gestellt. Am 17. November gab die Regierung Modrow dem Ministerium f&#252;r Staatssicherheit einen neuen Namen – Amt f&#252;r Nationale Sicherheit (AfNS) – und einen neuen Chef – eben jenen Wolfgang Schwanitz, der sich in den Oktobertagen einschl&#228;gig ausgezeichnet hatte. F&#252;r die Leitung des fortbestehenden Apparates und damit auch der HVA war das Grund, an eine nahtlose Fortsetzung der bisherigen Arbeit zu glauben. Das aber stand in scharfem Widerspruch zu den Erwartungen des Volkes, aber auch vieler Mitarbeiter und ihrer inoffiziellen Partner. Nicht zuletzt aus dem Operationsgebiet trafen auf verschiedenen Wegen dringende Anfragen ein, die Zweifel und Unverst&#228;ndnis ausdr&#252;ckten – und zugleich Forderungen nach radikaler Kurs&#228;nderung. So schrieb ein Kundschafter, er sei 1970 aus politischer &#220;berzeugung bereit gewesen, f&#252;r die HVA zu arbeiten. Er habe das Ideal einer anderen, besseren Gesellschaft und wollte daf&#252;r etwas tun. Die Unterst&#252;tzung der Politik der DDR sei f&#252;r ihn eine solche M&#246;glichkeit gewesen; jetzt aber f&#252;rchte er, einem riesigen Irrtum aufgesessen zu sein. Er wolle nicht, dass sein Ideal zerbricht. Er flehe darum, dass die HVA mit ihren Mitte!n etwas tut, damit die Alternative auf deutschem Boden nicht untergeht. Das war eine legitime Erwartung; zugleich aber wurden die M&#246;glichkeiten der HVA in tragischer Weise &#252;bersch&#228;tzt.</p>
<p>Viele Mitarbeiter aber f&#252;hlten sich davon angesprochen und formierten einen vorsichtigen Widerstand, der sich jedoch vor allem gegen Missst&#228;nde im eigenen Haus richtete. Mit ihrer Kritik an den seit langem missbilligten Privilegien der Leiter hatten sie sogar Erfolg. Die Sonderl&#228;den zur besseren Versorgung der »Nomenklatur-Kader« wurden schnell abgeschafft, die dienstlichen West-PKW (Volvo und Fiat) gegen Lada-Modelle ausgewechselt, die medizinische Sonderbetreuung aufgehoben. Pl&#246;tzlich a&#223;en alle MfS-Angeh&#246;rigen – ungeachtet des Dienstgrades – im gleichen Saal zu Mittag. &#220;ber diesen l&#228;cherlichen Erfolgen verschwand beinahe das Hauptanliegen, die &#196;nderung der Politik. Doch die ersten Erkl&#228;rungen ihres neuen Amtschefs wie auch der letzte Auftritt ihres fr&#252;heren Ministers holten sie schnell in die Wirklichkeit zur&#252;ck – und die lautete f&#252;r die MfS-F&#252;hrungsriege: Kleine Zugest&#228;ndnisse machen und damit das gro&#223;e Ganze retten!</p>
<p>W&#228;hrend Mielke am 13. November, in seiner ersten und letzten Rede vor der Volkskammer, vehement und zugleich grotesk seine Arbeit verteidigte, bei der »die Vertretung der Interessen der Werkt&#228;tigen stets oberster Auftrag« gewesen sei, tat Schwanitz so, als beginne er beim Punkte Null. Mielke habe ihm nur zwei leere Stahlschr&#228;nke hinterlassen. Zugleich aber strapazierte er die alten Schlagw&#246;rter von der unverzichtbaren staatlichen Sicherheit. Tats&#228;chlich neue Ideen waren nirgends zu entdecken.</p>
<p>Die Mitarbeiter der HVA reagierten mit einer Demonstration auf ihrem Dienstgel&#228;nde. Nach Feierabend, in der Dunkelheit, versammelten sich einige Mutige gegen den dringenden Rat der meisten ihrer Vorgesetzten und stellten die Frage, ob der neue Name nur die Beibehaltung der alten Inhalte kaschieren sollte. Denn in ihren Augen versuchte das AfNS, seine alten Machtpositionen zu erhalten; auch die Richtung seiner Arbeit – die Opposition, welche mittlerweile das gesamte Volk erfasste – blieb, von einigen kosmetischen Korrekturen abgesehen, unver&#228;ndert. Weder wurde offen und selbstkritisch zu den Gesetzesverletzungen der ferneren und j&#252;ngsten Vergangenheit Stellung genommen, noch fand &#252;berhaupt eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit des MfS statt. Mit Pauschalverweisen auf eine »falsche Sicherheitsdoktrin«, die das Politb&#252;ro und namentlich Mielke zu verantworten h&#228;tten, schien es manchem getan. Auch f&#252;r die »internen Demonstranten« gab es keine Antworten. Schwanitz versicherte lediglich, Tag und Nacht zu arbeiten. Als er ausgepfiffen wurde, zog er sich zur&#252;ck.</p>
<p>Seine wie auch die Arbeit vieler anderer Gener&#228;le lief offensichtlich darauf hinaus, die alten Strukturen m&#246;glichst unver&#228;ndert in die neue Zeit hin&#252;berzuretten. Auch in der HVA wurden derartige Pl&#228;ne geschmiedet. Und sie schienen sogar nicht chancenlos, akzeptierte doch die B&#252;rgerbewegung die Aufkl&#228;rung als besonderen Teil des MfS, der weitgehend in Ruhe gelassen wurde. Doch auch diese – objektiv wohl schon damals unrealistische – Chance wurde nicht genutzt.</p>
<p>Inzwischen waren die Mitarbeiter immer aufs&#228;ssiger geworden. Als Ende November der SED-Sonderparteitag n&#228;her r&#252;ckte und &#252;berall die Delegierten f&#252;r die Vorbereitungskonferenzen der verschiedenen Ebenen gew&#228;hlt wurden, geschah es erstmals, dass die Regie von oben nicht klappte. Statt sorgsam ausgesiebter Delegierter – wie in den Vorjahren – w&#228;hlten die Parteimitglieder weitgehend ihre eigenen Kandidaten. Das Abonnement der hohen Dienstgrade auf einen solchen »Ehrenplatz« war vorbei. Das galt auch f&#252;r den Parteitag. Hier konnte zwar Gro&#223;mann noch knapp &#252;ber die H&#252;rde kommen, aber sein Vorg&#228;nger Wolf bekam bedeutend mehr Stimmen als er. Doch Konzepte, wie es weitergehen sollte, waren noch immer nicht zu vernehmen. Selbst der »Hoffnungstr&#228;ger« aller Aufkl&#228;rer, Markus Wolf, hielt sich bedeckt. »Ich habe dem ZK meine Vorstellungen schriftlich vorgelegt«, beschied er Frager.</p>
<p>Tats&#228;chlich br&#252;teten zu jener Zeit Leiter der HVA intensiv &#252;ber ihre Zukunft. Dabei konnten sie sich aber von alten Doktrinen nicht befreien, und f&#252;r die neuen Herausforderungen wussten sie keine praktikablen Antworten. Sie dachten weiter in den alten, zementierten Bahnen der Vergangenheit. Die Ausgangs&#252;berlegung war: Ein Nachrichtendienst wird immer gebraucht. Er m&#252;sste von allem ideologischen Ballast befreit werden und sollte gewisserma&#223;en als professionelles Dienstleistungsunternehmen fungieren. Schon beim Dienstherr aber schieden sich die Geister. Die einen – sie glaubten damals noch an ein &#220;berleben der DDR – sahen deren Regierung in dieser Funktion; ihr wurde Interesse an internen Informationen aus dem Ausland a priori unterstellt. Andere aber ahnten die kommende Entwicklung und wollten aufs richtige Pferd setzen. Sie dachten vor allem an die erkleckliche Mitgift, die die HVA in Form von Personen und konspirativem Wissen in jede Ehe einbringen konnte und planten, die Positionen im Ausland dem Bundesnachrichtendienst &#252;bergeben; die Quellen im Westen Deutschlands sollten nat&#252;rlich stillgelegt und amnestiert werden. Einige wenige setzten diese Variante auf eigene Faust sofort selbst um.</p>
<p>Nicht ganz klar war bei beiden Modellen, gegen wen sich k&#252;nftig die Spionage richten sollte. Bei der zu erwartenden engen Zusammenarbeit mit der BRD war eine Fortf&#252;hrung ihrer Aussp&#228;hung, zumal in der bisherigen Gr&#246;&#223;enordnung, undenkbar. Sie w&#252;rde also eingestellt werden; an ihre Stelle sollte eine verst&#228;rkte Geheimdienst-T&#228;tigkeit in der dritten Welt und in den wichtigsten westlichen Staaten treten. Bei der Variante eines Zusammengehens mit dem BND waren auch diese Vorstellungen nur begrenzt realisierbar, denn der bundesdeutsche Nachrichtendienst brauchte vor allem Quellen im Osten. Die der HVA sa&#223;en jedoch ausschlie&#223;lich im Westen, allenfalls noch in Dritte-Welt-Staaten.</p>
<p>&#220;ber diesem Pl&#228;neschmieden ging die Entwicklung au&#223;erhalb der Normannenstra&#223;e st&#252;rmisch weiter. Am 3. Dezember wurde als erste MfS-Bezirksverwaltung die in Erfurt besetzt. In der Nacht auf den 4. Dezember begann auch in Leipzig – nach einer der ber&#252;hmten Montags-Demos – die Sicherung der dortigen Stasi-Unterlagen. Weitere Bezirksst&#228;dte folgten. Der zentrale Runde Tisch, der sich am 7. Dezember konstituierte, musste sich gleich in seiner ersten Sitzung mit dieser Entwicklung befassen. Er verlangte als erstes die Sicherung aller Unterlagen und forderte dazu die Abl&#246;sung der Objektbewachung, soweit sie noch in der Verantwortung des Wachregiments »Feliks Dzierzynski« lag, durch Kr&#228;fte des Ministeriums des Innern. Die zweite Forderung betraf die Aufl&#246;sung des Amtes f&#252;r Nationale Sicherheit unter ziviler Kontrolle. W&#228;hrend die Bewachung durch die Deutsche Volkspolizei unmittelbar einsetzte, folgte die Regierung Modrow dem Verlangen nach Aufl&#246;sung des Geheimdienstes am 14. Dezember nur z&#246;gernd. Denn zugleich wurde der Aufbau zweier neuer Dienste bekanntgegeben – eines Verfassungsschutzes und eines Auslandsnachrichtendienstes. Die Trennung der HVA vom Abwehrapparat, die auch im Herbst 1989 trotz zahlreicher entsprechender Vorschl&#228;ge der Aufkl&#228;rer nicht zustande gekommen war, sollten nun vollzogen werden.</p>
<p>Die Leitung der HVA und auch eine Reihe von Mitarbeitern sch&#246;pften neuen Mut. Als am 21. Dezember Ministerpr&#228;sident Modrow mit den Vertretern der Armee, des Innenministeriums und des in Aufl&#246;sung befindlichen AfNS das weitere Vorgehen beriet, forderte Gro&#223;mann f&#252;r den k&#252;nftigen Auslandsnachrichtendienst mit 4000 Mann kaum weniger, als er zu jenem Zeitpunkt offiziell umfasste. In der gesamten vorherigen Diskussion hatte sich niemand zu radikalen K&#252;rzungen des Personalbestandes durchringen k&#246;nnen. Noch aber hatte die HVA eine Gnadenfrist. Die Arbeitsgruppe Sicherheit des Runden Tisches sprach sich zwar am 27. Dezember gegen einen Verfassungsschutz aus, &#228;u&#223;erte aber zu dem geplanten Spionagedienst keine Meinung. F&#252;r die Sitzung des Runden Tisches am 15. Januar bereitete man ein Konzept vor, das das &#220;berleben der HVA faktisch sicherstellen sollte.</p>
<p>Wolf, Gro&#223;mann und andere f&#252;hrende Vertreter der Leitung hofften, dass die unsichere Haltung der B&#252;rgerrechtler, wie die Aufkl&#228;rung zu bewerten und zu behandeln sei, ihnen ein Comeback erm&#246;glichen w&#252;rde. Sie hatten ein leidliches Verh&#228;ltnis zu den Vertretern der B&#252;rgerbewegung hergestellt, das seitens letzterer gewiss aus dem Respekt vor den Aufkl&#228;rern im Operationsgebiet herr&#252;hrte, aber wohl auch aus der Unkenntnis &#252;ber die Verstrickung der HVA in den Gesamtorganisrnus des MfS. Je mehr dar&#252;ber bekannt wurde, desto kritischer wurde auch die Haltung der B&#252;rgerrechtler gegen&#252;ber dem Spionagebereich des Ministeriums. Und insofern war die Hoffnung auf ein Weiterbestehen von vornherein Illusion; sie basierte darauf, dass die eigenen S&#252;nden verschwiegen werden k&#246;nnten oder aber eine differenzierte Betrachtung des Gesamtph&#228;nomens Staatssicherheit Platz greift. Beides war kaum zu erwarten, das Ende der DDR-Aufkl&#228;rung somit vorprogrammiert.</p>
<p>Heute wird von ehemaligen Mitarbeitern der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung oft dar&#252;ber spekuliert, ob ein kl&#252;geres, die kommende Entwicklung weitsichtiger einbeziehendes Vorgehen den Zusammenbruch der DDR-Spionage h&#228;tte verhindern k&#246;nnen – ein angesichts der Gesamtentwicklung wohl m&#252;&#223;iges Unterfangen. Sinnvoller ist da schon die Frage, inwieweit mehr Offenheit, mehr Schonungslosigkeit gegen&#252;ber der eigenen Vergangenheit und weniger Taktieren im Umgang mit der B&#252;rgerbewegung und der Modrow-Regierung zwar nicht den ohnehin obsoleten Apparat h&#228;tte retten, aber vielleicht den Mitarbeitern der Aufkl&#228;rung einen besseren Abgang h&#228;tte verschaffen k&#246;nnen. Das Z&#246;gern und Zaudern, die nutzlose Suche nach einem Ausweg, der einem die radikale Selbstbefragung erspart – all das hat wohl nicht ganz zu Unrecht das ohnehin latent vorhandene Misstrauen gegen&#252;ber der HVA anwachsen lassen. Und auf der anderen Seite wurde vers&#228;umt, vorurteilsfrei auf die Aufkl&#228;rung zu blicken, sie differenziert mit ihren Verstrickungen in den MfS-Apparat , aber auch ihren Unterschieden von diesem zu betrachten. All das hat schlie&#223;lich den Zusammenbruch und eine chaotische Hinterlassenschaft des DDR-Spionageapparates bewirkt.</p>
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		<title>Kosovo und Spione, die aus der Hitze kommen</title>
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		<pubDate>Sun, 30 Nov 2008 16:15:22 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Bei Geheimdiensten ist zwar grunds&#228;tzlich alles m&#246;glich, aber dass sich brave deutsche BND-Beamte zu derart eigenm&#228;chtigen Aktionen entschlie&#223;en, die die Politik der eigenen Regierung erheblich konterkarieren, wie das aus Kosovo berichtet wurde &#8211; das erscheint denn doch sehr unwahrscheinlich. Und inzwischen gestehen selbst Regierung und Justiz in Pristina ein, dass belastbare Beweise gegen die drei [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Bei Geheimdiensten ist zwar grunds&#228;tzlich alles m&#246;glich, aber dass sich brave deutsche BND-Beamte zu derart eigenm&#228;chtigen Aktionen entschlie&#223;en, die die Politik der eigenen Regierung erheblich konterkarieren, wie das aus Kosovo berichtet wurde &#8211; das erscheint denn doch sehr unwahrscheinlich. <span id="more-609"></span>Und inzwischen <a href="http://www.faz.net/s/RubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3/Doc~E0B5703CE174F40BCBE09E5E89126A0BF~ATpl~Ecommon~Scontent.html" target="_blank">gestehen selbst Regierung und Justiz in Pristina </a>ein, dass belastbare Beweise gegen die drei deutschen Agenten wohl nicht vorliegen.</p>
<p>Aber macht das die Sache f&#252;r sie tats&#228;chlich besser? Die Emp&#246;rung deutscher Stellen und fast des gesamten politischen Lagers, Geheimdienst-Skeptiker eingeschlossen, &#252;ber das kosovarische Vorgehen gegen die drei bundesdeutschen Spione ist reichlich heuchlerisch, denn nat&#252;rlich hat jeder souver&#228;ne Staat &#8211; und als solcher wird Kosovo der Weltgemeinschaft gerade auch von Deutschland w&#228;rmstens zur Anerkennung anempfohlen &#8211; das gute Recht, Spionageaktivit&#228;ten auf dem eigenen Territorium zu verfolgen und die daran Beteiligten nach eigenem Gutd&#252;nken zu bestrafen. Das aber f&#252;hrt sehr schnell zu der Frage: <a href="http://www.spiegelfechter.com/wordpress/439/unser-mann-in-pristina" target="_blank">Was hat der BND eigentlich in Kosovo zu suchen</a>, noch dazu mit verdeckten Kr&#228;ften? Und die schnell gegebene Antwort, es gehe um den Schutz von 2200 dort stationierten Bundeswehrsoldaten, provoziert nat&#252;rlich sofort die gleiche Frage f&#252;r solches Engagement. Derartige Fragen jedoch sind unerw&#252;nscht und werden deshalb gar nicht erst gestellt &#8211; nat&#252;rlich nicht ohne Grund.</p>
<p>Denn der Vorgang erhellt in aller Deutlichkeit die Sackgasse, in die sich die deutsche Politik seit den 90er Jahren auf dem Balkan begeben hat. In dem Bestreben, den lebensf&#228;higen Bundesstaat Jugoslawien, der vielleicht als einziger einen sozialistischen Anspruch glaubw&#252;rdig vertreten hat, weshalb er gerade in der nichtpaktgebundenen Welt hohes Ansehen genoss, erst zu destabilisieren und dann zu zerschlagen, &#246;ffneten NATO und EU eine B&#252;chse der Pandora, aus der allerlei zwielichtige und daher f&#252;r das angestrebte Werk brauchbare Gestalten aufstiegen &#8211; und in deren Gefolge blutige Konflikte, Kriege, andauernde Unruheherde, lebensunf&#228;hige staatliche Gebilde. So ist ohne Zweifel zutreffend, was der BND vor einige Jahren &#252;ber <a href="http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2005-43/artikel-2005-43-rechtsstaat-lieber-nicht.html" target="_blank">Kosovos Ministerp&#228;sidenten Hashim Thaci </a>geschrieben hat, dass er n&#228;mlich »ein im gesamten Kosovo aktives kriminelles Netzwerk« kontrolliert; nichtsdestotrotz vertraute man diesen Vertreter der organisierten Kriminalit&#228;t den <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2008/1206/meinung/0018/index.html" target="_blank">k&#252;nstlich geschaffenen Staat Kosovo </a>an; einer der Erfinder solchen Schwachsinns , der finnische Ex-Pr&#228;sident Martti Ahtisaari, wurde daf&#252;r sogar mit dem Friedensnobelpreis belohnt.</p>
<p>Der Wahnsinn hatte jedoch Methode, denn es ging in erster Linie darum, Serbien, das Thaci zum Todfeind Kosovos erkl&#228;rt hatte, zu schw&#228;chen. Ist Serbien doch im Verst&#228;ndnis des Westens der eigentliche Nachfolgestaat Jugoslawiens, jener zumindest, der noch immer an sozialistischen Relikten festh&#228;lt &#8211; was ihn mindestens so verd&#228;chtig macht wie hierzulande die Linkspartei als Nachfolgerin der SED. Es sind also ideologische Gr&#252;nde, die zur Zerschlagung Jugoslawiens, der &#196;chtung Serbiens und &#8211; nach dem ber&#252;hmt-ber&#252;chtigen Prinzip »Teile und herrsche« &#8211; zu unbedeutenden Kleinstaaten f&#252;hrten, die man leicht unter Kontrolle zu halten glaubte. Dies jedoch erwies sich als Fehleinsch&#228;tzung &#8211; schon bei Bosnien-Herzegowina und Mazedonien, nun auch bei Kosovo. Denn die hochgep&#228;ppelte korrupte und gar kriminelle Clique, die man so an die Macht brachte und dort &#8211; oft gegen den Willen der betroffenen Menschen &#8211; h&#228;lt, denkt gar nicht daran, sich den W&#252;nschen ihrer einstigen Mentoren zu unterwerfen. Sie spielen ihr eigenes Spiel, und daher braucht es &#8211; neben eigenn&#252;tzigen Interessen einer solchen Besatzung &#8211; ausl&#228;ndischer Truppenpr&#228;senz und auch geheimdienstlicher &#220;berwachung der ungeratenen Kinder, damit das von ihnen entfachte Feuer rechtzeitig erkannt und vielleicht noch ausgeschlagen werden kann. Nicht aus der K&#228;lte kehrten die jetzt frei gelassenen BND-Spione nach Deutschland zur&#252;ck, sondern eher aus einer Hitze, die die eigene Regierung selbst gesch&#252;rt hatte.</p>
<p>Es wird nicht der letzte Brandherd auf dem Balkan gewesen sein, denn die dortigen Urheber bleiben nat&#252;rlich an der Macht, und NATO wie EU halten ihnen weiter die Stange. Sie haben auch kaum eine andere Wahl, wollen sie nicht den Zusammenbruch ihrer gesamten Strategie riskieren. Thaci jedenfalls hat den Kampfanzug, in dem er fr&#252;her stets zu sehen war, l&#228;ngst gegen den Nadelstreifenanzug getauscht. Auch diesbez&#252;glich mag er nach dem Motto handeln: Wie der Herr, so&#8217;s Gescherr!</p>
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		<title>Sehnsucht nach dem Kalten Krieg</title>
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		<pubDate>Sat, 26 Apr 2008 20:20:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Beim krampfhaften Bem&#252;hen, den j&#252;ngsten BND-Skandal m&#246;glichst weit entfernt von der Berliner Regierungszentrale, die doch gleichwohl f&#252;r die Anleitung und Kontrolle des Auslandsgeheimdienstes zust&#228;ndig ist, zu halten, ist dem SPD-Vorsitzenden des – auch durch sein Wirken – zahnlosen Parlamentarischen Kontrollgremiums (PKG) j&#252;ngst eine aufschlussreiche Bemerkung entschl&#252;pft. Er warb f&#252;r Geduld mit einem BND, »der aus [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><font size="2" face="Arial">Beim krampfhaften Bem&#252;hen, den <a target="_blank" href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,549533,00.html">j&#252;ngsten BND-Skandal </a>m&#246;glichst weit entfernt von der Berliner Regierungszentrale, die doch gleichwohl f&#252;r die Anleitung und Kontrolle des Auslandsgeheimdienstes zust&#228;ndig ist, zu halten, ist dem SPD-Vorsitzenden des – auch durch sein Wirken – zahnlosen Parlamentarischen Kontrollgremiums (PKG) j&#252;ngst eine aufschlussreiche Bemerkung entschl&#252;pft. <span id="more-358"></span>Er warb f&#252;r <a target="_blank" href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2008/0424/politik/0038/index.html">Geduld mit einem BND</a>, »der aus dem Kalten Krieg kommt« und sich in der multipolaren Welt erst orientieren m&#252;sse.l</p>
<p>Abgesehen davon, dass die »multipolare Welt« inzwischen schon fast 20 Jahre besteht und man zu einem Geheimdienst, dem es in dieser langen Zeit nicht gelang, sich auf die neuen Verh&#228;ltnisse einzustellen, nur wenig Vertrauen haben kann, da eigentlich das schnelle Einstellen auf neue Situationen eine der tragenden Aufgaben von Geheimdiensten ist. Abgesehen davon, dass Oppermann damit einr&#228;umt, dass fr&#252;her, im »Kalten Krieg«, die Anwendung rechtsstaatswidriger Methoden zum offensichtlich &#252;blichen Vorgehen des BND geh&#246;rte – und zwar so intensiv, dass er auch nach Jahrzehnten davon nicht lassen kann. Abgesehen also von diesen Merkw&#252;rdigkeiten muss man ansonsten den BND in dieser Sache jedoch freisprechen. Denn die Orientierung in einer »multipolaren Welt« gelingt nicht nur dem BND nicht; vor allem ist die Bundesregierung noch lange nicht in ihr angekommen. Sie ist es, die noch in den Kategorien des Kalten Krieges denkt und gar nicht so selten au&#223;enpolitische Ma&#223;nahmen danach ausrichtet.</p>
<p>So werden zum Beispiel Russland oder China, einst ideologische Gegner mit betr&#228;chtlichem milit&#228;rischem Drohpotential, teilweise noch immer als solche wahrgenommen und im Stile alter Kalter-Kriegs-Propaganda attackiert – ungeachtet dessen, dass sie sowohl ideologisch mit den fr&#252;heren kommunistischen M&#228;chten gar nicht oder kaum noch vergleichbar sind als auch milit&#228;risch l&#228;ngst keine Bedrohung mehr darstellen und auch nicht darstellen wollen. Daf&#252;r wurden sie zu stinknormalen Konkurrenten des Westens auf wirtschaftlichem Gebiet, wetteifern sie recht erfolgreich mit ihm um M&#228;rkte und Rohstoffe. Die Verunsicherung der USA und der EU &#252;ber diesen Paradigmenwechsel l&#228;sst bei ihnen jene seltsame Sehnsucht nach dem Kalten Krieg aufkommen, die wir in j&#252;ngster Zeit verst&#228;rkt beobachten konnten. Ach, wie war doch die Welt damals noch verstehbar; man musste wenig Intelligenz aufbringen, um Freund und Feind zu unterscheiden.</p>
<p>Gleiches gilt &#252;brigens f&#252;r den Umgang mit L&#228;ndern der Drittten Welt, vor allem dann, wenn man sie abh&#228;ngig von der eigenen Gnade w&#228;hnt. Zum Beispiel Afghanistan, wo deutsche Soldaten angeblich stehen, um dem Land Frieden und Demokratie zu bringen. Tats&#228;chlich jedoch verfolgt auch die Bundesregierung am Hindukusch ganz eigenn&#252;tzige Ziele, wobei jene des Anti-Terror-Kampfes keineswegs die wichtigsten sind. Es geht um Macht und Einfluss in einer Region, der man f&#252;r die Zukunft strategische Bedeutung beimisst. Und da geh&#246;rt es zum Gesch&#228;ft, auch eine angeblich befreundete Regierung zu bespitzeln. Das Misstrauen aus den Zeiten des Kalten Krieges ist von der Bundesregierung konserviert worden; muss man sich da wundern, dass ihr Geheimdienst nichts dabei findet, mit den damaligen Methoden auch heute noch vorzugehen? Auf diese Zusammenh&#228;nge – gewiss ungewollt – hingewiesen zu haben, daf&#252;r geb&#252;hrt Thomas Oppermann, dem obersten Geheimdienst-Verteidiger der Sozialdemokraten, unser aller Lob.</p>
<p></font></p>
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