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	<title>blogsgesang.de &#187; Bohley</title>
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	<description>Blog zu Politik, Zeitgeschichte, Kultur und Welt-Anschauung von Peter Richter (pri) und Rudolf Hempel (rhe)</description>
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		<title>Das Volk von Stuttgart</title>
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		<pubDate>Sun, 03 Oct 2010 20:22:37 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Es ist vielleicht mehr als die Ironie der Geschichte, dass punktgenau zum 20. Jubil&#228;um der deutschen Einheit und der damit verbundenen Erinnerung an eine friedliche Revolution unter dem Motto »Keine Gewalt!« in eben diesem Deutschland, in Stuttgart, das genaue Gegenteil zu beobachten ist – und das auch noch als Ausdruck, sogar als Grundlage von Demokratie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es ist vielleicht mehr als die Ironie der Geschichte, dass punktgenau zum 20. Jubil&#228;um der deutschen Einheit und der damit verbundenen Erinnerung an eine friedliche Revolution unter dem Motto »Keine Gewalt!« in eben diesem Deutschland, in Stuttgart, das genaue Gegenteil zu beobachten ist <span id="more-1966"></span>– und das auch noch als Ausdruck, sogar als Grundlage von Demokratie verteidigt wird. Schon skandieren die Demonstranten in Stuttgart »Wir sind das Volk!« und »Keine Gewalt!« und der gewaltige Aufmarsch vom vergangenen Freitag erinnerte auch optisch stark den Demonstrationszug in Leipzig am 9.Oktober 1989. Es war &#252;brigens jene Demonstration, bei der die DDR-F&#252;hrung, die zwei Tage zuvor in Berlin die Demonstranten noch hatte zusammenkn&#252;ppeln lassen, widerstrebend auf Gewalt verzichtete – und damit ganz wesentlich den Weg daf&#252;r frei machte, dass sich der Wille des Volkes am Ende durchsetzen konnte. Denn <a href="http://www.tagesspiegel.de/meinung/arroganz-der-macht/1947958.html" target="_blank"><img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/6e0d15fc53444e8e9d66f3185bb927ba" alt="" width="1" height="1" />zur friedlichen L&#246;sung von Konflikten geh&#246;ren immer zwei</a>, die auf Gewalt verzichten. Stuttgart, genauer die baden-w&#252;rttembergische Landesregierung und die Deutsche Bahn sind noch weit davon entfernt, ihren Beitrag dazu zu leisten.</p>
<p>Ein Zufall ist das nicht, sondern die logische Konsequenz einer politischen Entwicklung, die mit den hehren und gerade jetzt so wortreich beschworenen Prinzipien der Demokratie nichts zu tun hat. Gerade heute hat der Bahnchef R&#252;diger Grube den Demonstranten jedes <a href="http://www.bild.de/BILD/politik/2010/10/03/stuttgart-21/hg/gegenueberstellung.html" target="_blank">Widerstandsrecht gegen ein Wirtschaftsprojekt, hier den Bahnhofsbau, abgesprochen </a>und angek&#252;ndigt, es ungebremst durchzusetzen. Er beruft sich dabei auf den Parlamentsbeschl&#252;sse, blendet aber nat&#252;rlich aus, wie solche Beschl&#252;sse schon seit vielen Jahren zustande kommen. N&#228;mlich ohne Beteiligung der B&#252;rger, ohne Mitsprache des Volkes, in Hinterzimmern und Kungelrunden. Lobbyisten, nicht das Volk gehen bei den Abgeordneten ein und aus und diktieren ihre W&#252;nsche in die Gesetze, formulieren sie inzwischen sogar selbst, wie bereits mehrfach bewiesen und auch zugegeben wurde. Und die Politik l&#228;sst das geschehen, stellt sich auf die Seite der Wirtschaft und nicht auf die des Volkes, das sie zu vertreten vorgibt. Sogar die <a href="http://www.rp-online.de/public/kompakt/panorama/913859/Mafia-offenbar-auf-dem-Vormarsch.html" target="_blank">Kumpanei mit der Mafia </a>scheut sie nicht, wie die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung« aufdeckte – und auf die engen Kontakte des fr&#252;heren baden-w&#252;rttembergischen Ministerpr&#228;sidenten Oettinger in diese Kreise hinwies. Nicht die Politik bestimmt inzwischen, was im Land geschieht, sondern die Wirtschaft; der <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/1001/meinung/0032/index.html" target="_blank">Umgang mit der Finanzkrise</a>, die mehrere Staaten Europas an den Rand ihres finanziellen Zusammenbruchs brachte, beweist das eindeutig. Und auch Grube hat heute klar gemacht, worum es hierzulande einzig geht, um die Projekte der Wirtschaft, gegen die er den Einspruch des Volkes nicht gelten l&#228;sst: »Sonst wird bei uns keine Br&#252;cke, keine Autobahn und kein Windkraftpark mehr gebaut.«</p>
<p>Die B&#252;rger haben diese Entwicklung l&#228;ngst erkannt und reagieren darauf seit Jahren mit Wahlabstinenz. Sie wissen, dass sich durch Wahlen nichts wirklich &#228;ndert, dass nur Personen ausgetauscht werden, die die Weisungen der Wirtschaft nun ihrerseits umsetzen. Wahlversprechen werden schon kurz nach den Wahltag gebrochen – und Politiker, wie Franz M&#252;ntefering, verteidigen das auch noch vehement. Andere nehmen den Mund nicht so voll, tun aber das Gleiche. Und manche, denen das dann doch irgendwie zu erniedrigend ist, <a href="http://www.blogsgesang.de/2010/07/25/merkel-managt-den-bedeutungsschwund-der-politik/" target="_blank">verlassen die Politik </a>und heuern ganz bei der Wirtschaft an, um nicht zu den Kellnern, sondern zu den K&#246;chen zu geh&#246;ren.</p>
<p>Es ist ermutigend, dass die Menschen in Stuttgart sich diesen Mechanismen nicht mehr unterwerfen wollen und dagegen aufbegehren. Hier trifft sich ihre Motivation mit jener der Demonstranten in der DDR vor mehr als 20 Jahren – wenn auch unter ganz anderen gesellschaftlichen Verh&#228;ltnissen. Schon damals erkannten weitsichtige B&#252;rgerrechtler wie die k&#252;rzlich verstorbene B&#228;rbel Bohley, man habe um Gerechtigkeit gek&#228;mpft, aber den Rechtsstaat erhalten. Beides ist eben nicht das Gleiche, wie jetzt an den Stuttgarter Vorg&#228;ngen zu studieren ist. Sie zeigen zugleich, wie weit bundesrepublikanische Politik heute von ihren Verfassungsprinzipien entfernt ist, dass sie auf B&#252;rgerprotest nur jene Antwort hat, die auch die Herrschenden in der DDR zun&#228;chst zu geben beabsichtigten – die die Gewalt. Mielke h&#228;tte 1989 gewiss gern geschossen, und wenn man das Handeln wie die Rechtfertigungen von Baden-W&#252;rttembergs Ministerpr&#228;sidenten Mappus h&#246;rt, erkennt man in ihm den Mielke-Typ. Man will – mit aller Gewalt – durchsetzen, was der Wirtschaft n&#252;tzt, ungeachtet das Schadens, den das f&#252;r Umwelt, Lebensqualit&#228;t, Daseinsf&#252;rsorge hat. Kosten spielen keine Rolle, denn das Geld, das in die Taschen der Unternehmen flie&#223;t, kann man sich beim B&#252;rger mit dem verlogenen Argument notwendigen Sparens wiederholen.</p>
<p>Es ist ungewiss, wie der Konflikt in Stuttgart ausgeht. Unterliegt in ihm das Volk, ist dies auch ein weiterer Verlust an Demokratie, denn dann wird das «Durchregieren« mit immer neuen Ma&#223;nahmen fortgesetzt, versch&#228;rft – und zugleich der Widerstand dagegen mit allen Mitteln gebrochen. Die Wasserwerfer, Gummikn&#252;ppel und Pfeffersprays von Stuttgart waren dann erst der Anfang.</p>
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		<title>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR – kurze Geschichte eines Spionagedienstes (Teil V)</title>
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		<pubDate>Wed, 08 Sep 2010 10:17:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Dieser Tage werden Pl&#228;ne von Bundesinnenminister Thomas de Maizière bekannt, die Arbeit der bundesdeutschen Geheimdienste und der Polizei besser zu koordinieren. Beamte beider Institutionen sollen zeitweilig ausgetauscht werden<span id="more-1902"></span>, um &#8211; laut <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,715727,00.html" target="_blank">»Spiegel«</a><img src="http://vg05.met.vgwort.de/na/2d0e22e70e284e5d8c6b064fe09817e8" alt="" width="1" height="1" /> &#8211; die »fachliche Kompetenz des Personals« zu steigern und das f&#252;r eine »reibungslose Zusammenarbeit notwendige gegenseitige Verst&#228;ndnis« zu f&#246;rdern. Zwar geht er damit noch nicht so weit wie einst die DDR, die ihre Geheimdienste &#8211; f&#252;r In- wie Ausland &#8211; unter einem Dach, dem Ministerium f&#252;r Staatssicherheit, zusammenfasste und die Arbeit der Polizei diesem Organ zumindest teilweise unterordnete, doch die Tendenz zur Zentralisierung ist unverkennbar.</p>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/09/Westspione.gif"><img class="alignright size-medium wp-image-1905" title="Westspione" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/09/Westspione-199x300.gif" alt="" width="199" height="300" /></a>Die Erfahrungen des MfS mit solcher Zentralisierung waren allerdings ern&#252;chternd; vor allem die Hauptverwaltumng Aufkl&#228;rung, die sich gern als etwas Besseres als die innere Abwehr verstand, sah sich bald in der Lage eines verl&#228;ngerten Arms der Repression nach Innen, ohne sich freilich dagegen ernsthaft zu wehren. Sowohl die Parteir&#228;son als auch die Vorteile, die durchaus auch die HVA aus solch zentralisierter Geheimdienstarbeit ziehen konnte, beg&#252;nstigten ihre Unterordnung unter die paranoide Sicherheitsdoktrin der SED.</p>
<p>Im f&#252;nften Teil einer fr&#252;h erschienenen Darstellung der Geschichte und Arbeitsweise der HVA, die im Handel nicht mehr erh&#228;ltlich ist, im Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report«, ver&#246;ffentlicht 1992 im Berliner Verlag ElefantenPress wird diese Problematik thematisiert.</p>
<h2>R&#252;ckzug in die Wagenburg</h2>
<p>Als am 17. Januar 1988 Tausende Berliner wie allj&#228;hrlich zu den in der Presse ver&#246;ffentlichten Stellpl&#228;tzen strebten, um nach immer gleichem Ritual an der »Kampfdemonstration zum Jahrestag der Ermordung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs« teilzunehmen, ahnten die wenigsten, dass damit eine neue Stufe der seit Herbst 1987 versch&#228;rften Auseinandersetzung mit der sogenannten inneren Opposition der DDR begann. An diesem Tag wollten zur Ausreise entschlossene DDR-B&#252;rger mit eigenen Losungen aus den Werken Rosa Luxemburgs f&#252;r ihr Recht auf Freiz&#252;gigkeit demonstrieren. Die B&#252;rgerrechtler selbst waren gespalten hinsichtlich einer Teilnahme an dieser Aktion, wollten sie doch nicht f&#252;r eine Sache stehen, die ihr eigenes Anliegen gar nicht war. Sie hatten stets betont, dass sie in der DDR bleiben w&#252;rden, um von innen heraus f&#252;r eine Ver&#228;nderung der Verh&#228;ltnisse einzutreten. So waren unter den Festgenommenen nach den Protesten der Ausreise­willigen lediglich sechs B&#252;rgerrechtler, unter ihnen als bekannteste der Liedermacher Stephan Krawczyk und Vera Wollenberger.</p>
<p>Ungeachtet dessen begann in der Presse eine scharfe Kampagne gegen alle Oppositionellen, die jedoch von diesen mit einer bis dahin ungekannten Solidarit&#228;tsbewegung in den Kirchen beant­wortet wurde. Im MfS bereitete man sich inzwischen auf eine Art Entscheidungsschlag gegen die unbotm&#228;&#223;igen Staatsb&#252;rger vor. Eine juristische Bewertung der Schuldvorw&#252;rfe gegen Oppositio­nelle, die im Kollegium des MfS vorgetragen wurde, offenbarte zwar die sogar dort als &#228;u&#223;erst schwach eingesch&#228;tzte rechtliche Position der Staatssicherheit; dennoch entschied Mielke &#8211; offen­sichtlich mit Honecker und anderen f&#252;hrenden Politb&#252;ro-Mitglie­dern -, dass weitere Verhaftungen vorzunehmen seien. Am 25. Januar wurden mit Freya Klier, der Lebensgef&#228;hrtin Stephan Krawczyks, B&#228;rbel Bohley, Werner Fischer, Ralf Hirsch sowie Wolfgang und Regina Templin die bekanntesten B&#252;rgerrechtler unter dem »begr&#252;ndeten Verdacht auf landesverr&#228;terische Bezie­hungen« festgenommen. Die Beweise sollten unverz&#252;glich nach­gereicht werden; vor allem war die »geheimdienstliche Steuerung der feindlich-negativen Kr&#228;fte« aktenkundig zu machen. Mielke und sein Stellvertreter Mittig richteten an alle Diensteinheiten des MfS einen entsprechenden dringenden Auftrag. Der Leiter der mit der »Bek&#228;mpfung der Untergrundt&#228;tigkeit« beauftragten Haupt­abteilung XX, Generalmajor Kienberg, verlangte beispielsweise: »Ich brauche den Decknamen und die Vorgangs-Nummer der B&#228;rbel Bohley beim BND!«</p>
<p>Eine solche Forderung richtete sich vor allem auch an die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung. Sie hielt zwar das konkrete Vor­gehen gegen die kleine Gruppe der B&#252;rgerrechtler f&#252;r ziemlich &#252;bertrieben, hatte aber keinerlei grunds&#228;tzliche Zweifel an der Richtigkeit von Ma&#223;nahmen gegen sie. Vor allem sah die HVA keinen Grund, die Unterst&#252;tzung bei der Aufdeckung ihrer »Hinterm&#228;nner« zu versagen. Schon am 25. Januar, dem Tag der genannten Verhaftungen, &#252;bermittelte die Auswertungsabteilung der HVA allen anderen Diensteinheiten »Informationsschwerpunkte zur politisch-ideolo­gischen Diversion (PID) gegen die DDR und die anderen soziali­stischen Staaten«. In diesem mehrseitigen Papier wurden sowohl politische Aktivit&#228;ten seitens der BRD &#8211; von der Regierung &#252;ber die SPD und die Massenmedien bis hin zu wissenschaftlichen Instituten &#8211; als auch Unzufriedenheit in der DDR selbst dem Wirken »ideologischer Diversanten« zugerechnet. Es war somit ein typisches Dokument des v&#246;llig realit&#228;tsfremden Denkens im MfS, dem sich auch die HVA nicht entzog – hatte doch auch sie sich immer wieder theoretisch mit der Rolle der Ideologie im Klassen­kampf auseinanderzusetzen gehabt.</p>
<p>Die Ideologie spielte bei der Auseinandersetzung des Systems seit je eine hervorragende Rolle. Zum einen hatte bereits Lenin als eins der Postulate seiner Lehre die Unvers&#246;hnlichkeit des ideologi­schen Kampfes proklamiert: »&#8230; b&#252;rgerliche oder sozialistische Ideologie. Ein Mittelding gibt es hier nicht&#8230; Darum bedeutet jede Herabminderung der sozialistischen Ideologie, jedes Abschwenken von ihr zugleich eine St&#228;rkung der b&#252;rgerlichen Ideologie.« Und auf der anderen Seite t&#246;nte es in einem Heft der »Europ&#228;ischen Wehrkunde« von 1979: »Da infolge der selbstzerst&#246;rerischen Wirksamkeit jetziger Waffentechnik Macht- und Interessenwider­spr&#252;che speziell zwischen Gro&#223;machtstaaten nur im Extremfall mittels milit&#228;rischer Gewaltanwendung ausgefochten werden k&#246;n­nen, erwies sich die Forcierung propagandistischer Strategien gerade in der Rivalit&#228;t ideologisch gegens&#228;tzlicher Herrschaftsfor­men oder Sozialordnungen als unausweichliche Konsequenz &#8230; Psychologischer Krieg oder Propaganda kommt zu Diplomatie und milit&#228;rischer St&#228;rke als das dritte Instrument zur Durchsetzung au&#223;enpolitischer Ziele.«</p>
<p>Aus diesem objektiven Widerspruch machte der Marxismus-Leninismus ein Dogma, indem er diesen »psychologischen Krieg« als die letztlich entscheidende Ursache f&#252;r alle inneren Probleme des Sozialismus bezeichnete. Dies hatte schon Tradition in der Sowjetunion Lenins und Stalins; es fand seine augenscheinliche Best&#228;tigung im Kalten Krieg. Anfang der 50er Jahre benutzte Mielke erstmals den Begriff der »politisch-ideologischen Diversion« (PID); er wurde seitdem zu einem Schl&#252;sselwort f&#252;r das Selbst­verst&#228;ndnis des MfS. Die Bek&#228;mpfung der PID war von Anfang an eine Hauptaufgabe der Staatssicherheit, und je bedr&#228;ngender die Situation f&#252;r die SED-F&#252;hrung wurde, um so mehr feuerte Mielke seine Mitarbeiter an, den »ideologischen Diversanten« das Hand­werk zu legen.</p>
<p>Im Jahre 1988 erschien an der Juristischen Hochschule Potsdam-Eiche, der zentralen Ausbildungsst&#228;tte des MfS, ein Lehrbuch »Politisch-ideologische Diversion gegen die DDR«. In diesem Buch wurde der PID-Begriff definiert als »das subversive ideolo­gische Einwirken des Imperialismus auf das gesellschaftliche Bewusstsein in sozialistischen Staaten und das individuelle Bewusstsein ihrer B&#252;rger, insbesondere durch das planm&#228;&#223;ige und systematische Verbreiten von Konzeptionen, Anschauungen, Wer­tungen und Grunds&#228;tzen, deren Inhalt sowohl von militant-grob­schl&#228;chtigem als auch flexibel-verschleiertem Antikommunismus gepr&#228;gt ist &#8230; Mit ihr wird das subversive Ziel verfolgt, in den sozialistischen Staaten in einem langfristigen Prozess entscheiden­de ideologische Voraussetzungen f&#252;r konterrevolution&#228;re Ver&#228;nde­rungen zu schaffen. Diese Zielstellung schlie&#223;t ein, die sozialisti­sche Bewusstseinsentwicklung zu verhindern, sozialistisches Bewusstsein zu zersetzen, feindlich-negative Einstellungen zu erzeugen, deren Umschlagen in feindlich-negatives Handeln zu bewirken sowie feindlich-negatives Handeln zu aktivieren.«</p>
<p>Nicht das Sein bestimmte also das Bewusstsein &#8211; wie doch ein materialistisches Grundprinzip lautete -, sondern der Klassenfeind. Also entsprangen alle kritischen Positionen zum »realen Sozialis­mus« nicht M&#228;ngeln und Defiziten dieses Systems, sondern der »ideologischen Diversion«. Wer sie vertrat, besorgte das Gesch&#228;ft des Feindes und musste mithin wie ein solcher behandelt werden. Mit dem PID-Begriff war somit nicht nur eine Art S&#252;ndenbock f&#252;r jederlei abweichende Meinung gefunden, sondern zudem auch die Rechtfertigung f&#252;r drakonisches Vorgehen gegen ihre Tr&#228;ger.</p>
<p>Auch die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung konnte und wollte sich dieser prinzipiellen Vorgabe nicht entziehen. Ihr oblag es &#8211; wie allen anderen Diensteinheiten &#8211; den Kampf gegen die »ideologi­sche Diversion« zu f&#252;hren und dazu alle ihre Mittel und M&#246;glich­keiten einzusetzen. Allj&#228;hrlich war der Zentralen Auswertungs- und Informationsgruppe (ZAIG) ein Bericht zu &#252;bergeben, in dem sich alle Erkenntnisse der HVA auf dem Gebiet der PID widerzu­spiegeln hatten. Und au&#223;erdem bestand die Aufgabe, &#252;ber wichtige Vorkommnisse »ideologischer Diversion« die zust&#228;ndigen Abtei­lungen der Abwehr unmittelbar zu informieren.</p>
<p>Ab Mitte der 70er Jahre, nach der Konferenz &#252;ber Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa sowie den Folgekonferenzen der KSZE, verst&#228;rkt dann in den 80er Jahren gewann die gegen ideologische Einwirkung gerichtete Aufgabenstellung des MfS st&#228;ndig an Bedeutung. Die Zugest&#228;ndnisse, die die sozialistischen L&#228;nder im KSZE-Prozess machen mussten, der dadurch erweiterte Spielraum f&#252;r Oppositionelle, der sich verst&#228;rkende Austausch &#252;ber die Grenzen hinweg, die neuen technischen M&#246;glichkeiten bei der Verbreitung der Massenmedien &#8211; all das erh&#246;hte nat&#252;rlich den geistigen Einfluss des Westens und multiplizierte die Unzufrieden­heit, die sich in den osteurop&#228;ischen Staaten aufgrund der dort herrschenden Verh&#228;ltnisse angesammelt hatte. Aus der Sicht des MfS handelte es sich dabei jedoch nur um einen »Missbrauch des Entspannungsprozesses«. In den sogenannten Planorientierungen &#8211; vom Minister f&#252;r Staatssicherheit f&#252;r jeweils f&#252;nf Jahre herausge­geben, dazu j&#228;hrlich pr&#228;zisiert und von seinen Hauptabteilungslei­tern f&#252;r ihren jeweiligen Verantwortungsbereich noch einmal konkretisiert &#8211; stand die »politisch-ideologische Diversion« stets ganz oben an. Das letzte dieser f&#252;r f&#252;nf Jahre g&#252;ltigen »Dokumente« hatte Mielke 1986 als »Geheime Verschlusssache« verbreitet. Unter dem Punkt »1.4. Aufkl&#228;rung und Vereitelung der strategischen Pl&#228;ne des Imperialismus im Kampf gegen den Sozialismus« hie&#223; es da: »Besondere Bedeutung besitzt dabei die gr&#252;ndliche Aufkl&#228;rung und vorbeugende Verhinderung der gesamten subversiven T&#228;tig­keit, der konkreten Absichten und Aktivit&#228;ten f&#252;r das weitere Vorgehen gegen den Sozialismus, der dabei zum Einsatz gelangenden Mittel und Methoden sowie der damit beabsichtigten Wirkungen seitens des Imperialismus, besonders seiner Geheimdienste, der Zentren der politisch-ideologischen Diversion und weiterer feind­licher Stellen und Kr&#228;fte.« &#220;ber die zuletzt genannten Objekte existierte eine lange Liste, in der sich die Bundestagsparteien ebenso wiederfanden wie die Fernsehsender der Bundesrepublik, die von Organisationen der Friedensbewegung bis hin zu Menschenrechtsgruppen reichte. Die HVA wurde angewiesen: »Im Interesse der Erf&#252;llung der Gesamtaufgabenstellung des MfS zur Gew&#228;hrleistung der inneren Sicherheit der DDR und des MfS sind operativ bedeutsame Erkenntnisse der Aufkl&#228;rung zielgerichteter f&#252;r die Abwehrarbeit zu erschlie&#223;en. Noch umfassender haben die Diensteinheiten der Aufkl&#228;rung mit ihren spezifischen Mitteln und M&#246;glichkeiten dazu beizutragen, die von den feindlichen Zentren gegen die DDR gerichteten Pl&#228;ne und Aktivit&#228;ten aufzukl&#228;ren, feindliche Verbindungen und Kontakte in die DDR aufzusp&#252;ren und damit ihren Anteil an der Kl&#228;rung der Frage &gt;Wer ist wer?&lt; zu erh&#246;hen.«</p>
<p>Damit waren die seit Jahrzehnten bestehenden Forderungen an die HVA noch h&#246;hergeschraubt worden. Mit der Frage »Wer ist wer?« umschrieb Mielke schon seit langem die Aufgabenstellung der fl&#228;chendeckenden &#220;berwachung. &#220;ber jeden musste volle Klarheit bestehen, keiner sollte f&#252;r das MfS ein unbeschriebenes Blatt sein. Die HVA &#8211; und auch das l&#228;sst sich aus Mielkes Weisung ablesen &#8211; hatte bisher zwar stets das ihre zur »inneren Sicherheit« getan, jedoch ihre ureigene Aufgabe immer vorangestellt. Das hatte zunehmend den Unwillen der Abwehr erregt. Nun wurde verlangt, dieses Verh&#228;ltnis &#8211; wenn schon nicht umzukehren, so doch anzu­n&#228;hern. Der Hinweis auf den Beitrag der HVA zur »Gesamtaufgabenstellung« des MfS hatte zur Folge, dass die Aufkl&#228;rung sich st&#228;rker bem&#252;hte, Quellen in den sogenannten PlD-Zentren anzuwerben und dass sie vor allem alle Informationen, die gewisserma­&#223;en nebenbei zur »ideologischen Diversion« abfielen, unverz&#252;g­lich an die Abwehrabteilungen weitergab. Mitunter wurde dabei im Vertrauen auf Mielkes PID-Phobie auch getrickst. Als zum Beispiel Ende 1987 der erste Entwurf des Haushalts f&#252;r das damalige Ministerium f&#252;r innerdeutsche Beziehungen beschafft werden konnte, gab ihn die HVA mit gro&#223;em Brimborium weiter. Einige Tage sp&#228;ter wurde er jedoch ganz offiziell den Journalisten vorgestellt.</p>
<p>Immer dringender verlangte die Leitung des MfS, dass der »strategische Plan« des Imperialismus, unter dem man sich offen­sichtlich ein fertig ausgearbeitetes Papier vorstellte, beschafft werde und dass es endlich gelinge, jene Agentur, die im Kampf gegen den Sozialismus die F&#228;den zieht, zu finden und zu zersetzen. Ganz konkret stand zum Beispiel jahrelang die Aufgabe, den Geheimdienst der NATO zu enttarnen, bis dann nachgewiesen werden konnte, dass ein solcher strukturm&#228;&#223;ig &#252;berhaupt nicht existiert. Die Drahtzieher f&#252;r das Ansteigen der Ausreiseantr&#228;ge sollten ebenfalls gefunden werden, um ihnen das Handwerk zu legen und damit &#8211; so die tats&#228;chlich vertretene einf&#228;ltige Position &#8211; das Problem aus der Welt zu schaffen. Und nat&#252;rlich waren jene Politiker der Bundesrepublik namhaft zu machen, die zum Beispiel die kritischen Positionen von Kirchenleuten inspirierten, Opposi­tionsgruppen in der DDR aufbauten und aufm&#252;pfigen Schriftstel­lern die Feder f&#252;hrten.</p>
<p>Vielen Aufkl&#228;rern waren solche Aufgabenstellungen l&#228;stig. Sie lenkten von den eigenen Schwerpunkten ab und versprachen zudem &#8211; wegen ihrer Lebensferne &#8211; wenig Erfolg. Dennoch ist nicht zu bestreiten, dass die HVA das Informationsaufkommen zur PID allm&#228;hlich erh&#246;hte. Sie beschaffte Protokolle von Gespr&#228;chen, die Kirchenf&#252;hrer bei Reisen in die Bundesrepublik mit dortigen Politikern f&#252;hrten, sie legte Arbeits- und Strukturpl&#228;ne einiger der sogenannten PID-Objekte vor, und sie sch&#246;pfte Personen ab, die der PID-Szene zugerechnet wurden; allerdings erfuhr sie dabei nur wenig &#252;ber die angeblich »strategischen Pl&#228;ne« zur Unterminie­rung des Sozialismus von au&#223;en. Meist handelte es sich dabei um singul&#228;re Kontaktf&#228;lle, die jedoch f&#252;r die Abwehr auch von einigem Wert waren. Ganz normale Forschungsarbeit an Univer­sit&#228;ten oder Instituten wurde zu »geheimdienstlichen Aktivit&#228;ten« erkl&#228;rt, wobei nicht &#252;bersehen werden soll, dass nat&#252;rlich die westlichen Dienste an bestimmten Untersuchungen durchaus Interesse bekundeten. Die Reiseberichte des Direktors des Bundes­instituts f&#252;r internationale und ostwissenschaftliche Studien, Hein­rich Vogel, gingen der HVA zum Beispiel auf dem Umweg &#252;ber den Bundesnachrichtendienst zu.</p>
<p>Die Bunkermentalit&#228;t der DDR-F&#252;hrung zeigte sich auch in der gebetsm&#252;hlenartig wiederholten Aufgabenstellung, »jegliche vom Feind ausgehenden &#220;berraschungen auf allen Gebieten« zu verhin­dern. Diese Orientierung zielte urspr&#252;nglich auf das rechtzeitige Erkennen von Anzeichen f&#252;r einen Atomschlag &#8211; und mag derge­stalt noch Sinn gehabt haben. Sie ging zur&#252;ck auf den schon genannten Befehl 40/68 des Ministers f&#252;r Staatssicherheit und sah vor, Indikatoren zu entwickeln, aus denen der &#220;bergang in ein Kriegsregime fr&#252;hzeitig ablesbar war. Grotesk war jedoch, dass die konkrete Umsetzung dieses Befehls sich in dem Ma&#223;e intensivierte, wie auf internationaler Ebene der Entspannungsprozess vorankam. Parallel zu den Abr&#252;stungsverhandlungen Gorbatschows mit Reagan und sp&#228;ter Bush baute das MfS im Verein mit dem KGB dieses »Fr&#252;hwarnsystem« immer weiter aus. Allein f&#252;r die Feststellung und &#220;bermittlung der angenommenen Atomkriegs-Indikatoren wurde eine eigene Struktur geschaffen; f&#252;r einen denkbaren »Ernstfall« wurden Verbindungspl&#228;ne festgelegt, Notquartiere in der Bundesrepublik eingerichtet und j&#228;hrlich &#220;bungen veranstaltet. Die HVA steuerte ein Lagezentrum bei, das rund um die Uhr besetzt war und alle Kriegsanzeichen penibel zu registrieren hatte.</p>
<p>Der Begriff der »&#220;berraschung« wurde sp&#228;ter &#8211; &#252;ber die milit&#228;rische Ebene hinaus &#8211; auf alle Aktivit&#228;ten des anderen politischen Lagers angewandt. Ob neue wissenschaftliche Erkennt­nisse, ob unkonventionelle politische Angebote, ob aber auch die private Einreise eines SPD-Bundestagsabgeordneten in die DDR oder das Ankn&#252;pfen wei&#223;er B&#228;nder an die Auto-Antenne (ein Protestzeichen ausreisewilliger DDR-B&#252;rger) &#8211; all das firmierte als &#220;berraschung, die das MfS tunlichst rechtzeitig zu erkennen und »prophylaktisch« zu verhindern habe. Die HVA sollte dazu nicht nur ihre Positionen im Operationsgebiet nutzen, sondern &#252;ber ihre inoffiziellen Mitarbeiter auch aus der DDR berichten. Die &#220;ber­mittlung solcher Abwehrberichte wurde zu einer Schwerpunktauf­gabe erkl&#228;rt.</p>
<p>Mittlerweile war der Begriff der »politisch-ideologischen Diversion« durch den der »politischen Untergrundt&#228;tigkeit« (PUT) erg&#228;nzt worden. Darunter verstand Mielke das Umschlagen der PID in Aktivit&#228;ten, in Handlungen, in Aktionen. Faktisch wurden so alle nicht von Partei und Staat ausdr&#252;cklich angeordneten oder zumindest gef&#246;rderten Aktivit&#228;ten, von Veranstaltungen im Rahmen der Kirche &#8211; und seien es Rockkonzerte oder Kabarettauftritte &#8211; &#252;ber das B&#228;umepflanzen von Umweltgruppen bis hin zum Zeigen eigener Losungen bei offiziellen Kundgebun­gen, zu staatsfeindlichen Handlungen erkl&#228;rt. Sie waren in seinen Augen Straftaten, obgleich er feststellen musste, dass selbst das rigide DDR-Strafrecht nicht gen&#252;gend Bestimmungen enthielt, um die »Untergrundt&#228;ter« ins Gef&#228;ngnis zu bringen. Daher erwartete er &#8211; wie im Falle der Liebknecht/Luxemburg-Demonstration &#8211; gerade von der HVA Beweise, dass die innere Opposition der DDR vom Ausland gesteuert werde. In einer Rede vor den Leitern der MfS-Kreisdienststellen am 26. Oktober 1988 sagte er: »Noch wesentlich gr&#246;&#223;erer Anstrengungen bedarf es vor allem, um unanfechtbare, offiziell auswertbare Beweise zu Straftaten und anderen Rechtsver­letzungen dieser Kr&#228;fte und ihrer Hinterm&#228;nner zu erarbeiten. Das gilt in Bezug auf die Steuerung der feindlich-negativen Kr&#228;fte in der DDR durch BRD- oder andere westliche Geheimdienste und deren Agenturen, weitere feindliche Stellen und Kr&#228;fte sowie die Formen ihrer Zusammenarbeit.«</p>
<p>So bem&#252;hte sich auch die HVA verst&#228;rkt, vor allem in Forschungseinrichtungen, die sich mit deutschland- und ostpolitischen Fragen befassten, in sogenannte PID-Organisationen, zumeist Menschenrechtsgruppen, und in die Medien Aufkl&#228;rer einzuschleusen. Selbst der Berliner Privatsender 100,6 kam auf die Liste der Schwerpunktobjekte. Alle Informationen &#8211; selbst die banalsten &#8211; wurden als Abwehrberichte weitergeleitet; es erfolgte eine zahlen­m&#228;&#223;ige Erfassung, nach denen das Engagement der einzelnen HVA-Abteilungen bewertet wurde. Um eine bessere Koordination dieses Informationsflusses zu erreichen, schuf man eine »nicht­strukturelle Arbeitsgruppe«, in der die Abwehr-Diensteinheiten XX (Untergrundt&#228;tigkeit), II (Spionageabwehr) und III (Elektroni­sche Aufkl&#228;rung) zusammenarbeiteten und in die f&#252;r die HVA Vertreter aus dem Auswertungsbereich der Abteilung IX delegiert wurden. Deren Ziel bestand ausdr&#252;cklich darin, die Steuerung oppositioneller T&#228;tigkeit in der DDR von au&#223;en her, vor allem aber durch Geheimdienste, nachzuweisen.</p>
<p>Die Resultate aller dieser Bem&#252;hungen waren naturgem&#228;&#223; d&#252;rftig; dennoch wurden nat&#252;rlich Informationen beschafft, die den B&#252;rgerrechtlern der DDR Schaden zuf&#252;gen sollten. Eine konkrete Folge der als Weisung von General Gro&#223;mann unterzeichneten Informationsschwerpunkte war zum Beispiel, dass die im Januar 1988 festgenommenen B&#252;rgerrechtler nach ihrer Ausweisung aus der DDR Anfang Februar &#8211; die Aktion lief unter der Tarnbezeich­nung »St&#246;renfried/Falle« &#8211; im Ausland stets unter dem wachsamen Auge der DDR-Aufkl&#228;rer blieben. Das Ziel war dabei, in den Augen des MfS kompromittierendes Material zusammenzutragen, das es gerechtfertigt h&#228;tte, den B&#252;rgerrechtlern die Wiedereinreise zu verweigern. Das ist bekanntlich nicht gelungen, zum einen, weil das Verhalten der Betroffenen in der Bundesrepublik und West­europa nichts Strafbares enthielt, zum anderen, weil die Aufkl&#228;rer &#8211; entgegen den Intentionen ihrer Vorgesetzten &#8211; zumeist recht lustlos an diese Aufgabe herangingen. Die jahrelangen Orientierungen auf Schaffung operativer Positionen in einschl&#228;gigen Einrichtungen waren ohne gro&#223;es Echo geblieben; mitunter wurden auch eigene operative Zielstellungen &#8211; zum Beispiel die Suche nach f&#252;r eine Werbung geeigneten Personen &#8211; unter dem Vorwand der PID-Bearbeitung betrieben. Da die Tendenz bestand, ganz normale politische Vorg&#228;nge zu Aktivit&#228;ten der »politisch-ideologischen Diversion« zu erkl&#228;ren, war es mitunter leicht, das »Soll« bei der Aufkl&#228;rung solcher »Machenschaften« zu erf&#252;llen. Einige Aufkl&#228;­rer entwickelten im Laufe der Zeit eine gewisse Meisterschaft darin, unter dem Stichwort »PID« wesentliche Teile ihrer normalen Arbeit abzurechnen.</p>
<p>Grunds&#228;tzlich hielten die Aufkl&#228;rer zwar wenig von den ideo­logischen Verrenkungen der Abwehr, in der Praxis aber bedienten sie sich durchaus gro&#223;z&#252;gig, wenn sie die M&#246;glichkeit dazu hatten. Sie taten dies einmal, weil sie die »Gesamtaufgabenstel­lung« des MfS nat&#252;rlich mittrugen und deshalb nichts dabei fanden, sich an der fl&#228;chendeckenden &#220;berwachung des Volkes zu beteiligen, solange dadurch die eigenen Kreise nicht gest&#246;rt wurden. Zum anderen hatte mancher schon bald nach der Einglie­derung der HVA ins MfS erkannt, wie gut sich von den Abwehr­ma&#223;nahmen profitieren lie&#223;. Die HVA hatte nicht nur Zugriff zu Speichern der Abwehr; dar&#252;ber hinaus waren die f&#252;r die »innere Sicherheit« zust&#228;ndigen Abteilungen ausdr&#252;cklich verpflichtet, ihr Personendossiers zuzuarbeiten. Die von der Abteilung M in gro&#223;em Umfang betriebene Briefkontrolle erlaubte es, nahezu die gesamte Post in die und aus den sie interessierenden Ballungszen­tren zu kontrollieren. Das betraf insbesondere den Bereich K&#246;ln/ Bonn, bezog aber zum Beispiel auch Bad Neuenahr, Ottobrunn oder Bad Ems ein. Wenn es der HVA erforderlich schien, konnte sie eine Telefon&#252;berwachung durch die daf&#252;r zust&#228;ndige Abteilung 26 beantragen. Alle relevanten Informationen, die durch das funkelektronische Abh&#246;ren der Telefonverbindungen zwischen West-Berlin und dem Bundesgebiet beschafft wurden, landeten auf den Schreibtischen der HVA. Sie standen der Auswertung als Erg&#228;nzung, Pr&#228;zisierung oder auch eigenst&#228;ndige Meldung zur Verf&#252;gung. So war die HVA stets ganz aktuell &#252;ber Interna der Bundespolitik im Bilde, zum Beispiel das gl&#252;cklose Wirken des kurzzeitigen Verteidigungsministers Rupert Scholz, der am Telefon seinen Frust &#252;ber die ihm wenig gewogene Bundeswehr-Generalit&#228;t und den ihn st&#228;ndig ins Abseits stellenden Au&#223;enminister Genscher ablie&#223;. Schlie&#223;lich hatte die HVA auch einen guten Draht zur MfS-Abteilung VI mit ihren Grenz- und Passkontrollstellen; diese waren verpflichtet, Protokolle ihrer Kontrollgespr&#228;che zu &#252;ber­senden.</p>
<p>Als »Gegenleistung« gaben die Aufkl&#228;rer konkretisierende Aufgabenstel­lungen der Abwehr an ihr IM-Netz in der DDR weiter. Sie beruhigten sich dabei mit den durchaus vorliegenden Erkenntnissen &#252;ber die Kontakte westlicher Geheimdienste zu Emigrantenorgani­sationen oder zu solchen Rundfunksendern wie »Radio Free Europe«, auch wenn diese nat&#252;rlich nie die Ursache der um sich greifenden Unzufriedenheit in den osteurop&#228;ischen L&#228;ndern waren. Sie wussten auch von den Informationsschwerpunkten der CIA oder des BND hinsichtlich der DDR und hatten Beweise f&#252;r ihre Anbahnungsversuche in bestimmten oppositionellen Kreisen. Dies lie&#223; sie manche Aufgabenstellung als sinnvoll erscheinen, zumal Zweifel an Befehlen und Weisungen der Vorgesetzten auch in der HVA nicht &#252;blich waren.</p>
<p>Hinzu kam, dass »Amtshilfe« zwischen Auslandsnachrichten­dienst und innerer Abwehr in ziemlich allen Staaten praktiziert wird. Zwar nicht in jedem Falle mit der im MfS betriebenen Intensit&#228;t, die sich daraus ergab, dass beide geheimdienstliche Bereiche unter einem Dach arbeiteten. In westlichen L&#228;ndern sind die einzelnen Dienste in der Regel selbst&#228;ndig, aber sie finden dennoch Gelegenheit, sich gegenseitig interessierende Informatio­nen zukommen zu lassen und dazu auch &#8211; entsprechende Enth&#252;l­lungen zeigen es immer wieder &#8211; die Gesetze sehr gro&#223;z&#252;gig zu handhaben.</p>
<p>Hinsichtlich des Verfassungsschutzes ist in einem Gesetz gere­gelt, dass »die Gerichte und Beh&#246;rden und das Bundesamt f&#252;r Verfassungsschutz gegenseitig Rechts- und Amtshilfe« leisten. F&#252;r den BND wie den MAD gibt es solche Festlegungen nicht, aber es hat sich eine ziemlich effektive Praxis herausgebildet. So ist der Bundesnachrichtendienst &#252;ber sein sogenanntes Grenzmeldenetz stets &#252;ber Vorkommnisse im Grenzgebiet, ein- und ausreisende Personen und die Ergebnisse von Befragungen informiert. Er unterh&#228;lt au&#223;erdem in allen Bundesl&#228;ndern »Hauptstellen f&#252;r spezielle Datenverarbeitung«, die sich der Post- und Fernmelde­kontrolle widmen. Ihre Ergebnisse werden unb&#252;rokratisch auch den anderen Diensten &#252;bergeben. Die &#220;berwachung ausl&#228;ndischer Botschaften erfolgt in enger Kooperation zwischen BND und Verfassungsschutz.</p>
<p>Die Resultate solcher Zusammenarbeit kommen nur selten ans Licht, wirbeln dann aber gew&#246;hnlich viel Staub auf. Zu Zeiten Gehlens war es fast noch normal, dass auch der BND Inlandsspionage betrieb; das ist heute durch Gesetze weitgehend unterbunden. Aber im Zusammenhang mit der Terroristenfahndung oder zum Zwecke der internationalen Unterst&#252;tzung zum Beispiel f&#252;r den israeli­schen Mossad oder den t&#252;rkischen Geheimdienst kommt es immer mal wieder auch zu BND-Operationen im Innern.</p>
<p>Bei all dem ist unbestritten, dass die Verquickung von Aufkl&#228;­rung und Abwehr in der DDR besonders eng war. Aus den gegebenen M&#246;glichkeiten versuchte die HVA das Beste f&#252;r sich zu machen. Das erforderte immer wieder Kompromisse, mitunter auch gegen die eigene Einsicht. Mit Kopfsch&#252;tteln und Achselzucken wurden die st&#228;ndig praktizierten Ungesetzlichkeiten abgetan. Auch die HVA hat sich freiwillig in die ideologische Wagenburg begeben, obwohl gerade sie &#8211; schon aus operativen Gr&#252;nden &#8211; jedes Interesse daran h&#228;tte haben m&#252;ssen, dass der Dialog auf internationaler Ebene wie im Inneren zum bestimmenden Element der Politik wird. Sie hat damit objektiv gegen ihre eigenen Interessen gearbeitet &#8211; von der moralischen Schuld ganz abgesehen. Mit dieser Anpassung verlor sie sukzessive an Ansehen selbst bei ihren inoffiziellen Mitarbei­tern. Und die Partei- und Staatsf&#252;hrung sah die Zeit f&#252;r gekommen, auch die HVA-Berichte zu Erfolgsbekundungen umzufunktionie­ren.</p>
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		<title>Vor 20 Jahren &#8211; Der kurze Sieg der Opposition</title>
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		<pubDate>Sat, 05 Sep 2009 20:49:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Im September vor 20 Jahren begann in der DDR der Countdown hin zu ihrem Ende zu laufen. Die Ausreisewelle im Sommer 1989 und die Unf&#228;higkeit der SED-F&#252;hrung, darauf angemessen zu reagieren, schufen den Boden, auf dem sich die seit Jahren vorhandene Oppositionsbewegung st&#252;rmisch entwickeln konnte. Jetzt entstanden in schneller Folge B&#252;rgerrechtsorganisationen, die so gro&#223;en Zulauf [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im September vor 20 Jahren begann in der DDR der Countdown hin zu ihrem Ende zu laufen. Die Ausreisewelle im Sommer 1989 und die Unf&#228;higkeit der SED-F&#252;hrung, darauf angemessen zu reagieren, schufen den Boden, auf dem sich die seit Jahren vorhandene Oppositionsbewegung st&#252;rmisch entwickeln konnte. <span id="more-1279"></span>Jetzt entstanden in schneller Folge B&#252;rgerrechtsorganisationen, die so gro&#223;en Zulauf fanden, dass sie von der DDR-F&#252;hrung nicht mehr ignoriert werden konnten. Dass dies dennoch versucht wurde, beschleunigte nur die Zerfallsprozesse des ostdeutschen Staates, die wiederum auch den B&#252;rgerrechtlern die Basis f&#252;r ihr Wirken entzogen. Mit der Vereinigung und dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik endete auch weitgehend das kurze Leben der B&#252;rgerrechtsbewegung in der DDR.</p>
<p>&#220;ber diese Vorg&#228;nge entstand 1990 nachfolgender Text, der die damaligen Ereignisse rekapituliert und in einen gr&#246;&#223;eren Zusammenhang zu stellen versucht. Zwar ist heute das Geschehen vor 20 Jahren gr&#252;ndlicher erforscht als damals, nur Monate danach; dennoch kann diese bislang unver&#246;ffentlichte Darstellung neben ihrem dokumentarischen Teil einiges zur seinerzeitigen Atmosph&#228;re am Ende einer Epoche aussagen.</p>
<h3>Der kurze Sieg der Opposition</h3>
<p><img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/495b6d69082e440ca2e377b6be5e31f2" alt="" width="1" height="1" /><br />
Es waren nicht die seit langem t&#228;tigen und als »feindlich-negative Kr&#228;fte« eingestuften und etablierten Oppositionsgruppen, die im Sp&#228;tsommer 1982 den meisten Zulauf gewannen. Vielmehr wandten sich zahlreiche B&#252;rger den beinahe spontan entstandenen und im Prinzip niemand ausgrenzenden Basisbewegungen zu, von denen das Neue Forum die entscheidende Rolle spielte. Seine Wurzeln gehen auf das Fr&#252;hjahr 1989 zur&#252;ck, als die Unzufriedenheit in der Bev&#246;lkerung immer gr&#246;&#223;er und der Ruf nach Dialogm&#246;glichkeiten &#252;ber eine Alternative immer lauter wurden. B&#228;rbel Bohley, lange Jahre Mitglied der Inititiave Frieden und Menschenrechte, dazu: »Wir sp&#252;rten, dass wir uns f&#252;r einen viel gr&#246;&#223;eren Kreis &#246;ffnen und die zahlreichen einzelnen Gr&#252;ppchen zusammenf&#252;hren mussten.«</p>
<p>Au&#223;erdem war ihr klar, dass die »Dissidenten« der Staatssicherheit l&#228;ngst bekannt und voll unter Kontrolle waren. »Ich wollte etwas machen, was ganz legal sein sollte«, schilderte sie ihr Vorgehen im R&#252;ckblick 1990. »Deshalb habe ich etwa 30 Leute angesprochen, von denen ich wusste, dass man etwas mit ihnen machen kann. Es ging nicht um lange Diskussionen, durch die wir der Stasi nur aufgefallen w&#228;ren, sondern um schnelles Handeln. Man musste den Ring, den die Stasi um uns gelegt hatte, durchbrechen. Deshalb war es uns nicht m&#246;glich, alles bis ins Einzelne auszudiskutieren. Daher haben wir unseren Aufruf schnell in die &#214;ffentlichkeit gebracht und uns selbst offiziell angemeldet. Wir wollten legal sein.«</p>
<p>Das war am 10. bzw. am 18. September 1989. Bestrebungen zu solch einem breiten Zusammenschluss hatte es aber bereits vorher gegeben. So berichtete die MfS-Bezirksverwaltung Berlin am 11. Mai &#252;ber eine Veranstaltung in der Elisabeth-Kirche, in der Rolf Henrich, Rechtsanwalt aus Eisenh&#252;ttenstadt, Autor des schon vor der Wende – allerdings in der Bundesrepublik – erschienenen systemkritischen Buches »Der vormundschaftliche Staat« und dann einer der Mitbegr&#252;nder des Neuen Forum, verlangt hatte, »dass sich die oppositionellen Gruppierungen zusammenschlie&#223;en und auf der Grundlage gemeinsamer Ziele ein einheitliches Programm erarbeiten sollten.«</p>
<p>Das Neue Forum sprach das Empfinden der Mehrheit der damaligen DDR-B&#252;rger an:</p>
<blockquote><p>»Wir wollen Spielraum f&#252;r wirtschaftliche Initiative, aber keine Entartung in eine Ellbogengesellschaft. Wir wollen das Bew&#228;hrte erhalten und doch Platz f&#252;r Erneuerung schaffen, um sparsamer und weniger naturfeindlich zu leben. Wir wollen geordnete Verh&#228;ltnisse, aber keine Bevormundung. Wir wollen freie, selbstbewusste Menschen, die doch gemeinschaftsbewusst handeln. Wir wollen vor Gewalt gesch&#252;tzt sein und dabei nicht einen Staat von B&#252;tteln und Spitzeln ertragen m&#252;ssen. Faulpelze und Maulhelden sollen aus ihren Druckposten vertrieben werden, aber wir wollen dabei keine Nachteile f&#252;r sozial Schwache und Wehrlose. Wir wollen ein wirksames Gesundheitswesen f&#252;r jeden; aber niemand soll auf Kosten anderer krank feiern. Wir wollen an Export und Welthandel teilhaben, aber weder zum Schuldner und Diener der f&#252;hrenden Industriestaaten noch zum Ausbeuter und Gl&#228;ubiger der wirtschaftlich schwachen L&#228;nder werden.«</p></blockquote>
<p>Das war eine geistige Klammer zwischen allen Unzufriedenen; das konnte jeder unterschreiben, der eine Alternative zum erstarrten System wollte – und jeder war auch willkommen, denn das Neue Forum grenzte niemanden aus: »Wir bilden deshalb gemeinsam eine politische Plattform f&#252;r die ganze DDR, die es Menschen aus allen Berufen, Lebenskreisen, Parteien und Gruppen m&#246;glich macht, sich an der Diskussion und Bearbeitung lebenswichtiger Gesellschaftsprobleme in diesem Land zu beteiligen.«</p>
<p>Die Initiativen traf den Nerv vieler. Auch viele SED-Mitglieder f&#252;hlten sich angesprochen und wollten mitarbeiten. Und selbst f&#252;r das Ministerium f&#252;r Staatssicherheit stellte dessen oberster Parteisekret&#228;r, Ex-Generalmajor Felber nach der Wende fest: »In der ideologischen Arbeit mussten wir den Aufruf, des Neuen Forum als Diversion verdammen, aber nur wenige kannten ihn. Sie wollten wissen, was drin steht, und viele von denen, die ihn sich beschafften, sagten dann: Da kann ich nichts dagegen haben. Da stehen ja sogar Formulierugen aus unserem Parteiprogramm drin.«</p>
<p>Dieser legale Charakter des Neuen Forum und sein vom ersten Tag an betontes Streben nach &#220;bereinstimmung mit den g&#252;ltigen DDR-Gesetzen erschwerte auch der Partei- und Staatsf&#252;hrung ein Vorgehen nach altem Muster. So ist heute dokumentarisch belegt, dass das MfS zun&#228;chst nach einer moderaten L&#246;sung des Problems suchte. In einer umf&#228;nglichen »Information &#252;ber Bestrebungen feindlicher, oppositioneller Kr&#228;fte zur Schaffung DDR-weiter Sammlungsbewegungen/Vereinigungen« vom 19. 9. 1989 wurde hinsichtlich der Reaktion auf Zulassungsantr&#228;ge von Oppositionsgruppen die Empfehlung gegeben: »Den Antragstellern ist im Rahmen der gesetzlichen Bearbeitungsfrist in einem pers&#246;nlichen Gespr&#228;ch mitzuteilen, dass ihrem Antrag nicht entsprochen wird, da f&#252;r die beabsichtige Gr&#252;ndung der Vereinigung kein gesellschaftliches Bed&#252;rfnis besteht. Sie sind darauf hinzuweisen, dass zur Wahrnehmung politischer und gesellschaftlicher Interessen in der DDR bereits umfassende Organisationsformen bestehen. In &#220;bereinstimmung mit den gesetzlichen Bestimmungen sind die Antragsteller auf den Beschwerdeweg und auf die M&#246;glichkeit einer gerichtlichen Nachpr&#252;fung dieser Entscheidung hinzuweisen. Sie sind &#252;ber die Ungesetzlichkeit und Rechtsfolgen weiterer Gr&#252;ndungshandlungen und anderer mit der Organisierung einer Vereinigung im Zusammenhang stehender Aktivit&#228;ten zu. Belehren.« Ailerdings hie&#223; es dann weiter: »Bei Verst&#246;&#223;en der Antragsteller oder weiterer Mitwirkender an der Gr&#252;ndung dieser Vereinigungen gegen die Rechtsordnung der DDR sind konsequent Ordnungstrafma&#223;nahmen; bei Vorliegen individueller strafrechtlicher Verantwortlichkeit Strafma&#223;nahmen durchzuf&#252;hren.«</p>
<p>Die Parteif&#252;hrung jedoch griff – wie gewohnt – sofort dem gro&#223;en Kn&#252;ppel: »Ziele und Anliegen der beantragten Vereinigung widersprechen der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik und stellen eine staatsfeindliche Plattform dar. Die Unterschriftensammlung zur Unterst&#252;tzung der Gr&#252;ndung der Vereinigung war nicht genehmigt und folglich illegal. Sie ist ein Versuch, B&#252;rger der Deutschen Demokratischen Republik &#252;ber die wahren Absichten der Verfasser zu t&#228;uschen«, erkl&#228;rte das Ministerium des Innern (Neues Deutschland vom 22.9.1989). Nat&#252;rlich hatte sie daf&#252;r in der genannten MfS-Einsch&#228;tzung auch gen&#252;gend Belege geliefert bekommen: »Nach dem MfS vorliegenden zuverl&#228;ssigen Hinweisen unterh&#228;lt die Mehrzahl der Vorgenannten (es handelte sich um die Initiatoren des Neuen Forum – d. Verf.) stabile und intensive Verbindungen zu f&#252;hrenden Vertretern politischer Parteien in der BRD und Westberlin, insbesondere der SPD, FDP, der GR&#220;NEN und der Alternativen Liste, zu als Schaltstellen subversiver Aktivit&#228;ten gegen die DDR agierenden Kr&#228;ften im westlichen Ausland wie den ehemaligen DDR-B&#252;rgern JAHN und HIRSCH, zu antikommunistischen F&#252;hrungskr&#228;ften der westeurop&#228;ischen Friedensbewegung und nicht zuletzt zu in der DDR akkreditierten Korrespondenten westlicher Medien sowie zu antisozialistischen Kr&#228;ften in anderen sozialistischen Staaten. Erkennbar sind in diesem Zusammenhang zunehmende Bestrebungen dieser feindlichen, oppositionellen DDR-B&#252;rger, ihr strategisches und taktisches sowie inhaltliches und methodisches Vorgehen mit ihren Kontaktpersonen zu beraten und abzustimmen«</p>
<p>Egon Krenz stellte in einem Gespr&#228;ch im Jahre 1990 das Vorgehen gegen das Neue Forum als Machtkampf im Politb&#252;ro dar. W&#228;hrend er, die Abteilung Sicherheit des ZK und das Innenministerium f&#252;r eine begrenzte Diskussion gewesen seien, h&#228;tten Honecker, Mielke und Mittag das Verbot gefordert und die ausdr&#252;ckliche Attestierung der Staatsfeindlichkeit verlangt. Dass es in der Tat offensichtlich keine einheitliche Meinung im Politb&#252;ro gab, zeigte sich am 25. September, als die NF-Initiatorinnen B&#228;rbel Bohley und Jutta Seidel die offizielle Absage auf ihren Antrag erhielten und die nur lautete: »Es besteht keine gesellschaftliche Notwendigkeit f&#252;r eine derartige Vereinigung.« Von staatsfeindlichen Aktivit&#228;ten war da nicht die Rede, wohl aber drei Tage sp&#228;ter, als Erich Mielke vor der Parteiorganisation seines Ministeriums erneut diesen Begriff gebrauchte und hinzuf&#252;gte, die Nichtzulassung des Neuen Forum sei eine »deutliche Antwort« an alle nichtsozialistischen Kr&#228;fte. B&#228;rbel Bohley jedoch blieb optimistisch und erwies sich damit tats&#228;chlich als hellsichtig. Gegen&#252;ber der »Tageszeitung« erkl&#228;rte sie am 25. September: »Die DDR kommt nicht darum herum, irgendwann so etwas wie das Neue Forum zu legalisieren &#8230; Irgendwann werden sie uns dankbar sein.«</p>
<p>Das Neue Forum war zwar die gr&#246;&#223;te und wirksamste B&#252;rgerrechtsorganisation des Herbstes 1989, nicht jedoch die einzige. Beinahe zeitgleich mit ihr traten andere Gruppierungen hervor. So ver&#246;ffentlichte knapp eine Woche nach dem .Neuen Forum die Bewegung Demokratie jetzt ihren Aufruf. Sie war aus kirchlichen Kreisen hervorgegangen, vor allem aus dem- Friedenskreis der Bartholom&#228;us-Gemeinde in Berlin-Friedrichshain. Er hatte sich etwa 1987 herausgebildet, als der Gemeindekirchenrat die Synodalinitiative »Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung« formulierte. Darin hie&#223; es: »In der DDR ging die Entspannung jedoch zunehmend einher mit einer Politik der Abgrenzung, an deren Folgen unser gesellschaftliches Leben schwer – und viele, die weggehen, meinen: t&#246;dlich – erkrankt ist. Die Isolation der nachwachsenden Generation vom Leben ihrer internationalen Mitwelt bildet nach 26 Jahren Mauer und nach 6 Jahren Trennung von Polen den N&#228;hrboden f&#252;r Zerr- und Feindbilder. Unser allt&#228;gliches Leben droht in einer schwer aufzubrechenden Enge zu verharren.« Daran kn&#252;pften die Initiatoren von Demokratie jetzt an und forderten</p>
<blockquote><p>»eine solidarische Gesellschaft, in der</p>
<p>soziale Gerechtigkeit, Freiheit und Menschenw&#252;rde f&#252;r alle gewahrt sind,</p>
<p>der gesellschaftliche Konsens im &#246;ffentlichen Dialog gesucht und durch den gerechten Ausgleich verschiedener Interessen verwirklicht wird,</p>
<p>die verantwortliche und sch&#246;pferische Arbeit der B&#252;rgerinnen und B&#252;rger einen lebendigen Pluralismus unseres Gemeinwesens schafft,</p>
<p>Rechtsstaatlichkeit und Rechtssicherheit den inneren Frieden sichern,</p>
<p>&#214;konomie und &#214;kologie in Einklang gebracht werden,</p>
<p>Wohlstand nicht mehr auf Kosten der armen L&#228;nder gemehrt wird,</p>
<p>Lebenserf&#252;llung in Gemeinschaftlichkeit und sch&#246;pferischem Tun f&#252;r das Gemeinwohl mehr als bisher gesucht und gefunden werden kann.«</p></blockquote>
<p>Einer der Mitbegr&#252;nder von Demokratie jetzt, der inzwischen verstorbene Kirchenhistoriker Dr. Wolfgang Ullmann, sah diese Emanzipation von der Kirche als folgerichtig an: »Uns war klar, wenn wir jetzt in die &#214;ffentlichkeit treten und einen ganz bestimmten Impuls von uns ausgehen lassen wollten, dann konnten wir das nicht mehr im Namen der Kirche, unter dein Schutz der Kirche tun, sondern dann mussten wir auch die volle Verantwortung auf uns nehmen, d. h. wir mussten erkl&#228;ren: Wir sind eine politische Bewegung. Bei uns k&#246;nnen alle B&#252;rger mitwirken. Ob sie Christen oder Atheisten sind &#8211; das ist sekund&#228;r gegen&#252;ber Ihrer politischen Entscheidung, sich einzumischen.«</p>
<p>Eine andere Gruppe bestand &#252;berwiegend aus Geistlichen selbst und hielt lange Zeit eine enge Bindung zur evangelischen Kirche aufrecht &#8211; so eng, dass selbst Bischof Forck zeitweise daran gedacht haben soll, sich ihr zu n&#228;hern. Es war der Demokratische Aufbruch, ebenfalls Mitte September durch die Pastoren Edelbert Richter, Friedrich Schorlemmer, Reiner Eppelmann und andere ins Leben gerufen und am 1. Oktober offiziell gegr&#252;ndet. In seinem Aufruf hie&#223; es: »Wir brechen auf zu einer offenen, m&#252;ndigen, demokratischen Gesellschaft! Sie soll f&#252;r die Menschen durchschaubar sein, durch die Menschen kontrollierbar und ver&#228;nderbar. Das betrifft alle Bereiche des Staates und der Gesellschaft: Justiz, Bildungswesen, Presse, Rundfunk, Fernsehen, Wirtschaft, Kommunalwesen, alle Bereiche der Kultur und der Innenpolitik. Deshalb streben wir konsequent die Trennung von Staat und Partei an – damit alle Menschen sich f&#252;r die Gestaltung des Lebens verantwortlich f&#252;hlen k&#246;nnen.« Ausdr&#252;cklich grenzte sich auch der Demokratische Aufbruch »von keinem Menschen, keiner Gruppierung, keiner Vereinigung ab, die ihrerseits unterwegs sind zu einer demokratischen Umgestaltung des Lebens in diesem Land. Wir bejahen die Vielfalt der Bem&#252;hungen, aber gehen eigene Schritte in demokratischer Verbindlichkeit.«</p>
<p>Am 7. Oktober 1989 kamen in Schwante bei Berlin &#252;ber 40 Personen zusammen, um die Sozialdemokratische Partei in der DDR (SDP) zu gr&#252;nden. Einige Wochen zuvor hatte sich unter Leitung der Pastoren Meckel, Gutzeit und Noack sowie des IFM-Mitgliedes Ibrahim B&#246;hme bereits eine entsprechende Initiativgruppe gebildet, die folgende Forderungen aufstellte:</p>
<blockquote><p>»Rechtsstaat und. strikte Gewaltenteilung,</p>
<p>parlamentarische Demokratie und Parteienpluralismus,</p>
<p>relative Selbst&#228;ndigkeit der Regionen (L&#228;nder), Kreise, St&#228;dte und Kommunen (finanziell, wirtschaftlich, kulturell),</p>
<p>soziale Marktwirtschaft mit striktem Monopolverbot zur Verhinderung undemokratischer Konzentrationen &#246;konomischer Macht,</p>
<p>Demokratisierung der Strukturen des Wirtschaftslebens,</p>
<p>Freiheit der Gewerkschaften und Streikrecht.«</p></blockquote>
<p>Es ist auff&#228;llig, dass in den Jahren zuvor ziemlich fest gef&#252;gte Gruppierungen, wie die Initiative Frieden und Menschenrechte oder gr&#252;ne Organisationen, einen l&#228;ngeren Zeitraum brauchten, um sich auf diese neuen Entwicklungen einzustellen. »Unsere Gruppierung war klein und sehr stark auf sich bezogen«, erkl&#228;rte IFM-Mitbegr&#252;nder Werner Fischer dieses Ph&#228;nomen. »Durch den anhaltenden Stasi-Druck waren wir ersch&#246;pft; teilweise gab es Misstrauen untereinander. So hielten wir erst am 28. Oktober unser landesweites Treffen ab, als andere sich bereits ziemlich fest formiert hatten.«</p>
<p>Und f&#252;r die Gr&#252;ne Partei sagte deren damaliges Mitglied Vera Wollenberger, dass sie sich von Anfang an um ein &#246;kologisches B&#252;rgerrechtsb&#252;ndnis bem&#252;ht habe, das aber nicht zu machen war. Eigentlich h&#228;tte sie sich auch dem Neuen Forum anschlie&#223;en k&#246;nnen; es habe bei ihr pers&#246;nliche Gr&#252;nde gegeben, das nicht zu tun. Sicher haben die Aktivisten der IFM und der &#246;kologischen Gruppen nach den langj&#228;hrigen schlimmen Erfahrungen mit der Staatsmacht auch keinen Glauben daran gehabt, dass sich die Entwicklung so schnell, so weitgehend unblutig und letztlich beinahe reibungslos vollziehen w&#252;rde. Ihnen fehlte die Naivit&#228;t der Masse, die sich &#252;ber alle Bedenken hinwegsetzte und zun&#228;chst nur ein alle einendes Ziel kannte: Ver&#228;nderung!</p>
<p>Da fiel es anfangs auch kaum auf, dass just in diesem Moment, als die Befreiung begann, ein Differenzierungsprozess innerhalb des oppositionellen Lagers einsetzte. Die Gr&#252;ndung der genannten vier Organisationen sowie vieler weiterer kleinerer Gruppen war eine logische Folge der Tatsache, dass das gemeinsame Ziel in greifbare N&#228;he r&#252;ckte und sich nun die Frage stellen w&#252;rde: Wie weiter? Die Gruppen waren sich einig darin gewesen, wogegen sie sind; sie waren es nicht mehr, sobald zu beantworten war, wof&#252;r sie eintreten. »Das Neue Forum«, so Wolfgang Ullmann, »wollte von vornherein kein Programm schreiben, sondern lediglich eine Diskussionsplattform bilden, auf der Programme &#252;berhaupt erst einmal vorgestellt werden konnten. Das halte ich f&#252;r eine sehr originelle Idee, aber wir als Demokratie jetzt haben ein ganz explizites politisches Programm vorgelegt und dann gefragt: Wer macht dabei mit?«</p>
<p>Gerd Poppe erkl&#228;rt diesen Differenzierungsprozess mit dem nat&#252;rlichen Drang nach Pluralismus: »Nach den langen Jahren des Zentralismus war Vielfalt gefragt, die Differenzierung wurde zur Tugend erkl&#228;rt.« Aber er wei&#223; auch – wie viele Aktivisten der Bewegung, dass pers&#246;nliche Differenzen und Animosit&#228;ten eine ebenfalls nicht unwesentliche Rolle spielten. Die Bemerkung von Vera Wollenberger deutete das schon an.</p>
<p>Letzterer Faktor d&#252;rfte eine gr&#246;&#223;ere Rolle gespielt haben, als viele Leute eingestehen wollen. Denn betrachtet man die einzelnen Programme und Erkl&#228;rungen der Gruppen, dann &#252;berwiegen eindeutig die Gemeinsamkeiten. Und es gab bis in den Oktober hinein auch Initiativen, das gemeinschaftliche Handeln &#252;ber alle Differenzierung hinweg zu erhalten. Deutlichster Beleg daf&#252;r war die Zusammenkunft von Vertretern der Gruppen am 4. Oktober, als sie eine gemeinsame Erkl&#228;rung verabschiedeten, die sich vor allem mit den Modalit&#228;ten k&#252;nftig Wahlen besch&#228;ftigte. Dr. Ullmann nannte dies die Geburtsstunde des »Wahlb&#252;ndnisses 90«, das noch im Jahre 1990 existierte und am 3. Dezember acht Abgeordnete in den Deutschen Bundestag entsandte. Sp&#228;ter aber strebten die neuen Gruppen aus einander, und das »B&#252;ndnis 90« reduzierte sich nur auf einen Teil der urspr&#252;nglichen Oppositionsbewegung.</p>
<p>Wolfgang Ullmann sah daf&#252;r zwar auch pers&#246;nliche Gr&#252;nde, wollte aber doch vor allem unterschiedliche politische Richtungsentscheidungen nicht unbeachtet wissen. Dies habe besonders f&#252;r die damalige SDP und. den Demokratischen Aufbruch gegolten, in denen es sp&#228;ter ebenfalls zu inneren Differenzierungsprozessen kam. Sie setzten vor allein dann ein, als sich gro&#223;e westdeutsche Parteien f&#252;r ihnen nahestehende Kr&#228;fte in der damaligen DDR interessierten und ihren Einfluss geltend machten. »Eppelmann hatte schon immer sehr enge Kontakte zu Norbert Bl&#252;m, war geradezu mit ihm befreundet«, so Ullmann, »und Bl&#252;m hat Eppelmann den Zugang zu Kohl vermittelt, Damit war die politische Orientierung gegeben.« Ullmanns Sicht wird durch Dokumente des MfS gest&#252;tzt, das schon im Februar 1988 berichtet hatte: »Insbesondere Eppelmann unternahm 1987 Versuche, seine Kontakte zu Parteien und Pers&#246;nlichkeiten des politischen Lebens der BRD auszuweiten. Streng intern wurde bekannt, dass er neben Gespr&#228;chen mit Mitgliedern der SPD und der CDU, die sich in der Hauptstadt aufhielten, eine Reise in dringenden Familienangelegenheiten in die BRD zur Aufnahme pers&#246;nlicher Beziehungen zu f&#252;hrenden Pers&#246;nlichkeiten der BRD (u. a. Bundespr&#228;sident von Weizs&#228;cker, Au&#223;enminister Genscher und Bundestagspr&#228;sident Jenninger) missbrauchte. Nach eigenen Aussagen sei es Eppelmann gelungen, den etablierten Parteien der BRD zu demonstrieren, dass die ›unabh&#228;ngige Friedensbewegung‹ in der DDR nicht ausschlie&#223;lich auf die ›Gr&#252;nen‹ fixiert ist. F&#252;r die Perspektive seien solche Beziehungen entstanden, die stabil und ausbauf&#228;hig seien.« So wird verst&#228;ndlich, wenn Eppelmann schlie&#223;lich zu Aiffassungen gelangte, die bei seinen Mitk&#228;mpfern auf Unverst&#228;ndnis stie&#223;en. »Es ist traurig, wie einige – ich nenne ausdr&#252;cklich Eppelmann – heute Positionen vertreten, die weit ab von unseren fr&#252;heren Zielen sind«, so der Kommentar Werner Fischers schon Mitte 1990.</p>
<p>Auch Ibrahim B&#246;hme, viele Jahre einer der zuverl&#228;ssigsten St&#252;tzen der Initiative Frieden und Menschenrechte, ging einen anderen Weg, wobei Gerd Poppe einr&#228;umte: »Bei Meckel und B&#246;hme war der &#220;bergang zur SPD absehbar. Das wurde schon aus Ihrer Einstellung zur Staatslehre Hegels ablesbar.« Und auch f&#252;r Werner Fischer war die Umorientierung B&#246;hmes keine &#220;berraschung: »Er und andere wollten eben in eine Partei, weil sie da mehr zu bewirken hofften.« Die sp&#228;tere Entwicklung der SDP hin zur SPD, sehr stark von der westdeutschen Schwester beeinflusst, lie&#223; Ibrahim B&#246;hme immer st&#228;rker in Widerspruch zu seinen fr&#252;heren Vorstellungen und Idealen geraten &#8230; (Die Rolle B&#246;hmes als IM der Staatssicherheit war zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Textes noch nicht bekannt. &#8211; d. Verf.)</p>
<p>All diese inneren Differenzierungen bei der Entwicklung der B&#252;rgerrechtsbewegung wirkten sich jedoch on der damaligen zeit nicht negativ auf den Erfolg der Massenaktionen gegen das alte stalinistische System aus. »Die Gruppen sind so stark geworden, weil sie in der Sache recht hatten«, sagte nach der Wende der fr&#252;here Staatssekret&#228;r f&#252;r Kirchen fragen in der DDR-Regierung, Klaus Gysi, »unabh&#228;ngig davon, aus welchen Motiven sie ihre Fragen stellten. Vielleicht hatten sie letztlich antisozialistische, konterrevolution&#228;re Absichten, aber was sie vertraten, war im Kern richtig, Es war ein Fehler, sich damit nicht auseinanderzusetzen.« Und sein Widerpart in vielen Gespr&#228;chen, der Berlin-Brandenburgische Konsistorialpr&#228;sident Manfred Stolpe, sah drei Faktoren, die zu jenem Zeitpunkt im Herbst 1989 eine Aufhalten der Prozesse nicht mehr m&#246;glich machten: »die eindeutige Position, die die Kirche mit ihrer September-Synode bezogen hat, die Ermutigung, die f&#252;r viele von den Gruppen ausging, die Massenabwanderung in den Westen«.</p>
<p>Tats&#228;chlich erwies sich die Partei- und Staatsf&#252;hrung der DDR bereits im August/September 1989 als derart gel&#228;hmt, dass sie zu wirksamen Reaktionen &#252;berhaupt nicht mehr f&#228;hig war. Repressivma&#223;nahmen, das einzige Mittel, &#252;ber das sie noch verf&#252;gte, l&#246;sten immer weniger Angst aus; sie konnten zwar noch – bis hin zu einer »chinesischen L&#246;sung« – eskaliert werden, aber auch dar&#252;ber gab es mittlerweile in der F&#252;hrung und im Sicherheitsapparat unterschiedliche Auffassungen, In Dresden begann sich der dortige Erste Sekret&#228;r der SED-Bezirksleitung, Hans Modrow, vorsichtig von der Linie der zentralen F&#252;hrung abzusetzen. Er forderte Ende September &#246;ffentlich den Dialog mit der Bev&#246;lkerung und praktizierte ihn als einer der ersten noch vor Honeckers Abl&#246;sung. »Daf&#252;r wurde er in einer Beratung mit den Bezirkssekret&#228;ren fast an die Wand geklatscht«, berichtete MfS-Generalmajor Horst Felber, der zu diesem Kreis geh&#246;rte. »Es gab in dieser Phase keine klare Orientierung mehr. Heute hie&#223; es h&#252;h und morgen hott.«</p>
<p>Im MfS selbst breitete sich einerseits – Felbers Angaben zufolge – ebenfalls Unruhe aus. Andererseits wurden die Z&#252;gel straff angezogen. &#220;ber mehrere Zwischenstufen verk&#252;ndete Mielke f&#252;r die 85 000 Angeh&#246;rigen seines Hauses am 8. Oktober »volle Dienstbereitschaft«, was beinahe permanente Anwesenheit auf der Dienststelle hie&#223;. »Keiner wusste, wohin sich die Lage entwickelt«, beschrieb Felber sp&#228;ter die Situation. »Es gab auch bei uns keine Orientierung mehr. Keiner wusste so recht, was richtig ist. Die Mehrzahl der Mitarbeiter wollte kein Blutvergie&#223;en. Sie hatten regelrecht Angst davor, dass Mielke den Schie&#223;befehl erteilt.« Er wusste keine Antwort darauf, was in einem solchen Fall passiert w&#228;re, jedoch durfte man sich zu gro&#223;e Illusionen wohl nicht machen. Die Ereignisse um den 7. und 8. Oktober sollten zeigen, dass die Angeh&#246;rigen des MfS noch jede, Befehl gehorchten. Und auch die hauseigene SED-Kreisleitung hatte ja bis zuletzt die Standhaftigkeit der »Tschekisten« beschworen.</p>
<p>Die Unsicherheit &#252;ber die Reaktionen einer angeschlagenen F&#252;hrung konnte zwar die Bev&#246;lkerung bei ihren Protesten nicht aufhalten, sie erkl&#228;rt aber die fast bis zuletzt gem&#228;&#223;igte Haltung der kirchlichen Offiziellen. Sie stellten die Menschen, die zu F&#252;rbittandachten in die Gottesh&#228;user str&#246;mten, unter ihren Schutz und versuchten ihnen auch zu helfen, als sie nach Verlassen der Kirchen mit den Sicherungskr&#228;ften konfrontiert waren. »Aber wir baten darum, von Demonstrationen abzusehen«, erl&#228;uterte sp&#228;ter Bischof Forck seine damalige Position. »Das h&#228;tte auf Polizei und Staatssicherheit nur provozierend gewirkt. Viele nahmen uns das &#252;bel, und faktisch ist dieser Appell auch kaum beachtet worden. Aber wir konzentrierten uns auf die F&#252;rbitte, die Information, die mit der Information verbundene Verk&#252;ndigung. Unser Beteiligtsein an Demonstrationen bestand in der Aufnahmevon Demonstranten, die in die Kirchen flohen.«</p>
<p>Die Bundessynode Mitte September in Eisenach hatte auch »friedliche Demonstrationen« als eine M&#246;glichkeit des Protestes anerkannt, doch die unw&#228;gbare Lage lie&#223; viele Kirchenf&#252;hrer eine vorsichtige Haltung einnehmen. Konsistorialpr&#228;sident Dr. Stolpe nannte daf&#252;r einen wesentlichen Grund: »F&#252;r das Verhalten der Kirche war eine der Kernfragen: Wie reagieren die Russen, die Sowjets? Ich habe noch bis Anfang Dezember 1989 damit gerechnet, dass im Ernstfall – also wenn es darum geht, das Regime zu erhalten oder fallen zu lassen – die Sowjetunion sich f&#252;r die St&#252;tzung des Regimes entscheiden w&#252;rde. Das ist bei mir und Leuten meiner Generation nat&#252;rlich die biografische Erfahrung des Juni 1953.«</p>
<p>So beschr&#228;nkte sich die evangelische Kirche in vielem auf so etwas wie »Schadensbegrenzung«. Gottfried Forck: »Nat&#252;rlich richteten wir an den Staat Mahnungen und Forderungen, die Leute nicht zu schlagen, nicht zu verletzen. Und wir nahmen auch die Berichte der Betroffenen entgegen, um sie dem Staat vorzuhalten. Uns ging es darum, sch&#252;tzend vor die Leute zu treten, um weiteres Unrecht zu vermeiden.«</p>
<p>Zahlreiche Pastoren in einzelnen Gemeinden gingen jedoch veiter, engagierten sich aktiv, und selbst das Berliner Konsistorium tat insgeheim mehr als damals zugegeben wurde. Nach Darstellung von Dr. Stolpe sah die Kirche die im Sp&#228;tsommer 1989 einsetzende Verselbst&#228;ndigung der Gruppen nicht. ungern und unterst&#252;tze sie aktiv. »Es hat immer Querverbindungen gegeben«, sagte er, »was einschloss, dass wir in diesem Hause viele Dokumente f&#252;r die Gruppen produziert haben. Die Startpapiere f&#252;r die einzelnen Gruppen wurden zumeist hier hergestellt.« Wolfgang Ullmann best&#228;tigte das ausdr&#252;cklich; der Aufruf von Demokratie jetzt sei auf Manfred Stolpes Schreibmaschine getippt worden.</p>
<p>Das Verdienst der evangelischen Kirche an der Entwicklung in der damaligen DDR ist unbestritten; unter ihrem Dach konnte sich der Protest – erst langsam und stockend, dann immer schneller und wirksamer – entwickeln. Aber in der Endphase, im Sommer und Herbst 1989, emanzipierten sich nicht nur die Gruppen von der Kirche, sondern auch die Massen. Das, was in Kirchenh&#228;usern begann, erlangte auf der Stra&#223;e erst jene Dynamik, die das alte Regime hinwegfegte. Das zeigte sich &#252;berall, wo die Demonstrationen in schnellem Tempo zunahmen, das zeigte sich ganz besonders auch in Leipzig, der Stadt, wo die Demonstranten am kompromisslosesten und zugleich am mutigsten ihr Forderungen stellten. Die Massenkundgebungen hier wie an vielen anderen Orten des Landes waren die Kr&#246;nung der jahrelangen Bem&#252;hungen der B&#252;rgerrechtsbewegung.</p>
<p>Die Leipziger Friedensgebete gab es seit Anfang der 80er Jahre. Sie waren damals ein Reflex auf den NATO-Doppelbeschluss, der neue Atomwaffen in den Westen Deutschlands bringen sollte, ebenso wie auf das Vorgehen der DDR-Organe gegen die unabh&#228;ngige Friedensbewegung und ihr Symbol, das Zeichen »Schwerter zur Pflugscharen«. Jeden Montag 17 Uhr trafen sich junge Leute in der Nikolaikirche zur stillen Andacht. Diese Institution hielt sich – mit Schwankungen – &#252;ber die Jahre und bakam neue Schwungkraft im Januar 1988, nach den Vorg&#228;ngen um die Liebknecht/Luxemburg-Demonstration in Berlin. Schon lange zuvor waren die verschiedenen kirchlichen Gruppen in die Gestaltung des Friedensgebets einbezogen worden; nun verst&#228;rkte sich jene latent immer vorhandene inhaltliche Tendenz der Zuwendung zum inneren Frieden. Hinzu kamen mehr und mehr Ausreisewillige, die Rat und Trost in ihrer bedr&#228;ngten Lage suchten. Das Geschehen in der Nikolaikirche politisierte sich – nicht gerade zur Freude der Kirchenleitung und auch des Gemeindekirchenrates. Pfarrer Magirius jedenfalls suchte die Gebete wieder auf eine religi&#246;se Basis zu stellen – zu einem Zeitpunkt, als ihm weder die Gruppen noch viele, die hier die einzige Artikulationsm&#246;glichkeit f&#252;r ihre Probleme sahen, darin folgen mochten.</p>
<p>Nach den Leipziger Ereignissen vom Januar 1989 kam es erneut zu einem Aufschwung der Friedensgebete, in denen nun die Opposition mehr und mehr eine gestaltende Rolle spielte. Der Staat verlangte daraufhin deren Absetzung, was aber schon nicht mehr m&#246;glich war. Im Gegenteil, die Ereignisse des Jahres 1989 machten diese Protestform immer wichtiger und unverzichtbarer – demgegen&#252;ber stand die zunehmend nerv&#246;se Reaktion von Partei und Staat. Denn nun nahmen an den Montagsgebeten schon so viele teil, dass die Kirche nicht mehr ausreichte, sich Hunderte und schlie&#223;lich Tausende auf dem Vorplatz versammelten. Am 4. September – w&#228;hrend der Leipziger Messe – forderten sie erstmals mit Transparenten und Sprechch&#246;ren Ver&#228;nderungen in der Gesellschaft; die Polizei schritt hier wegen des zahlreichen internationalen Publikums nicht ein. Doch eine Woche sp&#228;ter wurden die aus der Kirche str&#246;menden 1300 Gebetsbesucher von Polizei und Staatssicherheit empfangen. Ein Augenzeuge beschrieb das Folgende in den »Umweltbl&#228;ttern«:</p>
<blockquote><p>»Der nach 10 Minuten erfolgenden polizeilichen Aufforderung, die Versammlung gef&#228;hrde die &#246;ffentliche Ordnung und Sicherheit und sei aufzul&#246;sen, leisteten die Besucher Folge, so dass nach dreimaliger Androhung eines Polizeieinsatzes zur R&#228;umung des Platzes noch etwa 600 Menschen auf dem Kirchhof waren. Daraufhin erfolgte der angedrohte Polizeieinsatz. Mehrere hundert Uniformierte r&#252;ckten in Ketten vor und trieben gewaltsam die Menschenmenge, von der keinerlei Provokation ausgegangen war, Richtung nahe gelegenes Revier. Dabei wurden 104 Personen festgenommen und, teilweise unter Schl&#228;gen, auf LKWs der Bereitschaftspolizei verladen und vorl&#228;ufig festgenommen.«</p></blockquote>
<p> Eine Woche sp&#228;ter wiederholte sich der Vorgang, doch die von Partei und Staat erhoffte Wirkung der Repressalien trat nicht ein. Stattdessen stie&#223;en imrner mehr Unzufriedene zu den Kirchenbesuchern, breitete sich die Protestbewegung wie ein Lauffeuer aus.</p>
<p>Am 25. September waren es nach Z&#228;hlung der Staatssicherheit bereits 2000 Teilnehmer, von denen die H&#228;lfte sich wegen &#220;berf&#252;llung der Kirche auf dem Vorplatz und in den Zugangsstra&#223;en versammelte. Anschlie&#223;end kam es zur ersten Montags-Demonstration in Leipzig, &#252;ber die das MfS so berichtete:</p>
<blockquote><p>»Nach Beendigung der Veranstaltung vereinten sich die Teilnehmer mit den auf dem Vorplatz versammelt gewesenen Personen zu einer auf ca. 3500 Personen angewachsenen Menschenansammlung (hinsichtlich dieser Anzahl ist zu beachten, dass sich zu dieser Zeit in diesem Raum eine starke Personenbewegung vollzieht und sich deshalb unter diesen Personen auch normal dort bewegende bzw. sich aus Neugierde dort aufhaltende Personen befanden), die sich gegen 18.20 Uhr, initiiert durch eine ca. 300k&#246;pfige Personengruppe, durch das Stadtzentrum in Leipzig in Richtung Georgiring bewegte. Diese Gruppe initiierte au&#223;erdem Sprechch&#246;re mit Rufen wie ›Freiheit‹ und den Gesang der Internationale sowie des Liedes ›We shall overcome‹. Gegen 18.50 Uhr begab sich diese Personenansammlung in voller Stra&#223;enbreite zum Vorplatz des Hauptbahnhofes Leipzig, zog weiter zum Friedrich-Engels-Platz und kehrte von da aus zum Hauptbahnhof zur&#252;ck, wo sie sich teilweise aufl&#246;ste. Ca, 800 Personen rotteten sich in der Westhalle des Hauptbahnhofes zusammen, wo sie – wie bereits w&#228;hrend des Marsches – im Sprechchor ›Neues Forum zulassen‹ riefen. Diese Personenkonzentration im Hauptbahnhof wurde durch Einsatzkr&#228;fte der DVP aufgel&#246;st.«</p></blockquote>
<p>Obwohl nach diesem Montag der Staat durch massive Einflussnahme auf die s&#228;chsische Kirchenleitung und die Pfarrer der Nikolaikirche eine Wiederholung zu verhindern suchte, waren es am 2. Oktober etwa 20 000 Menschen, die erneut durch die Leipziger Innenstadt zogen. Auch hier wieder der MfS-Bericht:</p>
<blockquote><p>»Gegen 18.25 Uhr setzte sich die Personenansammlung demonstrativ in Richtung Grimmaische Stra&#223;e, Karl-Marx-Platz in Bewegung und zog dann weiter &#252;ber den Georgiring in Richtung Hauptbahnhof/Tr&#246;ndlinring. Durch konzentrierten Einsatz der Schutz- und Sicherheitsorgane sowie der Kampfgruppen konnte gegen 19.15 Uhr die Personenbewegung auf dem Tr&#246;ndlinring/ Ecke Nordstra&#223;e zun&#228;chst gestoppt werden. Dabei wurden wiederum Parolen gerufen. Insbesondere durch Gruppen Jugendlicher kam es zu t&#228;tlichen Angriffen auf VP-Angeh&#246;rige, verbunden mit verleumderischen Beschimpfungen. Teilweise gelang es diesen Kr&#228;ften, die Sperrketten der Volkspolizei zu durchbrechen. Gegen 20.20 Uhr versuchten sich in H&#246;he Thomaskirchhof erneut ca. 1500 Personen zu formieren und in Richtung Innenstadt/Markt zu marschieren. Zur Verhinderung diese Vorhabens, insbesondere zur Abwehr der von diesen Kr&#228;ften ausgehenden t&#228;tlichen Angriffe und zur Gew&#228;hrleistung der Sicherheit der eingesetzten Kr&#228;fte der Volkspolizei, war der Einsatz des Schlagstockes und von Diensthundef&#252;hrern mit Diensthunden (mit Korb) erforderlich.«</p></blockquote>
<p>Und dann kam jener 9. Oktober, an dem in Leipzig 70 000 auf der Stra&#223;e waren und wo die reale Gefahr einer gewaltsamen Konfrontation zwischen Demonstranten und Staatsmacht bestand. Wie w&#252;rden erstere mit ihrem gewachsenen Selbstvertrauen umgehen? Wie w&#252;rden letztere die Machtfrage »Wer &#8211; Wen?« beantworten? Im Vorfeld der Demonstration wurden drei Aufrufe ver&#246;ffentlicht alle drei mit dem gleichen Tenor: Keine Gewalt!</p>
<p>Das Neue Forum schrieb:</p>
<blockquote><p>»Provoziert nicht, lasst Euch nicht provozieren.</p>
<p>Durchbrecht keine Absperrungen</p>
<p>Keine Konfrontation mit BePo und Kampfgruppen</p>
<p>Dialog</p>
<p>Sch&#252;tzt die Polizisten vor &#220;bergriffen</p>
<p>Stoppt Betrunkene, Provokateure &#8211; Alle Gewaltt&#228;tigen</p>
<p>Geht nach Ende der Demo friedlich nach Hause</p>
<p>Unterlasst Einzelaktionen.«</p></blockquote>
<p>Die kirchlich orientierten Arbeitskreise bzw. Arbeitsgruppen Gerechtigkeit, Menschenrechte und Umweltschutz baten:</p>
<blockquote><p>»Enthaltet Euch jeder Gewalt!</p>
<p>Durchbrecht keine Polizeiketten, haltet Abstand zu Absperrungen!</p>
<p>Greift keine Personen oder Fahrzeuge an!</p>
<p>Entwendet keine Kleidungs- oder Ausr&#252;stungsgegenst&#228;nde der Einsatzkr&#228;fte!</p>
<p>Werft keine Gegenst&#228;nde und enthaltet Euch gewaltt&#228;tiger Parolen!</p>
<p>Seid solidarisch und unterbindet Provokationen!</p>
<p>Greift zu friedlichen und phantasievollen Formen des Protestes!</p>
<p>An die Einsatzkr&#228;fte appellieren wir:</p>
<p>Enthaltet Euch der Gewalt!</p>
<p>Reagiert auf Friedfertigkeit nicht mit Gewalt!</p>
<p>Wir sind ein Volk. Gewalt unter uns hinterl&#228;sst ewig blutende Wunden.«</p></blockquote>
<p>Und schlie&#223;lich appellierten unmittelbar vor Beginn des Friedensgebets sechs Leipziger Pers&#246;nlichkeiten gemeinsam an die Demonstranten: Gewandhauskapellmeister Kurt Masur, der Pfarrer Peter Zimmermann, der Kabarettist Bernd Lutz Lange sowie Kurt Meier, Jochen Pommert und Roland W&#246;zel, alle drei Sekret&#228;.re der SED-Bezirksleitung Leipzig. Sie versprachen den Dialog mit der Bev&#246;lkerung und baten »dringend um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog m&#246;glich wird«.</p>
<p>Dieser Appell war gepr&#228;gt von der Besorgnis, es k&#246;nnte sich am Abend des 9. Oktober in Leipzig wiederholen, was an den Tagen zuvor in Berlin geschehen war. Dort hatte sich das Gesicht der Staatsmacht zur brutalen Fratze verzerrt, und es stand zu bef&#252;rchten, dass es in Leipzig noch schlimmer kommen k&#246;nnte. Die Berliner Geschehnisse enth&#252;llten sich zwar f&#252;r die &#214;ffentlichkeit erst viel sp&#228;ter, als n&#228;mlich im Novenber ein Untersuchungausschuss zur Aufkl&#228;rung der Vorg&#228;nge am 7. und 8. Oktober seine Arbeit aufnahm; die Kirche aber war stets mit der staatlichen Gewalt konfrontiert. Suchten doch die Betroffenen bei ihr Zuflucht und berichteten &#252;ber gewaltsame &#220;bergriffe. In einem Ged&#228;chtnisprotokoll des Berliner Stadtjugendpfarramtes hie&#223; es:</p>
<blockquote><p>»Am Sonntag, dem 3. Oktober 1989, um ca. 24 Uhr, wurde ich mit anderen Passanten auf der Sch&#246;nhauser Allee vom Wachregiment Felix D. v&#246;llig &#252;berraschend zugef&#252;hrt. Das Wachregiment kam aus der Willi-Bredel-Stra&#223;e in einer Kettenformation um die Ecke auf die Sch&#246;nhauser Allee gerannt und umstellte uns – Zuschauer der brutalen Polizeieins&#228;tze gegen Demonstranten. Wir, darunter altere Menschen, eine schwangere Frau und Anwohner, wurden auf ›LKWs‹ (2) verladen und nach einer Irrfahrt von einer ›Verwahranstalt‹ Berlins zur anderen in der, VP-Inspektion Marzahn abgeliefert. Frauen und M&#228;nner wurden getrennt. Wir M&#228;nner mussten uns auf dein Hof der Inspektion mit dem Gesicht zur Wand aufstellen und wurden dann nach und nach gewaltsam in eine Garage geschleppt. Einige erhielten Schl&#228;ge mit dem Gummikn&#252;ppel von mehreren Polizisten gleichzeitig, was zum Teil zum regelrechten Spie&#223;rutenlauf wurde. Uns wurden die pers&#246;nlichen Dinge abgenommen, die Schn&#252;rsenkel aus den Schuhen gezogen und die Personalien festgestellt. Wer dabei nicht schnell genug in den Augen der VP-Angeh&#246;rigen war, bezog immer wieder Pr&#252;gel mit dein Gummikn&#252;ppel. Nach dieser Erstaufnahme kamen wir in eine gr&#246;&#223;ere LKW-Garage. Dort wurden wir gezwungen, uns nebeneinander mit dem Gesicht zur Wand aufzustellen: die Beine weit auseinander und die H&#228;nde hinter den Kopf. Nun begannen die sadistischen ›Spiele‹ der Abschnittsbevollm&#228;chtigten: die ganze Nacht &#252;ber mussten wir (ca. 6 Stunden) mal ›Beine auseinander‹, mal im ›Stillgestanden‹ stehen. Wenn einer nicht ›ruhig‹ stand, wurde er getreten und geschlagen. Es durfte nicht gesprochen werden und es war verboten, sich im Raum umzusehen.«</p></blockquote>
<p>Nach hartn&#228;ckigem Leugnen und nur scheibchenweisem Zugeben der Wahrheit musste schlie&#223;lich der Staat sein gewaltsames Vorgehen eingestehen. Am 19. November berichtete der damalige Generalstaatsanwalt Wendland vor der Volkskammer, dass in der gesamten DDR 3456 Personen »zugef&#252;hrt« worden waren, die meisten in Berlin und Dresden. Und weiter:</p>
<blockquote><p>»Im Zusammenhang mit den Zuf&#252;hrungen um den 7. Oktober kam es zu &#220;bergriffen von Angeh&#246;rigen der Schutz- und Sicherheitsorgane, vor allem T&#228;tlichkeiten und die W&#252;rde der zugef&#252;hrten Personen verletzendem Verhalten. Es ist besonders unertr&#228;glich, dass das auch im Gewahrsam geschah. &#220;bergriffe bestanden vor allem im k&#246;rperlichen Zwang gegen&#252;ber Personen, die zugef&#252;hrt waren; im Gewahrsam befindlich, wurden Personen geschlagen, &#252;ber lange Zeit zum Stehen zum Teil in k&#246;rperlich schmerzhaften Stellungen gezwungen, auch beleidigt und auf andere Weise erniedrigend behandelt. Zu den &#220;bergriffen z&#228;hlen wir auch die Tatsache, dass gesetzliche Fristen der Zuf&#252;hrungen vielfach &#252;berschritten wurden. Dazu z&#228;hlt auch die Tatsache, dass in einer Reihe von F&#228;llen erkennungsdienstliche Ma&#223;nahmen gegen&#252;ber in Gewahrsam genommenen Personen durchgef&#252;hrt wurden. Insgesamt wurden 76 Ermittlungeverfahren wegen &#220;bergriffen inzwischen eingeleitet. Dabei haben wir 33 Personen ermittelt, die Angeh&#246;rige der Schutz- und Sicherheitsorgane waren. Es sei festgestellt worden, dass Befugnis&#252;berschreitungen in Anwesenheit von vorgesetzten Offizieren erfolgten. Deren Verantwortlichkeit wird ebenfalls gepr&#252;ft. 43 Ermittlungsverfahren wurden gegen Unbekannt eingeleitet. Die bisher eingeleiteten Ermittlungsverfahren betreffen vors&#228;tzliche K&#246;rperverletzung, &#8211; in einem Fall sogar eine schwere K&#246;rperverletzung -, N&#246;tigung und Beleidigung. In dem Verfahren wegen, schwerer K&#246;rperverletzung wurde Anklage erhoben. Drei v/eitere Anklagen werden vorbereitet.«</p></blockquote>
<p>Sp&#228;ter stellte sich heraus, dass das Ausma&#223; der gewaltsamen Gesetzesbr&#252;che durch »Gesetzesh&#252;ter« viel gr&#246;&#223;er war – und mit diesem heutigen Wissen ist zu ermessen, welch gef&#228;hrliche Situation in jenen Tagen bestand. Die alptraumhafte »chinesische L&#246;sung« lag damals durchaus im Bereich des M&#246;glichen.</p>
<p>Deshalb waren die Initiativen in Leipzig ein echter Durchbruch – weg von der Gewalt, hin zum politischen Dialog. Die bewirkten das »Wunder«, dass der 9. Oktober in der Messestadt insgesamt friedlich verlief. Der MfS-Bericht vermerkt das, l&#228;sst aber zugleich durchblicken, dass Vorkehrungen getroffen waren, die zu einer blutigen Eskalation h&#228;tten f&#252;hren k&#246;nnen: »Am 9. Oktober 1989 kam es im Zeitraum von 18.35 Uhr bis gegen 20.30 Uhr im Stadtzentrum von Leipzig erneut zu einer nichtgenehmigten Demonstration von ca. 70 000 Personen, darunter eine erhebliche Anzahl aus anderen Bezirken. Die Demonstration verlief von der Nikolaikirche (Sammelpunkt) aus &#252;ber die bekannte Strecke bis zum Hauptbahnhof, wo sie sich selbst&#228;ndig aufl&#246;ste. Es kam zu keinen Gewalthandlungen; vorbereitete Ma&#223;nahmen sur Verhinderung/Aufl&#246;sung kamen entsprechend der Lageentwicklung nicht zur Anwendung.« Damit war – ob gewollt oder ungewollt – eine Grundsatzentscheidung gefallen, von der es kein Zur&#252;ck mehr gab. Noch dauerte es zwar einige qu&#228;lende Tage, bis das Gespr&#228;ch zwischen den Regierenden und »ihrem« Volk tats&#228;chlich begann. Noch klammerte sich die greise SED-F&#252;hrung an ihre Positionen, aber eine gute Woche sp&#228;ter mu&#223;ten Honecker, Mittag und Herrmann abtreten. Die Proteste der Massen erzielten ihre ersten Resultate, der Umbruch begann. Die Opposition von unten, die jahrelang als »Untergrund« geschm&#228;hte B&#252;rgerbewegung wurde zum Dialogpartner f&#252;r die noch M&#228;chtigen und erwies sich ihnen dabei bald sowohl moralisch denn auch sachlich &#252;berlegen. Ihr jahrelanger Kampf trug endlich Fr&#252;chte – wenn auch nicht lange.</p>
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		<title>Vor 20 Jahren &#8211; Realit&#228;tsverlust in der »Wagenburg«</title>
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		<pubDate>Fri, 17 Oct 2008 10:40:45 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Un&#252;bersehbar war im Herbst 1988 die Unzufriedenheit in weiten Teilen der DDR-Bev&#246;lkerung &#252;ber die Verh&#228;ltnisse in ihrem Land geworden. Und ebenso deutlich zeigten sich wachsendes Selbstbewusstsein vieler B&#252;rger, vor allem der Jugend. Der Staat DDR und die ihn beherrschende Einheitspartei SED hatten samt ihrem Geheimdienst Staatssicherheit darauf keine ad&#228;quate Antwort mehr, weil sie die Ursachen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Un&#252;bersehbar war im Herbst 1988 die Unzufriedenheit in weiten Teilen der DDR-Bev&#246;lkerung &#252;ber die Verh&#228;ltnisse in ihrem Land geworden. Und ebenso deutlich zeigten sich wachsendes Selbstbewusstsein vieler B&#252;rger, vor allem der Jugend. Der Staat DDR und die ihn beherrschende Einheitspartei SED hatten samt ihrem Geheimdienst Staatssicherheit darauf keine ad&#228;quate Antwort mehr, <span id="more-530"></span>weil sie die Ursachen der Inneren Prozesse nicht verstehen wollten und sie au&#223;erhalb der DDR-Grenzen suchten &#8211; vorrangig im Westen, aber nun auch schon in der Sowjetunion Gorbatschows. Immer mehr zog sich die DDR-F&#252;hrung in eine Wagenburg zur&#252;ck, aus der sie so unbrauchbare wie aggressive Signale sandte. Ein Beispiel daf&#252;r waren zwei Reden, die Stasi-Chef Erich Mielke in der zweiten Oktoberh&#228;lfte 1988 hielt und die als Orientierung f&#252;r die Arbeit des Sicherheitsapparates gelten sollten, sich jedoch f&#252;r die weitere Entwicklung als &#228;u&#223;erst kontraproduktiv erwiesen.</p>
<p>Dar&#252;ber entstand etwa zwei Jahre sp&#228;ter, im Sommer 1990, nachfolgender Text, der die damaligen Ereignisse rekapituliert und in einen gr&#246;&#223;eren Zusammenhang zu stellen versucht. Zwar ist heute das Geschehen vor 20 Jahren gr&#252;ndlicher erforscht als damals, nur Monate danach; dennoch kann diese bislang unver&#246;ffentlichte Darstellung neben ihrem dokumentarischen Teil einiges zur seinerzeitigen Atmosph&#228;re am Ende einer Epoche aussagen.</p>
<p> </p>
<h2>Realit&#228;tsverlust in der »Wagenburg«</h2>
<p><img src="http://vg05.met.vgwort.de/na/88035f60397649e6b6e40daad64d66d5" width="1" height="1" alt=""><br />
Erich Mielke, Minister f&#252;r Staatssicherheit der DDR, hielt im Oktober 1988 zwei wichtige Reden, mit denen er die 85 000 Angeh&#246;rigen des Ministeriums auf die kommenden »Kampfaufgaben« einschw&#246;ren wollte. Diese Reden zeigten zum einen eine relativ genaue Kenntnis der Lage und zum anderen ein v&#246;lliges Unverst&#228;ndnis f&#252;r ihre Ursachen und Hintergr&#252;nde. Die daraus gezogenen Schlussfolgerungen f&#252;hrten zu jener Sicherheitskonzeption des <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/09/12/vor-20-jahren-ossietzky-schueler-als-antisozialistische-plattform-im-blauhemd/" target="_blank">totalen Misstrauens </a>gegen&#252;ber allen Vorg&#228;ngen, die nicht von der Partei- und Staatsf&#252;hrung selbst organsiert waren, und zur fl&#228;chendeckenden &#220;berwachung der gesamten Gesellschaft und ihrer Aktivit&#228;ten, gleich, wo sie erfolgten.</p>
<p>Mielke dozierte bei seinem Auftreten auf einer Tagung der Aufkl&#228;rungsorgane sozialistischer L&#228;nder am 17. Oktober &#252;ber die internationale Lage und warnte dabei vor dem Angriff auf die Grundfesten des Sozialismus, ohne dass er M&#246;glichkeiten sah, auf diese &#228;u&#223;eren Prozesse im Sinne ihrer Begrenzung Einfluss nehmen zu k&#246;nnen. Deshalb orientierte er darauf, im Innern eine l&#252;ckenlose Abwehr zu organisieren. Dieses »Wagenburg«-Denken versuchte er allen seinen Unterstellten einzuimpfen &#8211; und auf dieser Konferenz sogar den Vertretern der verb&#252;ndeten Sicherheitsdienste. Er sagte: »Gemeinsam stehen wir vor der Notwendigkeit, uns in der Aufkl&#228;rungs- und Abwehrt&#228;tigkeit auf die neuen Bedingungen der internationalen Lage, auf die gesteigerten subversiven Angriffe des Feindes, die teils sehr offen, teilweise aber auch sehr verschleiert, demagogisch verbr&#228;mt vorgetragen werden, und die sich daraus ergebenden wesentlich h&#246;heren Sicherheitserfordemisse umfassend einzustellen.« Und weiter: »Unseres Erachtens erlangt unter diesen ver&#228;nderten Bedingungen die Ausschaltung jeglicher vom Feind ausgehender &#220;berraschungen auf allen Gebieten ein noch gr&#246;&#223;eres Gewicht. Die Verantwortung zur rechtzeitigen Aufkl&#228;rung und objektiven Einsch&#228;tzung der gegen den Sozialismus gerichteten Pl&#228;ne, Absichten und Aktivit&#228;ten, der gegnerischen Vorgehensweisen, Mittel und Methoden ist erheblich gewachsen.«</p>
<p>Der Stasi-Chef konnte die erkennbaren positiven Tendenzen in der internationalen Politik, die besonders durch das neue Denken in der Sowjetunion gef&#246;rdert wurden, nicht leugnen, stellte sie im Kern aber zugleich in Frage: »Die positiven Ergebnisse und die sich abzeichnenden Ver&#228;nderungen sollten in unseren Reihen jedoch zu keinerlei Illusionen &#252;ber die unver&#228;nderte H&#228;rte und au&#223;erordentliche Kompliziertheit unseres weiteren Kampfes f&#252;hren. Wir haben in der politisch-operativen Arbeit davon auszugehen, dass der &#220;bergang von der Konfrontation zur Entspannung und internationalen Sicherheit noch nicht vollzogen werden konnte. Es gibt noch keine Garantie f&#252;r die Unumkehrbarkeit der begonnenen positiven Prozesse.«</p>
<p>Ganz besonders suspekt erschienen ihm die wachsenden Kontakte zwischen den Systemen: »Den Abr&#252;stungs- und Entspannungsprozess unterst&#252;tzen &#8211; das schlie&#223;t auch N&#252;chternheit im Herangehen, ein gesundes Misstrauen gegen&#252;ber dem Imperialismus, Illusionslosigkeit und Wachsamkeit ein. Das gilt auch f&#252;r die objektiv zunehmenden Kontakte unterschiedlichster Art zwischen den sozialistischen und kapitalistischen L&#228;ndern, die im Interesse der Durchsetzung der Politik des Dialogs und der Zusammenarbeit notwendig sind. Stets sollten wir dabei aber beachten, welche Ziele imperialistische Kreise mit diesen Kontakten verfolgen und welche m&#246;glichen Gefahren f&#252;r unsere L&#228;nder damit verbunden sind.«</p>
<p>Neun Tage nach dieser Rede sprach Mielke vor den Leitern der Kreisdienststellen des MfS und brachte dabei noch unverbl&#252;mter seine faktische Ablehnung von Entspannungsbem&#252;hungen zum Ausdruck, verriet aber zugleich ein elementares Unverst&#228;ndnis ihres Wesens und ihrer Perspektiven: »Nat&#252;rlich sind Abr&#252;stungsschritte auch und gerade im konventionellen Bereich notwendig, und da wird es auch zu Kompromissen kommen m&#252;ssen. Aber solchen Auffassungen, die auch hier und da in unseren L&#228;ndern zu h&#246;ren sind, wonach man im Interesse der Weiterf&#252;hrung des Abr&#252;stungsprozesses diesen Forderungen des Westens nachgeben m&#252;sste, kann und darf man unseres Erachtens nicht zustimmen &#8230; Wir sind f&#252;r die Verwirklichung der Schlussakte von Helsinki in allen ihren Bestandteilen und f&#252;r den weiteren Ausbau und die Vertiefung der Zusammenarbeit in Menschenrechts- und humanit&#228;ren Pr&#228;gen, auf den Gebieten der Kontakte und Informationen. Wir sind aber dagegen, einen Zusammenhang zwischen weiteren Abr&#252;stungsschritten und der Annahme erpresserischer Forderungen zu akzeptieren. Wir sind gegen solche von den: NATO-Staaten angestrebten Regelungen, mit denen sie sich umfassende M&#246;glichkeiten f&#252;r die Einmischung in die inneren Angelegenheiten unserer Staaten und f&#252;r die Mobilisierung und Formierung innerer feindlicher oppositioneller Kr&#228;fte verschaffen wollen. Darum geht es aber diesen Kreisen. Sie wollen die sozialistischen Staaten zu einseitigen Zugest&#228;ndnissen dr&#228;ngen, die ihnen die M&#246;glichkeit einr&#228;umen, praktisch legal, v&#246;lkerrechtlich sanktioniert in die sozialistischen L&#228;nder hineinzuwirken, konterrevolution&#228;re Kr&#228;fte und Gruppierungen zu initiieren, zu unterst&#252;tzen und mit ihnen ungehindert zusammenzuwirken.«</p>
<p>Generalmajor Horst Felber, bis zuletzt Erster Sekret&#228;r der SED-Kreisleitung im MfS und in dieser Funktion f&#252;r die »ideologische St&#228;hlung der Tschekisten« zust&#228;ndig, verwies in einem Gespr&#228;ch nach der Wende darauf, dass Mielke einen regelrechten Feindkomplex hatte: »Seine st&#228;ndigen Worte waren: Wir haben bei uns im Lande viele Feinde, Jungs. Nicht nur alte, sondern auch neue. Nat&#252;rlich ist nicht jeder ein Feind, es gibt auch Schwankende und Verdummte, wir m&#252;ssen differenzieren.« Aus der Sicht Felbers hatte eine solche Differenzierung &#8211; so sie &#252;berhaupt stattfand &#8211; jedoch die genaue Kenntnis &#252;ber das Denken und Tun der Menschen zur Voraussetzung. »Der Minister hatte daf&#252;r den Begriff der ›Wer-ist-wer-Aufkl&#228;rung‹ gepr&#228;gt«, so der Ex-General. »Das bedeutete, nicht nur Feinde zu bearbeiten, sondern eigentlich jeden. Ihm ging es darum zu wissen, auf wen er sich100-prozentig verlassen kann. Das bedeutete Aufkl&#228;rung im gro&#223;en Stil auch gegen jene, die &#252;berhaupt nicht als Gegner aufgefallen waren. Er wollte aber wissen: Wer ist wer?« Felber stellte das damals in engen Zusammenhang zu der anderen von Mielke oft verwendeten Floskel, keine &#220;berraschungen zuzulassen: »Auch dies bedeutete, alles zu wissen. Deshalb wurden ja die Strukturen so ausgeweitet. Alle Bewegungen, Regungen sollten rechtzeitig erfasst werden.«</p>
<p>Unverkennbar kam in den &#196;u&#223;erungen des fr&#252;heren Generals das Bem&#252;hen zum Ausdruck, f&#252;r die verfehlte Sicherheitspolitik der SED eine oder wenige Personen verantwortlich zu machen. Tats&#228;chlich jedoch entsprach Mielkes Vorgehen voll und ganz der Grundkonzeption der SED. Egon Krenz, damals Sekret&#228;r des Zentralkomitees der SED und zust&#228;ndig f&#252;r Sicherheitsfragen, behauptete ebenfalls nach dem Herbst 1989, dass die Politik Gorbatschows zwar nach au&#223;en hin und in ihren gro&#223;en Z&#252;gen bef&#252;rwortet wurde, jedoch nicht in den daraus zu ziehenden Schlussfolgerungen. Um dies zu vertreten, so meinte er r&#252;ckblickend, musste ein anderes Bild von der inneren Lage gezeichnet werden, w&#246;rtlich: »Wer Gorbatschows Politik nicht mitmachen wollte, musste in seinem Land eine andere Lage haben als er. Wir erkl&#228;rten sein Vorgehen damit, dass er eine bestimmte Situation habe. Die h&#228;tten wir nicht, und deshalb m&#252;ssten wir anders handeln.«</p>
<p>Das ging schlie&#223;lich so weit, dass sowjetische Theaterst&#252;cke, Filme und zuletzt sogar die Zeitschrift »Sputnik«, die Beitr&#228;ge aus der sowjetischen Presse in deutscher Sprache verbreitete, verboten wurden. Diese Entscheidung der Parteif&#252;hrung l&#246;ste &#252;berall im Land heftige Proteste aus, aber diese wurden von den Parteileitungen mit allen Mitteln niedergehalten. Mit den Kritikern wurden scharfe Aussprachen gef&#252;hrt und nicht wenige aus der Partei ausgeschlossen, wobei die Begr&#252;ndung zumeist nicht die Kritik am »Sputnik«-Verbot lieferte, sondern &#196;u&#223;erungen, die in diesen Aussprachen provoziert und dann als parteifeindlich deklariert wurden. Daran beteiligte sich auch die Parteiorganisation des MfS, in deren Reihen es ebenfalls vereinzelte Kritiker des Anti-Gorbatschow-Kurses der SED-F&#252;hrung gab. Felber r&#228;umte ein: »Wir haben uns den Forderungen unseres Zentralkomitees letztlich angepasst.«</p>
<p>Auch Krenz konnte nicht leugnen, dass nicht nur einzelne Personen in der F&#252;hrung versagten, sondern »dass insgesamt vers&#228;umt wurde, die Ganzheitlichkeit der Welt zu sehen und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen. So hat ein ganzes System versagt.« Er bezog das ausdr&#252;cklich auf den Umgang mit den oppositionellen Gruppen und der Kirche: »H&#228;tten wir uns an Gorbatschow orientiert, w&#228;ren wir fr&#252;her in einen Dialog mit den Oppositionellen eingetreten, Und die Kirche hat uns doch die ganze Zeit geholfen. Ohne ihre m&#228;&#223;igende Rolle w&#228;ren die Leute schon viel fr&#252;her auf die Stra&#223;e gegangen.«</p>
<p>Ein anderes SED-Politb&#252;romitglied, G&#252;nter Schabowski, spitzte die Antwort noch zu: »Die Rolle der Opposition wurde von der Parteif&#252;hrung nie wirklich reflektiert. Das waren f&#252;r uns antisozialistische Kr&#228;fte &#8211; nichts weiter. Sie waren illegal, feindlich, und mit Illegalen wird nicht viel Federlesen gemacht. Dagegen wurden alle Machtmittel eingesetzt.« Und diese von der SED-F&#252;hrung vorgegebene Einstellung pr&#228;gte mehr oder weniger auch alle subalternen Funktion&#228;re, Der im Ministerium f&#252;r Staatssicherheit f&#252;r die Bearbeitung der Kirche zust&#228;ndige Oberst Jochen Wiegand sch&#228;tzte &#8211; allerdings ebenfalls erst im Nachhinein &#8211; ein, dass die Pfarrer &#252;ber die Sorgen und N&#246;te der Menschen viel besser Bescheid wussten als die Parteifunktion&#228;re, »Die suchten oft &#252;berhaupt nicht die N&#228;he des Volkes«, sagte er, »einer erkl&#228;rte mir einmal sogar: Mich interessieren nicht die, die nicht mit uns &#252;bereinstimmen, sondern nur die, welche mit uns gehen.«</p>
<p>Die ungeachtet partieller Kritik zumindest Ende 1988 noch bestehende relative Geschlossenheit der SED best&#228;tigte auch Werner Fischer, einer der damals aktivsten B&#252;rgerrechtler, in einem Interview f&#252;r die kircheninterne Publikation »Umweltbl&#228;tter« . Nach seiner <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/01/17/vor-zwanzig-jahren-karl-und-rosa-zwischen-den-fronten/" target="_blank">R&#252;ckkehr aus westlichem Exil </a>sah er keine Anzeichen von Liberalisierung: »Obwohl viele Funktion&#228;re durch die neue Politik Moskaus wach geworden sind und es schon ein erhebliches Potential nachdenklicher Leute im Apparat gibt &#8211; was Hoffnung macht -, wird an der alten Machtpolitik festgehalten.«</p>
<p>Durften also die &#252;berall sichtbaren negativen Erscheinungen in der DDR und vor allem die wachsende Unzufriedenheit des Volkes keine vom sozialistischen System selbst produzierten Ursachen haben, so mussten diese anderen, &#228;u&#223;eren Kr&#228;ften angelastet werden. Mielke gab auch dazu in allgemeiner Form eine Vorgabe, als er in seiner Rede vor den Leitern der MfS-Kreisdienststellen die Hauptinitiatoren der »politisch-ideologischen Diversion« benannte: »Diplomaten, darunter abgedeckt t&#228;tige Geheimdienstmitarbeiter, und akkreditierte st&#228;ndige sowie Reisekorrespondenten &#8230; aus dem Operationsgebiet (damit war die damalige Bundesrepublik gemeint &#8211; d. Verf.), einreisende hauptamtliche Geheimdienstmitarbeiter, Mitarbeiter sogenannter Ostforschungseinrichtungen, Polittouristen und andere.« Er rechnete dazu ausdr&#252;cklich die Politiker verschiedener Parteien und stellte fest, die subversive T&#228;tigkeit erfolge »nicht nur durch f&#252;hrende imperialistische Kreise und ihre Organe und Institutionen. Die Sozialdemokratie, die Gr&#252;nen bis hin zur Kirche sind ebenfalls bestrebt, die Umgestaltungsprozesse, die inneren Entwicklungsprobleme und Schwierigkeiten in einzelnen sozialistischen L&#228;ndern zu nutzen, um ihre antisozialistischen Pl&#228;ne und Absichten durchzusetzen.«</p>
<p>Diese allgemeine Orientierung ihres Ministers konkretisierten die einzelnen Stasi-Diensteinheiten dann entsprechend den jeweiligen Bedingungen, und nicht selten wurde dabei noch eins drauf gesetzt. F&#252;r die Bezirksverwaltung Berlin war somit Anfang 1989 bereits klar: »Ausgehend von unseren Erkenntnissen der vergangenen Jahre ist zu erwarten, dass von den imperialistischen Geheimdiensten, den Zentren der politisch-ideologischen Diversion, von rechts- und pseudolinken Gruppen und Einzelpersonen sowie anderen feindlich-negativen Organisationen Aktivit&#228;ten zur St&#246;rung der politischen H&#246;hepunkte im 40, Jahr des Bestehens unserer Republik unternommen werden.« Und als ersten Gegner machten die Berliner Tschekisten die Massenmedien der Bundesrepublik aus: »Die mittels der gegnerischen Punkmedien immer umfangreicher gef&#252;hrte politisch-ideologische Diversion ist in ihrer Gesamtheit darauf ausgerichtet, die Partei und die DDR zu verleumden und ihr internationaler Ansehen herab zuw&#252;rdigen, der Partei- und Staatsf&#252;hrung vor allem ›Dialogunf&#228;higkeit‹ zu unterstellen. In den Berichten und Kommentaren gegnerischer Funkmedien wird intensiver als je zuvor versucht, Unmut gegen die Innenpolitik der Partei und Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen Verh&#228;ltnissen in der DDR zu stimulieren. Die Partei sei nicht bereit, so die Hauptthese des Gegners, sich neuen gesellschaftlichen Erfordernissen zu stellen und f&#252;rchte einen umfassenden Dialog mit den Werkt&#228;tigen.«</p>
<p>&#196;hnlich vereinfacht wurden auch die anderen »gegnerischen Kr&#228;fte« betrachtet, zum Beispiel die zahlreichen Menschen der Bundesrepublik, die die damalige DDR besuchten. Die Berliner MfS-Bezirksverwaltung stellte fest, dass die Einreise von westlichen Jugendgruppen und Einzeltouristen vor allem diene,<br />
»- zur Verbreitung antikommunistischer Argumente, b&#252;rgerlicher Lebensvorstellungen und sogenannter alternativer Auffassungen unter unseren jungen Menschen,<br />
- zur Beschaffung von Informationen &#252;ber famili&#228;re und soziale Bedingungen, den Freizeit-, Ausbildungs- bzw. Arbeitsbereich der Jugend der Hauptstadt,<br />
- zur Entwicklung bzw. Festigung von Kontakten mit antisozialistischer Ausrichtung &#8230;«<br />
Inhaltlich m&#252;sste sich deshalb das Ministerium vorbereiten auf<br />
»- eine Zunahme von Diskussionsinhalten zur angeblichen Wiedervereinigung, zu Fragen der Nation, zur Bedeutung der Musik als nationales Kulturelement usw. ,<br />
- noch konkretere Kenntnisse bzw. Pseudokenntnisse der Jugendlichen &#252;ber das reale Leben im Sozialismus mit all seinen Problemen. Diese Kenntnisse k&#246;nnen den Einreisenden durchaus den direkten pers&#246;nlichen Zugang zu den Alltagsproblemen unserer Jugendlichen erleichtern, weil sie eine scheinbare Glaubw&#252;rdigkeit unterst&#252;tzen,<br />
- noch intensivere Auswertung und Erfassung geschlossener Kontakte durch feindliche Stellen, die F&#246;rderungsmittel bereitstellen.«</p>
<p>In analoger Weise enthielten s&#228;mtliche einschl&#228;gigen Befehle, Richtlinien usw. dieses Indoktrinationsmuster: Immer musste der Angriff von au&#223;en erfolgen. Die vorgeblich makellose innere Beschaffenheit der DDR konnte nur durch &#228;u&#223;ere Einfl&#252;sse zum Negativen ver&#228;ndert werden. Und genau das galt es abzuwehren. Solche Auffassungen wurden von der &#252;bergro&#223;en Mehrheit der MfS-Mitarbeiter ernst genommen. Ex-Generalmajor Felber sah das sehr simpel: »Die Mitarbeiter des Ministeriums wollten die DDR zum Guten hin ver&#228;ndern. Sie glaubten, dass die oppositionellen Gruppen die DDR zerst&#246;ren wollten. B&#228;rbel Bohley war f&#252;r uns nat&#252;rlich ein Feind, der die DDR liquidieren wollte. Einzelne Aussagen dieser Oppositionellen, die wir h&#228;tten akzeptieren k&#246;nnen, betrachteten wir als taktische Formulierungen, denen kein Glauben zu schenken sei.«</p>
<p>So konnte sich gegen jeden gesunden Menschenverstand die von Melke vorgegebene Linie durchsetzen. Das MfS stand zu seinem Dienstherrn, der SED, und es folgte &#8211; wenn vielleicht da und dort auch widerwillig &#8211; den Weisungen und Befehlen des Ministers Melke. Allerdings erkannten immer rnehr Mitarbeiter angesichts der Realit&#228;t des Jahres 1989 ihre Hilflosigkeit, das Sinnlose ihres Tuns. Doch sie konnten und wollten sich nicht aus den Fesseln l&#246;sen, in denen sie gefangen waren. Der stellvertretende Leiter der Bezirksverwaltung Berlin des MfS, Oberst Zeiseweis, schilderte sp&#228;ter, dass er schon 1988 au&#223;er w&#228;hrend Kur und Urlaub an jeden Sonnabend und jedem zweiten Sonntag Dienst gemacht hatte. »So ging es auch vielen anderen. Trotzdem hat kaum einer gemurrt, weil sie gesehen haben, dass es nicht anders geht. Wenn wir die Dinge nicht aufhalten, wussten sie, konnte nur der Kapitalismus herauskommen, und den wollte keiner.« Zwar h&#228;tten viele der offiziellen und inoffiziellen Mitarbeiter wachsende Zweifel an der Richtigkeit dessen gehabt, was sie taten. »Die Skrupel vieler Mitarbeiter in ihren Beziehungen zu den Leuten, die sie bearbeitet haben, nahmen zu«, sagte er. »Sie haben oft gef&#252;hlsm&#228;&#223;ig mit diesen Leuten gebangt. Sie hatten im Laufe der Zeit feste emotionale Bindungen zu ihnen ausgebildet und sahen zugleich die immer geringere Wirksamkeit unserer Ma&#223;nahmen, dass staatlicher Druck immer wirkungsloser wurde.</p>
<p>Auch Manfred Stolpe hatte von kirchlichen Vertretern, die Kontakte zur Staatssicherheit unterhielten, erfahren, dass es innerhalb des MfS Anzeichen von Missvergn&#252;gen und Kritik an der Haltung der eigenen F&#252;hrung gab. »Angesichts ihrer genauen Lagebeurteilung haben sie wohl die Aussichtslosigkeit ihres Handelns zunehmend erkannt«, kommentierte er das. Dennoch machten die MfS-Mitarbeiter in ihrer &#252;bergro&#223;en Mehrzahl weiter. Ex-General Felber versuchte, diese Entwicklung vor allem mit &#8211; zweifellos vorhandenen &#8211; pathologischen Z&#252;gen im Denken und Verhalten , Mielkes zu erkl&#228;ren: »Mielke wies an, dass tausend in Bereitschaft zu stehen hatten. Bei jeden gr&#246;&#223;eren Ereignis war eine ›Tiefensicherung‹ zu organisieren. Er hatte Freude daran, Menschen und Truppen zu bewegen. Er empfand Genugtuung, wenn er Macht aus&#252;ben konnte.«</p>
<p>Im Herbst 1988 versuchte die Stasi-F&#252;hrung noch einmal, den Apparat voll auf ihre verderbliche Linie auszurichten. Das gelang, was das Ministerium selbst anging. Das gelang auch im wesentlichen dem Parteiapparat hinsichtlich der SED und den Staatsorganen. Ein ganzes Volk konnte aber auf diese Weise nicht unter Kontrolle gebracht werden, und oppositionelle Gruppen mit ihrer Phantasie und Unberechenbarkeit f&#252;r den Staat schon gar nicht. Der schon genannte Zeiseweis definiert mit einem gewissen Respekt des Begriff »Politische Untergrundt&#228;tigkeit«, mit dem das oppositionelle Wirken bezeichnet wurde: »Dies war eine geschickte Verbindung von offiziellem T&#228;tigwerden und konspirativem Wirken. Je mehr eine Opposition durch den Staat bedr&#228;ngt wird, desto mehr ist sie dazu gezwungen, illegal zu arbeiten. Und das taten sie.«</p>
<p>Die B&#252;rgerrechtsgruppen, die Kirchen und andere Oppositionelle konnten ach dabei auf immer gr&#246;&#223;ere Zustimmung der Bev&#246;lkerung st&#252;tzen. In dem Ma&#223;e, wie staatliche Repression wuchs, die Sicherheitsorgane immer neue, immer abwegigere Argumentationen vorlegten, mit denen sie ihr zunehmend repressives Vorgehen begr&#252;ndeten, in dem Ma&#223;e entwickelte sich auch der Widerstand, der zun&#228;chst vor allem in einer Zuwendung zur Opposition zum Ausdruck kam. Das hatte sich bereits im <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/06/16/vor-zwanzig-jahren-null-bock-bei-der-kampfreserve/" target="_blank">Sommer 1988 </a>gezeigt, als die T&#228;tigkeit kirchlicher und anderer<br />
oppositioneller Gruppen allm&#228;hlich anwuchs. Beispielhaft daf&#252;r ist der Kalender »subversiver Aktivit&#228;ten« des Monats Juni 1988, wie ihn die Berliner MfS-Bezirksverwaltung dem ersten SED-Sekret&#228;r Schabowski und anderen hohen Parteifunktion&#228;ren mitteilte. Die Aufstellung enthielt unter anderem:<br />
&#8220;1. 6. Gemeindeveranstaltung in der Kirchgemeinde Alt-Pankow zum Thema &#8216;Coventry&#8217;<br />
2. 6. Treffen von &#220;bersiedlungssersuchenden (&#220;E) in der Berliner Stadtbibliothek (Nutzung einer Veranstaltung der ›Urania‹, Thema: ›Vertrauensbildung als Sicherheitsfaktor‹)<br />
3. 6. Zusammenkunft der IFM (Initiative f&#252;r Frieden und Menschenrechte &#8211; d. Verf.) mit MdB, Fraktion ›Die Gr&#252;nen‹, Dr. Wilhelm Knabe, in der UB (Umweltbibliothek &#8211; d. Verf.)<br />
4. 6. Diskussion &#252;ber Dokument ›Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit‹ in der UB<br />
5. 6. Gottesdienst mit &#220;E in der Sophiengemeinde<br />
7. 6. Er&#246;ffnung einer Ausstellung ›Malerei und Grafik &#8211; B&#228;rbel Bohley‹ in der UB<br />
9. 6. Vortrag und Diskussion zum Thema <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/09/22/vor-20-jahren-iwf-tagung-als-begrenzter-freiraum-der-ddr-opposition/" target="_blank">›Internationaler W&#228;hrungsfonds‹ </a>in der UB<br />
12. 6. Gottesdienst mit &#220;E in der Bekenntnisl&#228;rche / Beginn der Festwoche anl&#228;sslich des 275j&#228;hrigen Bestehens der Sophienkirche vom 12. bis 19.6. mit Gottesdiensten, Orgelkonzerten, Nachmittagen f&#252;r &#196;ltere, Bl&#228;sermusik, M&#228;rchenkom&#246;die, Sommerfest, Chorsingen, Filmen ›&#220;ber<br />
unseren Kietz‹<br />
13. 6. Veranstaltung des &#8216;Friedenskreises Friedrichsfelde zumThema ›Golfkrieg‹ in der Gemeinde Alt-Friedrichsfelde<br />
14. 6. Veranstaltung zur ›Geschichte und Gegenwart Rum&#228;niens‹ in der UB<br />
18. 6. Sommerfest des ›Friedenskreises Friedrichsfelde‹ mit Liedermachern, Theater und Basar der M&#246;glichkeiten in der Gemeinde Alt-Friedrichsfelde<br />
19. 6. Gottesdienst mit UE in der Gethsemanekirche<br />
21.6. Gedenkandacht zum Thema ›Frieden und Gerechtigkeit‹ in der Gethsemanekirche<br />
24.6. Gemeindefest der Kirchgemeinde Alt-Pankow im ›Supturgarten‹ in Berlin-Pankow (Superintendentur)<br />
26. 6. ›Friedenswerkstatt‹ in der Erl&#246;serkirche / Lesung mit Elke Erb in der UB / Gottesdienst mit &#220;E in der Sophienkirche<br />
28. 6. ›Die Narzissenk&#246;nigin‹ &#8211; ein Pl&#228;doyer f&#252;r Phantasie (.alternatives Theater) in der UB<br />
30. 6. Thema I &#252;ber ›SO 36‹ (Kreuzberg) unter dem Titel ›Ein Haus haben‹ in der UB‹.</p>
<p>Diese Veranstaltungen und ihre zunehmende Resonanz bei den B&#252;rgern waren die Voraussetzung daf&#252;r, dass sich die oppositionellen Kr&#228;fte im Herbst/Winter 1988/89 immer besser formieren, ihre Aktivit&#228;ten noch weiter r&#228;umlich und inhaltlich ausdehnen konnten und ihre Organisation verbesserten &#8211; wichtige Grundlagen f&#252;r die entscheidenden Ereignisse des Jahres 1989, die die bereits br&#246;ckelnde Wagenburg g&#228;nzlich zerst&#246;ren sollten.</p>
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		<title>Vor 21 Jahren – Mit dem Olof-Palme-Pilgerweg fing alles an</title>
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		<pubDate>Fri, 05 Sep 2008 18:58:45 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Heute ist es 21 Jahre her, dass sich im damaligen Ostberlin, aber auch anderswo in der DDR etwas ereignete, das nicht selten als der Anfang der offenen, demonstrativen Oppositionsbewegung im Lande gewertet wurde. Einer Oppositionsbewegung zumal, der erstmals gestattet war, sich mit ihren Anliegen, ihren Losungen zu pr&#228;sentieren - ein Zugest&#228;ndnis des Staates, hinter das [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Heute ist es 21 Jahre her, dass sich im damaligen Ostberlin, aber auch anderswo in der DDR etwas ereignete, das nicht selten als der Anfang der offenen, demonstrativen Oppositionsbewegung im Lande gewertet wurde. Einer Oppositionsbewegung zumal, der erstmals gestattet war, sich mit ihren Anliegen, ihren Losungen zu pr&#228;sentieren <span id="more-456"></span>- ein Zugest&#228;ndnis des Staates, hinter das sich fortan die Opposition in der DDR nicht mehr zur&#252;ckdr&#228;ngen lie&#223;. Dieses Ereignis ist Gegenstand eines Textes, der im Sommer 1990 entstand. Zwar ist heute das Geschehen vor 20 Jahren gr&#252;ndlicher erforscht als damals, nur Monate danach; dennoch kann diese bislang unver&#246;ffentlichte Darstellung neben ihrem dokumentarischen Teil einiges zur seinerzeitigen Atmosph&#228;re zu einer Zeit aussagen, die sich sp&#228;ter als das Ende einer Epoche erwies.</p>
<h2>Mit dem Olof-Palme-Pilgerweg fing alles an</h2>
<p><img src="http://vg09.met.vgwort.de/na/450129aac3da47fb80bc22a382d18818" width="1" height="1" alt=""/><br />
Im September 1987 ereignete sich etwas, das man eigentlich kaum noch f&#252;r m&#246;glich gehalten hatte. Hunderte Demonstranten ganz unterschiedlicher politischer Auffassungen zogen &#252;ber die Stra&#223;en der DDR und artikulierten auf Schildern und Spruchb&#228;ndern ihre eigene Meinung. Der Anlass war der »Olof-Palme-Friedensmarsch f&#252;r einen atomwaffenfreien Korridor in Europa«, der damals quer &#252;ber unseren gesamten Kontinent f&#252;hrte. Neben dem von SED. und Staat kontrollierten Friedensrat und offiziellen gesellschaftlichen Organisationen wie der FDJ, dem FDGB, der DSF (Gesellschaft f&#252;r deutsch-sowjetische Freundschaft) nahmen erstmals mit einer gewissen Gleichberechtigung auch kirchliche Friedensgruppen teil. Sie hatten in Berlin einen »Pilgerweg« organisiert, der in der Nacht vom 5. auf den 6. September durch die Stadtbezirke Mitte und Prenzlauer Berg f&#252;hrte. Er begann in der Zionskirche, ging dann zur Segenskirche, weiter zur Eliaskirche und endete schlie&#223;lich in der Gethsemanekirche.</p>
<p>Unterwegs w&#252;rden die Pilger, die Kerzen und Transparente mit sich f&#252;hrten, von der Volkspolizei geleitet, die streckenweise den Stra&#223;enverkehr stoppte. Niemand ging gegen die Demonstranten vor, und Losungen wie »Frieden ist nur m&#246;glich durch Gerechtigkeit und Wahrheit«, »Keine Feindbilder in der Schule und im Kindergarten«, »Gorbatschow &#8211; Demokratie &#8211; Frieden«, »Friedenskunde statt Wehrkunde«, »F&#252;r einen zivilen Ersatzdienst« und »Mehr Kultur im politischen Streitgespr&#228;ch« wurden nicht beanstandet.</p>
<p>Die B&#252;rgerrechtler in den verschiedenen oppositionellen Gruppen, in den kirchlichen Friedenskreisen und der Umweltsohutzbewegung sch&#246;pften Hoffnung, Sollte nach Jahren der Unterdr&#252;ckung und Verfolgung endlich Vernunft einziehen? Ulrike Poppe, noch vor einigen Jahren mit B&#228;rbel Bohley wegen eines Aufrufs gegen den damals gerade eingef&#252;hrten Milit&#228;rdienst f&#252;r Frauen f&#252;r mehrere Wochen ins Gef&#228;ngnis gesteckt, dr&#252;ckte in der wichtigsten oppositionellen Publikation »Der Grenzfall« Optimismus aus: »Es ist Bewegung zu sp&#252;ren. Ob es der laue Ostwind<br />
ist, der auch hier Gem&#252;ter erw&#228;rmt, die wirtschaftliche Situation, die immer dr&#252;ckender wird, die nukleare Bedrohung oder die unserer Umwelt, die zur Vernunft mahnen, zum Dialog zwingen &#8211; viele Faktoren m&#246;gen die sich anbahnenden Ver&#228;nderungen notwendig und m&#246;glich machen. Ich will es erst einmal rosig sehen.«</p>
<p>Wolfgang R&#252;ddenklau, einer der f&#252;hrenden K&#246;pfe der Umweltbibliothek, die sich 1986 bei der Zionskirche etabliert hatte, best&#228;tigte drei Jahre sp&#228;ter die damaligen Hoffnungen: »1987 schien &#252;berhaupt ein Liberalisierungsjahr. Der Staatsratsvorsitzende wollte in die Bundesrepublik Deutschland reisen. Man wollte sich au&#223;enpolitisch profilieren, aus Berlin &#8211; es war auch das Jahr<br />
der 750-Jahr-Feier der Stadt &#8211; ein schmuckes Schaufenster machen. Dazu kamen wohl wirtschaftliche Zw&#228;nge, denn von Schalck-Golodkowski wissen wir jetzt, dass die DDR seit 1983 fast permanent vor der Zahlungsunf&#228;higkeit stand«. Die Gruppen empfanden den pl&#246;tzlich gew&#228;hrten Freiraum als etwas Unerh&#246;rtes, aber sie reagierten nat&#252;rlich nicht mit wohlerzogener Dankbarkeit, sondern dadurch, dass sie die errungenen kleinen Freiheiten nicht nur zu erhalten, sondern noch auszubauen suchten. Andere, wie der erfahrene Gerd Poppe, seit Jahren in der<br />
»Initiative Frieden und Menschenrechte« (IFM) aktiv und immer wieder mit der Staatsmacht und ihrer Unberechenbarkeit konfrontiert, urteilten &#252;ber diese Zeit skeptischer: »Es ging wohl mehr um die Honecker-Reise, f&#252;r die sollte ein g&#252;nstiges Klima geschaffen werden.« Er erinnerte daran, dass das von SED und SPD gemeinsam erarbeitete Dokument »Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit« nach der R&#252;ckkehr Honeckers aus Bonn schleunigst umfunktioniert wurde.</p>
<p>Heute wissen wir, dass es im Politb&#252;ro der ZK der SED tats&#228;chlich nie eine ernsthafte Diskussion &#252;ber mehr demokratische Wirkungsm&#246;glichkeiten Andersdenkender oder gar einen Dialog<br />
mit oppositionellen Gruppen gegeben hat. Egon Krenz, Mitglied des Politb&#252;ros seit 1983 und damit selbst in der Verantwortung stehend, berichtete &#252;ber die Aktionen jenes Jahres gegen den Aufkleber »Schwerter zu Pflugscharen«, der ein Denkmal abbildete, das die Sowjetunion der UNO in New York schenkte. Die FDJ, die damals die als neutralistisch empfundene Losung durch das parteiliche »Gegen Nato-Waffen Frieden schaffen« ersetzen wollte, wurde sogar dabei behindert. Den Hardlinern im Politb&#252;ro war selbst dies zu pazifistisch. Auch in den Jahren danach habe es immer wieder Kritik an jeder von der Parteilinie auch nur leicht abweichenden &#196;u&#223;erung gegeben. Wie schon zuvor das genannte SED/SPD-Papier., so sei auch der Olof-Palme-Marsch allein als ein au&#223;en-politische» Ereignis betrachtet worden, das mit inneren Entwicklungen nichts zu tun habe. »Das Politb&#252;ro hatte zwar die Grundkonzeption des Marsches behandelt, aber die in der Vorlage angesprochene ›politische Breite‹ wurde allenfalls so verstanden, dass neben roten auch noch blaue Fahnen zugelassen wurden«, sagte Krenz nach der Wende. »Auf gar keinen Fall war daran gedacht, dass die politische Opposition auf die Stra&#223;e geht.«</p>
<p>Jochen Wiegand, bis zum Fr&#252;hjahr 1990 Oberst in der auch f&#252;r die Bek&#228;mpfung »politischer Untergrundt&#228;tigkeit« zust&#228;ndigen Hauptabteilung XX des damaligen Ministeriums f&#252;r Staatssicherheit, best&#228;tigte hernach diese Sicht und f&#252;gte interessante Details hinzu: Einige Abteilungsleiter des Zentralkomitees und f&#252;hrende Vertreter des DDR-Friedensrates &#8211; darunter Honeckers Schwager Feist &#8211; erhofften sich von einem positiven Verlauf des Honecker- Besuches in der Bundesrepublik pers&#246;nliche Vorteile f&#252;r Karriere und Ansehen, Sie wirkten mit Hilfe .des Staatssicherheit auf die Kirche ein, um diese zu m&#246;glichst breiter, zugleich aber nat&#252;rlich systemkonformer Beteiligung am Olof-Palme-Marsch zu veranlassen. Dies gelang nicht im gew&#252;nschten Ma&#223;e. Vor allem junge Leute in den Friedensgruppen, lie&#223;en sich keine<br />
Fesseln anlegen und pr&#228;sentierten Forderungen, die in der Bewegung schon lange aktuell waren. Zwar hatte der Olof-Palme-Marsch tats&#228;chlich die beabsichtigte g&#252;nstige Wirkung auf die Visite des Staatsratsvorsitzenden in Bonn; die westliche Presse war damals geradezu des Lobes voll &#252;ber die offensichtlich einsetzenden Liberalisierungsprozesse in der DDR. Aber gerade das weckte das Misstrauen jener, die in jedem noch so kleinen Zugest&#228;ndnis an andere Meinungen den Anfang vom Ende ihrer ideologischen Unfehlbarkeit sahen.</p>
<p>Wiegand berichtete, was er &#252;ber die erste Dienstbesprechung seines Ministers Brich Mielke nach der R&#252;ckkehr &#8216;Honeckers aus Bonn erfuhr: »Er war au&#223;er sich. Es gab einen Heidenspektakel. Er schwor f&#246;rmlich, dass dies das erste und letzte Mal war, dass solche konterrevolution&#228;ren Aktionen zugelassen wurden.« Bis dahin hatte es selbst in der Staatssicherheit durchaus unterschiedliche Bewertungen des »Pilgerweges« in Berlin gegeben. Die Bezirksverwaltung der DDR-Hauptstadt schrieb in. ihrem Bericht &#252;ber die Veranstaltung:</p>
<p>»Nach; einer ersten Einsch&#228;tzung des ›Pilgerweges‹ wird erkennbar: den Organisatoren war offensichtlich vordergr&#252;ndig an der Durchf&#252;hrung des ›Pilgerweges‹ und nicht an einer Konfrontation mit dem Staat gelegen; die Hoffnung der Veranstalter auf einen spontanen Zulauf w&#228;hrend des ›Pilgerweges‹ erf&#252;llte «ich nicht.« Zugleich wurde aber Kritik an den unerw&#252;nschten Losungen ge&#252;bt, und gegen&#252;ber der Kirche sollte in Auswertung des Ereignisses zum Ausdruck gebracht werden, dass »die staatliche Erwartung nicht erf&#252;llt, bei einem Teil der mitgef&#252;hrten Losungen die Toleranzschwelle &#252;berschritten und die den staatlichen Vertretern vorgetragene Konzeption zum Verhalten gegen&#252;ber den Journalisten westlicher Medien zu dieser Veranstaltung nicht realisiert wurde.«</p>
<p>In dieser Einsch&#228;tzung kommt deutlich die zwiesp&#228;ltige Haltung zum Ausdruck, die das Vorgehen der Staatssicherheit immer wieder pr&#228;gte &#8211; eine Gratwanderung zwischen Zugest&#228;ndnissen, die das Streben nach internationalen Ansehen f&#252;r die DDR erzwang, und Repressivma&#223;nahmen, die eine tiefergehende Wirkung verhindern sollten.</p>
<p>Der damalig« stellvertretende Leiter der MfS-Bezirksverwaltung Berlin und Einsatzleiter beim Olof-Palme-Marsch, Ex-Oberst Kurt Zeiseweis, der auch in st&#228;ndiger Verbindung mit der SED-Bezirksleitung stand, brachte diese Taktik auf einen Begriff: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass! Er sei pers&#246;nlich immer von dem Standpunkt ausgegangen, dass man aus den KSZE-Beschl&#252;ssen und dem Vorhandensein einer Opposition in der DDR nur, den Schluss ziehen konnte, irgendwie mit ihr zu leben, ohne sie aber zu stark werden zu lassen,&#8217;»Beim Palme-Marsch praktizierten wir das so, wie wir es eigentlich f&#252;r richtig hielten, aber hinterher war in bestimmten Kreisen die Emp&#246;rung gro&#223;, und dem haben wir uns immer wieder unterworfen.« Tats&#228;chlich setzte sich am Ende prinzipiell immer die Linie der Repression und Unterdr&#252;ckung gegen die andere Variante aus Angeboten und Versprechungen durch. In diesem Sinne wurde dann auch aus dem Olof-Palme-Marsch im MfS folgende Schlussfolgerung gezogen: »Es . kann eingesch&#228;tzt werden, dass ausgehend von dem Versto&#223; des Veranstalters durch Nichteinhaltung gegen&#252;ber dem Staat gegebener Zusicherung ein k&#252;nftiges ›Nein‹ bei erneuten Ersuchen zum Genehmigen derartiger Veranstaltungen &#252;berzeugender in Gespr&#228;chen mit kirchenleitenden Vertretern begr&#252;ndet werden<br />
kann.«</p>
<p>Der stets auf »Gesetz und Ordnung«, auf eine Friedhofsruhe im gelobten Land des »Aufbaus des entwickelten Sozialismus« gerichtete Kurs der Staatssicherheit wurde im Herbst 1987 jedoch durch grundlegende politische Entscheidungen&#8217; zus&#228;tzlich bekr&#228;ftigt, ohne deren Kenntnis die Entwicklung der folgenden Jahre nicht zu verstehen ist. Ausgangspunkt dessen war der<br />
Besuch Erich Honeckers in der Bundesrepublik. Er fand zu einer Zeit statt, als sich der Druck auf die DDR verst&#228;rkte, ihrerseits gr&#252;ndlicher &#252;ber die Perspektiven ihres weiteren Weges und damit auch die Effizienz des von ihr verfolgten Gesellschaftsmodells nachzudenken, Immerhin vollzogen sich zu jener Zeit in der UdSSR bereits seit zwei Jahren tiefgreifende Wandlungsprozesse, die ihre Wirkung auch auf andere sozialistische L&#228;nder nicht verfehlten. Insbesondere das Januarplenum der KPdSU, wo Gorbatschow den Satz pr&#228;gte, der Sozialismus brauche die Demokratie wie die Luft zum Atmen, hatte viele B&#252;rgerrechtler ermutigt, nun ihrerseits entsprechende &#220;berlegungen und Schritte in der DDR anzumahnen. Auch Gesellschaftswissenschaftler nahmen sich &#8211; wenn auch zaghaft &#8211; der immer dr&#228;ngender werden Problematik an; sie nutzten zumindest die M&#246;glichkeiten, die sich aus der Vorbereitung des Honeoker-Besuches in der BRD ergaben, wie<br />
das SED/SPD-Papier deutlich zeigte.</p>
<p>M&#246;glicherweise bestand also in jenem Sommer 1987 eine gewisse Chance, dass die SED sich fortschrittlichen Gedanken der KPdSU mehr &#246;ffnet und wenigstens eine DDR-spezifische Variante der Perestroika einleitet. Vera Wollenberger, eine der Aktivistinnen der »Kirche von unten«, einer Gruppierung, die sich besonders engagiert am Olof-Palme-Friedensmarsch beteiligte, sah das jedenfalls unmittelbar nach der Wende so: »Damals h&#228;tte es die M&#246;glichkeit gegeben, einen sanften Reformkurs einzuleiten, Das Politb&#252;ro h&#228;tte auf seine alten Tage sogar noch mal die Chance gehabt, zu Volkshelden zu werden. Die Stimmung war so, aber sie haben diese historische Chance nicht nur verpasst, sondern geradezu in ihr Gegenteil verkehrt.&#8221;</p>
<p>Fragt man heute nach den Ursachen dieser Entwicklung, dann ist einer der Gr&#252;nde wohl darin zu sehen, wie der Besuch Honeckers in der BRD verlief und welche Ergebnisse er brachte. Man kann Wohl sogar sagen, dass das Auftreten Honeckers in Bonn, D&#252;sseldorf und M&#252;nchen und die Reaktion der bundesrepublikanischen Politiker darauf m&#246;glicherweise vorhandene Chancen gr&#252;ndlich zerst&#246;rt haben. Denn der &#252;beraus herzliche Empfang des Staatsratsvorsitzenden in der Bundesrepublik best&#228;rkte diesen in der Annahme, auf dem richtigen Weg zu sein. Die ZK-Tagung am 16, Dezember 1987 lie&#223; das deutlich erkennen: »Die Tatsache, dass das Staatsoberhaupt der DDR den internationalen Gepflogenheiten entsprechend mit Hymne, Staatsflagge und milit&#228;rischem Zeremoniell in Bonn empfangen wurde, gibt wohl den Kommentaren- der Weltagenturen recht, dass sich damit der Realismus endg&#252;ltig durchgesetzt hat. Tr&#228;ume sind Sch&#228;ume. Das hat sich ein weiteres Mal erwiesen, besonders in Bezug auf die Tr&#228;umereien am Kamin &#252;ber eine ›Wiedervereinigung‹. Das erkennen auch immer mehr die ma&#223;geblichen Kreise der BRD, die Repr&#228;sentanten der Wirtschaft, der Kultur und des Geisteslebens. Die von Genossen<br />
Erich Honecker betonte Wahrheit, dass sich Sozialismus und Kapitalismus ebenso wenig vereinigen lassen wie Feuer$r und Wasser, ist nunmehr bereits &#252;berall ins politisches Vokabular eingegangen.«</p>
<p>Aus dieser Einsch&#228;tzung wurde die Schlussfolgerung gezogen, dass jegliche Wende in der DDR, jegliche Anpassung an den sowjetischen Kurs &#252;berfl&#252;ssig sei; immerhin erzielte man ja gerade mit der harten, unnachgiebigen Linie jenen Erfolg. Und damit war auch das Urteil &#252;ber das k&#252;nftige Verh&#228;ltnis gegen&#252;ber der innenpolitischen Opposition gesprochen. MfS-Oberst Wiegand: »Honecker f&#252;hlte sich nach der Reise gest&#228;rkt. Er sah die eigene Politik best&#228;tigt und^wollte sie noch konsequenter weiterf&#252;hren. Das aber hie&#223; nicht weitere Liberalisierung, sondern Verh&#228;rtung, Der Spruch von der Unvereinbarkeit von Feuer und Wasser galt auch f&#252;r das weitere Vorgehen im Innern der DDR.«</p>
<p>Anzeichen dieser verh&#228;rteten Linie hatte es schon im Herbst verschiedentlich gegeben. Erinnert sei vor allem an die Auftritte des Politb&#252;ro-Mitgliedes Kurt Hager, dem die schwierige Aufgabe zufiel, die im SED/SPD-Dokument festgeschriebenen Zugest&#228;ndnisse de facto wieder zur&#252;ckzunehmen. Und so kam er in einer Rede vor dem Parteiaktiv des Bezirkes Frankfurt/Oder im Oktober 1987 zu der nach der Entspannungseuphorie der vorhergehenden Wochen ern&#252;chternden Feststellung: »Die gegenw&#228;rtige Situation wird durch eine weitere Versch&#228;rfung der ideologischen Auseinandersetzung zwischen sozialistischer und b&#252;rgerlicher Ideologie &#8230;. gepr&#228;gt.« In dieser ideologischen Schlacht m&#252;sse ber&#252;cksichtigt werden, »mit welcher Unverfrorenheit sich CDU-Politiker und BRD-Medien in die inneren Angelegenheiten der DDR einmischen. In &#252;berheblicher Weise spielen sie sich gegen&#252;ber den B&#252;rgern unserer Republik als Vormund auf, erteilen Ratschl&#228;ge, wie man den Sozialismus &#228;ndern sollte (als ob sie gl&#252;hende Anh&#228;nger des Sozialismus w&#228;ren). Kurz, sie betreiben im Sinne ihrer reaktion&#228;ren Ziele ein abgekartetes Spiel. Dazu geh&#246;rt auch, DDR-B&#252;rger zu verunsichern und ihrem Staat zu entfremden,« Hager spielte damit &#8211; au&#223;er auf die wachsende Zahl von Ausreisewilligen &#8211; wohl auch auf die oppositionellen Gruppen an, die gerade ihre Kontakte zu westlichen Politikern verst&#228;rkt hatten. Am 12. Oktober trafen sich einige in ihren Privatwohnungen mit amerikanischen Kongressmitgliedern und Bundestagsabgeordneten. Diese Aktivit&#228;ten, die auf eine Aufwertung der bis dahin ziemlich im Verborgenen agierenden Opposition hinausliefen &#8211; auf ihre Anerkennung nicht nur wie bisher durch die Gr&#252;nen und Vertreter der westeurop&#228;ischen Friedensbewegung, sondern nun auch durch b&#252;rgerliche Politiker, die zugleich mit SED-Politb&#252;romitgliedern und DDR-Regierungsvertretern verhandelten &#8211; diese Aktivit&#228;ten jedenfalls alarmierten SED und Staatssicherheit gleicherma&#223;en. &#8216;<br />
In einer Einsch&#228;tzung der Lage in der »Hauptstadt« formulierte damals der Leiter der Berliner Bezirksverwaltung des MfS: »Inhalt und Verlauf des Treffens mit den Funktion&#228;ren der CDU und CSU machten deren Absicht deutlich, die politischen Grundpositionen der F&#252;hrungskr&#228;fte der ›staatlich unabh&#228;ngigen Friedensbewegung‹ in der DDR, deren Standpunkte und Vorstellungen, insbesondere zu den Fragen der k&#252;nftigen Gestaltung der Beziehungen BRD &#8211; DDR und zur Realisierung des KSZE-Prozesses in der DDR, im Rahmen eines Gedankenaustausches in Erfahrung zu bringen und daraus Schlussfolgerungen abzuleiten hinsichtlich der M&#246;glichkeiten, die gewonnenen Erkenntnisse f&#252;r die Politik der BRD gegen&#252;ber der DDR auszunutzen,« Davon ausgehend wurde eine umfangreiche Aufgabenstellung erarbeitet, mit der diese Kontakte allseitig aufgekl&#228;rt und letztlich unterbunden werden sollten.</p>
<p>So trieb alles auf eine entscheidende Aktion zu. Die Opposition sollte ein f&#252;r allemal zerschlagen werden! Honecker glaubte, weniger .R&#252;cksicht als je nehmen zu m&#252;ssen, und Mielke wollte die Chance, nutzen, die sich ihm er&#246;ffnete, um die »St&#246;renfriede« wenn nicht endg&#252;ltig, so doch auf lange Zeit auszuschalten, F&#252;r ihn dr&#228;ngte die Zeit, Er sah, wie die Oppositionellen ihren Spielraum st&#228;ndig zu erweitern suchten, wie sie die mit dem Olof-Palme-Marsch erreichten Zugest&#228;ndnisse als Besitzstand verteidigen wollten. Der Berliner Stasi-Chef, Generalmajor H&#228;hnel, hatte bereits am 28, September in einer Sitzung beim 1. Sekret&#228;r der SED-Bezirksleitung, G&#252;nter Schabowski, die Position seines obersten Dienstherrn vertreten: »Besonders in der Hauptstadt hat sich ein harter Kern von Inspiratoren und Organisatoren politischer Untergrundt&#228;tigkeit herauskristallisiert. Diese Personen halten im wesentlichen die F&#228;den in der Hand &#8211; sowohl zu den &#228;u&#223;eren Feinden als auch zu den in anderen Bezirken der DDR agierenden Kr&#228;ften. Deren gegenw&#228;rtige Aktivit&#228;ten sind darauf gerichtet, ihre Anerkennung als Dialogpartner staatlicher Organe und Einrichtungen durchzusetzen und die Internationalisierung und Zusammenf&#252;hrung der oppositionellen Bewegungen der sozialistischen Staaten voranzutreiben und den block&#252;bergreifenden Charakter zu vertiefen.«</p>
<p>Dem war aus Sicht des MfS entschieden entgegenzuwirken. Die politische F&#252;hrung hatte durch ihren verh&#228;rteten Kurs gegen&#252;ber der Bundesrepublik, der unter anderem durch eine nur schleppende Verwirklichung der in Bonn erzielten konkreten &#220;bereink&#252;nfte gekennzeichnet war, das Signal daf&#252;r auf Gr&#252;n gestellt.</p>
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