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	<title>blogsgesang.de &#187; Bürgerrechtler</title>
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	<description>Blog zu Politik, Zeitgeschichte, Kultur und Welt-Anschauung von Peter Richter (pri) und Rudolf Hempel (rhe)</description>
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		<title>Wikileaks erzwingt Glasnost im Westen</title>
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		<pubDate>Tue, 30 Nov 2010 17:43:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Wer erinnert sich noch das Wortes »Glasnost«, das vor 20 Jahren Hochkonjunktur hatte? Es kommt aus dem Russischen und hei&#223;t im politischen Sinne »Offenheit«. Damals war es auf die Sowjetunion als Vormacht des »sozialistischen Lagers« gem&#252;nzt und was sich dahinter verbarg, die Offenlegung jahrzehntelang betriebener sozialistischer Geheimniskr&#228;merei, wurde weltweit begeistert mit Beifall bedacht – am meisten von jenen, die heute Glasnost, politische Offenheit. Transparenz in &#246;ffentlichen Angelegenheiten mit dem Staatsanwalt verfolgen wollen. <span id="more-2085"></span>Solange die Offenlegung staatlicher Aktivit&#228;ten – nat&#252;rlich nur der Gegenseite – in der Systemauseinandersetzung von Nutzen war, hat man nicht genug davon haben k&#246;nnen. Nun aber, wo <a href="http://www.faz.net/s/RubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3/Doc~EA6253F73150B4E33ADE613D197B1EF9E~ATpl~Ecommon~Scontent.html" target="_blank"><img src="http://vg09.met.vgwort.de/na/8422ccdbcb8f4f0a90c07b198ce23f9f" alt="" width="1" height="1" />die eigene Geheimpolitik </a>pl&#246;tzlich des sch&#252;tzenden Schleiers entzogen wird, macht man daraus gern ein kriminelles Vergehen. Ein <a href="http://www.zdnet.de/news/digitale_wirtschaft_internet_ebusiness_us_kongressabgeordneter__wikileaks_ist_eine_terrororganisation_story-39002364-41541356-1.htm" target="_blank">US-Abgeordneter </a>forderte gar, Wikileaks zur terroristischen Organisation zu erkl&#228;ren.</p>
<p>Dabei tut Wikileaks nichts anderes als die B&#252;rgerrechtler der sozialistischen L&#228;nder, die DDR eingeschlossen, vor 20 Jahren. Sie brachten damals in die &#214;ffentlichkeit, was die Herrschenden gern verschwiegen haben – und das waren nat&#252;rlich nicht ihre Wohltaten f&#252;rs Volk; die wurden in epischer Breite dargestellt. Doch all das, was Unzufriedenheit ausl&#246;sen konnte, was negativ war, was sich gegen das Volk richtete, bis hin zu Verbrechen, all das verschwand hinter einer Wand von Geheimhaltung, die durch offene Repression wie juristische Man&#246;ver undurchdringlich gemacht wurde. Heute ist es eine Internetplattform, die in die &#214;ffentlichkeit bringt, <a href="http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,731918,00.html" target="_blank">was die jetzigen Herrschenden gern verschwiegen h&#228;tten </a>– und auch das sind nat&#252;rlich nicht ihre Wohltaten, die sie wie eh und je unters Volk zu bringen versuchen – vielleicht nicht mehr in ellenlangen Reden, sondern in »Podcasts« oder vornehmen gestalteten Anzeigenseiten in den Zeitungen. Denn auch sie haben viel zu verbergen, negative Beschl&#252;sse, Kungeleien, Intrigen, Kriegsvorbereitungen und auch – wie fr&#252;here Ver&#246;ffentlichungen von Wikileaks zeigten – Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die sie in der &#214;ffentlichkeit vorgeblich so hoch sch&#228;tzen. Das Internet gibt Glasnost nun auch in den sich so gern als unfehlbar darstellenden westlichen Demokratien eine Chance – und damit den B&#252;rgern, wie vor 20 Jahren im Osten, die M&#246;glichkeit, kompetent in den eigenen Angelegenheiten mitzureden.</p>
<p>Die Sturmgesch&#252;tze, die seitens der Regierenden gegen solche Transparenz, f&#252;r die sie eigentlich selbst sorgen m&#252;ssten, aufgestellt werden, sind entlarvend. Denn sie verweisen auf un&#252;bersehbare Parallelen im politischen Gesch&#228;ft zwischen undemokratischen Regimen und den so genannten westlichen Demokratien. Nicht zuf&#228;llig d&#252;rfte man <a href="http://www.ftd.de/politik/deutschland/:enthuellungen-bei-wikileaks-razzia-im-jugendklub-der-fdp/50200237.html" target="_blank">in der FDP den in ihren F&#252;hrungsgremien vermuteten »inoffiziellen Mitarbeiter«</a> der US-Botschaft mit dem DDR-Spion G&#252;nter Guillaume verglichen haben, und ebenso wenig zuf&#228;llig hat wohl auch <a href="http://www.focus.de/politik/deutschland/tid-20594/wikileaks-veroeffentlichung-schaeuble-fuehlt-sich-an-stasi-erinnert_aid_576908.html" target="_blank">Wolfgang Sch&#228;uble </a>den Zusammenhang zwischen den jetzt ver&#246;ffentlichten US-Dokumenten mit Stasi-Akten hergestellt. Da wie dort diente und dient die Geheimhaltung der Beherrschung des Volkes. Es sollte und soll aus den Entscheidungen &#252;ber seine eigene Angelegenheiten herausgehalten werden. Nicht nur Wikileaks durchkreuzt eine solche Strategie; auch die <a href="http://www.focus.de/digital/internet/internet-enthuellungen-wikileaks-ist-erst-der-anfang_aid_577086.html" target="_blank">Demonstranten von Stuttgart </a>forderten als Erstes Information, die Offenlegung der geheimen Vorg&#228;nge, die mit dem dortigen Bahnhofsneubau zu tun haben.</p>
<p>Solche Transparenz, solche Offenheit auf der politischen B&#252;hne geht<a href="http://www.sueddeutsche.de/politik/wikileaks-usa-wikileaks-und-der-schaden-fuer-die-weltsicherheit-1.1029897" target="_blank"> ans Selbstverst&#228;ndnis der Herrschaftseliten</a>. Deshalb bot Baden-W&#252;rttembergs Landesregierung im Stuttgarter Schlossgarten ihre gesamte repressive Macht gegen friedliche Demonstranten auf. Und deshalb geht die politische Klasse beinahe <a href="http://www.welt.de/debatte/kommentare/article11271004/Nichts-kann-die-Wikileaks-Enthuellungen-rechtfertigen.html" target="_blank">weltweit gegenw&#228;rtig gegen Wikileaks mit Mitteln vor</a>, die fatal an die Zersetzungspraktiken der DDR-Staatssicherheit erinnern. Wer die Arbeit der Geheimdienste nur ein wenig kennt, wei&#223;, dass seit langem ganze Kompanien unterwegs sein d&#252;rften, um die Organisation von Innen her zu zerst&#246;ren. Sowohl die immer wieder, jedoch mit wenig Hintergrund gestreuten <a href="http://www.zeit.de/politik/2010-11/dokumente-des-zorns" target="_blank">Meldungen &#252;ber innere Streitigkeiten </a>als auch die Vergewaltigungsvorw&#252;rfe gegen <a href="http://www.welt.de/debatte/kommentare/article11287482/Das-Netz-des-Anarchisten-Julian-Assange.html" target="_blank">Wikileaks-Sprecher Julian Assange </a>sprechen eine deutliche Sprache. Dazu kommen inzwischen Verd&#228;chtigungen, <a href="http://www.welt.de/debatte/kommentare/article11284510/Wikileaks-Enthuellungen-bedrohen-unsere-Freiheit.html" target="_blank">die Freiheit zu bedrohen,</a> gar f&#252;r andere Geheimdienste zu arbeiten – auch das war Argumentation im Haus Mielke, wenn es B&#252;rgerrechtler auszuschalten galt.</p>
<p>So zeigt Wikileaks mit seinen Aktivit&#228;ten, wie sehr Informiertheit, Transparenz, eben Glasnost Voraussetzung f&#252;r Demokratie ist – unabh&#228;ngig vom jeweils herrschenden politischen System. Die Organisation steht in der Tradition auch derjenigen, die die politische Wende vor 20 Jahren ma&#223;geblich herbeif&#252;hrten. Sie legt offen, wie sehr das jetzt dominierende politische System diesbez&#252;glich Nachholbedarf hat. Und leistet zugleich ihren <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/1130/meinung/0014/index.html" target="_blank">Beitrag, dessen demokratische Defizite zu verringern</a>. Eigentlich m&#252;ssten die Regierenden Wikileaks daf&#252;r dankbar sein.</p>
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		<title>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR – kurze Geschichte eines Spionagedienstes (Teil V)</title>
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		<pubDate>Wed, 08 Sep 2010 10:17:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Dieser Tage werden Pl&#228;ne von Bundesinnenminister Thomas de Maizière bekannt, die Arbeit der bundesdeutschen Geheimdienste und der Polizei besser zu koordinieren. Beamte beider Institutionen sollen zeitweilig ausgetauscht werden<span id="more-1902"></span>, um &#8211; laut <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,715727,00.html" target="_blank">»Spiegel«</a><img src="http://vg05.met.vgwort.de/na/2d0e22e70e284e5d8c6b064fe09817e8" alt="" width="1" height="1" /> &#8211; die »fachliche Kompetenz des Personals« zu steigern und das f&#252;r eine »reibungslose Zusammenarbeit notwendige gegenseitige Verst&#228;ndnis« zu f&#246;rdern. Zwar geht er damit noch nicht so weit wie einst die DDR, die ihre Geheimdienste &#8211; f&#252;r In- wie Ausland &#8211; unter einem Dach, dem Ministerium f&#252;r Staatssicherheit, zusammenfasste und die Arbeit der Polizei diesem Organ zumindest teilweise unterordnete, doch die Tendenz zur Zentralisierung ist unverkennbar.</p>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/09/Westspione.gif"><img class="alignright size-medium wp-image-1905" title="Westspione" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/09/Westspione-199x300.gif" alt="" width="199" height="300" /></a>Die Erfahrungen des MfS mit solcher Zentralisierung waren allerdings ern&#252;chternd; vor allem die Hauptverwaltumng Aufkl&#228;rung, die sich gern als etwas Besseres als die innere Abwehr verstand, sah sich bald in der Lage eines verl&#228;ngerten Arms der Repression nach Innen, ohne sich freilich dagegen ernsthaft zu wehren. Sowohl die Parteir&#228;son als auch die Vorteile, die durchaus auch die HVA aus solch zentralisierter Geheimdienstarbeit ziehen konnte, beg&#252;nstigten ihre Unterordnung unter die paranoide Sicherheitsdoktrin der SED.</p>
<p>Im f&#252;nften Teil einer fr&#252;h erschienenen Darstellung der Geschichte und Arbeitsweise der HVA, die im Handel nicht mehr erh&#228;ltlich ist, im Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report«, ver&#246;ffentlicht 1992 im Berliner Verlag ElefantenPress wird diese Problematik thematisiert.</p>
<h2>R&#252;ckzug in die Wagenburg</h2>
<p>Als am 17. Januar 1988 Tausende Berliner wie allj&#228;hrlich zu den in der Presse ver&#246;ffentlichten Stellpl&#228;tzen strebten, um nach immer gleichem Ritual an der »Kampfdemonstration zum Jahrestag der Ermordung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs« teilzunehmen, ahnten die wenigsten, dass damit eine neue Stufe der seit Herbst 1987 versch&#228;rften Auseinandersetzung mit der sogenannten inneren Opposition der DDR begann. An diesem Tag wollten zur Ausreise entschlossene DDR-B&#252;rger mit eigenen Losungen aus den Werken Rosa Luxemburgs f&#252;r ihr Recht auf Freiz&#252;gigkeit demonstrieren. Die B&#252;rgerrechtler selbst waren gespalten hinsichtlich einer Teilnahme an dieser Aktion, wollten sie doch nicht f&#252;r eine Sache stehen, die ihr eigenes Anliegen gar nicht war. Sie hatten stets betont, dass sie in der DDR bleiben w&#252;rden, um von innen heraus f&#252;r eine Ver&#228;nderung der Verh&#228;ltnisse einzutreten. So waren unter den Festgenommenen nach den Protesten der Ausreise­willigen lediglich sechs B&#252;rgerrechtler, unter ihnen als bekannteste der Liedermacher Stephan Krawczyk und Vera Wollenberger.</p>
<p>Ungeachtet dessen begann in der Presse eine scharfe Kampagne gegen alle Oppositionellen, die jedoch von diesen mit einer bis dahin ungekannten Solidarit&#228;tsbewegung in den Kirchen beant­wortet wurde. Im MfS bereitete man sich inzwischen auf eine Art Entscheidungsschlag gegen die unbotm&#228;&#223;igen Staatsb&#252;rger vor. Eine juristische Bewertung der Schuldvorw&#252;rfe gegen Oppositio­nelle, die im Kollegium des MfS vorgetragen wurde, offenbarte zwar die sogar dort als &#228;u&#223;erst schwach eingesch&#228;tzte rechtliche Position der Staatssicherheit; dennoch entschied Mielke &#8211; offen­sichtlich mit Honecker und anderen f&#252;hrenden Politb&#252;ro-Mitglie­dern -, dass weitere Verhaftungen vorzunehmen seien. Am 25. Januar wurden mit Freya Klier, der Lebensgef&#228;hrtin Stephan Krawczyks, B&#228;rbel Bohley, Werner Fischer, Ralf Hirsch sowie Wolfgang und Regina Templin die bekanntesten B&#252;rgerrechtler unter dem »begr&#252;ndeten Verdacht auf landesverr&#228;terische Bezie­hungen« festgenommen. Die Beweise sollten unverz&#252;glich nach­gereicht werden; vor allem war die »geheimdienstliche Steuerung der feindlich-negativen Kr&#228;fte« aktenkundig zu machen. Mielke und sein Stellvertreter Mittig richteten an alle Diensteinheiten des MfS einen entsprechenden dringenden Auftrag. Der Leiter der mit der »Bek&#228;mpfung der Untergrundt&#228;tigkeit« beauftragten Haupt­abteilung XX, Generalmajor Kienberg, verlangte beispielsweise: »Ich brauche den Decknamen und die Vorgangs-Nummer der B&#228;rbel Bohley beim BND!«</p>
<p>Eine solche Forderung richtete sich vor allem auch an die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung. Sie hielt zwar das konkrete Vor­gehen gegen die kleine Gruppe der B&#252;rgerrechtler f&#252;r ziemlich &#252;bertrieben, hatte aber keinerlei grunds&#228;tzliche Zweifel an der Richtigkeit von Ma&#223;nahmen gegen sie. Vor allem sah die HVA keinen Grund, die Unterst&#252;tzung bei der Aufdeckung ihrer »Hinterm&#228;nner« zu versagen. Schon am 25. Januar, dem Tag der genannten Verhaftungen, &#252;bermittelte die Auswertungsabteilung der HVA allen anderen Diensteinheiten »Informationsschwerpunkte zur politisch-ideolo­gischen Diversion (PID) gegen die DDR und die anderen soziali­stischen Staaten«. In diesem mehrseitigen Papier wurden sowohl politische Aktivit&#228;ten seitens der BRD &#8211; von der Regierung &#252;ber die SPD und die Massenmedien bis hin zu wissenschaftlichen Instituten &#8211; als auch Unzufriedenheit in der DDR selbst dem Wirken »ideologischer Diversanten« zugerechnet. Es war somit ein typisches Dokument des v&#246;llig realit&#228;tsfremden Denkens im MfS, dem sich auch die HVA nicht entzog – hatte doch auch sie sich immer wieder theoretisch mit der Rolle der Ideologie im Klassen­kampf auseinanderzusetzen gehabt.</p>
<p>Die Ideologie spielte bei der Auseinandersetzung des Systems seit je eine hervorragende Rolle. Zum einen hatte bereits Lenin als eins der Postulate seiner Lehre die Unvers&#246;hnlichkeit des ideologi­schen Kampfes proklamiert: »&#8230; b&#252;rgerliche oder sozialistische Ideologie. Ein Mittelding gibt es hier nicht&#8230; Darum bedeutet jede Herabminderung der sozialistischen Ideologie, jedes Abschwenken von ihr zugleich eine St&#228;rkung der b&#252;rgerlichen Ideologie.« Und auf der anderen Seite t&#246;nte es in einem Heft der »Europ&#228;ischen Wehrkunde« von 1979: »Da infolge der selbstzerst&#246;rerischen Wirksamkeit jetziger Waffentechnik Macht- und Interessenwider­spr&#252;che speziell zwischen Gro&#223;machtstaaten nur im Extremfall mittels milit&#228;rischer Gewaltanwendung ausgefochten werden k&#246;n­nen, erwies sich die Forcierung propagandistischer Strategien gerade in der Rivalit&#228;t ideologisch gegens&#228;tzlicher Herrschaftsfor­men oder Sozialordnungen als unausweichliche Konsequenz &#8230; Psychologischer Krieg oder Propaganda kommt zu Diplomatie und milit&#228;rischer St&#228;rke als das dritte Instrument zur Durchsetzung au&#223;enpolitischer Ziele.«</p>
<p>Aus diesem objektiven Widerspruch machte der Marxismus-Leninismus ein Dogma, indem er diesen »psychologischen Krieg« als die letztlich entscheidende Ursache f&#252;r alle inneren Probleme des Sozialismus bezeichnete. Dies hatte schon Tradition in der Sowjetunion Lenins und Stalins; es fand seine augenscheinliche Best&#228;tigung im Kalten Krieg. Anfang der 50er Jahre benutzte Mielke erstmals den Begriff der »politisch-ideologischen Diversion« (PID); er wurde seitdem zu einem Schl&#252;sselwort f&#252;r das Selbst­verst&#228;ndnis des MfS. Die Bek&#228;mpfung der PID war von Anfang an eine Hauptaufgabe der Staatssicherheit, und je bedr&#228;ngender die Situation f&#252;r die SED-F&#252;hrung wurde, um so mehr feuerte Mielke seine Mitarbeiter an, den »ideologischen Diversanten« das Hand­werk zu legen.</p>
<p>Im Jahre 1988 erschien an der Juristischen Hochschule Potsdam-Eiche, der zentralen Ausbildungsst&#228;tte des MfS, ein Lehrbuch »Politisch-ideologische Diversion gegen die DDR«. In diesem Buch wurde der PID-Begriff definiert als »das subversive ideolo­gische Einwirken des Imperialismus auf das gesellschaftliche Bewusstsein in sozialistischen Staaten und das individuelle Bewusstsein ihrer B&#252;rger, insbesondere durch das planm&#228;&#223;ige und systematische Verbreiten von Konzeptionen, Anschauungen, Wer­tungen und Grunds&#228;tzen, deren Inhalt sowohl von militant-grob­schl&#228;chtigem als auch flexibel-verschleiertem Antikommunismus gepr&#228;gt ist &#8230; Mit ihr wird das subversive Ziel verfolgt, in den sozialistischen Staaten in einem langfristigen Prozess entscheiden­de ideologische Voraussetzungen f&#252;r konterrevolution&#228;re Ver&#228;nde­rungen zu schaffen. Diese Zielstellung schlie&#223;t ein, die sozialisti­sche Bewusstseinsentwicklung zu verhindern, sozialistisches Bewusstsein zu zersetzen, feindlich-negative Einstellungen zu erzeugen, deren Umschlagen in feindlich-negatives Handeln zu bewirken sowie feindlich-negatives Handeln zu aktivieren.«</p>
<p>Nicht das Sein bestimmte also das Bewusstsein &#8211; wie doch ein materialistisches Grundprinzip lautete -, sondern der Klassenfeind. Also entsprangen alle kritischen Positionen zum »realen Sozialis­mus« nicht M&#228;ngeln und Defiziten dieses Systems, sondern der »ideologischen Diversion«. Wer sie vertrat, besorgte das Gesch&#228;ft des Feindes und musste mithin wie ein solcher behandelt werden. Mit dem PID-Begriff war somit nicht nur eine Art S&#252;ndenbock f&#252;r jederlei abweichende Meinung gefunden, sondern zudem auch die Rechtfertigung f&#252;r drakonisches Vorgehen gegen ihre Tr&#228;ger.</p>
<p>Auch die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung konnte und wollte sich dieser prinzipiellen Vorgabe nicht entziehen. Ihr oblag es &#8211; wie allen anderen Diensteinheiten &#8211; den Kampf gegen die »ideologi­sche Diversion« zu f&#252;hren und dazu alle ihre Mittel und M&#246;glich­keiten einzusetzen. Allj&#228;hrlich war der Zentralen Auswertungs- und Informationsgruppe (ZAIG) ein Bericht zu &#252;bergeben, in dem sich alle Erkenntnisse der HVA auf dem Gebiet der PID widerzu­spiegeln hatten. Und au&#223;erdem bestand die Aufgabe, &#252;ber wichtige Vorkommnisse »ideologischer Diversion« die zust&#228;ndigen Abtei­lungen der Abwehr unmittelbar zu informieren.</p>
<p>Ab Mitte der 70er Jahre, nach der Konferenz &#252;ber Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa sowie den Folgekonferenzen der KSZE, verst&#228;rkt dann in den 80er Jahren gewann die gegen ideologische Einwirkung gerichtete Aufgabenstellung des MfS st&#228;ndig an Bedeutung. Die Zugest&#228;ndnisse, die die sozialistischen L&#228;nder im KSZE-Prozess machen mussten, der dadurch erweiterte Spielraum f&#252;r Oppositionelle, der sich verst&#228;rkende Austausch &#252;ber die Grenzen hinweg, die neuen technischen M&#246;glichkeiten bei der Verbreitung der Massenmedien &#8211; all das erh&#246;hte nat&#252;rlich den geistigen Einfluss des Westens und multiplizierte die Unzufrieden­heit, die sich in den osteurop&#228;ischen Staaten aufgrund der dort herrschenden Verh&#228;ltnisse angesammelt hatte. Aus der Sicht des MfS handelte es sich dabei jedoch nur um einen »Missbrauch des Entspannungsprozesses«. In den sogenannten Planorientierungen &#8211; vom Minister f&#252;r Staatssicherheit f&#252;r jeweils f&#252;nf Jahre herausge­geben, dazu j&#228;hrlich pr&#228;zisiert und von seinen Hauptabteilungslei­tern f&#252;r ihren jeweiligen Verantwortungsbereich noch einmal konkretisiert &#8211; stand die »politisch-ideologische Diversion« stets ganz oben an. Das letzte dieser f&#252;r f&#252;nf Jahre g&#252;ltigen »Dokumente« hatte Mielke 1986 als »Geheime Verschlusssache« verbreitet. Unter dem Punkt »1.4. Aufkl&#228;rung und Vereitelung der strategischen Pl&#228;ne des Imperialismus im Kampf gegen den Sozialismus« hie&#223; es da: »Besondere Bedeutung besitzt dabei die gr&#252;ndliche Aufkl&#228;rung und vorbeugende Verhinderung der gesamten subversiven T&#228;tig­keit, der konkreten Absichten und Aktivit&#228;ten f&#252;r das weitere Vorgehen gegen den Sozialismus, der dabei zum Einsatz gelangenden Mittel und Methoden sowie der damit beabsichtigten Wirkungen seitens des Imperialismus, besonders seiner Geheimdienste, der Zentren der politisch-ideologischen Diversion und weiterer feind­licher Stellen und Kr&#228;fte.« &#220;ber die zuletzt genannten Objekte existierte eine lange Liste, in der sich die Bundestagsparteien ebenso wiederfanden wie die Fernsehsender der Bundesrepublik, die von Organisationen der Friedensbewegung bis hin zu Menschenrechtsgruppen reichte. Die HVA wurde angewiesen: »Im Interesse der Erf&#252;llung der Gesamtaufgabenstellung des MfS zur Gew&#228;hrleistung der inneren Sicherheit der DDR und des MfS sind operativ bedeutsame Erkenntnisse der Aufkl&#228;rung zielgerichteter f&#252;r die Abwehrarbeit zu erschlie&#223;en. Noch umfassender haben die Diensteinheiten der Aufkl&#228;rung mit ihren spezifischen Mitteln und M&#246;glichkeiten dazu beizutragen, die von den feindlichen Zentren gegen die DDR gerichteten Pl&#228;ne und Aktivit&#228;ten aufzukl&#228;ren, feindliche Verbindungen und Kontakte in die DDR aufzusp&#252;ren und damit ihren Anteil an der Kl&#228;rung der Frage &gt;Wer ist wer?&lt; zu erh&#246;hen.«</p>
<p>Damit waren die seit Jahrzehnten bestehenden Forderungen an die HVA noch h&#246;hergeschraubt worden. Mit der Frage »Wer ist wer?« umschrieb Mielke schon seit langem die Aufgabenstellung der fl&#228;chendeckenden &#220;berwachung. &#220;ber jeden musste volle Klarheit bestehen, keiner sollte f&#252;r das MfS ein unbeschriebenes Blatt sein. Die HVA &#8211; und auch das l&#228;sst sich aus Mielkes Weisung ablesen &#8211; hatte bisher zwar stets das ihre zur »inneren Sicherheit« getan, jedoch ihre ureigene Aufgabe immer vorangestellt. Das hatte zunehmend den Unwillen der Abwehr erregt. Nun wurde verlangt, dieses Verh&#228;ltnis &#8211; wenn schon nicht umzukehren, so doch anzu­n&#228;hern. Der Hinweis auf den Beitrag der HVA zur »Gesamtaufgabenstellung« des MfS hatte zur Folge, dass die Aufkl&#228;rung sich st&#228;rker bem&#252;hte, Quellen in den sogenannten PlD-Zentren anzuwerben und dass sie vor allem alle Informationen, die gewisserma­&#223;en nebenbei zur »ideologischen Diversion« abfielen, unverz&#252;g­lich an die Abwehrabteilungen weitergab. Mitunter wurde dabei im Vertrauen auf Mielkes PID-Phobie auch getrickst. Als zum Beispiel Ende 1987 der erste Entwurf des Haushalts f&#252;r das damalige Ministerium f&#252;r innerdeutsche Beziehungen beschafft werden konnte, gab ihn die HVA mit gro&#223;em Brimborium weiter. Einige Tage sp&#228;ter wurde er jedoch ganz offiziell den Journalisten vorgestellt.</p>
<p>Immer dringender verlangte die Leitung des MfS, dass der »strategische Plan« des Imperialismus, unter dem man sich offen­sichtlich ein fertig ausgearbeitetes Papier vorstellte, beschafft werde und dass es endlich gelinge, jene Agentur, die im Kampf gegen den Sozialismus die F&#228;den zieht, zu finden und zu zersetzen. Ganz konkret stand zum Beispiel jahrelang die Aufgabe, den Geheimdienst der NATO zu enttarnen, bis dann nachgewiesen werden konnte, dass ein solcher strukturm&#228;&#223;ig &#252;berhaupt nicht existiert. Die Drahtzieher f&#252;r das Ansteigen der Ausreiseantr&#228;ge sollten ebenfalls gefunden werden, um ihnen das Handwerk zu legen und damit &#8211; so die tats&#228;chlich vertretene einf&#228;ltige Position &#8211; das Problem aus der Welt zu schaffen. Und nat&#252;rlich waren jene Politiker der Bundesrepublik namhaft zu machen, die zum Beispiel die kritischen Positionen von Kirchenleuten inspirierten, Opposi­tionsgruppen in der DDR aufbauten und aufm&#252;pfigen Schriftstel­lern die Feder f&#252;hrten.</p>
<p>Vielen Aufkl&#228;rern waren solche Aufgabenstellungen l&#228;stig. Sie lenkten von den eigenen Schwerpunkten ab und versprachen zudem &#8211; wegen ihrer Lebensferne &#8211; wenig Erfolg. Dennoch ist nicht zu bestreiten, dass die HVA das Informationsaufkommen zur PID allm&#228;hlich erh&#246;hte. Sie beschaffte Protokolle von Gespr&#228;chen, die Kirchenf&#252;hrer bei Reisen in die Bundesrepublik mit dortigen Politikern f&#252;hrten, sie legte Arbeits- und Strukturpl&#228;ne einiger der sogenannten PID-Objekte vor, und sie sch&#246;pfte Personen ab, die der PID-Szene zugerechnet wurden; allerdings erfuhr sie dabei nur wenig &#252;ber die angeblich »strategischen Pl&#228;ne« zur Unterminie­rung des Sozialismus von au&#223;en. Meist handelte es sich dabei um singul&#228;re Kontaktf&#228;lle, die jedoch f&#252;r die Abwehr auch von einigem Wert waren. Ganz normale Forschungsarbeit an Univer­sit&#228;ten oder Instituten wurde zu »geheimdienstlichen Aktivit&#228;ten« erkl&#228;rt, wobei nicht &#252;bersehen werden soll, dass nat&#252;rlich die westlichen Dienste an bestimmten Untersuchungen durchaus Interesse bekundeten. Die Reiseberichte des Direktors des Bundes­instituts f&#252;r internationale und ostwissenschaftliche Studien, Hein­rich Vogel, gingen der HVA zum Beispiel auf dem Umweg &#252;ber den Bundesnachrichtendienst zu.</p>
<p>Die Bunkermentalit&#228;t der DDR-F&#252;hrung zeigte sich auch in der gebetsm&#252;hlenartig wiederholten Aufgabenstellung, »jegliche vom Feind ausgehenden &#220;berraschungen auf allen Gebieten« zu verhin­dern. Diese Orientierung zielte urspr&#252;nglich auf das rechtzeitige Erkennen von Anzeichen f&#252;r einen Atomschlag &#8211; und mag derge­stalt noch Sinn gehabt haben. Sie ging zur&#252;ck auf den schon genannten Befehl 40/68 des Ministers f&#252;r Staatssicherheit und sah vor, Indikatoren zu entwickeln, aus denen der &#220;bergang in ein Kriegsregime fr&#252;hzeitig ablesbar war. Grotesk war jedoch, dass die konkrete Umsetzung dieses Befehls sich in dem Ma&#223;e intensivierte, wie auf internationaler Ebene der Entspannungsprozess vorankam. Parallel zu den Abr&#252;stungsverhandlungen Gorbatschows mit Reagan und sp&#228;ter Bush baute das MfS im Verein mit dem KGB dieses »Fr&#252;hwarnsystem« immer weiter aus. Allein f&#252;r die Feststellung und &#220;bermittlung der angenommenen Atomkriegs-Indikatoren wurde eine eigene Struktur geschaffen; f&#252;r einen denkbaren »Ernstfall« wurden Verbindungspl&#228;ne festgelegt, Notquartiere in der Bundesrepublik eingerichtet und j&#228;hrlich &#220;bungen veranstaltet. Die HVA steuerte ein Lagezentrum bei, das rund um die Uhr besetzt war und alle Kriegsanzeichen penibel zu registrieren hatte.</p>
<p>Der Begriff der »&#220;berraschung« wurde sp&#228;ter &#8211; &#252;ber die milit&#228;rische Ebene hinaus &#8211; auf alle Aktivit&#228;ten des anderen politischen Lagers angewandt. Ob neue wissenschaftliche Erkennt­nisse, ob unkonventionelle politische Angebote, ob aber auch die private Einreise eines SPD-Bundestagsabgeordneten in die DDR oder das Ankn&#252;pfen wei&#223;er B&#228;nder an die Auto-Antenne (ein Protestzeichen ausreisewilliger DDR-B&#252;rger) &#8211; all das firmierte als &#220;berraschung, die das MfS tunlichst rechtzeitig zu erkennen und »prophylaktisch« zu verhindern habe. Die HVA sollte dazu nicht nur ihre Positionen im Operationsgebiet nutzen, sondern &#252;ber ihre inoffiziellen Mitarbeiter auch aus der DDR berichten. Die &#220;ber­mittlung solcher Abwehrberichte wurde zu einer Schwerpunktauf­gabe erkl&#228;rt.</p>
<p>Mittlerweile war der Begriff der »politisch-ideologischen Diversion« durch den der »politischen Untergrundt&#228;tigkeit« (PUT) erg&#228;nzt worden. Darunter verstand Mielke das Umschlagen der PID in Aktivit&#228;ten, in Handlungen, in Aktionen. Faktisch wurden so alle nicht von Partei und Staat ausdr&#252;cklich angeordneten oder zumindest gef&#246;rderten Aktivit&#228;ten, von Veranstaltungen im Rahmen der Kirche &#8211; und seien es Rockkonzerte oder Kabarettauftritte &#8211; &#252;ber das B&#228;umepflanzen von Umweltgruppen bis hin zum Zeigen eigener Losungen bei offiziellen Kundgebun­gen, zu staatsfeindlichen Handlungen erkl&#228;rt. Sie waren in seinen Augen Straftaten, obgleich er feststellen musste, dass selbst das rigide DDR-Strafrecht nicht gen&#252;gend Bestimmungen enthielt, um die »Untergrundt&#228;ter« ins Gef&#228;ngnis zu bringen. Daher erwartete er &#8211; wie im Falle der Liebknecht/Luxemburg-Demonstration &#8211; gerade von der HVA Beweise, dass die innere Opposition der DDR vom Ausland gesteuert werde. In einer Rede vor den Leitern der MfS-Kreisdienststellen am 26. Oktober 1988 sagte er: »Noch wesentlich gr&#246;&#223;erer Anstrengungen bedarf es vor allem, um unanfechtbare, offiziell auswertbare Beweise zu Straftaten und anderen Rechtsver­letzungen dieser Kr&#228;fte und ihrer Hinterm&#228;nner zu erarbeiten. Das gilt in Bezug auf die Steuerung der feindlich-negativen Kr&#228;fte in der DDR durch BRD- oder andere westliche Geheimdienste und deren Agenturen, weitere feindliche Stellen und Kr&#228;fte sowie die Formen ihrer Zusammenarbeit.«</p>
<p>So bem&#252;hte sich auch die HVA verst&#228;rkt, vor allem in Forschungseinrichtungen, die sich mit deutschland- und ostpolitischen Fragen befassten, in sogenannte PID-Organisationen, zumeist Menschenrechtsgruppen, und in die Medien Aufkl&#228;rer einzuschleusen. Selbst der Berliner Privatsender 100,6 kam auf die Liste der Schwerpunktobjekte. Alle Informationen &#8211; selbst die banalsten &#8211; wurden als Abwehrberichte weitergeleitet; es erfolgte eine zahlen­m&#228;&#223;ige Erfassung, nach denen das Engagement der einzelnen HVA-Abteilungen bewertet wurde. Um eine bessere Koordination dieses Informationsflusses zu erreichen, schuf man eine »nicht­strukturelle Arbeitsgruppe«, in der die Abwehr-Diensteinheiten XX (Untergrundt&#228;tigkeit), II (Spionageabwehr) und III (Elektroni­sche Aufkl&#228;rung) zusammenarbeiteten und in die f&#252;r die HVA Vertreter aus dem Auswertungsbereich der Abteilung IX delegiert wurden. Deren Ziel bestand ausdr&#252;cklich darin, die Steuerung oppositioneller T&#228;tigkeit in der DDR von au&#223;en her, vor allem aber durch Geheimdienste, nachzuweisen.</p>
<p>Die Resultate aller dieser Bem&#252;hungen waren naturgem&#228;&#223; d&#252;rftig; dennoch wurden nat&#252;rlich Informationen beschafft, die den B&#252;rgerrechtlern der DDR Schaden zuf&#252;gen sollten. Eine konkrete Folge der als Weisung von General Gro&#223;mann unterzeichneten Informationsschwerpunkte war zum Beispiel, dass die im Januar 1988 festgenommenen B&#252;rgerrechtler nach ihrer Ausweisung aus der DDR Anfang Februar &#8211; die Aktion lief unter der Tarnbezeich­nung »St&#246;renfried/Falle« &#8211; im Ausland stets unter dem wachsamen Auge der DDR-Aufkl&#228;rer blieben. Das Ziel war dabei, in den Augen des MfS kompromittierendes Material zusammenzutragen, das es gerechtfertigt h&#228;tte, den B&#252;rgerrechtlern die Wiedereinreise zu verweigern. Das ist bekanntlich nicht gelungen, zum einen, weil das Verhalten der Betroffenen in der Bundesrepublik und West­europa nichts Strafbares enthielt, zum anderen, weil die Aufkl&#228;rer &#8211; entgegen den Intentionen ihrer Vorgesetzten &#8211; zumeist recht lustlos an diese Aufgabe herangingen. Die jahrelangen Orientierungen auf Schaffung operativer Positionen in einschl&#228;gigen Einrichtungen waren ohne gro&#223;es Echo geblieben; mitunter wurden auch eigene operative Zielstellungen &#8211; zum Beispiel die Suche nach f&#252;r eine Werbung geeigneten Personen &#8211; unter dem Vorwand der PID-Bearbeitung betrieben. Da die Tendenz bestand, ganz normale politische Vorg&#228;nge zu Aktivit&#228;ten der »politisch-ideologischen Diversion« zu erkl&#228;ren, war es mitunter leicht, das »Soll« bei der Aufkl&#228;rung solcher »Machenschaften« zu erf&#252;llen. Einige Aufkl&#228;­rer entwickelten im Laufe der Zeit eine gewisse Meisterschaft darin, unter dem Stichwort »PID« wesentliche Teile ihrer normalen Arbeit abzurechnen.</p>
<p>Grunds&#228;tzlich hielten die Aufkl&#228;rer zwar wenig von den ideo­logischen Verrenkungen der Abwehr, in der Praxis aber bedienten sie sich durchaus gro&#223;z&#252;gig, wenn sie die M&#246;glichkeit dazu hatten. Sie taten dies einmal, weil sie die »Gesamtaufgabenstel­lung« des MfS nat&#252;rlich mittrugen und deshalb nichts dabei fanden, sich an der fl&#228;chendeckenden &#220;berwachung des Volkes zu beteiligen, solange dadurch die eigenen Kreise nicht gest&#246;rt wurden. Zum anderen hatte mancher schon bald nach der Einglie­derung der HVA ins MfS erkannt, wie gut sich von den Abwehr­ma&#223;nahmen profitieren lie&#223;. Die HVA hatte nicht nur Zugriff zu Speichern der Abwehr; dar&#252;ber hinaus waren die f&#252;r die »innere Sicherheit« zust&#228;ndigen Abteilungen ausdr&#252;cklich verpflichtet, ihr Personendossiers zuzuarbeiten. Die von der Abteilung M in gro&#223;em Umfang betriebene Briefkontrolle erlaubte es, nahezu die gesamte Post in die und aus den sie interessierenden Ballungszen­tren zu kontrollieren. Das betraf insbesondere den Bereich K&#246;ln/ Bonn, bezog aber zum Beispiel auch Bad Neuenahr, Ottobrunn oder Bad Ems ein. Wenn es der HVA erforderlich schien, konnte sie eine Telefon&#252;berwachung durch die daf&#252;r zust&#228;ndige Abteilung 26 beantragen. Alle relevanten Informationen, die durch das funkelektronische Abh&#246;ren der Telefonverbindungen zwischen West-Berlin und dem Bundesgebiet beschafft wurden, landeten auf den Schreibtischen der HVA. Sie standen der Auswertung als Erg&#228;nzung, Pr&#228;zisierung oder auch eigenst&#228;ndige Meldung zur Verf&#252;gung. So war die HVA stets ganz aktuell &#252;ber Interna der Bundespolitik im Bilde, zum Beispiel das gl&#252;cklose Wirken des kurzzeitigen Verteidigungsministers Rupert Scholz, der am Telefon seinen Frust &#252;ber die ihm wenig gewogene Bundeswehr-Generalit&#228;t und den ihn st&#228;ndig ins Abseits stellenden Au&#223;enminister Genscher ablie&#223;. Schlie&#223;lich hatte die HVA auch einen guten Draht zur MfS-Abteilung VI mit ihren Grenz- und Passkontrollstellen; diese waren verpflichtet, Protokolle ihrer Kontrollgespr&#228;che zu &#252;ber­senden.</p>
<p>Als »Gegenleistung« gaben die Aufkl&#228;rer konkretisierende Aufgabenstel­lungen der Abwehr an ihr IM-Netz in der DDR weiter. Sie beruhigten sich dabei mit den durchaus vorliegenden Erkenntnissen &#252;ber die Kontakte westlicher Geheimdienste zu Emigrantenorgani­sationen oder zu solchen Rundfunksendern wie »Radio Free Europe«, auch wenn diese nat&#252;rlich nie die Ursache der um sich greifenden Unzufriedenheit in den osteurop&#228;ischen L&#228;ndern waren. Sie wussten auch von den Informationsschwerpunkten der CIA oder des BND hinsichtlich der DDR und hatten Beweise f&#252;r ihre Anbahnungsversuche in bestimmten oppositionellen Kreisen. Dies lie&#223; sie manche Aufgabenstellung als sinnvoll erscheinen, zumal Zweifel an Befehlen und Weisungen der Vorgesetzten auch in der HVA nicht &#252;blich waren.</p>
<p>Hinzu kam, dass »Amtshilfe« zwischen Auslandsnachrichten­dienst und innerer Abwehr in ziemlich allen Staaten praktiziert wird. Zwar nicht in jedem Falle mit der im MfS betriebenen Intensit&#228;t, die sich daraus ergab, dass beide geheimdienstliche Bereiche unter einem Dach arbeiteten. In westlichen L&#228;ndern sind die einzelnen Dienste in der Regel selbst&#228;ndig, aber sie finden dennoch Gelegenheit, sich gegenseitig interessierende Informatio­nen zukommen zu lassen und dazu auch &#8211; entsprechende Enth&#252;l­lungen zeigen es immer wieder &#8211; die Gesetze sehr gro&#223;z&#252;gig zu handhaben.</p>
<p>Hinsichtlich des Verfassungsschutzes ist in einem Gesetz gere­gelt, dass »die Gerichte und Beh&#246;rden und das Bundesamt f&#252;r Verfassungsschutz gegenseitig Rechts- und Amtshilfe« leisten. F&#252;r den BND wie den MAD gibt es solche Festlegungen nicht, aber es hat sich eine ziemlich effektive Praxis herausgebildet. So ist der Bundesnachrichtendienst &#252;ber sein sogenanntes Grenzmeldenetz stets &#252;ber Vorkommnisse im Grenzgebiet, ein- und ausreisende Personen und die Ergebnisse von Befragungen informiert. Er unterh&#228;lt au&#223;erdem in allen Bundesl&#228;ndern »Hauptstellen f&#252;r spezielle Datenverarbeitung«, die sich der Post- und Fernmelde­kontrolle widmen. Ihre Ergebnisse werden unb&#252;rokratisch auch den anderen Diensten &#252;bergeben. Die &#220;berwachung ausl&#228;ndischer Botschaften erfolgt in enger Kooperation zwischen BND und Verfassungsschutz.</p>
<p>Die Resultate solcher Zusammenarbeit kommen nur selten ans Licht, wirbeln dann aber gew&#246;hnlich viel Staub auf. Zu Zeiten Gehlens war es fast noch normal, dass auch der BND Inlandsspionage betrieb; das ist heute durch Gesetze weitgehend unterbunden. Aber im Zusammenhang mit der Terroristenfahndung oder zum Zwecke der internationalen Unterst&#252;tzung zum Beispiel f&#252;r den israeli­schen Mossad oder den t&#252;rkischen Geheimdienst kommt es immer mal wieder auch zu BND-Operationen im Innern.</p>
<p>Bei all dem ist unbestritten, dass die Verquickung von Aufkl&#228;­rung und Abwehr in der DDR besonders eng war. Aus den gegebenen M&#246;glichkeiten versuchte die HVA das Beste f&#252;r sich zu machen. Das erforderte immer wieder Kompromisse, mitunter auch gegen die eigene Einsicht. Mit Kopfsch&#252;tteln und Achselzucken wurden die st&#228;ndig praktizierten Ungesetzlichkeiten abgetan. Auch die HVA hat sich freiwillig in die ideologische Wagenburg begeben, obwohl gerade sie &#8211; schon aus operativen Gr&#252;nden &#8211; jedes Interesse daran h&#228;tte haben m&#252;ssen, dass der Dialog auf internationaler Ebene wie im Inneren zum bestimmenden Element der Politik wird. Sie hat damit objektiv gegen ihre eigenen Interessen gearbeitet &#8211; von der moralischen Schuld ganz abgesehen. Mit dieser Anpassung verlor sie sukzessive an Ansehen selbst bei ihren inoffiziellen Mitarbei­tern. Und die Partei- und Staatsf&#252;hrung sah die Zeit f&#252;r gekommen, auch die HVA-Berichte zu Erfolgsbekundungen umzufunktionie­ren.</p>
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		<title>Vor 20 Jahren &#8211; Sturm auf die Stasi-Zentrale</title>
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		<pubDate>Fri, 15 Jan 2010 15:56:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Eins der wenigen gewaltt&#228;tigen Ereignisse der Wendezeit 1989/90 fand heute vor 20 Jahren in der Berliner Normannenstra&#223;e statt. Hier residierte die geheimnisumwitterte Zentrale der DDR-Staatssicherheit, in der die Arbeit anscheinend unbeeindruckt vom Geschehen des letzten Vierteljahres auf den Stra&#223;en weiterzugehen schien. In den Bezirken der DDR waren die MfS-Verwaltungen bereits B&#252;rgerkomitees &#252;bergeben worden; nur in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Eins der wenigen gewaltt&#228;tigen Ereignisse der Wendezeit 1989/90 fand heute vor 20 Jahren in der Berliner Normannenstra&#223;e statt. Hier residierte die geheimnisumwitterte Zentrale der DDR-Staatssicherheit, in der die Arbeit anscheinend unbeeindruckt vom Geschehen des letzten Vierteljahres auf den Stra&#223;en weiterzugehen schien. <span id="more-1444"></span>In den Bezirken der DDR waren die MfS-Verwaltungen bereits B&#252;rgerkomitees &#252;bergeben worden; nur in der Hauptstadt schien sich diesbez&#252;glich nichts zu tun. Das weckte zunehmendes Unverst&#228;ndnis, gepaart mit Ungeduld. F&#252;r den 15. Januar 1990 war zu einer Demonstration vor dem Hauptangang der MfS-Zentrale aufgerufen worden. Ausdr&#252;cklich sollten dazu auch Steine mitgebracht werden; man wollte die Tore des Stasi-Ministeriums symbolisch zumauern, um seine weitere Arbeit zu unterbinden. Bald zeigte sich jedoch, dass Steine auch anderweitig verwendbar waren. Die Masse vor dem Tor nahm eine immer bedrohlichere Haltung ein. Irgendwann beschlossen die verbliebenen Verantwortlichen der Staatssicherheit gemeinsam mit B&#252;rgerrechtlern, die sich l&#228;ngst im Inneren des Komplexes befanden, die &#214;ffnung der Tore.</p>
<p>Was dann geschah, ist dieser Tage immer wieder <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0113/berlin/0012/index.html" target="_blank">ausf&#252;hrlich beschrieben </a><img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/efa3aa9b3aaa41d79fa60eef50776f50" alt="" width="1" height="1" />worden. Nur wenig beachtet wurde dabei jedoch, dass eine gro&#223;e Diensteinheit des MfS, die sich »Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung« nennende Spionageabteilung, vom Sturm auf die Zentrale fast v&#246;llig verschont blieb. Folgender Text, der in den Jahren 1991/92 entstand und – hier geringf&#252;gig ver&#228;ndert – in dem Buch »Wolfs Westspione. Ein Insider-Report« ver&#246;ffentlicht wurde, wandte sich gerade diesem Ph&#228;nomen zu, beschrieb es, suchte also eine Antwort auf die Frage:</p>
<h3>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung &#8211; eine Insel im Sturm?</h3>
<p>Der 15. Januar 1990 ist ein k&#252;hler und regenfeuchter Tag. Noch vor 16 Uhr bricht die D&#228;mmerung herein, und eine Stunde sp&#228;ter ist es stockdunkel. Vor dem riesigen Geb&#228;udekomplex zwischen Frankfurter Allee und Normannenstra&#223;e im Berliner Stadtbezirk Lichtenberg stehen jedoch tausende Demonstranten im glei&#223;enden Licht der Scheinwerfer und Lampen, die stets unbehinderte Sicht auf die Au&#223;enmauern des Ministeriums f&#252;r Staatssicherheit gew&#228;hrleisten sollten. Noch vor einigen Wochen h&#228;tten sich die Menschen nicht gewagt, hier l&#228;nger als irgend n&#246;tig zu verweilen – und wenn, sie w&#228;ren schnell durch die aufmerksamen Wachtruppen zum Weitergehen aufgefordert worden.</p>
<p>Heute ist es anders. Der Umbruch des Herbstes 1989 hatte dazu gef&#252;hrt, dass bereits im Dezember die &#246;rtlichen Verwaltungen des MfS in allen Bezirksst&#228;dten der DDR besetzt und anschlie&#223;end von Polizeikr&#228;ften gesichert wurden, um den Spielraum der Staatssicherheit einzuschr&#228;nken. Da war es nach Auffassung aller Beobachter nur eine Frage der Zeit, wann die Berliner Zentrale dieses Schicksal teilen w&#252;rde. F&#252;r diesen 15. Januar hatte das Neue Forum hatte zu einer Demonstration aufgerufen, zu der Steine mitgebracht werden sollten, um damit symbolisch die Zug&#228;nge zum Ministerium zuzumauern und so seine Weiterarbeit zu unterbinden.</p>
<p>Das Geschehen entwickelte sich jedoch in ganz anderer Weise, denn wie in den Bezirksst&#228;dten verlangten die Demonstranten Zugang zu den Dienstr&#228;umen, wollten sie die verhasste Unterdr&#252;ckungszentrale endlich von innen sehen, vielleicht ihre Akte suchen und die MfS-Mitarbeiter zur Rede stellen. Das Wachpersonal, bestehend aus Volkspolizisten, gibt diesem Druck bald nach. Auch die im Innern befindlichen Vertreter der B&#252;rgerrechtsgruppen – sie hatten seit Wochen Zugang zu allen Diensteinheiten des Ministeriums – sehen keinen Grund, den Demonstranten den Zutritt zu verweigern, und das umso mehr, als vor dem Tor allm&#228;hlich eine bedrohliche Situation entsteht.</p>
<p>Die Angeh&#246;rigen des fr&#252;heren MfS bzw. des Am<img class="alignright size-medium wp-image-1447" title="Westspione" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/01/Westspione-199x300.GIF" alt="Westspione" width="199" height="300" />tes f&#252;r Nationale Sicherheit, wie es seit Amtsantritt der Modrow-Regierung hei&#223;t, befinden sich nur noch in geringer Zahl in den Arbeitsr&#228;umen. Sind sind seit langem entwaffnet und seit dem Wochenende zuvor bis auf einen kleinen Rest beurlaubt. Am Freitag und Sonnabend hatten sie ihren meist langj&#228;hrigen Arbeitsplatz f&#252;r immer verlassen, die letzten pers&#246;nlichen Gegenst&#228;nde – B&#252;cher, Bilder, Blumen usw. &#8211; mitgenommen. Nun war ein Kapitel ihrer Biografie abgeschlossen. Die meisten verfolgten das Geschehen des Montags am Fernsehapparat – und wer es bis dahin nicht wahrhaben wollte, wusste nun, dass es kein Zur&#252;ck mehr gab.</p>
<p>Die Besetzung der MfS-Zentrale Normannenstra&#223;e war zu erwarten gewesen; daher tut niemand etwas, um sie zu verhindern. Das Wachregiment war schon vor einiger Zeit abgezogen worden; die wenigen in den Dienstobjekten verbliebenen Mitarbeiter schreiten nicht ein. Die Demonstranten wenden sich dem protzigsten Bau auf dem Gel&#228;nde zu, ( / dem erst vor einigen Jahren fertiggestellten Versorgungstrakt. Einige jedoch erweisen sich als erstaunlich ortskundig und marschieren zielstrebig zum Geb&#228;ude der inneren Spionageabwehr. Deren bisher streng gesicherte Arbeitsr&#228;ume sind pl&#246;tzlich auf den TV-Schirmen zu sehen, wie sie ganz offensichtlich gezielt durchst&#246;bert werden. Der stellvertretende Leiter dieser Hauptabteilung II, Oberst Wiegand, hatte sich bereits im Dezember 1989 in Obhut des Bundesnachrichtendienstes begeben. Ausgestattet vielleicht mit seinen Lageskizzen d&#252;rften die BND-Agenten mehr gefunden haben als Parteitagsbrosch&#252;ren, Konservenb&#252;chsen und leere Dienstformulare.</p>
<p>All das verl&#228;uft ohne nennenswerte Gewalt, ohne Blutvergie&#223;en, beinahe friedlich. Ein Geheimdienst, der fast vierzig Jahre lang Angst und Schrecken verbreitet hatte, f&#228;llt zusammen wie ein Kartenhaus. Es zeigte sich, dass er bereits seit langem ein Koloss auf t&#246;nernen F&#252;&#223;en war, der weder eine Basis in der Bev&#246;lkerung noch den erwarteten R&#252;ckhalt in den eigenen Reihen besa&#223;. Wer Augen hatte zu sehen und Ohren, um zu h&#246;ren, der begriff, dass es dieses System nicht mehr wert war, verteidigt zu werden – zu zerr&#252;ttet war die Wirtschaft, zu unzufrieden war das Volk, zu starr und unbelehrbar die F&#252;hrung von SED und Staat. Radikale &#196;nderungen waren dringend vonn&#246;ten, und das Volk war in seltener Einm&#252;tigkeit entschlossen, diese herbeizuf&#252;hren.</p>
<p>Dem konnten viele Mitarbeiter der Staatssicherheit durchaus zustimmen. Bis auf fanatische Hardliner, die entweder das Gespenst der Konterrevolution an die Wand malten oder die Ereignisse engstirnig nur als tempor&#228;re Erscheinungen verstanden, sahen sie in der gro&#223;en Mehrheit keinen Anlass mehr, die dringend n&#246;tige Katharsis zu verhindern. Sie hatten zwar durch ihre Arbeit dem Regime zu seinem langen zerst&#246;rerischen Leben verholfen, doch jetzt war ihre Bereitschaft, es weiter gewaltsam zu sch&#252;tzen, verloren gegangen. Daraus erkl&#228;rt sich nicht zum geringsten der friedliche Verlauf der kommenden Ereignisse. Selbst jenes Organ, das von SED-und DDR-Staat zur eigenen Machtsicherung herangez&#252;chtet worden und zu einem gigantischen Apparat gewuchert war, versagte faktisch seinen Befehlsgebern die Gefolgschaft. Zwar konnte es sich nicht zu eigenem aktiven Handeln entschlie&#223;en, aber es griff dem Rad der Geschichte auch nicht in die Speichen.</p>
<p>Und mehr noch: Mit einer Reihe von Personen, mit denen das Ministerium seit langem – wenn auch auf sehr ungleicher Basis – zusammengearbeitet hatte, wurden stillschweigende &#220;bereink&#252;nfte gefunden, die die Gewaltlosigkeit von beiden Seiten sicherstellten. Nat&#252;rlich spielte dabei lange auch die Hoffnung eine Rolle, das Ministerium – in welcher Form auch immer – zu erhalten, denn so weit ging die Selbstverleugnung seiner Mitarbeiter nicht, dass sie ohne weiteres bereit waren, die eigene Dienst- und Arbeitsstelle zu opfern. Nun aber spielte selbst das keine Rolle mehr; dazu war die Entwicklung zu weit fortgeschritten. W&#228;hrend auf der einen Seite ein bewusstes Sch&#252;ren des »Volkszorns« vermieden wurde, sorgte das AfNS daf&#252;r, dass Hunderttausende offizielle und inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums ihre T&#228;tigkeit ohne nennenswerten Widerstand f&#252;r immer beendeten. Dieses Handeln, das sich in beiden Lagern heute mit dem Vorwurf des Verrats auseinander zu setzen hat, war wesentlich f&#252;r den friedlichen Verlauf des Wendeprozesses.</p>
<p>Ein Beispiel f&#252;r dieses insgeheime und zum Teil sicher auch unbewusste Einverst&#228;ndnis war der Umgang zwischen B&#252;rgerbewegung und Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung an diesem 15. Januar 1990. Zwar verirren sich auch einige Gr&#252;ppchen der Demonstranten in den 16-st&#246;ckigen Eckbau an Frankfurter Allee und Ruschestra&#223;e; sie ziehen sich jedoch zur&#252;ck, als sie erfahren, dass es sich hier um den Spionagedienst der DDR handelt. Die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung bleibt eine Insel im Sturm auf die Stasi-Zentrale an der Normannenstra&#223;e.</p>
<p>Warum diese Vorzugsbehandlung? Und war eine solche R&#252;cksichtnahme berechtigt?</p>
<p>Das Verhalten der B&#252;rgerrechtler entsprach den Vereinbarungen zwischen ihnen und der Leitung der HVA, das auch von der Anfang Januar 1990 gebildeten Arbeitsgruppe Sicherheit des Zentralen Runden Tisches getragen wurde. Die B&#252;rgerrechtler hatten bereits im Dezember Gespr&#228;che mit Vertretern der Aufkl&#228;rung aufgenommen. Sie trafen dabei auf einen Mann, der vom ersten Moment an einen gewinnenden Eindruck machte, beredsam war und offensichtlich ohne Einschr&#228;nkung Auskunft geben wollte. Es war der stellvertretende Leiter der Auswertungsabteilung der HVA, Oberst Dr. Heinz Busch. Aufgrund genannter Eigenschaften hatte ihn die Generalit&#228;t, die – in der Hoffnung auf eine nahtlose Weiterarbeit im angestrebten und von der Modrow-Regierung auf Empfehlung ihres Beraters Markus Wolf, des fr&#252;heren Chefs der DDR-Spionage, zugesagten »neuen« Auslandsnachrichtendienst – im Hintergrund bleiben wollte, f&#252;r diese heikle Aufgabe ausgew&#228;hlt. Busch entledigte sich ihrer mit Bravour. Er trat den B&#252;rgerrechtlern offensichtlich unbefangen entgegen, mit ausgesuchtem Zuvorkommen und ohne jene Feindseligkeit, die andere MfS-Offiziere im Umgang mit ihren einstigen »operativen Vorg&#228;ngen« nur schwer verbergen konnten. Er erl&#228;uterte, dass die HVA keinerlei Anteil an den Verbrechen des MfS habe, dass ihre Arbeit immer auf die Erhaltung des Friedens gerichtet gewesen sei und dass es nun gelte, die derart verdienstvollen Quellen vor dem Zugriff der anderen Seite zu sch&#252;tzen. Das verstanden die B&#252;rgerrechtler. Ihre humanistische Grundhaltung und wohl auch der Respekt vor den Kunbdschaftern in den westlichen L&#228;ndern veranlassten sie, die HVA weitgehende Handlungsfreiheit zu lassen. Sie glaubten auch, dass die Aufkl&#228;rung in das Unterdr&#252;ckungssystem nicht integriert gewesen sei.</p>
<p>Busch beeindruckte seine Gespr&#228;chspartner – wohl auch deshalb, weil er vieles von dem, was er sagte, ehrlich meinte. Er hoffte zwar auf eine Fortsetzung der nachrichtendienstlichen Arbeit, wollte sie aber auf eine andere Grundlage gestellt sehen. Eine Sicht, die seine Chefs nicht teilten. F&#252;r vorgeschoben, geeignet f&#252;r den Zweck des Zeitgewinns und wohl auch der T&#228;uschung. Busch erkannte das zu sp&#228;t, begriff aber im Januar, dass der Glaube an die Schaffung eines »neuen« Auslandsnachrichtendienstes Illusion war.</p>
<p>Er zog <em>seine</em> Konsequenz. Als er am 15. Januar vor dem Runden Tisch erneut die Interessen der HVA vertreten und sich auf diese Weise nun vor der gesamten Republik dekonspirieren sollte, wechselte er die Seite. Jetzt ist er ein Betreuungsfall des Bundesnachrichtendienstes. Seinen Part vor dem Runden Tisch &#252;bernahm daraufhin Oberst Ralf Devaux, ein Stellvertreter des Wolf-Nachfolgers Werner Gro&#223;mann. Er war f&#252;r die Dienste der Bundesrepublik ebenfalls kein Unbekannter, hatte er doch jahrelang die »legale Residentur« der HVA bei der St&#228;ndigen Vertretung der DDR in Bonn gef&#252;hrt. Devaux kam nicht mehr zu Wort vor dem Runden Tisch. Die Ereignisse an der Normannenstra&#223;e eskalierten und f&#252;hrten zur Unterbrechung der Beratungen. Und danach war das Schicksal des MfS besiegelt – und damit auch seines Spionagedienstes, der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung.</p>
<p>Aus heutiger Sicht waren alle &#220;berlegungen des Herbstes 1989, noch etwas von der DDR-Aufkl&#228;rung zu retten, lediglich Wunschtr&#228;ume. Zu sehr war die HVA in den zur&#252;ckliegenden Jahren in den Verband der MfS-Diensteinheiten mit ihrer auf die Bespitzelung des »inneren Feindes« gerichteten Hauptaufgabe integriert worden, als dass sie sich guten Gewissens ganz und gar vom Gesamtministerium distanzieren konnte. Seit sie Mitte der 50er Jahre zur Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung <em>im</em> Ministerium f&#252;r Staatssicherheit wurde, war sie mit dessen Schicksal auf Gedeih und Verderb verbunden.</p>
<p>Die HVA profitierte von dem, was die Bereiche der Abwehr taten. Sie hatte Zugang zu den Erkenntnissen der Abwehr-Dienteinheiten und nutzte nat&#252;rlich diese M&#246;glichkeit f&#252;r ihre operative Arbeit. Un d sie revanchierte sich daf&#252;r, indem sie geeignete Informationen der Abwehr &#252;bergab. In der HVA war die von Mielke und der Abwehr praktizierte »fl&#228;chendeckende &#220;berwachung« nahezu des gesamten Volkes gewiss nicht sonderlich gesch&#228;tzt und wurde von ihr schon gar nicht forciert. Denn nicht selten behinderte sie dieses Misstrauen gegen jeden und alles in ihrer eigenen Arbeit, die sich ganz anderer Methoden bedienen musste, wollte sie erfolgreich sein. Aber die HVA hatte sich der falschen Sicherheitsdoktrin auch nie entgegengestellt, sondern von ihren Resultaten genommen, was ihr n&#252;tzte. In dem Bestreben, die eigene – f&#252;r notwendig und n&#252;tzlich erachtete – Arbeit m&#246;glichst effektiv tun zu k&#246;nnen, hat sie Kompromisse geschlossen und Zugest&#228;ndnisse gemacht, die im Endeffekt dazu f&#252;hrten, dass sie sp&#228;ter neben andere Diensteinheiten des MfS auf die Anklagebank gesetzt wurde.</p>
<p>Und doch ist Differenzierung vonn&#246;ten! Denn die Grundaufgaben der HVA waren nat&#252;rlich andere als die der Abwehrbereiche. Es ging tats&#228;chlich um eine T&#228;tigkeit, die in nahezu allen Staaten dieser Erde nichts Besonderes darstellt, obwohl sie stets und in jedem Falle gegen die Interessen eines anderes Landes verst&#246;&#223;t, mit dem man in der Regel normalen, wenn nicht gar freundschaftlichen Kontakt pflegt. Dass sich die Staaten in dieser Weise ausforschen, wird von allen augenzwinkernd akzeptiert; ungem&#252;tlich verspricht es nur f&#252;r die daran beteiligten Staatsb&#252;rger des jeweils eigenen Landes zu werden, sobald man ihrer habhaft wird. Diese geheimdienstliche T&#228;tigkeit richtet sich nach au&#223;en und hat – sofern der Dienst konsequent ist (was man in den meisten F&#228;llen aber nicht voraussetzen kann) – nichts mit der Spitzelt&#228;tigkeit nach innen zu tun. Die HVA konnte sich vom unmittelbaren Mittun tats&#228;chlich weitgehend fernhalten, gab es doch im MfS Bereiche, die sich dieser spezifischen Aufgabe eigenverantwortlich – und auch eifers&#252;chtig gegen&#252;ber jeder Kompetenzeinschr&#228;nkung – widmeten. Dazu jedoch hatte die HVA Amtshilfe geleistet, ohne Scheu kooperiert und vieles stillschweigend akzeptiert – weil sich so die Arbeit bequemer machen lie&#223;.</p>
<p>Die HVA war keine Insel im Ministerium f&#252;r Staatssicherheit; dazu gab es zu viele Br&#252;cken und &#220;berg&#228;nge zwischen ihr und den Abwehrbereichen. Insofern fragten sp&#228;ter viele, ob sie es »verdient« hatte, dass die Sturmwellen des Protestes sie damals verschonten. Und sie gaben auch die Antwort, indem sie den Spionageapparat letztlich auch &#228;chteten – als einen voll mithaftenden Bestandteil der Stasi.</p>
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		<title>Vor 20 Jahren &#8211; Wahlmanipulation und Ausreisewelle bef&#246;rdern die Erosion eines Staates (Teil 2)</title>
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		<pubDate>Sun, 17 May 2009 17:00:10 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Im Mai vor 20 Jahren, als die Ungarn schrittweise die Grenze zu &#214;sterreich &#246;ffneten und damit vor allem DDR-B&#252;rgern eine  unerwartete M&#246;glichkeit zur Flucht in den Westen boten, war die DDR schon nicht mehr in der Lage, dagegen wirksam vorzugehen. So lesen sich die Durchhalteparolen der SED und der Stasi aus heutiger Sicht wie Belege [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Mai vor 20 Jahren, als die Ungarn schrittweise die Grenze zu &#214;sterreich &#246;ffneten und damit vor allem DDR-B&#252;rgern eine  unerwartete M&#246;glichkeit zur Flucht in den Westen boten, war die DDR schon nicht mehr in der Lage, dagegen wirksam vorzugehen. So lesen sich die Durchhalteparolen der SED und der Stasi aus heutiger Sicht wie Belege der Hilflosigkeit, gepaart von permanenter Negierung der Realit&#228;t im Lande. Eine eher l&#228;cherliche Rolle spielten dabei Medien der DDR, insbesondere das SED-Zentralorgan &#8220;Neues Deutschland&#8221;. <span id="more-976"></span>Die immer w&#252;tenderen Gegenma&#223;nahmen propapandistischer wie auch repressiver Art verpufften in dem Ma&#223;e, wie nicht nur Oppositionelle, sondern auch immer mehr einfache DDR-B&#252;rger an Selbstbewusstsein gewannen.</p>
<p>&#220;ber diese Vorg&#228;nge entstand ein gutes Jahr sp&#228;ter, im Sommer 1990, nachfolgender Text, der die damaligen Ereignisse rekapituliert und in einen gr&#246;&#223;eren Zusammenhang zu stellen versucht. Zwar ist heute das Geschehen vor 20 Jahren gr&#252;ndlicher erforscht als damals, nur Monate danach; dennoch kann diese bislang unver&#246;ffentlichte Darstellung neben ihrem dokumentarischen Teil einiges zur seinerzeitigen Atmosph&#228;re am Ende einer Epoche aussagen.</p>
<h3>Wahlmanipulation und Ausreisewelle &#8211; die Erosion eines Staates (Teil 2)</h3>
<p><img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/173f51aed75243fc9f51687371409777" alt="" width="1" height="1" /><br />
Im 1. Halbjahr 1989  nahmen die »Antr&#228;ge auf st&#228;ndige Ausreise von B&#252;rgern der DDR«, wie es im Amtsdeutsch hie&#223;, und zugleich das »ungesetzliche Verlassen der DDR« schnell zu. In einer umfassenden Analyse dieser Entwicklung stellte das MfS im Juli 1989 fest: »Die politisch-operative Lage zur Zur&#252;ckdr&#228;ngung von Antragstellern auf st&#228;ndige Ausreise nach der BRD und Westberlin ist vor allem gekennzeichnet durch eine unver&#228;ndert hohe Zahl diesbez&#252;glicher Antr&#228;ge &#8211; obwohl eine erhebliche Anzahl st&#228;ndiger Ausreisen realisiert wurde. Trotz vielf&#228;ltiger Aktivit&#228;ten konnte die angestrebte Wirksamkeit im Zur&#252;ckdr&#228;ngungsproze&#223; nicht erreicht werden. Das zeigt sich u.a. in der sehr geringen Zahl von Abstandnahmen (1,1 % im Verh&#228;ltnis zu den Antragstellungen) &#8230; Seit Inkrafttreten der Reiseverordnung ist eine deutliche Zunahme des aggressiven, fordernden und verleumderischen Verhaltens und Auftretens sowie eine sinkende Hemmschwelle zur Androhung und Durchf&#252;hrung von feindlich-negativen Aktivit&#228;ten festzustellen. Es w&#228;chst die Zahl der Antragsteller, die staatliche Regelungen oder Verfahrensweisen sowie Entscheidungen nicht akzeptieren. Beispielhaft daf&#252;r sind Versuche, mit &#246;ffentlichkeitswirksamen Demonstrativhandlungen Druck auf die staatlichen Organe auszu&#252;ben und sie zu erpressen &#8230; Beim ungesetzlichen Verlassen der DDR ist &#8211; im Verh&#228;ltnis zum 1. Halbjahr 1988 &#8211; eine z. T. erhebliche Zunahme festzustellen. Das resultiert nach wie vor insbesondere aus dem weiteren Anstieg der Nichtr&#252;ckkehr von Privatreisen nach dem nichtsozialistischen Ausland, wobei auch in fast allen anderen Begehungsweisen ebenfalls ein Anstieg festzustellen ist.«</p>
<p>Empfehlungen, wie dem Herr zu werden sei, konnte das MfS zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr geben, und ebenso ratlos war die Partei- und Staatsf&#252;hrung. Sie sah allerdings &#8211; suggeriert auch durch die Stasi-Berichte &#8211; die Ursache f&#252;r all die genannten Abwicklungen in den »subversiven Angriffen des Imperialismus«. Und darauf konnte es entsprechend den schon dargestellten Weisungen Mielkes nur eine Antwort geben: unnachgiebige H&#228;rte, den Einsatz des gesamten Machtapparates. Die internationale Einbindung der DDR lie&#223; zwar ein Vorgehen, das au&#223;enpolitische Proteste und Verwicklungen h&#228;tte ausl&#246;sen k&#246;nnen, als wenig geraten erscheinen &#8211; eine Gratwanderung, die lange versucht wurde, letztlich aber auch nicht mehr durchzuhalten war. Deshalb kam es im Fr&#252;hjahr und Sommer des Jahres 1989 immer &#246;fter zu Ma&#223;nahmen, deren restriktiver Charakter f&#252;r jedermann offensichtlich war und die der DDR auch international gro&#223;en Schaden zuf&#252;gten. Aber das nahm man in Kauf, denn die eigene Philosophie stellte die Machtfrage h&#246;her als alles andere; sie war f&#252;r die stalinistische F&#252;hrung ein Wert an sich.</p>
<p>Eine besonders unr&#252;hmliche Rolle spielte dabei der Medienapparat der fr&#252;heren DDR. Bereitwillig stellte er sich f&#252;r Kampagnen gegen Oppositionelle zur Verf&#252;gung und unterst&#252;tzte aktiv die Repressivma&#223;nahmen der Staatssicherheit. Diese gab daf&#252;r auch die Linie vor, die &#252;ber das SED-Zentralkomitee an die Medien &#252;bermittelt wurde: »Es wird als zweckm&#228;&#223;ig angesehen, im Rahmen der Medien- und sonstigen &#214;ffentlichkeitsarbeit den Nachweis zu f&#252;hren, dass die von personellen Zusammenschl&#252;ssen in Konzeptionen, ›Offenen Briefen‹, Eingaben, Forderungskatalogen u. dgl. propagierten feindlichen und oppositionellen Auffassungen in &#220;bereinstimmung stehen mit entsprechenden ideologischen Angriffen des Gegners, und auf dieser Grundlage die offensive politisch-ideologische Auseinandersetzung zu f&#252;hren.« Und so wurde gehandelt &#8211; ob bei der Diffamierung der B&#252;rgerrechtler nach der <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/01/17/vor-zwanzig-jahren-karl-und-rosa-zwischen-den-fronten/" target="_blank">Liebknecht/Luxemburg-Demonstration</a>, ob bei der <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/03/06/vor-zwanzig-jahren-pastoren-am-pranger/" target="_blank">Verunglimpfung f&#252;hrender Kirchenleute</a> oder sp&#228;ter bei der Ver&#228;chtlichmachung Ausreisewilliger.</p>
<p> <br />
Der seinerzeitige Chefredakteur des damaligen SED-Zentralorgans »Neues Deutschland« (ND), Herbert Naumann, schilderte in der Wendezeit, wie die Berichterstattung &#252;ber die Liebknecht/Luxemburg-Demonstration zentral gesteuert wurde: »Von uns hatte die Aktivit&#228;ten der Gruppen an diesem Tag keiner beobachtet. Wir h&#246;rten von ihnen nur &#252;ber westliche Medien. Jeder Versuch der Redaktion, unsere Leser auch nur ann&#228;hernd dar&#252;ber zu informieren, scheiterte. Auf regelrechten Befehl unseres Herausgebers mussten wir erst einmal acht Tage &#252;ber die Sache schweigen. Was wir dann &#252;ber Hergang, Verhaftungen und Verurteilungen bringen durften, kam von ADN, und dieser Agentur ist der fertige Text daf&#252;r von der Abteilung Agitation des ZK &#252;bergeben worden. Etwas anderes als das zu ver&#246;ffentlichen w&#228;re das Ende der journalistischen T&#228;tigkeit des Betreffenden gewesen. Sp&#228;ter erhielten wir dann so genannte Meinungs&#228;u&#223;erungen, die wir abdrucken mussten.«</p>
<p>Die erste solche Meinungs&#228;u&#223;erung stammte aus der DKP-Zeitung »Unsere Zeit« und besch&#228;ftigte sich mit dem vor Jahren gewaltsam aus der DDR abgeschobenen B&#252;rgerrechtler Roland Jahn. Dieser am 23. Januar 1988 erschienene Artikel wurde am 26.1.1988 im »Neuen Deutschland« nachgedruckt., und es folgten schnell aufeinander weitere &#228;hnliche Beitr&#228;ge, Korrespondenzen und »emp&#246;rte Stimmen aus der Bev&#246;lkerung«, mit denen eine westliche Einmischung und Steuerung der Opposition in der DDR suggeriert werden sollte. Gleichzeitig ver&#246;ffentlichte das ND den vom ZK gelieferten Kommentar des damaligen PEN-Pr&#228;sidenten Professor Dr. Heinz Kamnitzer, der die Aktionen der B&#252;rgerrechtler mit einer »Gottesl&#228;sterung« verglich und so gewisserma&#223;en die moralische Rechtfertigung f&#252;r deren Verhaftung und sp&#228;tere Ausweisung liefern sollte. Dies wurde unterst&#252;tzt durch den »Volkszorn«, der sich angebliche in »Gespr&#228;chen und Meinungs&#228;u&#223;erungen« widerspiegelte und deren »Kern« die Verfertiger der Stimmen im ND gleich selbst wie folgt zusammenfa&#223;ten: »Emp&#246;rt und voller<br />
Entschiedenheit verurteilen Werkt&#228;tige aller Klassen und Schichten der Bev&#246;lkerung der DDR den Versuch einer kleinen Gruppe bestellter Provokateure, das revolution&#228;re Verm&#228;chtnis von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg zu besudeln und es gegen Sozialismus und Frieden zu missbrauchen. Gro&#223;e Entr&#252;stung ruft hervor, dass sich solche Personen von westlichen Geheimdiensten sowie bestimmten politischen Kr&#228;ften in der Bundesrepublik Deutschland und Berlin (West) aushalten lassen und f&#252;r Zwecke zur Verf&#252;gung stellen, die den Interessen aller B&#252;rger der DDR und auch aller friedliebenden Menschen in der Welt zuwiderlaufen.«</p>
<p>Naumann sagte dazu, dass derartige »Stimmen aus dem Volke« direkt vom ZK an das ND gegeben wurden. Man vertraute offensichtlich nicht einmal mehr den Redakteuren, dass sie Stellungnahmen mit der gew&#252;nschten politischen Aussage bringen w&#252;rden. Dabei glaubte der Ex-Chefredakteur nicht, dass diese »Stimmen« gef&#228;lscht wurden. »Es gab gen&#252;gend Leute, die damals solche &#196;u&#223;erungen machten. Die Adressen waren au&#223;erdem f&#252;r jeden leicht nachpr&#252;fbar, und bei uns hat sich nie einer beschwert, wir h&#228;tten ihn falsch zitiert«, sagte Naumann 1991 und vermutete als Quelle die Berichte, die die Parteiorganisationen regelm&#228;&#223;ig ans ZK schicken mussten.</p>
<p>Wie immer bei solchen Gelegenheiten erfolgte parallel zur Diffamierung der Opposition im eigenen Land der Hinweis auf »massive Menschenrechtsverletzungen« in der Bundesrepublik Deutschland. Berufsverbote, Verfassungsschutzaktivit&#228;ten, Arbeitslosigkeit und andere durchaus vorhandene Missst&#228;nde wurden breit dargestellt, um von der Kritik an den eigenen Repressalien gegen Andersdenkende abzulenken. So hie&#223; es zum Beispiel &#252;ber den Bundesgrenzschutz: »Das machen die an ihren Grenzen: 13 607 Festnahmen, 65 189 Ausreiseverbote, 7047 Abschiebungen, 128 715 Zur&#252;ckweisungen.«</p>
<p>Schlie&#223;lich wurden die westlichen Journalisten, die durch ihre Berichterstattung &#8211; vor allem in Fernsehen und Rundfunk &#8211; die Desinformationskampagnen der SED wirksam durchkreuzten, gezielt mit Geheimdiensten der Bundesrepublik in Verbindung gebracht. Ein im ND am 3.2.1988 erschienener, nur mit N. N. gezeichneter »Dokumentarbericht« stellte fest: »Mit dem Ziel, eine DDR-innere Opposition zu schaffen, sind auch einige von den BRD-Geheimdiensten bestellte und bestallte Journalisten ma&#223;geblich mit daran beteiligt, daf&#252;r geeignete Personen in unserem Lande ausfindig zu machen, sie mit entsprechenden Mitteln zu unterst&#252;tzen und auszur&#252;sten, sie ideologisch auszurichten und &#8211; wie man so sch&#246;n sagt &#8211; ›aufzubauen‹ und zu gegen den sozialistischen Staat gerichteten Handlungen anzustiften.« Einige Tage sp&#228;ter wurde noch eins drauf gesetzt und so getan, als ob es klare Beweise f&#252;r geheimdienstliche Aktivit&#228;ten der westlichen Korrespondenten gebe: »Die Aufdeckung und Untersuchung gegen die DDR gerichteter staatsfeindlicher Handlungen best&#228;tigen Erkenntnisse und erbrachten neue &#252;berzeugende Beweise daf&#252;r, dass imperialistische Geheimdienste und andere mit ihnen im Bunde stehende antisozialistische Zentren und Kr&#228;fte in der BRD und in Westberlin intensiv darum bem&#252;ht sind, im Innern der DDR gegen deren gesellschaftliche Ordnung gerichtete Kr&#228;fte zu formieren, eine sogenannte innere Opposition au organisieren,« Derartige »Berichte« wurden direkt im MfS formuliert. Unter Federf&#252;hrung von deren Zentraler Auswertungs- und Informationsgruppe (ZAIG) arbeiteten die mit »Untergrundt&#228;tigkeit« befasste Hauptabteilung XX, die f&#252;r Desinformation zust&#228;ndige Abteilung X der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung und die jeweiligen Bezirksverwaltungen bei der Fabrikation solcher Elaborate zusammen. &#220;ber die Abteilung Agitation des ZK &#8211; zwischen dessen Propagandasekret&#228;r Joachim Herrmann und der ZAIG existierte ein st&#228;ndiger unmittelbarer Kontakt &#8211; wurden diese dann ADN zugeleitet, und f&#252;r derartige ADN-&#220;bermittlungen bestand bei den DDR-Zeitungen Ver&#246;ffentlichungspflicht. Ex-Chefredakteur Naumann: »Die Abteilung Agitation teilte uns t&#228;glich mit, was ADN sendet und was wir davon wo zu platzieren hatten. &#220;berhaupt musste die Redaktion t&#228;glich eine Skizze der Zeitungsseiten 1 und 2 in der Abteilung Agitation des ZK vorlegen, &#252;ber die dann meist Honecker selbst mit Herrmann entschied, wie sie endg&#252;ltig auszusehen hatte.«</p>
<p>Solcherart Kampagnen wiederholten sich immer dann, wenn die B&#252;rgerrechtler im Lande st&#228;rker in Erscheinung traten und Repressivma&#223;nahmen gegen sie motiviert werden sollten. Nicht selten richteten sie sich auch gegen die Kirche bzw. einzelne von deren Repr&#228;sentanten. Besonders bekannt geworden ist ein ADN-Kommentar vorn 10.1.1989 (»Herr Stolpe und der Idealfall«), den angeblich Honecker selbst diktiert hatte, weil ihm &#196;u&#223;erungen des Konsistorialpr&#228;sidenten zu den Gr&#252;nden f&#252;r die gro&#223;e Zahl von Ausreiseantr&#228;gen missfallen hatten. Dieser Kommentar soll selbst im MfS Stirnrunzeln ausgel&#246;st haben, da er das dort kunstvoll errichtete Differenzierungsgeb&#228;ude gegen&#252;ber der Kirche erheblich ins Wanken brachte. »Die Angriffe gegen Stolpe, der die Dinge eigentlich nicht anheizen wollte, schadeten unserer Arbeit«, sagte Kurt Zeiseweis, stellvertretender Leiter der Berliner MfS-Bezirksverwaltung sp&#228;ter dazu, »Das verstanden wir nicht«.</p>
<p>Aber die damalige DDR-F&#252;hrung lie&#223; sich von ihrem falschen Weg nicht mehr abbringen. Sie ging ihn konsequent zu Ende bis in die L&#228;cherlichkeit. Am 21.9. 1989 erschien auf Seite 1 des ND ein Interview mit dein Mitropa-Koch Hartmut Ferworn, in dem er detailliert berichtete, wie er bei einer Fahrt nach Budapest mittels einer Menthol-Zigarette angeblich bewusstlos gemacht wurde und dann mit einem Bus nach Wien »verschleppt« worden sei. Er sagte unter anderem w&#246;rtlich: »Offensichtlich hat man mir ein Bet&#228;ubungsmittel gegeben, wie ich jetzt erfahren habe, eine beliebte Methode westlicher Geheimdienste und ihrer Handlanger.«</p>
<p>Wo er das »erfahren« hatte, ist heute bekannt: beim MfS. Ex- ND-Chefredakteur Naumann berichtete nach der Wende: »Diese Story und den Interviewpartner n&#246;tigte uns die Abteilung Agitation des ZK auf. Ich habe sie leider zun&#228;chst geglaubt, denn nat&#252;rlich gab es in Ungarn auch Abwerbung, und der Mann versicherte immer wieder auf Tonband, da&#223; die Sache stimmt. ZK-Abteilung und Staatssicherheit b&#252;rgten f&#252;r die Wahrheit. Gegenrecherchiert haben wir deshalb nicht.« Schnell erfuhr Naumann aber, dass Ferworn gelogen hatte. Die Eltern des im Interview als »Abwerber« bezeichneten jungen Mannes beschwerten sich beim ND , und besonders im Heimatort dieser Familie erregte der Fall viel Aufsehen. »Da kam pl&#246;tzlich jemand von der MfS-Pressestelle zu uns«, erinnerte sich Naumann, »und verlangte, dass wir der Familie drohen sollten, es gebe noch mehr Beweise, und sie sollten sich ruhig verhalten. Das lehnten wir ab. Wir empfahlen der Familie gerichtliche Schritte, und tats&#228;chlich gestand Ferworn schlie&#223;lich ein, dass ihn das MfS zu der erlogenen Aussage gebracht hatte, wir haben daraufhin eine Richtigstellung gedruckt und uns f&#252;r das Leid, das dieser Familie durch eine solche, von ›Medienzaren‹ verordnete Kampagne erwuchs, entschuldigt.«</p>
<p>Das aber war dann schon mitten in der Wendezeit; zuvor hatte es solche Dementis nie gegeben, und wenn auch der Druck des Parteiapparates auf die Medien unstrittig gewesen ist, so haben nicht wenige Journalisten doch eifrig und mit eigenem Engagement dazu beigetragen, dass die &#214;ffentlichkeit &#252;ber die B&#252;rgerbewegung wie &#252;ber viele andere Vorg&#228;nge desinformiert wurde. Angaben aus dem ZK bzw. dem MfS wurden a priori als wahr angesehen und ungepr&#252;ft ver&#246;ffentlicht. Und das MfS ergriff dar&#252;ber hinaus vielfaltige Ma&#223;nahmen, um auch den akkreditierten ausl&#228;ndischen Journalisten eine wahrheitsgetreue Berichterstattung zu erschweren. Typisch daf&#252;r ist eine Anweisung des MfS aus dem Jahre 1988, in der ausdr&#252;cklich als notwendig bezeichnet wurde:<br />
»1. Die Durchsetzung von Ordnung, Sicherheit und Disziplin hinsichtlich der Einhaltung der Melde- und Genehmigungspflicht von Kontakten zu bevorrechteten Personen und Korrespondenten durch die Leiter und Mitarbeiter der Kombinate, Betriebe, staatlichen Institutionen, Organen und anderen Einrichtungen der Hauptstadt, einschlie&#223;lich der Genehmigungspflicht zur Wahrnehmung von durch Botschaften und Korresponderenb&#252;ros des nichtsozialistischen Auslands erfolgten Einladungen zu Veranstaltungen wie Empf&#228;ngen, Partys u. a. Unsere gemeinsame Aufgabe muss darin bestehen, durch Einschr&#228;nkung des Kontakt-Kreises auf das notwendige Ma&#223;, durch Einbeziehung von B&#252;rgern, die die DDR w&#252;rdig vertreten und durch &#220;berschaubarkeit solcher Kontakte eine weitere Ausbreitung zu durchkreuzen.<br />
2. Um den Bestrebungen bevorrechteter Personen und Journalisten des nichtsozialistischen Auslands zur Absch&#246;pfung vertraulicher bzw. geheimzuhaltender Informationen entgegenzuwirken und negative Einflussm&#246;glichkeiten einzuschr&#228;nken, ist die politisch-ideologische Erziehung von B&#252;rgern, die solche Kontakte dienstlicherseits usw. unterhalten, zu politischer Wachsamkeit und Geheimhaltung st&#228;rker als in der Vergangenheit zu aktivieren.«</p>
<p>Ziel der offiziellen Informationspolitik war also nicht die Wahrheit, sondern das gesch&#246;nte Bild, das die Partei- und Staatsf&#252;hrung von der DDR vermitteln wollte. Am deutlichsten brachte das der langj&#228;hrige Chefredakteur der FDJ-Zeitung »Junge Welt«, Dieter Langguth in einem Vortrag vor Jenenser Jura-Studenten zum Ausdruck, nachdem er zum stellvertretenden Leiter der ZK-Abteilung Agitation aufgestiegen war: »Die DDR-Medien sind Parteimedien und sind Mittel zur Propagierung der Erfolge des Sozialismus. Keine Presse in der Welt druckt alles, und auch wir drucken nur, was uns passt &#8230; Die Medien sind nicht Plattform des Gegners. Jede Form von Pluralismus und Meinungsverschiedenheit schaden dem Sozialismus und bringen die Anarchie &#8230; Der Sozialismus hat drei Gegner: 1. den Imperialismus, 2. Intellektuelle, K&#252;nstler, Journalisten aus dem Osten, die von der Linie abweichen, 3. Gegner von innen &#8230;«</p>
<p>In den letzten Monaten vor dem Herbst 1989 wurde dieser Kurs drakonisch durchgepeitscht. Es gab aber zugleich verzweifelte Versuche, wenigstens an einer der selbstgeschaffenen Fronten Befriedung zu erreichen: gegen&#252;ber der Kirche. Deutlichstes Beispiel daf&#252;r war die Wiedereinweihung des Greifswalder Domes am 11. Juni 1989, zu der auch hochstehende staatliche Vertreter eingeladen wurden. Bereits im April lie&#223; Honecker mitteilen, dass er pers&#246;nlich kommen wolle. Das schien zwar durch die Vorg&#228;nge um die Kommunalwahlen und das starke Engagement der evangelischen Kirche in dieser und anderen Auseinandersetzungen immer wieder in Frage gestellt, aber Honecker kam trotzdem. Er h&#228;tte &#8211; auch nach der Stimmung in der Greifswalder Kirchenleitung &#8211; durchaus noch einmal die Chance zu einem Schritt der Vers&#246;hnung gehabt, entschied sich jedoch f&#252;r den Versuch der Differenzierung, der angesichts des durch die Ausreisewelle und die zunehmende Unzufriedenheit allerorts angeschlagenen Staates<br />
nicht erfolgreich sein konnte.</p>
<p>Honecker verlangte, dass an einem Empfang im Greifswalder Rathaus nach dem Gottesdienst der Bischof der evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg nicht teilnehmen solle. Dieses Ansinnen hatte eine den Absichten von Partei und Staat diametral entgegenstehende Wirkung. »Es war urspr&#252;nglich der Versuch, eine bestimmte Landeskirche f&#252;r die Zusammenarbeit mit dem Staat zu gewinnen«, bewertete sp&#228;ter der Berliner Probst Dr. Furian das damalige Geschehen, »Dass man daf&#252;r ausgerechnet auf Greifswald verfiel, zeigt die Fehleinsch&#228;tzung Honeckers sowohl &#252;ber die Rolle der Greifswalder Kirche in unserem Bund, als auch &#252;ber den Einfluss, den er selbst auf den Greifswalder Bischof Gienke zu haben glaubte. Vielleicht hat die Taktik des Staates einige zun&#228;chst verunsichert, aber mit der Ausladung von Bischof Forck gab der Staat selbst das Gegensignal, stellte er die Dinge selbst wieder richtig.« Und Stolpe mutma&#223;te, dass dieser so gar nicht in die Zeit passende Schritt auch in der DDR-F&#252;hrung umstritten gewesen sein d&#252;rfte. »Es war wohl ein Alleingang Honeckers, der aber keinen 3rfolg haben konnte, da er in keiner Welse der Realit&#228;t im Lande entsprach.«</p>
<p>Tats&#228;chlich war auch das Vorgehen gegen die Kirche in diesen Wochen von H&#228;rte und Unnachgiebigkeit gekennzeichnet; die Auseinandersetzungen zwischen Staatsmacht und Opposition nahmen immer offenere Formen an und erhielten seitens des Staates immer brutalere Z&#252;ge. Und auch innerhalb der Partei sah sich die F&#252;hrung gen&#246;tigt, zunehmend h&#228;ufiger gegen Kritik vorzugehen, &#246;fter und &#246;fter mit Ma&#223;nahmen der Disziplinierung zu reagieren. Was f&#252;r alle offensichtlich war, wollte die F&#252;hrung nicht sehen. »Wir haben die Lage weitgehend gekannt, haben &#252;ber die Stimmung im Lande berichtet, haben vor allem die Probleme in der Wirtschaftspolitik benannt«, klagte MfS-General Felber, der an der Spitze der Stasi-Parteiorganisation stand, sp&#228;ter. »Ich hoffte, dass sich im Zentralkomitee, wo ich selbst Mitglied war, das widerspiegelt. Aber nichts geschah. Nicht eine von diesen Analysen wurde dort behandelt.« Allerdings hatte wohl auch Felber darauf nicht gedrungen.</p>
<p>Den Grund daf&#252;r nannte Honecker in einem langen Interview zu Anfang des Jahres 1990 selbst: »Ich selbst habe diesen Berichten wenig Beachtung geschenkt, weil all das, was dort drin stand, man auch aus den Berichten der westlichen Medien gewinnen konnte.« Und was in westlichen Medien stand, so fuhr er fort, war unter dem Aspekt des Klassenkampfes zu betrachten. Faktisch gestand er damit ein, dass er den Berichten seines eigenen Geheimdienstes misstraute, weil sie mit seinem Wunschbild so wenig &#252;bereinstimmten. Dieses Wunschbild hatte Joachim Herrmann noch auf der 8. Tagung des ZK der SED am 22. Juni 1989 farbenfroh ausgemalt: »Die gro&#223;e Demonstration der Werkt&#228;tigen am 1. Mai, das Votum f&#252;r unsere Politik bei den Kommunalwahlen, das Bekenntnis der jungen Generation zum Sozialismus in der DDR w&#228;hrend des Pfingsttreffens der FDJ, die in die Zukunft weisenden Beratungen auf dem IX. P&#228;dagogischen Kongress &#8211; all diese Ereignisse in der Berichtsperiode bringen zum Ausdruck, wie fest die Werte des Sozialismus im Volk verankert sind. Die Einheit von Wirtschafts~ und Sozialpolitik wurde konsequent verwirklicht, was neue Initiativen der Werkt&#228;tigen ausl&#246;ste.«</p>
<p>Dieses Kopf-in-den-Sand-stecken wurde immer weniger begriffen, l&#246;ste Unruhe auch in der Partei aus. Das MfS notierte am 11.9.1989: »Vorliegenden Informationen zufolge sind zahlreiche, vor allem langj&#228;hrige Parteimitglieder, von tiefer Sorge erf&#252;llt &#252;ber die gegenw&#228;rtige allgemeine Stimmungslage unter gro&#223;en Teilen der Werkt&#228;tigen, besonders in den Betrieben, teilweise verbunden mit ernsten Bef&#252;rchtungen hinsichtlich der weiteren Erhaltung der politischen Stabilit&#228;t der DDR. Sie begr&#252;nden diese Haltung insbesondere mit solchen pers&#246;nlich getroffenen Feststellungen im Arbeits-, Wohn-und Freizeitbereich wie<br />
- der erheblichen Zunahme von durch Unwillen und Unzufriedenheit gekennzeichneten, in immer aggressiverem Ton gef&#252;hrten Diskussionen im Zusammenhang mit der Versorgungslage und der Lage im Dienstleistungsbereich, der Lohn-Preis-Politik, der materiell-technischen Sicherstellung der Produktion,<br />
- zunehmenden Erscheinungen von Passivit&#228;t und Gleichg&#252;ltigkeit unter Werkt&#228;tigen gegen&#252;ber dem politischen und gesellschaftlichen Leben in der DDR insgesamt und im Territorium,<br />
- dem weiteren R&#252;ckgang von Arbeitsdisziplin und Leistungsbereitschaft,<br />
der erheblichen Zunahme von Erscheinungen des Spekulantentums und der Korruption.<br />
Die Praxis zeige, dass auch zahlreiche Parteimitglieder mit derartigen Auffassungen und Verhaltensweisen in Erscheinung treten und sich damit kaum noch von Parteilosen unterscheiden.«</p>
<p>So st&#252;tzte sich die F&#252;hrung letztlich fast nur noch auf die Staatssicherheit, die bald permanent im Einsatz war. Alle MfS-Diensteinheiten mussten »neue Anstrengungen« unternehmen, um »die Lage zu beherrschen«. In einem Grundsatzpapier der Bezirksverwaltung Berlin des MfS &#252;ber »zu beachtende Aspekte des aktuellen Wirksamwerdens innerer feindlicher, oppositioneller und anderer negativer Kr&#228;fte in personellen Zusammenschl&#252;ssen« wurde gefordert, dass »durch ein noch einheitlicheres und konzeptionell gesichertes politisch-ideologisches und operatives Zusammenwirken und Vorgehen aller zust&#228;ndigen staatlichen Organe und einzubeziehenden gesellschaftlichen Organisationen und Kr&#228;fte der weiteren Profilierung bestehender und der Bildung neuer derartiger personeller Zusammenschl&#252;sse konsequent entgegengewirkt und Ma&#223;nahmen der Sicherheitsorgane zur Zersetzung und Aufl&#246;sung derselben und zur Paralysierung von diesen ausgehender antisozialistischer Aktivit&#228;ten differenziert wirkungsvoll unterst&#252;tzt werden«. Der Begriff solcher »antisozialistischer Aktivit&#228;ten« wurde sehr weit gefasst. Kurt Zeiseweis von der BV Berlin merkte zwar an, dass eigentlich das Strafgesetzbuch als Kriterium f&#252;r die Strafrechtswidrigkeit zu Rate gesogen werden sollte, dieses in praxi aber sehr weit ausgelegt wurde: »Im Grunde ist von uns jede oppositionelle Handlung zumindest am Rande der politischen Untergrundt&#228;tigkeit eingeordnet worden.« Und daraus wurden die entsprechenden Konsequenzen gezogen. Noch einmal aus dem eben zitierten Grundsatzdokument, das aus dem Juni 1989 stammt: »In Wahrung und Durchsetzung der sozialistischen Gesetzlichkeit sollten gegen&#252;ber Personen, die durch fortgesetzte und &#246;ffentlichkeitswirksame, sicherheitspolitisch besonders bedeutsame Handlungen gegen die sozialistische Staats- und Gesellschaftsordnung in Erscheinung treten und damit in erheblichem Ma&#223;e Strafrechts- und ordnungsrechtliche Normen verletzen, differenziert konsequent geeignete Sanktionen Anwendung finden. Um die damit beabsichtigte disziplinierende Wirkung zu erh&#246;hen und m&#246;gliche Reaktionen anderer feindlicher und oppositioneller Kr&#228;fte darauf vorbeugend einzuschr&#228;nken, w&#228;re es zweckm&#228;&#223;ig, dieses Vorgehen durch entsprechende offensive politische und ideologische Ma&#223;nahmen zu erg&#228;nzen.«</p>
<p>Und dies erfolgte ohne Verzug. Bekannt geworden ist die Bildung einer »Soforteinsatzgruppe operative Beobachtung« der MfS-Fahndungsabteilung VIII, der Stasi-Minister Mielke die Aufgabe stellte, »angesichts der aktuellen Entwicklung der politisch-operativen Lage und der besonderen sowie sicherheitspolitischen Bedeutung von feindlich-negativen, besonders &#246;ffentlichkeitswirksamen Handlungen in der Hauptstadt der DDR, Berlin, durch die qualifizierte Nutzung der weitreichenden M&#246;glichkeiten der operativen Beobachtungen einen noch gr&#246;&#223;eren Beitrag zur Beherrschung der Lage unter allen Bedingungen zu leisten.« Hier entstanden jene Video-Aufnahmen, die sp&#228;ter um die Welt gingen und veranschaulichten, was die »fl&#228;chendeckende« &#220;berwachung eines ganzen Volkes bedeutete. Damit aber waren die Aufgaben dieser »Sofortbeobachtungskr&#228;fte« nicht ersch&#246;pft, sondern: &#8220;Wenn es w&#228;hrend des Einsatzes unumg&#228;nglich ist, werden die eingesetzten Kr&#228;fte bei Sicherung der Konspiration bem&#252;ht sein, &#246;ffentlichkeitswirksamen Provokationen offensiv zu begegnen und im Ausnahmefall auch Zuf&#252;hrungen bzw. Festnahmen durchzuf&#252;hren.«</p>
<p>Diese st&#228;ndige Ausweitung der Aufgaben war auch im Ministerium f&#252;r Staatssicherheit nicht unumstritten, zumal die politische Motivierung f&#252;r solche Eins&#228;tze mehr und mehr verloren ging. »Viele sp&#252;rten, dass sie Auswirkungen der Perestroika bei uns bek&#228;mpfen sollten«, sagt Ex-Generalmajor Felber. »Aber sie waren oft selbst Perestroika-Anh&#228;nger, wenn sie das meist auch nur im kleinen Kreis zugaben. Wer es &#246;ffentlich sagte, wurde wieder auf Linie gebracht. Mielke war gegen die Perestroika; er verunglimpfte sie sogar.« Felber verga&#223; dabei, dass die Aufgabe, aufm&#252;pfige Tschekisten wieder auf Vordermann zu bringen, ihm und seiner Parteiorganisation oblag und er das bis zur letzten Minute der Honecker-Herrschaft und noch ein paar Tage dar&#252;ber hinaus auch praktizierte. Parteiverfahren gegen einzelne Angeh&#246;rige des MfS fanden noch im Oktober und November 1989 statt, und. bis in den Dezember hinein verteidigte das von Felber gef&#252;hrte Sekretariat der SED-Kreisleitung im Ministerium hartn&#228;ckig die alte Linie. Es musste schlie&#223;lich von j&#252;ngeren Funktion&#228;ren und einfachen Parteimitgliedern im MfS f&#246;rmlich davongejagt werden; erst nach dem Sturz von Egon Krenz l&#246;ste es sich endg&#252;ltig auf. Diese Entwicklung best&#228;tigt allerdings des Ex-Generals sp&#228;te Aussage, dass die allgemeine Unzufriedenheit partiell auch auf das MfS &#252;bergriff &#8211; eine wichtige Gr&#246;&#223;e bei den weiteren Ereignissen und ihrem nahezu unblutigen Verlauf.</p>
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		<title>Vor 20 Jahren &#8211; Wahlmanipulation und Ausreisewelle bef&#246;rdern die Erosion eines Staates (Teil 1)</title>
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		<pubDate>Thu, 07 May 2009 11:39:26 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[F&#252;r viele gilt der 7. Mai als ein Datum, an dem der Beginn der letzten Etappe der »alten« DDR festgemacht werden kann. An diesem Tag fanden Kommunalwahlen, letztmalig nach dem alten Muster des so genannten Zettelfaltens, statt, aber immer weniger DDR-B&#252;rger zeigten sich bereit, das einfach so hinzunehmen. Dennoch verlief die Wahl weitgehend nach den [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>F&#252;r viele gilt der 7. Mai als ein Datum, an dem der Beginn der letzten Etappe der »alten« DDR festgemacht werden kann. An diesem Tag fanden Kommunalwahlen, letztmalig nach dem alten Muster des so genannten Zettelfaltens, statt, aber immer weniger DDR-B&#252;rger zeigten sich bereit, das einfach so hinzunehmen. <span id="more-927"></span>Dennoch verlief die Wahl weitgehend nach den Vorgaben aus der Partei- und Staatsf&#252;hrung, doch als diese auch noch die Ergebnisse &#8211; entgegen der Realit&#228;t &#8211; bestimmen wollte, wuchs der Unmut in einem Ma&#223;e, das weder die SED noch ihr Sicherheitsorgan Stasi erwartet hatten. Aus dem Protest gegen die Wahlf&#228;lschung entwickelte sich allm&#228;hlich eine Bewegung f&#252;r mehr wirkliche Demokratie, der sich zunehmend auch Leute anschlossen, die bisher den offenen Konflikt mit der Staatsmacht gemieden hatten.</p>
<p>Parallel dazu gewann eine andere, schon seit l&#228;ngerem st&#228;ndig wachsende Bewegung Schritt f&#252;r Schritt Massenzulauf &#8211; die Ausreisewelle aus der DDR. Ihr schlossen sich all jene an, die die Hoffnung auf Ver&#228;nderungen im Land l&#228;ngst verloren hatten und ihr Heil nur in einem Neuanfang jenseits der Grenzen sahen. Sie stellten mit ihren Aktionen im In- wie Ausland die Staatsorgane vor immer neue Probleme, die diese letztlich nicht mehr beherrschen konnten. Beides gemeinsam f&#252;hrte zur immer schnelleren Erosion des Staates DDR und damit letztlich zu seinem Untergang.</p>
<p>&#220;ber diese Vorg&#228;nge entstand ein gutes Jahr sp&#228;ter, im Sommer 1990, nachfolgender Text, der die damaligen Ereignisse rekapituliert und in einen gr&#246;&#223;eren Zusammenhang zu stellen versucht. Zwar ist heute das Geschehen vor 20 Jahren gr&#252;ndlicher erforscht als damals, nur Monate danach; dennoch kann diese bislang unver&#246;ffentlichte Darstellung neben ihrem dokumentarischen Teil einiges zur seinerzeitigen Atmosph&#228;re am Ende einer Epoche aussagen.</p>
<p> </p>
<h3>Wahlmanipulation und Ausreisewelle &#8211; die Erosion eines Staates (Teil 1)</h3>
<p><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/bb576eea053a4c80973c2a519c10ce58" alt="" width="1" height="1" /><br />
In den vergangenen 20 Jahren wurde oft versucht, den Eindruck zu erwecken, als w&#228;ren die Ereignisse des Jahres 1989 wie ein Blitz aus heiterem Himmel &#252;ber die damalige DDR gekommen.. Besonders Vertreter der ehemaligen Partei- und Staatsf&#252;hrung argumentieren gern, die .Entwicklung w&#228;re nicht vorauszusehen gewesen; f&#252;r sie habe sich die Lage bis fast zuletzt als relativ stabil dargestellt, Die un&#252;bersehbaren Signale einer sich rapide beschleunigenden Erosion nicht wahrzunehmen &#8211; das resultierte aus der Lebensferne der Honecker &amp; Co., die alle Warnungen und Bedenken in den Wind schlugen. Im Gef&#252;hl, letztlich k&#246;nne ihnen nichts passieren, organisierten sie eine Rundum-Verteidigung gegen die zahlreichen Einzelaktionen der B&#252;rgerrechtler, versuchten sie, jede f&#252;r sich zu bek&#228;mpfen, ohne den Zusammenhang &#8211; die allgemeine Unzufriedenheit &#8211; zu erkennen. So konnte zwar mit Hilfe des Repressionsapparates da und dort die Kritik einged&#228;mmt, mundtot gemacht werden; an der versch&#228;rften Gesamtlage &#228;nderte das nichts &#8211; im Gegenteil, sie spitzte sich weiter zu. </p>
<p>Die erste umfassende »Information &#252;ber Aktivit&#228;ten feindlicher Personenkreise im Zusammenhang mit den Kommunalwahlen am 7. Mai 1989« legte die Bezirksverwaltung Berlin des Ministeriums f&#252;r Staatssicherheit (MfS) bereits am 15.2.1989 vor. »Nach den der Bezirksverwaltung f&#252;r Staatssicherheit Berlin vorliegenden Informationen«, hie&#223; es da, »besch&#228;ftigen sich feindliche Personenkreise aus der Hauptstadt der DDR, Berlin, seit Ende 1988 intensiv mit verschiedenen Problemen, die die Vorbereitung und Durchf&#252;hrung der Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 betreffen.« Und dann wurde detailliert &#252;ber diese Aktivit&#228;ten berichtet, zum Beispiel so: !«Insbesondere F&#252;hrungskr&#228;fte des politischen Untergrundes, unter Mitwirkung von Antragstellern auf st&#228;ndige Ausreise, befassen sich verst&#228;rkt mit Fragen der sozialistischen Demokratie, darin eingeschlossen das Wahlgesetz der DDR &#8230; Diese Personenkreise haben die Absicht, unter der Behauptung der Mitwirkung an der Gestaltung der sozialistischen Gesellschaft in der DDR mit staatlichen Organen und gesellschaftlichen Organisationen einen Dialog zu f&#252;hren und Forderungen feindlicher Kr&#228;fte nach destabilisierenden Ver&#228;nderungen unter Missbrauch demokratischer Wirkungsm&#246;glichkeiten einzubringen. In mehreren internen Treffen berieten diese Personenkreise konkrete Vorgehenweisen unter Missbrauch des Wahlgesetzes der DDR. So wurden mehrere Schriften mit dem Ziel verfasst und verteilt, das Wahlgesetz der DDR in ihrem Sinne zu erl&#228;utern, vor allem, um dessen M&#246;glichkeiten f&#252;r feindliche Zwecke auszusch&#246;pfen &#8230; Weiterhin beabsichtigen diese Personenkreise, ›unabh&#228;ngige Kandidaten‹ f&#252;r die Wahlen vorzuschlagen &#8230; Weitere Vorhaben feindlicher Personenkreise beinhalten die Teilnahme an Wahlversammlungen, wo sie ihre Ziele &#246;ffentlich verbreiten wollen &#8230; Von feindlichen Personen dar&#252;ber hinaus geplante Aktivit&#228;ten umfassen die Durchf&#252;hrung eigener Veranstaltungen mit thematischen Bez&#252;gen zur Wahl sowie die Beteiligung an der Arbeit der Wahlkommissionen und die &#220;berwachung der Stimmenausz&#228;hlung, um ›F&#228;lschungen und Manipulationen‹ des Wahlergebnisses zu verhindern.«</p>
<p>Dass diese Information zur Kenntnis genommen und durchaus im Sinne des Absenders bewertet wurde, zeigte eine bereits am 6. M&#228;rz 1 989 erarbeitete »Konzeption zur Gew&#228;hrleistung von Ordnung und Sicherheit im Zeitraum der Vorbereitung und Durchf&#252;hrung der Kommunalwahlen im Mai 1989«. Sie belegt schon im ersten Abschnitt die ganze Absurdit&#228;t des Vorgehens der damaligen DDR- F&#252;hrung: »Die Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 verk&#246;rpern im vierzigsten Gr&#252;ndungsjahr der DDR das wichtigste gesellschaftspolitische Ereignis. Diese Wertung ist Anlass, im Wohnbezirk ein Kontrollsystem durch gesellschaftliche Kr&#228;fte zu organisieren, welches St&#246;rungen der &#246;ffentlichen Ordnung und Sicherheit vorbeugen und subversive und kriminelle Handlungen gegen einen ordnungsgem&#228;&#223;en Wahlablauf verhindern soll.« Sodann folgen detaillierte Festlegungen an die Hausgemeinschaftsleitungen (HGL) zur Aufrechterhaltung von Ordnung und Sicherheit im Wohngebiet, u. a. zum »rechtzeitigen Erkennen von Schmierereien mit staatsfeindlichem, antisozialistischem und def&#228;tistischem Inhalt« und zur Organisierung einer entsprechenden Streifent&#228;tigkeit. Dazu hei&#223;t es w&#246;rtlich: »Im Zeitraum vom 5. Mai 1989, 19 Uhr, bis 7. Mai 1989, 19 Uhr, wird der Wohnbezirk durchg&#228;ngig mit jeweils zwei Mitgliedern der Kommission gesichert. Der Einsatz erfolgt im 6-Stunden-Rhythmus. Die Sicherung erfolgt durch Streifen- und Beobachtungst&#228;tigkeit.«</p>
<p>Auf berechtigte Anliegen, der B&#252;rger und alternativen Bewegungen reagierte der Staat also einmal mehr mit einem Festerzurren der Sicherheitsz&#252;gel. Dabei hatten sich die B&#252;rgerrechtler zun&#228;chst um eine konstruktive Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen bei der Wahlvorbereitung bem&#252;ht. So wandte sich eine Initiativgruppe der Berliner Bartholom&#228;usgemeinde bereits zu Pfingsten 1988 mit einem »Brief an Christen in der DDR und ihre Gemeindevertretungen« und benannte Wahlsystem und Wahlverfahren ausdr&#252;cklich als wichtige Bestandteile einer Demokratiserung der Gesellschaft. Die Autoren &#8211; unter ihnen Ibrahim B&#246;hme, Wolfgang Ullmann, Hans-J&#252;rgen Fischbeck und Almuth Berger &#8211; formulierten die Erw&#228;gung, ob nicht auch kirchliche Gruppen das Recht zur Kandidatennominierung einfordern sollten. Dies bekr&#228;ftigte der Initiativkreis im Januar 1989 mit der konkreten Anfrage: »Sollte nicht, was f&#252;r Kleing&#228;rtner, Sportler oder Feuerwehrleute gilt, auch f&#252;r Friedens- und Umweltgruppen gelten?«</p>
<p>In einem Aufruf des Friedenskreises der Berliner Erl&#246;sergemeinde vom Januar 1989 hie&#223; es, man sehe sich »in einer Meinung mit dem ZK der SED, auf dessen 7. Tagung Erich Honecker mitteilte: ›Wir reden nicht nur von Demokratie, wir entfalten sie auf sozialistischer Grundlage.‹ Zeichen der Zeit in unserem Land mahnen uns, Erich Honecker beim Wort zu nehmen und ihn tatkr&#228;ftig zu unterst&#252;tzen.« Bei aller hintersinnigen Ironie dieses Begehrens enthielten die folgenden praktischen Vorschl&#228;ge doch diskutierbare Anregungen auch f&#252;r Leute mit einem DDR-sozialistischen Demokratieverst&#228;ndnis.</p>
<p>Sie stie&#223;en aber auf strikte Ablehnung und die B&#252;rgerrechtler auf eine massive Behinderung ihrer Aktivit&#228;ten. Das zeigte sich besonders bei den Bem&#252;hungen, an &#246;ffentlichen Wahlversammlungen teilzunehmen und dort mit eigenen &#8211; inhaltlichen wie personellen &#8211; Vorschl&#228;gen aufzutreten. Wie sich so etwas im Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg abspielte, schilderte ein Augenzeuge in den Umweltbl&#228;ttern: »Nur mit M&#252;he (. . . ) waren Termin und Ort der Veranstaltung f&#252;r den Stadtbezirk Prenzlauer Berg zu erfahren. Trotzdem waren am 29.3.89 zeitig (ungef&#228;hr 15 Minuten vor Veranstaltungsbeginn) ca. 150 B&#252;rger vor dem Geb&#228;ude des Rates des Stadtbezirks in der Fr&#246;belstr. versammelt. In dieser Zeit kamen nur noch einige B&#252;rger in das Geb&#228;ude hinein, die &#252;ber gedruckte Einladungen verf&#252;gten. Die T&#252;r des Geb&#228;udes wurde von drei Herren abgesperrt, denen eine zun&#228;chst erstaunte, dann aber zunehmend ver&#228;rgerte Menge gegen&#252;berstand. Die stoische Antwort auf das Einlassbegehren von B&#252;rgern (unter denen sich auch Abgeordnete und Besitzer von Einlasskarten befanden) war &#8211; der Saal w&#228;re voll, im Nebengeb&#228;ude w&#252;rde die Veranstaltung &#252;ber Lautsprecher &#252;bertragen.«</p>
<p>Im Saal selbst setzte sich dann die Manipulation fort: »Im Verlauf der Versammlung kam zur Diskussion, dass in drei F&#228;llen Ver&#228;nderungen an den Kandidatenlisten beschlossen worden waren, in den Listen f&#252;r den Stadtbezirk jedoch die urspr&#252;ngliche Form unver&#228;ndert vorliegt. Erst auf die Frage, weshalb die Beschl&#252;sse auf der Wahlkreisebene ignoriert worden w&#228;ren, kam eine Erkl&#228;rung: In zwei F&#228;llen h&#228;tten sich durch die Ver&#228;nderung der Listen auch Ver&#228;nderungen in der Anzahl der Mandatstr&#228;ger ergeben, was nat&#252;rlich nicht ginge.. Im dritten Fall handele es sich um Dr. Adler von der Akademie der Wissenschaften, mit dem der Redner am gleichen Tag telefoniert h&#228;tte. Dr. Adler w&#228;re ganz zufrieden damit, wieder auf die Reservepl&#228;tze zur&#252;ckzurutschen, weil er in der Gewerkschaft so engagiert w&#228;re, dass er eigentlich keine Zeit habe. Dr. Adler war es auch nicht gelungen, in den Hauptversammlungsraum zu gelangen; es war deutlich, dass es ein Telefongespr&#228;ch dieses Inhalts nicht gegeben hat. Es ist Dr. Adler nicht gelungen, pers&#246;nlich oder &#252;ber den &#8216;Telefonapparat im Lautsprechersaal eine Richtigstellung vorzutragen.«</p>
<p>Bei einigen kirchlichen und B&#252;rgerrechtsgruppen f&#252;hrte dieses Verhalten staatlicher Stellen zur Schlussfolgerung, dass man nur durch einen Boykott der Wahlen sein Gesicht wahren k&#246;nne. Solche Erw&#228;gungen stellte zum Beispiel die s&#228;chsische Synode im April 1989 an, und sie finden sich auch in einer Erkl&#228;rung von vier Dutzend B&#252;rgerrechtlern aus dem gleichen Monat. Sie kritisieren darin Wahlsystem und Wahlverfahren und res&#252;mieren: »Die Ergebnisse der Wahlen in der DDR dienen dazu, die tats&#228;chlichen Verh&#228;ltnisse zu verschleiern und ein Einverst&#228;ndnis innerhalb der Bev&#246;lkerung mit der Politik der DDR-Regierung vorzut&#228;uschen, das immer weniger gegeben ist. Die Offenlegung tats&#228;chlich vorhandener Meinungs- und Mehrheitsverh&#228;ltnisse bedeutet eine notwendige Voraussetzung f&#252;r den breiten innergesellschaftlichen Dialog, den wir anstreben. Aus diesen Gr&#252;nden erkl&#228;ren wir, dass wir an den Kommunalwahlen am 7. 5. 89 nicht teilnehmen werden.«</p>
<p>Andere wiederum wollten nicht auf diese Weise resignieren und planten, die Wahl bis zu ihrem Abschluss kritisch zu begleiten. Ihnen ging es vor allem darum, die Exaktheit der Ausz&#228;hlung zu kontrollieren, weil nach den Erfahrungen der Vorwahlzeit zu bef&#252;rchten stand, dass auch hier zu Manipulationen gegriffen w&#252;rde. Jochen Wiegend, Ex-Oberst im MfS, berichtete sp&#228;ter, dass dar&#252;ber exakte Kenntnisse vorlagen. Pfarrer Eppelmann zum Beispiel hatte an Gemeindemitglieder, die sich an der Kontrolle der Ausz&#228;hlung beteiligen wollten, Zettel ausgegeben, in die Ergebnisse der einzelnen Wahllokale eingetragen v/erden sollten. Sie liefen dann noch am Abend des 7. Mai bei ihm zusammen, wurden, in den Computer gegeben, und so hatte die Kirche schnell einen &#220;berblick &#252;ber das Ausma&#223; der Manipulation. Das damalige Politb&#252;ro-Mitglied Werner Jarowinsky, das &#252;ber die Vorhaben der Kirche fr&#252;hzeitig informiert war, ignorierte die Warnungen. Es konnte nicht sein, was nicht sein durfte!</p>
<p>Die Pr&#252;fungsaktion beschr&#228;nkte sich aber nicht auf B&#252;rgerrechtler und Kirchenleute, sondern gingen weit dar&#252;ber hinaus; auch viele SED-Mitglieder waren beteiligt. Sie, die beipielsweise zum Teil deswegen zur Ausz&#228;hlung der Stimmen gingen, um die Richtigkeit des Wahlergebnisses gegen die ihnen als St&#246;renfriede suggerierten B&#252;rgerrechtler zu bezeugen, stellten mit Entsetzen fest, dass tats&#228;chlich get&#228;uscht und verf&#228;lscht wurde. Sie machten Eingaben an ihre Parteisekret&#228;re, ihre Leitungen, sogar ans Zentralkomitee, erhielten aber keine oder nur ausweichende Antworten. Einige wurden beschworen, angesichts der komplizierten Lage stillzuhalten, andere erlebten, dass sich die Staatssicherheit intensiv f&#252;r sie zu interessieren begann. F&#252;r viele der bisher gegen&#252;ber der Partei Gl&#228;ubigen war dies eine Initialz&#252;ndung, die sie zu grunds&#228;tzlichem Zweifel veranlasste und .auch die B&#252;rgerbewegung in einem anderen Licht sehen lie&#223;.</p>
<p>F&#252;r die Staatssicherheit waren nat&#252;rlich all diese demokratischen Bekundungen nichts anderes als »provokatorisch-demonstrative Aktivit&#228;ten«, und die im Wahlgesetz ausdr&#252;cklich festgelegte &#246;ffentliche Ausz&#228;hlung der W&#228;hlerstimmen wurde von ihr faktisch kriminalisiert. In ihrem Bericht an die Partei- und Staatsf&#252;hrung hie&#223; es: »Internen Hinweisen aus allen Bezirken der DDR zufolge wurden insbesondere Mitglieder sogenannter kirchlicher Basisgruppen und Antragsteller auf st&#228;ndige Ausreise erkannt, die sich zur ›Kontrolle‹ bzw. ›&#220;berwachung‹ der Wahlhandlung und Stimmenausz&#228;hlung in Wahllokalen befanden.«</p>
<p>Diese Gruppen stellten Wahlmanipulationen in betr&#228;chtlichem Ausma&#223;e fest. In Berlin dokumentierten sie diese f&#252;r die Stadtbezirke Wei&#223;ensee, Friedrichshain und Prenzlauer Berg und formulierten eine Eingabe gegen die G&#252;ltigkeit der Kommunalwahlen. Obwohl sie die in Sonderwahllokalen bereits vor dem Wahltag abgegebenen Stimmen nicht erfassen konnten (sie machten allein in Wei&#223;ensee etwa ein Drittel aus) und au&#223;erdem auch nicht in allen Wahllokalen pr&#228;sent waren, ermittelten sie durchweg eine h&#246;here Gesamtzahl von Nein-Stimmen bei ihren Beobachtungen als bei der offiziellen Verk&#252;ndigung des Wahlergebnisses f&#252;r den gesamten Stadtbezirk genannt wurden So z&#228;hlten sie in Wei&#223;ensee (ohne Sonderwahllokale) 2224 Gegenstimmen, w&#228;hrend nur 1011 ver&#246;ffentlicht wurden. In Friedrichshain betrug die Differenz gar 4919 zu 1611, und selbst in Prenzlauer Berg, wo nur in einem Drittel der Wahllokale kontrolliert worden war, ermittelten die B&#252;rgerrechtler 2659 Gegenstimmen, w&#228;hrend es im gesamten Stadtbezirk &#8211; nach offizieller Darstellung &#8211; nur 1998 gewesen sein sollen.</p>
<p>&#196;hnliche Diskrepanzen gab es im ganzen Land; sie wurden nicht mehr hingenommen. Insgesamt 800 Eingaben und Einspr&#252;che wurden an die Verantwortlichen f&#252;r die Wahl gesandt, nat&#252;rlich ohne jeden Erfolg. Denn schon unmittelbar nach der Wahl hatte Mielke angewiesen, wie zu reagieren sei. »Die Partei verlangt von uns«, so erinnerte sich Wiegand an seine Worte, »gegen diese feindlichen Aktivit&#228;ten entschlossen vorzugehen«. Und der Befehl wurde &#8211; wie stets &#8211; widerspruchslos erf&#252;llt. Am 19. Mai gab das MfS detaillierte Hinweise heraus, wie gegen die Eingaben, aus seiner Sicht »provokative rechtswidrige Handlungen«, vorzugehen sei: »1. Wird festgestellt, dass Personen die Ergebnisse der Kommunalwahlen in der &#214;ffentlichkeit herabw&#252;rdigen, sind entsprechende Pr&#252;fungshandlungen einzuleiten &#8230; 2. Sachlich gehaltene Eingaben, andere Schreiben oder Erkl&#228;rungen zum Wahlergebnis an staatliche Organe sind den &#246;rtlichen Wahlkommissionen zu &#252;bergeben. Die Sekret&#228;re der Wahlkommissionen werden wie folgt antworten: ›Die Wahlkommission hat anhand der von den Wahlvorst&#228;nden entsprechend § 39 Absatz 1 des Wahlgesetzes exakt gefertigten Niederschriften die ordnungsgem&#228;&#223;e Durchf&#252;hrung der Wahlen gepr&#252;ft, das Wahlergebnis festgestellt und ver&#246;ffentlicht. Dem ist nichts hinzuzuf&#252;gen.‹ Auf jeden Fall ist zu vermeiden, dass zur Sache selbst oder zu den angeblichen Fakten argumentiert wird. Schreiben, die vorher den westlichen Medien &#252;bermittelt worden sind, werden nicht bearbeitet &#8230; Anzeigen, die nach § 211 Strafgesetzbuch erstattet werden, sind ohne Kommentar entgegenzunehmen. Nach Ablauf der vorgesehenen Fristen f&#252;r die Anzeigenbearbeitung ist von dem jeweils zust&#228;ndigen Organ zu antworten, dass keine Anhaltspunkte f&#252;r den Verdacht einer Straftat vorliegen. Au&#223;erdem ist auf die offizielle Verlautbarung &#252;ber die ordnungsgem&#228;&#223;e Durchf&#252;hrung der Wahlen zu verweisen. Beschwerden gegen die getroffenen Entscheidungen sind gem&#228;&#223; § 91 StPO zu bearbeiten und abschl&#228;gig zu entscheiden.« Und dazu kamen die speziellen »Ma&#223;nahmen« der Sicherheitsorgane selbst: »Die Leiter der operativen Diensteinheiten haben zu sichern, dass die gr&#252;ndliche operative Durchdringung feindlicher, oppositioneller und anderer negativer Personenkreise vor allem mit dem Ziel erfolgt, weitere beabsichtigte Aktivit&#228;ten zur Diskreditierung der Ergebnisse der Kommunalwahlen t rechtzeitig zu erkennen und vorbeugend zu verhindern. Bei Vorliegen der entsprechenden Voraussetzungen sind operative Personenkontrollen durchzuf&#252;hren bzw. diese Personen in operativen Vorg&#228;ngen zu bearbeiten.«</p>
<p>Dabei wusste das MfS ganz genau, dass die Wahlresultate gesch&#246;nt waren, denn seiner l&#252;ckenlosen Beobachtung war die Zunahme der Gegenstimmen nicht entgangen. In einem Bericht beschrieb es das so: »Feindliche, oppositionelle Kr&#228;fte, die im Verh&#228;ltnis zu vorangegangenen analogen Anl&#228;ssen in gr&#246;&#223;erer Zahl an den Wahlen teilnahmen, und ein erheblicher Anteil von Antragstellern auf st&#228;ndige Ausreise, die im Zusammenhang mit der Wahlhandlung als solche erkannt wurden, suchten die Wahlkabinen auf und nahmen Streichungen einzelner bzw. aller Kandidaten vor.« Und auch Egon Krenz best&#228;tigte in einem Gespr&#228;ch nach der Wende faktisch, dass es am 7. Mai 1989 zu Wahlf&#228;lschungen kam. Zwar blieb er bei seiner Behauptung, er habe niemals Anweisung dazu gegeben, das Wahlergebnis zu manipulieren und das der zentralen Wahlkommission &#252;bermittelte Resultat exakt feststellen lassen, aber auf dem Weg dahin h&#228;lt er manches f&#252;r m&#246;glich: »Seit 1950 hatten sich Mechanismen herausgebildet, da&#223; das Wahlergebnis jeweils mindestens so gut wie vorher sein sollte. Dazu brauchte man keine zentralen Beschl&#252;sse; das war Bestandteil der Zahlenhascherei, die es ja auf vielen Gebieten gab.« Er r&#228;umte jedoch ein, dass &#8211; auch durch ihn &#8211; die Hartn&#228;ckigkeit der oppositionellen Gruppen bei der &#220;berpr&#252;fung der Wahlergebnisse untersch&#228;tzt worden sei und man deshalb falsch reagiert habe.</p>
<p>Die B&#252;rgerrechtler jedenfalls lie&#223;en sich durch die Zur&#252;ckweisung ihrer Kritik nicht beirren. Sie sp&#252;rten die Zunahme des Unmuts auch in der Bev&#246;lkerung, der schon am Wahltag deutlich zum Ausdruck gekommen war. So stellte die Staatssicherheit in ihrem Rapport &#252;ber den Wahlablauf fest<br />
» &#8211; verst&#228;rkte Nutzung der Sonderwahllokale f&#252;r die Durchf&#252;hrung der Wahlhandlung,<br />
- eine Zunahme der Zahl von Personen, die zur Durchf&#252;hrung der Wahlhandlung die Wahlkabinen aufsuchten, darunter ein erheblicher Anteil von Personen bis 25 Jahre sowie religios gebundene Kr&#228;fte,<br />
- eine Zunahme der Zahl von Personen, die ung&#252;ltige Stimmzettel abgaben bzw. gegen die Kandidaten der Nationalen Front stimmten und mehrfach Wahlscheine mit zus&#228;tzlichen Texten versahen.«</p>
<p>Angesichts der wachsenden Unzufriedenheit beschlossen die Oppositionellen, durch weitere Aktionen wieder und wieder den Wahlbetrug anzuprangern, auch wenn das noch immer gef&#228;hrlich war. Besonders j&#252;ngere, neu zur Opposition gesto&#223;ene Unzufriedene wollten sich auf keine Kompromisse mehr einlassen. »Von diesen neuen Leuten, die sich hier engagierten, hatte ich hohen Respekt«, sagte Manfred Stolpe, damals Konsistorialpr&#228;sident der evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg, sp&#228;ter dazu, »Das waren. auch aus dem kirchlichen Bereich solche, die &#252;ber die Vorstellungen der etablierten Gruppen hinausgingen. Diese waren zum Teil schon oder noch zu vorsichtig und wurden daf&#252;r kritisiert.«</p>
<p>Im ganzen Land kam es zu Protesten. In Leipzig artikulierten sie sich schon bei einem Gottesdienst in der Nikolaikirche am 8. Mai. Auch in anderen St&#228;dten wurden offene Aufragen an den Staat gerichtet. Am 7. Juni, genau einen Monat nach der Wahl, trafen sich Berliner Oppositionelle vor dem Konsistorium der Evangelischen Kirche in der Neuen Gr&#252;nstra&#223;e. Sie planten einen Schweigemarsch zum Staatsratsgeb&#228;ude, wo sie eine Eingabe gegen die Wahlmanipulation abgeben wollten. Doch die Staatssicherheit war rechtzeitig zur Stelle. Sie hatte schon am Tage zuvor sogenannte Vorbeugungsgespr&#228;che mit 18 Organisatoren des Marsches gef&#252;hrt, »in denen ihnen die Auflage erteilt wurde, sich an dem geplanten Vorhaben nicht zu beteiligen«. Am 7. Juni kontrollierte das MfS permanent die Umgebung des Konsistoriums und hatte ein besonderes Auge auf ca. 160 B&#252;rgerrechtler, die bereits auf der schwarzen Liste des Ministeriums standen. 48 von ihnen wurden festgenommen, weil sie »zum f&#252;r die Provokation vorgesehen Zeitpunkt versuchten, in die Neue Gr&#252;nstra&#223;e zu gelangen und die entsprechende Weisung der Einsatzkr&#228;fte zur Umkehr negierten«.</p>
<p>Als die Organistoren merkten, dass der Protestmarsch nicht stattfinden konnte, setzten sie f&#252;r den Abend eine Informationsveranstaltung in der Sophienkirche an. Dort berichteten zwei Pastoren &#252;ber das Geschehen am Konsistorium und stie&#223;en dabei auf zunehmende Ungeduld der Versammelten. Sie wollten nicht l&#228;nger &#8211; abgeschlossen in kirchlichen R&#228;umen &#8211; ihre Wunden lecken, sondern ihrer Stimme &#246;ffentlich Geh&#246;r verschaffen. Trotz Warnungen der Kirchenleute setzte sich bald die erste Gruppe der 150 bis 200 Anwesenden zu einem Demonstrationszug in Bewegung, der nat&#252;rlich sofort auf massiven Polizei-Widerstand traf. Wurde erst noch versucht zu verhandeln und die Genehmigung eines friedlichen Aufmarsches zu erreichen, so zeigte der Staat bald seine geballte Faust. Die Umweltbl&#228;tter schilderten die Vorg&#228;nge: »W&#228;hrenddessen waren auf der linken Seite 5 LOs und ein Toniwagen der Polizei vorgefahren, und auf der den Demonstranten gegen&#252;berliegenden Stra&#223;enseite ballten sich 150 &#8211; 200 Stasi-Leute. Von der Polizei war das Kommando ›Absitzen! Gummikn&#252;ppel! Einsatz!‹ zu h&#246;ren. Nach der offiziellen Aufforderung, den Platz zu verlassen, dr&#228;ngen sofort 10 bis 20 Polizisten auf der linken Seite der sitzenden Menschentraube ein, w&#228;hrend die gesamte Masse der Stasi-Leute, ebenfalls mit Gummikn&#252;ppeln ausger&#252;stet, in der Mitte einen tiefen, dicht gestaffelten Keil bildeten. Unter ihnen waren viele, die die Gummikn&#252;ppel benutzten, und an den Haaren wurden die Sitzenden hochgezerrt und in drei rechts stehende Stasi-Busse geschleppt. Auch die Polizei war von unerh&#246;rter Brutalit&#228;t. Die gr&#246;&#223;te Masse der Demonstranten blieb sitzen und wehrte sich nicht. Nur wenige lie&#223;en sich von den brutalen Exzessen der Sicherheitskr&#228;fte provozieren. Ihr Einsatz war eindeutig MfS-geleitet und wurde von dessen Offensive gekennzeichnet. Der Stasi-Keil wurde bis zum Tor des Sophiengel&#228;ndes vorgetrieben. Alle, die sich bis dahin nicht auf das Gel&#228;nde zur&#252;ckgezogen hatten, etwa 75 bis 80 Leute, wurden abtransportiert. Beobachtet wurde die Abfahrt von zwei gef&#252;llten Stasi-Bussen, so dass man mit der Festnahme von etwa 150 Leuten rechnen muss. Nach diesen Festnahmen zogen sich die Stasi-Leute wieder auf die gegen&#252;berliegende Stra&#223;enseite zur&#252;ck. Verhandlungen der Pfarrer &#252;ber die Freilassung der Festgenommenen erwiesen sich als fruchtlos. Es kam zu gegenseitigen Beschimpfungen. Ein Stasi-Mann in gelbem Blouson: ›Ihr paar Leute. Wir holen noch eine Hundertschaft ran, und dann hauen wir euch richtig!‹«</p>
<p>Dennoch kam es einen Monat sp&#228;ter, am 7. Juli, erneut zu Aktionen, und diese wiederholten sich an jedem folgenden 7. des Monats &#8211; bis in den Herbst hinein, wo sie in die gro&#223;en Massendemonstrationen m&#252;ndeten, die die V/ende herbeif&#252;hrten. Aber auch zwischendurch war die Kritik am Wahlbetrug nie verstummt; er erwies sich als jener ber&#252;hmte Tropfen, der das Fass zum &#220;berlaufen brachte und vielen im Lande endg&#252;ltig die Augen &#246;ffnete, mit welcherart F&#252;hrung sie .es zu tun hatten. Auch der damalige Berliner evangelische Bischof Dr. Forck sah in den Auseinandersetzungen um die Kommunalwahlen den Beginn einer neuen Qualit&#228;t des Protestes gegen die offizielle Politik: »H&#228;tte der Staat eine vern&#252;nftige Wahl zugelassen und echte Ergebnisse mitgeteilt, w&#228;ren vielleicht nur eine achtzigprozentige Teilnahme und etwa zehn Prozent Gegenstimmen herausgekommen. Indem er aber in alter Weise verfuhr und alle Einspr&#252;che abwehrte, jede Unregelm&#228;&#223;igkeit abstritt und die Kritiker verleumdete, indem er sich so stur verhielt, l&#246;ste er neue Proteste, neue Aktionen aus.«</p>
<p>Forck stellt diese Ereignisse in eine Reihe mit den Protesten gegen die offizielle DDR-Haltung zur Niederschlagung von Studentendemonstrationen in China Anfang Juni des gleichen Jahres. »Auch hier«, so sagte er, »h&#228;tte der Staat eine ma&#223;volle Stellungnahme abgeben k&#246;nnen, mit dem Ausdruck des Bedauerns, aber die eindeutige Erkl&#228;rung f&#252;r die chinesische F&#252;hrung und die Darstellung der Ereignisse in Form einer Gr&#228;uelpropaganda l&#246;sten bei vielen Menschen die Frage aus: Wo leben wir eigentlich?«</p>
<p>Doch der Staat war zu gem&#228;&#223;igter Reaktion schon lange nicht mehr in der Lage. Jede &#196;u&#223;erung von Unmut und Protest wurde mit drakonischen Ma&#223;nahmen beantwortet. Das mussten auch die jungen Leute erfahren, die auf das Massaker in China mit einem sogenannten Trommelfasten und Klagegottesdiensten als Zeichen ihrer Trauer reagierten. Der Staat intervenierte massiv bei<br />
der Kirche, diese Aktionen sofort zu unterbinden und drohte unverh&#252;llt Zwangsma&#223;nahmen an. Er erreichte jedoch nur, dass die Au&#223;enwirkung dieser Demonstrationen begrenzt blieb; sie selbst konnte er nicht unterbinden. Wie die Staatssicherheit in ihren Berichten feststellte, »&#8230; waren beide Veranstaltungen geeignet und darauf ausgerichtet, die Politik der DDR, insbesondere die Informationspolitik, zu verunglimpfen, feindliche, oppositionelle Kr&#228;fte und deren Sympathisanten/Mitl&#228;ufer politisch negativ zu beeinflussen sowie den in j&#252;ngster Zeit feststellbaren zunehmenden Aktionismus derartiger Kr&#228;fte weiter zu f&#246;rdern«.</p>
<p>Tats&#228;chlich gingen die Trommelaktionen mit Kundgebungen vor allem vor der chinesischen Botschaft in Pankow einher, gegen die die Staatssicherheit in der schon gewohnten Weise einschritt. Auch hier wieder ein Bericht der Umweltbl&#228;tter : »Im Zusammenhang mit dem Terror gegen Studenten und Bev&#246;lkerung in China kam es in Berlin zu zahlreichen Demonstrationen mit dem Ziel der chinesischen Botschaft. Ziel war jeweils die &#220;berreichung von Protesterkl&#228;rungen gegen den Terror der Sicherheitsorgane &#8230; Gemeinsam ist, dass jeweils bis zu 50 Passanten an unterschiedlichen Punkten der Strecke zur Botschaft festgenommen wurden. Besonders brutal war das Vorgehen der Sicherheitsorgane am Donnerstag, den 22. Juni, als etwa ein weiterer Zug von der Pankower Kirche in Richtung chinesische Botschaft aufbrach. W&#228;hrend fr&#252;her Pfarrer und kirchliche Angestellte v&#246;llig unbehelligt blieben, wollten die Sicherheitsorgane diesmal offenbar ein Exempel statuieren. Zwei engagierte Diakone wurden verletzt, der eine, w&#228;hrend er festgenommen wurde und bewusst mit dem Kopf auf den Boden geschlagen wurde. Die Kopfwunden und eine Gehirnersch&#252;tterung ›infolge polizeilicher Einwirkung‹ wurden von einem Arzt best&#228;tigt. Der andere wurde w&#228;hrend der Vernehmung nackt ausgezogen und zusammengeschlagen, und zwar in der bewussten ›geschickten‹ Art, die h&#246;chstens als blaue Flecken resp.. sp&#228;terer Leberschaden sichtbar ist.«</p>
<p>Aus diesen versch&#228;rften Repressionsma&#223;nahmen wird die wachsender Nervosit&#228;t der Partei- und Staatsorgane sowie ihrer Sicherheitskr&#228;fte erkennbar. Denn nicht nur gegen die« offenen Proteste gegen die Politik der F&#252;hrung war diese zunehmend machtlos, sondern mehr noch gegen eine andere Form der Verweigerung &#8211; die sprunghaft steigenden Ausreiseantr&#228;ge. Schon im Oktober 1988 hatte Manfred Stolpe auf die Zuspitzung dieses Problems aufmerksam gemacht: »Man hat in der Gesellschaft verkannt, dass die &#228;u&#223;ere Anpassung an die Verh&#228;ltnisse dennoch innere Abwendung erm&#246;glicht. Das ist offenbar in nicht wenigen F&#228;llen geschehen, dass Menschen sich &#228;u&#223;erlich total angepasst haben bis hin zum Kirchenaustritt. Und aus diesem Kreis kommt die Masse der Antragsteller. Diese Menschen haben sich innerlich abgewendet und ihr Herz bereits &#252;ber die Mauer geworfen. Das ist meines Erachtens eine ganz zentrale Frage an die Gesellschaft: Was wurde falsch gemacht, dass Menschen zu solchen Haltungen kommen, dass sie zu solcher Anpassung erzogen und verbogen wurden? Jetzt r&#228;cht sich das.«</p>
<p>(Zur Ausreisewelle aus der DDR und zur Widerspiegelung der sich beschleunigenden Erosionsprozesse in ihren Medien folgt demn&#228;chst ein zweiter Teil.)</p>
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		<title>Vor 20 Jahren &#8211; Der Countdown in der DDR l&#228;uft</title>
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		<pubDate>Thu, 15 Jan 2009 15:08:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Heute vor 20 Jahren bot wieder einmal das Gedenken an Karl Liebknecht und Rosa Luxermburg der Opposition in der DDR die M&#246;glichkeit, sich gegen den Druck der Staatsmacht Geh&#246;r zu verschaffen. Und sichtbarer als je zuvor wurde, dass sich der Widerstand gegen das Regime in der DDR immer weiter ausbreitete &#8211; sowohl r&#228;umlich in vielen Teilen der DDR als auch organisatorisch, indem immer neue Bereiche, gesellschaftliche Gruppen Kritik artikulierten und sich zu vernetzen begannen.<span id="more-699"></span><img src="http://vg05.met.vgwort.de/na/89f78554be624a3db9c0817353d48552" width="1" height="1" alt=""/></p>
<p>Der Protest am 15. januar 1989 war da nur eine Art Auftakt f&#252;r viele Aktivit&#228;ten der folgenden Wochen und Monate, die selbst vom Ministerium f&#252;r Staatssicherheit immer weniger beherrschbar waren und bei der SED-Parteif&#252;hrung wachsende Hilflosigkeit ausl&#246;sten. Immer mehr lie&#223;en sich immer weniger einsch&#252;chtern.</p>
<p>Dar&#252;ber entstand ein gutes Jahr sp&#228;ter, im Sommer 1990, nachfolgender Text, der die damaligen Ereignisse rekapituliert und in einen gr&#246;&#223;eren Zusammenhang zu stellen versucht. Zwar ist heute das Geschehen vor 20 Jahren gr&#252;ndlicher erforscht als damals, nur Monate danach; dennoch kann diese bislang unver&#246;ffentlichte Darstellung neben ihrem dokumentarischen Teil einiges zur seinerzeitigen Atmosph&#228;re am Ende einer Epoche aussagen.</p>
<h2>DDR 1989 &#8211; Der Countdown l&#228;uft</h2>
<p>Sah es lange so aus, als sei die Oppositionsbewegung in der DDR auf die Hauptstadt beschr&#228;nkt, so &#228;nderte sich das sp&#228;testens im Jahre 1989 gr&#252;ndlich. Dabei hatte dieser Eindruck stets getrogen, gab es immer auch Aktivit&#228;ten &#252;berall im Lande; sie fanden aber in der Regel keine so weite Verbreitung wie Berliner Vorkommnisse, die von den dort ans&#228;ssigen ausl&#228;ndischen Medien nat&#252;rlich vorrangig wahrgenommen wurden. Das erstaunt jedoch auch deshalb, weil die Oppositionsbewegung gerade in der nicht der Zentrale zugetanen »Provinz« oft noch elementarer, noch radikaler auftrat als in Berlin. Besonders kennzeichnend daf&#252;r waren die Ereignisse in Leipzig und Dresden zu Anfang 1989.</p>
<p>Die Leipziger B&#252;rgerrechtsaktivisten, die schon bei den Solidarit&#228;tsaktionen f&#252;r die in Berlin im Januar 1988 Verhafteten sehr engagiert in Erscheinung traten, hatten das ganze Jahr &#252;ber die Staatsmacht mit ihren Aktionen besch&#228;ftigt. Das Zentrum ihres Widerstandes war die Nikolai-Kirche, aber sie hatten &#8211; zum Beispiel mit einem Plei&#223;e-Gedenkmarsch oder mit Aktivit&#228;ten zur Dokumentarfilmwoche im November 1988 &#8211; ihren Handlungsradius bald auf das gesamte Stadtgebiet ausgedehnt. Wenige Tage vor der traditionellen Liebknecht/Luxemburg- Ehrung hatten sie Flugbl&#228;tter verteilt, die zu einer Alternativaktion aufriefen. »Der Tag der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht«, hie&#223; es da, »soll uns Anlass sein, weiter f&#252;r eine Demokratisierung unseres sozialistischen Staates einzutreten. Es ist an der Zeit, ruhig und offen unsere Meinung zu sagen: Schluss mit der uns l&#228;hmenden Teilnahmslosigkeit und Gleichg&#252;ltigkeit. Lassen Sie uns gemeinsam eintreten<br />
- f&#252;r das Recht auf freie Meinungs&#228;u&#223;erung,<br />
- f&#252;r die Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit,<br />
- f&#252;r die Pressefreiheit und gegen das Verbot der Zeitschrift ›Sputnik‹ (deutschsprachige Zeitschrift, die Beitr&#228;ge aus der aktuellen sowjetischen Presse enthielt &#8211; d. Verf.) und kritischer sowjetischer Filme.«</p>
<p>Dazu sollten am Nachmittag des 15. Januar 1989 ein Schweigemarsch vom Leipziger Markt zur Braustra&#223;e, wo sich das Geburtshaus Karl Liebknechts befindet, stattfinden. Diese Aktion beschrieb das Ministerium f&#252;r Staatssicherheit sp&#228;ter so: »Am 15. Januar 1989, nach 16.00 Uhr rotteten sich ca. 150 &#8211; 200 Personen vor dem Untergrundmessehaus im Stadtzentrum von Leipzig zusammen. Durch eine m&#228;nnliche Person wurde ein vorbereiteter Text verlesen, in dem zur Teilnahme an dem in den Hetzflugbl&#228;ttern angek&#252;ndigten Schweigemarsch aufgerufen wurde. Danach setzte sich diese Personengruppierung in Richtung Neues Rathaus in Bewegung. Es wurden keine .Symbole mitgef&#252;hrt. Da die Teilnehmer den wiederholten Aufforderungen der Deutschen Volkspolizei nach Aufl&#246;sung des Marsches nicht Folge leisteten, erfolgte durch die Schutz- und Sicherheitsorgane die Zuf&#252;hrung von insgesamt 53 Personen. Die erfolgten Befragungen der Zugef&#252;hrten ergaben, dass 24 in Kenntnis des Inhaltes des Hetzflugblattes und weitere 23 entsprechend der Aufforderung der m&#228;nnlichen Person an dieser provokatorisch-demonstrativen Aktion teilnahmen. 5 waren durch Bekannte zur Teilnahme aufgefordert worden und 1 Person befand sich unter starkem- Alkoholeinflu&#223;. Alle zugef&#252;hrten Personen wurden auf der Grundlage des VP-Gesetzes belehrt und zeitlich versetzt nach Abschluss der Verdachtspr&#252;fungshandlungen bis 22.00 Uhr entlassen.«</p>
<p>Diese Aktion war eine der ersten in Leipzig, bei der Polizei so massiv eingesetzt wurde &#8211; auch f&#252;r die jungen Bereitschaftspolizisten eine neue Erfahrung. Einer von ihnen schilderte sp&#228;ter in den »Umweltbl&#228;ttern« seine Empfindungen: »Spekulationen und Ger&#252;chte kursierten um die geplante Demonstration. Keiner wusste Genaues; unsere Vorgesetzten schwiegen sich aus. Um die Mittagszeit kam der Befehl zur Einsatzvorbereitung. Kurze Zeit sp&#228;ter bekamen wir die Schlagst&#246;cke ausgeteilt. So ungef&#228;hr um 14.00 Uhr traten wir auf dem Exerzierplatz an. Erst jetzt wurde uns der Einsatz anl&#228;sslich einer nicht genehmigten Demonstration zur ›Aufrechterhaltung der &#246;ffentlichen Ordnung und Sicherheit‹ angek&#252;ndigt. Es folgten Belehrungen &#252;ber Disziplin, Verantwortungsbewusstsein etc. sowie &#252;ber die Handhabung des Schlagstocks (nur auf Weichteile), Abf&#252;hrgriffe etc. . . Wir . . . wurden zur Gedenkst&#228;tte gefahren. Die Stra&#223;e wurde von uns oben und unten mit ca. 15 Mann abgeriegelt. Ich beobachtete Stasi-Leute, die aufgeregt innerhalb und au&#223;erhalb der Stra&#223;e hin- und hergingen. Wahrscheinlich erhielten sie von einem Vorgesetzten innerhalb der Absperrung Anweisungen. Andere Stasi-Leute waren damit besch&#228;ftigt, die Ausweise von Passanten zu kontrollieren, die sich der Stra&#223;e n&#228;herten. Nur Anwohner wurden durchgelassen. Es kamen mehrere Gr&#252;ppchen, die stehen blieben und dem Treiben zusahen. Ich hatte beklemmende Gef&#252;hle. Tr&#228;nen standen mir in den Augen (War es der Wind, oder. . .). Mein Freund neben mir starrte stumpf vor sich hin. Ich stehe hier als Polizist, muss als Grundwehrdienstleistender Dinge tun, die ich mit meinem Gewissen, nicht vertreten kann. Ein Gl&#252;ck, dass wir mit den eigentlichen Demonstranten nicht in Ber&#252;hrung kamen. . . Als wir die Sperrkette in der Stra&#223;e aufzogen, schaute eine junge Frau aus dem Fenster. Nach einiger Zeit schloss sie das Fenster, z&#252;ndete im Zimmer Kerzen an und spielte Geige.«</p>
<p>Der MfS-Bericht erwies sich &#252;brigens als unvollst&#228;ndig. Zwar wurden die »Zugef&#252;hrten« in der Nacht zum Montag freigelassen, doch schon in den n&#228;chsten Tagen wieder in Gewahrsam genommen. Fred Kowasch, der erst nicht exakt definierte Redner an der Untergrundmessehalle, wurde&#8217; am Montag, 13 Uhr, verhaftet; am Mittwoch lud die Polizei alle, die sich als Kontaktadressen der Arbeitsgruppe f&#252;r Menschenrechtsfragen zur Verf&#252;gung gestellt hatten, zu Verh&#246;ren. Dabei wurde angestrebt, Leipzig als Ausgangspunkt dieser Arbeitsgruppe zu<br />
bestimmen &#8211; exaktes Schubkastendenken bestimmte die Arbeitsmethoden des MfS. Doch aus den eingangs dargestellten Ermittlungen lie&#223; sich offensichtlich wenig machen. Am Freitag darauf entlie&#223; man Kowasch wieder aus der Haft, und in der folgenden Woche wurden auch die Ermittlungsverfahren eingestellt. Die Leipziger B&#252;rgerrechtler brachten diese f&#252;r sie &#252;berraschende Entwicklung mit dem Abschluss der Wiener KSZE-Folgekonferenz in Zusammenhang &#8211; ein Faktor, der sich f&#252;r die Wirkungsm&#246;glichkeiten der oppositionellen Gruppen in den n&#228;chsten Wochen positiv bemerkbar machen sollte.</p>
<p>In Dresden kam es &#8211; auch schon traditionell &#8211; am 13. Februar 1989 zu Aktionen in und vor der Kreuzkirche sowie der zerst&#246;rten Frauenkirche, wo ein Nachtgebet stattfand. Polizei und Staatssicherheit machten hier Jagd auf unliebsame Losungen, darunter auf ein Schild, mit der Aufschrift »KSZE an Elbe und Spree«. Die Dresdener Oppositionellen spielten damit auf die erfolgreich abgeschlossene KSZE- Konferenz an, die ein Dokument verabschiedet hatte, das viele B&#252;rgerrechtsaktionen faktisch legalisierte und damit eine gro&#223;e Ermutigung f&#252;r die Gruppen war.<br />
Dr. Hans Vo&#223;, stellvertretender Leiter der DDR-Delegation in Wien, schilderte nach der Wende, wie im Verlauf der dort vom 4. November 1986 bis 19. Januar 1989 tagenden Folgekonferenz die Position der DDR immer unhaltbarer wurde: »Die Forderungen des Westens, die in vielem mit den Auffassungen der Gruppen konform gingen, stie&#223;en am Anfang auf eine einhellige Gegenposition der sozialistischen L&#228;nder. Doch mit den Jahren, vor allem mit der Demokratiebewegung in der UdSSR, aber auch in Ungarn und Polen, &#228;nderte sich das. Es kam dann sogar so weit, dass Druck auf jene Staaten ausge&#252;bt wurde, die sich str&#228;ubten, den Forderungen des Westens entgegenzukommen.«</p>
<p>Vo&#223; hob hervor, dass die DDR- Delegation die Entwicklung richtig prognostizierte: »Wir informierten, wie sich die Dinge wahrscheinlich gestalten w&#252;rden, wir verwiesen auf die vor allem f&#252;r die Sowjetunion ge&#228;nderten Umst&#228;nde und entwickelten eigene Vorstellungen zum weiteren Vorgehen. Einiges wurde beachtet, zumindest in der ersten Zeit; daf&#252;r sprachen .ja auch bestimmte Entscheidungen, z. B. &#252;ber die Verwaltungsgerichtsbarkeit.« Aber sp&#228;ter war die F&#252;hrung der damaligen DDR dann immer weniger zu Zugest&#228;ndnissen bereit. »Man trug uns auf, dieses oder jenes zu vermeiden, was aber kaum noch gelang«, schilderte Vo&#223; das Dilemma. »Nicht einmal die fr&#252;heren Verb&#252;ndeten zogen mit, was unsere F&#252;hrung nicht verstand. Sie lebte in einer irrealen Welt, auch was diese Prozesse betraf.«</p>
<p>Dieser Irrationalismus hatte sich zuvor schon in der Haltung zur sowjetischen Informationspolitik gezeigt, die im »Sputnik«-Verbot kulminierte. Das MfS reflektierte die in der DDR-Bev&#246;lkerung weithin positiven Auffassungen &#252;ber Perestroika und Glasnost, f&#252;hlte sich jedoch gehalten, sie letztlich zu bagatellisieren und das eigene Wunschdenken als Bev&#246;lkerungsmeinung auszugeben. Zitat: »W&#228;hrend in zur&#252;ckliegender Zeit die Auffassung dominierte, das offene und kritische Aufzeigen von Fehlern und Schw&#228;chen in der bisherigen gesellschaftlichen Entwicklung der UdSSR und die in breiter Form dazu gef&#252;hrte &#246;ffentliche Auseinandersetzung damit seien Ausdruck der St&#228;rke der KPdSU, nehmen jetzt Auffassungen an Umfang und Intensit&#228;t zu, dass die Entfaltung der sozialistischen Demokratie und die Entwicklung einer Atmosph&#228;re der Offenheit nicht dazu f&#252;hren d&#252;rfen, in der &#214;ffentlichkeit hemmungslos subjektivistische Meinungen und Beurteilungen von Menschen und Prozessen kundtun, Halbwahrheiten, Spekulationen und b&#252;rgerliche Auffassungen verbreiten zu k&#246;nnen.« Die unrealistische Sicht auf den geistigen Zustand der Bev&#246;lkerung zeigte sich sp&#228;ter auch in der Bewertung der Ausreisewelle, was sich besonders verh&#228;ngnisvoll auswirken sollte.</p>
<p>F&#252;r die B&#252;rgerrechtler war Wien eine Ermutigung. »Die Beschl&#252;sse waren &#8211; wenn auch formal nicht verbindlich, so doch moralisch von erheblicher Wirkung &#8211; und damit«, sagte Dr. Vo&#223;, »geeignet, bei den Beh&#246;rden die Rechte einzuklagen und bei Nichtgew&#228;hrung immer wieder nachzusto&#223;en. Dabei erhielten die Gruppen auch die Unterst&#252;tzung westlicher Staaten, die immer<br />
wieder Fragen an uns richteten. Wir wollten darauf schon eine Antwort geben &#8211; schlie&#223;lich waren wir dazu verpflichtet, aber von der Zentrale wurde das immer wieder abgeblockt. Man empfahl uns, diese Dinge nicht zu ernst zu nehmen, sondern zu ignorieren .«</p>
<p>Als die Wiener Konferenz zu Ende war, verst&#228;rkte sich diese wirklichkeitsfremde Haltung der F&#252;hrung noch. »Von Wien aus«, so Vo&#223;, »konnten wir noch Einfluss nehmen, auf Zw&#228;nge verweisen, denen wir international ausgesetzt waren. Nun aber zog das nicht mehr, und mehr und mehr waren wir gehalten zu versuchen, unseren Verpflichtungen auszuweichen.«</p>
<p>So hatte zwar die Partei- und Staatsf&#252;hrung alles getan, um eine positive Wirkung des KSZE-Prozesses auf die innere Entwicklung zu verhindern; dennoch aber wirkte er sowohl bei mancher zentralen Entscheidung &#8211; zu erinnern sei nur an die m&#252;hsamen und letztlich halbherzigen Schritte vorw&#228;rts in Reisefragen &#8211; als auch auf den unteren Ebenen. Mit den Festlegungen von Wien im Hinterkopf versuchte anfangs noch mancher Funktion&#228;r, ein allzu spektakul&#228;res Vorgehen gegen Andersdenkende zu vermeiden. Klaus Gysi berichtete sogar davon, dass es in dieser Zeit gelang, Vertreter des Au&#223;enministeriums zu Gespr&#228;chen mit Kirchenleuten &#252;ber die KSZE-Problematik zu gewinnen. Damit erweiterten sich die Wirkungsm&#246;glichkeiten der Opposition, und diese war bem&#252;ht, im Fr&#252;hjahr 1989 neben der quantitativen Erweiterung auch sine neue Qualit&#228;t zu erreichen. Die »Initiative Frieden und Menschenrechte« (IFM) trat am 11. M&#228;rz nach langer Konsolidierungs-Phase wieder mit einem Grundsatzdokument an die &#214;ffentlichkeit.</p>
<p>Der Weg dahin war nicht einfach gewesen, denn trotz der Erweiterung der oppositionellen Massenbasis war es der Initiative den gesamten Winter &#252;ber nicht gelungen, die von <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/09/22/vor-20-jahren-iwf-tagung-als-begrenzter-freiraum-der-ddr-opposition/" target="_blank">Werner Fischer </a>beklagten inneren Zwistigkeiten zu &#252;berwinden. Hinzu kam, dass die Initiative im Januar 1989 schwer von der Nachricht getroffen wurde, dass zwei ihrer Mitglieder als Spitzel f&#252;r die Staatssicherheit arbeiteten. Sie hatten sich selbst gestellt, wobei ein Schachzug des Mf&#8217;S zur weiteren Verunsicherung der Opposition nicht ausgeschlossen wurde. Oberst Zeiseweis, stellvertretende Leiter der Bezirksverwaltung&#8217; Berlin glaubte aber im Nachhinein nicht an eine gezielte Aktion, obwohl solches Vorgehen durchaus praktiziert wurde. Wie auch immer &#8211; das Ergebnis war wachsendes Misstrauen innerhalb der IFM und damit eine Erschwerung ihrer Arbeit. Dennoch brachte sie den Aufruf vom 11. M&#228;rz in die &#214;ffentlichkeit, womit sie eine wesentliche Erweiterung ihrer Aktivit&#228;ten beabsichtigte, eine Verbreiterung ihrer Basis anstrebte. »Wir hatten uns bis dahin &#252;berwiegend auf thematische Arbeit konzentriert, zu Wirtschaftsfragen, zur Justizreform, auch zur Entwicklung au&#223;erhalb der DDR«, berichtete Gerd Poppe sp&#228;ter. »Das aber gef&#252;gte nun offensichtlich nicht mehr. Wir mussten unsere M&#246;glichkeiten erweitern, zumal wir ja bewusst nicht unter das Dach der Kirche wollten. Der M&#228;rz-Aufruf sollte auch erm&#246;glichen, uns weitgehend von der Kirche zu l&#246;sen und eine selbst&#228;ndige Arbeit zwischen den Gruppen zustande zu bringen.«</p>
<p>Nach einer kurzen Charakterisierung der internationalen Entwicklung, vor allem der Reformkr&#228;fte in sozialistischen L&#228;ndern, und der zugespitzten Situation in der damaligen DDR kommt der Aufruf zu dein Schluss: »Die bisher auf einen relativ abgeschlossenen Kreis und auf den Berliner Raum orientierte ›Initiative Frieden und Menschenrechte‹ will der neuen Situation dadurch Rechnung tragen, dass sie sich von nun an als offen f&#252;r all diejenigen Menschen in der DDR erkl&#228;rt, die sich den nachfolgend angef&#252;hrten Arbeitsgrundlagen und Zielvorstellungen anschlie&#223;en k&#246;nnen und wollen.« Dann stellte das Papier die offene Arbeitsmethode der IFM dar (»Die ›Initiative Frieden und Menschenrechte‹ ist weder eine Organisation noch eine Partei.Um sich ihr anzuschlie&#223;en, bedarf es keiner eingeschriebenen Mitgliedschaft.«) und umriss ihre wichtigsten inhaltlichen Ziele: »Wie der N&#228;me ›Initiative Frieden und Menschenrechte‹ nahe legt, betrachtet sie Frieden und Menschenrechte als voneinander untrennbar. Sie h&#228;lt es f&#252;r gef&#228;hrlich, eins gegen das andere auszuspielen. Die Menschenrechte sind unteilbar. Mit dem Hinweis auf die Verwirklichung sozialer Rechte und Pflichten d&#252;rfen nicht die politischen Rechte und Pflichten gering gesch&#228;tzt werden &#8211; und umgekehrt. Zu den unver&#228;u&#223;erlichen Menschenrechten geh&#246;ren das Recht auf Freiz&#252;gigkeit und das Recht auf freie Meinungs&#228;u&#223;erung. Es ist notwendig, den tats&#228;chlich vorhandenen Pluralismus der Meinungen zu akzeptieren und die gesellschaftlichen Probleme offenzulegen. Die IFM wird stets f&#252;r freie und ungehinderte Information und Kommunikation eintreten und alle eigenen M&#246;glichkeiten (z.B. unabh&#228;ngige Publikation, Ausstellungen, Seminare) daf&#252;r nutzen. Mit ihrem Handeln werden die der IFM verbundenen Menschen sich in erster Linie ihrem Gewissen verpflichtet f&#252;hlen, was unter anderem hei&#223;t, das Recht auf Meinungsfreiheit ungeachtet staatlicher Restriktionen wahrzunehmen. Ihre Bereitschaft zum Dialog erstreckt sich auf alle gesellschaftlichen Kr&#228;fte &#8211; ungeachtet der Weltanschauung, Religion, ethnischen oder sozialen Zugeh&#246;rigkeit &#8211; innerhalb des eigenen Landes wie auch &#252;ber die Landesgrenzen hinweg.« Sie werden dann im einzelnen pr&#228;zisiert; das Dokument schlie&#223;t mit den Worten: »Durch pers&#246;nliche Kontakte und Zusammenarbeit &#252;ber alle Grenzen hinweg will die ›Initiative Frieden und Menschenrechte‹ dazu beitragen, den Entspannungsprozess ›von unten‹ zu f&#246;rdern.«</p>
<p>Das Echo war zun&#228;chst gering. Die IFM konnte ihren Ruf als verschworener Verein mit hohem theoretischen Anspruch nicht so schnell &#252;berwinden; viele scheuten sich offensichtlich deshalb davor, sich ihr anzuschlie&#223;en, Hinzu kamen Anzeichen eines Sektierertums, das zwischen »alten« und »neuen« Mitgliedern fein differenzierte. Werner Fischer: »Viele dachten wohl, sie w&#252;rden einmal gefragt werden: Wart ihr schon vor dem Aufruf in der IFM, oder habt ihr erst danach den Mut dazu besessen?« So entstand die paradoxe Situation, dass der vorhandene Drang zum Zusammenschluss zun&#228;chst der &#228;ltesten B&#252;rgerrechtsgruppe nicht zugute kam. Vielmehr profitierte davon die Kirche, die mehr und mehr aus der bisherigen Deckung heraustrat.</p>
<p>Bereits im Oktober 1988 hatte das MfS &#8211; vor allein unter dem Eindruck der Proteste gegen die Zensierung der Kirchenzeitungen &#8211; in einer Analyse festgestellt: »Die Mehrzahl der Aktivit&#228;ten der Kr&#228;fte des politischen Untergrundes vollzieht sich unter dem Dach der evangelischen Kirche und des reaktion&#228;ren Teils des Klerus. Dabei hat die Berlin-Brandenburgische Kirche unter Forck eine gewisse Vorreiterrolle gespielt.« Danach versch&#228;rfte ach die Gangart des Staates gegen&#252;ber der Kirche weiter und zwang diese f&#246;rmlich in eine ausdr&#252;ckliche O&#252;oositionsrolle. Bischof Gottfried Forck sprach in diesem Zusammenhang von »N&#246;tigung« der evangelischen Kirche, »weil sie pl&#246;tzlich herausgefordert war«. Und er fuhr fort: »Sie hat das gar nicht unbedingt gerne getan, hat sich oft &#252;ber die Gruppen f&#252;rchterlich ge&#228;rgert, wenn sie durch diese in etwas hineingerissen wurde, aber mehr und mehr wuchs doch die Einsicht, dass das, was die Gruppen betrieben, sie selber eigentlich «ich betreiben musste. Der Beitrag der Kirche zur Wende wurde wesentlich angesto&#223;en durch die Gruppen, die sich unter dem Dach der Kirche gesammelt und sie t&#252;chtig vorw&#228;rtsgetrieben haben.«</p>
<p>Ein deutliches &#228;u&#223;eres Zeichen war neben vielen Einzelaktionen das Friedensseminar von Basisgruppen evangelischer Kirchen. das vom 24. bis 26. Februar 1989 in Greifswald stattfand. Vertreter oppositioneller Gruppierungen aus der gesamten DDR trafen sich, um unter dem Motto »Unser europ&#228;isches Haus &#8211; wie stellen wir es uns vor und wie k&#246;nnen wir daran mitwirken?« zu diskutieren. Es ging den Organisatoren dabei vor allem um Letzteres, n&#228;mlich die Verst&#228;rkung ihrer Mitsprache in wichtigen gesellschaftlichen Angelegenheiten und die Schaffung der daf&#252;r erforderlichen organisatorischen Strukturen.</p>
<p>Das gelang auf dieser Veranstaltung noch nicht, doch die Tendenz war unverkennbar. Pur das MfS bedeutete es schon einen Erfolg, dass die weitere Zusammenarbeit noch nicht auf eine neue Basis gestellt werden konnte. Es berichtete: »Die von den Organisatoren . . . angestrebte weitere Vernetzung und inhaltliche Profilierung der kirchlichen Basisgruppenarbeit fand keine erkennbare unmittelbare Fortsetzung. . .« Das MfS stellte gleichzeitig fest, dass etwa ein Drittel der ca. 200 Teilnehmer der Veranstaltung erstmals vertreten war und gerade diese »Neulinge«&#8221; sich besonders daf&#252;r interessierten, nutzbare Informationen und Anregungen f&#252;r ihre Arbeit zu erhalten. Die damit verbundene Erweiterung des oppositionellen Potentials wurde offensichtlich nicht gesehen; der Staatssicherheit gen&#252;gte in ihrer zunehmenden Bedr&#228;ngnis, dass die Schaffung schlagkr&#228;ftiger Organisationsformen der Opposition noch ausblieb. Und so stellte sie befriedigt fest: »Nicht die Zustimmung des Plenums fanden Vorschl&#228;ge, dem ›Friedensseminar‹ eine festere Struktur im Sinne einer Vereinigung, die k&#252;nftig die Gruppen gegen&#252;ber dem Staat vertreten solle, zu geben sowie ein Adressenverzeichnis aller ›Basisgruppen‹ zu erarbeiten und den Gruppen zur Verf&#252;gung zu stellen.«</p>
<p>Dennoch ging die organisatorische Zusammenf&#252;hrung der Oppositionellen in schnellem Tempo weiter, auch wenn dies von der Kirche &#8211; entsprechend deren von Forck dargelegter unentschiedener Haltung &#8211; nicht immer mit Freude gesehen wurde. Die Gruppen bedienten sich dazu in wachsendem Ma&#223;e eines Mittels, das stets in revolution&#228;ren Prozessen als organisatorische Klammer gedient hatte &#8211; der Presse. Im Fr&#252;hjahr 1989 nahm die »Herstellung und Verbreitung nichtgenehmigter Druck- und Vervielf&#228;ltigungserzeugnisse antisozialistischen Inhalts und Charakters«, wie es in der Sprache der Staatssicherheit hie&#223;, sprunghaft zu. Das MfS berichtete im Juni 1989: »Insgesamt ist aktuell eine steigende Tendenz hinsichtlich der Profilierung existierender und der Herausgabe neuer sogenannter Informationsbl&#228;tter zu beobachten.« Allein in Berlin identifizierte es sieben solcher Publikationen. Die Darstellung von deren Zielen durch das Ministerium l&#228;sst klar erkennen, dass die Opposition damit einen Zuwachs an Koordination zwischen den Gruppen und letztlich ihre bessere Organisierung erreichen wollte: »Die damit von feindlichen, oppositionellen Kr&#228;ften verfolgte Zielstellung besteht nicht nur in der Gew&#228;hrleistung der Kommunikation vorgenannter personeller Zusammenschl&#252;sse untereinander und mit gleichgelagerten Gruppen. Vielmehr geht es diesen Kr&#228;ften darum,  kontinuierlich weitere konzeptionelle Grundlagen f&#252;r das Wirksamwerden feindlicher, oppositioneller und anderer negativer Kr&#228;fte in der DDR zu entwickeln, ihre politischen Auffassungen und Forderungen republikweit &#246;ffentlichkeitswirksam zu propagieren und zur Diskussion zu stellen &#8211; gewisserma&#223;en eine breit gef&#228;cherte ›publizistische Gegen&#246;ffentlichkeit‹ herzustellen &#8211; und auf dieser Basis Gleichgesinnte, Sympathisanten und weitere Personen f&#252;r die feindlich-negativen Ziele zu gewinnen und bei diesen antisozialistische Bewu&#223;tseins- und Handlungsbereitschaften herauszubilden bzw. zu erzeugen, den jeweiligen personellen Zusammenschluss und dessen politische Ziele &#246;ffentlich aufzuwerten (auch international) und den gegebenen Handlungsrahmen missbrauchend, gezielt auf eine Legalisierung hinzuwirken, den Solidarisierungseffekt mit Gleichgesinnten im In- und Ausland auszupr&#228;gen sowie ›DDR-weite‹ Informationsbeziehungen f&#252;r feindliche, oppositionelle Kr&#228;fte aufzubauen.«</p>
<p>W&#228;hrend die Kirche diesen Aktivit&#228;ten noch reserviert gegen&#252;berstand, engagierte sie sich auf einem anderen Feld weit st&#228;rker; hier stand sie unter besonderem Druck ihrer eigenen, nicht auf Jugendliche beschr&#228;nkten Basis, Es ging um die Reformierung des Bildungssystems in der damaligen DDR, die nach den <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/09/12/vor-20-jahren-ossietzky-schueler-als-antisozialistische-plattform-im-blauhemd/" target="_blank">Vorg&#228;ngen an der EOS »Carl von Ossietzky«</a> besondere Aufmerksamkeit fand. Teilnehmer der f&#252;nften Tagung der 9. Synode der evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg vom 31.3. bis 4.4.1989 forderten energisch eine Umorientierung des Bildungswesens. In einem Beschluss verlangten sie von allen Bildungseinrichtungen<br />
»- die Entwicklung von F&#228;higkeiten zum Dialog und zur Toleranz, die Erziehung zur Friedensf&#228;higkeit (z. B. Konfliktl&#246;sungen mit friedlichen Mitteln; Abbau der milit&#228;rischen Elemente im Unterricht),<br />
- Raum f&#252;r Spontaneit&#228;t, Anerkennung eigener Interessen und pers&#246;nlicher F&#228;higkeiten (z.B. in der musischen Erziehung und durch Wahlf&#228;cher in der Oberstufe),<br />
- die Anerkennung des Beitrages christlicher Sch&#252;ler und christlicher Eltern«.</p>
<p>Die bis dahin schon erheblichen Aktivit&#228;ten nahmen nun schnell weiter zu. Bereits am 15. April 1989 fand in Potsdam eine »P&#228;dagogische Werkstatt« statt. Vom 26. bis 28.Mai veranstaltete der Friedenskreis Wei&#223;ensee ein »Forum zu Volksbildungsfragen«, an. dem bekannte B&#252;rgerrechtler wie Jens Reich, Frank-Herbert Mi&#223;litz und der Liedermacher Karl-Heinz Bomberg teilnahmen, aber auch relegierte Sch&#252;ler der EOS »Carl von Ossietzky« und die Direktorin einer Marzahner Oberschule. Am 2. Juni wurde die Diskussion in der Samariter-Gemeinde Berlin-Friedrichshain fortgesetzt, und vom 9. bis 11. Juni sollte in Friedrichsfelde ein »P&#228;dagogischer Kongress von unten« stattfinden, auf dem der Eisenh&#252;ttenst&#228;dter Rechtsanwalt Rolf Henrich, sp&#228;ter einer der Mitbegr&#252;nder des Neuen Forum, auftreten wollte. Diese Veranstaltung konnte das MfS weitgehend verhindern. An dieser konkreten, f&#252;r viele Menschen der damaligen DDR wichtigen Frage zeigte sich, wie schnell das oppositionelle Potential wuchs, in welchem Umfang immer mehr Menschen den Weg zur B&#252;rgerrechtsbewegung fanden.</p>
<p>Im Fr&#252;hjahr 1989 gab es jedoch eine Reihe weiterer Ereignisse, die die Entwicklung der Opposition beschleunigten. Erinnert sei nur an die Kommunalwahlen am 7. Mai 1989, die Geschehnisse in China im Juni und ihre offizielle Widerspiegelung durch die DDR und vor allem die seit Mai in immer schnellerem Tempo zunehmende Ausreisewelle, gegen die die Partei- und Staatsf&#252;hrung keinerlei Gegenmittel fand. Diese Vorg&#228;nge setzten einen Prozess in Gang, der bis zum Herbst st&#228;ndig eskalierte.</p>
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		<title>Vor 21 Jahren – Streit um die Hoheit &#252;ber Menschenrechte</title>
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		<pubDate>Wed, 10 Dec 2008 18:32:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Heute vor 60 Jahren wurde von der UNO-Vollversammlung die Allgemeine Erkl&#228;rung der Menschenrechte verk&#252;ndet. In der Endphase der DDR entwickelte sich auch dieses Dokument mehr und mehr zu einem Gegenstand der inneren Auseinandersetzung zwischen Staatsmacht und aufkeimender Oppositionsbewegung. <span id="more-618"></span>Sowohl in ihren internen Debatte, seit 1987 aber auch in &#246;ffentlichen Aktionen nahmen oppositionelle Gruppen immer &#246;fter Bezug auf die Menschenrechte &#8211; und gerieten damit schnell in Konflikt mit dem Staat und der Staatspartei SED, die die alleinige Deutungshoheit &#252;ber die Menschenrechtsfrage f&#252;r sich beanspruchten.</p>
<p>Ein deutlicher Ausdruck f&#252;r diesen zun&#228;chst ziemlich ungleichen Streit war eine Aktion, die heute vor 21 Jahren im Zentrum der damaligen DDR-Hauptstadt stattfinden sollte. B&#252;rgerrechtler versuchten am 10. Dezember 1987, dem DDR-offiziellen Komitee f&#252;r Menschenrechte eine Petition zu &#252;bergeben und wollten dies mit einer kleinen Demonstration zu dessen Sitz verbinden. Das rief nat&#252;rlich die Staatssicherheit auf den Plan, die nat&#252;rlich zeitig von der Aktion wusste und sie &#8211; nachdem weniger drakonische Ma&#223;nahmen nicht geholfen hatten &#8211; durch prophylaktische Verhaftung der Organisatoren faktisch verhinderte.</p>
<p>&#220;ber dieses Ereignis berichtet nachfolgender Terxt, der im Sommer 1990 entstand und die damaligen Ereignisse rekapituliert und in einen gr&#246;&#223;eren Zusammenhang zu stellen versucht. Zwar ist heute das Geschehen vor 21 Jahren gr&#252;ndlicher erforscht als damals, nur Monate danach; dennoch kann diese bislang unver&#246;ffentlichte Darstellung neben ihrem dokumentarischen Teil einiges zur seinerzeitigen Atmosph&#228;re am Ende einer Epoche aussagen.</p>
<p> </p>
<h3> Aufkl&#228;rer unter Kontrolle</h3>
<p> </p>
<p>Die Bildung der »Initiative Frieden und Menschenrechte« (IFM) Ende 1985 war in Inhalt wie Form ein Akt der Emanzipation oppositioneller Kr&#228;fte von der Kirche. Denn bis dahin hatte das Engagement gegen die staatliche Politik fast ausschlie&#223;lich unter dem Dach der Kirche stattgefunden. Die Aktivit&#228;ten Anfang der 80er Jahre waren zum Beispiel mit dem auf einen Bibelspruch zur&#252;ckgehenden Symbol »Schwerter zur Pflugscharen« verbunden. Sie vollzogen sich in Friedenskreisen, die sich an den Berliner Kirchen wie auch in zahlreichen St&#228;dten der DDR bildeten. Einer der aktivsten war schon seit Oktober 1981 der Friedenskreis der Evangelischen Kirchgemeinde Alt-Pankow unter Leitung des Vikars der Sophiengemeinde, Dr. Hans-J&#252;rgen Misselwitz. Seit 1981 gab es auch den Friedenskreis der Samaritergemeinde unter Leitung des Pfarrers Rainer Eppelmann. Anfang 1982 bildete sich an der Gethsemane-Kirche in Berlin-Prenzlauer Berg der »Arbeitskreis f&#252;r christliches Friedenszeugnis«. 1984 gr&#252;ndete Reinhard Schult den Friedenskreis Berlin-Friedrichsfelde, der in die Kirchengemeinde Berlin-Friedrichsfelde-Ost eingebunden wurde und seit M&#228;rz 1987 den hektografierten »Friedrichsfelder Feuermelder« herausgab. Im evangelischen Gemeindezentrum Berlin-Hohensch&#246;nhausen entstand 1986 unter Leitung des Jugenddiakons Schatta der Friedenskreis Wei&#223;ensee. &#196;hnliche Gruppierungen formierten sich sp&#228;ter an der Bekenntniskirche in Berlin-Treptow, bei der Bartholom&#228;usgemeinde in Berlin-Friedrichshain, an der Christus-Kirche in Berlin-Sch&#246;neweide und anderen. Auch nicht zuv&#246;rderst aus christlicher Motivation entstehende Gruppen wie der Arbeitskreis »&#196;rzte f&#252;r den Frieden« oder der »Freundeskreis Wehrdiensttotalverweigerer« begaben sich unter das Dach der Kirche. »Wir sahen uns als Kirche auch in einer Stellvertreterfunktion, weil es ja offiziell keine Arbeitsm&#246;glichkeiten f&#252;r eine politische Opposition gab«, erl&#228;uterte Probst Dr. Furian die Haltung zu diesen Initiativen, die oftmals nur &#228;u&#223;erst geringe Bindungen an religi&#246;ses Gedankengut hatten. Damit bot ihnen,die evangelische Kirche Wirkungsm&#246;glichkeiten unter ihrem Schutz; dies aber war mit der – ehr oder minder konsequent durchgesetzten – Auflage verbunden, die Interessen der Kirche zu wahren und deren Arbeitsbedingungen nicht zu beeintr&#228;chtigen.</p>
<p>Auch die in der sp&#228;teren IFM zusammengeschlossenen Oppositionellen nutzten die Kirchen als Wirkungsst&#228;tten. So. bereiteten sie im Herbst 1985 ein Seminar zu Menschenrechtsfragen vor. Zun&#228;chst aus der unabh&#228;ngigen Friedensbewegung der DDR hervorgegangen, sahen sie immer deutlicher, dass das Friedensengagement vom Staat in eng begrenztem Rahmen gehalten werden sollte. Immer wenn Aktivit&#228;ten einzelner &#252;ber diese Grenzen – sie waren im Prinzip vom au&#223;enpolitischen Kalk&#252;l bestimmt, und deshalb sollte sich alles nur auf internationaler Ebene abspielen – hinausgingen, setzte staatliche Repression ein. Daraus wuchs ganz zwangsl&#228;ufig die Erkenntnis, dass gerade die vorgeschriebene einseitige Orientierung auf internationale Abr&#252;stungsfragen in diesem Land nicht ausreichte, sondern dass innenpolitische, grundlegende gesellschaftliche Fragen ebenso eine Rolle spielen mussten, »Wir haben den Zusammenhang von innerem und &#228;u&#223;erem Frieden von Anfang an ziemlich stark pers&#246;nlich erlebt und dementsprechend auch thematisiert&#8221;, beschreib Gerd Poppe sp&#228;ter die damalige Situation. Das genannte Seminar sollte den erreichten Erkenntnisstand artikulieren und n&#228;chste Schritte beim Kampf um Menschenrechte in der DDR diskutieren. Staatliche Organe, die von der Sache Wind bekamen, &#252;bten starken Druck auf die Kirche aus, daf&#252;r keine R&#228;ume zur Verf&#252;gung au stellen, da es weit &#252;ber religi&#246;se T&#228;tigkeit hinausginge. Und die Kirche folgte diesem Argument – teilweise wohl auch aus eigener &#220;berzeugung, denn die Menschenrechtsaktivisten hatten stets ihre Unabh&#228;ngigkeit von der Kirche betont.</p>
<p>Gerd Poppe, B&#228;rbel Bohley, Werner Fischer, Wolfgang Templin, Peter Grimm, Ralf Hirsch und aridere aber blieben an der Sache dran, diskutierten in kleineren Gruppen und fanden so immer st&#228;rker zusammen, Ihre Gedanken formulierten sie in einem Papier, das im Januar 1986 – auch durch Vermittlung westlicher Medien – in die &#214;ffentlichkeit gelangte. Ein Vierteljahr sp&#228;ter traten sie mit einer »Eingabe an den <span lang="EN">XI. </span>Parteitag der SED« erneut hervor; sie forderten hier erstmals in aller Deutlichkeit einen &#246;ffentlichen Dialog zwischen SED und oppositionellen Kr&#228;ften. Ab Sommer 1986 erschien dann der »Grenzfall« als Publikation der IFM, der zugleich das Ziel der Sammlung der noch weitgehend zersplitterten Opposition verfolgte. Damit hatte sich erstmals in der DDR eine Gruppe etabliert, die zwar Wirkungsm&#246;glichkeiten in Gottesh&#228;usern auch weiterhin nutzte, jedoch v&#246;llig klar machte, dass sie au&#223;erhalb der Kirche stehen und sich deren Auflagen nicht unterwerfen werde.</p>
<p>Das Ministerium f&#252;r Staatssicherheit erkannte aus seiner Sicht in den oppositionellen Gruppen fr&#252;hzeitig eine Gefahr. In seinen »Planvorgaben« f&#252;r die Jahre 1986 bis 1990, den letzten, die er erstellen lie&#223;, forderte Minister Mielke, die Aufkl&#228;rungs- und Abwehrt&#228;tigkeit vor allem gegen die »Forcierung der Menschenrechtsdemagogie und entsprechende Angriffe gegen die sozialistischen Staaten, Inspirierung oppositioneller und anderer feindlich-negativer Kr&#228;fte in sozialistischen Staaten zu antisozialistischen Handlungen und &#246;ffentlichkeitswirksamen Aktivit&#228;ten, insbesondere unter Bezugnahme auf Fragen der Menschenrechte und Grundfreiheiten, sog. menschlichen Erleichterungen und Begegnungen sowie weitere ›humanit&#228;re‹ Probleme« zu richten. Schwerpunktm&#228;&#223;ig sollten »Feindaktivit&#228;ten«, n&#228;mlich »Inspirierung, F&#246;rderung, Unterst&#252;tzung und Steuerung einer sog. inneren Opposition und politischer Untergrundt&#228;tigkeit im Sinne konterrevolution&#228;rer Entwicklungen (Strategie und Taktik, Mittel und Methoden, Steuerung durch Geheimdienste, Zentren der politisch-ideologischen Diversion und andere feindliche Stellen und Kr&#228;fte)«, unterbunden werden.</p>
<p>Mit der Bek&#228;mpfung so bezeichneter und damit kriminalisierter Handlungen war ein Auftrag erteilt, der in den n&#228;chsten Jahren in erheblichem Ma&#223;e das Potential der Staatssicherheit binden sollte und dar&#252;ber hinaus zum st&#228;ndigen Ausbau des geheimen Unferdr&#252;ckungsapparates f&#252;hrte. Der Irrglaube an die eigene Unfehlbarkeit in der Partei- und Staatsf&#252;hrung der DDR verweigerte anders lautenden Gedanken und Meinungen jegliche Existenzberechtigung; keimten sie dennoch auf, konnte das nur die Saat konterrevolution&#228;rer Feinde sein, die entsprechend bek&#228;mpft werden mussten. Die hartn&#228;ckigen Aufkl&#228;rer in den oppositionellen Gruppen, die angetreten waren, neben dem Frieden auch die Freiheit zu propagieren, die Demokratie, Menschenrechte, Umweltschutz nicht nur als blo&#223;e Lippenbekenntnisse gelten lassen, sondern zu gesellschaftlicher Realit&#228;t machen wollten, sahen sich von Anfang an drakonischer Verfolgung ausgesetzt. Das Ziel Mielkes war es, so er sie schon nicht zerschlagen konnte, diese Gruppen unter strikter Kontrolle zu halten und alle Regungen, die aus seiner Sicht die staatliche Macht gef&#228;hrden konnten, im Keime zu ersticken. Er &#252;bersah dabei v&#246;llig, dass das Entstehen der »Initiative Frieden und Menschanrechte« – ebenso wie der kirchlichen und anderer Zusammenschl&#252;sse zuvor und danach – ein objektiver Prozess war, der sich aus den wachsenden Widerspr&#252;chen in der DDR-Gesellschaft ergab. Und mehr noch – auch sie waren Reflex .auf die sich in. den osteurop&#228;ischen L&#228;ndern ank&#252;ndigenden gewaltigen Umbruchprozesse, von denen die ersten Erdst&#246;&#223;e schon 1956 in Ungarn und 1968 in der CSSR zu erleben waren und die Mitte der 80er Jahre mit der Perestroika in der Sowjetunion ein politisches Erdbeben einleiteten.</p>
<p>Nicht zuf&#228;llig wies Gerd Poppe darauf hin, dass die IFM von Anfang an st&#228;rker nach dem Osten als nach Westeuropa orientiert war. Die Friedenskreise an den Kirchen entstanden zumeist als Reaktion auf die Aktivit&#228;ten der westlichen Friedensbewegung gegen die Nuklearaufr&#252;stung. Die IFM – mit Gorbatschow konfrontiert, aber auch mit Vaclav Havel und Gy&#246;rgy Konrad, mit. »Solidarnosc« und den Nachfolgern der »Charta 77« – richtete ihre Blicke nach Osteuropa. Hier fand sie &#228;hnliche Probleme wie im eigenen Land und ganz verwandte Losungsansatze, die zu durchdenken und auszudiskutieren waren. »Aus den osteurop&#228;ischen L&#228;ndern kamen st&#228;rkere Impulse, die innergesellschaftlichen Probleme mit den au&#223;enpolitischen in Zusammenhang zu bringen – viel st&#228;rker als aus dem Westen«, so Poppe.</p>
<p>F&#252;r Mielke waren diese Vorg&#228;nge nichts als imperialistische Machenschaften, die gegen den von ihm und seinesgleichen zu bestimmenden Gang der Geschichte standen. Daher sah er schon 1986 als eine Hauptaufgabe »die gr&#252;ndliche Aufkl&#228;rung und vorbeugende Verhinderung der gesamten subversiven T&#228;tigkeit, der konkreten Absichten und Aktivit&#228;ten f&#252;r das weitere Vorgehen gegen den Sozialismus, der dabei zum Einsatz gelangenden Mittel und Methoden sowie der damit beabsichtigten Wirkungen seitens des Imperialismus, besonders seiner Geheimdienste, der Zentren der politisch-ideologischen Diversion und weiterer feindlicher Stellen und Kr&#228;fte. Es sind verst&#228;rkte Anstrengungen zur Entlarvung und Vereitelung der Pl&#228;ne, Absichten und Machenschaften zu unternehmen, die auf die Unterminierung der Einheit und Geschlossenheit, die Spaltung und Schw&#228;chung der sozialistischen Staatengemeinschaft gerichtet sind.«</p>
<p>Mielkes Berliner Statthalter, Generalmajor H&#228;hnel, scheute sich nicht das auszusprechen, was Mielke noch schamhaft verschwieg, n&#228;mlich die inspirierende Kraft des »neuen Denkens« in der UdSSR f&#252;r die oppositionellen Gruppen: »Gegenw&#228;rtig registrieren wir Bestrebungen des harten Kerns der Organisatoren politischer Untergrundt&#228;tigkeit, inspiriert durch feindliche Kr&#228;fte aus westlichen Staaten, die Forderungen der KPdSU nach einem neuen politischen Denken und. Handeln bei der Gestaltung der sozialistischen Gesellschaft in der UdSSR auf die Innenpolitik der DDR zu &#252;bertragen. Mit Eingaben, Positionspapieren, provokatorischen Schreiben an Repr&#228;sentanten unserer &#8216;Regierung, aber auch ausl&#228;ndischer Regierungen, wird versucht, sich als eine politische Kraft darzustellen und den Dialog mit offiziellen Vertretern von Partei und Regierung zu erzwingen. Vor allem durch Angeh&#246;rige der feindlichen Gruppe ›Frieden und Menschenrechte‹ (Templin, Poppe, Bohley, Fischer) wurden die Begriffe ›Neues Denken‹, ›Umgestaltung‹ und ›Transparenz‹ &#252;bernommen und gleichzeitig versucht, einen Gegensatz zwischen UdSSR und DDR, KPdSU und SED zu konstruieren«, sagte er vor der Berliner Bezirkseinsatzleitung im September 1987.</p>
<p>Doch weder die gebetsm&#252;hlenartige Wiederholung lebensfremder. Thesen noch die faktische Gleichstellung sowjetischen Gedankenguts mit konterrevolution&#228;ren Ideen konnten etwas daran &#228;ndern, dass sich nach der IFM weitere Gruppen bildeten, die neben den kirchlichen Kreisen Oppositionst&#228;tigkeit leisteten. Vera Wollenberger gr&#252;ndete im Februar 1987 die Gruppe »Gegenstimmen«. Im Grundsatz mit der IFM einig, verfolgte sie jedoch ein klarer umrissenes Ziel, strebte sie nach definierten gesellschaftlichen Ver&#228;nderungen, w&#228;hrend sich die IFM auf die Kritik der bestehenden Verh&#228;ltnisse konzentrierte. Dieses Gesellschaftskonzept der »Gegenstimmen« war prononciert links und hatte so Ber&#252;hrungspunkte mit entsprechenden westeurop&#228;ischen Gruppen, Die . »Gegenstimmen« leisteten eine umfangreiche theoretische Arbeit, deren Quintessenz nach einer Analyse der MfS-Bezirksverwaltung Berlin darauf hinauslief, »dass grundlegende gesellschaftliche Entwicklungen in der DDR nicht in &#220;bereinstimmung mit der marxistisch-leninistischen Theorie st&#252;nden«, Dieser letztlich ideologisch gepr&#228;gte Ansatz unterschied der »Gegenstimmen« in der Hauptsache von der IFM.</p>
<p>Vera Wollanberger geh&#246;rte auch zu den Initiatoren der »Kirche von unten« , die sich 1987 im Zusammenhang mit dem Evangelischen Kirchentag in Berlin herausbildete. Diese Gruppierung verstand sich prim&#228;r als Opposition zum staatlichen System in der DDR, zugleich aber auch als Opposition zur etablierten Kirchenleitung. »Es waren dies junge Leute«, so Bischof Forck, »die meinten, die offizielle Kirche w&#252;rde die wirklichen Probleme verschleiern? um niemandem weh zu tun.« Aus seiner Sicht war es in Wirklichkeit eine nichtkirchliche Institution, »denn viele von ihnen vertraten auch die Meinung, wenn sie die M&#246;glichkeit zur Opposition in diesem Lande h&#228;tten, brauchten sie die Kirche nicht. Diese war also f&#252;r nicht wenige nur das Dach f&#252;r ihre Aktivit&#228;ten in der Gesellschaft, f&#252;r ihre Kritik am Staat«. Lange tat sich die Kirche schwer mit diesen Gruppen, aber – wie schon dargestellt – lie&#223;en ihr schlie&#223;lich die Repressalien des Staates gegen die solcherart, aufm&#252;pfige Opposition keine andere Wahl als die Parteinahme. Am 22, April 1988 wurde die »Kirche von unten« als Personalgemeinde von der Leitung der Evangelischen Kirche zu Berlin-Brandenburg genehmigt und registriert.</p>
<p>F&#252;r die MfS war nat&#252;rlich auch die »Kirche von unten« nichts als ein Hort der Konterrevolution. Die Bezirksverwaltung Berlin berichtete &#252;ber sie: »Sie ist ein organisatorisches Sammelbecken f&#252;r feindlich-negative Personen, Irregeleitete .und andere von ihnen beeinflusster Kr&#228;fte, die besonders offizielle Kirchentage auch au&#223;erhalb der Kirche in Berlin-Brandenburg in Anspruch nehmen, um mit ihren Aktivit&#228;ten &#246;ffentlichkeitswirksam auf ihre Ziele aufmerksam zu machen.« All diese Organisationen waren f&#252;r das MfS Bestandteile der »politischen Untergrundt&#228;tigkeit« (PUT) und damit Ziele seiner operativen Bearbeitung. Wie diese ablief, zeigte das Beispiel der <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/11/25/vor-21-jahren-sturm-auf-die-umweltbibliothek/" target="_blank">Umweltbibliothek</a>. Es war aber nur der Auftakt einer langen Reihe &#228;hnlicher Repressivma&#223;nahmen gegen Andersdenkende.</p>
<p>Der n&#228;chste Sto&#223;, nur 14 Tage nach dem Angriff auf die Bibliothek, richtete sich gegen die »&#8217;Initiative Frieden und Menschenrechte« direkt. Sie wollte aus Anlass des »Tages der Menschenrechte« am 10. Dezember 1987 im staatlich gelenkte Komitee f&#252;r Menschenrechte in der damaligen Berliner Otto-Grotewohl-Stra&#223;e eine Petition abgeben, und dieses Anliegen sollte durch Transparente und Sprechch&#246;re auch &#246;ffentlichkeitswirksam gemacht werden. Zun&#228;chst taten staatliche Organe alles, um &#252;ber kirchliche Stellen diesen Protest zu verhindern. .Als sich letztere f&#252;r unzust&#228;ndig erkl&#228;rten, erfolgten zun&#228;chst eine »Belehrung« derjenigen, die als Initiatoren bekannt geworden .waren, dann die prophylaktische »Zuf&#252;hrung« von acht »Exponenten politischer Untergrundt&#228;tigkeit« und schlie&#223;lich die totale Absicherung des Orten durch Polizeikr&#228;fte. Das MfS konnte nun vermelden: »Im Ergebnis der durchgef&#252;hrten Sicherungsma&#223;nahmen kann eingesch&#228;tzt werden, dass die von Mitgliedern der ›Initiative f&#252;r Frieden und Menschenrechte‹ geplante &#246;ffentlichkeitswirksame Provokation verhindert werden konnte.«</p>
<p>F&#252;r Gerd Poppe jedoch war die Aktion mehr als die routinem&#228;&#223;ige Verhinderung einer »Provokation«. Immerhin hatte die IFM am Abend des 10. Dezember in der Gethsemanekirche vor ca. 500 Besuchern noch einmal ihre Ziele in konzentrierter Form vorgestellt. Sie erkl&#228;rte dabei, dass Friedensarbeit f&#252;r sie auch immer ein Prozess notwendiger gesellschaftlicher Ver&#228;nderungen sei: »Diese innergesellschaftlichen Ver&#228;nderungen sind nicht Bedrohung, sondern Vorbedingung f&#252;r einen stabilen Frieden. Es muss eine breite &#214;ffentlichkeit entstehen, die eine wirksame Kontrolle aus&#252;ben kann. Die Entstehung einer solchen kritischen &#214;ffentlichkeit ist abh&#228;ngig von der Garantie der Menschen- und B&#252;rgerrechte. Die etablierte Macht ist an solchen Ver&#228;nderungen nicht interessiert oder nur insoweit, wie sie f&#252;r die Machterhaltung. nothwendig sind. Die Garantie politischer Freiheitsrechte, die wir als unver&#228;u&#223;erlich ansehen, kann deshalb nicht von den Herrschenden erwartet werden, sondern muss gegen sie durchgesetzt werden.«</p>
<p>Die IFM sah, wie es in dem Text weiter hie&#223;, zwei gro&#223;e Aufgabenkomplexe in der Gesellschaft:</p>
<p>»1. Herstellung von Rechtsstaatlichkeit, 2. Demokratisierung. Rechtsstaatlichkeit ist f&#252;r uns nicht identisch mit Einhaltung machtpolitisch motivierter Gesetze, sondern bedeutet, sich gegen jegliche Willk&#252;r der M&#228;chtigen zu wenden. Auch ein Teil der sogenannten ›positiven‹ Rechtsvorschriften .erm&#246;glicht Willk&#252;rakte, wie das Polizeigesetz, das Ordnungswidrigkeitengesetz usw. Rechtsstaatlichkeit ist. nicht zu trennen:</p>
<p>- von der Garantie der Meinungsfreiheit, Presse- und Medienfreiheit,</p>
<p>- von der damit verbundenen Aus&#252;bung einer wirksamen demokratischen Kontrolle,</p>
<p>- von der Abschaffung von Einschr&#228;nkungen garantierter Rechte,</p>
<p>- von der Abschaffung von Paragraphen des Strafgesetzbuches, die die &#246;ffentliche Meinungs&#228;u&#223;erung unter Strafe stellen k&#246;nnen.</p>
<p>Rechtsstaatlichkeit ist weiter nicht zu trennen von der Existenz unabh&#228;ngiger Gerichte, von der Einf&#252;hrung einer Verwaltungsgerichtsbarkeit, von der Beendigung der Verletzung der Privasph&#228;re: Telefon- und Post&#252;berwachung ohne richterlichen Beschluss, Abh&#246;ren von Wohnungen, pr&#228;ventive Festnahmen usw. Rechtsstaatlichkeit muss das Streikrecht garantieren und nicht zuletzt die Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit. Die Herstellung von Rechtsstaatlichkeit in diesem Sinne, also politische Grundrechte f&#252;r alle, ist ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zur Demokratie.«</p>
<p>Diene Forderungen – zwei Jahre sp&#228;ter im revolution&#228;ren Aufbruch des Herbstes 1989 /verwirklicht – waren damals eine erneute offene Herausforderung das Staates, und daher wertete Gerd Poppe die Tatsache, dass sieben Aktivisten der IFM, Wolfgang Templin, Ralf Hirsch, Peter Grimm, Martin B&#246;ttger, Reiner Dietrich, Wolfgang Wolf und er selbst, sowie Vera Wollenberger von den »Gegenstimmen« auch noch den ganzen 11. Dezember in Haft blieben, dort intensiv verh&#246;rt wurden und unter Drohungen zum Stellen eines Ausreiseantrages veranlasst v/erden sollten, als den Versuch, die Gruppe erheblich zu verunsichern, wenn nicht gar au zerschlagen. »Wir hatten angenommen, dass der Staat nach seinen Erfahrungen mit der Umweltbibliothek, vor allem nach der starken Solidarisierung und den &#246;ffentlichen Protesten, erst einmal Zur&#252;ckhaltung &#252;ben w&#252;rde«, sagte Poppe dazu. »Aber das erwies sich als Fehlkalkulation. Das MfS sah darin wohl eine dem&#252;tigende Niederlage, die schnell vergessen gemacht werden sollte.«</p>
<p>Wenn es daf&#252;r in den zug&#228;nglichen Unterlagen des MfS bisher auch keine dokumentarische Best&#228;tigung gibt, so spricht doch viel f&#252;r die Richtigkeit dieser Einsch&#228;tzung. Denn die n&#228;chsten Wochen zeigten deutlich, dass der Staat offensichtlich nur auf eine <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/01/17/vor-zwanzig-jahren-karl-und-rosa-zwischen-den-fronten/" target="_blank">neue Gelegenheit </a>wartete, mit seinen Opponenten abzurechnen.</p>
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		<title>Vor 20 Jahren &#8211; Realit&#228;tsverlust in der »Wagenburg«</title>
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		<pubDate>Fri, 17 Oct 2008 10:40:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Un&#252;bersehbar war im Herbst 1988 die Unzufriedenheit in weiten Teilen der DDR-Bev&#246;lkerung &#252;ber die Verh&#228;ltnisse in ihrem Land geworden. Und ebenso deutlich zeigten sich wachsendes Selbstbewusstsein vieler B&#252;rger, vor allem der Jugend. Der Staat DDR und die ihn beherrschende Einheitspartei SED hatten samt ihrem Geheimdienst Staatssicherheit darauf keine ad&#228;quate Antwort mehr, <span id="more-530"></span>weil sie die Ursachen der Inneren Prozesse nicht verstehen wollten und sie au&#223;erhalb der DDR-Grenzen suchten &#8211; vorrangig im Westen, aber nun auch schon in der Sowjetunion Gorbatschows. Immer mehr zog sich die DDR-F&#252;hrung in eine Wagenburg zur&#252;ck, aus der sie so unbrauchbare wie aggressive Signale sandte. Ein Beispiel daf&#252;r waren zwei Reden, die Stasi-Chef Erich Mielke in der zweiten Oktoberh&#228;lfte 1988 hielt und die als Orientierung f&#252;r die Arbeit des Sicherheitsapparates gelten sollten, sich jedoch f&#252;r die weitere Entwicklung als &#228;u&#223;erst kontraproduktiv erwiesen.</p>
<p>Dar&#252;ber entstand etwa zwei Jahre sp&#228;ter, im Sommer 1990, nachfolgender Text, der die damaligen Ereignisse rekapituliert und in einen gr&#246;&#223;eren Zusammenhang zu stellen versucht. Zwar ist heute das Geschehen vor 20 Jahren gr&#252;ndlicher erforscht als damals, nur Monate danach; dennoch kann diese bislang unver&#246;ffentlichte Darstellung neben ihrem dokumentarischen Teil einiges zur seinerzeitigen Atmosph&#228;re am Ende einer Epoche aussagen.</p>
<p> </p>
<h2>Realit&#228;tsverlust in der »Wagenburg«</h2>
<p><img src="http://vg05.met.vgwort.de/na/88035f60397649e6b6e40daad64d66d5" width="1" height="1" alt=""><br />
Erich Mielke, Minister f&#252;r Staatssicherheit der DDR, hielt im Oktober 1988 zwei wichtige Reden, mit denen er die 85 000 Angeh&#246;rigen des Ministeriums auf die kommenden »Kampfaufgaben« einschw&#246;ren wollte. Diese Reden zeigten zum einen eine relativ genaue Kenntnis der Lage und zum anderen ein v&#246;lliges Unverst&#228;ndnis f&#252;r ihre Ursachen und Hintergr&#252;nde. Die daraus gezogenen Schlussfolgerungen f&#252;hrten zu jener Sicherheitskonzeption des <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/09/12/vor-20-jahren-ossietzky-schueler-als-antisozialistische-plattform-im-blauhemd/" target="_blank">totalen Misstrauens </a>gegen&#252;ber allen Vorg&#228;ngen, die nicht von der Partei- und Staatsf&#252;hrung selbst organsiert waren, und zur fl&#228;chendeckenden &#220;berwachung der gesamten Gesellschaft und ihrer Aktivit&#228;ten, gleich, wo sie erfolgten.</p>
<p>Mielke dozierte bei seinem Auftreten auf einer Tagung der Aufkl&#228;rungsorgane sozialistischer L&#228;nder am 17. Oktober &#252;ber die internationale Lage und warnte dabei vor dem Angriff auf die Grundfesten des Sozialismus, ohne dass er M&#246;glichkeiten sah, auf diese &#228;u&#223;eren Prozesse im Sinne ihrer Begrenzung Einfluss nehmen zu k&#246;nnen. Deshalb orientierte er darauf, im Innern eine l&#252;ckenlose Abwehr zu organisieren. Dieses »Wagenburg«-Denken versuchte er allen seinen Unterstellten einzuimpfen &#8211; und auf dieser Konferenz sogar den Vertretern der verb&#252;ndeten Sicherheitsdienste. Er sagte: »Gemeinsam stehen wir vor der Notwendigkeit, uns in der Aufkl&#228;rungs- und Abwehrt&#228;tigkeit auf die neuen Bedingungen der internationalen Lage, auf die gesteigerten subversiven Angriffe des Feindes, die teils sehr offen, teilweise aber auch sehr verschleiert, demagogisch verbr&#228;mt vorgetragen werden, und die sich daraus ergebenden wesentlich h&#246;heren Sicherheitserfordemisse umfassend einzustellen.« Und weiter: »Unseres Erachtens erlangt unter diesen ver&#228;nderten Bedingungen die Ausschaltung jeglicher vom Feind ausgehender &#220;berraschungen auf allen Gebieten ein noch gr&#246;&#223;eres Gewicht. Die Verantwortung zur rechtzeitigen Aufkl&#228;rung und objektiven Einsch&#228;tzung der gegen den Sozialismus gerichteten Pl&#228;ne, Absichten und Aktivit&#228;ten, der gegnerischen Vorgehensweisen, Mittel und Methoden ist erheblich gewachsen.«</p>
<p>Der Stasi-Chef konnte die erkennbaren positiven Tendenzen in der internationalen Politik, die besonders durch das neue Denken in der Sowjetunion gef&#246;rdert wurden, nicht leugnen, stellte sie im Kern aber zugleich in Frage: »Die positiven Ergebnisse und die sich abzeichnenden Ver&#228;nderungen sollten in unseren Reihen jedoch zu keinerlei Illusionen &#252;ber die unver&#228;nderte H&#228;rte und au&#223;erordentliche Kompliziertheit unseres weiteren Kampfes f&#252;hren. Wir haben in der politisch-operativen Arbeit davon auszugehen, dass der &#220;bergang von der Konfrontation zur Entspannung und internationalen Sicherheit noch nicht vollzogen werden konnte. Es gibt noch keine Garantie f&#252;r die Unumkehrbarkeit der begonnenen positiven Prozesse.«</p>
<p>Ganz besonders suspekt erschienen ihm die wachsenden Kontakte zwischen den Systemen: »Den Abr&#252;stungs- und Entspannungsprozess unterst&#252;tzen &#8211; das schlie&#223;t auch N&#252;chternheit im Herangehen, ein gesundes Misstrauen gegen&#252;ber dem Imperialismus, Illusionslosigkeit und Wachsamkeit ein. Das gilt auch f&#252;r die objektiv zunehmenden Kontakte unterschiedlichster Art zwischen den sozialistischen und kapitalistischen L&#228;ndern, die im Interesse der Durchsetzung der Politik des Dialogs und der Zusammenarbeit notwendig sind. Stets sollten wir dabei aber beachten, welche Ziele imperialistische Kreise mit diesen Kontakten verfolgen und welche m&#246;glichen Gefahren f&#252;r unsere L&#228;nder damit verbunden sind.«</p>
<p>Neun Tage nach dieser Rede sprach Mielke vor den Leitern der Kreisdienststellen des MfS und brachte dabei noch unverbl&#252;mter seine faktische Ablehnung von Entspannungsbem&#252;hungen zum Ausdruck, verriet aber zugleich ein elementares Unverst&#228;ndnis ihres Wesens und ihrer Perspektiven: »Nat&#252;rlich sind Abr&#252;stungsschritte auch und gerade im konventionellen Bereich notwendig, und da wird es auch zu Kompromissen kommen m&#252;ssen. Aber solchen Auffassungen, die auch hier und da in unseren L&#228;ndern zu h&#246;ren sind, wonach man im Interesse der Weiterf&#252;hrung des Abr&#252;stungsprozesses diesen Forderungen des Westens nachgeben m&#252;sste, kann und darf man unseres Erachtens nicht zustimmen &#8230; Wir sind f&#252;r die Verwirklichung der Schlussakte von Helsinki in allen ihren Bestandteilen und f&#252;r den weiteren Ausbau und die Vertiefung der Zusammenarbeit in Menschenrechts- und humanit&#228;ren Pr&#228;gen, auf den Gebieten der Kontakte und Informationen. Wir sind aber dagegen, einen Zusammenhang zwischen weiteren Abr&#252;stungsschritten und der Annahme erpresserischer Forderungen zu akzeptieren. Wir sind gegen solche von den: NATO-Staaten angestrebten Regelungen, mit denen sie sich umfassende M&#246;glichkeiten f&#252;r die Einmischung in die inneren Angelegenheiten unserer Staaten und f&#252;r die Mobilisierung und Formierung innerer feindlicher oppositioneller Kr&#228;fte verschaffen wollen. Darum geht es aber diesen Kreisen. Sie wollen die sozialistischen Staaten zu einseitigen Zugest&#228;ndnissen dr&#228;ngen, die ihnen die M&#246;glichkeit einr&#228;umen, praktisch legal, v&#246;lkerrechtlich sanktioniert in die sozialistischen L&#228;nder hineinzuwirken, konterrevolution&#228;re Kr&#228;fte und Gruppierungen zu initiieren, zu unterst&#252;tzen und mit ihnen ungehindert zusammenzuwirken.«</p>
<p>Generalmajor Horst Felber, bis zuletzt Erster Sekret&#228;r der SED-Kreisleitung im MfS und in dieser Funktion f&#252;r die »ideologische St&#228;hlung der Tschekisten« zust&#228;ndig, verwies in einem Gespr&#228;ch nach der Wende darauf, dass Mielke einen regelrechten Feindkomplex hatte: »Seine st&#228;ndigen Worte waren: Wir haben bei uns im Lande viele Feinde, Jungs. Nicht nur alte, sondern auch neue. Nat&#252;rlich ist nicht jeder ein Feind, es gibt auch Schwankende und Verdummte, wir m&#252;ssen differenzieren.« Aus der Sicht Felbers hatte eine solche Differenzierung &#8211; so sie &#252;berhaupt stattfand &#8211; jedoch die genaue Kenntnis &#252;ber das Denken und Tun der Menschen zur Voraussetzung. »Der Minister hatte daf&#252;r den Begriff der ›Wer-ist-wer-Aufkl&#228;rung‹ gepr&#228;gt«, so der Ex-General. »Das bedeutete, nicht nur Feinde zu bearbeiten, sondern eigentlich jeden. Ihm ging es darum zu wissen, auf wen er sich100-prozentig verlassen kann. Das bedeutete Aufkl&#228;rung im gro&#223;en Stil auch gegen jene, die &#252;berhaupt nicht als Gegner aufgefallen waren. Er wollte aber wissen: Wer ist wer?« Felber stellte das damals in engen Zusammenhang zu der anderen von Mielke oft verwendeten Floskel, keine &#220;berraschungen zuzulassen: »Auch dies bedeutete, alles zu wissen. Deshalb wurden ja die Strukturen so ausgeweitet. Alle Bewegungen, Regungen sollten rechtzeitig erfasst werden.«</p>
<p>Unverkennbar kam in den &#196;u&#223;erungen des fr&#252;heren Generals das Bem&#252;hen zum Ausdruck, f&#252;r die verfehlte Sicherheitspolitik der SED eine oder wenige Personen verantwortlich zu machen. Tats&#228;chlich jedoch entsprach Mielkes Vorgehen voll und ganz der Grundkonzeption der SED. Egon Krenz, damals Sekret&#228;r des Zentralkomitees der SED und zust&#228;ndig f&#252;r Sicherheitsfragen, behauptete ebenfalls nach dem Herbst 1989, dass die Politik Gorbatschows zwar nach au&#223;en hin und in ihren gro&#223;en Z&#252;gen bef&#252;rwortet wurde, jedoch nicht in den daraus zu ziehenden Schlussfolgerungen. Um dies zu vertreten, so meinte er r&#252;ckblickend, musste ein anderes Bild von der inneren Lage gezeichnet werden, w&#246;rtlich: »Wer Gorbatschows Politik nicht mitmachen wollte, musste in seinem Land eine andere Lage haben als er. Wir erkl&#228;rten sein Vorgehen damit, dass er eine bestimmte Situation habe. Die h&#228;tten wir nicht, und deshalb m&#252;ssten wir anders handeln.«</p>
<p>Das ging schlie&#223;lich so weit, dass sowjetische Theaterst&#252;cke, Filme und zuletzt sogar die Zeitschrift »Sputnik«, die Beitr&#228;ge aus der sowjetischen Presse in deutscher Sprache verbreitete, verboten wurden. Diese Entscheidung der Parteif&#252;hrung l&#246;ste &#252;berall im Land heftige Proteste aus, aber diese wurden von den Parteileitungen mit allen Mitteln niedergehalten. Mit den Kritikern wurden scharfe Aussprachen gef&#252;hrt und nicht wenige aus der Partei ausgeschlossen, wobei die Begr&#252;ndung zumeist nicht die Kritik am »Sputnik«-Verbot lieferte, sondern &#196;u&#223;erungen, die in diesen Aussprachen provoziert und dann als parteifeindlich deklariert wurden. Daran beteiligte sich auch die Parteiorganisation des MfS, in deren Reihen es ebenfalls vereinzelte Kritiker des Anti-Gorbatschow-Kurses der SED-F&#252;hrung gab. Felber r&#228;umte ein: »Wir haben uns den Forderungen unseres Zentralkomitees letztlich angepasst.«</p>
<p>Auch Krenz konnte nicht leugnen, dass nicht nur einzelne Personen in der F&#252;hrung versagten, sondern »dass insgesamt vers&#228;umt wurde, die Ganzheitlichkeit der Welt zu sehen und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen. So hat ein ganzes System versagt.« Er bezog das ausdr&#252;cklich auf den Umgang mit den oppositionellen Gruppen und der Kirche: »H&#228;tten wir uns an Gorbatschow orientiert, w&#228;ren wir fr&#252;her in einen Dialog mit den Oppositionellen eingetreten, Und die Kirche hat uns doch die ganze Zeit geholfen. Ohne ihre m&#228;&#223;igende Rolle w&#228;ren die Leute schon viel fr&#252;her auf die Stra&#223;e gegangen.«</p>
<p>Ein anderes SED-Politb&#252;romitglied, G&#252;nter Schabowski, spitzte die Antwort noch zu: »Die Rolle der Opposition wurde von der Parteif&#252;hrung nie wirklich reflektiert. Das waren f&#252;r uns antisozialistische Kr&#228;fte &#8211; nichts weiter. Sie waren illegal, feindlich, und mit Illegalen wird nicht viel Federlesen gemacht. Dagegen wurden alle Machtmittel eingesetzt.« Und diese von der SED-F&#252;hrung vorgegebene Einstellung pr&#228;gte mehr oder weniger auch alle subalternen Funktion&#228;re, Der im Ministerium f&#252;r Staatssicherheit f&#252;r die Bearbeitung der Kirche zust&#228;ndige Oberst Jochen Wiegand sch&#228;tzte &#8211; allerdings ebenfalls erst im Nachhinein &#8211; ein, dass die Pfarrer &#252;ber die Sorgen und N&#246;te der Menschen viel besser Bescheid wussten als die Parteifunktion&#228;re, »Die suchten oft &#252;berhaupt nicht die N&#228;he des Volkes«, sagte er, »einer erkl&#228;rte mir einmal sogar: Mich interessieren nicht die, die nicht mit uns &#252;bereinstimmen, sondern nur die, welche mit uns gehen.«</p>
<p>Die ungeachtet partieller Kritik zumindest Ende 1988 noch bestehende relative Geschlossenheit der SED best&#228;tigte auch Werner Fischer, einer der damals aktivsten B&#252;rgerrechtler, in einem Interview f&#252;r die kircheninterne Publikation »Umweltbl&#228;tter« . Nach seiner <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/01/17/vor-zwanzig-jahren-karl-und-rosa-zwischen-den-fronten/" target="_blank">R&#252;ckkehr aus westlichem Exil </a>sah er keine Anzeichen von Liberalisierung: »Obwohl viele Funktion&#228;re durch die neue Politik Moskaus wach geworden sind und es schon ein erhebliches Potential nachdenklicher Leute im Apparat gibt &#8211; was Hoffnung macht -, wird an der alten Machtpolitik festgehalten.«</p>
<p>Durften also die &#252;berall sichtbaren negativen Erscheinungen in der DDR und vor allem die wachsende Unzufriedenheit des Volkes keine vom sozialistischen System selbst produzierten Ursachen haben, so mussten diese anderen, &#228;u&#223;eren Kr&#228;ften angelastet werden. Mielke gab auch dazu in allgemeiner Form eine Vorgabe, als er in seiner Rede vor den Leitern der MfS-Kreisdienststellen die Hauptinitiatoren der »politisch-ideologischen Diversion« benannte: »Diplomaten, darunter abgedeckt t&#228;tige Geheimdienstmitarbeiter, und akkreditierte st&#228;ndige sowie Reisekorrespondenten &#8230; aus dem Operationsgebiet (damit war die damalige Bundesrepublik gemeint &#8211; d. Verf.), einreisende hauptamtliche Geheimdienstmitarbeiter, Mitarbeiter sogenannter Ostforschungseinrichtungen, Polittouristen und andere.« Er rechnete dazu ausdr&#252;cklich die Politiker verschiedener Parteien und stellte fest, die subversive T&#228;tigkeit erfolge »nicht nur durch f&#252;hrende imperialistische Kreise und ihre Organe und Institutionen. Die Sozialdemokratie, die Gr&#252;nen bis hin zur Kirche sind ebenfalls bestrebt, die Umgestaltungsprozesse, die inneren Entwicklungsprobleme und Schwierigkeiten in einzelnen sozialistischen L&#228;ndern zu nutzen, um ihre antisozialistischen Pl&#228;ne und Absichten durchzusetzen.«</p>
<p>Diese allgemeine Orientierung ihres Ministers konkretisierten die einzelnen Stasi-Diensteinheiten dann entsprechend den jeweiligen Bedingungen, und nicht selten wurde dabei noch eins drauf gesetzt. F&#252;r die Bezirksverwaltung Berlin war somit Anfang 1989 bereits klar: »Ausgehend von unseren Erkenntnissen der vergangenen Jahre ist zu erwarten, dass von den imperialistischen Geheimdiensten, den Zentren der politisch-ideologischen Diversion, von rechts- und pseudolinken Gruppen und Einzelpersonen sowie anderen feindlich-negativen Organisationen Aktivit&#228;ten zur St&#246;rung der politischen H&#246;hepunkte im 40, Jahr des Bestehens unserer Republik unternommen werden.« Und als ersten Gegner machten die Berliner Tschekisten die Massenmedien der Bundesrepublik aus: »Die mittels der gegnerischen Punkmedien immer umfangreicher gef&#252;hrte politisch-ideologische Diversion ist in ihrer Gesamtheit darauf ausgerichtet, die Partei und die DDR zu verleumden und ihr internationaler Ansehen herab zuw&#252;rdigen, der Partei- und Staatsf&#252;hrung vor allem ›Dialogunf&#228;higkeit‹ zu unterstellen. In den Berichten und Kommentaren gegnerischer Funkmedien wird intensiver als je zuvor versucht, Unmut gegen die Innenpolitik der Partei und Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen Verh&#228;ltnissen in der DDR zu stimulieren. Die Partei sei nicht bereit, so die Hauptthese des Gegners, sich neuen gesellschaftlichen Erfordernissen zu stellen und f&#252;rchte einen umfassenden Dialog mit den Werkt&#228;tigen.«</p>
<p>&#196;hnlich vereinfacht wurden auch die anderen »gegnerischen Kr&#228;fte« betrachtet, zum Beispiel die zahlreichen Menschen der Bundesrepublik, die die damalige DDR besuchten. Die Berliner MfS-Bezirksverwaltung stellte fest, dass die Einreise von westlichen Jugendgruppen und Einzeltouristen vor allem diene,<br />
»- zur Verbreitung antikommunistischer Argumente, b&#252;rgerlicher Lebensvorstellungen und sogenannter alternativer Auffassungen unter unseren jungen Menschen,<br />
- zur Beschaffung von Informationen &#252;ber famili&#228;re und soziale Bedingungen, den Freizeit-, Ausbildungs- bzw. Arbeitsbereich der Jugend der Hauptstadt,<br />
- zur Entwicklung bzw. Festigung von Kontakten mit antisozialistischer Ausrichtung &#8230;«<br />
Inhaltlich m&#252;sste sich deshalb das Ministerium vorbereiten auf<br />
»- eine Zunahme von Diskussionsinhalten zur angeblichen Wiedervereinigung, zu Fragen der Nation, zur Bedeutung der Musik als nationales Kulturelement usw. ,<br />
- noch konkretere Kenntnisse bzw. Pseudokenntnisse der Jugendlichen &#252;ber das reale Leben im Sozialismus mit all seinen Problemen. Diese Kenntnisse k&#246;nnen den Einreisenden durchaus den direkten pers&#246;nlichen Zugang zu den Alltagsproblemen unserer Jugendlichen erleichtern, weil sie eine scheinbare Glaubw&#252;rdigkeit unterst&#252;tzen,<br />
- noch intensivere Auswertung und Erfassung geschlossener Kontakte durch feindliche Stellen, die F&#246;rderungsmittel bereitstellen.«</p>
<p>In analoger Weise enthielten s&#228;mtliche einschl&#228;gigen Befehle, Richtlinien usw. dieses Indoktrinationsmuster: Immer musste der Angriff von au&#223;en erfolgen. Die vorgeblich makellose innere Beschaffenheit der DDR konnte nur durch &#228;u&#223;ere Einfl&#252;sse zum Negativen ver&#228;ndert werden. Und genau das galt es abzuwehren. Solche Auffassungen wurden von der &#252;bergro&#223;en Mehrheit der MfS-Mitarbeiter ernst genommen. Ex-Generalmajor Felber sah das sehr simpel: »Die Mitarbeiter des Ministeriums wollten die DDR zum Guten hin ver&#228;ndern. Sie glaubten, dass die oppositionellen Gruppen die DDR zerst&#246;ren wollten. B&#228;rbel Bohley war f&#252;r uns nat&#252;rlich ein Feind, der die DDR liquidieren wollte. Einzelne Aussagen dieser Oppositionellen, die wir h&#228;tten akzeptieren k&#246;nnen, betrachteten wir als taktische Formulierungen, denen kein Glauben zu schenken sei.«</p>
<p>So konnte sich gegen jeden gesunden Menschenverstand die von Melke vorgegebene Linie durchsetzen. Das MfS stand zu seinem Dienstherrn, der SED, und es folgte &#8211; wenn vielleicht da und dort auch widerwillig &#8211; den Weisungen und Befehlen des Ministers Melke. Allerdings erkannten immer rnehr Mitarbeiter angesichts der Realit&#228;t des Jahres 1989 ihre Hilflosigkeit, das Sinnlose ihres Tuns. Doch sie konnten und wollten sich nicht aus den Fesseln l&#246;sen, in denen sie gefangen waren. Der stellvertretende Leiter der Bezirksverwaltung Berlin des MfS, Oberst Zeiseweis, schilderte sp&#228;ter, dass er schon 1988 au&#223;er w&#228;hrend Kur und Urlaub an jeden Sonnabend und jedem zweiten Sonntag Dienst gemacht hatte. »So ging es auch vielen anderen. Trotzdem hat kaum einer gemurrt, weil sie gesehen haben, dass es nicht anders geht. Wenn wir die Dinge nicht aufhalten, wussten sie, konnte nur der Kapitalismus herauskommen, und den wollte keiner.« Zwar h&#228;tten viele der offiziellen und inoffiziellen Mitarbeiter wachsende Zweifel an der Richtigkeit dessen gehabt, was sie taten. »Die Skrupel vieler Mitarbeiter in ihren Beziehungen zu den Leuten, die sie bearbeitet haben, nahmen zu«, sagte er. »Sie haben oft gef&#252;hlsm&#228;&#223;ig mit diesen Leuten gebangt. Sie hatten im Laufe der Zeit feste emotionale Bindungen zu ihnen ausgebildet und sahen zugleich die immer geringere Wirksamkeit unserer Ma&#223;nahmen, dass staatlicher Druck immer wirkungsloser wurde.</p>
<p>Auch Manfred Stolpe hatte von kirchlichen Vertretern, die Kontakte zur Staatssicherheit unterhielten, erfahren, dass es innerhalb des MfS Anzeichen von Missvergn&#252;gen und Kritik an der Haltung der eigenen F&#252;hrung gab. »Angesichts ihrer genauen Lagebeurteilung haben sie wohl die Aussichtslosigkeit ihres Handelns zunehmend erkannt«, kommentierte er das. Dennoch machten die MfS-Mitarbeiter in ihrer &#252;bergro&#223;en Mehrzahl weiter. Ex-General Felber versuchte, diese Entwicklung vor allem mit &#8211; zweifellos vorhandenen &#8211; pathologischen Z&#252;gen im Denken und Verhalten , Mielkes zu erkl&#228;ren: »Mielke wies an, dass tausend in Bereitschaft zu stehen hatten. Bei jeden gr&#246;&#223;eren Ereignis war eine ›Tiefensicherung‹ zu organisieren. Er hatte Freude daran, Menschen und Truppen zu bewegen. Er empfand Genugtuung, wenn er Macht aus&#252;ben konnte.«</p>
<p>Im Herbst 1988 versuchte die Stasi-F&#252;hrung noch einmal, den Apparat voll auf ihre verderbliche Linie auszurichten. Das gelang, was das Ministerium selbst anging. Das gelang auch im wesentlichen dem Parteiapparat hinsichtlich der SED und den Staatsorganen. Ein ganzes Volk konnte aber auf diese Weise nicht unter Kontrolle gebracht werden, und oppositionelle Gruppen mit ihrer Phantasie und Unberechenbarkeit f&#252;r den Staat schon gar nicht. Der schon genannte Zeiseweis definiert mit einem gewissen Respekt des Begriff »Politische Untergrundt&#228;tigkeit«, mit dem das oppositionelle Wirken bezeichnet wurde: »Dies war eine geschickte Verbindung von offiziellem T&#228;tigwerden und konspirativem Wirken. Je mehr eine Opposition durch den Staat bedr&#228;ngt wird, desto mehr ist sie dazu gezwungen, illegal zu arbeiten. Und das taten sie.«</p>
<p>Die B&#252;rgerrechtsgruppen, die Kirchen und andere Oppositionelle konnten ach dabei auf immer gr&#246;&#223;ere Zustimmung der Bev&#246;lkerung st&#252;tzen. In dem Ma&#223;e, wie staatliche Repression wuchs, die Sicherheitsorgane immer neue, immer abwegigere Argumentationen vorlegten, mit denen sie ihr zunehmend repressives Vorgehen begr&#252;ndeten, in dem Ma&#223;e entwickelte sich auch der Widerstand, der zun&#228;chst vor allem in einer Zuwendung zur Opposition zum Ausdruck kam. Das hatte sich bereits im <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/06/16/vor-zwanzig-jahren-null-bock-bei-der-kampfreserve/" target="_blank">Sommer 1988 </a>gezeigt, als die T&#228;tigkeit kirchlicher und anderer<br />
oppositioneller Gruppen allm&#228;hlich anwuchs. Beispielhaft daf&#252;r ist der Kalender »subversiver Aktivit&#228;ten« des Monats Juni 1988, wie ihn die Berliner MfS-Bezirksverwaltung dem ersten SED-Sekret&#228;r Schabowski und anderen hohen Parteifunktion&#228;ren mitteilte. Die Aufstellung enthielt unter anderem:<br />
&#8220;1. 6. Gemeindeveranstaltung in der Kirchgemeinde Alt-Pankow zum Thema &#8216;Coventry&#8217;<br />
2. 6. Treffen von &#220;bersiedlungssersuchenden (&#220;E) in der Berliner Stadtbibliothek (Nutzung einer Veranstaltung der ›Urania‹, Thema: ›Vertrauensbildung als Sicherheitsfaktor‹)<br />
3. 6. Zusammenkunft der IFM (Initiative f&#252;r Frieden und Menschenrechte &#8211; d. Verf.) mit MdB, Fraktion ›Die Gr&#252;nen‹, Dr. Wilhelm Knabe, in der UB (Umweltbibliothek &#8211; d. Verf.)<br />
4. 6. Diskussion &#252;ber Dokument ›Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit‹ in der UB<br />
5. 6. Gottesdienst mit &#220;E in der Sophiengemeinde<br />
7. 6. Er&#246;ffnung einer Ausstellung ›Malerei und Grafik &#8211; B&#228;rbel Bohley‹ in der UB<br />
9. 6. Vortrag und Diskussion zum Thema <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/09/22/vor-20-jahren-iwf-tagung-als-begrenzter-freiraum-der-ddr-opposition/" target="_blank">›Internationaler W&#228;hrungsfonds‹ </a>in der UB<br />
12. 6. Gottesdienst mit &#220;E in der Bekenntnisl&#228;rche / Beginn der Festwoche anl&#228;sslich des 275j&#228;hrigen Bestehens der Sophienkirche vom 12. bis 19.6. mit Gottesdiensten, Orgelkonzerten, Nachmittagen f&#252;r &#196;ltere, Bl&#228;sermusik, M&#228;rchenkom&#246;die, Sommerfest, Chorsingen, Filmen ›&#220;ber<br />
unseren Kietz‹<br />
13. 6. Veranstaltung des &#8216;Friedenskreises Friedrichsfelde zumThema ›Golfkrieg‹ in der Gemeinde Alt-Friedrichsfelde<br />
14. 6. Veranstaltung zur ›Geschichte und Gegenwart Rum&#228;niens‹ in der UB<br />
18. 6. Sommerfest des ›Friedenskreises Friedrichsfelde‹ mit Liedermachern, Theater und Basar der M&#246;glichkeiten in der Gemeinde Alt-Friedrichsfelde<br />
19. 6. Gottesdienst mit UE in der Gethsemanekirche<br />
21.6. Gedenkandacht zum Thema ›Frieden und Gerechtigkeit‹ in der Gethsemanekirche<br />
24.6. Gemeindefest der Kirchgemeinde Alt-Pankow im ›Supturgarten‹ in Berlin-Pankow (Superintendentur)<br />
26. 6. ›Friedenswerkstatt‹ in der Erl&#246;serkirche / Lesung mit Elke Erb in der UB / Gottesdienst mit &#220;E in der Sophienkirche<br />
28. 6. ›Die Narzissenk&#246;nigin‹ &#8211; ein Pl&#228;doyer f&#252;r Phantasie (.alternatives Theater) in der UB<br />
30. 6. Thema I &#252;ber ›SO 36‹ (Kreuzberg) unter dem Titel ›Ein Haus haben‹ in der UB‹.</p>
<p>Diese Veranstaltungen und ihre zunehmende Resonanz bei den B&#252;rgern waren die Voraussetzung daf&#252;r, dass sich die oppositionellen Kr&#228;fte im Herbst/Winter 1988/89 immer besser formieren, ihre Aktivit&#228;ten noch weiter r&#228;umlich und inhaltlich ausdehnen konnten und ihre Organisation verbesserten &#8211; wichtige Grundlagen f&#252;r die entscheidenden Ereignisse des Jahres 1989, die die bereits br&#246;ckelnde Wagenburg g&#228;nzlich zerst&#246;ren sollten.</p>
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		<title>Vor 20 Jahren &#8211; IWF-Tagung als begrenzter Freiraum der DDR-Opposition</title>
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		<pubDate>Mon, 22 Sep 2008 11:20:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Die oppositionelle Bewegung, die sich in der zweiten H&#228;lfte der 1980er Jahre in der DDR herausgebildet hatte, war trotz der Repressivma&#223;nahmen des Staates nicht mehr aufzuhalten. Sie konnte zum einen auf der wachsenden Unzufriedenheit in der Bev&#246;lkerung &#252;ber die Lage in der DDR aufbauen und dadurch immer mehr Sympathisanten gewinnen und f&#246;rderte diesen Trend durch oftmals kluge und phantasievolle Aktionen, die der Staatssicherheit das Vorgehen dagegen erschwerten. Ein Beispiel daf&#252;r war die IWF-Tagung, die vor zwanzig Jahren im damaligen Westberlin stattfand <span id="more-484"></span>und von der offiziellen DDR-Propaganda ebenso wie von den oppositionellen Gruppen kritisch begleitet wurde, was letztere dazu nutzten, legale Artikulationsm&#246;glichkeiten zu schaffen &#8211; nat&#252;rlich unter st&#228;ndiger argw&#246;hnischer &#220;berwachung.</p>
<p>Dar&#252;ber entstand etwa zwei Jahre sp&#228;ter, im Sommer 1990, nachfolgender Text, der die damaligen Ereignisse rekapituliert und in einen gr&#246;&#223;eren Zusammenhang zu stellen versucht. Zwar ist heute das Geschehen vor 20 Jahren gr&#252;ndlicher erforscht als damals, nur Monate danach; dennoch kann diese bislang unver&#246;ffentlichte Darstellung neben ihrem dokumentarischen Teil einiges zur seinerzeitigen Atmosph&#228;re am Ende einer Epoche aussagen.</p>
<p> </p>
<div><span style="font-size: medium;"><strong>IWF-Tagung als begrenzter Freiraum der DDR-Opposition</strong></span></div>
<div><span style="font-size: medium;"> </span></div>
<p><span style="font-size: medium;"> </p>
<p></span><img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/257b5e31c87c45149c81637a425a3937" width="1" height="1" alt=""></p>
<p>Der Aufschwung der oppositionellen Bewegung in der DDR in der zweiten H&#228;lfte des Jahres 1988, der sich sowohl bei den Vorg&#228;ngen um die <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/06/16/vor-zwanzig-jahren-null-bock-bei-der-kampfreserve/" target="_blank">Rockkonzerte</a> als auch beim Protest der Sch&#252;ler der <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/09/12/vor-20-jahren-ossietzky-schueler-als-antisozialistische-plattform-im-blauhemd/" target="_blank">Ossietzky-Schule </a>zeigte, war durchaus nicht zwangsl&#228;ufig. Es schien zun&#228;chst sogar so, als k&#246;nne die Opposition wichtige, f&#252;r sie positive Ereignisse nicht im erforderlichen und m&#246;glichen Ma&#223;e nutzen. Dies bezog sich vor allem auf die Wiedereinreise der nach der <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/01/17/vor-zwanzig-jahren-karl-und-rosa-zwischen-den-fronten/" target="_blank">Liebknecht/Luxemburg-Demonstration </a>im Janaur ins Ausland abgeschobenen B&#252;rgerrechtler B&#228;rbel Bohley und Werner Fischer im August 1988. Das MfS stellte dazu in einer &#220;berblicksdarstellung der »politischen Untergrundt&#228;tigkeit« in der DDR fest: »Im Zusammenhang mit der Einreise von Bohley und Fischer kam es zu keinen provokativen &#246;ffentlichkeitswirksamen Aktivit&#228;ten. Es fanden mehrere Treffen, besonders der Bohley, mit Mitgliedern der ›Initiative Frieden und Menschenrechte‹ statt. Bohley und Fischer zeigen aus taktischen Erw&#228;gungen ein zur&#252;ckhaltendes Verhalten. An ihrer Zielstellung der Ver&#228;nderung des Sozialismus, halten sie fest. St&#228;rker wollen sie sich Problemen der ›Reisefreiheit‹ widmen.«</p>
<p>Tats&#228;chlich hatte die Ausb&#252;rgerung f&#252;r beide wie auch die anderen Vertriebenen einen Schock bedeutet. B&#228;rbel Bohley schilderte das nach ihrer R&#252;ckkehr so: »Ich wollte nie weg, pl&#246;tzlich war ich weg, ich wollte stark sein, pl&#246;tzlich war ich schwach, ich wollte immer ein ganzer Mensch sein, pl&#246;tzlich war ich nur noch eine H&#252;lle, ich kannte keine Angst, pl&#246;tzlich war sie &#252;berm&#228;chtig.« Und auch die Zur&#252;ckgebliebenen mussten sich erst wieder finden &#8211; ungeachtet dessen, dass es auch in dieser Zeit einer gewissen Stagnation immer wieder Aktionen gab, Dazu Werner Fischer nach seiner R&#252;ckkehr aus England: »Ich bin ganz und gar nicht der Ansicht, dass die Friedensbewegung am Boden ist &#8211; dazu wird in ihr viel zu differenziert gearbeitet. Alle Informationen, die ich im Westen erhalten habe, deuteten nach der ersten gro&#223;en Entt&#228;uschung im Februar auf eine Konsolidierung der Gruppen in der DDR hin. Es gab und wird sie immer geben, diese Zeiten der L&#228;hmung und Orientierungslosigkeit. Wenn wir es noch schaffen k&#246;nnten, diese nichtigen und unproduktiven Streitereien, Dominanzstreben und unsachlichen Umgang miteinander auf ein Minimum zu reduzieren, dann habe ich f&#252;r die Zukunft keine Bange.«</p>
<p>Fischer glaubte auch an neue M&#246;glichkeiten, er hatte sogar den Eindruck einer verminderten Observierung. Nach einem kurzen Urlaub Ende August nach Berlin zur&#252;ckgekehrt, .emfand er, »f&#246;rmlich auf Watte zu laufen. &#220;berall Freundlichkeit, H&#246;flichkeit, auch bei den Beh&#246;rden«. Sp&#228;ter erfuhr er allerdings, dass Mielke nach der Wiedereinreise den Befehl zu l&#252;ckenloser Beobachtung rund um die Uhr gegeben hatte. Gegen&#252;ber seinem Haus mietete die Stasi drei konspirative Wohnungen an.</p>
<p>Die bei aller zeitweiligen Resignation und trotz Beschr&#228;nkung durch massiven Einsatz der Staatssicherheit dennoch vorhandenen M&#246;glichkeiten wurden von den Oppositionellen klug genutzt. Ein Beispiel daf&#252;r war die IWF-Aktionswoche. Vom 27. bis 29. September 1988 fand in Westberlin die Jahrestagung der Weltbank und des Internationalen W&#228;hrungsfonds statt, und B&#252;rgerrechtsgruppen in West und Ost wollten darauf mit Gegenveranstaltungen reagieren. Im Ostteil der Stadt war bereits f&#252;r den 22. September ein Pilgerweg zum Thema Gerechtigkeit vorgesehen, Solidarit&#228;tskonzerte f&#252;r die Dritte Welt, Seminare und Mahnwachen sollten folgen. F&#252;r die F&#252;hrung der damaligen DDR war es im Interesse der eigenen Glaubw&#252;rdigkeit schwer, dagegen vorzugehen. Immerhin wurden IWF und Weltbank auch offiziell kritisch betrachtet und als »imperialistische Herrschaftsinstrumente auf &#246;konomischem Gebiet« charakterisiert. Doch wenn oppositionelle Gruppen gegen sie auftraten, musste das im Verst&#228;ndnis der paranoiden F&#252;hrung auch gegen die DDR gerichtet sein. »Mit der Durchf&#252;hrung &#246;ffentlichkeitswirksamer Aktivit&#228;ten ist beabsichtigt, unter dem Deckmantel, die Politik und die Praktiken von Weltbank und IWF anzuprangern, die DDR zu diskreditieren«, gab das MfS das Bewertungsmuster vor.</p>
<p>Da sich jedoch ein allzu direktes Vorgehen in diesem Falle verbot, wurde flexibel gehandelt. Neben den &#252;blichen Ma&#223;nahmen der Druckaus&#252;bung traten »gesellschaftliche Kr&#228;fte« auf, die sich erstmals in solchem Umfang auf einen sachlichen Disput mit der Opposition einlie&#223;en. Das MfS hatte diesen Einsatz angeordnet: »Darstellen von Positionen von DDR-Wissenschaftlern zu den von den Organisatoren eingenommenen Haltungen und Schlussfolgerungen zu IWF und Weltbank u. a. durch Teilnahme der bereits namentlich fixierten Genossen von der HUB (Humboldt Universit&#228;t Berlin – d. Verf.) und Hf&#214; (Hochschule f&#252;r &#214;konomie – d-Verf.) an dem Seminar am 24./25.9.1988 in Friedrichsfelde.« Diese Wissenschaftler stellten dann in nicht wenigen Punkten &#220;bereinstimmung mit der verketzerten Opposition fest, und letztere erhielt Gelegenheit, ihre Auffassungen relativ offen darzustellen und zu diskutieren. Das MfS wertete das positiv: »Einsatz gesellschaftlicher Kr&#228;fte unter F&#252;hrung der SED-Bezirksleitung Berlin hat sich erneut bew&#228;hrt: speziell das offensive Auftreten von Experten (z. B. Beim ›IWF-Seminar‹) trug zur Versachlichung bei und dr&#228;ngte die angestrebten Ziele der feindlichen Personen in den Hintergrund.«</p>
<p>Auch die Opposition verbuchte die IWF-Aktionswoche als Erfolg, und schlussfolgernd kann man sie geradezu als Beleg daf&#252;r nennen, dass vieles in den Differenzen zwischen Staat und alternativer Opposition k&#252;nstlich war, nur darauf beruhte, dass SED und Staatsmacht neben sich keine Kraft dulden wollten &#8211; auch dann nicht, wenn diese mit ihnen inhaltlich weitgehend konform ging.Gerade dieser starrsinnige Alleinvertretungsanspruch aber war es, der der Opposition weiterhin Zulauf verschaffte. Alle Kr&#228;fte, die sich von der stalinistischen F&#252;hrung nicht mehr vertreten sahen, suchten nach anderen M&#246;glichkeiten der Artikulation &#8211; und das umso mehr, je unertr&#228;glicher die Verh&#228;ltnisse wurden.</p>
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		<title>Vor 20 Jahren &#8211; Ossietzky-Sch&#252;ler als »antisozialistische Plattform im Blauhemd«</title>
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		<pubDate>Fri, 12 Sep 2008 13:53:52 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>In diesen Tagen vor 20 Jahren gab es in der DDR immer mehr Anzeichen wachsenden Protestes gegen die bestehenden Verh&#228;ltnisse. Vor allem junge Leute wollten sich nicht mehr den Mund verbieten lassen und ihre Meinung zu inneren wie &#228;u&#223;eren Entwicklungen des Sozailismus sagen &#8211; mit dem Ziel, dadurch Debatten &#252;ber notwendigeVer&#228;nderungen anzuregen. Gro&#223;es Aufsehen erregten zum Beispiel Aktivit&#228;ten der Sch&#252;ler eines Berliner Gymnasiums, der Erweiterten Oberschule &#8220;Carl von Ossietsky&#8221;. <span id="more-469"></span>Sie diskutierten freim&#252;tig an einer Wandzeitung aktuelle Themen und starteten auch einige an und f&#252;r sich unspektakul&#228;re Aktionen, die jedoch f&#252;r die DDR an absolutes Novum darstellten und deshalb unverz&#252;glich staatliche Gegenma&#223;nahmen ausl&#246;sten, die f&#252;r die Sch&#252;ler mit Schulverweis oder anderen Strafma&#223;nahmen endeten, ohne aber den Jugendprotest damit beenden zu k&#246;nnen. Im Gegenteil, er weitete sich noch aus.</p>
<p>Dieses Ereignis ist Gegenstand eines Textes, der im Sommer 1990 entstand. Zwar ist heute das Geschehen vor 20 Jahren gr&#252;ndlicher erforscht als damals, nur Monate danach; dennoch kann diese bislang unver&#246;ffentlichte Darstellung neben ihrem dokumentarischen Teil einiges zur seinerzeitigen Atmosph&#228;re zu einer Zeit aussagen, die sich sp&#228;ter als das Ende einer Epoche erwies.</p>
<div><strong><span style="font-size: medium;">Ossietzky-Sch&#252;ler als »antisozialistische Plattform im Blauhemd«</span></strong></div>
<div>Die <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/06/16/vor-zwanzig-jahren-null-bock-bei-der-kampfreserve/" target="_blank">Jugendproteste des Jahres 1988 </a>offenbarten das wachsende Ablehnungspotential, das sich damals in der DDR bereits herausgebildet hatte. Ohne dass die B&#252;rgerrechtsgruppen an seiner Formierung direkt aktiv beteiligt waren, wuchs hier allm&#228;hlich die Massenbasis f&#252;r die sp&#228;teren gro&#223;en Aktionen heran. Indirekt haben die B&#252;rgerrechtler mit ihrem mutigen Auftreten dabei gewiss eine inspirierende Rolle gespielt. Das gilt noch mehr f&#252;r den Widerstand, der sich immer h&#228;ufiger an den Schulen zeigte und der weit &#252;ber das Artikulieren solch einfacher Bed&#252;rfnisse wie das H&#246;ren der geliebten Musik hinausging. Die &#196;u&#223;erungen kluger, Anspruch und Realit&#228;t des SED-Regimes vergleichender junger Leute waren ohne Zweifel durch die Ideen der B&#252;rgerrechtsbewegung beeinflusst. Dass diese jetzt aber immer &#246;fter und immer entschiedener vertreten wurden, bewies auch, dass sich eine Situation herausbildete, in der die oppositionellen Gruppen ihren Zulauf &#8211; beinahe ohne eigenes Zutun &#8211; verst&#228;rken konnten.</div>
<p>Deutlich zeigte sich das insbesondere an den Vorg&#228;ngen in der Pankower Erweiterten Oberschule »Carl von Ossietzky« im Herbst 1988. Dort hatten sich einige Sch&#252;ler entschlossen, zur Kundgebung am Gedenktag f&#252;r die Opfer des Faschismus, dem 11. September, auf dem Bebelplatz mit eigenen Losungen zu erscheinen. Sie lauteten zum Beispiel »Gegen faschistische Tendenzen« und »Neonazis raus«, womit vor Erscheinungen nazistischer Propaganda in der DDR, die in der &#214;ffentlichkeit verschwiegen wurden, gewarnt werden sollte. Diese Losungen wurden von den Ordnungskr&#228;ften moniert, nur kurzzeitig zugelassen und schlie&#223;lich aus der Kundgebung entfernt.</p>
<p>Doch die Sch&#252;ler &#8211; es handelte sich vor allem um Shenja-Paul Wiens, Philipp Lengsfeld, Benjamin Lindner, Kai Feller, Katja Ihle, Ulrike Laitko und Alexander Krohn &#8211; lie&#223;en sich nicht beirren. An ihrer Schule gab es seit l&#228;ngerem eine sogenannte Speaker&#8217;s Corner, eine Wandzeitung, an der sie ohne vorherige Zensur ihre Meinungen zu aktuellen Fragen anbringen und auch untereinander diskutieren konnten. Dort hing <a href="http://www.dynamoberlin2002.de/bfcfotos/wordpress/archives/811" target="_blank">am 12. September 1988</a> ein Beitrag zur aktuellen Entwicklung in Polen, der auch kritische Bemerkungen zur DDR-offiziellen Berichterstattung dar&#252;ber enthielt. Dies stie&#223; bei der Schulleitung und den Volksbildungsbeh&#246;rden des Stadtbezirks auf Ablehnung; die Meinungen wurden als »staatsfeindlich« disqualifiziert. Nur Tage sp&#228;ter aber &#228;u&#223;erten die Sch&#252;ler an der Wandzeitung ihre Meinung zur f&#252;r den Nationalfeiertag am 7. Oktober geplanten Milit&#228;rparade und diskutierten deren Sinn in einer Zeit, da Abr&#252;stung und Entspannung zu Zielen der internationalen Politik geworden waren. Diesen Artikel unterschrieben sogar 37 Sch&#252;ler und leiteten ihn als Eingabe weiter.</p>
<p>Das brachte offensichtlich das Fass zum &#220;berlaufen, und nun griff die Schulbeh&#246;rde massiv ein. Zugleich trat auch die Staatssicherheit auf den Plan und »enttarnte« in der Carl-von-Ossietzky-Oberschule eine »staatsfeindliche Plattform«. In ihrem Bericht hie&#223; es: »Bei den initiierten Vorkommnissen, wie z. B. w&#228;hrend der Gedenkkundgebung zur Ehrung der Opfer des Faschismus auf dem, Bebelplatz am 11. 9. 1988, handelt es sich nach unserer Kenntnis nicht um spontane Reaktionen, sondern um intensiv vorbereitete, langfristig angelegte Aktivit&#228;ten. Die Vorgehensweise wurde in der Gruppe diskutiert. Dabei orientierte man sich zielgerichtet auf ein provokatorisches, diskussionsausl&#246;sendes Handeln. Im Mittelpunkt der Gruppe stehen als Initiatoren die Sch&#252;ler Wiens, Lengsfeld und Feller. Alle drei Jugendlichen nehmen ideologisch auf Opposition gegen die DDR gerichtete Haltungen ein. Die Urspr&#252;nge dieser Position ist in der Wirkung der Erziehung durch die Eltern dieser drei Sch&#252;ler zu sehen, Bei der Mutter des Lengsfeld handelt es sich um die bekannte Exponentin des politischen Untergrundes Vera Wollenberger, die sich nach den <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/01/17/vor-zwanzig-jahren-karl-und-rosa-zwischen-den-fronten/" target="_blank">Ereignissen um den 17. 1. 1988 </a>zeitweilig im NSA (nichtsozialistisches Ausland &#8211; d. A.) aufh&#228;lt. Die Mutter des Feller (alleinstehend) nutzte eine Reise in dringenden Familienangelegenheiten im August 1988 zum ungesetzlichen Verlassen der DDR. Sie war Lehrerin an der 1. Hilfsschule Berlin-Mitte. Die Eltern des Wiens, Maja-Michaela und Andreas Wiens, sind beide freischaffende Schriftsteller. Sie unterhalten enge Kontakte zu f&#252;hrenden Exponenten des politischen Untergrundes, wie z. B. zu den bekannten Familien Wollenberger und Templin ,und beteiligten sich u.a. an den Ereignissen um die Umweltbibliothek im November/ Dezember 1987 und an den feindlichen Aktivit&#228;ten am 17. 1. 1988 in der Hauptstadt. Wiens, Andreas ist Wehrdienstverweigerer. Der Bezirksverwaltung f&#252;r Staatssicherheit Berlin liegen interne Einsch&#228;tzungen vor, wonach der Sch&#252;ler Wiens, obwohl er sich bei den Aktivit&#228;ten weitgehend im Hintergrund h&#228;lt, der geistige Initiator der Gruppe sein soll. Die Mutter des Wiens hatte konkrete Kenntnis von den Pl&#228;nen der Sch&#252;lergruppe und unterst&#252;tzte ihren Sohn direkt bei der Fertigstellung eines negativen Wandzeitungsartikels zur Situation in der VR Polen. Dar&#252;ber hinaus ist bekannt, dass 1975 gegen den Vater des Lindner, Otto-Wilhelm Lindner, ein Ermittlungsverfahren wegen Staatsverleumdung durchgef&#252;hrt wurde.« Und abschlie&#223;end wurde das bis dahin offensichtlich als zu lasch empfundene Vorgehen der Schulleitung kritisiert: »Nach unserer Kenntnis hat die Schulleitung der EOS die politische Tragweite, insbesondere des ersten Vorkommnisses, Wandzeitungsartikel zur Situation in der VR Polen, in dem u. a. f&#252;r die ›Solidarnosc‹ Partei ergriffen wurde, nicht erkannt. Es erfolgte keine offensive Auseinandersetzung mit diesem Vorkommnis. Eine Fallmeldung wurde nicht realisiert. In einer Beratung mit der Stadtbezirksschulr&#228;tin, Genossin Dr. Vo&#223;, mit dem Lehrerkollektiv wurde deutlich, dass seitens des Lehrerkollektivs Meinungen vertreten wurden, die einen klaren parteilichen Standpunkt zu einer Auseinandersetzung mit den Sch&#252;lern &#252;ber die Vorkommnisse nicht erkennen lie&#223;en.«</p>
<p>Diese Information l&#246;ste schlagartig drakonische Ma&#223;nahmen gegen die Sch&#252;ler aus. Sie wurden zu »Aussprachen«, die eher Verh&#246;ren &#228;hnelten, geladen, mussten »Stellung nehmen«, sollten »Selbstkritik &#252;ben« und vor allem ihre &#8211; im Westen vermuteten &#8211; Hinterm&#228;nner nennen. Auch Eltern mussten sich erkl&#228;ren, und ein gro&#223;er Teil der Sch&#252;ler nahm die Unterschrift unter die Eingabe zur&#252;ck. Eine kleine Gruppe, zu denen die oben genannten geh&#246;rten, blieb standhaft. Als Benjamin Lindner f&#252;r zwei Tage von der Schule beurlaubt wurde, solidarisierten sie sich mit ihm. Nun wurden in allen Klassen au&#223;erordentliche PDJ-Versammlungen angesetzt. Dar&#252;ber berichteten die »Umweltbl&#228;tter« am 16. Oktober 1988: »Zugegen waren jeweils etwa 50 % erwachsene ›G&#228;ste‹, unter anderem von der Kreisleitung der FDJ, von der Parteileitung des Patenbetriebes Bergmann-B&#246;rsig, ganz abgesehen vom Direktor und Parteisekret&#228;r der Schule. Die Vorw&#252;rfe waren grotesk. Man k&#246;nne, meinten die Erwachsenen, ›eher mit Skins und Grabsch&#228;ndern reden als mit solchen Personen‹. Die vergangenen Ereignisse seien der ›Versuch, eine antisozialistische Plattform im Blauhemd‹ zu schaffen.«</p>
<p>Im Ergebnis wurden schlie&#223;lich am 30. September vier Sch&#252;ler &#8211; Philipp Lengsfeld, Benjamin Lindner, Kai Feller und Katja Ihle &#8211; relegiert. Dazu mussten sich alle Sch&#252;ler in der Aula versammeln, und die vier wurden &#8211; in einer Art Schauproze&#223; &#8211; angeklagt und schlie&#223;lich zum sofortigen Verlassen der Schule aufgefordert. Die Vollstreckung des »Urteils« folgte auf dem Fu&#223;e: Die T&#252;ren der Aula wurden ge&#246;ffnet, und die »Deliquenten« mussten ziehen &#8211; vor den Augen aller ihrer Mitsch&#252;ler. Gegen Alexander Krohn und Shenja-Paul Wiens wurden strenge Verweise ausgesprochen; letzterer musste ebenso wie eine weitere Sch&#252;lerin die Schule wechseln. Vera Wollenberger, die diese Ereignisse nur aus der Ferne, aus ihrem unfreiwilligen Exil in Gro&#223;britannien beobachten konnte, sah in dem Ganzen &#8211; was ihren Sohn Philipp betraf &#8211; eine gezielte Aktion des MfS. Denn schon als dieser sich um einen Platz an der EOS bewarb, intervenierte die Staatssicherheit massiv und forderte vom Direktor der Polytechnischen Oberschule (POS) »Wilhelm Pieck« die R&#252;cknahme der Delegierung. Dies war aber aufgrund der Leistungen des Jungen schwer zu vertreten. Daher schloss Vera Wollenberger im nachhinein nicht aus, dass die »Speaker&#8217;s Corner« eine Falle war, um Material gegen missliebige Sch&#252;ler, nicht zuletzt gegen Philipp, zu sammeln,.</p>
<p>Die Rekonstruktion der Ereignisse, wie sie sp&#228;ter in einer Fernsehdokumentation und dem Buch »Urteil ohne Proze&#223;« von J&#246;rn Kalkbrenner erfolgte, l&#228;&#223;t klar die unheilige Allianz des damaligen Volksbildungsministeriums unter seiner Regentin Margot Honecker, mit der SED auf den verschiedenen Ebenen, der FDJ und der Stasi erkennen. Nachdem Margot Honecker &#252;ber die »Untaten« der Sch&#252;ler informiert worden war, ergriff sie sofort entschlossene Ma&#223;nahmen, um diese »antisozialistische Plattform im Blauhemd« zu zerschlagen. Sie st&#252;tzte sich dabei nicht nur auf die eigene Beh&#246;rde, sondern schaltete alle denkbaren Stellen ein, um den Erfolg ihres Vorgehens zu garantieren.</p>
<p>Dennoch erzielten ihre Aktivit&#228;ten eine gegenteilige Wirkung,. Die Eltern der Gema&#223;regelten, aber auch viele Freunde der Sch&#252;ler und dazu zahlreiche v&#246;llig Unbekannte nahmen die Strafma&#223;nahmen &#8211; anders als oft fr&#252;her &#8211; nicht widerspruchslos hin. Die Eltern schrieben Eingaben, deren Bearbeitung jedoch abgelehnt wurde, weil sie »verleumderisch und staatsfeindlich« seien. Sie wandten sich gleichzeitig in vielf&#228;ltiger Weise an die &#214;ffentlichkeit. Das MfS berichtete dar&#252;ber: »Immer deutlicher kristallisieren sich Maja-Michaela Wiens und ihr Ehemann (beide freischaffende Schriftsteller) als Initiatoren der gegen die staatlichen Ma&#223;nahmen &#8211; Relegierungen und Diszjplinarma&#223;nahmen &#8211; gerichteten Aktivit&#228;ten heraus. 1. Maja-Michaela Wiens trifft h&#228;ufig mit dem betroffenen Sch&#252;lerkreis zusammen. 2. versuchte sie, Teile der Kulturszene, wie Stefan Hermlin, Heiner M&#252;ller, Volker Braun, Jan Koplowitz, Stefan Heym, G&#252;nter de Bruyn, Christoph Hein, Christa Wolf, Vera und Klaus K&#252;chenmeister sowie J&#252;rgen Kuczynski und G&#252;nter G&#246;rlich, zu gewinnen, sich f&#252;r die Sch&#252;ler zu verwenden. 3. wandte sich ihr Ehemann mit Schreiben an die ›Weltb&#252;hne‹ und ›Elternhaus und Schule‹. 4. unterh&#228;lt sie Kontakt zur zeitweilig im westlichen Ausland aufh&#228;ltigen Vera Wollenberger, der Mutter des regierten Sch&#252;lers Philipp Lengsfeld. (Bei der Wollenberger handelt es sich um eine bekannte Exponentin des politischen Untergrundes, die im Zusammenhang mit den Januar- Ereignissen in Haft war.) 5. bem&#252;ht sie sich, solange die Relegierungen nicht durchgesetzt sind, die Westmedien herauszuhalten und 6. die Kirche in die Sache einzuschalten. Das Ehepaar Wiens selbst stand Kr&#228;ften des politischen Untergrundes nahe, wie z. B. dem Ehepaar Templin.«</p>
<p>Solche Bem&#252;hungen hatten &#8211; zumindest teilweise &#8211; Erfolg und l&#246;sten eine Solidarisierungswelle vor allem der Kirchen aus, die diese aber zun&#228;chst zu begrenzen suchten. Der Pfarrer der Zionsgemeinde, Hans Simon, erinnerte sich sp&#228;ter, dass eine seiner Konfirmandinnen ihn bat, sich f&#252;r ihre Freundin, die zum Kreis der Gema&#223;regelten geh&#246;rte, einzusetzen. Die oppositionellen Gruppen verlangten Protestandachten in der Zionskirche, aber der Gemeindekirchenrat z&#246;gerte. Auch Konsistorialpr&#228;sident Dr. Stolpe warnte vor spektakul&#228;ren Aktionen, die stille Bem&#252;hungen der Kirche h&#228;tten st&#246;ren k&#246;nnen. In einem Brief an die Gemeinden erkl&#228;rte er am 20. Oktober: »Die DDR-Staatsorgane lassen sich gegenw&#228;rtig bei ihren Entscheidungen offenbar sehr stark von der &#220;berlegung leiten, dass Anf&#228;ngen von Unruhe und Spontaneit&#228;t massiv gewehrt werden muss. Dementsprechend ist die Neigung unverkennbar, auf &#246;ffentliche Proteste negativ zu reagieren. Dagegen haben vertrauliche Bem&#252;hungen durchaus Aussicht auf Erfolg &#8230;« Er mahnte: »Wir gehen davon aus, dass die Ma&#223;nahmen gegen die EOS-Sch&#252;ler viel Ver&#228;rgerung ausgel&#246;st haben und die Neigung zu Protesten wachsen wird. Hierbei muss auch ber&#252;cksichtigt werden, wie die Eltern und die Betroffenen selbst denken, mit denen der Bischof und ich in Verbindung stehen.«</p>
<p>Diese zur&#252;ckhaltende Position war f&#252;r die Gruppen unbefriedigend. Sie verminderten ihren Druck auf die Kirche nicht. Und so wurde in der Zionskirche eine F&#252;rbittandacht mit Ibrahim B&#246;hme und Gerd Poppe vorbereitet. Die Kirchenleitung versuchte diese &#8211; wie auch &#228;hnliche Vorhaben in anderen Kirchen &#8211; zu unterbinden, aber &#8211; so Pfarrer Simon &#8211; nach einer Intervention bei Bischof Forck stimmte dieser schlie&#223;lich zu.</p>
<p>Am 28. Oktober begannen w&#246;chentliche Andachten und F&#252;rbittgottesdienste, die am 20. November mit einem Informations-Gottesdienst in der Lichtenberger Erl&#246;serkirche ihren H&#246;hepunkt fanden. Vor etwa 1000 Kirchenbesuchern riet hier zun&#228;chst Generalsuperintendent Krusche zu M&#228;&#223;igung. Das MfS, das &#252;ber diese Veranstaltung detailliert berichtete, stellte seine Ausf&#252;hrungen so dar: »Von den Gruppen angestrebte &#246;ffentliche Aktionen w&#252;rden die Situation der Sch&#252;ler nur negativ beeinflussen und die Weiterf&#252;hrung der Verhandlungen der Kirche erschweren. Krusche hoffe, dass durch Vernunft und M&#228;&#223;igung den Betroffenen Gerechtigkeit widerfahre.« Stolpe hingegen hatte sich zu diesem Zeitpunkt &#8211; auch beeinflusst durch die totale Unnachgiebigkeit staatlicher Stellen &#8211; zu einer kompromisslosen Haltung entschlossen, die er in der Erl&#246;serkirche offen zum Ausdruck brachte. Auch hier Ausz&#252;ge aus dem »Protokoll« der Staatssicherheit: »Stolpe &#228;u&#223;erte, dass er seit 25 Jahren Verhandlungen mit dem Staat f&#252;hre, jedoch in den letzten 10 Jahren keine so harte Haltung des Staates wie im Falle der EOS ›Carl von Ossietzky‹ erlebt habe. Den Sch&#252;lern sei bisher keine Gerechtigkeit widerfahren. Die Kirche soll und will nicht in die Politik eingreifen, wenn es aber um die Gerechtigkeit gehe, m&#252;sse sie politisch werden. Um positive Ergebnisse zu erreichen, m&#252;ssten sich die Gruppen f&#252;r alle Christen einsetzen. Da der Staat den Vorwurf der Au&#223;ensteuerung erhoben habe, sei es notwendig, von Gruppenaktivit&#228;ten Abstand zu nehmen. Statt dessen sollten zahlreiche Einzelaktivit&#228;ten durchgef&#252;hrt werden. Stolpe &#228;u&#223;erte weiter, dass der Staat eine Hinhaltetaktik verfolge und weitere Entscheidungen erst im Mai 1989 treffen wolle. Zu diesem Zeitpunkt h&#228;tten die relegierten Sch&#252;ler die M&#246;glichkeit, sich f&#252;r eine Wiederzulassung zum Abitur zu bewerben. Diese Aussage des Staates sei f&#252;r Stolpe nicht glaubw&#252;rdig und auch nicht akzeptabel. Auf das System der sozialistischen Volksbildung eingehend brachte Stolpe zum Ausdruck, dass nach Meinung der Kirche Reformen unumg&#228;nglich seien. Unter sozialistischen Verh&#228;ltnissen sei die Kirche aus der Schule verbannt und ihre jahrhundertealten Erfahrungen im Bildungswesen wurden durch den Staat ignoriert. Er forderte die Teilnehmer auf, die bestehenden Probleme weiterzutragen und andere Personen zur Meinungs&#228;u&#223;erung anzuregen.«</p>
<p>Bei diesem Gottesdienst wurde auch ein Aufruf verlesen, der die Entwicklung der Aff&#228;re um die EOS »Carl von Ossietzky« darstellte und zu einem DDR-weiten Aktionstag am 27. November aufrief. Auch in diesem Aufruf gingen dessen Verfasser &#8211; B&#252;rgerrechtler und andere Oppositionelle Kr&#228;fte &#8211; &#252;ber das konkrete Ereignis hinaus und forderten grundlegende Ver&#228;nderungen im Bildungswesen. Ihre Forderungen lauteten im einzelnen:</p>
<p>» &#8211; Um die Erziehung zu selbst&#228;ndig denkenden und handelnden Menschen zu gew&#228;hrleisten, die f&#228;hig und bereit sind, das Leben der Gemeinschaft zu gestalten, ist es notwendig, die Inhalte aller Bildungspl&#228;ne neu zu erarbeiten.<br />
Entsprechend dieser allgemeinen emanzipatorischen Anspr&#252;che sind die Lehr- und Erziehungsmethoden so zu gestalten, dass Initiativen und Kreativit&#228;t aller m&#246;glich werden.<br />
Die Demokratisierung der Erziehungs- und Bildungseinrichtungen ist zu gew&#228;hrleisten durch die W&#228;hlbarkeit von Direktoren und Lehrern, durch das Mitbestimmungsrecht von Sch&#252;ler- und Studentenr&#228;ten.<br />
Eine h&#246;here Qualifikation und Kompetenz der Lehrer ist notwendig.<br />
Die Reform des Bildungssystems muss sich von der Vorschulerziehung bis zur Hochschulausbildung erstrecken.«</p>
<p>Auch die Vorg&#228;nge um die EOS »Carl von Ossietzky« zeigten, dass Einzelaktionen angesichts der Lage im Land schnell zu grunds&#228;tzlichen Forderungen f&#252;hrten und eine gewisse Massenbasis erreichten. Das singul&#228;re Ereignis der Relegierung von vier Sch&#252;lern f&#252;hrte zu Fragestellungen, die die gesamte Bildungspolitik der damaligen DDR betrafen. Das war umso bemerkenswerter, als die SED damals bereits den IX. P&#228;dagogischen Kongress einberufen hatte, der vor dem 40. Jahrestag der DDR nat&#252;rlich eine positive Bilanz ziehen und den bisherigen Weg best&#228;tigen sollte. Gerade<br />
die Strafaktionen gegen unangepasste Sch&#252;ler f&#252;hrten aber dazu, die gesamte sozialistische P&#228;dagogik in Zweifel zu ziehen. Das MfS best&#228;tigte diese Tendenz mit seiner abschlie&#223;enden Wertung des Falles: »Die Vorkommnisse an der EOS ›Carl von Ossietzky‹ wurden seitens der Evangelischen Kirche und Kr&#228;ften der politischen Untergrundt&#228;tigkeit zum Anlass genommen, Fragen der Volksbildung massiv aufzugreifen. Bildungs- und Erziehungsfragen sollten langfristig thematisiert werden mit dem Ziel, auf Ver&#228;nderungen/Umgestaltungen innerhalb der sozialistischen Gesellschaft hinzuwirken.(Streng intern wurde bekannt, dass der ›Arbeitskreis Bildung und Erziehung‹ der Gethsemanekirche Aktivit&#228;ten gegen den IX, P&#228;dagogischen Kongress beabsichtigt, ohne jedoch bisher konkrete Pl&#228;ne zu haben. Im Gespr&#228;ch ist ein ›Gegenkongress‹ analog dem Vorgehen feindlicher Kr&#228;fte im Zusammenhang mit der ›IWF-Tagung‹ im September 1988 in Westberlin.)«</p>
<p>Tats&#228;chlich setzten sich die Aktivit&#228;ten der B&#252;rgerrechtler auch in den folgenden Monaten fort. Besonders engagiert trat die »Initiative Frieden und Menschenrechte« in Erscheinung. In Erkl&#228;rungen des Herbstes 1988 und dann wieder im M&#228;rz 1989 forderte sie gerade auf dem Bildungsgebiet grundlegende Ver&#228;nderungen. Sie sehe »als besonders wichtiges Aufgabenfeld eine grunds&#228;tzliche und seit langem &#252;berf&#228;llige Reform des Bildungs- und Erziehungswesens in der DDR. Den vielf&#228;ltigen und komplizierten Problemen der n&#228;chsten Jahrzehnte kann nur begegnet v/erden, wenn jede Generation als eine m&#252;ndige und sich selbst verantwortlich einer f&#252;r sie offenen Zukunft entgegengehen kann.«</p>
<p>Die staatliche Reaktion auf all diese Postulate blieb unnachgiebig und hart. Wie auf anderen Gebieten, so bereiteten sich SED und Staat bereits intensiv auf den 40. Jahrestag ihrer Republik vor, und da wurden solche legitimen Forderungen nur als st&#246;rend und sogar konterrevolution&#228;r empfunden. Die Signale, die daraus abzulesen gewesen w&#228;ren, wurden missachtet. Die falsche Politik gegen&#252;ber der Jugend wurde unbeirrt fortgesetzt. Honecker selbst sah noch auf dem 7. Plenum des Zentralkomitees der SED am 1. Dezember 1988 die Jugend dabei, das Banner der Errungenschaften des Sozialismus auf deutschem Boden &#252;ber die Schwelle des neuen Jahrtausends zu tragen und unter allen Bedingungen standhaft die Ideale des Sozialismus zu vertreten.« Welch eine grandiose Fehleinsch&#228;tzung!<img src="http://vg06.met.vgwort.de/na/06fe04ba23cc49ee8346128ff432566a" width="1" height="1" alt=""/></p>
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