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	<title>blogsgesang.de &#187; DDR</title>
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	<description>Blog zu Politik, Zeitgeschichte, Kultur und Welt-Anschauung von Peter Richter (pri) und Rudolf Hempel (rhe)</description>
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		<title>In der Bundesrepublik ist die &#220;berwachung Andersdenkender eine normale Sache</title>
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		<pubDate>Sat, 28 Jan 2012 16:10:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich hat schon recht. Die »k&#252;nstlich erzeugte Aufregung« um die – zumindest im Bundestag – schon bald fl&#228;chendeckende Ausforschung der Linkspartei ist eigentlich nicht zu verstehen. Geh&#246;rt doch seit jeher zum Waffenarsenal eines Staates – &#252;ber alle ideologischen Grenzen hinweg – die &#220;berwachung seiner Kritiker, denn seinen Vertretern geht es schlie&#223;lich darum, die ihnen dienlichen Verh&#228;ltnisse zu erhalten, den m&#252;hsam geschaffenen Herrschaftsstatus gegen alle Ver&#228;nderungsbem&#252;hungen abzusichern.</p>
<p>Um das zu begreifen, gen&#252;gt es v&#246;llig, einen Blick ins Verfassungsschutzgesetz von 1990 zu werfen<span id="more-3695"></span>, in dem als Aufgabe f&#252;r den bundesdeutschen Inlandsgeheimdienst keineswegs – wie mancher <a href="http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/verfassungsschutz-um-der-freiheit-willen-11626269.html" target="_blank"><img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/fa5a3ab5930444c4a8c2f153026bdc4f" alt="" width="1" height="1" />beflissene Propagandist des bestehenden Systems</a> glauben machen will – die Verteidigung von Freiheit und Demokratie formuliert ist, sondern aus gutem Grund die Aufkl&#228;rung von Bestrebungen, die <a href="http://www.gesetze-im-internet.de/bverfschg/BJNR029700990.html" target="_blank">»gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung, den Bestand oder die Sicherheit des Bundes oder eines Landes gerichtet sind«</a>. Es geht also um die Erhaltung einer bestimmten Ordnung, n&#228;mlich der gerade bestehenden, die vorgibt, Freiheit und Demokratie gepachtet zu haben, woraus sie f&#252;r sich einen Ewigkeitsanspruch ableitet. Diesen gesetzlich und im Falle eines Geheimdienstes letztlich auch repressiv durchzusetzen, ist das Ziel der Beh&#246;rde, die sich meliorativ Verfassungsschutz nennt.</p>
<p>Tats&#228;chlich geht es also nicht um die Verteidigung der Verfassung oder gar der Demokratie, sondern um Zementierung eines politischen Systems. Das wurde in der DDR besonders akribisch und kompromisslos betrieben, in westlichen Staaten fehlt es aus verschiedenen Gr&#252;nden oft an solchem Perfektionismus, doch in der Grundtendenz sind die Ziele die gleichen, und auch bei den Methoden zeigen sich – wie wir jetzt eindrucksvoll best&#228;tigt bekommen – zunehmende &#196;hnlichkeiten. Jedenfalls sind die Zeiten vorbei, da man sich &#252;ber Video&#252;berwachung oder Abh&#246;raktionen, die Aussp&#228;hung Andersdenkender und die Einschleusung von Spitzeln in der DDR im Bewusstsein eigener Unfehlbarkeit glaubte emp&#246;ren zu k&#246;nnen. Und angesichts der aktuellen Argumentation erweist sich die gern ins Feld gef&#252;hrte Unterscheidung zwischen Rechtsstaat und Diktatur schnell als Schim&#228;re; wenn es um Machtfragen geht, h&#246;rt bei jedem Machthaber der Spa&#223; auf.</p>
<p><a href=" http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1660466/" target="_blank">Innenminister Friedrich</a> hat das gerade jetzt mit dankenswerter Klarheit best&#228;tigt. Er r&#228;umte nicht nur ein, dass Volksvertreter der Linkspartei bereits seit mehr als 16 Jahren &#252;ber die Beobachtung ihres &#246;ffentlichen Tuns hinaus nachrichtendienstlich &#252;berwacht werden, jedenfalls in den Akten des Bundesamtes f&#252;r Verfassungsschutz solche &#220;berwachungsergebnisse, woher auch immer, enthalten sind. Er musste auch zugeben, dass ihnen in dieser langen Zeit eine konkrete T&#228;tigkeit gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung nicht nachgewiesen werden konnte, sondern dass sich seine Kritik fast ausschlie&#223;lich gegen die unerw&#252;nschte Gesinnung, die andere Meinung der Linken richtet: »&#8230; zum Beispiel, dass sich Teile der Linken nicht abgrenzen von linksextremistischer Gewalt, zum Beispiel, dass ihre Programmatik darauf gerichtet ist, einen marxistischen Staat zu errichten, zum Beispiel, dass sie die in Deutschland verbotene Guerilla-Organisation PKK in Teilen unterst&#252;tzen, &#8230; auch dass sie sich nicht distanzieren vom Unrechtsstaat der DDR, auch dass sie das kubanische Unrechtssystem offensichtlich ganz toll finden … Es gibt dort die Kommunistische Plattform, es gibt das Marxistische Forum, es gibt die Junge Linke, die ganz klar erkl&#228;ren, was sie von dieser parlamentarischen Demokratie halten, n&#228;mlich nichts, dass sie den Kampf au&#223;erhalb dieser Parlamente auf den Stra&#223;en f&#252;hren wollen, also es gibt da klare Erkl&#228;rungen.«</p>
<p>Den berechtigten Hinweis, dass es auch in anderen Parteien, einschlie&#223;lich von CDU und CSU, mitunter Meinungen und Aktivit&#228;ten gebe, die als Unterst&#252;tzung von Diktatoren gewertet werden k&#246;nnen, bezeichnete Friedrich als »l&#228;cherlich«, und dass sich die Linkspartei gegen eine solche Behandlung wehre, sieht er faktisch als zus&#228;tzliches Verdachtsmoment, »weil man offensichtlich einen g&#252;nstigen Moment glaubt, wo man sich als die Partei der Linken einer Beobachtung durch den Verfassungsschutz entziehen kann«.</p>
<p>Der Minister f&#252;hlt sich im Recht, und das ist er auch. L&#228;ngst hat sich in der Bundesrepublik unter t&#228;tiger Mithilfe aller Parteien, die sie regieren bzw. regierten, eine gesetzlich abgesicherte Ordnung entwickelt, in der die &#220;berwachung Andersdenkender zur normalen Sache geworden ist.</p>
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		<title>Der gew&#246;hnliche Rechtsterrorismus und seine Opfer – zum Beispiel Ravindra Gujjula</title>
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		<pubDate>Tue, 29 Nov 2011 17:36:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) Der Rechtsterrorismus sei ein neues Ph&#228;nomen, sagt Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und beweist damit nur, dass er noch immer auf dem rechten Auge blind ist. Denn Rechtsterrorismus gibt es in Deutschland seit mindestens 20 Jahren; das belegt schon die hohe Zahl seiner Opfer, die sich nach seri&#246;sen Erhebungen der Zahl 200 n&#228;hert. Es dokumentieren aber auch die fast w&#246;chentlichen martialischen Aufm&#228;rsche rechtsextremistischer Organisationen, Verb&#228;nde, »Kameradschaften« und einer legalen Neonazi-Partei<span id="more-3435"></span>, die ihre Existenz haupts&#228;chlich dem Zufluss staatlicher Mittel verdankt. Es beweisen die so genannten national befreiten Zonen in vielen Landesteilen und der Psychoterror gegen jene, die sich dem braunen Spuk mutig entgegenstellen.</p>
<p>All diese Vorg&#228;nge, die zwar (noch?) nicht im Umfang, wohl aber in der Art be&#228;ngstigend an vergleichbare Entwicklungen in den fr&#252;hen 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts in Deutschland erinnern, waren und sind allgemein bekannt. Es wurde dar&#252;ber gesprochen und geschrieben – und zugleich verharmlost und bagatellisiert. Die Opfer fanden nur selten Geh&#246;r – nicht bei der Politik, kaum in den Medien, auch nicht bei der Justiz und schon gar nicht in der Polizei und in Geheimdiensten. Dabei haben gerade sie klare und relevante Signale ausgesandt, die jedoch in aller Regel ignoriert wurden. An einige dieser Opfer, die die &#214;ffentlichkeit trotz aller Gefahren nicht scheuten, und jene wenigen, die sich solidarisch an ihre Seite stellten und sich damit Anfeindungen aussetzten, soll noch einmal erinnert werden.</p>
<p>Ravindra Gujjula ein Opfer rechter Gewalt zu nennen, mag befremden; schlie&#223;lich war er von 1994 bis 2003 B&#252;rgermeister des Brandeburger St&#228;dtchens Altlandsberg und sp&#228;ter zwei Jahre lang Abgeordneter im dortigen Landtag. Doch vor Ausgrenzung und rassistischen Angriffen sch&#252;tzte auch das nicht.</p>
<h4>Ravindra Gujjula wurde in Indien geboren und im brandenburgischen Altlandsberg B&#252;rgermeister &#8211; und wei&#223; gerade deshalb, da&#223; Ausl&#228;nder in Deutschland noch lange nicht dazu geh&#246;ren</h4>
<p><img src="http://vg06.met.vgwort.de/na/7c6f2144e7a149b192eb63ed77fbd812" alt="" width="1" height="1" /></p>
<h2></h2>
<h2>Der Pa&#223;, das Amt &#8211; und doch kein Morgenland</h2>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/11/29/der-gewohnliche-rechtsterrorismus-und-seine-opfer-zum-beispiel-ravindra-gujjula/gujjulaklein/" rel="attachment wp-att-3440"><img class="alignright size-medium wp-image-3440" title="Gujjula,klein" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/11/Gujjulaklein-300x228.jpg" alt="" width="300" height="228" /></a>Altlandsberg ist eine kleine Weltsen­sation. Aus 25 L&#228;ndern waren be­reits Journalisten und Kamera­teams in dem Flecken nord&#246;stlich Berlins, berichtet der B&#252;rgermeister. Sie kamen aus Frankreich und Italien, aus Indien und der T&#252;rkei, sogar aus El Salvador und Hongkong, auch BBC aus England und CNN aus den USA. Stolz ist Ravindra Gujjula auf solch internationale Anteilnahme an seiner brandenburgischen Kleinstadt, und er hat ein Recht dazu. Denn Altlands­berg verdankt seine Ber&#252;hmtheit vor al­lem ihm.<br />
Der Sohn eines indischen Gewerk­schaftsfunktion&#228;rs ist dort seit 1994 B&#252;r­germeister &#8211; in einer Kleinstadt ausge­rechnet jenes Bundeslandes, das fast Wo­che f&#252;r Woche Schlagzeilen damit macht, da&#223; irgendwo Ausl&#228;nder gejagt wurden, Skinheads Fremde zusammenschlugen, rechte Gewalt eskalierte. Gerade dort wird ein Dunkelh&#228;utiger und Akzentsprechen­der zum Stadtoberhaupt. Selbst die »New York Times« wundert sich: »Deutschland hat viele Gesichter.«<br />
Gujjula k&#246;nnte erg&#228;nzen: Wie Altlands­berg! Denn nat&#252;rlich prangten auch hier schon Hakenkreuze auf der mittelalterli­chen Stadtmauer. »Glatzen« tauchen hin und wieder im kleinst&#228;dtischen Bild auf, am »F&#252;hrergeburtstag« sammeln sie sich zu einer Fete und bedrohen jene, die ih­rem Bild vom »guten Deutschen« nicht entsprechen. Und erst vor einigen Wochen erhielt eine Gruppe Roma in ihrer Wohn­wagensiedlung auf einer Wiese vor den Toren Altlandsbergs unerw&#252;nschten Be­such. Eine Kolonne Autos und Motorr&#228;der brauste durchs Lager, umkreiste die 40 Wagen, einige wollen »Ausl&#228;nder raus!« geh&#246;rt haben. Da titelte die regionale Presse: »Roma versp&#252;ren tagt&#228;glich Aus­grenzung« &#8211; eine ungewohnte Schlagzeile f&#252;r Gujjula und sein Altlandsberg.<br />
In solchen Momenten f&#252;hlt sich der kleine B&#252;rgermeister mit dem Schnauz­bart etwas hilflos. »Wir leben hier nicht auf einer Insel der Seligen«, sagt er dann fast ein wenig schuldbewu&#223;t. Und er be­richtet von anonymen Anrufen, b&#246;sen Briefen, die er an bestimmten symboli­schen Tagen oder nach einem Fernseh­auftritt &#8211; neben viel Zuspruch &#8211; erh&#228;lt. Einmal trat ihm auch einer in den Weg: »Du hast &#252;ber Deutschland Schande ge­bracht!« Zwar glaubt er nicht, da&#223; es Altlandsberger sind, die ihn da beschimpfen, denn 1994 w&#228;hlten ihn immerhin 66 Pro­zent und vier Jahre sp&#228;ter gar 81 Prozent ins B&#252;rgermeisteramt, aber er wei&#223; auch, da&#223; bei der Bundestagswahl vorigen Herbst rechte Parteien im Ort zusammen auf &#252;ber f&#252;nf Prozent kamen und j&#252;ngst bei der Europawahl die Republikaner 2,2 und die NPD 1,2 Prozent erreichten.</p>
<p style="text-align: center;">*</p>
<p>Rene Koht, erster Altlandsberger B&#252;rger­meister nach der Wende, jetzt CDU-Frak­tionsvorsitzender in der Stadtverordne­tenversammlung und zweimal klar un­terlegener Konkurrent Gujjulas bei der B&#252;rgermeisterwahl, orakelt gar: »Hof­fentlich gibt es nicht eines Tages ein b&#246;ses Erwachen, wie in Guben.« Denn viele ou­teten sich nicht als Rechte, allenfalls nach einem tiefen Blick ins Bierglas. Immerhin h&#228;tten bei ihm einige Leute, »die ich mir &#252;berhaupt nicht als Sympathisanten der CDU vorstellen konnte«, angerufen, um bei der Kampagne gegen eine doppelte Staatsb&#252;rgerschaft zu unterschreiben. »&#214;ffentlich praktiziert« habe die CDU die Unterschriftensammlung in Altlandsberg nicht, denn: »Man nimmt R&#252;cksicht auf den B&#252;rgermeister.« Es klingt besorgt, wenn Koht Verdr&#228;ngung beklagt: »Die Deutschen haben ein Problem mit ihrer Geschichte.« Und zur Erkl&#228;rung von der »Bubis-Keule« spricht, deretwegen be­stimmte Dinge nicht offen angesprochen werden. Es schwingt aber auch Bedauern mit, denn letztlich profitiere Gujjula da­von; »mit einem Deutschen« w&#252;rde man sich zum Beispiel im Wahlkampf sch&#228;rfer auseinandersetzen.</p>
<p>Deutscher ist Gujjula seit 1993, in Alt­landsberg lebt er jedoch schon seit 1982. Der heute 45j&#228;hrige kam 1973 in die DDR, um Medizin zu studieren. Nach seiner Ausbildung an der Charite arbeitete er in der Inneren Abteilung des Kreiskranken­hauses in Altlandsberg, wurde Facharzt. Er schrieb an den damaligen DDR-Ge­sundheitsminister, um ihn &#252;ber &#252;ber un­haltbare Zust&#228;nde in der Klinik zu infor­mieren. Mecklinger kam tats&#228;chlich, doch es &#228;nderte sich nichts. Dann wollte der junge Arzt auf der Liste des FDGB bei den Kommunalwahlen 1989 kandidieren, aber da es au&#223;er ihm in Altlandsberg keine Ausl&#228;nder gab, hielt der Kreiswahl­leiter das f&#252;r verfehlt. Jetzt schrieb Gujjula an Honecker und Krenz &#8211; und wurde kurz darauf entlassen. Erst in den letzten Tagen der DDR, als die Fluchtwelle gen Westen die &#196;rzteschaft stark dezimiert hatte, wurde er wieder eingestellt.</p>
<p>All das trug zur Glaubw&#252;rdigkeit des B&#252;rgers Dr. Gujjula im kleinen Altlands­berg bei, der sich hier nach der Wende als frei praktizierender Arzt niederlie&#223;. Ihm half wohl auch, da&#223; er trotz seiner Erfah­rungen vor 1989 nicht in eine Opfer-Atti­t&#252;de verfiel. »Die Erinnerung an die DDR m&#246;chte ich nicht missen«, sagt er noch heute. Was er damals gut fand, mache er nicht nachtr&#228;glich schlecht. Und damalige Fremdenfeindlichkeit? Er blickt ver­st&#228;ndnislos: »Die gab es mit Sicherheit nicht!« Noch 1990, bei der Wiederholung der annulierten Kommunalwahlen des Vorjahres, profitierte er vom DDR-Recht und wurde als Ausl&#228;nder ganz selbstver­st&#228;ndlich ins Altlandsberger Stadtparla­ment gew&#228;hlt. Vier Jahre sp&#228;ter lie&#223; es das inzwischen aus dem Westen &#252;ber­kommene Wahlrecht nicht mehr zu, dass er f&#252;r das B&#252;rgermeisteramt kandidierte. Er mu&#223;te die indische Staatsb&#252;rgerschaft ablegen, um die deutsche zu bekommen -einer der Gr&#252;nde, warum er sich so sehr f&#252;r ein neues Staatsb&#252;rgerschaftsrecht engagiert.</p>
<p>Im Fr&#252;hjahr 1998, also lange bevor es parlamentarische Mehrheiten f&#252;r neue gesetzliche Regelungen dazu gab, setzte er sich mit einigen Gleichgesinnten zusam­men und gr&#252;ndete die »Altlandsberger Initiative«, die f&#252;r die Erleichterung der Einb&#252;rgerung von Ausl&#228;ndern warb und zugleich die B&#252;rger Brandenburgs zu mehr Engagement gegen Fremdenhass und Gewalt aufforderte. Viele Prominente unterzeichneten damals das Papier: Mini­sterpr&#228;sident Manfred Stolpe, die Minister Hildebrandt, Reiche, Peter, auch Bisky und Kutzmutz von der PDS. Nun gibt es ein neues Gesetz, aber Gujjula ist nicht zufrieden. »Es ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung, aber nicht ausrei­chend«, sagt er und bedauert, da&#223; die SPD, der er 1998 beitrat, nicht mehr getan hat, um die B&#252;rger f&#252;r das Projekt zu ge­winnen. »Solange man nicht die Mehrheit der B&#252;rger hat, erreicht man nichts.«</p>
<p style="text-align: center;">*</p>
<p>Also muss er diese Mehrheit immer wieder gewinnen, auch in Altlandsberg mit sei­nen viereinhalbtausend Einwohnern. Die h&#228;tten gern einen privaten Wachdienst zu ihrer Sicherheit, doch Gujjula hat lieber den Bau einer gro&#223;en Mehrzweckhalle durchgesetzt; sie soll den zahlreichen Sportgruppen eine Trainingsm&#246;glichkeit bieten. Manche sagen, damit seien die j&#228;hrlich sechsstelligen Unterhaltungsko­sten nicht hereinzuholen. Zwar mu&#223; auch Rene Koth einr&#228;umen, da&#223; der B&#252;rger­meister das Geld f&#252;r den Bau zusammen­gebracht hat, aber: »Solch ein Projekt ist keine Pflichtaufgabe der Gemeinde. Es gibt kein Betriebskonzept. Keiner wei&#223;, wie es k&#252;nftig zu bezahlen ist.« Der Grafi­ker Johannes Niedlich, als Einzelkandidat in das Stadtparlament gew&#228;hlt, spricht gar von »Populismus«, nachdem er sich zuvor noch &#252;ber herumlungernde Ju­gendliche im Ort beklagt hatte. Gerade die aber k&#228;men von der Stra&#223;e, verteidigt Helmut Friske den Bau. Der pensonierte Pfarrer sieht darin eine Investition f&#252;r die Jugend: »Sie wird besch&#228;ftigt, kommt im Sport, beim Tanzen mit Ausl&#228;ndern zu­sammen.« Er leugnet die finanzielle Bela­stung nicht, doch sei sie durch die Vorteile gerechtfertigt.</p>
<p>Wenn es um solche kommunalen Ange­legenheiten geht, m&#246;chte Ravindra Guj­jula ein ganz normaler B&#252;rgermeister sein, der »nur ein bi&#223;chen anders aus­sieht«. Inzwischen wei&#223; er, da&#223; er es doch nicht kann &#8211; und letztlich auch nicht will. Im Winter fuhr er ins s&#228;chsische Zittau, mit einem Kamerateam, dem er als Demonstrationsobjekt diente. Mit einer schwarzen Pudelm&#252;tze auf dem Kopf trat er an ein Taxi heran &#8211; und h&#246;rte ein hartes Nein-. »Ich fahre Sie nicht.« Es half keine Diskussion, kein Hinweis auf seinen deut­schen Pa&#223;, da&#223; er Arzt sei, nichts. Die Ta­xifahrer schilderten unverbl&#252;mt ihre Er­fahrungen mit Bundesgrenzschutz, Poli­zei, Gerichten, die sie sofort der Kompli­zenschaft mit illegal Eingereisten bezich­tigen, wenn sie jemanden bef&#246;rdern, der »ein bi&#223;chen anders aussieht«.</p>
<p>F&#252;r den promovierten Arzt war es eine schlimme Erfahrung, mitten in Deutsch­land ein Nichts zu sein, nur seiner dunklen Hautfarbe und seiner akzentuierten Spra­che wegen. Ob beim stellvertretenden Landrat, am Polizeiwagen, vor BGS-Be­amten &#8211; nirgends wurde er akzeptiert, ernst genommen, allenfalls f&#246;rmlich be­handelt, mitunter gar verh&#246;hnt und zwi­schendurch auch schon mal unvermittelt geduzt. Unangenehm sei kein Ausdruck daf&#252;r, sagte er, es war viel schlimmer. Dr. Gujjula sch&#228;mte sich &#8211; f&#252;r Deutsche, die ja nun seine Landsleute sind.</p>
<p>Solche Aktionen finden in Altlandsberg ein geteiltes Echo, auch wenn keiner offen Kritik &#252;bt. Allenfalls:  Er hat sich l&#228;cherlich gemacht. Zumeist: Er ist zuviel unterwegs, k&#252;mmert sich nicht genug um die Stadt. Die Leute beschreiben ihn zwar als dr&#228;n­genden, oft ungeduldigen, viel selbst auf den Weg bringenden Mann. Er hat auch einiges zustande gebracht, das ist in Ord­nung. Doch was hat Altlandsberg von sei­nem Einsatz f&#252;r Ausl&#228;nder? »Wenn man als Dorfb&#252;rgermeister die M&#246;glichkeit hat, ins amerikanische Fernsehen zu kom­men, dann mu&#223; auch etwas f&#252;r den Ort herausspringen«, klagt Koht. Kein Inve­stor habe sich gemeldet.</p>
<p>In der Stadt m&#252;ssten Ausl&#228;nder nichts bef&#252;rchten. Den beiden Vietnamesen mit ihrer Imbi&#223;bude auf dem Markt standen die Altlandsberger sogar mit einer Unter­schriftensammlung bei, als sie ausge­rechnet der B&#252;rgermeister der &#196;sthetik wegen in eine Seitengasse verbannen wollte. Hier sei es schlie&#223;lich nicht wie in Kreuzberg, sagt Lothar Struwe, Stadtver­ordneter der W&#228;hlergemeinschaft »B&#252;r­ger f&#252;r Altlandsberg« befriedigt. »Die Ausl&#228;nder f&#252;gen sich ein, sie akzeptieren, was in der Stadt passiert. Wenn ich andere in Ruhe lasse, l&#228;&#223;t man auch mich in Ruhe.« Das PDS-Mitglied steht zu Gujjula: »Er ist schon so lange hier, da wird er gar nicht mehr zur Kategorie Ausl&#228;nder ge­z&#228;hlt.«</p>
<p style="text-align: center;">*</p>
<p>Was dem einen zuviel ist, kann f&#252;r den an­deren nie genug sein. F&#252;r die Branden­burger SPD ist Gujjulas Engagement f&#252;r Toleranz und Verst&#228;ndnis geradezu ein Geschenk des Himmels. Ihr junges Mit­glied spricht auf Foren, bereichert wis­senschaftliche Kongresse mit seiner An­wesenheit und konnte gar als SPD-Wahlmann &#252;ber die Person des neuen Bundes­pr&#228;sidenten mitbestimmen. Immer, wenn die harten Tatsachen zu allzu ung&#252;nstigen Schlagzeilen f&#252;r das Land f&#252;hren, erinnert man sich in Potsdam an den Altlandsberger B&#252;rgermeister. Dann zeigt man auf ihn und seine Karriere und kann sagen: Es gibt nicht nur das b&#246;se Brandenburg, sondern auch noch ein anderes.</p>
<p>Er l&#228;&#223;t es geschehen, wenn er damit et­was bewirken kann, l&#228;&#223;t sich benutzen, um selber benutzen zu k&#246;nnen. Allerdings nicht um jeden Preis. So trat er zur letzten Wahl nicht als SPD-Mitglied, sondern als Einzelkandidat an, und k&#252;rzlich, als die Sozialdemokraten ihre Landtagskandi­daten aufstellten, war er mit dem ihm vom Landesvorstand zugewiesenen aus­sichtslosen Listenplatz unzufrieden. Er forderte einen sicheren Kandidaten her­aus, ausgerechnet den Landesgesch&#228;fts­f&#252;hrer Klaus Ness. Das brachte die Zen­trale ins Dilemma. Nat&#252;rlich sollte der Funktion&#228;r gewinnen, aber doch das »Symbol« nicht verlieren. Gujjula wider­stand all jenen Beredsamen, die ihn von seinem Entschluss abbringen wollten. »Ich habe keinen Respekt vor jemand, der ihn nicht verdient«, begr&#252;ndete er seine Ent­scheidung &#8211; und stand am Ende nicht al­lein. 58 der 150 Delegierten sahen es &#228;hn­lich wie er; nur knapp kam Ness &#252;ber die H&#252;rde. »Nat&#252;rlich h&#228;tte ich gern gewon­nen, aber auch so konnte ich mit erhobe­nem Haupt aufstehen.«</p>
<p>Als der Student Ravindra Gujjula einst in die DDR kam, war das aus indischer Sicht ein Abendland, wenngleich mit der Verhei&#223;ung der Morgenr&#246;te. Sie erf&#252;llte sich nicht, und was blieb, ist harte Arbeit f&#252;r ein vern&#252;nftiges Zusammenleben. Dr. med. Gujjula wei&#223; inzwischen, wie weit der Weg noch ist. Zwar verdr&#228;ngt er gele­gentliche Angst um die eigene Person, aber wenn seine Tochter Prya (Liebe) und der Sohn Rico (Friedensf&#252;rst) zur Disco gehen, d&#252;rfen sie nicht allein nach Hause fahren. Dann holt sie der Vater mit dem Auto ab. Wie lange noch mag er Liebe und Frieden nicht trauen?</p>
<address>(Ver&#246;ffentlicht in »Neues Deutschland« vom 17.07.1999)</address>
<p>&nbsp;</p>
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]]></content:encoded>
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		<title>Bundestrojaner, das IM-System des Internetzeitalters</title>
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		<pubDate>Thu, 13 Oct 2011 19:17:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[(pri) Als das Bundesverfassungsgericht vor gut dreieinhalb Jahren den Sicherheitsbeh&#246;rden die Online-Durchsuchung gestattete, sie aber durch allerlei Auflagen zur seltenen Ausnahme zu machen versuchte, war bereits klar dass damit dem Zugriff auf die Computer aller B&#252;rger T&#252;r und Tor ge&#246;ffnet wurde. &#220;brigens auch dem Gericht selbst, das warnend den Zeigefinger hob: »Wird ein komplexes informationstechnisches [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) Als das Bundesverfassungsgericht vor gut dreieinhalb Jahren den Sicherheitsbeh&#246;rden die Online-Durchsuchung gestattete, sie aber durch allerlei Auflagen zur seltenen Ausnahme zu machen versuchte, war bereits klar dass damit dem Zugriff auf die Computer aller B&#252;rger T&#252;r und Tor ge&#246;ffnet wurde. <span id="more-3320"></span>&#220;brigens auch dem <a href="http://www.bundesverfassungsgericht.de/entscheidungen/rs20080227_1bvr037007.html" target="_blank"><img src="http://vg08.met.vgwort.de/na/3d0a65f64a4849779c6fcfb0f650c4f7" alt="" width="1" height="1" />Gericht selbst, das warnend den Zeigefinger hob</a>: »Wird ein komplexes informationstechnisches System zum Zweck der Telekommunikations&#252;berwachung technisch infiltriert (,Quellen-Telekommunikations&#252;berwachung‘), so ist mit der Infiltration die entscheidende H&#252;rde genommen, um das System insgesamt auszusp&#228;hen. Die dadurch bedingte Gef&#228;hrdung geht weit &#252;ber die hinaus, die mit einer blo&#223;en &#220;berwachung der laufenden Telekommunikation verbunden ist.« Es wusste also: Wenn eine T&#252;r auch nur einen Spalt weit ge&#246;ffnet wird, reicht das in aller Regel aus, um sie sukzessive immer weiter aufzusto&#223;en – bis hin zum sprichw&#246;rtlichen Scheunentor.</p>
<p>Dass sich die mit dem Verfassungsgerichtsurteil vom 27. Februar 2008 freigegebene Entwicklung in diesem Sinne vollzog, ist also keine &#220;berraschung; erstaunlich ist allenfalls, mit welcher Selbstverst&#228;ndlichkeit vor allem <a href="http://www.zdnet.de/news/41557123/vier-bundeslaender-geben-trojanernutzung-zu.htm" target="_blank">konservative Innenminister</a> und ihre Ermittler den Fu&#223; oder gleich den Polizeistiefel in den T&#252;rspalt schoben oder sie gar ganz auftraten. Sie erkannten offensichtlich sehr schnell, dass ihnen mit der Schn&#252;ffel-Software des Bundestrojaners ein Instrument nicht grunds&#228;tzlich verboten wurde, das in seinen M&#246;glichkeiten einem IM-System, wie es das Ministerium f&#252;r Staatssicherheit der DDR noch m&#252;hsam aufbauen musste, nicht nur nahe kommt, sondern es teilweise &#252;bertrifft. Vor allem aber ist es hinsichtlich des Einsatzes von Mitteln und Personen wesentlich effizienter und weniger st&#246;ranf&#228;llig.</p>
<p>Der <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/ein-amtlicher-trojaner-anatomie-eines-digitalen-ungeziefers-11486473.html" target="_blank">vom Chaos Computer Club enttarnte Bundestrojaner</a> erm&#246;glicht die l&#252;ckenlose &#220;berwachung der gesamten Online-Aktivit&#228;ten eines B&#252;rgers vor allem dadurch, dass er in schneller Folge Bildschirmfotos des Computers liefert, aus dem die jeweilige Aktivit&#228;t des Nutzers abgelesen werden kann. Bei f&#252;nf Eins&#228;tzen des Trojaners in Bayern wurden, so musste das Innenministerium zugeben, 29589 solche Bildschirmfotos (Screenshots) »geschossen«, bei Bedarf alle 30 Sekunden eins. »Wie bei einem Daumenkinoheftchen k&#246;nnen die &#220;berwacher dem Entstehen von Text gewordenen Gedanken, Kalkulationen, Notizen und E-Mails zuschauen – ein Bildschirmfoto nach dem anderen. Auch niemals versendete Nachrichten, die der Verfasser wieder gel&#246;scht hat, statt sie abzuschicken, landen so auf dem &#220;berwachungsserver. Viele Menschen haben es sich angew&#246;hnt, ihre Gedanken und Gef&#252;hlen digital festzuhalten, die sie dann aber nicht unbedingt verschicken &#8230; Nun landen sie mittels der Autorisierung einer einfachen Telekommunikations&#252;berwachung in den Handakten der Ermittler und Geheimdienste.«, stellt dazu die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung« fest. Hinzu kommt, dass der Trojaner alle &#252;bers Internet gef&#252;hrten Telefongespr&#228;che aufzeichnen konnte, aber – nachdem er das am Computer angeschlossene Mikrofon aus der Ferne angeschaltet hatte – auch s&#228;mtliche sonstigen Gespr&#228;che in dessen Umfeld und sogar – nach Aktivierung der Webcam, wiederum auf Befehl aus den Wolken – alle Bilder aus dem Raum,also die Personen und ihre Verrichtungen.</p>
<p>Um ein solches Ergebnis zu erreichen, bedurfte es bei der Stasi eines ganzen Netzes dicht an der verd&#228;chtigen Person platzierter und aussagewilliger Lauscher, und selbst dann erfuhr sie nur ein Bruchteil dessen, was der infizierte Computer zu liefern vermag. Denn er vermerkt auch, was der/die Verd&#228;chtige allein tut, allein schreibt und auf der Festplatte abspeichert. Der Intimbereich jeden menschlichen Lebens ist somit entschl&#252;sselbar, der von den Verfassungsrichtern als unantastbar bezeichnete »Kernbereich privater Lebensgestaltung« liegt offen vor den staatlichen Ermittlern.</p>
<p>Und noch mehr. Der Bundestrojaner kann, so wie er Befehle erteilt, Computerinhalte an vorgegebene Adressen zu senden, auch veranlassen, dass Computerinhalte jeglicher Art auf dem infizierten Rechner abgelegt werden. Auch das ist von der Stasi bekannt. Wollte sie einen Verd&#228;chtigen aus dem Verkehr ziehen, wurden schon mal kompromittierende Belege in seinem Umfeld platziert, wozu sie auch auf IM zur&#252;ckgriff oder in die Wohnung einbrach. Jetzt gen&#252;gt ein Mausklick, um das Kompromat auf dem Computer unterzubringen – &#252;brigens auch, um es bei Bedarf wieder r&#252;ckstandsfrei zu entfernen.</p>
<p>Und so wie in der DDR das IM-System beinahe nach Gutd&#252;nken zum Einsatz kam, wird der Bundestrojaner auch heute schon beinahe als Standardmethode angewandt. Jedenfalls war in keinem der aus Bayern, Baden-W&#252;rttemberg, Niedersachsen, Hessen und Brandenburg bekannt gewordenen F&#228;lle ein »&#252;berragend wichtiges Rechtsgut« in Gefahr. Denn dies definiert das Bundesverfassungsgericht so: »&#220;berragend wichtig sind Leib, Leben und Freiheit der Person oder solche G&#252;ter der Allgemeinheit, deren Bedrohung die Grundlagen oder den Bestand des Staates oder die Grundlagen der Existenz der Menschen ber&#252;hrt.« Den <a href="http://www.welt.de/print/die_welt/politik/article13657847/Der-Skandal-hinter-dem-Trojaner.html" target="_blank">bayerischen Beh&#246;rden</a> gen&#252;gte der Verdacht illegalen Handels mit Bet&#228;ubungsmitteln, um die Online-Total&#252;berwachung gegen einem Pharmah&#228;ndler einzusetzen; sogar das Landgericht Landshut befand das als unrechtrm&#228;&#223;ig.</p>
<p>Ganz anders freilich die zust&#228;ndigen Innenminister, die in keinem Fall einen Rechtsbruch sehen wollten – eine weitere Parallele zum Vorgehen in totalit&#228;ren Staaten, die den Schriftsteller <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/ueberwachung-kontrolle-ausser-kontrolle-11487833.html" target="_blank">Dietmar Dath</a> bereits von einem »neuen Typ des Totalitarismus« sprechen lie&#223;. F&#252;r sie gen&#252;gt eine richterliche Best&#228;tigung, also das Plazet durch eine einzige Person, die in der Regel eng mit dem Ermittlungsapparat verbunden ist, um bedenkenlos alles das auszuforschen, was nur auszuforschen ist. Denn nat&#252;rlich kann – eine Grundregel jeglicher Polizeiarbeit – alles einmal von Bedeutung sein. Diese Informationsfetischisten empfanden das Urteil des Bundesverfassungsgerichts weniger als Grenzziehung denn als ein Niederrei&#223;en st&#246;render Schlagb&#228;ume.</p>
<p>Das Bundesverfassungsgericht w&#252;rde es allerdings wohl als ehrenr&#252;hrig empfinden, unterstellte man ihm, es sei von den Sicherheitsbeh&#246;rden &#252;bert&#246;lpelt worden. Tats&#228;chlich wurde es wohl auch in dieser Sache – und die genannte selbstkritische Warnung belegt es – im Sinne seines &#252;bergeordneten Auftrags t&#228;tig, <a href="http://www.blogsgesang.de/2010/03/04/das-bundesverfassungsgericht-stabilisator-staatlicher-macht/" target="_blank">die Handlungsf&#228;higkeit des Staates jederzeit zu gew&#228;hrleisten</a> und mit genau diesem Ziel f&#252;r die jeweils erforderliche Interpretation des Grundgesetzes zu sorgen. Die Risiken und Nebenwirkungen eines solchen Vorgehens zugunsten der Staatssicherheit nahm es als eine Art Kollateralschaden in Kauf; inwieweit dessen Ausma&#223; nun vielleicht doch zu einigem Unbehagen bei den h&#246;chsten Verfassungsrichtern f&#252;hrt, wird abzuwarten sein.</p>
<p>Zwar muss nicht jeder B&#252;rger von vornherein damit rechnen, dass auf seinen Computer ein Bundestrojaner eingeschleust wird; schlie&#223;lich ist es schon die riesige Datenmenge, die Innenministern und Ermittlern Grenzen setzt. Dennoch sollte sich der »unbecholtene« B&#252;rger nicht allzu sicher f&#252;hlen, kann er doch – von wem und warum auch immer – »bescholten« werden. Und dann sein Leben in k&#252;rzester Zeit nackt und blo&#223; auf den Bildschirmen der Polizei bereitliegen.</p>
<p>Daher gibt es f&#252;r das Problem eigentlich nur eine L&#246;sung: das totale Verbot jeglicher Online-Durchsuchung, so wie in der Verfassung auch das Brief-, das Post- und Fernmeldegeheimnis f&#252;r unverletzlich erkl&#228;rt worden sind (Art. 10). Es gibt keinen Grund, in diesem Falle anders zu verfahren – erst recht nicht nach der Enttarnung des Bundestrojaners.</p>
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		<title>Der 13. August und die Grenzen des Journalismus</title>
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		<pubDate>Sat, 13 Aug 2011 11:20:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[(pri) Ein wenig f&#252;hlt man sich dieser Tage wieder in jene Zeiten zur&#252;ckversetzt, als eine Agitationskommission der SED-Zentralkomitees die Medienkampagnen plante. Ob nun zu diversen DDR-Jahrestagen, Geburtstagen in der Regel verblichener in- und ausl&#228;ndischer Parteif&#252;hrer oder Gedenktagen revolution&#228;rer Ereignisse wie jenem der Oktoberrevolution – um solche Ereignisse herum konnte man Tag f&#252;r Tag dar&#252;ber in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) Ein wenig f&#252;hlt man sich dieser Tage wieder in jene Zeiten zur&#252;ckversetzt, als eine Agitationskommission der SED-Zentralkomitees die Medienkampagnen plante. Ob nun zu diversen DDR-Jahrestagen, Geburtstagen in der Regel verblichener in- und ausl&#228;ndischer Parteif&#252;hrer oder Gedenktagen revolution&#228;rer Ereignisse wie jenem der Oktoberrevolution – um solche Ereignisse herum konnte man Tag f&#252;r Tag dar&#252;ber in der Regel das Gleiche und selten etwas Neues lesen, wie eben jetzt zur 50. Wiederkehr des Mauerbaus.<span id="more-3016"></span></p>
<p>Dabei gibt es heute eine derartige Agitationskommission gar nicht, was die Sache aber nicht besser, sondern eher noch schlimmer macht. Denn konnte man in der DDR davon ausgehen, dass die Gleichf&#246;rmigkeit der Propaganda eben der zentralen Steuerung von oben geschuldet war, der sich die Journalisten unterwerfen mussten, ob sie wollten oder nicht, so erfolgt die gegenw&#228;rtige weitgehende Einseitigkeit bei der Behandlung der Grenzschlie&#223;ung am 13. August 1961 tats&#228;chlich freiwillig. Was damals die Agitationsweisungen des ZK sicher stellten, erledigt heute der herrschende Zeitgeist, dem man sich klaglos unterwirft – mitunter so verkrampft, dass sich nicht nur die Titel der Medienprodukte fast wortgleich wiederholen, sondern sogar  einige der ideologisch brauchbaren Zeitzeugen gleich <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2011/0809/medien/0014/index.html" target="_blank"><img src="http://vg06.met.vgwort.de/na/115dc0d40c4042449a2de6f7458f9a98" alt="" width="1" height="1" />mehrfach Verwendung finden</a>. Allzu viele scheinen sich daf&#252;r eben nicht herzugeben.</p>
<p> Lange vorbei sind damit jene goldenen Zeiten, als der m&#252;ndige B&#252;rger wenigstens zwei diametral entgegengesetzte Sichten zum Alltag wie zum Weltgeschehen rezipieren konnte, jene der DDR und die aus dem West-Fernsehen – und sich dann seine eigene Meinung im Abw&#228;gen der Argumente bildete. Heute bekommt er &#252;ber Zeitungen, Funk und Fernsehen nur noch die Westsicht zur Kenntnis, die zwar nicht immer so einf&#246;rmig ist wie bei gewissen historischen Gedenktagen, insgesamt aber immer gleichf&#246;rmiger wird. Lediglich im Internet ist oft nur noch die diametral abweichende Meinung mit ihren Begr&#252;ndungen zu finden – was in der Regel aber eine zeitraubende Suche erfordert.</p>
<p>Das Resultat solch eindimensionaler Agitation ist &#252;brigens heute das gleiche wie zu DDR-Zeiten; es ist sp&#228;rlich, wenn nicht gar kontraproduktiv. Eine einschl&#228;gige <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2011/0803/seite1/0051/index.html" target="_blank">Umfrage vor dem heutigen Gedenktag</a> wies aus, dass immerhin 35 Prozent der Berliner den Mauerbau zumindest aus damaliger Sicht noch heute mehr oder minder f&#252;r richtig halten, im Ostteil der Stadt sogar eine Mehrheit. Man kann spekulieren, ob das heute nicht gar mehr sind als zu DDR-Zeiten. </p>
<p>Mit Blick auf ein solches Meinungsbild soll daher an dieser Stelle und zum <a href="http://www.blogsgesang.de/2007/12/16/kurzer-prozess-honecker-genossern-ein-staat-vor-gericht-teil-5/">Thema 13. August</a> noch einmal ein wenig die alte Situation hergestellt werden, indem ein unter den wachsamen Augen der Agitationskommission produzierter Artikel zur DDR-Grenzsicherung, der am 12. August 1967 erschien, samt von der Berliner Stadtkommandantur freigegebenen Fotos und vorformulierten Bildtexten der Flut entgegengesetzt agitierender Texte und Sendungen gegen&#252;bergestellt wird. Man findet darin all die Klischeeformulierungen der damaligen Zeit – wie heute die der heutigen. Und man findet nat&#252;rlich die ideologische Sto&#223;richtung der 60er Jahre – wie heute die derzeit dominierende. Aber man findet auch etwas &#252;ber jene, die 28 Jahre lang an der Grenze die politischen Entscheidungen der DDR-F&#252;hrung ausbaden mussten, die Grenzsoldaten. Sie hatten sich in der Regel nicht dazu gedr&#228;ngt und standen nun vor der Aufgabe, ungeschoren aus den 18 Monaten Grenzdienst wieder herauszukommen. Den meisten gelang das auch; dennoch werden sie heute oft a priori als T&#228;ter geschm&#228;ht. Dabei waren sie nur ganz einfache junge Leute, die – ohne jede Heldenpose und ideologische Borniertheit – durch ihre Besonnenheit und Gelassenheit nicht selten Schlimmeres verh&#252;teten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<blockquote>
<h2>Grenze mit Garantie</h2>
<h4>Sechs Jahre nach dem 13. August 1961</h4>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/08/13/der-13-august-und-die-grenzen-des-journalismus/attachment/001/" rel="attachment wp-att-3023"><img class="alignright size-medium wp-image-3023" title="001" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/08/001-216x300.jpg" alt="" width="216" height="300" /></a>Die Hauptstadt hat sich die Augen schon ausgerieben. Auf der Normaluhr an der Weidendammer Br&#252;cke h&#252;pft der gro&#223;e Zeiger auf 6.38 Uhr Menschen hasten zum S-Bahnhof. Autos sausen an­einander vor&#252;ber. Dazwischen auch ein­mal ein Radfahrer oder gar ein Pferde­fuhrwerk …</p>
<p>Pl&#246;tzlich wird der morgendliche Puls­schlag unterbrochen. Die Menschen ver­halten den Schritt. Bremsen quietschen. »Brr!« ruft der Kutscher. Zwei F&#228;hnchen, gelb und rot, stoppen die Hast. Sie machen den Weg frei f&#252;r den Trupp Soldaten, der jetzt die Stra&#223;e kreuzt. Ihr Ziel ist der S-Bahnhof Friedrichstra&#223;e, Grenz­bahnhof f&#252;r den Verkehr zwischen unse­rer Hauptstadt und Westberlin. Gleich­m&#228;&#223;ig und verhalten ist ihr Schritt. Als sparten sie, da ihnen lange Stunden schwerer Dienst bevorsteht, mit jeder &#252;berfl&#252;ssigen Bewegung. Neben den Grenzsoldaten, auf dem B&#252;rgersteig, der Kompaniechef, Oberleutnant R&#246;scher — nicht sehr gro&#223;, untersetzt.</p>
<p>Auch Helmut R&#246;scher war einmal – wie viele der neben ihm Marschierenden – einfacher Soldat mit glatten grauen Schulterst&#252;cken, eigentlich sogar zweimal. Das erste Mal mit 16, als er noch in den letzten Minuten f&#252;r den Gr&#246;&#223;enwahn eines Hitlers und den H&#246;chstprofit seiner Hinterm&#228;nner geopfert werden sollte. Das zweite M:al mit 23, als er schon er­kannt hatte, dass zwischen denen, die ihn 1944 holten und jenen, die 1951 mit ihm sprachen, ein himmelweiter Unterschied bestand. Das vielleicht gerade deshalb, weil ihm dieser Unterschied sehr konkret und handgreiflich vorexerziert. wurde. Er hatte w&#228;hrend der Weltfestspiele in Ber­lin die FDJler, die der scheinheiligen Einladung zu einem Besuch der »Front­stadt« folgen wollten, zur damaligen Sek­torengrenze gefahren. Dann sah er sie mit blutigen K&#246;pfen zur&#252;ckkommen. Und instinktiv wurde ihm, der seit einem Jahr Mitglied unserer Partei war, klar, dass er hierhin geh&#246;rte, an diese Nahtstelle der Klassenauseinandersetzung in Deutsch­land. Er verlie&#223; die elterliche Wirtschaft in Liebersee, Kreis Torgau. Er verlie&#223; die MAS, seine Arbeitsstelle Er ging zur Volkspolizei-Bereitschaft an der Berliner Sektorengrenze und diente dort als Kraft­fahrer. Er versah seinen Dienst gut, wurde Schirrmeister und schlie&#223;lich Zug­f&#252;hrer.</p>
<p>Dann kam der 13. August 1961. Der Zugf&#252;hrer eines Sicherheitskommandos, Unterleutnant R&#246;scher, war an diesem Tag in Urlaub. Er eilte sofort zur&#252;ck und ver­sah daraufhin im Treptower Park seinen Dienst. Fast &#220;bermenschliches wurde da­mals von ihm und seinen Genossen ver­langt. 1964 Kilometer rund um Westber­lin waren sicher zu markieren. Mit Draht­hindernissen und Mauern war nach vier Tagen die Grenzsicherung stabilisiert. Die Grenzposten und die Angeh&#246;rigen der Kampfgruppen hatten in dieser Zeit kaum geschlafen. Aber die &#220;berzeugung von der Richtigkeit ihrer Sache und die &#252;berw&#228;l­tigende Anteilnahme der Mehrheit der Bev&#246;lkerung gaben ihnen die Kraft dazu.</p>
<p>Der Trupp ist am Bahnhof angekom­men. Die Soldaten gehen zu ihren Posten und l&#246;sen dort den Nachtdienst ab. Ober­leutnant R&#246;scher begibt sich zur B-Stelle. &#220;ber seinem Kopf rattert die S-Bahn, faucht die Lokomotive irgendeines Fern­zuges. Tag und Nacht pulst hier der Ver­kehr zwischen zwei gro&#223;en, eng aneinanderliegenden St&#228;dten, zwischen der Hauptstadt der DDR und dem besonderen Territorium Westberlin. Und Tag und Nacht haben hier junge Soldaten, darunter auch die der Grenzkompanie, die Auf­gabe, f&#252;r Ruhe, Ordnung und Sicherheit zu sorgen.</p>
<p style="text-align: center;">*</p>
<p>Einige Stunden sp&#228;ter. Der Posten an der ersten Schranke zur Grenz&#252;bergangs­stelle salutiert und l&#228;sst Oberleutnant R&#246;scher eintreten. Hier verl&#228;uft ein Teil des Stra&#223;enverkehrs zwischen der DDR-Hauptstadt und Westberlin. Die Grenze zu Westberlin bildet der Spandauer Schifffahrtskanal. Auf der Stra&#223;e, die dorthin f&#252;hrt, die Sperren: Betonmauern und Pan­zerh&#246;cker. Die schmalen, aber auch f&#252;r Reisebusse ausreichenden Durchl&#228;sse, k&#246;n­nen bei Durchbruchsversuchen automatisch geschlossen werden.</p>
<p>Genosse R&#246;scher erh&#228;lt vom Postenf&#252;h­rer die Einsch&#228;tzung der Lage. Auf der anderen Seite ist links ein Postenturm der Westberliner Duensing-Polizei, die von den Grenzsoldaten kurz »Duepo« ge­nannt wird. Unten ist er mit Schie&#223;schar­ten versehen. Dahinter eine Baracke des Westberliner Zolls, der hier allerdings keinerlei Zollfunktionen aus&#252;bt. Daf&#252;r sind die Z&#246;llner aber — einmalig in der Welt — mit Maschinenpistolen ausger&#252;stet.</p>
<p>»Wieviel Duepo?« fragt Oberleutnant R&#246;scher.</p>
<p>»Zwei!« antwortet Gefreiter Preis.</p>
<p>»Und Z&#246;llner?« »Drei!«</p>
<p>»Wie oft kommen .die Engl&#228;nder?« Sie sind hier Besatzungsmacht und zeigen sich auch hin und wieder mit ihren Jeeps. »In sehr unregelm&#228;&#223;igen Abst&#228;n­den.«</p>
<p>Ein&#8217; PKW f&#228;hrt &#252;ber die Br&#252;cke und h&#228;lt am vordersten Posten. Er wird kon­trolliert und kann dann weiterfahren. Alles ist ruhig. Die Sonne glitzert im Wasser des Schifffahrtskanals. Die Linden­b&#228;ume rascheln mit ihren Bl&#228;ttern. Ein friedliches Bild. Aber gerade. der Spandauer Schifffahrtskanal war nicht selten Schauplatz gro&#223;angelegter blutiger Provo­kationen. Nur gut 100 Meter weiter rechts duckt sich ein kleiner Postenturm Er hat bei den Soldaten die ehrende Bezeichnung Peter-G&#246;ring-Posten. Hier ermordete einer dieser Duepos, die jetzt so l&#228;ssig auf der anderen Seite umherschlendern, den jun­gen Unteroffizier Peter G&#246;ring.</p>
<p>Der Blick f&#228;llt auf ein kleines H&#228;uschen direkt an der Br&#252;cke. Gen&#246;sse R&#246;scher erinnert sich. Das war fr&#252;her ihr Postenstand. &#220;berhaupt hat sich in den letzten sechs Jahren sehr viel ver&#228;ndert. Er war 1961 an der Grenz&#252;bergangsstelle Son­nenallee. Zwei Zelte waren provisorisch f&#252;r die Kontrollorgane errichtet worden. Als Zugf&#252;hrer musste er sehr viel selbst entscheiden Die Verbindung zu den vor­gesetzten Stellen war noch nicht so stabil. Die Grenzposten hatten eine ganze Reihe mehr Funktionen zu erf&#252;llen als heute.</p>
<p>Jetzt ist das anders. Feste Postent&#252;rme, Baracken f&#252;r die Abfertigung des Grenz­verkehrs erleichtern den Dienst. Eine exakte Grenzordnung enth&#228;lt eindeutige Festlegungen, und keiner kann sich mehr mit fingierten Telegrammen, gef&#228;lschten Bescheinigungen irgendwelcher Stellen oder falschen Ausweisen durchschwindeln. Der Ausbau der Grenzsicherungsanlagen gew&#228;hrleistet, dass die Soldaten jegliche Provokationen schon im Ansatz erkennen und rechtzeitig die erforderlichen Grenz­ma&#223;nahmen einleiten k&#246;nnen. Vor allem aber haben sich die Menschen entwickelt, die – wichtiger als Mauern und Draht­zaun – diese Grenze mit ihrem Denken, ihrem F&#252;hlen und ihrem Tun zuverl&#228;ssig sch&#252;tzen.</p>
<p style="text-align: center;">*</p>
<div id="attachment_3026" class="wp-caption alignleft" style="width: 268px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/08/13/der-13-august-und-die-grenzen-des-journalismus/grenze-1/" rel="attachment wp-att-3026"><img class="size-medium wp-image-3026" title="Grenze 1" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/08/Grenze-1-300x213.jpg" alt="" width="258" height="183" /></a><p class="wp-caption-text">Grenzsoldaten der Nationalen Volksarmee sichern Bahnanlagen in der Hauptstadt der DDR, die sich im Grenzgebiet befinden</p></div>
<p>Sengend prallt die Sonne auf die Glas- wand an der Westseite der Bahn- hofshalle und verwandelt den dahinter- liegenden schmalen Steg, von dem aus die Grenzsoldaten das Geschehen auf dem Bahnsteig beobachten k&#246;nnen, in eine Art Brutkasten. Soldat Plitzko wischt sich zum wiederholten Male den Schwei&#223; von der Stirn. Er steht oberhalb des Bahnstei­ges A, der f&#252;r die Fernz&#252;ge aus oder in Richtung Westberlin vorgesehen ist. Dort ist es momentan ruhig. Kein Zug steht abfahrtbereit oder k&#252;ndigt sich durch ein Pfeifen vom Viadukt her an. Nur hier und dort sitzen einige Fahrg&#228;ste auf den B&#228;n­ken. Mehr Betrieb ist auf dem Neben­bahnsteig; er ist Ausgangs- und Endpunkt f&#252;r den S-Bahnverkehr mit Westberlin. Soeben verlie&#223; ein Zug nach Wannsee die Halle, ein weiterer nach Spandau-West wird ihm gleich folgen.</p>
<p>Horst Plitzko ist Hitze gew&#246;hnt. Vor seiner Armeezeit war er Schmelzer im Leipziger VEB Gie&#223;ereianlagen. So beob­achtet er trotz aller Schwei&#223;tropfen auf­merksam das Geschehen auf dem Bahn­steig. Erst seit einem Vierteljahr ist er in der Kompanie und doch schon ein zu­verl&#228;ssiger Soldat. Er geh&#246;rt zum besten Zug und zur besten Gruppe der Einheit. Die letzte Schie&#223;&#252;bung absolvierte er mit »Gut«. Beim Handgranatenwurf schaffte er sogar die »l«. Belustigt schaut er jetzt einem Mann mit zwei schweren Taschen nach. Sicher bringt auch er Reis und Nudeln f&#252;r die »armen Verwandten« mit. Und am Abend kommt er dann schimp­fend zur&#252;ck wie letztens ein &#228;hnlich naiver Zeitgenosse: »Die leben ja besser als ich!« Man soll eben nicht glauben, was in der »Bild-Zeitung« steht. Er sieht auf die Uhr, ob denn die Abl&#246;sung nicht bald kommt. &#220;berhaupt vergeht ihm die Zeit viel zu langsam. In drei Tagen soll er in Urlaub fahren – zu seiner Frau nach Naunhof. mit der er noch kein halbes Jahr verheiratet ist.</p>
<p>Die Abl&#246;sung, Soldat Schmiedeberg, kann ihm diesen Wunsch nachf&#252;hlen, denn er kam erst gestern von zu Haus zur&#252;ck, &#252;brigens unweit von Naunhof, aus Grimma. Auch der 20j&#228;hrige Karl-Heinz Schmiedeberg arbeitete in Leipzig, er war Klavierbauer bei der ber&#252;hmten Firma Julius Bl&#252;thner. Nun steht er in der Mittagshitze auf dem Bahnhof Fried­richstra&#223;e, nicht zuletzt auch daf&#252;r, dass auf seinen Pianos weniger Trauerm&#228;rsche als fr&#246;hliche Lieder gespielt werden. Wenn man ihn fragen w&#252;rde, ob er die Not­wendigkeit dessen einsieht, k&#246;nnte man die beinahe b&#246;se Antwort vernehmen:</p>
<p>»Und wenn ich es nicht einsehe? Dann w&#252;nschte ich es mir ja wieder wie vor 1961, das gleiche Theater. Nein, das gibt es nicht noch einmal!«</p>
<p style="text-align: center;">*</p>
<p>Oberleutnant R&#246;scher ist mittlerweile auf Bahnsteig C. Das ist dort, wo die S-Bahn in Richtung Osten f&#228;hrt. Er ist beim Gefreiten Fohle, einem Probstheidaer Maurer, der es seinen Vorgesetzten nicht immer leicht macht, mit ihm aus­zukommen. Doch im Grenzdienst steht er seinen Mann. Vielleicht sind wir auch manchmal etwas ungeduldig, denkt der Kompaniechef. So ein 20j&#228;hriger steht hier an einem Brennpunkt des Klassenkampfes. Sagen wir ihm das immer deut­lich genug? Und mit den richtigen Wor­ten?</p>
<div id="attachment_3027" class="wp-caption alignright" style="width: 229px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/08/13/der-13-august-und-die-grenzen-des-journalismus/grenze-2/" rel="attachment wp-att-3027"><img class="size-medium wp-image-3027" title="Grenze 2" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/08/Grenze-2-300x214.jpg" alt="" width="219" height="156" /></a><p class="wp-caption-text">Auch den Soldaten der Weltmacht USA sind durch die Ma&#223;nahmen der DDR zur Sicherung ihres Territoriums Grenzen gesetzt</p></div>
<p>Gen&#246;sse R&#246;scher geht die Treppe zum Warteraum hinunter. Es ist ihm nicht an der Wiege gesungen worden, dass er einmal hier an solch verantwortungs- voller Stelle stehen w&#252;rde. Seine Schule daf&#252;r war das Leben, der mehr als 15j&#228;hrige Kampf an dieser Berliner Grenze. Als er jetzt durch die Tische der wartenden Westdeutschen und Westberliner hin­durchgeht, sp&#252;rt er den Respekt, der ihm entgegengebracht wird, dem Landarbeiter aus einem s&#228;chsischen D&#246;rfchen. Ein L&#228;cheln huscht &#252;ber sein Gesicht, als er sich einer Episode aus den schweren Wochen nach dem 13. August erinnert. Als Zugf&#252;hrer am Kontrollpunkt Sonnen­allee machten ihm der Andrang und das Durcheinander auf Westberliner Seite Sorge. Die Sicherheit des Grenzabschnittes war gef&#228;hrdet, ein Hauptwachtmeister der damaligen Stummpolizei jedoch lun­gerte unt&#228;tig herum. Kurzerhand rief er ihn an: »Hauptwachtmeister, sorgen Sie f&#252;r Ordnung!« Der verdatterte Stupo stand vor dem energischen Ton stramm und stotterte: »Zu Befehl!« &#8216;Dann ging er tats&#228;chlich daran, die Menschenmenge zu zerstreuen.</p>
<p>Weil wir die Macht haben, deshalb hat man Respekt, denkt er. Und weil wir kei­nen Zollbreit ihrem Druck weichen. Hier wie anderswo kommen sie nicht durch, auch wenn sie gern m&#246;chten. Das garan­tieren wir.</p>
<p>Als Oberleutnant R&#246;scher die B-Stelle wieder betritt, schnarrt gerade das Tele­fon. Er nimmt den H&#246;rer ab. Irgendein Posten ist am anderen Ende. »Im Posten­bereich keine Vorkommnisse!« sagt er &#8230;</p></blockquote>
<address>(Ver&#246;ffentlicht in: Leipziger Volkszeitung vom 12. August 1967)</address>
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		<title>Weder Frontwechsel noch Grenz&#252;berschreitung</title>
		<link>http://www.blogsgesang.de/2011/04/01/weder-frontwechsel-noch-grenzueberschreitung/</link>
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		<pubDate>Fri, 01 Apr 2011 16:39:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Rahn</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kulturbuch]]></category>
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		<description><![CDATA[Das  MfS und seine Geschichte: Mit der Betrachtung zu neuen und &#228;ltere B&#252;chern &#252;ber eine umstrittene Beh&#246;rde soll vermittelt wer­den, dass Deutschland  sich zwei Jahrzehnte nach dem Anschluss der DDR im­mer noch schwer tut, seine Vergangenheit ausgleichend und gerecht zu beurteilen. 2.Teil: Zum Buch „Fragen an das MfS“ (rhe) Im Auftaktbeitrag der Serie  &#8211; zu Stillers im Ch. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center"><strong>Das  MfS und seine Geschichte: Mit der Betrachtung zu neuen und &#228;ltere B&#252;chern &#252;ber eine umstrittene Beh&#246;rde soll vermittelt wer­den, dass Deutschland  sich zwei Jahrzehnte nach dem Anschluss der DDR im­mer noch schwer tut, seine</strong><strong> Vergangenheit ausgleichend </strong><strong>und gerecht zu beurteilen.</strong></p>
<h2 style="text-align: justify">2.Teil: Zum Buch „Fragen an das MfS“</h2>
<p style="text-align: justify"><span id="more-2664"></span></p>
<p style="text-align: justify">(rhe) Im Auftaktbeitrag der Serie  &#8211; zu Stillers im Ch. Links Verlag erschie-nenen Buch „Der Agent“ &#8211; war auf  diesen anonymen Spruch &#8211; Abrei&#223;kalen-der, Datum 21. M&#228;rz &#8211; nicht ohne Hintersinn hingewiesen worden</p>
<p style="text-align: justify"><strong><em><img src="http://vg06.met.vgwort.de/na/1b197ec3c25c49d6910ecb4c7a41ed15" alt="" width="1" height="1" />„Wer glaubt, dass man seine Vergangenheit nicht &#228;ndern kann,</em></strong><strong><em>hat noch keine Memoiren geschrieben“.</em></strong><strong><em> </em></strong></p>
<p style="text-align: justify">Nun handelt es sich bei dem knapp 400 Seiten starken Kompendium, in dem auf etwa 200, vor allem von Gymnasiasten, Studenten und anderen unbefriedigt informierten Zeitgenossen immer wieder gestellte Fragen geantwortet wird, keineswegs um Memoiren im herk&#246;mmli­chen Sinne. Um die schriftliche &#220;bermittlung eigener Erlebnisse also, durch die pers&#246;nlich wie zeithistorisch miterlebte Ereignisse festgehalten werden, der Blickwinkel intim, die Per­spektive einge­schr&#228;nkt. Ganz zu schweigen davon, dass sich sowohl Herausgeber Werner Gro&#223;mann und Wolfgang Schwanitz, jeweils und zeitweise Stellvertreter von MfS-Minister Erich Mielke, oder die knapp 30 Autoren mit den im Bertelsmann Universallexikon erw&#228;hnten ber&#252;hmten Memoirenschreiber Casanova, Otto von Bismarck, Simone de Beauvoir und  Leni Riefenstahl vergleichen k&#246;nnten oder gar wollten.</p>
<p style="text-align: justify">Und doch ist der Inhalt der Erkl&#228;rungen von ihren Verfassern kaum zu trennen. Von deren oft &#252;ber Jahrzehnte gesammelten Erfahrungen also und den dabei erworbenen individuellen Pr&#228;­gungen. Denn immerhin: Die einem Erfordernis dieser Zeit folgenden auskunftsbereiten Ant­wortgeber von heute waren die einem ganz anderen Erfordernis folgenden schweigsamen Fragensteller  von gestern.</p>
<p style="text-align: justify"><a rel="attachment wp-att-2678" href="http://www.blogsgesang.de/2011/04/01/weder-frontwechsel-noch-grenzueberschreitung/blog11-foto-buecher-3-fragen-mfs/"><img class="alignright size-medium wp-image-2678" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/04/blog11-foto-b&#252;cher-3-fragen-MfS-180x300.jpg" alt="" width="180" height="300" /></a></p>
<p style="text-align: justify">
<p style="text-align: justify">Leser mit Ged&#228;chtnis werden sich an eine mit dem Jahre 1990 beginnende hoch subventio­nierte Flut von Artikeln, Essays, TV-Dokumentationen, Spielfilmen, B&#252;chern und Veranstal­tungen erinnern. Justizminister Klaus Kinkels hat 1991 vor westdeutscher Richterschaft die Richtung f&#252;r ein zuk&#252;nftiges Geschichtsbild vorgegeben: „Es muss uns gelingen, das SED-Regime zu delegitimieren.“</p>
<p style="text-align: justify">Erstaunlich und erhellend zugleich die Erg&#228;nzung des Ex-BND-Chefs in der Frankfurter Rundschau vom 26. Oktober 1992: „Was die so genannte DDR und deren Regierung betrifft, so handelt es sich dort nicht einmal um einen eigenst&#228;ndigen Staat, diese so genannte DDR ist niemals von uns staatsrechtlich anerkannt worden. Es gab ein einheitliches Deutschland, von dem ein gewisser Teil von einer Verbrecherbande besetzt war.“</p>
<p style="text-align: justify">Welche Resonanz derart zukunftsweisenden &#220;berlegungen finden, l&#228;sst sich auch an der Per­son des in Talkshows unvermeidlichen Historikers Arnulf Baring festmachen. Er erkl&#228;rte un­widersprochen, die Leute „da dr&#252;ben“ seien „verzwergt“ und „verhunzt“. „Ob sich einer dort Jurist nennt oder &#214;konom, P&#228;dagoge, Soziologe, selbst Arzt oder Ingenieur, das ist alles egal. Sein Wissen ist auf weite Strecken unbrauchbar“.</p>
<p style="text-align: justify">Es kann als unvermeidbar gelten, dass nach einem gesellschaftlichen Umbruch wie dem vor zwanzig Jahren, von Leuten wie Kinkel, Barning und Co. die Mitteilungen gemacht werden, die – zu Recht oder nicht, diese Frage ist noch ohne Antwort – als Sieger in der Auseinandersetzung zweier Weltsysteme vom Platz gegangen sind</p>
<h2 style="text-align: center">Bem&#252;hen um historische Wahrheit</h2>
<p style="text-align: justify">Es liegt aber auch in der Natur eines Umbruchs, dass mit seiner Interpretation Zweifel ver­bunden sein d&#252;rfen. Der Verlagskommentar formuliert es so: „Die Skepsis w&#228;chst in dem Ma&#223;e, wie die Antworten stereotyp und standardisiert erteilt werden. Millionen Euro Steuer­gelder werden f&#252;r Geschichtspropaganda ausgegeben, damit eine einzig zul&#228;ssige Sicht ver­breitet wird. So hielt man es im Dritten Reich, und auch die Bundesrepublik liebt es uniform. Warum diese Gleichschaltung des Denken?“</p>
<p style="text-align: justify">Die Frage scheint berechtigt. Von den Herausgebern wird im Bem&#252;hen um historische Wahrheit darauf verwiesen, „dass das Schicksal des MfS und seiner Mitarbeiter keineswegs mit denen anderer DDR-Einrich­tungen vergleichbar ist“. Bereits vor dem Anschluss des Landes h&#228;tten Ausgrenzung und &#196;chtung begonnen, die &#246;ffentliche Denunziation versch&#228;rfte sich. Mit gro&#223;em propagandisti­schem Aufwand w&#252;rde, partiell auch an Fakten und der Wahrheit vorbei,  Indoktrination betrie­ben. Geheimdienste w&#252;rden in „gute“ (West) und „b&#246;se“ (Ost) auseinander dividiert, der Kalte Krieg nach Bedarf ausgeblendet. Unber&#252;cksichtigt bliebe auch, „welchen Anteil die Bundesrepublik selbst am Sicherheitsdenken in der DDR hatte“. Das werde in seinem ganzen Ausma&#223; erst nach vollst&#228;ndiger &#214;ffnung der Aktenbest&#228;nde der BRD-Geheimdienste hinrei­chend beurteilt werden k&#246;nnen. Ob das &#252;berhaupt jemals erfolgt und wenn ja wann unter wel­chen Pr&#228;missen, wird die Zukunft zeigen.</p>
<div class="mceTemp" style="text-align: justify">
<div id="attachment_2704" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a rel="attachment wp-att-2704" href="http://www.blogsgesang.de/2011/04/01/weder-frontwechsel-noch-grenzueberschreitung/bild179-3/"><img class="size-medium wp-image-2704" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/04/Bild1792-300x229.jpg" alt="" width="300" height="229" /></a><p class="wp-caption-text">Soli-Basar der Journalisten Berlin-Alexanderplatz: Mit dabei Herausgeber Werner Grossmann, die Autoren Klaus Eichner und Gotthold Schramm (v.r.); Foto: R. Hempel </p></div>
</div>
<p style="text-align: justify">
<p style="text-align: justify">
<p style="text-align: justify">Diverse Versuche, DDR-Verh&#228;lt- nisse fair und ohne Krimi-nalisierung, ohne Hass und H&#228;me &#246;ffentlich zu beurteilen, seien – alles in allem &#8211; bis dato und de facto gescheitert. Viele DDR- Biographien h&#228;tten unter dem herrschen- den Zeitgeist ihr unver-wechselbares Profil verloren. Dieser par-tiell auch wider-spr&#252;chliche Vorgang habe mit Vernunft und poli­tischer Weitsicht nur wenig zu tun. Von dieser Grund&#252;berlegung und einem steigenden In­formationsbed&#252;rfnis ausgehend wurden die „Ausk&#252;nfte &#252;ber eine Beh&#246;rde“, so das Buch im Untertitel, konzipiert und formuliert.</p>
<p style="text-align: justify">Herausgekommen ist ein sachorientiertes, kenntnisreiches Kompendium, dessen partiell auch selbstkritischer Gestus beim Leser zu einem eigenen Urteilen f&#252;hren soll. Herausgeber und Verfasser sind sich der Schwierigkeiten ihres Vorhabens durchaus bewusst. Sie setzen auf  Zeit, Einsicht, Vernunft und Toleranz „beim gerechten Umgang mit der schwierigen deut­schen Nachkriegsgeschichte zweier deutscher Staaten mit eingeschr&#228;nkter Souver&#228;nit&#228;t“.</p>
<p style="text-align: justify">Der in sechzehn Kapital gegliederte Sachbuch-Bestseller (ND vom 24.02. 2010) enth&#228;lt  Komplexe, mit denen zugleich die Geschichte dieser Beh&#246;rde und ihre damit verbundenen Problemen aufgehellt werden. Einen gewissen Raum beanspruchen brisante Fragen wie: Hat die Stasi gefoltert? Wie war das mit der Strahlenkanone? Wurde die DDR fl&#228;chendeckend &#252;berwacht? Welche Privilegien hatten die Stasi-Spitzel? War das MfS nicht doch eine verbre­cherische Organisation? Wie war das mit der Telefon&#252;berwachung? Hat das MfS Terror organisiert und unterst&#252;tzt? Gab es Auftragsmorde und Killerkommandos? Wie war das mit dem Provokateur Gartenschl&#228;ger? Wurden Todesf&#228;lle geheim gehalten? Gab es Geldklau aus Postsendungen? Warum hat das MfS „Andersdenkende“ verfolgt?</p>
<h2 style="text-align: center">Stopzeichen der SED</h2>
<p style="text-align: justify">Allein diese begrenzte Auswahl von Fragen macht deutlich: Grossmann, Schwanitz und ihre Mitstreiter bem&#252;hten sich redlich, „ihre Beh&#246;rde“ im Range eines Ministerium mit ihren Strukturen, Methoden, Mitteln und Aufgaben auch f&#252;r den unbedarften Laien durchsichtig zu machen. Dabei spielen &#252;berwiegend Zahlen, Fakten, Beweise und Belege, hin und wider auch Indizien, nur selten unbewiesene Behauptungen eine Rolle. Fehlurteilen und Legendenbildung soll so begegnet, Vorurteile abgebaut, Verst&#228;ndnis gef&#246;rdert werden. Ob und in welchem Um­fang das gelingt, ist nicht zu trennen von der Schlagkraft der Sachargumente, der Einsicht des Leser, auch von dessen Bereitschaft, neu oder umzudenken.</p>
<p style="text-align: justify">Einzurechnen ist nat&#252;rlich auch, dass es Komplexe und Fragen gibt, die auch heute (noch) nicht f&#252;r die &#214;ffentlichkeit zug&#228;nglich sind. Um Personen oder Quellen zu sch&#252;tzen, weil Vorg&#228;nge – wie beispielsweise die um  die „Rosenholz-Dateien“ – noch unklar sind. Oder wenn andere, fr&#252;her befreundete Dienste, mit ins  Spiele kommen. Auch dieses Buch kann &#252;ber Grenzen nicht hinweg, die in der Natur von Geheimdiensten unabh&#228;ngig  ihrer politischen Zuordnung liegen.</p>
<p style="text-align: justify">Ein anderer Fragenkomplex  ist der nach jenen Stopzeichen, die seinerzeit weniger durch die Beh&#246;rde „Schild und Schwert“ selbst, als von ihrer Partei mit dem Selbstverst&#228;ndnis des Alleinvertre­tungsanspruchs gesetzt worden waren, in deren Auftrag  sie zu funktionieren hatte. Stich­worte: mangelnde &#214;ffentlichkeit, fehlende parlamentarische Kontrolle, &#252;berzogene Personen&#252;berwachung. Noch gut in Erinnerung ist die &#8211; vor allem durch die damaligen &#8220;Westmedien&#8221; dokumentierte &#8211; Dauerbeschattung von Robert Havemann. Deren exorbitanter Aufwand in keinem Verh&#228;ltnis zu dem von dieser Person und ihrem Freundeskreis ausgehenden Gefahr stand. Von der selbst verschuldeten internationalen Rufsch&#228;digung und den damit verbundenen Kosten ganz zu schweigen.</p>
<p style="text-align: justify">Hier haben Einsicht und/oder Absicht der Verfasser offensichtlich immer noch ihre ihnen zugewachsenen Grenzen. Sie zu &#252;berwinden, w&#252;rde Fragen zum Demokratieverst&#228;ndnis grunds&#228;tzlicher Natur des Staates voraussetzen, in dem zwar das Wort Demokratie, weniger aber der Inhalt dominierte. Ein gravierendes Defizit, an dem auch die „Beh&#246;rde“ ihren Anteil hat.  Unabh&#228;n-gig davon, ob deren Mitar­beiter das Defizit zu ihrer Amtszeit thematisierten, wenn mit welchen Folgen und wie sie sich heute dazu stellen.</p>
<p style="text-align: justify">Wer vorurteilsfrei ein Fazit zieht, kann nicht umhin, das Buch als &#252;berf&#228;llig, notwendig, sach­orientiert und insofern auch zielf&#252;hrend zu bezeichnen. In den Medien war zu lesen, dass ein solches Werk zu DDR-Zeiten wohl undenk-bar gewesen w&#228;re. Dazu fehlte es der F&#252;hrung des Landes an Format.</p>
<p style="text-align: justify">Alles in allem: Das Buch macht, Kompli­ziertes einfach gedacht, an Fakten orientiert deutlich, warum sich die deutsche Gesellschaft auch zwei Jahrzehnte nach der Wende immer noch schwer tut, ihre Vergangenheit ausgleichend gerecht zu beurteilen. Abzuwarten bleibt, ob in neue Auflagen noch erforderliche Vertiefungen, Pr&#228;zisierungen und Erweiterungen Eingang finden. Bis vor zwei Jahrzehnten wurde in der damaligen DDR nicht selten auf  Kritik, vor allem dann, wenn sie Grunds&#228;tzliches betraf, in unterschiedlicher Tonart mit dem Hinweis reagiert:  Es gibt nichts Gutes gibt, was nicht noch besser gemachen werden k&#246;nnte&#8230;</p>
<p style="text-align: justify">**</p>
<p style="text-align: justify"><span style="color: #888888"><strong>Werner Gro&#223;mann/Wolfgang Schwanitz (Hrsg): Fragen an das MfS; Ausk&#252;nfte &#252;ber eine Beh&#246;rde, Verlag edition ost, 398 Seiten, 18,50 Euro</strong></span></p>
<p style="text-align: justify"><span style="color: #888888"><strong> </strong></span></p>
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		<title>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR – kurze Geschichte eines Spionagedienstes (Teil X und Schluss)</title>
		<link>http://www.blogsgesang.de/2010/12/29/hauptverwaltung-aufklaerung-der-ddr-kurze-geschichte-eines-spionagedienstes-teil-x-und-schluss/</link>
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		<pubDate>Wed, 29 Dec 2010 15:36:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[ Bei der aktuellen Debatte &#252;ber die Wikileaks-Dossiers ist ein Aspekt bisher geflissentlich weitgehend &#252;bersehen worden – die Blamage, die Julian Assange mit seiner kleinen, schlecht ausger&#252;steten Truppe den zahlreichen hoch ger&#252;steten Geheimdiensten dieser Welt zugef&#252;gt hat. Sie alle versuchen, mit riesigem Aufwand an Personen und Geldmitteln, diversen Regierungen einige ihrer zahlreichen, sorgsam verborgenen Geheimnisse zu [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p> Bei der aktuellen Debatte &#252;ber die Wikileaks-Dossiers ist ein Aspekt bisher geflissentlich weitgehend &#252;bersehen worden – die Blamage, die Julian Assange mit seiner kleinen, schlecht ausger&#252;steten Truppe den zahlreichen hoch ger&#252;steten Geheimdiensten dieser Welt zugef&#252;gt hat. Sie alle versuchen, mit riesigem Aufwand an Personen und Geldmitteln, diversen Regierungen einige ihrer zahlreichen, sorgsam verborgenen Geheimnisse zu entrei&#223;en <span id="more-2175"></span>und haben damit oft nur d&#252;rftigen Erfolg. Doch <a href="http://wikileaks.ch/" target="_blank"><img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/9e3ec3dcc457462d9dafdcb661695c52" alt="" width="1" height="1" />Wikileaks</a> schaffte es, mit einem Schlag erst 77000 Dokumente zum Afghanistankrieg, dann fast 4000000 Papiere zum Irakkrieg und jetzt noch einmal 250000 geheime Botschaftsberichte aus aller Welt nicht nur auf den eigenen Tisch zu bekommen, sondern auch noch weltweit zu ver&#246;ffentlichen. Und all diese Dossiers stammen nicht aus irgendeiner Bananenrepublik, sondern aus den USA, die in den vergangenen Jahren nicht nur eines der effektivsten Sicherheitssysteme der Welt aufgebaut haben, sondern auch technisch ohne Zweifel zu totaler Geheimhaltung in der Lage w&#228;ren.</p>
<p> Es zeigt sich jedoch an den Wikileaks-Enth&#252;llungen einmal mehr, dass Geheimdienste nicht mehr in diese Zeit passen. Sie sind nicht nur moralisch obsolet; die heutige Zeit mit ihrem bislang ungeahnten Bedeutungszuwachs von Informationen f&#252;r die Bew&#228;ltigung der schnell ablaufenden Prozesse in nahezu allen Lebensbereichen legt die Ineffizienz &#252;bertriebener Geheimhaltung oder gar einer Abschottung der Informationsfl&#252;sse offen. Dass der Kreis jener, die in den USA Zugriff auf die diplomatischen Depeschen hatten, so gro&#223; war, ergab sich schlie&#223;lich nicht aus leichtsinniger Vertrauensseligkeit der Beh&#246;rden, sondern war Resultat der Erkenntnis, dass nur gut informierte Mitarbeiter auf allen Gebieten wirklich effektiv arbeiten.</p>
<p> Auf der anderen Seite jedoch f&#252;hrte US-amerikanische Sicherheitshysterie dazu, dass gegen&#252;ber der allgemeinen &#214;ffentlichkeit immer weniger bekannt gemacht wurde und in den Dossiers des Au&#223;enministeriums auch viel mit Geheimhaltungsstempeln versehen wurde, das nur banale Mitteilungen enth&#228;lt. Diese Tendenz r&#252;gte – nach hilflos-w&#252;tender Kritik an Assange – auch die <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/1221/meinung/0044/index.html" target="_blank">»Washington Post«</a>, weil solche Geheimhaltung den Verdacht nahelege, die US-Regierung nehme es nicht so genau mit den Rechten der B&#252;rger. »Die beste Art, mit Assange umzugehen, ist ihn &#252;berfl&#252;ssig zu machen«, schlussfolgert das Blatt.</p>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/12/West-Spione1-199x300.gif"><img class="alignright size-full wp-image-2187" title="West-Spione1-199x300" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/12/West-Spione1-199x300.gif" alt="" width="199" height="300" /></a>Solche Erkenntnisse sind so neu nicht. Bereits das Ende der DDR warf schon vor 20 Jahren ein Schlaglicht auch auf die Ineffizienz von Geheimdiensten. Denn weder hatten die westlichen Agenturen dieses Ereignis einschlie&#223;lich des folgenden Untergangs des gesamten sozialistischen Systems vorausgesehen, noch konnten die &#246;stlichen Dienste diese Entwicklung verhindern – auch nicht die hochdotierte Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung des DDR-Ministeriums f&#252;r Staatssicherheit. Ihre Geschichte und Arbeitsweise wurde hier bereits auf der Grundlage einer Ver&#246;ffentlichung &#252;ber die HVA, die im Handel nicht mehr verf&#252;gbar ist, dem Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report«, erschienen 1992 im Berliner Verlag ElefantenPress, in neun Folgen dargestellt. Auch die Kapitel &#252;ber ihren langj&#228;hrigen Chef <a href="http://www.blogsgesang.de/2007/01/19/markus-wolf/" target="_blank">Markus Wolf</a>, den schlie&#223;lichen <a href="http://www.blogsgesang.de/2009/11/13/vor-20-jahren-der-zusammenbruch-des-ddr-spionageapparates/" target="_blank">Zusammenbruch der HVA</a> und ihre bis in die Gegenwart wirkende <a href="http://www.blogsgesang.de/2010/02/08/vor-20-jahren-die-hinterlassenschaft-der-ddr-spionage-macht-probleme/" target="_blank">Hinterlassenschaft</a> sind an dieser Stelle bereits ver&#246;ffentlicht worden. Im Schlusskapitel res&#252;mierten die Autoren aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen schon damals, dass – – Geheimdienste &#252;berholt , passé seien. Es wird hier zuzm Abschluss der Serie noch einmal wiedergegeben.</p>
<h3><span style="color: #000000;"><span style="font-family: Arial;"><span style="font-size: x-large;">Geheimdienste passé?</span></span></span></h3>
<p>Spionage wird gern als das zweit&#228;lteste Gewerbe der Welt bezeich­net, wird doch bereits in der Bibel davon gesprochen. Heute jedoch bangt die Zunft der Spione um ihre Zukunft. Denn der Untergang der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung erweist sich vielleicht nicht nur als Spezifikum der deutschen Genesis, erkl&#228;rbar aus dem Ver­schwinden eines ganzen Staates und damit auch seiner staatlichen Organe. Auch andere Geheimdienste m&#252;ssen sich zunehmend Fragen nach ihrer Daseinsberechtigung stellen &#8211; im Osten wie im Westen. Dabei mag man die faktische Aufl&#246;sung des sowjetischen KGB wie die armseligen Mutationsversuche der Dienste anderer osteurop&#228;ischer Staaten noch dem Umbruch im Osten, dem Ein­sturz des sozialistischen Systems zuschreiben; f&#252;r die neu aufge­flammte Diskussion um die gro&#223;en westlichen Geheimdienste gen&#252;gt das zur Erkl&#228;rung nicht. Zwar ist es richtig, dass ihnen im Gefolge all dieser Entwicklungen der »Feind abhanden« gekommen ist, wie es oft griffig hei&#223;t, aber die wahren Ursachen f&#252;r die verbreitete Geheimdienst-M&#252;digkeit d&#252;rften tiefer liegen.</p>
<p>In diesem Jahrhundert war die Weltpolitik im wesentlichen durch den Gegensatz der beiden Systeme Kapitalismus und Sozia­lismus gepr&#228;gt. Dieser Widerspruch entwickelte sich in aller Sch&#228;rfe bis hin zur apokalyptischen Gefahr eines thermo-nuklearen Krieges. Damit einher ging eine gewaltige Propagandaschlacht, die sich aller erdenklichen Mittel bediente und mit dem Begriff des Kalten Krieges besser beschrieben war als mit dem sp&#228;teren, gef&#228;lligeren der »ideologischen Auseinandersetzung«. Die beiden Weltsysteme, jeweils angef&#252;hrt von ihren Superm&#228;chten USA und Sowjetunion, waren nur noch auf sich bezogen, betrachteten ihren Konflikt als »Knackpunkt« der Menschheitsgeschichte &#8211; und das war er lange Zeit wohl auch. Geheimdienste hatten in diesem Diadochenkampf ihre selbstverst&#228;ndliche Funktion.</p>
<p>Dabei &#252;bersahen beide Seiten, dass sich im Schatten der System­auseinandersetzung v&#246;llig neue und viel bedeutsamere Widerspr&#252;­che herausbildeten: der sogenannte Nord-S&#252;d-Konflikt als K&#252;rzel f&#252;r die Verelendung der Dritten Welt, hervorgerufen von deren Ausbeutung durch die beiden anderen Welten; die &#246;kologische Herausforderung mit im Grunde den gleichen Ursachen; das Erfordernis, die rasante wissenschaftlich-technische Entwicklung so zu gestalten, dass sie dem Menschen zum Nutzen ger&#228;t und nicht seinen Untergang programmiert. All dies ist nicht im scharfen Gegensatz unterschiedlicher ideologischer Konzepte zu bew&#228;lti­gen, sondern nur in enger Zusammenarbeit. Damit steht die Kooperation auf der Tagesordnung &#8211; und diese kann nur in einer Atmosph&#228;re des Vertrauens gedeihen.</p>
<p>Da objektiv bedingt, haben sich Elemente einer solchen »Politik des neuen Denkens« in den vergangenen Jahren bereits durchsetzen k&#246;nnen. Der KSZE-Proze&#223; machte den Anfang, indem er neben materielle Bereiche eines Interessenausgleichs (Sicherheit und &#214;konomie) erstmals gleichgewichtig die ethisch-moralische Pro­blematik der Menschenrechte stellte. Die deutsche Vereinigung war ein beredtes Beispiel f&#252;r die partielle &#220;berwindung von Blockdenken. Und auf dem besonders sensiblen Sicherheitsbereich wurden »vertrauensbildende Ma&#223;nahmen« vereinbart &#8211; erste Schritte zu mehr Transparenz und Ehrlichkeit. Ihre Realisierung wiederum erhielt Impulse aus den sprunghaft zunehmenden weltweiten Kommunikationsm&#246;glichkeiten &#8211; sowohl durch Mediennutzung als auch im privaten Bereich.</p>
<p>Wer Spionage von innen her kennt, wei&#223;, dass sie diesen Tendenzen im Wege steht. In einem Feld gegenseitig vorteilhafter Zusammenarbeit muss sie kontraproduktiv wirken. Ihre Absichten und Methoden verdienen tiefstes Misstrauen &#8211; wie alles, was jemand hinter seinem R&#252;cken heimlich vorbereitet, w&#228;hrend er mir vorn l&#228;chelnd die Hand entgegenstreckt. Spionage als Kind alten Denkens in den Kategorien der Bl&#246;cke, der antago­nistischen Ideologien, kann globale Kooperation nicht bef&#246;rdern, sondern sie nur st&#246;ren. Diese Erkenntnis setzt sich immer mehr durch &#8211; und sie ist der wahre Hintergrund f&#252;r die sich verst&#228;rkenden Forderungen nach restloser Beseitigung dieser Relikte einer &#252;ber­holten Zeit. Die neue Weltordnung, die heute auf der Tagesordnung steht, bedarf konspirativer Ma&#223;nahmen nicht; im Gegenteil – sie kann nur gelingen, wenn T&#228;uschung, Verschleierung, &#220;bervortei­lung auf dem Felde der Politik restlos ausgemerzt werden.</p>
<p>Wie schwer es aber ist, sich aus den Fesseln einer obsoleten Weltsicht zu l&#246;sen, zeigten gerade die von den diversen KSZE-Folgetreffen vereinbarten vertrauensbildenden Ma&#223;nahmen. Dazu geh&#246;rte die Beobachtung milit&#228;rischer Man&#246;ver, die alle beteilig­ten Staaten sofort dazu veranlasste, die jeweiligen Geheimdienste mit der Ausgestaltung dieser Vereinbarung zu betrauen.</p>
<p>So kam es dann, dass sich die Agenten der beiden Seiten auf dem Man&#246;verfeld gegen&#252;berstanden &#8211; die einen als Gastgeber mit dem Ziel, das wirklich Interessante vor den Augen des »Gegners« zu verbergen, die G&#228;ste hingegen mit der Absicht, die g&#252;nstige Gelegenheit zur Aufkl&#228;rung optimal zu nutzen. W&#228;hrend erstere zum Zwecke der Camouflage lange Erkl&#228;rungen abgaben und ausgedehnte Bankette in den Stabszelten am Rande der Man&#246;ver­zonen organisierten, um die Beobachter besoffen zu reden und zu machen, hatten diese den Auftrag, mehr zu sehen und zu h&#246;ren als erw&#252;nscht, und sich dazu statt mit Sektkelchen mit ausgefeilter Peil- und Lauschtechnik auszustatten. Fast noch absurder mutet die geheimdienstliche Begleitung des deutschen Vereinigungsprozes­ses an. W&#228;hrend das MfS seine Beobachtung der Bundesrepublik nach dem Januar 1990 notgedrungen fast v&#246;llig einstellte und damit auch die elektronische Telefon&#252;berwachung ihr Ende fand, setzte der BND die diesbez&#252;glichen Aktivit&#228;ten ungehemmt fort. Er machte dabei auch nicht vor der Bespitzelung des CDU-Vorsitzen­den und sp&#228;teren Ministerpr&#228;sidenten Lothar de Maizière halt &#8211; lange bevor er in Stasi-Verdacht geriet. Tr&#246;stlich zu h&#246;ren, dass nach der Wahl vom 18. M&#228;rz das Anzapfen von DDR-Telefonen »sukzessive heruntergefahren« und mit der Wahl der neuen Regie­rung am 12. April »endg&#252;ltig eingestellt« wurde. Die formelle Weisung zur Beendigung aller Abh&#246;raktionen &#252;ber Richtfunk erging jedoch erst am 4. Mai. Auch danach hat aber der BND seine Quellen im Osten Deutschlands weiter berichten und sich durch seinen Spitzen-Informanten Schalck-Golodkowski sogar Tipps f&#252;r erfolgversprechende Anwerbungen geben lassen. Gro&#223;z&#252;gig stellte er seine Top-Quelle auch f&#252;r die dilettan­tische Befragung durch einen M&#246;chtegern-Kundschafter der neuen Regierung zur Verf&#252;gung, der auf diese Weise &#8211; in wessen Auftrag? &#8211; Material gegen seinen eigenen Regierungschef sammelte.</p>
<p>Die grotesken Folgen dieser Art von Geheimdienst-Spielen k&#246;nnten zum Lachen verleiten, wenn der Hintergrund nicht so ernst w&#228;re. Er verr&#228;t n&#228;mlich, dass die Konsequenzen des oft beredeten »neuen Denkens« von vielen noch gar nicht begriffen oder aber &#252;berhaupt nicht erw&#252;nscht sind. Jetzt, da es an eigene liebgewordene Machtinstrumente geht, erweisen sich viele fr&#252;here Erkl&#228;rungen als platonisch. So kann man gegenw&#228;rtig landauf, landab &#8211; von Moskau bis Langley, von Paris bis Br&#252;ssel, von K&#246;ln bis Pullach &#8211; immer wieder h&#246;ren, wie unverzichtbar gerade heute Geheim­dienste seien. In den Entwicklungen in Osteuropa sieht BND-Chef Konrad Porzner offensichtlich vor allem Gefahren: »Aber beden­ken Sie auch, dass durch die Aufl&#246;sung des sowjetischen Zentral­staats unsere Arbeit schwieriger geworden ist. Jetzt gen&#252;gt es nicht mehr zu wissen, was in Moskau geschieht. Nun m&#252;ssen wir auch wissen, was in Kiew, Alma-Ata und St. Petersburg passiert.« Ver­fassungsschutz-Vizepr&#228;sident Peter Frisch wird noch deutlicher: »Unser neuer Hauptgegner sind die Staaten der Sowjetunion.« Und dar&#252;ber hinaus: Rum&#228;nien, Bulgarien, Polen, China, der Nahe Osten. Gefahr drohe Deutschland auch von »kubanischen, nord­koreanischen und anderen Diensten«. Ein weites Bet&#228;tigungsfeld &#8211; doch nicht nur die deutschen Geheimdienste malen neue Bedrohun­gen an die Wand.</p>
<p>Mitten in die Aufl&#246;sung des KGB hinein sagte dessen damaliger Chef Wadim Bakatin, es brauchten »auch demokratische Staaten Geheimdienste. Deshalb hei&#223;t unsere Aufgabe nicht Aufl&#246;sung, sondern Reform und Dezentralisierung«. Und der amerikanische CIA r&#228;umt zwar ein, dass das R&#252;stungspotential der UdSSR k&#252;nftig weniger bedrohlich sei; daf&#252;r stelle aber die wirtschaftliche Kon­kurrenz Japans und Europas eine Gefahr dar. Der ehemalige CIA-Chef Stansfield Turner gab die Linie vor: »Wirtschaftliche St&#228;rke muss mehr in den Vordergrund ger&#252;ckt werden, und das bedeutet, dass wir bessere &#246;konomische Aufkl&#228;rung brauchen.« Und er verschweigt auch die Zielrichtung dieser Wirtschaftsspionage nicht: »Nachdem wir mittlerweile mehr Nachdruck auf die Sicherung des wirtschaftlichen Knowhow legen, m&#252;ssen wir auch die weiterent­wickelten L&#228;nder ausspionieren &#8211; unsere Verb&#252;ndeten und Freunde, mit denen wir wirtschaftlich konkurrieren.«</p>
<p>Nach solcher Argumentation best&#228;tigt jedes weltpolitische Ereignis die Notwendigkeit von Geheimdiensten. Die Aufl&#246;sung der UdSSR macht sie ebenso erforderlich wie die »neuen Krisen­herde« sie verlangen. Sie m&#252;ssen das jeweilige Land vor den »neuen Gro&#223;m&#228;chten« (f&#252;r die USA Japan und Europa) sch&#252;tzen, aber auch vor Terrorismus, Rechtsextremismus, Waffenhandel, Umweltkriminalit&#228;t und Drogenverbrechen. Ungeniert greifen die Nachrichtendienste in polizeiliche Kompetenzen ein &#8211; nur um ihre Unersetzlichkeit nachzuweisen. Ehemalige Spionage-Praktiker begr&#252;nden die Unverzichtbarkeit von konspirativer Aufkl&#228;rung gleich f&#252;r alle Ewigkeit und sind in ihren Gedankeng&#228;ngen nahezu identisch. So sei zwar die Satellitenerkundung auch nicht schlecht, aber &#8211; so der ehemalige CIA-Mitarbeiter George Carver: »Die Stimmung im Basar kann ein Satellit aus 160 Kilometern Entfer­nung im Weltall nicht ausmachen.« Und Markus Wolf teilt diese Skepsis gegen&#252;ber der Elektronik: »Aber damit l&#228;sst sich nur feststellen, was geschehen ist oder was passieren k&#246;nnte &#8211; nicht aber, was in den St&#228;ben und Regierungen geplant wird, welche Entwicklungen in den Forschungslabors laufen oder ob ein Staatsstreich bevorsteht, der die ganze Situation ver&#228;ndern kann.«</p>
<p>Hier offenbart sich ein tiefes und offenbar unausrottbares Misstrauen, das zwar durch die bisherige Weltgeschichte best&#228;tigt zu werden scheint, dennoch aber nicht in eine Zeit passt, in der man eine v&#246;llig neue Weltordnung bauen will. Wer so denkt, taugt nicht zum »Erneuerer«, ist kein »Hoffnungstr&#228;ger«, sondern verharrt in einem Denken, das seine Gef&#228;hrlichkeit in unserem Jahrhundert immer wieder nachgewiesen hat und nun endg&#252;ltig &#252;ber Bord geworfen werden muss.</p>
<p>Hinzu kommt, dass der hohe Anspruch der Spionage, durch das Ermitteln der »ganzen Wahrheit« segensreich zu wirken, bisher kaum je eingel&#246;st werden konnte. Hingegen sind die Fehleinsch&#228;tzungen der Auslandsnachrichtendienste Legion und damit &#8211; oft berechtigt, mitunter zwar auch unberechtigt, aber es &#228;ndert nichts am Ergebnis &#8211; die Missachtung ihrer Prognosen. Fast alle Politiker lesen zwar gern die Dossiers ihrer Geheimdienste, aber kaum einer hat dar&#252;ber ein positives Wort verloren. Und tats&#228;chlich gehen Analysen und Einsch&#228;tzungen der geheimen Nachrichtendienste in aller Regel nicht &#252;ber das hinaus, was kluge Zeitgeschichtler, Politologen und Journalisten mit ihren Mitteln zusammentragen und formulieren. Brisante Einzelinformationen jedoch finden oft nicht die erforderliche Beachtung, vor allem dann nicht, wenn sie nicht ins eigene Kalk&#252;l passen und vielleicht dazu zwingen k&#246;nnten, die gerade betriebene Politik zu &#252;berpr&#252;fen.</p>
<p>Selbst Wolf, der 40 Jahre lang die deutsch-deutsche Entwick­lung in all ihren Ver&#228;stelungen verfolgen konnte, sah im Herbst 1989 nicht das baldige Ende der DDR voraus. Auch er unterlag letztlich der Scheuklappensicht, die den Aufkl&#228;rern in diesen Jahren anerzogen worden war und aus der sie trotz optimaler Informiertheit nicht ausbrechen konnten oder wollten. Noch im Sommer 1991 setzte Wolf auf seine alten Vertrauten in der KPdSU-F&#252;hrung &#8211; unf&#228;hig zu der Einsicht, dass es auch mit dieser und der von ihr geschaffenen Sowjetunion zu Ende ging. Er wie die gesamte Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung sind auch daran gescheitert, dass sie das objektive Wissen, das sich in ihrem Speicher ansammelte, nicht vorurteils­frei zu interpretieren vermochten.</p>
<p>Diesen Mangel hatte jedoch die DDR-Spionage mit allen anderen einschl&#228;gigen Diensten gemein. Der CIA lief den Entwick­lungen in Osteuropa st&#228;ndig hinterher, da das Ende des Kommunis­mus in seinem stabilen Feindbild nicht vorgesehen war. &#196;hnlich hat der BND nicht ein einziges Mal in seinen Papieren der letzten beiden Jahrzehnte die Vereinigung Deutschlands vorausgesagt oder auch nur eine solche M&#246;glichkeit noch im letzten Jahrhundert angedeutet. Entsprechend unvorbereitet war die Bundesregierung, als der unwahrscheinliche Fall eintrat. Der Verfassungsschutz bezog noch 1989 ein gro&#223;z&#252;giges neues Geb&#228;ude in K&#246;ln-Chor­weiler, weil auch er das Ende der weltweiten Konfrontationspolitik nicht denken konnte. Die KGB-Reste, die sich den ex­sowjetischen Republiken andienten, sind in ihrer Mehrzahl noch immer der Meinung, der Wandel der letzten drei Jahre sei das Resultat ausl&#228;ndischer Dienste und ihrer Agenten und Saboteure. Weil die Geheimdienste &#252;berall nur Anh&#228;ngsel der Politik waren und sind, diese in ihren Auffassungen bedienen, statt unabh&#228;ngig ihre Schlussfolgerungen aus den internen Materialien zu ziehen, bleiben sie weitgehend wirkungslos &#8211; ein weiteres Argument f&#252;r ihre &#220;berlebtheit.</p>
<p>Und ein drittes, wohl noch bedeutsameres, kommt hinzu. Die Geheimdienste haben mit einem demokratischen Staatswesen nichts zu tun. Die Entwicklung der Auslands-Spionageapparate demon­striert im Gegenteil, dass sie der Versuchung, ihre konspirativen Mittel und Methoden auch bei Operationen im Inland anzuwenden, nie widerstehen konnten und k&#246;nnen. War auch die Kooperation zwischen Spionage und Bereichen der inneren Abwehr bei der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung besonders eng, so ist zugleich nicht zu bestreiten, dass auch die altbundesdeutschen Dienste in dieser Hinsicht eine lange schmutzige Tradition haben, die erst vor einiger Zeit mit der sogenannten Panzeraff&#228;re &#8211; dem heimlichen Verschieben von Kriegsger&#228;t der Bundeswehr, das urspr&#252;nglich aus NVA-Best&#228;nden stammte, nach Israel &#8211; einen neuen H&#246;hepunkt erreichte.</p>
<p>Begonnen hatte das innenpolitische Spiel des Auslandsdienstes aber bereits mit Reinhard Gehlen, der es f&#252;r geradezu unerl&#228;sslich fand, durch den BND auch die »inneren Feinde« der Republik zu bearbeiten. Als der ehemalige Nazigeneral 1968 ausschied, fand sein Nachfolger Gerhard Wessel »sechs, sieben Leitz-Ordner, &#252;ber den Daumen gesch&#228;tzt«, mit Dossiers &#252;ber 54 Politiker vor &#8211; von Heinemann bis Barzel, von Wehner bis Strau&#223; (!). Weniger Aufhebens machte der langj&#228;hrige Gehlen-Stellvertreter von den Akten &#252;ber Kommunisten, Linke, Pazifisten, Sowjetunion-Freunde und andere unzuverl&#228;ssige Kantonisten in den Augen seines Ex­-Chefs. Das ganze Ausma&#223; der Spitzelt&#228;tigkeit im Innern wie auch des ungesetzlichen Vorgehens des BND war mit der »Spiegel«-Aff&#228;re offenkundig geworden. Danach versuchte man, den Nach­richtendienst st&#228;rker unter Kontrolle zu halten, doch mit m&#228;&#223;igem Erfolg, wie die immer neuen Skandale zeigten. Der gescheiterte Kanzleramtsminister Stavenhagen brachte es 1991 auf den Punkt: »Die Frage, wie man Nachrichtendienste, die ja etwas andere Beh&#246;rden sind, richtig kontrolliert, ist eine Frage, die mich schon lange bewegt.«</p>
<p>Bei aller Unterschiedlichkeit in Ausma&#223; und Perfektionierung sind es &#8211; wie in der DDR &#8211; auch in der Bundesrepublik stets Machtinteressen gewesen, die den Einsatz des Geheimdienstes zur Bek&#228;mpfung innenpolitischer Gegner veranlassten; nicht selten wurden sogar parteipolitische Fehden mit seiner Hilfe ausgetragen. Da ist es kein Wunder, wenn alle Versuche, das Treiben der Dienste demokratischen Regeln zu unterwerfen, scheitern mussten. Und es sieht so aus, dass das k&#252;nftig noch weniger m&#246;glich sein wird. Die Tendenz der Geheimdienste, sich neue Felder zu erschlie&#223;en, bringt zwangsl&#228;ufig mit sich, dass konspirative Methoden nicht etwa eingeschr&#228;nkt, sondern im Gegenteil noch ausgeweitet werden. »Das Gebot der Trennung von Polizei und Nachrichtendienst wird nicht mehr sauber eingehalten«, gesteht BfV-Pr&#228;sident Werthebach ein. Und BND-Chef Porzner stellt sogar Forderungen nach Aus­h&#246;hlung gegenw&#228;rtiger Rechtsgrundlagen: »Nach Artikel 10 des Grundgesetzes darf das Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis nur mit Zustimmung eines Parlamentsgremiums durchbrochen werden. Dieses Gesetz muss allerdings &#252;berdacht werden.« Die nach der Panzeraff&#228;re erneut in Gang gekommene Diskussion &#252;ber erweiterte parlamentarische Kontrollmechanismen gegen&#252;ber den Geheim­diensten wird so schon im Ansatz unterlaufen. Es ist sicher, dass auch sie ausgehen wird, wie alle vorherigen &#8211; ohne greifbares Ergebnis.</p>
<p>Geheimdiensten ist ein undemokratisches Element inh&#228;rent. Es ergibt sich aus dem Grundessential ihrer Arbeit &#8211; n&#228;mlich das Auge der &#214;ffentlichkeit zu scheuen und demokratische Mitsprache &#252;ber ihre Aktivit&#228;ten nicht zuzulassen. W&#252;rden hingegen Offen­heit und wirkliche Transparenz auch im Wirken der Geheimdien­ste durchgesetzt, w&#228;re ihnen ihr Wesen genommen; sie w&#252;rden automatisch aufh&#246;ren zu existieren. Wer jedoch Spionage und all die anderen klandestinen Verrichtungen verteidigen und verewigen will, plant nichts Gutes. Nach au&#223;en setzt er weiter auf die &#252;berholte Machtpolitik weniger Gro&#223;er und Starker gegen&#252;ber Kleineren und Schw&#228;cheren, nicht jedoch auf das kooperative Zusammenwirken gleichberechtigter V&#246;lker. Im Inneren will er ganz &#228;hnlich vorgehen &#8211; Kabinettspolitik betreiben statt die opti­male Mitwirkung der B&#252;rger an den Staatsgesch&#228;ften zu erm&#246;gli­chen, die Demokratie in ihrer formalisierten Form zementieren statt neue Wege zu mehr Mitsprache und Mitentscheidung vieler zu beschreiten.</p>
<p>Aus all dem ergibt sich der Schluss, dass die T&#228;tigkeit derartiger »Organe« keine Daseinsberechtigung mehr hat. Der Widerspruch ihrer Praktiken zu den heute erforderlichen Formen kooperativer, vertrauensvoller Arbeit ist so gro&#223;, dass sie sich endg&#252;ltig &#252;berlebt haben. Wie die Saurier der Urzeit erweisen sich die Geheimdienste als nicht mehr lebensf&#228;hig, weil ihre einstige Funktion in die heutige Zeit nicht passt. Sie k&#246;nnen nur noch Schaden anrichten, indem sie notwendige Entwicklungen der Weltgesellschaft verz&#246;gern. Und sie kosten viel Geld, das wahrlich nutzbringender angelegt werden k&#246;nnte.</p>
<p>Die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung, einst ger&#252;hmt wegen ihrer Effizienz und Professionalit&#228;t, hat schon den Preis ihres Zusammenbruchs entrichten m&#252;ssen; andere Dienste werden auf diesem Weg gewiss folgen &#8211; auch wenn es noch etwas dauert.</p>
<p>Und eines Tages wird die Zeit kommen, da Spionage nur noch das Thema spannender B&#252;cher und Filme ist.</p>
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		<title>Europa duldet Medienzensur in Ungarn</title>
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		<pubDate>Thu, 23 Dec 2010 19:57:51 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Wenn in diesen Tagen von Ungarn die Rede ist, dann nur indirekt wegen dessen Vorr&#252;cken in die EU-Pr&#228;sidentschaft am 1. Januar n&#228;chsten Jahres. Ganz direkt aber, weil das Land dabei ist, hinsichtlich Medienfreiheit in finsterste Zeiten zur&#252;ckzufallen – so weit, dass manche schon sagen, dort entstehe neben Wei&#223;russland eine zweite Diktatur auf europ&#228;ischen Boden. Es [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn in diesen Tagen von Ungarn die Rede ist, dann nur indirekt wegen dessen Vorr&#252;cken in die EU-Pr&#228;sidentschaft am 1. Januar n&#228;chsten Jahres. Ganz direkt aber, weil das Land dabei ist, hinsichtlich Medienfreiheit in finsterste Zeiten zur&#252;ckzufallen <span id="more-2152"></span>– so weit, dass manche schon sagen, dort entstehe neben Wei&#223;russland eine <a href="http://www.euractiv.de/sicherheit-und-verteidigung/artikel/asselborn-kritik-an-barroso-und-van-rompuy-004124" target="_blank"><img src="http://vg06.met.vgwort.de/na/3375f61e527643ac987013cab1f52ef5" alt="" width="1" height="1" />zweite Diktatur auf europ&#228;ischen Boden</a>. Es f&#228;llt damit auch weit zur&#252;ck hinter die erhabensten Stunden seiner eigenen Geschichte, geh&#246;rte doch die Forderung nach Presse- und Meinungsfreiheit zu den vorrangigen Zielen des ungarischen Aufstandes von 1956, der damals blutig niedergeschlagen wurde, was aber nicht verhinderte, dass noch lange danach die deutschsprachige »Budapester Rundschau« in der DDR zu jenen Bl&#228;ttern z&#228;hlte, aus denen man etwas mehr als aus den heimischen Medien zur Lage in der Welt erfahren konnte.</p>
<p>Das alles wird nun mutwillig zerst&#246;rt, weil eine vom ungarischen Volk mit der <a href="http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,736136,00.html" target="_blank">Zwei-Drittel-Mehrheit ausgestattete Partei</a>, enge Freunde der hiesigen Unionsparteien, es f&#252;r angebracht h&#228;lt, zu eigenen Machtsicherung die Medienfreiheit zu beseitigen und eine <a href="http://www.zeit.de/politik/ausland/2010-12/ungarn-mediengesetz-orban" target="_blank">Pressezensur</a>, &#228;hnlich jener in Zeiten eines Mátyás Rakosi, einzuf&#252;hren. Was in der DDR das Presseamt beim Ministerrat und die Agitationskommission des SED-Zentralkomitees waren, wird in Ungarn in einer einzigen Beh&#246;rde zusammengefasst, die Verfassungsrang erh&#228;lt und nur dem Regierungschef verantwortlich ist. Sie produziert k&#252;nftig die Nachrichten, die alle Zeitungen zu ver&#246;ffentlichen haben. Und sie allein bestimmt, ob Journalisten mit »Ausgewogenheit« berichten und ihrer »Informationspflicht« nachkommen oder ob sie wegen Versto&#223;es gegen solche Vorschriften mit hohen Geldstrafen oder aber gar mit Berufsverbot belegt werden – wie es <a href="http://www.zeit.de/politik/ausland/2010-12/ungarn-interview-inotai" target="_blank">schon einigen passierte</a>, ehe das Gesetz &#252;berhaupt in Kraft ist.</p>
<p>All dies geschieht inmitten der Europ&#228;ischen Union, die ansonsten sehr schnell dabei ist, Verst&#246;&#223;e gegen Menschenrechte und Meinungsfreiheit scharf zu gei&#223;eln – au&#223;erhalb ihrer Grenzen. Beim Mitgliedsland, zumal einem konservativ regierten, dr&#252;ckt man schon einmal ein Auge zu. Zwar regt sich nat&#252;rlich scharfe Kritik auch in der EU, doch die Meinung ihrer <a href="http://diepresse.com/home/politik/eu/620800/Kritik-an-Ungarn_Ist-nicht-wuerdig-die-EU-zu-fuehren?_vl_backlink=/home/index.do" target="_blank">F&#252;hrungsgremien und der wichtigsten Regierungen</a> ist das nicht. Aus seinem Badeurlaub in &#196;gypten r&#252;gte <a href="http://www.fr-online.de/kultur/medien/diskretes-grollen-ueber-ungarn/-/1473342/5038280/-/view/asFirstTeaser/-/index.html" target="_blank">Guido Westerwelle</a> einen „undemokratischen, r&#252;ckw&#228;rtsgewandten Kurs“ und betonte das Recht auf freie Meinungs&#228;u&#223;erung und die Werte der Europ&#228;ischen Union. Damit aber meinte er keineswegs Ungarn, sondern Wei&#223;russland. Angela Merkel beauftragte ihren Pressesprecher gerade einmal mit der lendenlahmen Erkl&#228;rung, Ungarn trage »nat&#252;rlich eine besondere Verantwortung f&#252;r das Bild der gesamten Europ&#228;ischen Union in der Welt«, doch bei ihrem Amtskollegen direkt intervenieren mochte sie nicht; solches beh&#228;lt sie sich f&#252;r L&#228;nder wie Russland, China oder Kuba vor. Was gewiss berechtigt ist, aber bar jeder Glaubw&#252;rdigkeit, weil man mit zweierlei Ma&#223; misst.</p>
<p>Verwundern muss solche Zwiesp&#228;ltigkeit freilich nicht, ist doch EU-Europa <a href="http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1348967/" target="_blank">keineswegs ein Vorreiter der Medienfreiheit</a>. Man muss nur nach <a href="http://mein.salzburg.com/blog/standpunkt/2010/12/pressefreiheit-wird-zerknullt.html" target="_blank">Italien</a> blicken, wo Berlusconi schon lange die &#246;ffentliche Meinung beherrscht. Auch in <a href="http://www.salzburg.com/online/nachrichten/newsletter/Sarkozy-schickt-die-Schnueffler.html?article=eGMmOI8V4009E7v10aI7wfUOvUpDx3XLWuV0Acu&amp;img=&amp;text=&amp;mode=" target="_blank">Frankreich</a> hat Pr&#228;sident Sarkozy die Journalisten l&#228;ngst aufs Korn genommen, und in einigen Nachbarl&#228;ndern Ungarns ist die reale Lage nicht anders als in Ungarn, nur wurde die Praxis noch nicht ins Gesetz gegossen. Selbst hierzulande sucht sich die Bundesregierung bei Akkreditierungen zu politischen Spitzenterminen gern die Berichterstatter aus, die ihr genehm sind, und die <a href="http://www.rp-online.de/gesellschaft/leute/Sat1-Teams-reisten-fuenf-Mal-nach-Afghanistan_aid_942944.html" target="_blank">Bundeswehr</a> hat j&#252;ngst Johannes B. Kerner in Afghanistan alle T&#252;ren ge&#246;ffnet, weil er mit seiner Talkshow ausdr&#252;cklich die » Akzeptanz des Einsatzes f&#246;rdere«. Seine Sendung sei »eine Ma&#223;nahme der Informationsarbeit im Gesch&#228;ftsbereich des Bundesministeriums der Verteidigung«, hie&#223; es. Auf der anderen Seite h&#246;rt man auch schon mal Forderungen, die <a href="http://www.news-adhoc.com/union-stellt-wegen-terrorgefahr-pressefreiheit-auf-den-pruefstand-idna20101123104661/" target="_blank">Pressefreiheit um des »Kampfes gegen den Terrorismus«</a> willen einzuschr&#228;nken.</p>
<p>So d&#252;rfte das ungarische Vorgehen letztlich ohne Folgen bleiben. Man wird an den Gesetzen vielleicht noch einige kosmetische &#196;nderungen vornehmen, und die ungarische Regierung bereitet gewiss bereits abwiegelnde Erkl&#228;rungen vor. In der Sache &#228;ndert das jedoch nichts. Ein Kampf f&#252;r Medienfreiheit ist von den Regierenden in der EU nicht zu erwarten. Ein Beleg mehr daf&#252;r, wie wichtig k&#252;nftig Wikileaks und m&#246;gliche weitere solche Enth&#252;llungsplattformen sind.</p>
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		<title>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR – kurze Geschichte eines Spionagedienstes (Teil IX)</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Dec 2010 18:18:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Wer in diesen Tagen aufmerksam die Vorg&#228;nge um Wikileaks verfolgt und dabei registriert, wie hilflos und unprofessionell die US-Regierung samt ihrer Geheimdienste auf Ver&#246;ffentlichung von ihnen aus gutem Grund geheim gehaltener Informationen reagieren, f&#252;hlt sich nicht selten an die Endzeit der DDR und vor allem ihres Geheimdienstes Ministerium f&#252;r Staatssicherheit erinnert. Nat&#252;rlich gibt es kaum direkte Analogien<span id="more-2096"></span>, sind doch die Vorg&#228;nge gr&#252;ndlich anders, aber die Atmosph&#228;re, die Stimmung, die sich um dieses Ereignis ausbreitet, &#228;hnelt schon jener des Jahres 1989 in der DDR, als ein gef&#252;rchtetes Repressivorgan in atemberaubender Geschwindigkeit seine Macht verlor und darauf nicht angemessen zu reagieren wusste.</p>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/12/West-Spione.gif"><img class="alignright size-medium wp-image-2099" title="West-Spione" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/12/West-Spione-199x300.gif" alt="" width="199" height="300" /></a>Auch die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung, der Auslandsgeheimdienst, wurde in diesen Strudel gezogen – und hat es weitgehend geschehen lassen, auch weil sowohl seine F&#252;hrung als auch die Mitarbeiter weder willens noch in der Lage waren, sich gegen die lange einge&#252;bte ideologische Indoktrination und Unterordnung unter h&#246;heren Befehl zu wehren. Dies alles ist in einer fr&#252;h erschienenen Darstellung der Geschichte und Arbeitsweise der HVA, die im Handel nicht mehr verf&#252;gbar ist, dem Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report«, erschienen 1992 im Berliner Verlag ElefantenPress, ausf&#252;hrlich beschrieben. Im folgenden der neunte Teil.</p>
<h2>Der Weg in die Agonie</h2>
<p>»Er beherrscht sein Handwerk in der t&#228;glichen Arbeit, hat sich aber in das System integriert.« Mit solch d&#252;rren Worten beschreibt <a href="http://www.blogsgesang.de/2007/01/19/markus-wolf/" target="_blank">Markus Wolf </a><img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/f89cb05aa95d49688cd31e70672f05b2" alt="" width="1" height="1" />seinen Nachfolger Werner Gro&#223;mann. Er vergisst hinzuzuf&#252;gen, dass gerade er es war, der seinen langj&#228;hrigen Stellvertreter und »Kronprinzen« ganz wesentlich zu diesem Oppor­tunismus erzog.</p>
<p>Gro&#223;mann, Jahrgang 1929, geh&#246;rte zu jenen Leuten, die 1952 im »Institut f&#252;r wirtschaftswissenschaftliche Forschung« anfingen und so die Auslandsspionage der DDR von Anfang an mit aufbauten. Er war zuvor hauptamtlich in der FDJ t&#228;tig gewesen und diente sich unter Wolf allm&#228;hlich hoch. Nie zeichnete er sich durch besondere Kreativit&#228;t aus; seine St&#228;rken waren die F&#228;higkeit zu flei&#223;iger, penibler Arbeit, und der reiche Erfahrungsschatz, den er sich in fast vierzigj&#228;hriger Arbeit als Aufkl&#228;rer erworben hatte, waren solche Eigenschaften wie Zuverl&#228;ssigkeit, Ruhe und Besonnenheit. Er leitete lange Jahre die f&#252;r Milit&#228;rspionage zust&#228;ndige Abteilung IV, sp&#228;ter die Abteilung I, deren »Jagdgebiet« die Regierungsbeh&#246;rden der Bundesrepublik waren. Als Wolfs Stellvertreter war er dann f&#252;r die Anleitung jener Bereiche zust&#228;ndig, die ihre Operationen auf den westlichen deutschen Staat konzentrierten. Dazu geh&#246;rte auch die besondere Beobachtung der von dort ausgehenden »politisch­ideologischen Diversion«.</p>
<p>Gro&#223;manns Werdegang pr&#228;destinierte ihn anscheinend f&#252;r die Nachfolge Wolfs. Er kannte den Spionageapparat fast wie dieser und garantierte so die Kontinuit&#228;t der Arbeit. Kaum jemand schien sich Gedanken dar&#252;ber zu machen, dass inhaltliche wie methodische Impulse von ihm nicht zu erwarten waren. Der &#220;bergang vollzog sich reibungslos; die Arbeit lief weiter, als sei Wolf gerade einmal in Urlaub oder zur Kur. Die DDR-Aufkl&#228;rung war so in ihrem Fahr­wasser festgelegt, dass Ver&#228;nderungen niemandem erforderlich schienen. Sie hatte ihren Platz in der B&#252;rokratie des Landes gefun­den und sollte dort verbleiben, ohne viel aufzufallen oder gar Turbu­lenzen auszul&#246;sen. Insofern war ein Mann, der sich &#8211; Originalton Wolf &#8211; »in das System integriert« hatte, gerade recht.</p>
<p>Und Gro&#223;mann war der typische Juniorpartner. Weniger flexibel als sein Vorg&#228;nger, weniger kompetent, wenn es um vorausgreifen­des Denken ging, seinem Chef h&#246;rig, solange dieser die Befehls­gewalt hatte, dann schnell auf den neuen Herrn Mielke fixiert und diesem so zu Willen wie vordem Wolf. Das musste nicht nur sein Vorg&#228;nger erfahren, von dem er sich schnell distanzierte, als Kritik an ihm laut wurde. Das zeigte sich auch in den Orientierungen und Festlegungen, die Gro&#223;mann traf und mit denen er der Forderung Mielkes nach immer st&#228;rkerer Einbindung der HVA in die »Haupt­aufgabe« des Ministeriums f&#252;r Staatssicherheit, die Bek&#228;mpfung von Subversion, Diversion und »politischem Untergrund« Rech­nung trug. Der Sekret&#228;r der SED-Kreisleitung des MfS, Horst Felber, bezeichnete das so: »Unter dem neuen Leiter hat Mielke ein bisschen mehr direkte Befehlsgewalt &#252;ber die HVA gehabt als unter Wolf. Aber das war auch ein Prinzip seiner Kaderpolitik, da&#223; er sich immer die Gef&#252;gigeren aussuchte.« Dabei waren es Wolf und sein langj&#228;hriger Stellvertreter Hans Fruck selbst gewesen, die Gro&#223;­mann als Nachfolger vorbereitet hatten. Mielke erkannte jedoch schnell, dass er mit diesem Mann besser klarkommen w&#252;rde als mit dessen Vorg&#228;nger.</p>
<p>In den Jahren des Gro&#223;mannschen Regiments seit Ende 1986 nahmen die Dienstleistungen der HVA f&#252;r die Abwehrbereiche des MfS zu. Profane Verrichtungen der Abwehr wie Eins&#228;tze zum »Per­sonenschutz« h&#228;uften sich. Noch mehr als schon zuvor standen Aufkl&#228;rer auf den Stra&#223;en, sa&#223;en in den Stadien, um Politiker und auch die Dynamo-Fu&#223;ballspieler vor Anschl&#228;gen des »Klassenfein­des« zu sch&#252;tzen. Auf Vorhaltungen seiner Abteilungsleiter, die nicht nur auf die umfangreiche zeitliche Belastung, sondern vor allem auf die Risiken f&#252;r die Konspiration ihrer Mitarbeiter ver­wiesen, reagierte Gro&#223;mann unwirsch: »Keine Diskussion! Wir haben uns den Erfordernissen der Hauptabteilung PS unterzuordnen.«</p>
<p>Die Kooperation mit bestimmten Diensteinheiten der Abwehr verst&#228;rkte sich. Das betraf vor allem die Hauptabteilung XX, deren W&#252;nsche nach Unterst&#252;tzung der Bek&#228;mpfung von Andersdenken­den Gro&#223;mann veranlassten, geeignete Abteilungen wie die IX (Spionageabwehr), II (BRD-Parteien und -Organisationen) und VII (Auswertung) zu engerer Zusammenarbeit zu verpflichten. Die<a href="http://www.blogsgesang.de/2010/09/08/hauptverwaltung-aufklaerung-der-ddr-kurze-geschichte-eines-spionagedienstes-teil-v/" target="_blank"> schon dargestellten Ma&#223;nahmen zum Vorgehen gegen »politische Unter­grundt&#228;tigkeit«</a> wurden von ihm befohlen. Er ordnete auch die intensivere Nutzung der Telefonaufkl&#228;rung der Hauptabteilung III &#252;ber Vorg&#228;nge in der BRD an. W&#228;hrend Wolf, der in klassischer Manier mehr auf die direkte menschliche Quelle setzte, der elektronischen Beschaffung deswegen, aber auch aus Konkurrenzgr&#252;nden ziemlich skeptisch gegen&#252;berstand, sah Gro&#223;mann weniger Anlass, diese effektive technische M&#246;glichkeit nicht maximal zu nutzen.</p>
<p>Schlie&#223;lich aktivierte sich auch die Kooperation mit der Haupt­abteilung VI, die unter anderem f&#252;r den »Polittourismus« zust&#228;ndig war. Darunter verstand das MfS Reisen westlicher Politiker in die DDR, die sich dabei zunehmend nicht auf offizielle Treffen mit hochrangigen Partnern beschr&#228;nkten, sondern Kontakt auch zu ein­fachen Leuten, vor allem aber zu Vertretern der Kirchen und vereinzelt auch oppositioneller Gruppen suchten. Dies unter Kontrolle zu halten, war ein vorrangiges Anliegen Mielkes, dem Gro&#223;mann mit der Zuarbeit von Erkenntnissen &#252;ber Reiserouten, geplante Kontaktauf­nahmen und sp&#228;ter Berichte &#252;ber solche Gespr&#228;che und ihre Bewer­tung durch den bundesrepublikanischen Politiker noch gr&#246;&#223;ere Unterst&#252;tzung gab, als dies schon Wolf getan hatte.</p>
<p>Bundeskanzler Kohl zum Beispiel reiste zu einer Zeit, als er noch Oppositionsf&#252;hrer war, einige Male ohne offizielle Ank&#252;ndigung nach Leipzig. Das lie&#223; er selbstverst&#228;ndlich unter der Hand signa­lisieren, und dann erfreute er sich &#8211; gewiss nicht ohne Einverst&#228;ndnis &#8211; der l&#252;ckenlosen Kontrolle durch das MfS. Die dar&#252;ber angefertig­ten Berichte enthielten bis zum Gang auf die Toilette (mit genauer Zeitangabe) tats&#228;chlich jeden seiner Schritte, und da der Bezirkschef des MfS sogar den Ehrgeiz hatte, auch seine Tischunterhaltungen in einem Restaurant mitzubekommen, platzierte er seine Mitarbeiter an den Nebentischen. Sie hatten nichts anderes zu tun, als die Ohren aufzusperren. Die HVA beteiligte sich an solchen Spielchen nicht, denn die Berichte waren f&#252;r ihre Arbeit kaum von Belang.</p>
<p>Mitunter &#252;bernahm die HVA aber sogar bestimmte Aufgaben des Abwehrbereichs zur G&#228;nze. Das betraf zum Beispiel die fr&#252;here Abteilung III, die im MfS f&#252;r die Planung und Vorbereitung von Sabotageakten im Falle einer milit&#228;rischen Auseinandersetzung mit der BRD geschaffen worden war. Ihre Ineffektivit&#228;t erwies sich schon bald; anstatt aber dieses Relikt des kalten Krieges zu liquidie­ren, wurde seine Aufgabenstellung der HVA &#252;bertragen, die daf&#252;r die Abteilung XVIII aufbaute.</p>
<p>Der Minister f&#252;r Staatssicherheit beschr&#228;nkte sich nicht darauf, seine Arbeitsschwerpunkte bei der HVA besser zur Geltung zu brin­gen. Er war zugleich bem&#252;ht, den Einfluss auf die stets beargw&#246;hnte Aufkl&#228;rung generell zu verst&#228;rken. Als bestes Mittel dazu erschien ihm die Kontrolle &#252;ber deren Personal. Er hatte schon zu Zeiten Wolfs mehrfach versucht, die Leitung der f&#252;r die HVA zust&#228;ndigen Kaderabteilung mit einem seiner Gew&#228;hrsm&#228;nner zu besetzen, doch war ihm das damals nicht gelungen. Wolf hatte immer wieder seine eigenen Personalvorstellungen durchgesetzt, aber nach Gro&#223;manns Amtsantritt veranlasste die von Mielke an der kurzen Leine gehaltene Hauptabteilung Kader und Schulung bald einen Wechsel an der Spitze des HVA-Kaderbereichs. Ins Amt kam Wolfgang Kisch, urspr&#252;nglich zwar auch ein Mann der Aufkl&#228;rung, nach einem Aus­landseinsatz jedoch zum Referenten des Kader-Hauptabteilungslei­ters, Generalleutnant M&#246;ller, berufen. Dieser aber hatte zuvor die Spionageabwehr geleitet und war ein enger Vertrauter seines Ministers. Kisch wurde &#252;brigens bis Anfang 1992 vom Bundes­minister des Innern besoldet, als Mitarbeiter des Bundesverwaltungsamtes.</p>
<p>Eine besondere Bedeutung hatte in der zweiten H&#228;lfte der 80er Jahre die Parteiorganisation der HVA. Sie musste mit dem Wider­spruch fertig werden, dass sich in der KPdSU durch Gorbatschows Politik der Perestroika langsame Ver&#228;nderungen vollzogen, w&#228;h­rend die SED stur an ihrer schon gescheiterten Linie festhielt. Nicht wenige HVA-Mitarbeiter dr&#228;ngten &#8211; nicht zuletzt aus ihrer genauen Kenntnis der Lage heraus &#8211; auf Unterst&#252;tzung des sowjetischen Kurses und brachten das auch in den obligatorischen Parteiberichten zum Ausdruck, wenn auch mehr zwischen den Zeilen als im Klartext. Diese Berichte wurden jedoch auf dem Weg bis zur Spitze immer weiter relativiert, abgeschw&#228;cht, so dass am Ende in der Regel die gew&#252;nschten Zustimmungsschreiben standen. Die Leitung der Parteiorganisation, in ihren wichtigsten Funktionen seit Jahrzehnten im Amt, war weder bereit noch in der Lage, diese Signale aufzuneh­men, geschweige denn weiterzugeben. Schon Markus Wolf hatte sie vorrangig als Erf&#252;llungsgehilfen betrachtet; sie sollte seine Politik unterst&#252;tzend begleiten. Dabei blieb es auch unter seinem Nachfolger. Und die Parteimitglieder fanden fast nie die Kraft, sich gegen den apologetischen Kurs ihrer Leitung zu stellen. Die von oben kom­menden Weisungen wurden strikt erf&#252;llt und damit auch all jene gema&#223;regelt, die doch einmal ein offenes Wort gewagt hatten. Indem sie in aller Regel ihre Zunge im Zaum hielten, erleichterten sie der Parteileitung ihre gewiss undankbare, aber doch nie in Frage gestellte Aufgabe.</p>
<p>So war es zwangsl&#228;ufig, dass der Realit&#228;tsverlust auch in der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung &#8211; obwohl gerade sie f&#252;r wahrheits­getreue Berichte zust&#228;ndig war &#8211; um sich griff. Die Informationen aus dem Operationsgebiet lie&#223;en deutlich erkennen, dass auf nahezu allen Gebieten eine R&#252;ckw&#228;rtsentwicklung eingesetzt hatte und es nur noch eine Frage der Zeit war, wann die DDR in existentielle Schwierigkeiten kommen w&#252;rde. In einer Analyse vom Sommer 1989 hie&#223; es zutreffend, dass nach &#252;bereinstimmender Meinung zahlreicher westlicher Beobachter in der DDR »zahlreiche Probleme heranreiften bzw. sich schrittweise herausbildeten, die in absehbarer Zeit neue L&#246;sungen erforderten, ohne dass seitens Partei und Regierung auf diese Herausforderungen in gen&#252;gendem Ma&#223;e reagiert werde. Aus diesem Widerspruch zwischen Notwendigkeiten und tats&#228;chlichen Ver&#228;nderungen erwachse ein Vertrauens­schwund der DDR-B&#252;rger in die Politik der Partei- und Staatsf&#252;h­rung, der mit zunehmender Passivit&#228;t bzw. Resignation breiter Bev&#246;lkerungskreise, ausgedr&#252;ckt insbesondere in einem Anstieg der Antr&#228;ge auf st&#228;ndige Ausreise aus der DDR, verbunden sei. Diese Tendenz w&#252;rde durch &#228;u&#223;ere Einfl&#252;sse, vor allem die Umge­staltung in der UdSSR, Teilreformen in anderen sozialistischen L&#228;ndern, den KSZE-Proze&#223; und die durch Besuchsreisen wesent­lich erweiterten M&#246;glichkeiten f&#252;r DDR-B&#252;rger, die Entwicklung ihres Staates mit der der BRD zu vergleichen, st&#228;ndig verst&#228;rkt. Abgeleitete Ursachen f&#252;r die von ihnen diagnostizierte innere Stagnation der DDR sehen westliche Analytiker im gegenw&#228;rtigen Funktionieren des rechtlichen Systems und den Formen der Machtaus&#252;bung, im Stillstand bzw. einem teilweisen R&#252;ckgang des Lebensniveaus der Bev&#246;lkerung als Resultat r&#252;ckl&#228;ufiger Wachs­tumsraten in der Wirtschaft und einem sich daraus ergebenden Gef&#252;hl der Perspektivlosigkeit bei vielen DDR-B&#252;rgern.«</p>
<p>Obwohl der Bericht mit konjunktivischer Vorsicht abgefasst war, fand er aufgrund seiner vom Selbstbild der SED-F&#252;hrung diametral abweichenden Aussagen nicht die Zustimmung Mielkes. Vor der Weitergabe musste in beinahe jeden Satz eingef&#252;gt werden, dass diese Wertungen von feindlichen Kr&#228;ften der Bundesrepublik stammten, dass Diversionseinrichtungen mit solchen Argumenten die DDR verleumdeten und dass es sich dabei um Behauptungen reaktion&#228;rer, antisozialistischer Kreise handelte. Indem die Aufkl&#228;rer diese verlangten &#196;nderungen vornahmen, wurde das Feindbild der F&#252;hrung bedient; f&#252;r sie war selbstverst&#228;ndlich, dass der »Feind« so urteilte, weil er der »erfolgreichen« DDR am Zeuge flicken oder vielleicht gar von den eigenen »Gebrechen« ablenken wollte. Gro&#223;mann, der jede dieser Informationen unterschreiben musste, aber auch seine Auswerter, die letztlich den Forderungen von oben nachkamen, f&#252;gten sich den &#196;nderungsw&#252;nschen des Ministers.</p>
<p>Die so gereinigten Endprodukte wurden denn auch nicht ernst genommen und, da sie noch ein wenig Kritik enthielten, in eine Reihe mit den Berichten der bundesdeutschen Medien gestellt. Erich Honecker selbst hat dar&#252;ber berichtet: »Die Berichte vom MfS &#8230; erschienen mir immer wie eine Zusammenfassung der Ver&#246;ffentli­chungen der westlichen Presse &#252;ber die DDR &#8230; Ich selbst habe diesen Berichten wenig Beachtung geschenkt, weil all das, was dort drin stand, man auch aus den Berichten der westlichen Medien gewinnen konnte.«</p>
<p>Im Oktober 1989 dann, als die Wahrheit absolut nicht mehr sch&#246;nzureden war, wurden derartige Informationen nicht mehr weitergegeben. Der riesige Beschaffungsapparat der HVA f&#252;hlte sich gel&#228;hmt, da kein Interesse mehr an seinen Erkenntnissen bestand. Vorher jedoch war nach immer neuen Informationen gerufen wor­den, mussten alle Quellen pausenlos berichten, vor allem auch &#252;ber abwehrrelevante Vorg&#228;nge. Die Diensteinheiten der Abwehr erstickten fast in Informationen, ihre Auswertung jedoch erfolgte dort ganz besonders mit den von der SED verordneten Scheuklappen. Und wenn sie selbst einmal Missst&#228;nde registrierten, blieben sie dabei stehen, konnten sie keinen Beitrag zu den notwendigen Ver&#228;n­derungen leisten. Immer &#246;fter fragten Kundschafter aus der Bundesrepublik, was denn mit ihren Informationen werde, ob man sie nicht ernst nehme, warum die DDR-F&#252;hrung &#8211; obwohl vom Geheimdienst ins Bild gesetzt &#8211; nicht reagiere. Die erste Selektion der unangeneh­men Wahrheiten erfolgte &#8211; wie gesagt &#8211; schon im Hause der HVA; dies setzte sich fort bei der gegen jede »Diversion« (auch die der DDR-F&#252;hrung!) vorgehende Zentrale Auswertungs- und Informa­tionsgruppe, die jedes weitergegebene Material in Mielkes Auftrag zensierte. Der Minister selbst legte mitunter auch noch Hand an, und selbst dieses gesch&#246;nte Resultat wurde schlie&#223;lich als unglaubw&#252;r­dig ad acta gelegt. Die Ignoranz ging so weit, dass einfach nicht geglaubt wurde, was nicht ins eigene Bild passte &#8211; nach dem Motto: Die Landschaft ist falsch, aber die Karte stimmt!</p>
<p>&#196;hnliche Erfahrungen hatte schon der f&#252;r die Sowjetunion spio­nierende Deutsche Richard Sorge mit Stalin gemacht, der den Ter­min des faschistischen &#220;berfalls auf die UdSSR als Unsinn abtat. Wer von der eigenen Unfehlbarkeit derart &#252;berzeugt ist, braucht auch den Nachrichtendienst nur noch zur Best&#228;tigung der eigenen Meinung. Die Politik hatte sich mit ihren Einsch&#228;tzungen bereits derart von der Wirklichkeit abgehoben, dass sie weder f&#252;r Argumente und selbst nicht mehr f&#252;r Tatsachen zug&#228;nglich war. Es h&#228;ufte sich nutzloses Wissen an, zu dessen Beschaffung und Verwaltung jedoch ein immer gr&#246;&#223;erer Aufwand betrieben wurde.</p>
<p>Im kleinen Kreis hatten die Leiter der Hauptverwaltung Aufkl&#228;­rung, Markus Wolf eingeschlossen, gelegentlich durchaus dar&#252;ber sinniert, ob nicht weniger mehr sei. Wenn der gro&#223;e quantitative Aufwand auf wenige lohnenswerte Vorg&#228;nge konzentriert w&#252;rde, so die Lesart, k&#246;nnte das die Qualit&#228;t erh&#246;hen. Viele sahen, in welchem Ma&#223;e Kapazit&#228;ten durch die sogenannte Tonnenideologie gebunden wurden, nach der die Ergebnisse der Arbeit von Zahlen abgelesen wurden, ohne gen&#252;gend die dahinterstehenden Leistungen zu beachten. Dennoch konnte sich niemand zu Ver&#228;nderungen durch­ringen. &#220;berall in der Gesellschaft wurden »Erfolge« statistisch errechnet und ausgedr&#252;ckt; wollte jemand anders vorgehen, so schien sein Scheitern vorprogrammiert. Auch in dieser Hinsicht passte sich also die HVA den Gegebenheiten an &#8211; und mit dem Amtsantritt Gro&#223;manns mehr noch als zuvor.</p>
<p>Zum Beispiel mussten immer mehr und neue Werberkandidaten gewonnen werden, obwohl viele von ihnen zwar Arbeit, Zeit und Geld kosteten, jedoch wenig einbrachten. Manche stellten sich sogar auf diese Fehlorientierung der Zentrale geschickt ein und profitierten jahrelang davon. Die gleiche Zahlenspielerei wurde bei den be­schafften Informationen betrieben. In den j&#228;hrlichen Jahresauswer­tungen ging es zuerst um die absoluten Zahlen beschaffter Materia­lien, und kein Abteilungsleiter konnte es sich wagen, unter denen des Vorjahres zu bleiben. Erst in zweiter Linie interessierte die Qualit&#228;t, und Vorhaltungen der Auswerter, im Interesse des nachrichten­dienstlichen Gehalts von Informationen auf diese Seite der Arbeit gr&#246;&#223;eren Wert zu legen, waren zumeist in den Wind gesprochen.</p>
<p>Groteske Formen nahm dieses Haschen nach vordergr&#252;ndigem Erfolg besonders dann an, wenn in der Presse durchgesickert war, dass zum Beispiel die NATO ein neues milit&#228;rstrategisches Papier erarbeite. Man konnte sicher sein, dass dann Mielke sofort beim Leiter der Aufkl&#228;rung anrief und die unverz&#252;gliche Beschaffung dieses Dokuments befahl &#8211; so als k&#246;nne man es an jedem Bahn­hofskiosk kaufen. Ein Wettlauf zwischen den in Frage kommenden Abteilungen begann &#8211; mit allen Gef&#228;hrdungen, die solcher Voluntarismus f&#252;r konspirative Arbeit mit sich bringt. Schlie&#223;lich lag das Material in mehrfacher Ausfertigung auf dem Tisch oder aber &#8211; und das war h&#228;ufiger der Fall &#8211; es konnte nur bruchst&#252;ckhaft, oft allein durch Absch&#246;pfung, beschafft werden, und die Auswertungsabtei­lung hatte die Aufgabe, daraus etwas mit Hand und Fu&#223; zu machen. Ehe dies gelang, stand es vielleicht schon in der Zeitung; oder aber es zeigte sich, dass der NATO-Berg nur mit einem M&#228;uslein schwanger gegangen war. Der gesamte Aufwand hatte sich als &#252;berfl&#252;ssig erwiesen.</p>
<p>Dieses Vorgehen f&#252;hrte zugleich zu einer Fehlbewertung der legalen Residenturen. Sie waren es, die relativ schnell &#8211; durch Gespr&#228;che &#8211; etwas in Erfahrung bringen konnten, w&#228;hrend die illegale Linie zur Beschaffung des entsprechenden Dokuments in der Regel l&#228;nger brauchte, schon aus Gr&#252;nden der Sicherheit ihrer Quellen. Andererseits waren die Absch&#246;pfberichte nat&#252;rlich weitaus weniger aussagekr&#228;ftig, oft sogar verzerrt und irref&#252;hrend. Die in den Aus­landsvertretungen der DDR arbeitenden HVA-Mitarbeiter, zumeist »Offiziere im besonderen Einsatz« (OibE), wussten nat&#252;rlich, was die »Partei- und Staatsf&#252;hrung« h&#246;ren wollte. Sie passten ihre Berichte oftmals diesen W&#252;nschen an. Au&#223;erdem hatten sie meist Gespr&#228;ch­spartner, die zumindest ahnten, welchen Weg ihre Aussagen nahmen, und entsprechend vorsichtig formulierten. Kaum ein OibE war bereit, in seiner »Nebent&#228;tigkeit« f&#252;r das MfS ein Risiko einzugehen &#8211; konnte das doch sofortigen R&#252;ckzug und das Ende einer vielleicht aussichtsreichen Karriere bedeuten.</p>
<p>All dies wirkte sich negativ auf Zuverl&#228;ssigkeit und nachrichten­dienstlichen Wert der Absch&#246;pfinformationen aus. Da es jedoch vor allem auf Schnelligkeit ankam, &#252;bersah man das gro&#223;z&#252;gig und gab sich mit solch minderer Qualit&#228;t zufrieden. Das dann sp&#228;ter einge­hende Dokument fand kaum noch die geb&#252;hrende Beachtung; mit­unter wurde es sogar unterschlagen, weil auf seiner Basis fr&#252;here Aussagen h&#228;tten korrigiert werden m&#252;ssen. Dennoch blieb in der HVA insgesamt die illegale Beschaffung von Dokumenten das Ent­scheidende, aber Qualit&#228;tseinbu&#223;en aufgrund des genannten Vor­gehens waren nicht zu &#252;bersehen. Auf diese Weise wuchs auch die F&#252;lle oftmals toten Papiers, das nach seiner Bewertung als Mittel­ma&#223; im Archivkeller landete, ohne jemals wieder angesehen zu werden, unaufh&#246;rlich. Die Schlussfolgerung lief jedoch nicht auf eine Reduzierung solch &#252;berfl&#252;ssiger Makulatur hinaus, sondern es wurde dar&#252;ber nachgedacht, wie sie mit Hilfe der modernen Technik besser verwaltet werden k&#246;nne. Dazu schuf sich die HVA eine elek­tronische Datenbank, in die s&#228;mtliche beschafften Informationen einzuspeichern waren. Mit Hilfe eines Thesaurus und der in ihm aufgef&#252;hrten Schlagw&#246;rter sollte der Zugriff zum gesamten Material sichergestellt werden. Diese durchaus sinnvolle Einrichtung war jedoch durch den Umfang des Gespeicherten lediglich begrenzt nutzbar. Die Erfassung der Stichw&#246;rter konnte nur relativ oberfl&#228;ch­lich gehandhabt werden, die Differenzierung zwischen den Informa­tionen erwies sich als zu grob. Besonders absurd war die Vorstellung, durch den Speicher Werbevorg&#228;nge besser prognostizieren zu k&#246;nnen. Man hatte begonnen, einige verf&#252;gbare Angaben &#252;ber Personen im Operationsgebiet im Computer zu speichern. Sie wurden mitunter abgerufen und aus der Zusammenschau der Daten abgeleitet, ob, wie und in welchem Zeitraum eine Werbung m&#246;glich sein m&#252;sste. Dies erinnerte ein wenig an den Krieg der Sterne; einige HVA-Verant­wortliche wollten offensichtlich den Kampf mit ihren Kontrahenten vom Computer aus f&#252;hren.</p>
<p>Bei all dem soll nicht &#252;bersehen werden, dass nat&#252;rlich auch in jenen Jahren das Bem&#252;hen vorhanden war, die geheimdienstliche Arbeit mit allen Mitteln zu qualifizieren, und dabei Ergebnisse erreicht wurden. So eignete sich selbstverst&#228;ndlich der Computer durchaus f&#252;r eine Rationalisierung von Informationsprozessen. In den 80er Jahren bauten die Nachrichtendienste der damaligen sozialistischen L&#228;nder mit dem SUD-System ein Verbundnetz auf, in das vor allem geheimdienstlich interessante Personen, aber auch vermutliche Terroristen und internationale Waffen- und Rauschgifth&#228;ndler eingespeichert wurden. So meldete sich eines Tages in Warnem&#252;nde ein Holl&#228;nder, der mit der F&#228;hre aus D&#228;nemark gekommen war und angab, geheimes NATO-Material zu besitzen, da er bei den Allied Forces of central Europe (AFCENT) in Brunssum bei Maastricht gearbeitet habe. Zwei Spezialisten der HVA f&#252;hlten ihm auf den Zahn und stellten schnell fest, dass er die Geb&#228;ude des AFCENT in Brunssum noch nie von innen gesehen hatte, nicht einmal die Anzahl der Stockwerke wusste und seine eigene Zimmernummer dort &#252;ber­haupt nicht vorkam. Er hatte sich schnell als Scharlatan entlarvt und wurde abgeschoben. Seine Personaldaten aber landeten im SUD-Computer. Nur zwei Wochen sp&#228;ter erschien der gleiche Mann mit einem &#228;hnlichen Angebot bei der polnischen Spionage in Gdansk; dank des Verbundnetzes war man dort &#252;ber ihn sofort im Bilde.</p>
<p>Eine gewisse Entwicklung erfuhr in den 80er Jahren auch die Anwendung der Psychologie in der Spionaget&#228;tigkeit. Jahrelang war sie als Wissenschaft von der HVA untersch&#228;tzt worden, hatte man ihre Erkenntnisse lediglich intuitiv, empirisch genutzt. Nun aber, da die Anbahnung von Kontakten immer schwieriger wurde und die Informationsarbeit &#8211; zum Beispiel durch die Zunahme der legalen Beschaffung &#8211; auch teilweise anderen Gesetzen folgte, spielte sie eine immer gr&#246;&#223;ere Rolle. F&#252;r einige Aufkl&#228;rer bot sie dar&#252;ber hinaus die M&#246;glichkeit, den ideologischen Vorgaben auszuweichen und das Professionelle in der Arbeit st&#228;rker zu betonen.</p>
<p>Insgesamt l&#228;sst sich der &#220;bergang der Leitung der Hauptverwal­tung Aufkl&#228;rung von Wolf auf Gro&#223;mann als kontinuierliche Fort­setzung des fr&#252;heren Kurses, einschlie&#223;lich seiner schon sichtbar werdenden Schw&#228;chen, charakterisieren. Viele Fehlentwicklungen waren lange vorprogrammiert; dass sie jetzt besonders sichtbar wurden, lag nur zum Teil an Werner Gro&#223;mann, der durch seine Ergebenheit und Durchschnittlichkeit sowie die enge Verhaftung mit der jahrelang »bew&#228;hrten« Linie weder in der Lage noch willens war, neue Akzente zu setzen. Die Stagnation der HVA war vor allem bedingt durch die Gesamtsituation der DDR in ihrer zunehmenden Agonie. Die DDR-Spionage als Teil des gesellschaftlichen Systems unterlag dessen allgemeinen Gesetzm&#228;&#223;igkeiten. Sie war im Prinzip den gleichen Weg gegangen wie der gesamte Machtapparat. Als der Herbst 1989 nahte, fand sie sich daher in der gleichen Verst&#228;ndnis-und Hilflosigkeit wie er.</p>
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		<title>Wikileaks erzwingt Glasnost im Westen</title>
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		<pubDate>Tue, 30 Nov 2010 17:43:49 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Wer erinnert sich noch das Wortes »Glasnost«, das vor 20 Jahren Hochkonjunktur hatte? Es kommt aus dem Russischen und hei&#223;t im politischen Sinne »Offenheit«. Damals war es auf die Sowjetunion als Vormacht des »sozialistischen Lagers« gem&#252;nzt und was sich dahinter verbarg, die Offenlegung jahrzehntelang betriebener sozialistischer Geheimniskr&#228;merei, wurde weltweit begeistert mit Beifall bedacht – am meisten von jenen, die heute Glasnost, politische Offenheit. Transparenz in &#246;ffentlichen Angelegenheiten mit dem Staatsanwalt verfolgen wollen. <span id="more-2085"></span>Solange die Offenlegung staatlicher Aktivit&#228;ten – nat&#252;rlich nur der Gegenseite – in der Systemauseinandersetzung von Nutzen war, hat man nicht genug davon haben k&#246;nnen. Nun aber, wo <a href="http://www.faz.net/s/RubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3/Doc~EA6253F73150B4E33ADE613D197B1EF9E~ATpl~Ecommon~Scontent.html" target="_blank"><img src="http://vg09.met.vgwort.de/na/8422ccdbcb8f4f0a90c07b198ce23f9f" alt="" width="1" height="1" />die eigene Geheimpolitik </a>pl&#246;tzlich des sch&#252;tzenden Schleiers entzogen wird, macht man daraus gern ein kriminelles Vergehen. Ein <a href="http://www.zdnet.de/news/digitale_wirtschaft_internet_ebusiness_us_kongressabgeordneter__wikileaks_ist_eine_terrororganisation_story-39002364-41541356-1.htm" target="_blank">US-Abgeordneter </a>forderte gar, Wikileaks zur terroristischen Organisation zu erkl&#228;ren.</p>
<p>Dabei tut Wikileaks nichts anderes als die B&#252;rgerrechtler der sozialistischen L&#228;nder, die DDR eingeschlossen, vor 20 Jahren. Sie brachten damals in die &#214;ffentlichkeit, was die Herrschenden gern verschwiegen haben – und das waren nat&#252;rlich nicht ihre Wohltaten f&#252;rs Volk; die wurden in epischer Breite dargestellt. Doch all das, was Unzufriedenheit ausl&#246;sen konnte, was negativ war, was sich gegen das Volk richtete, bis hin zu Verbrechen, all das verschwand hinter einer Wand von Geheimhaltung, die durch offene Repression wie juristische Man&#246;ver undurchdringlich gemacht wurde. Heute ist es eine Internetplattform, die in die &#214;ffentlichkeit bringt, <a href="http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,731918,00.html" target="_blank">was die jetzigen Herrschenden gern verschwiegen h&#228;tten </a>– und auch das sind nat&#252;rlich nicht ihre Wohltaten, die sie wie eh und je unters Volk zu bringen versuchen – vielleicht nicht mehr in ellenlangen Reden, sondern in »Podcasts« oder vornehmen gestalteten Anzeigenseiten in den Zeitungen. Denn auch sie haben viel zu verbergen, negative Beschl&#252;sse, Kungeleien, Intrigen, Kriegsvorbereitungen und auch – wie fr&#252;here Ver&#246;ffentlichungen von Wikileaks zeigten – Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die sie in der &#214;ffentlichkeit vorgeblich so hoch sch&#228;tzen. Das Internet gibt Glasnost nun auch in den sich so gern als unfehlbar darstellenden westlichen Demokratien eine Chance – und damit den B&#252;rgern, wie vor 20 Jahren im Osten, die M&#246;glichkeit, kompetent in den eigenen Angelegenheiten mitzureden.</p>
<p>Die Sturmgesch&#252;tze, die seitens der Regierenden gegen solche Transparenz, f&#252;r die sie eigentlich selbst sorgen m&#252;ssten, aufgestellt werden, sind entlarvend. Denn sie verweisen auf un&#252;bersehbare Parallelen im politischen Gesch&#228;ft zwischen undemokratischen Regimen und den so genannten westlichen Demokratien. Nicht zuf&#228;llig d&#252;rfte man <a href="http://www.ftd.de/politik/deutschland/:enthuellungen-bei-wikileaks-razzia-im-jugendklub-der-fdp/50200237.html" target="_blank">in der FDP den in ihren F&#252;hrungsgremien vermuteten »inoffiziellen Mitarbeiter«</a> der US-Botschaft mit dem DDR-Spion G&#252;nter Guillaume verglichen haben, und ebenso wenig zuf&#228;llig hat wohl auch <a href="http://www.focus.de/politik/deutschland/tid-20594/wikileaks-veroeffentlichung-schaeuble-fuehlt-sich-an-stasi-erinnert_aid_576908.html" target="_blank">Wolfgang Sch&#228;uble </a>den Zusammenhang zwischen den jetzt ver&#246;ffentlichten US-Dokumenten mit Stasi-Akten hergestellt. Da wie dort diente und dient die Geheimhaltung der Beherrschung des Volkes. Es sollte und soll aus den Entscheidungen &#252;ber seine eigene Angelegenheiten herausgehalten werden. Nicht nur Wikileaks durchkreuzt eine solche Strategie; auch die <a href="http://www.focus.de/digital/internet/internet-enthuellungen-wikileaks-ist-erst-der-anfang_aid_577086.html" target="_blank">Demonstranten von Stuttgart </a>forderten als Erstes Information, die Offenlegung der geheimen Vorg&#228;nge, die mit dem dortigen Bahnhofsneubau zu tun haben.</p>
<p>Solche Transparenz, solche Offenheit auf der politischen B&#252;hne geht<a href="http://www.sueddeutsche.de/politik/wikileaks-usa-wikileaks-und-der-schaden-fuer-die-weltsicherheit-1.1029897" target="_blank"> ans Selbstverst&#228;ndnis der Herrschaftseliten</a>. Deshalb bot Baden-W&#252;rttembergs Landesregierung im Stuttgarter Schlossgarten ihre gesamte repressive Macht gegen friedliche Demonstranten auf. Und deshalb geht die politische Klasse beinahe <a href="http://www.welt.de/debatte/kommentare/article11271004/Nichts-kann-die-Wikileaks-Enthuellungen-rechtfertigen.html" target="_blank">weltweit gegenw&#228;rtig gegen Wikileaks mit Mitteln vor</a>, die fatal an die Zersetzungspraktiken der DDR-Staatssicherheit erinnern. Wer die Arbeit der Geheimdienste nur ein wenig kennt, wei&#223;, dass seit langem ganze Kompanien unterwegs sein d&#252;rften, um die Organisation von Innen her zu zerst&#246;ren. Sowohl die immer wieder, jedoch mit wenig Hintergrund gestreuten <a href="http://www.zeit.de/politik/2010-11/dokumente-des-zorns" target="_blank">Meldungen &#252;ber innere Streitigkeiten </a>als auch die Vergewaltigungsvorw&#252;rfe gegen <a href="http://www.welt.de/debatte/kommentare/article11287482/Das-Netz-des-Anarchisten-Julian-Assange.html" target="_blank">Wikileaks-Sprecher Julian Assange </a>sprechen eine deutliche Sprache. Dazu kommen inzwischen Verd&#228;chtigungen, <a href="http://www.welt.de/debatte/kommentare/article11284510/Wikileaks-Enthuellungen-bedrohen-unsere-Freiheit.html" target="_blank">die Freiheit zu bedrohen,</a> gar f&#252;r andere Geheimdienste zu arbeiten – auch das war Argumentation im Haus Mielke, wenn es B&#252;rgerrechtler auszuschalten galt.</p>
<p>So zeigt Wikileaks mit seinen Aktivit&#228;ten, wie sehr Informiertheit, Transparenz, eben Glasnost Voraussetzung f&#252;r Demokratie ist – unabh&#228;ngig vom jeweils herrschenden politischen System. Die Organisation steht in der Tradition auch derjenigen, die die politische Wende vor 20 Jahren ma&#223;geblich herbeif&#252;hrten. Sie legt offen, wie sehr das jetzt dominierende politische System diesbez&#252;glich Nachholbedarf hat. Und leistet zugleich ihren <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/1130/meinung/0014/index.html" target="_blank">Beitrag, dessen demokratische Defizite zu verringern</a>. Eigentlich m&#252;ssten die Regierenden Wikileaks daf&#252;r dankbar sein.</p>
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		<title>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR – kurze Geschichte eines Spionagedienstes (Teil VIII)</title>
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		<pubDate>Fri, 05 Nov 2010 17:59:18 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[K&#252;rzlich machte ein ehemaliger MfS-Offizier noch einmal von sich reden, der schon fast vergessen war. Werner Stiller, der durch seine Flucht aus der DDR in die Bundesrepublik 1979 die DDR-Spionage in eine ziemliche Krise st&#252;rzte, hatte bereits in den 80er Jahren ein Buch &#252;ber seinen Wechsel von einem Geheimdienst in den anderen geschrieben, bei dem [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>K&#252;rzlich machte ein ehemaliger MfS-Offizier noch einmal von sich reden, der schon fast vergessen war. Werner Stiller, der durch seine Flucht aus der DDR in die Bundesrepublik 1979 die DDR-Spionage in eine ziemliche Krise st&#252;rzte<span id="more-2027"></span>, hatte bereits in den 80er Jahren ein Buch &#252;ber seinen Wechsel von einem Geheimdienst in den anderen geschrieben, bei dem allerdings der Bundesnachrichtendienst weitgehend die Feder f&#252;hrte. Offensichtlich wollte er das Propagandawerk so nicht stehen la<a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/11/West-Spione1.gif"><img class="alignright size-medium wp-image-2033" title="West-Spione" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/11/West-Spione1-199x300.gif" alt="" width="199" height="300" /></a>ssen und verfasste nun die <a href="http://www.weltexpress.info/cms/index.php?id=6&amp;tx_ttnews%5Btt_news%5D=27573&amp;tx_ttnews%5BbackPid%5D=385&amp;cHash=e3aed3de41" target="_blank"><img src="http://vg08.met.vgwort.de/na/d2dd368d245c4c8aa33a662e122c3121" alt="" width="1" height="1" />Neufassung »Der Agent«</a> &#252;ber sein <a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/179674.die-gegenspionage-war-toll.html?sstr=Werner|Stiller" target="_blank">»Leben in</a><a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/179674.die-gegenspionage-war-toll.html?sstr=Werner|Stiller" target="_blank"> </a><a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/179674.die-gegenspionage-war-toll.html?sstr=Werner|Stiller" target="_blank">drei</a><a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/179674.die-gegenspionage-war-toll.html?sstr=Werner|Stiller" target="_blank"> Geheimdiensten«, </a>denn auch der CIA hatte ihn zeitweise unter seine Fittiche genommen.</p>
<p>Die erste zusammenfassende Darstellung des Falles Stiller aus Sicht der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung war in einer fr&#252;h erschienenen Darstellung der Geschichte und Arbeitsweise der HVA, die im Handel nicht mehr verf&#252;gbar ist, dem Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report«, publiziert 1992 im Berliner Verlag ElefantenPress, nachzulesen. Sie folgt hier als achter Teil der Online-Ver&#246;ffentlichung dieses Buches.</p>
<h2>Als ein Stiller zu sprechen begann</h2>
<p>Das dritte Januar-Wochenende 1979 war f&#252;r viele HVA-Mitar­beiter alles andere als geruhsam. Besonders im »Sektor Wis­senschaft und Technik« (SWT) musste rund um die Uhr gearbeitet werden – zur Schadensbegrenzung. Am Morgen des 19. Januar fand der Leiter der Abteilung XIII, Gerhard Jauck, nicht nur den Panzerschrank seiner Sekret&#228;rin aufgebrochen, sondern auch in seinem eigenen Zimmer einen Mei&#223;el, der offenbar dem Zweck gedient hatte, seinen Safe ebenfalls zu knacken. Das schien nicht gelungen, doch die Sache war alarmierend genug: Ein Mitarbeiter der Abteilung hatte sich – zus&#228;tzlich zu dem, was er wusste – mit konspirativem Material versorgt und war offensichtlich auf dem Wege in die Bundesrepublik. Wie immer in einem solchen Fall, ging es zun&#228;chst um die Identifizierung des »Abgangs«. Der war an diesem Freitag schnell gefunden, wenn auch beinahe unglaub­lich. Ausgerechnet der frisch gew&#228;hlte Sekret&#228;r der SED-Partei­organisation hatte sich in den Westen abgesetzt, der 30j&#228;hrige Werner Stiller, der bis dahin als ein »entwicklungsf&#228;higer Kader« galt.</p>
<p>Nun wurde er zu einer der gr&#246;&#223;ten Schlappen der H VA. In 17 F&#228;llen gelang der bundesdeutschen Polizei nach seinen Hinweisen die Festnahme von DDR-Spionen. Mehr als ein Dutzend weitere Gef&#228;hrdete setzten sich in die DDR ab. Der Generalbundesanwalt leitete &#252;ber 100 Ermittlungsverfahren ein, von denen allerdings zahlreiche ins Leere griffen. Das Innenministerium konstatierte dennoch zu Recht: »Stiller ist einer der wertvollsten &#220;berl&#228;ufer. Seine umfassenden Aussagen in Verbindung mit dem mitgebrach­ten Originalmaterial vermittelten den westlichen Abwehrdiensten ein nahezu l&#252;ckenloses Bild &#252;ber die spezielle Entwicklung des &gt;Sektors Wissenschaft und Technik&lt; sowie der Struktur, Aufgaben­stellung und Arbeitsmethoden der HVA des MfS.«</p>
<p>Tats&#228;chlich war das Verschwinden Stillers ein Schock f&#252;r die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung. Sofort wurden alle erreichbaren Mitarbeiter informiert; ein jeder musste detailliert schriftlich dar­legen, &#252;ber welche konspirativen Fakten und Vorg&#228;nge der Geflohene Kenntnis hatte. Innerhalb weniger Stunden war so das Ausma&#223; des vermutlichen Verrats &#252;bersehbar, und es konnten Ma&#223;nahmen zur Schadensbegrenzung eingeleitet werden. Vor allem galt es, alle diejenigen, die durch ihn unmittelbar gef&#228;hrdet waren, zu warnen. Das gelang nur noch begrenzt. Die genannte Erfolgsmeldung der BRD-Sicherheitsbeh&#246;rden entsprach den Tatsachen.</p>
<p>Bei aller Aufregung, die der &#220;bertritt Stillers in die Bundes­republik ausl&#246;ste, hat er dennoch zu keiner Zeit die Arbeit der HVA paralysiert. Mittlerweile waren vor allem die &#228;lteren Aufkl&#228;rer so erfahren, dass sie einen solchen Einbruch nie ausschlossen. HVA-Chef Markus Wolf hatte noch einen Tag (!) vor der Flucht Stillers auf einer Parteiveranstaltung vor Sorglosigkeit in dieser Hinsicht gewarnt. Stiller selbst, der dabei anwesend war, gab sp&#228;ter zu, dass ihm dabei sehr unbehaglich wurde und er sogar nicht ausschloss, dass Wolf »gleich mit ausgestrecktem Finger auf mich weisen w&#252;rde«. M&#246;glicherweise hat dieses Ereignis zu seiner zwar schon seit einiger Zeit geplanten, dann aber doch recht &#252;berst&#252;rzten Flucht beigetragen.</p>
<p>Au&#223;erdem war Stiller nicht der erste, der einen solchen Schritt tat. Nach <a href="http://www.blogsgesang.de/2010/07/06/hauptverwaltung-aufklaerung-der-ddr-kurze-geschichte-eines-spionagedienstes-teil-i/" target="_blank">Krau&#223; und Heim </a>war 1961 mit G&#252;nter M&#228;nnel ein dritter HVA-Offizier diesen Weg gegangen; mittlerweile lagen also Erfahrungen vor, und die Ma&#223;nahmen zur Schadensbegrenzung waren erprobt. Durch die seither erheblich verbesserte Quellen­situation wurde auch aus dem Operationsgebiet sehr schnell bekannt, was Stiller tats&#228;chlich verraten hatte und was von der vom Bundesnachrichtendienst in die Welt gesetzten Legende zu halten war, Stiller h&#228;tte seit Jahren f&#252;r ihn gearbeitet.</p>
<p>Dennoch bedeutete seine Flucht nat&#252;rlich eine schwere Nieder­lage – und das um so mehr, als die Untersuchungen schnell ergaben, dass gen&#252;gend Signale vorhanden waren, die in diesem konkreten Fall das ansonsten latent immer vorhandene Misstrauen gerechtfer­tigt h&#228;tten. Zugleich wurden erhebliche M&#228;ngel in der Arbeitsweise der HVA deutlich, die oft mit den zum Teil schon geschilderten Praktiken, aber auch mit Nachl&#228;ssigkeit und Leichtsinn zusammen­hingen.</p>
<p>So zeigte sich, dass die sogenannte Kaderauswahl in der HVA entgegen allen Beteuerungen von Sorgfalt und Wachsamkeit viele Schw&#228;chen aufwies. An erster Stelle standen dabei formal immer die »marxistisch-leninistische &#220;berzeugung« und die »Parteitreue«. Wer die in seinem bisherigen – kurzen – Leben »nachgewiesen« hatte, was in der Regel nur verbal geschehen sein konnte, erschien erst einmal grunds&#228;tzlich geeignet. So b&#252;rgerte sich auch bei der HVA bald die Praxis ein, die Nachwuchsarbeit auf eine Art »innere Reproduktion« zu reduzieren. Besonders gern wurden Mitarbeiter angeworben, die Kinder oder zumindest Verwandte anderer MfS-Angeh&#246;riger waren. Das sprach – ohne Ansehen der konkreten Person – schon einmal f&#252;r »Qualit&#228;t« und ersparte umfangreiche Ermittlungen. Vor allem aber war sichergestellt, dass diese Kandi­daten keinerlei Verbindungen zum Westen unterhielten. In diesen Kreis der Bevorzugten geh&#246;rten nat&#252;rlich auch die Kinder f&#252;hren­der Parteifunktion&#228;re – einschlie&#223;lich der Politb&#252;romitglieder der SED.</p>
<p>Stiller, der aus einfachen Verh&#228;ltnissen stammte, geh&#246;rte zwar nicht in diesen exklusiven Kreis, aber er schien aus anderen Gr&#252;nden gut ins Raster der Kaderoffiziere zu passen. Da seine Eltern geschieden waren und die Mutter nicht allzu viel Zeit f&#252;r Erziehung aufwenden konnte, fiel diese Aufgabe &#252;berwiegend auf Schule und FDJ. Sie vermittelten dem Halbw&#252;chsigen jene ober­fl&#228;chlichen marxistisch-leninistischen Lehren, die zwar ein Vaku­um im Kopf auszuf&#252;llen vermochten, nachhaltige Wirkungen aber bei vielen Jugendlichen nicht hinterlie&#223;en. So waren Stillers Entscheidungen f&#252;r die &#220;bernahme von Funktionen – FDJ-Sekret&#228;r schon auf der Oberschule, dann auch beim Studium, Eintritt in die SED bereits mit achtzehn Jahren – mehr Selbstverst&#228;ndlichkei­ten f&#252;r jemanden, der vorw&#228;rtskommen wollte, als Ausdruck nat&#252;rlich gereifter politischer &#220;berzeugung. Stiller begriff schnell, was man von ihm h&#246;ren wollte – auch sp&#228;ter, als er seine Motive f&#252;r den Eintritt ins Ministerium f&#252;r Staatssicherheit darlegen sollte. Und seine Werber fanden, dass sich die Worte des Kandidaten auf dem Papier gut ausmachten; sie verzichteten darauf, ihn gr&#252;nd­licher zu pr&#252;fen, denn der Werbeplan sa&#223; ihnen im Nacken.</p>
<p>Werner Stiller erf&#252;llte zun&#228;chst alle Erwartungen. Er fragte nicht viel, tat, was ihm aufgetragen, und hatte – so erforderlich – die ideologischen Klischees parat. Er geh&#246;rte bald zu jenen Aufkl&#228;rern, die wenig Skrupel verrieten und – wenn doch – in der Lage waren, sie mit vordergr&#252;ndigem Zynismus zu &#252;berdecken. So war er erfolgreich, brachte die geplanten Werbungen, und seine IM lieferten durchaus brauchbare Informationen. Ihm kam dabei zugute, dass im SWT-Bereich oft das Geld, das f&#252;r Spionagematerial gezahlt wurde, eine gr&#246;&#223;ere Rolle spielte als jede ideologische &#220;berzeugung. So brauchte er meist keine politischen Verrenkungen zu machen – aber er w&#228;re sicher auch dazu in der Lage gewesen. Stiller fiel auf; man w&#228;hlte ihn zum Parteisekret&#228;r seiner Abteilung – nach Praxis der HVA ein Schritt auf dem Weg zu einer aussichtsreichen Karriere.</p>
<p>Und doch nagte in ihm das Unbehagen. M&#246;glicherweise war es die Oberfl&#228;chlichkeit und Unausgegorenheit seines marxistisch­leninistischen Weltbildes, das ihn immer &#246;fter am Wahrheitsgehalt dessen zweifeln lie&#223;, was in der Parteischulung gepredigt wurde. Allzu sehr wich es von dem ab, was er um sich herum sah, und auch von dem, was in der HVA praktiziert wurde. Er machte sich Gedanken, was viele um ihn herum nicht taten. Und er zog Konsequenzen, was noch viel seltener war. Aus heutiger Sicht w&#228;re es vermessen, Stiller daf&#252;r zu tadeln, dass er einen Weg ging, auf dem er manchen, der durchaus auch lautere Motive f&#252;r seine Entscheidung hatte, ins Ungl&#252;ck st&#252;rzte. Er w&#228;hlte f&#252;r sich diese Alternative. Heute m&#252;ssen sich jene, die das Unbehagen unter­dr&#252;ckten und weitermachten, fragen, ob sie sich in einem besseren Licht sehen k&#246;nnen.</p>
<p>Zum Frust &#252;ber die Kluft zwischen politischem Anspruch und Realit&#228;t, die Stiller t&#228;glich erlebte, kamen private Probleme, die niemand wirklich ernst nahm. Seine ungarische Frau entfremdete sich ihm bald, der Umgang mit Freunden und Bekannten verflachte, auch im pers&#246;nlichen Bereich blieb jener Zynismus nicht ohne Wirkung, der bei den dienstlichen Kontakten oft dominierte. Signale dessen wurden in seiner Arbeitsgruppe nicht registriert; schon gar nicht wurde auf sie reagiert – eine h&#228;ufige Erscheinung, die zeigt, wie sehr das immer mehr moralischer Antriebe entkleidete Geheimdienst-Gesch&#228;ft das in den Anfangsjahren der HVA durch­aus noch vorhandene Zusammengeh&#246;rigkeitsgef&#252;hl der Aufkl&#228;rer zerst&#246;rte. Man tat seinen Job, versuchte dabei m&#246;glichst wenig aufzufallen – und ansonsten wollte man seine Ruhe haben. Diesen R&#252;ckzug in die tr&#252;gerische private Nische teilte Stiller mit vielen seiner »Genossen«. Aber fast alle unterwarfen sich dem Fatalismus dieser Situation, da f&#252;r sie die Rigorosit&#228;t von Stillers Ausbruch, die sich letztlich auch nur aus seiner Entwicklung im »realen Sozialismus« erkl&#228;rt, nicht in Frage kam. Seine Entscheidung f&#252;r den Bundesnachrichtendienst traf er eben sowenig aus &#220;berzeu­gung wie die seinerzeitige f&#252;r das MfS. In einer aus seiner Sicht ausweglosen Situation nutzte er die ihm gegebenen M&#246;glichkeiten zur Flucht; was er dazu mitbrachte, war das Resultat hektischen Zusammensuchens, wobei er allerdings wusste, wo man f&#252;ndig werden konnte.</p>
<p>Die tieferen Gr&#252;nde f&#252;r den Abgang Stillers liegen letztlich in der trotz der hohen Leistungen bei der Informationsbeschaffung insgesamt negativen Entwicklung der Hauptverwaltung Aufkl&#228;­rung, in der er – wohl zu Recht – f&#252;r sich keine Perspektive mehr sah. Sie wurden erg&#228;nzt durch ein ger&#252;ttelt Ma&#223; von Nachl&#228;ssigkeit und Leichtsinn in der operativen Arbeit, das die gleiche Ursache der Entfremdung vom urspr&#252;nglich so idealistisch gepr&#228;gten Auf­trag hat. So wusste Stiller weitaus mehr, als ihm bei strenger Anwendung der Regeln der Konspiration h&#228;tte bekannt sein d&#252;rfen. Er kannte von anderen Mitarbeitern Namen, Sachverhalte und Zusammenh&#228;nge. Er konnte aus der prahlerischen Beispieldarstel­lung in den Fachschulungen seine Schl&#252;sse ziehen. Er selbst hat sp&#228;ter konkret dargestellt, wie leicht es ihm gemacht wurde, Klarnamen von Spionen in der Bundesrepublik zu erfahren.</p>
<p>Auch die Sicherheitsbestimmungen im Geb&#228;ude der HVA wurden zu lax gehandhabt. Jeder Mitarbeiter, der nach Dienstschluss noch einmal in sein Zimmer wollte, konnte dies ohne jede vorherige Anmeldung. Er erhielt dazu sogar die Schl&#252;ssel seiner gesamten Abteilung ausgeh&#228;ndigt. Er hatte dadurch Zugang zu allen Dienstr&#228;umen. Nur so war es Stiller m&#246;glich, Materialien aus dem aufgebrochenen Panzerschrank der Abteilungssekret&#228;rin zu entwenden. Weder bestimmte sensible R&#228;ume noch die Stahl­schr&#228;nke der Spitzenleute der HVA waren elektronisch gesichert. Eine Kontrolle mitgenommener Unterlagen fand nirgends statt.</p>
<p>&#196;hnliche Nachl&#228;ssigkeiten gab es beim Umgang mit fiktiven Dokumenten, also falschen P&#228;ssen und Ausweisen sowie Papieren, die zum Beispiel am Bahnhof Friedrichstra&#223;e zur Grenzpassage ausgestellt wurden. Vertrauensseligkeit und Kumpelhaftigkeit ver­hinderten oft die Einhaltung der Bestimmungen. Was in den Anfangsjahren der HVA noch mangelnde Professionalit&#228;t gewesen war, ging nun auf das Konto unzureichender Motivation, einer Dienstauffassung, gekennzeichnet durch Achtlosigkeit und Frust.</p>
<p>Nachdem das Kind in den Brunnen gefallen war, wurde er abgedeckt. In den zehn Jahren seit dem »Fall Stiller« bis zur Aufl&#246;sung der H VA perfektionierte sie ihr inneres Sicherheitsregime. Schon wenige Wochen sp&#228;ter formulierte eine f&#252;r alle Abteilungen verbindliche Dienstanweisung Schlussfolgerungen aus dem Vorfall. Sp&#228;ter erdachte eine spezielle »Arbeitsgruppe Sicherheit« unauf­h&#246;rlich Ma&#223;nahmen, die die HVA vor weiteren Verratsf&#228;llen sch&#252;tzen sollten; ihre Vorschl&#228;ge scheiterten jedoch nicht selten an finanziellen oder auch technischen Grenzen. Vor allem aber konn­ten sie nicht das moralische Defizit und die fehlende Motivation wettmachen, die die Dienstauffassung der DDR-Aufkl&#228;rer immer mehr pr&#228;gten. Zwar kam es nicht so bald wieder zum &#220;bertritt eines HVA-Angeh&#246;rigen zum erkl&#228;rten Gegner, aber es h&#228;uften sich Vorkommnisse wie Alkoholmissbrauch, arrogantes Auftreten in der &#214;ffentlichkeit, Unterschlagungen, Ehekonflikte, Probleme in der Kindererziehung und &#228;hnliches. Das »Sicherheitsrisiko Mensch« wurde immer gr&#246;&#223;er – trotz einiger durchaus vern&#252;nftiger Schlussfolgerungen.</p>
<p>So sorgte man daf&#252;r, dass &#228;hnliche »Blitzkarrieren« wie bei Stiller in der Regel nicht mehr vorkamen. F&#252;r eine Einstellung in die HVA vorgesehene Kandidaten wurden zuvor in operativen Au&#223;engruppen (OAG), die sich fast alle Abteilungen schufen, erprobt. Diese Gruppen, getarnt als solche zivile Einrichtungen wie Konstruktionsb&#252;ros, &#220;bersetzungsdienste, Au&#223;enstellen von Betrieben usw., bestanden meist nur aus drei, vier oder f&#252;nf, nur selten aus mehr Mitarbeitern. Sie waren nicht in die zentrale Hauptverwaltung eingebunden und konnten – nat&#252;rlich unter Kontrolle ihrer jeweiligen Vorgesetzten – relativ ungest&#246;rt und dadurch oft unbefangener arbeiten als die Mitarbeiter in der Normannenstra&#223;e. In mindestens ein-, in der Regel aber zwei- bis dreij&#228;hriger T&#228;tigkeit wurden die »Nachwuchskader« auf ihre Bef&#228;higung hin &#252;berpr&#252;ft, und erst dann entschied man &#252;ber die weitere Verwendung. Dieser im Prinzip recht fruchtbare Ansatz ging jedoch bald verloren, wenn die Neulinge sp&#228;ter in die HVA eingegliedert wurden und die dortigen Verh&#228;ltnisse kennenlernten. Die Ern&#252;chterung rief dann auch bei den so besser Getesteten die gleichen Symptome hervor, wie sie seit Jahren  ei ihren Vorg&#228;ngern registriert werden mussten.</p>
<p>Aus diesem Grunde nahmen auch die &#220;berwachungsma&#223;nah­men gegen&#252;ber den Mitarbeitern der HVA zu. Sie gingen vor allem von der Hauptabteilung Kader und Schulung aus, zu deren Auf­gaben die l&#252;ckenlose Kontrolle des Verhaltens aller MfS-Angeh&#246;rigen geh&#246;rte. Dabei war es gewiss kein Zufall, dass zum Leiter dieser Abteilung mit G&#252;nter M&#246;ller ein Spezialist der Spionageabwehr berufen wurde. Das Ziel bestand darin, jeden unkontrollierbaren Kontakt zu verhindern. Daher durften Verwandte ersten Grades keinerlei Beziehungen ins westliche Ausland unterhalten. Reisen wurden nur &#228;u&#223;erst restriktiv gew&#228;hrt; selbst der Urlaub ins sozialistische Ausland war melde- und bei immer mehr L&#228;ndern auch genehmigungspflichtig. Reisen durften grunds&#228;tzlich nur in Gruppen erfolgen. Ein Campingurlaub oder das Mieten privater Unterk&#252;nfte waren untersagt. Kontaktaufnahmen – wie zuf&#228;llig auch immer – mussten unverz&#252;glich gemeldet werden. Um das Verhalten der Mitarbeiter zu testen, wurden derartige Situationen fingiert. Jeder Verdacht konnte gedeckte Ermittlungen ausl&#246;sen, und kein Aufkl&#228;rer war davor gesch&#252;tzt, wie jeder andere DDR-B&#252;rger auch abgeh&#246;rt oder der Postkontrolle unterworfen zu werden. Abh&#246;reinrichtungen konnten sogar in den Diensttelefonen installiert werden. Mit der Zunahme der technischen M&#246;glichkei­ten wurden diese gezielt zur »Gew&#228;hrleistung der inneren Sicher­heit« eingesetzt. So kam es vor, dass das Gespr&#228;ch mit einem verd&#228;chtigen Mitarbeiter der HVA aufgezeichnet wurde, um ihn mit Hilfe eines Sprachmodulators auf Ehrlichkeit seiner Aussagen zu &#252;berpr&#252;fen. Dieses Ger&#228;t, in der HVA unter dem Decknamen »Medium« urspr&#252;nglich f&#252;r operative Zwecke eingesetzt, lie&#223; aus der Sprachmodulation – &#228;hnlich wie der L&#252;gendetektor aus phy­siologischen Abl&#228;ufen – Erregungszust&#228;nde erkennen, die als Best&#228;tigung eines Verdachts interpretiert werden konnten.</p>
<p>Der Fall Werner Stiller belebte innerhalb der HVA einmal mehr fr&#252;here Diskussionen dar&#252;ber, wie mit solchen »Abtr&#252;nnigen« umzugehen sei. Als 1961 G&#252;nter M&#228;nnel die Seiten wechselte, wurde von der Leitung der HVA eine Arbeitsgruppe gebildet, die versuchte, seinen Aufenthaltsort zu ermitteln und &#252;ber seine weiteren Aktivit&#228;ten Klarheit zu gewinnen. Als dann entsprechende Informationen vorlagen, stellte sich die Frage, ob man M&#228;nnels wieder habhaft werden k&#246;nne und wenn ja, was dann mit ihm passieren sollte. Dazu bestanden sehr unterschiedliche Auffassungen, aber im Prinzip waren sich bei der Aufkl&#228;rung alle einig, dass durch eine solche »Sonderjustiz« der schon durch die Flucht eingetretene Schaden nicht noch gr&#246;&#223;er werden d&#252;rfe. Das hie&#223;, spektakul&#228;re Aktionen wurden ebenso ausgeschlossen wie etwa eine Liquidation des &#220;berl&#228;ufers. Es war vor allem zu bedenken, dass damit eine Kampfform in die Auseinandersetzung der Geheimdienste hinein­getragen worden w&#228;re, die unabsehbare Folgen auch f&#252;r die eigenen Leute in den gegnerischen Reihen h&#228;tte haben k&#246;nnen.</p>
<p>Als schlie&#223;lich klar wurde, dass eine »lautlose R&#252;ckf&#252;hrung« M&#228;nnels nicht m&#246;glich war, blies man die ganze Sache ab. Hatte es bis dahin seitens der HVA schon keine Entf&#252;hrungen Missliebiger aus dem Westen gegeben, so in der Folgezeit erst recht nicht. Als Stiller verschwand, wurde eine vergleichbare Arbeitsgruppe gar nicht erst gebildet. Hier ging es einzig um die Begrenzung des aufgetretenen Schadens; jeder Versuch, Stiller zur&#252;ckzuholen oder auch im Operationsgebiet zu »exekutieren«, wie es Mielke bei einigen Gelegenheiten tats&#228;chlich angedroht hatte, schied von vornherein aus. Die HVA hat dazu keine Vorkehrungen getroffen. Dennoch traute der BND dem Frieden nicht. Er lie&#223; Stiller nicht ein einziges Mal direkt als Zeuge vor Gericht auftreten und besorgte ihm eine neue Identit&#228;t.</p>
<p>Im Umfeld der Stiller-Schlappe musste die HVA Erfahrungen mit einer speziellen Sorte von &#220;berl&#228;ufern machen. Zwei der DDR-Spione, denen die Flucht aus der Bundesrepublik – wenn auch auf ganz verschiedene Weise – gelang, kehrten nach einem kurzen Aufenthalt zur&#252;ck, obwohl ihnen in Westdeutschland eine Strafver­folgung sicher war: Rainer F&#252;lle und Erich Ziegenhain. Dabei war der Fall F&#252;lle so abenteuerlich, dass man h&#228;tte annehmen k&#246;nnen, er entstamme einem Spionage-Thriller.</p>
<p>Der Angestellte der Gesellschaft zur Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen in Karlsruhe war zwar festgenommen worden, entkam aber auf dem Weg zu einem Verh&#246;r seinem (einzigen!) Bewacher, da der – es war ein kalter Wintertag – auf Glatteis ins Stolpern geriet und ihn nicht festhalten konnte. F&#252;lle floh und meldete sich bei der sowjetischen Milit&#228;rmission in Baden-Baden, von wo aus er in einer Holzkiste in die DDR geschmuggelt wurde. Hier konnte er studieren, erhielt ein weit &#252;berdimensioniertes Stipendium, lebte in einer Villa – und auch sonst wurde ihm fast jeder Wunsch erf&#252;llt. Seine »tschekistischen Kampferfahrungen« vermittelte er jungen HVA-Mitarbeitern und Kursanten der Schule des Spionagedienstes in Vortr&#228;gen und Gespr&#228;chsrunden. All das aber verschaffte ihm offensichtlich keine Befriedigung. Seine Familie war ihm nicht in die DDR gefolgt, und &#252;ber sie nahm er Kontakt zum Bundesamt f&#252;r Verfassungsschutz auf, das bald darauf f&#252;r seine R&#252;ckkehr sorgte. Ansonsten aber tat auch diese Bundesbeh&#246;rde wenig f&#252;r ihn: Das Oberlandesgericht Stuttgart verurteilte ihn zu sechs Jahren Haft.</p>
<p>Erich Ziegenhain war nach einem R&#252;ckruf aus der Berliner Zentrale Ende Januar 1979 in die DDR geflohen. Aber auch seine Familie – mit seiner nachrichtendienstlichen T&#228;tigkeit konfrontiert – wollte nicht im Osten Deutschlands bleiben, sah aber letztlich keinen anderen Ausweg. Doch Ziegenhain, anders als F&#252;lle auf ideologischer Grundlage angeworben, verkraftete die Realit&#228;t des Sozialismus nicht. Immer h&#228;ufiger kritisierte er die Verh&#228;ltnisse, die er sich so ganz anders vorgestellt hatte, und stellte schlie&#223;lich den Antrag auf R&#252;ckkehr. Bei der HVA stie&#223; er damit nat&#252;rlich nicht auf Gegenliebe, doch nach l&#228;ngeren Auseinandersetzungen sah man schlie&#223;lich ein, dass es sinnlos sei, ihn gegen seinen Willen festzuhalten. Ziegenhain kehrte mit seiner Familie zur&#252;ck und wurde zu zwei Jahren Gef&#228;ngnis auf Bew&#228;hrung verurteilt. Leider wurde in der HVA nicht ernst genommen, was der fr&#252;here Ober­regierungsrat im hessischen Sozialministerium zur Begr&#252;ndung dieses spektakul&#228;ren und f&#252;r die HVA blamablen Schrittes sagte. Er sei durch seinen DDR-Aufenthalt »zu einem &#252;berzeugten und engagierten Antikommunisten geworden &#8230;; denn die DDR ist, nicht zuletzt f&#252;r ehemalige Sozialisten, die &gt; Schule des Antikommunismus&lt;«.</p>
<p>Je mehr sich die gesellschaftliche Realit&#228;t in der DDR von ihren fr&#252;hen Idealen, deren Verwirklichung allerdings nie ernsthaft betrieben wurde, entfernte, desto gr&#246;&#223;er wurden die Probleme mit jenen Spionen, die sich aus dem Operationsgebiet wegen akuter Gef&#228;hrdung zur&#252;ckziehen mussten bzw. die aus eigenem Antrieb flohen. Die Schicksale von F&#252;lle und Ziegenhain machten insofern nur etwas sichtbar, was unter der Oberfl&#228;che schon lange schwelle. In den Anfangsjahren der DDR-Aufkl&#228;rung, als erst Positionen geschaffen wurden und die Betreuung zur&#252;ckgezogener oder geflo­hener Kundschafter lediglich Einzelf&#228;lle darstellte, bereitete sie noch keine Probleme. Sp&#228;ter, als sich solche tragischen Vorf&#228;lle h&#228;uften und – vor allem Mitte der 70er Jahre – ihren Ausnahme­charakter verloren, stand die HVA pl&#246;tzlich vor einem Ph&#228;nomen, das bis dahin ungekannte psychologische Probleme aufwarf. Der Spion, bis dato zumeist ein in guter Position stehender, &#252;ber Sozialprestige verf&#252;gender B&#252;rger der Bundesrepublik, wurde f&#246;rmlich &#252;ber Nacht zum Nobody. Zwar erfuhr er durch das MfS und die HVA, mitunter auch einmal in einem &#246;ffentlichen Auftritt im DDR-Fernsehen hohe W&#252;rdigung als »K&#228;mpfer an der unsicht­baren Front«, doch war diese Phase der Ehrungen beendet, dann trat bald Leere ein. Die hohen Erwartungen der Ex-Kundschafter, die sich ihr Bild von der DDR meist vor allem aus den Berichten ihrer Instrukteure zusammengesetzt hatten, wurden oft tief ent­t&#228;uscht. Einstige Versprechungen konnten nun nicht gehalten werden. Eine berufliche Laufbahn war oft schwierig, da elementare Voraussetzungen fehlten und bestimmte Entwicklungen aus Sicherheitsgr&#252;nden versperrt blieben. Die neuen DDR-B&#252;rger wurden auch mit den Unbilden des t&#228;glichen Lebens konfrontiert, mit Versorgungsm&#228;ngeln, Reisebeschr&#228;nkungen und b&#252;rokrati­schen H&#252;rden, die es zwar auch im Westen gegeben hatte, hier jedoch von ganz anderer Art waren. Die Ver&#228;rgerung schlug bald in Forderungen um, die in einzelnen F&#228;llen bis zur Erpressung gingen. Einige der Ex-Spione wollten ihre Erlebnisse ver&#246;ffentlichen, andere sich auf Vortragsreisen im Ausland vorstellen. Seitens des MfS wurde das alles abgeblockt, wobei oft kleinliche Begr&#252;ndun­gen herhalten mussten. Auch hier hatte das ideologische Kalk&#252;l Primat, wurde ihm die Befindlichkeit des jeweiligen Kundschafters untergeordnet. In den 80er Jahren gr&#252;ndete man an der HVA eine spezielle Betreuungsgruppe, die nichts anderes zu tun hatte, als sich rund um die Uhr um die zur&#252;ckgezogenen oder geflohenen fr&#252;heren Aufkl&#228;rer zu k&#252;mmern. Dennoch &#228;nderte das an den gegenseitigen Irritationen wenig, und in vielen F&#228;llen gelang die Integration bis zuletzt nicht.</p>
<p>Der Versuch, durch &#246;ffentliche W&#252;rdigung der Spione die Spannungen bei der Eingliederung in eine v&#246;llig neue Gesellschaft zu mindern, hatte durchaus seinen Sinn; die formalistische Hand­habung verkehrte aber auch hier die gute Absicht beinahe ins Gegenteil. Lange Jahre hatten die sozialistischen L&#228;nder &#252;berhaupt nicht zugeben m&#246;gen, dass auch sie Spionage betrieben. Dieser Begriff war von vornherein negativ besetzt und galt nur f&#252;r die entsprechenden »imperialistischen Machenschaften«. Erst mit der W&#252;rdigung des sowjetischen Aufkl&#228;rers Richard Sorge &#228;nderte sich daran etwas; von nun an wurden »Kundschafterleistungen«, wie man sie euphemistisch nannte, als »Beitr&#228;ge zur Friedens­sicherung« hervorgehoben. Das war nicht falsch, wenn man sich die meisten der so Geehrten ansieht. Zugleich aber verband sich mit dieser Anerkennung auch der Anspruch, im Gegensatz zu den »Agenten und Diversanten« des Westens einer guten Sache zu dienen und den Sozialismus zu st&#228;rken.</p>
<p>Auf diese Weise wurde das Spionage-Gewerbe ideologisiert – ein Vorgang, der bis heute mit umgekehrten Vorzeichen erneut zu beobachten ist. Doch ungeachtet dessen entsprach der Schritt hin zur &#246;ffentlichen Heraushebung der Aufkl&#228;rung und ihrer Sachwal­ter auch einem Bed&#252;rfnis dieser selbst. Im Einsatz lebt der Spion in einer st&#228;ndigen psychischen Anspannung, die sich sowohl aus den Risiken seiner (Neben-)T&#228;tigkeit als auch aus der Tatsache ergibt, dass er zwar etwas Besonderes, etwas Geheimnisvolles tut, damit aber nicht in die &#214;ffentlichkeit gehen kann. Im Gegenteil, oft musste der konspirativ Arbeitende im Interesse des Erfolgs und seiner Sicherheit besonders unauff&#228;llig agieren, durfte zum Beispiel seine finanziellen Zuwendungen nicht nach Bedarf verwenden, sondern stets dosiert, in &#220;bereinstimmung mit seinem offiziellen Status. Nicht wenige wurden mit diesem Widerspruch nicht fertig und enttarnten sich durch Unvorsichtigkeiten, mitunter sogar Prahlereien. Grunds&#228;tzlich gilt das auch f&#252;r die F&#252;hrungsoffiziere, die Mitarbeiter der Zentrale, die oft auf Ehre und Ansehen, die sie mit ihren F&#228;higkeiten im zivilen Leben durchaus h&#228;tten erwerben k&#246;nnen, verzichten m&#252;ssen. Beide Gruppen haben den Drang, anerkannt zu werden – und diesem Wunsch wurde die HVA dadurch gerecht, dass sie – &#252;berwiegend intern, zunehmend aber auch in der &#214;ffentlichkeit – den »sozialistischen Kundschafter« zu w&#252;rdigen begann.</p>
<p>Aber die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung verband nat&#252;rlich mit der Kundschafterehrung noch einen zweiten Zweck; sie sollte erzieherische Wirkung auf den Nachwuchs haben. Und damit wurde auch sie in ein propagandistisches Korsett gezw&#228;ngt. Bald kam es zu &#220;bertreibungen, dem Verschweigen von Fehlern und M&#228;ngeln. Selbst ganz normale Pannen hatte es pl&#246;tzlich nicht mehr gegeben; der »Held« oder die »Heldin« sollte ohne Makel sein. Dass zum Beispiel einer der DDR-Spione h&#228;ufig zu sp&#228;t zum Treff kam, hatte in der Zentrale nicht selten Stirnrunzeln ausgel&#246;st. Denn der Instrukteur musste sich jedes mal fragen: Ist etwas passiert? Hat eine Beobachtung stattgefunden? Oder gibt es gar schlimmere Gr&#252;nde f&#252;r das Fernbleiben? Sp&#228;ter aber wurde dieses in der konspirativen Arbeit &#228;u&#223;erst problematische Verhalten jedoch heruntergespielt oder gar mit einem Scherz abgetan.</p>
<p>Einzelne Leistungen wurden &#252;bergeb&#252;hrlich aufgewertet, was auch Missgunst im Kreis der Ex-Spione hervorrief. Mancher &#246;ffentliche Auftritt geriet zur Peinlichkeit, da der fr&#252;here Aufkl&#228;rer – abgeschnitten von seiner Umwelt – den Blick f&#252;r die Realit&#228;t verloren hatte und nur noch in der Vergangenheit lebte. Dennoch hinderte das den einen oder die andere nicht, &#252;berheblich und anma&#223;end aufzutreten. Die schon genannten Integrationsprobleme fanden hier ein Ventil, das jedoch nicht im Sinne der Zentrale war. Die voluntaristische Geschichtsschreibung, in der DDR zu einem Prinzip erhoben, setzte sich auch auf diesem kleinen Feld durch und stiftete damit letztlich mehr Schaden als Nutzen.</p>
<p>In den letzten Jahren der HVA wurde die »Traditionspflege« zu einem Kult erhoben. Auf Weisung der Leitung intensivierte man die Erforschung fr&#252;herer Erfolge, richtete »Traditionskabinette« ein und berauschte sich an der Vergangenheit. War dies vielleicht eine Flucht vor den Schwierigkeiten und Schlappen der Gegenwart, ein Ignorieren der im Unterbewusstsein m&#246;glicherweise d&#228;mmern­den Zweifel am Sinn der Arbeit? Sollten Frustration und Resignation, die diese l&#228;hmende Einsicht bedingten, mit Blick auf das Gewesene verdr&#228;ngt werden?</p>
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